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2017/12/17 - 12:51

"Traurig lief des Alten Magd…" (II, 21)

Traurig lief des Alten Magd vom Berg, trug den Korb mit Äpfeln voll beladen

Ich habe meinen Verstand in die Hand vergraben, fröhlich, aufrecht trage ich den Kopf, aber die Hand hängt müde hinab, der Verstand zieht sie zur Erde. Sieh nur die kleine, harthäutige, aderndurchzogene, faltenzerrissene, hochädrige, fünffingrige Hand, wie gut daß ich den Verstand in diesen unscheinbaren Behälter retten konnte. Besonders vorzüglich ist, daß ich zwei Hände habe. Wie im Kinderspiel frage ich: In welcher Hand habe ich meinen Verstand, niemand kann es erraten, denn ich kann durch Falten der Hände im Nu den Verstand aus einer Hand in die andere übertragen.

Wiederum, wiederum, weit verbannt, weit verbannt. Berge, Wüste, weites Land

gilt es zu durchwandern

Sieh nur sieh nur immer wieder reift des bösen Mannes Kleid.

Ein Wolkenring, schwebend

Ich bin ein Jagdhund, Karo ist mein Name. Ich hasse alle und alles. Ich hasse meinen Herrn, den Jäger, hasse ihn trotzdem er, die zweifelhafte Person dessen gar nicht wert ist.

Träumend hing die Blume am hohen Stengel. Abenddämmerung umzog sie.

Es war kein Balkon, nur statt des Fensters eine Tür, die hier im dritten Stockwerk unmittelbar ins Freie führte. Sie war jetzt offen an dem Frühlingsabend. Ein Student ging lernend im Zimmer auf und ab, kam er zur Fenstertür strich er immer mit der Sohle draußen über ihre Schwelle, so wie man flüchtig mit der Zunge an etwas Süßem leckt, das man sich für spätere Zeiten zurückgelegt hat.

Die Mannigfaltigkeiten, die sich mannigfaltig drehen in den Mannigfaltigkeiten des einen Augenblicks, in dem wir leben. Und noch immer ist der Augenblick nicht zuende, sieh nur!

Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich, die Weltgeschichte Deiner Seele.

Die allgemeine Geschäftslage ist so schlecht, daß ich manchmal, wenn ich im Bureau Zeit erübrige, selbst die Mustertasche nehme, um wichtigere Kunden persönlich zu besuchen. Unter anderem hatte ich mir schon längst vorgenommen, einmal zu K. zu gehn, mit dem ich früher in ständiger Geschäftsverbindung gewesen bin, die sich aber im letzten Jahr aus mir unbekannten Gründen fast gelöst hat. Für solche Dinge müssen auch gar nicht eigentliche Gründe vorhanden sein, in den heutigen labilen Verhältnissen entscheidet hier oft ein Nichts, eine Stimmung und ebenso kann auch wieder ein Nichts, ein Wort das Ganze wieder in Ordnung bringen. Es ist aber umständlich zu K. vorzudringen, er ist ein alter Mann, in letzter Zeit sehr kränklich und wenn er auch noch die geschäftlichen Angelegenheiten in seiner Hand zusammenhält, so kommt er doch selbst kaum mehr ins Geschäft, will man mit ihm sprechen, muß man in seine Wohnung gehn und einen derartigen Geschäftsgang schiebt man natürlich gern möglichst lang hinaus. Gestern abend nach sechs Uhr machte ich mich aber doch auf den Weg, es war freilich keine Besuchszeit mehr, aber die Sache war ja nicht gesellschaftlich, sondern kaufmännisch zu beurteilen. Ich hatte Glück, K. war zuhause, er war eben, wie man mir im Vorzimmer sagte, mit seiner Frau von einem Spaziergang zurückgekommen und jetzt im Zimmer seines Sohnes, der unwohl war und im Bett lag. Ich wurde aufgefordert, auch hinzugehn; zuerst zögerte ich, dann aber überwog das Verlangen, die leidige Angelegenheit möglichst schnell zu beenden und ich ließ mich so wie ich war im Mantel, Hut und Mustertasche in der Hand, durch ein dunkles Zimmer in ein matt beleuchtetes führen in welchem eine kleine Gesellschaft beisammen war. Wohl instinktmäßig fiel mein Blick zuerst auf einen mir nur allzugut bekannten Geschäftsagenten, der zum Teil mein Konkurrent ist. So hatte er sich also noch vor mir heraufgeschlichen. Er saß bequem knapp beim Bett des Kranken, so als wäre er der Arzt, in seinem schönen offnen aufgebauschten Mantel saß er großmächtig da; seine Frechheit ist unübertrefflich, etwas ähnliches mochte auch der Kranke denken, der mit ein wenig fiebergeröteten Wangen dalag und manchmal nach ihm hinsah. Er ist übrigens nicht mehr jung, der Sohn, ein Mann in meinem Alter mit einem kurzen, infolge der Krankheit etwas verwilderten Vollbart. Der alte K., ein großer, starker Mann, aber durch sein schleichendes Leiden zu meinem Erstaunen recht abgemagert, gebückt und unsicher geworden, stand noch so wie er eben gekommen war in seinem Pelz da und murmelte etwas gegen den Sohn hin. Seine Frau, klein und gebrechlich, aber äußerst lebhaft, wenn auch nur soweit es ihren Mann betraf – uns andere sah sie kaum – war damit beschäftigt, ihm den Pelz auszuziehn, was infolge des Größenunterschiedes der Beiden einige Schwierigkeiten machte, aber schließlich doch gelang. Vielleicht lag übrigens die eigentliche Schwierigkeit darin, daß K. sehr ungeduldig war und unruhig mit tastenden Händen immerfort nach dem Lehnstuhl verlangte, den ihm dann auch, nachdem der Pelz ausgezogen war, seine Frau schnell zuschob. Sie selbst nahm den Pelz, unter dem sie fast verschwand und trug ihn hinaus.

Nun schien mir endlich meine Zeit gekommen oder vielmehr sie war nicht gekommen und würde hier wohl auch niemals kommen, wenn ich aber überhaupt noch etwas versuchen wollte, mußte es gleich geschehn, denn meinem Gefühl nach konnten hier die Voraussetzungen für eine geschäftliche Aussprache nur noch immer schlechter werden und mich hier für alle Zeiten festzusetzen wie es der Agent scheinbar beabsichtigte, das war nicht meine Art; übrigens wollte ich auf ihn nicht die geringste Rücksicht nehmen. So begann ich denn kurzerhand, trotzdem ich merkte, daß K. gerade Lust hatte sich ein wenig mit seinem Sohn zu unterhalten, meine Sache vorzutragen. Leider habe ich die Gewohnheit, wenn ich mich ein wenig in Erregung gesprochen habe – und das geschieht sehr bald und geschah in diesem Krankenzimmer noch früher als sonst – aufzustehen und während des Redens auf und ab zu gehn. Im eigenen Bureau eine ganz gute Einrichtung, ist es in einer fremden Wohnung doch ein wenig lästig. Ich konnte mich aber nicht beherrschen, besonders da mir die gewohnte Zigarette fehlte. Nun, jeder hat seine schlechten Gewohnheiten, dabei lobe ich noch die meinen im Vergleiche zu jenen des Agenten. Was soll man z. B. dazu sagen, daß er seinen Hut, den er auf dem Knie hält und dort langsam hin und her schiebt, von Zeit zu Zeit plötzlich ganz unerwartet aufsetzt; er nimmt ihn zwar gleich wieder ab, als sei ein Versehen geschehn, hat ihn aber doch einen Augenblick lang auf dem Kopf gehabt und das wiederholt er immer wieder von Zeit zu Zeit. Eine solche Aufführung ist doch wahrhaftig unerlaubt zu nennen. Mich stört es nicht, ich gehe auf und ab, bin ganz von meinen Dingen in Anspruch genommen und sehe über ihn hinweg, es mag aber Leute geben, welche dieses Hutkunststück gänzlich aus der Fassung bringen kann. Allerdings beachte ich im Eifer nicht nur eine solche Störung nicht, sondern überhaupt niemanden, ich sehe zwar was vorgeht, nehme es aber, solange ich nicht fertig bin oder solange ich keine Einwände höre, gewissermaßen nicht zur Kenntnis. So merkte ich z. B. wohl daß K. sehr wenig aufnahmsfähig war; er hatte die Seitenlehnen erfaßt, drehte sich unbehaglich hin und her, blickte nicht einmal zu mir auf sondern sinnlos suchend im Zimmer umher und sein Gesicht schien so unbeteiligt, als dringe kein Laut meiner Rede, ja nicht einmal ein Gefühl meiner Anwesenheit zu ihm. Dieses ganze mir wenig Hoffnung gebende krankhafte Benehmen sah ich zwar, sprach aber trotzdem weiter, so als hätte ich doch noch die Aussicht durch meine Worte, durch meine vorteilhaften Angebote – ich erschrak selbst über die Zugeständnisse die ich machte, Zugeständnisse, die niemand verlangte – alles schließlich wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Eine gewisse Genugtuung gab es mir auch, daß der Agent, wie ich flüchtig bemerkte, endlich seinen Hut ruhen ließ und die Arme über der Brust verschränkte; meine Ausführungen die ja auch zum großen Teil für ihn berechnet waren, schienen seinen Plänen einen empfindlichen Stich zu geben. Es gibt also noch Heilmittel gegen schlechte Gewohnheiten. Dieser Erfolg freute mich ein wenig und ich hätte in diesem Wohlgefühl wohl noch lange fortgesprochen, wenn nicht der Sohn, den ich als für mich nebensächliche Person bisher vernachlässigt hatte, plötzlich sich im Bett halb erhoben und mit drohender Faust mich zum Schweigen gebracht hätte. Er wollte offenbar noch etwas sagen, etwas zeigen, konnte es aber nicht zustandebringen. Ich hielt alles zuerst für Fieberwahn, aber als ich nach K. hinblickte verstand ich es besser. K. saß mit offenen glasigen nur für die Sekunde noch dienstbaren Augen da, zittrig, nach vorne geneigt, als hielte oder schlüge ihn jemand im Nacken, die Unterlippe, ja der Unterkiefer selbst mit weit entblößtem Zahnfleisch hing unbeherrscht hinab, das ganze Gesicht war aus den Fugen, noch atmete er, wenn auch schwer, dann aber fiel er zurück gegen die Lehne, schloß die Augen, der Ausdruck irgendeiner großen Anstrengung fuhr flüchtig über sein Gesicht und nun stand deutlich der Atem still. Ich faltete die Hände. Nun also, es war vorüber. Ein alter Mann. Mochte uns das Sterben nicht schwerer werden. Vorläufig freilich lebten wir noch. Wie vieles war zu tun und was in der Eile zunächst? Ich sah mich nach Hilfe um, aber der Sohn hatte sich die Decke über den Kopf gezogen, man hörte sein endloses Schluchzen. Der Agent, kalt wie ein Frosch, saß fest in seinem Sessel, zwei Schritte gegenüber K. und schien sichtlich entschlossen nichts zu tun, als den Zeitablauf abzuwarten. Ich also, nur ich blieb übrig, etwas zu tun und jetzt gleich das Schwerste, nämlich der kleinen Frau irgendwie, auf eine erträgliche Art, also eine Art die es in der Welt nicht gab, die Nachricht zu vermitteln. Schnell sprang ich noch zu dem Alten, faßte nach der leblos hängenden, kalten, mich durchschauernden Hand; da war kein Puls mehr. Und schon hörte ich die eifrigen trippelnden Schritte aus dem Nebenzimmer. Sie brachte ein auf dem Ofen durchwärmtes Nachthemd das sie ihrem Mann jetzt anziehen wollte. Sie war noch immer im Straßenanzug, sie hatte noch keine Zeit gehabt sich umzukleiden. "Er ist eingeschlafen", sagte sie lächelnd und kopfschüttelnd, als sie uns so still fand. Und mit dem unendlichen Vertrauen des Unschuldigen nahm sie die gleiche Hand, die ich eben mit Widerwillen in der meinen gehalten hatte, küßte sie wie in kleinem ehelichen Spiel und – wie mögen wir die Augen aufgerissen haben! – K. bewegte sich, gähnte laut, ließ sich das Hemd anziehn, duldete mit ärgerlich-ironischem Gesicht die zärtlichen Vorwürfe seiner Frau, wegen der Überanstrengung auf dem allzu großen Spaziergang und sagte dagegen, um sein Einschlafen anders zu erklären, merkwürdiger Weise etwas von Langerweile. Damit er sich auf dem Weg in ein anderes Zimmer nicht verkühle, legte er sich vorläufig zu seinem Sohn ins Bett; neben die Füße des Sohnes wurde auf zwei von der Frau schnell herbeigebrachten Polstern sein Kopf gebettet. Ich fand nach dem Vorangegangenen nichts mehr Sonderbares daran. Nun verlangte er die Abendzeitung, nahm sie ohne Rücksicht auf die Gäste vor, las freilich noch nicht, sondern sah nur in sie und sagte uns dabei mit einem erstaunlichen geschäftlichen Scharfblick einiges recht Unangenehme über unsere Angebote, während er mit der einen Hand immerfort wegwerfende Bewegungen machte und durch Zungenschnalzen den schlechten Geschmack im Munde andeutete, den ihm unser geschäftliches Gebahren verursachte. Der Agent konnte sich nicht enthalten einige unpassende Bemerkungen vorzubringen, er fühlte wohl sogar in seinem groben Sinn daß hier zu dem was geschehen war irgendein Ausgleich geschaffen werden mußte, aber auf seine Art ging es freilich am allerwenigsten. Ich verabschiedete mich schnell, ich war dem Agenten fast dankbar, ohne seine Anwesenheit hätte ich nicht schon die Entschlußkraft gehabt fortzugehn.

Im Vorzimmer traf ich noch die alte Frau, ich sagte, während ich ihre armselige Gestalt überblickte, aus meinen Gedanken heraus: "Sie erinnern mich ein wenig an meine Mutter. Was man dazu auch sagen mag: die konnte Wunder tun. Was wir schon zerstört hatten machte sie noch gut. Ich habe sie schon in der Kinderzeit verloren." Ich sprach absichtlich übertrieben deutlich und langsam, denn ich vermutete daß die alte Frau schwerhörig sei. Sie war wohl taub, denn sie fragte ohne Übergang: "Wie finden Sie das Aussehn meines Mannes?" Aus paar Abschiedsworten merkte ich übrigens, daß sie mich mit dem Agenten verwechselte; ich wollte gern glauben, daß sie sonst zutraulicher gewesen wäre.

Dann ging ich die Treppe hinunter. Der Abstieg war schwerer als früher der Aufstieg und nicht einmal dieser war leicht gewesen. Ach, was für mißlungene Geschäftswege es gibt und man muß die Last weitertragen.

Wir legten an. Ich stieg ans Land, es war ein kleiner Hafen, ein kleiner Ort. Einige Leute lungerten auf den Marmorfliesen umher, ich sprach sie an, verstand aber nicht ihre Rede. Es war wohl ein italienischer Dialekt. Ich rief meinen Steuermann herüber, er versteht italienisch, aber die Leute hier verstand auch er nicht, er stellte in Abrede daß es italienisch sei. Doch bekümmerte mich das alles ernstlich nicht, mein einziges Verlangen war mich einmal von der unendlichen Seefahrt ein wenig auszuruhn und dazu taugte dieser Ort so gut wie ein anderer. Ich ging noch einmal auf das Schiff um die nötigen Anordnungen zu geben. Alle Leute sollten vorläufig an Bord bleiben, nur der Steuermann sollte mich begleiten, allzulange war ich des festen Bodens entwöhnt und neben der Sehnsucht nach ihm beherrschte mich auch eine gewisse nicht abzuschüttelnde Angst vor ihm, deshalb sollte mich der Steuermann begleiten. Ich ging auch noch hinunter in die Frauenkabine. Dort säugte meine Frau unsern Jüngsten, ich streichelte ihr sanftes erhitztes Gesicht und machte ihr Mitteilung von meinen Absichten. Sie lächelte zustimmend zu mir auf

Nun also, nun also, Ihr andern nimmermehr, was treibt des Mondes Blässe, was treibt des Schmiedes Esse

Nimmermehr, nimmermehr, kehrst Du wieder in die Städte, nimmermehr, nimmermehr tönt die große Glocke über Dir

Sage, wie geht es Dir in jener Welt?

Die Frage nach meinem Befinden beantworte ich entgegen der Sitte offen und sachlich. Es geht mir gut, denn anders als früher lebe ich nun in großer Gesellschaft, in vielfachen Beziehungen und bin imstande durch meine Kenntnisse, durch meine Antworten der Menge, die sich zum Verkehr mit mir drängt, zu genügen, wenigstens kommt sie immer wieder leidenschaftlich wie das erstemal. Und auch ich wiederhole: Kommet, Ihr werdet mich immer bereit finden. Zwar verstehe ich nicht immer was Ihr wissen wollt, aber wahrscheinlich ist das gar nicht nötig. Meine Existenz ist Euch wichtig und deshalb auch meine Äußerungen, da sie meine Existenz bekräftigen. Ich irre in diesen Annahmen wohl nicht, lasse mich deshalb in meinen Antworten gehn und hoffe Euch damit Freude zu machen.

In Deiner Antwort ist uns einiges unklar, willst Du es uns der Reihe nach näher erklären.

Ihr Ängstlichen, Ihr Höflichen, Ihr Kinder, fragt nur, fraget! Du sprichst von einer großen Gesellschaft in der Du Dich bewegst, was für eine Gesellschaft denn?

Ihr doch, Ihr selbst. Euere kleine Tischgesellschaft und in einer andern Stadt eine andere und so in vielen Städten.

Das also nennst Du: sich-in-Gesellschaft-bewegen. Aber warte: Du bist doch wie Du sagtest unser alter Schulkollege Kriehuber. Bist Dus oder nicht?

Wohl, ich bin es.

Nun also, als unser alter Freund besuchst Du uns und wir die wir Deinen Verlust nicht vergessen können, ziehn Dich durch unser Verlangen herbei und erleichtern Dir den Weg. Ist es so?

Ja, ja, natürlich.

Aber Du hast doch ein zurückgezogenes Leben geführt, wir glauben nicht daß Du außerhalb unserer Stadt überhaupt Freunde oder Bekannte gehabt hast. Wen besuchst Du also in jenen Städten und wer ruft Dich in sie?

Ich muß doch so gern ich es vermeiden wollte die Lästigkeit fortzusetzen, die ich für Sie mit meinem vordringlichen Widerspruch – es war nicht Widerspruch, so weit komme ich nicht, es war nur Widerstreben – gegen Schweiger begonnen habe, doch die Sache noch einmal aufnehmen. Das Gespräch damals am Abend lag nachher zu schwer auf mir, die ganze Nacht über und hätte nicht am Morgen eine unerwartete Zufälligkeit mich ein wenig abgelenkt, ich hätte Ihnen gewiß gleich schreiben müssen.

Das für mich Quälende des Abends – ich sah das Gespräch von allem Anfang an, vom Öffnen der Tür an sich nähern, das war bös, es brachte mich fast um die ganze Freude über Ihren Besuch – lag für mich darin, daß ich eigentlich nichts gegen den Schweiger gesagt, nur ein weniges geschwätzt habe und im übrigen nur bockig gewesen bin, während das was Sie zur Verteidigung von Einzelnheiten sagten, ausgezeichnet, für mich unerwartet war und völlig zutraf. Überzeugen aber konnte es mich nicht, ich bin hier völlig unüberzeugbar, noch lange ehe ich zu den Einzelnheiten komme. Wenn ich aber trotzdem meine Einwände nicht begreiflich machen kann, nicht einmal mir selbst, so hat das seinen Grund in meiner Schwäche, welche sich nicht nur im Denken und Sprechen äußert, sondern auch in Anfällen einer Art wacher Ohnmacht. Ich versuche z. B. etwas gegen das Stück zu sagen und schon in den zweiten Satz beginnt sich die Ohnmacht mit Fragen zu drängen, wie: "Worüber sprichst Du? Um was handelt es sich? Was ist das, Literatur? Woher kommt es? Welchen Nutzen bringt es? Was für fragwürdige Dinge! Leg zu dieser Fragwürdigkeit noch die Fragwürdigkeit Deiner Reden und es entsteht ein Ungeheuer. Wie bist Du auf diese hohen nichtsnutzigen Wege gekommen? Verdient das ernste Frage, ernste Antwort? Vielleicht, aber nicht Deine, das ist Sache höherer Regenten. Schnell zurück! " Und dieses Zurück bedeutet, daß ich gleich in völliger Finsternis bin, aus der mich nicht des Gegensprechers Hilfe und niemandes Hilfe hinausführen kann. Sie scheinen derartiges an sich gar nicht zu kennen trotzdem Sie den Spiegelmensch geschrieben haben. Freilich gebe ich auch in ruhendem Zustand dem Zwischenredner Recht, Sie waren manchmal zu streng zu ihm, er ist ja nichts anderes, als der Wind, der mit den luftigen Existenzen spielt, er verlängert das Leben der fallenden Blätter.

Trotz allem aber will ich doch noch versuchen, nicht ganz stumm zu bleiben und kurz zu sagen, worin mich Schweiger beleidigt.

Vor allem fühle ich eine Verschleierung darin, daß Schweiger zu einem allerdings tragischen Einzelfall degradiert ist; die Gegenwärtigkeit des ganzen Stückes verbietet das. Wenn man ein Märchen erzählt, dann wissen alle, daß man sich fremden Mächten anvertraut und die heutigen Gerichte ausgeschaltet hat. Hier weiß man das aber nicht. Das Stück will den Eindruck erwecken, daß nur heute, gerade an diesem Abend mehr zufällig als absichtlich der Fall Schweiger verhandelt wird, daß ebenso gut z. B. die Vorgänge in einem ganz anders gearteten Nachbarhaus hätten vorgenommen werden können. Diese Behauptung des Stückes kann ich aber nicht glauben, wenn in den andern Häusern dieser katholischen österreichischen Stadt, die rings um Schweiger aufgebaut ist, überhaupt jemand wohnt, dann wohnt in jedem Haus Schweiger, niemand sonst. Auch die andern Personen des Stückes haben keine eigene Wohnung, sie wohnen mit Schweiger und sind seine Begleiterscheinungen. Schweiger und Anna haben ja nicht einmal die Möglichkeit sich irgendwo auf ein glückliches Ehepaar zu berufen, das wird ehrlich stillschweigend zugestanden, vielleicht ist das was sie wollen allgemein unmöglich, niemand im Stück hätte die Kraft das zu widerlegen, woher die vielen Kinder auf dem Donauschiff stammen ist ein Rätsel. Warum also das Städtchen, warum Österreich, warum der kleine darin versunkene Einzelfall.

Aber Sie machen ihn noch vereinzelter. Es ist als könnten Sie ihn gar nicht genug vereinzelt machen. Sie erfinden die Geschichte von dem Kindermord. Das halte ich für eine Entwürdigung der Leiden einer Generation. Wer hier nicht mehr zu sagen hat als die Psychoanalyse dürfte sich nicht einmischen. Es ist keine Freude sich mit der Psychoanalyse abzugeben und ich halte mich von ihr möglichst fern, aber sie ist zumindest so existent wie diese Generation. Das Judentum bringt seit jeher seine Leiden und Freuden fast gleichzeitig mit dem zugehörigen Raschi-Kommentar hervor, so auch hier.

Ein Kommentar

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich daß schon viel später war als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: "Von mir willst Du den Weg erfahren" "Ja", sagte ich, "da ich ihn selbst nicht finden kann. " "Gibs auf, gibs auf", sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Der Buchhändler öffnete am Morgen seinen Laden, dann kehrte er ihn aus. Er war ein Anfänger, hatte noch keinen Gehilfen und mußte alle Arbeit selbst tun. Ganz ausnahmsweise trat heute schon zu dieser frühen Stunde ein Käufer ein. Er war in großer Eile, er schien auf die Eröffnung des Ladens schon gewartet zu haben. Der Buchhändler stellte den Besen in die Ecke.

Ich war letzthin in M. Es handelte sich um eine Besprechung mit K. Es war keine eigentlich dringliche Angelegenheit, sie hätte sich wohl, wenn auch langsamer – aber da sie nicht dringlich war, wäre das kein Schaden gewesen – recht gut schriftlich erledigen lassen, aber es traf sich gerade, daß ich freie Zeit hatte und Lust bekam mit K. schnell ohne viel Umstände ins Reine zu kommen, auch kannte ich M. dessen Besichtigung mir einmal empfohlen worden war noch nicht, so entschloß ich mich kurzer Hand hinzufahren, leider – es erübrigte keine Zeit mehr dazu – ohne mich vorher zu vergewissern ob ich K. jetzt in M. auch antreffen werde. Tatsächlich war K. nicht zuhause. Seine Schwester, ein altes Fräulein, klein, schwach, sehr beweglich, überaus freundlich, teilte mir dies unter vielfachen Äußerungen des Bedauerns inmitten einer großzimmrigen von Sauberkeit blinkenden Wohnung mit

Viele beklagten sich, daß die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: "Gehe hinüber" so meint er nicht, daß man auf die andere Straßenseite hinüber gehn solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas was wir nicht kennen, was auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und was uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist und das haben wir gewußt. Aber das womit wir uns eigentlich jeden Tag abmühn, sind andere Dinge.

Darauf sagte einer: Warum wehrt Ihr Euch Würdet Ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret Ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.

Ein anderer sagte: Ich wette daß auch das ein Gleichnis ist.

Der erste sagte: Du hast gewonnen.

Der zweite sagte: Aber leider nur im Gleichnis.

Ein anderer sagte: Ich wette daß auch das ein Gleichnis ist.

Der erste sagte: Du hast gewonnen.

Der zweite sagte: Aber leider nur im Gleichnis.

Der erste sagte: Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast Du verloren.

Auf Balzacs Spazierstockgriff: Ich breche alle Hindernisse, auf meinem: mich brechen alle Hindernisse. Gemeinsam ist das "alle".

Kampf – Dirigierung des Kampfes – Hilfe am –

Geständnis, unbedingtes Geständnis, aufspringendes Tor, es erscheint im Innern des Hauses die Welt, deren trüber Abglanz bisher draußen lag.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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