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2017/10/23 - 15:18

"Ich entlief ihr…" (II, 16)

Ich entlief ihr. Ich lief den Abhang hinunter. Das hohe Gras hinderte mich im Laufen. Sie stand oben bei einem Baum und sah mir nach.

Hier ist es unerträglich. Gestern sprach ich mit Jericho. Er sitzt in eine Ecke gedrückt und liest die Zeitung. Ich sagte: "Jericho, werden Sie für mich stimmen?" Er schüttelte nur den Kopf und las weiter. Ich sagte: "Ich will Ihre Stimme nicht als irgendeine beliebige Stimme. Ich werde doch keinesfalls genug Stimmen haben, mein Mißerfolg ist sicher. Aber

Damals zur Zeit der Wahlen

Ich war einmal auch mitten in der Wahlbewegung. Das ist aber nun schon viele Jahre her. Ein Kandidat hatte mich für die Wahlperiode zu schriftlichen Arbeiten aufgenommen. Ich erinnere mich natürlich nur noch sehr undeutlich an das Ganze

Was baust Du? Ich will einen Gang graben. Es muß ein Fortschritt geschehn. Zu hoch oben ist mein Standort.

Wir graben den Schacht von Babel.

Nur drei Zickzackstriche blieben von ihm zurück. Wie war er vergraben gewesen in seine Arbeit. Und wie war er in Wirklichkeit gar nicht vergraben gewesen.

Ein Strohhalm? Mancher hält sich an einem Bleistiftstrich über Wasser. Hält sich? Träumt als Ertrunkener von einer Rettung.

Der Tod mußte ihn aus dem Leben herausheben, so wie man einen Krüppel aus dem Rollwagen hebt. Er saß so fest und schwer in seinem Leben wie der Krüppel im Rollwagen

Wie sich mein Leben verändert hat und wie es sich doch nicht verändert hat im Grunde! Wenn ich jetzt zurückdenke und die Zeiten mir zurückrufe, da ich noch inmitten der Hundeschaft lebte, teilnahm an allem was sie bekümmert, ein Hund unter Hunden, finde ich bei näherem Zusehn leicht, daß hier seit jeher etwas nicht stimmte, immer eine kleine Bruchstelle vorhanden war, ein leichtes Unbehagen inmitten der ehrwürdigsten volklichen Veranstaltungen mich befiel, ja manchmal selbst im vertrauten Kreise, nein, nicht manchmal, sondern sehr oft, der bloße Anblick eines mir lieben Mithundes, der bloße Anblick irgendwie neu gesehn, mich verlegen, erschrocken, hilflos, ja mich verzweifelt machte. Ich suchte mich gewissermaßen zu begütigen; Freunde, denen ich es eingestand, halfen mir; es kamen wieder ruhigere Zeiten, Zeiten, in denen zwar jene Überraschungen nicht fehlten, aber gleichmütiger aufgenommen, gleichmütiger ins Leben eingefügt wurden, vielleicht traurig und müde machten, aber im übrigen mich vor den andern bestehen ließen, als einen zwar ein wenig kalten, zurückhaltenden, ängstlichen, rechnerischen, aber alles in allem genommen doch regelrechten Hund. Wie hätte ich auch ohne diese Erholungspausen das Alter erreichen können, dessen ich mich jetzt erfreue, wie hätte ich mich durchringen können zu der Ruhe, mit der ich die Schrecken meiner Jugend betrachte und die Schrecken des Alters ertrage, wie hätte ich dazu kommen können, die Folgerungen aus meiner, wie ich zugebe, unglücklichen oder, um es vorsichtiger auszudrücken, nicht sehr glücklichen Anlage zu ziehn und ihnen entsprechend zu leben, soweit die Kräfte reichen. Zurückgezogen, einsam, nur mit meinen kleinen, dilettantischen, hoffnungslosen, aber mir unentbehrlichen, also doch wohl trotz allem geheime Hoffnung gebenden Untersuchungen beschäftigt, so lebe ich, habe aber dabei von der Ferne den Überblick über mein Volk nicht verloren, oft dringen Nachrichten zu mir, allerdings allmählich seltener, und auch ich lasse manchmal von mir hören. Man behandelt mich mit Achtung, man versteht meine Lebensweise nicht, aber nimmt sie mir nicht übel, und selbst junge Hunde, die ich hie und da in der Ferne vorüberlaufen sehe, eine neue Generation, an deren Kindheit ich mich kaum dunkel erinnere, versagen mir nicht den ehrerbietigen Gruß.

Man darf eben nicht außer Acht lassen, daß ich trotz meiner Sonderbarkeiten, die offen zutage liegen, doch bei weitem nicht völlig aus der Art schlage. Es ist ja, wenn ich’s bedenke – und dies zu tun habe ich Zeit und Lust und Fähigkeit – mit der Hundeschaft überhaupt sonderbar bestellt. Es gibt außer uns Hunden vielerlei Arten von Geschöpfen ringsumher, arme, geringe, stumme, nur auf gewisse Schreie eingeschränkte Wesen; viele unter uns Hunden studieren sie, haben ihnen Namen gegeben, suchen ihnen zu helfen, sie zu erziehn, zu veredeln udgl.; mir sind sie gleichgültig, wenn sie mich nicht etwa zu stören versuchen oder ein guter Bissen von ihnen zu erhoffen ist (in unserer Gegend ist dies sehr selten), ich verwechsle sie, ich sehe über sie hinweg, eines ist aber zu auffallend, als daß es selbst mir hätte entgehen können, wie wenig sie nämlich, mit uns Hunden verglichen, zusammenhalten, wie fremd und stumm und mit einer geheimen Feindseligkeit sie aneinander vorübergehn, wie nur das gemeinste Interesse sie ein wenig äußerlich verbinden kann und wie selbst aus diesem Interesse oft noch Haß und Streit entsteht. Wir Hunde dagegen! Man darf doch wohl sagen, daß wir alle förmlich in einem einzigen Haufen leben, alle, so unterschieden wir sonst sind durch die unzähligen und tief gehenden Unterscheidungen, die sich im Laufe der Zeiten ergeben haben. Alle in einem Haufen! Es drängt uns zueinander und nichts kann uns hindern, diesem Drängen immer wieder Ausdruck zu geben; alle unsere Gesetze und Einrichtungen, die wenigen, die ich noch kenne und die zahllosen, die ich vergessen oder nie erfahren habe, gehen zurück auf diese Sehnsucht nach dem größten Glück, dessen wir fähig sind, dem warmen Beisammensein. Nun aber das Gegenspiel hiezu. Kein Geschöpf lebt meines Wissens so weithin zerstreut wie wir Hunde, keines hat soviele gar nicht übersehbare Unterschiede der Klassen, der Arten, der Beschäftigungen; wir die wir zusammenhalten wollen – und immer wieder gelingt es uns trotz allem, wenn auch nur im Kleinen und selbst dies nur in überschwänglichen Augenblicken – gerade wir leben weit von einander getrennt, in eigentümlichen, oft schon dem Nebenhund unverständlichen Berufen, festhaltend an Vorschriften, die nicht die der Hundeschaft sind, ja eher gegen sie gerichtet.

Was für schwierige Dinge das sind, Dinge, an die man lieber nicht rührt – ich verstehe auch diesen Standpunkt, verstehe ihn besser als den meinen – und doch Dinge, denen ich ganz und gar verfallen bin. Warum tue ich es nicht wie die andern, lebe einträchtig mit meinem Volke und nehme das was die Eintracht stört, stillschweigend hin; vernachlässige es als kleinen Fehler in der großen Rechnung und bleibe immer zugekehrt dem, was glücklich bindet, nicht dem was, freilich immer wieder unwiderstehlich, uns aus dem Volkskreis zerrt.

Meine nie mehr ganz zu stillende Unruhe begann, nach mancherlei Andeutungen in noch früherer Zeit, mit einem bestimmten Vorfall in meiner Jugend. Ich war damals in einer jener seligen unerklärlichen Aufregungen, wie sie wohl jeder als Kind erlebt; ich war noch ein ganz junger Hund, etwa am Ende des Knabenalters; alles gefiel mir, alles hatte Bezug zu mir; ich glaubte daß große Dinge um mich vorgehn, deren Anführer ich sei, denen ich meine Stimme leihen müsse; Dinge, die elend am Boden liegen bleiben müßten, wenn ich nicht für sie lief, für sie meinen Körper schwenkte, nun, Phantasien der Kinder, die mit den Jahren sich verflüchtigen, aber damals waren sie sehr stark, ich war ganz in ihrem Bann und es geschah dann auch freilich etwas Außerordentliches, was den wilden Erwartungen Recht zu geben schien. An sich war es nichts Außerordentliches, später habe ich solche und noch viel merkwürdigere Dinge oft genug gesehn, aber damals traf es mich mit dem starken, ersten, unverwischbaren, Richtung gebenden Eindruck.

Ich begegnete nämlich einer kleinen Hundegesellschaft, vielmehr ich begegnete ihr nicht, sie kam auf mich zu. Ich war damals lange durch die Finsternis gelaufen, in Vorahnung großer Dinge – eine Vorahnung, die freilich leicht täuschte, denn ich hatte sie immer – war lange durch die Finsternis gelaufen, kreuz und quer, blind und taub für alles, geführt von nichts, als dem unbestimmten Verlangen, machte plötzlich Halt in dem Gefühl, hier sei ich am rechten Ort, sah auf und es war überheller Tag, nur ein wenig dunstig, alles voll durcheinanderwogender berauschender Gerüche, ich begrüßte den Morgen mit wirren Lauten, da – als hätte ich sie heraufbeschworen – traten aus irgendwelcher Finsternis unter Hervorbringung eines entsetzlichen Lärms, wie ich ihn noch nie gehört hatte, sieben Hunde ans Licht.

Hätte ich nicht deutlich gesehn, daß es Hunde waren und daß sie selbst diesen Lärm mitbrachten, trotzdem ich nicht erkennen konnte wie sie ihn erzeugten – ich wäre sofort weggelaufen, so aber blieb ich. Damals wußte ich noch fast nichts von der nur dem Hundegeschlecht verliehenen schöpferischen Musikalität, sie war meiner sich erst langsam entwickelnden Beobachtungskraft bisher entgangen, natürlicher Weise, hatte mich doch die Musik schon seit meiner Säuglingszeit umgeben, als ein mir selbstverständliches unentbehrliches Lebenselement, welches von meinem sonstigen Leben zu sondern nichts mich zwang; nur in Andeutungen, dem kindlichen Verstand entsprechend, hatte man mich darauf hinzuweisen versucht, umso überraschender, geradezu niederwerfend waren jene sieben großen Musikkünstler für mich.

Sie redeten nicht, sie sangen nicht, sie schwiegen im allgemeinen fast mit einer gewissen Verbissenheit, aber aus dem leeren Raum zauberten sie die Musik empor. Alles war Musik. Das Heben und Niedersetzen ihrer Füße, bestimmte Wendungen des Kopfes, ihr Laufen und ihr Ruhen, die Stellungen die sie zueinander einnahmen, die reigenmäßigen Verbindungen, die sie mit einander eingingen, indem etwa einer die Vorderpfoten auf des andern Rücken stützte und sie sich dann so ordneten, daß der erste aufrecht die Last aller andern trug oder indem sie mit ihren nah am Boden hinschleichenden Körpern verschlungene Figuren bildeten und niemals sich irrten; nicht einmal der letzte, der noch ein wenig unsicher war, nicht immer gleich den Anschluß an die andern fand, gewissermaßen im Anschlagen der Melodie manchmal schwankte, aber doch unsicher war nur im Vergleich mit der großartigen Sicherheit der andern und selbst bei viel größerer, ja bei vollkommener Unsicherheit nichts hätte verderben können, wo die andern, große Meister, den Takt unerschütterlich hielten.

Aber man sah sie ja kaum, man sah sie ja alle kaum. Sie waren hervorgetreten, man hatte sie innerlich begrüßt als Hunde, sehr beirrt war man zwar von dem Lärm, der sie begleitete, aber es waren doch Hunde, Hunde wie ich und Du, man beobachtete sie gewohnheitsmäßig, wie Hunde, denen man auf dem Weg begegnet, man wollte sich ihnen nähern, Grüße tauschen, sie waren auch ganz nah, Hunde,

zwar viel älter als ich und nicht von meiner langhaarigen wolligen Art, aber doch auch nicht allzu fremd an Größe und Gestalt, recht vertraut vielmehr, viele von solcher oder ähnlicher

Den Atem ziehst Du ein.

Die Möglichkeit erstickt

Winterliches Land. Ich erkannte es kaum wieder.

Die Säule steht. Der hinter Wolken fliegende Mond.

Ich spielte auf dem Klavier. Alte kleine Dinge aus der Jugendzeit. Über das damals Gelernte bin ich nie mehr hinausgekommen.

Es kamen zwei Soldaten aus dem Tal heraufgestiegen

Trübung, Trübung und was sich zwischen ihnen hindurchzwängt an bleichem Licht.

"Hast Du die Kleine nicht im Wald getroffen?" "Du ließest sie allein gehn?" "Ich hatte keine Zeit. "

Die zum Sterben Bereiten, sie lagen am Boden, sie lehnten an den Möbeln, sie klapperten mit den Zähnen, sie tasteten, ohne sich vom Platz zu rühren, die Wand ab.

Ich höre Dir zu. Ach höre nicht zu

Es ist etwa fünf Jahre her, daß wir einander in Dresden, in der straße trafen.

Blütenweiß, blütenweiß

Nur ein Strich

Das Teater ist leer. Es ist am Vormittag. Der Souffleur hat gestern abend

Im großen Sprung fiel fast

Mein linker Arm beim Erwachen als Holzspielzeug oder Fetisch bemalt und grausam zerschnitzt

Verrammle das Tor.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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