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2017/10/17 - 19:03

"Besonders in den ersten…" (II, 19)

Besonders in den ersten Gymnasialklassen kam ich sehr schlecht fort. Für meine Mutter, die schweigsame stolze, ihr unruhiges Wesen immerfort mit äußerster Kraft beherrschende Frau, war das eine Qual. Sie hatte von meinen Fähigkeiten große Vorstellungen, die sie aber aus Scham niemandem eingestand und für deren Besprechung und Bekräftigung sie deshalb auch keinen Vertrauten hatte, umso quälender waren für sie meine Mißerfolge, die allerdings nicht verschwiegen werden konnten, sich gewissermaßen von selbst eingestanden und eine widerliche Menge Vertrauter erzeugten, nämlich das ganze Professorenkollegium und die Mitschülerschaft. Ich wurde ihr ein trauriges Rätsel. Sie strafte mich nicht, sie zankte nicht; daß ich es an Fleiß wenigstens nicht allzusehr fehlen ließ, sah sie; zuerst glaubte sie an eine Verschwörung der Professoren gegen mich und diesen Glauben hat sie niemals ganz verlassen, aber der Übertritt in ein anderes Gymnasium und mein fast noch schlechteres Fortkommen an diesem, erschütterten ihren Glauben an die Feindseligkeit der Professoren doch ein wenig, den Glauben an mich allerdings nicht. Ich aber lebte unter ihren traurig fragenden Blicken mein unbefangenes Kinderleben weiter. Ich hatte keinen Ehrgeiz; fiel ich nicht durch, war ich zufrieden und wäre ich durchgefallen, eine Drohung die während des ganzen Schuljahres nicht aufhörte,

In der Stadt wird immerfort gebaut. Nicht um sie zu erweitern, sie genügt den Bedürfnissen, seit langer Zeit sind ihre Grenzen unverändert, ja es scheint eine gewisse Scheu davor zu bestehn sie zu vergrößern, lieber schränkt man sich ein, verbaut Plätze und Gärten, setzt neue Stockwerke auf alte Häuser, aber tatsächlich sind diese Neubauten auch gar nicht der Hauptteil des fortwährenden Baubetriebs. Dieser richtet sich vielmehr, um es vorläufig so auszudrücken, darauf das Bestehende zu sichern. Nicht daß man früher schlechter gebaut hätte als heute und die alten Fehler nun immerfort verbessern müßte. Eine gewisse Nachlässigkeit – es ist schwer zu sondern, was daran Leichtsinn, was schwerblütige Unruhe ist – herrscht zwar bei uns immer, aber gerade beim Bauen hat sie die wenigste Gelegenheit sich zu äußern. Wir sind doch in dem Land der Steinbrüche, bauen fast nur aus Stein, selbst Marmor steht zur Verfügung und was beim Bauen die Menschen versäumen mögen, macht die Beständigkeit und Unverrückbarkeit des Materials wieder gut. Auch gibt es in Hinsicht des Bauens keinen Unterschied zwischen den Zeiten, von altersher gelten die gleichen Bauregeln und wenn sie infolge des Volkscharakters nicht immer streng beachtet werden, so geschieht auch dies unverändert und gilt für die ältesten Bauten wie für die neuesten. So steht z. B. auf dem Romberg vor der Stadt eine Ruine, es sind die Reste eines Landhauses, das hier vor mehr als tausend Jahren gebaut worden sein soll. Ein reicher, alt und einsam gewordener Kaufmann soll es sich haben erbauen lassen, gleich nach seinem Tode soll es verfallen sein, es findet sich bei uns nicht leicht einer, der so weit außerhalb der Stadt wohnen wollte. So war der Bau der Zerstörung durch die Jahrhunderte preisgegeben und deren Arbeit ist allerdings sorgfältiger als die der Bauleute. Wenn man heute an einem stillen Sonntag – man wird auch auf dem Weg durch das Gestrüpp des Bergabhanges kaum durch Begegnungen gestört – dort hinauf wandert und die Reste betrachtet, findet man nur paar Grundmauern, die höchste noch erreicht nicht Manneshöhe, dann ist irgendwo in das harte Erdreich durch den Druck der Zeiten ein feines, vielfach gebrochenes Säulchen eingebettet und von altem fast schwarzem Epheu überzogen blinkt mehr erraten als erkannt ein wertloser Torso einer Statue hervor. Das ist wohl alles, bis auf zwei, drei kleine, förmlich zusammengewachsene felsenharte Schutthaufen und auf dem Abhang hie und da paar in den Boden eingegrabene Steine. Sonst ist alles weggeräumt, unverständlich wohin, so als wäre es vom Wind zerzaust und in die Lüfte verstreut worden.

Armes verlassenes Haus! Warst Du je bewohnt, dann sind die Spuren dessen unbegreiflich gut verwischt

Ich war völlig verirrt in einem Wald. Unverständlich verirrt, denn noch vor kurzem war ich zwar nicht auf einem Weg, aber in der Nähe des Weges gegangen, der mir auch immer sichtbar geblieben war. Nun aber war ich verirrt, der Weg war verschwunden, alle Versuche ihn wiederzufinden waren mißlungen. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf und wollte meine Lage überdenken, aber ich war zerstreut, dachte immer an anderes, als an das Wichtigste, träumte an den Sorgen vorbei. Dann fielen mir die reichbehängten Heidelbeerpflanzen rings um mich auf, ich pflückte von ihnen und aß.

Ich wohnte im Hotel Edthofer, Albian oder Cyprian Edthofer oder noch anders, ich kann mich an den ganzen Namen nicht mehr erinnern, ich würde es wohl auch nicht wieder auffinden, trotzdem es ein sehr großes Hotel war, übrigens auch vorzüglich eingerichtet und bewirtschaftet. Ich weiß auch nicht mehr, warum ich, trotzdem ich kaum länger als eine Woche dort gewohnt habe, fast jeden Tag das Zimmer wechselte, ich wußte daher oft meine Zimmernummer nicht und mußte, wenn ich während des Tages oder am Abend nachhause kam das Stubenmädchen nach meiner jeweiligen Zimmernummer fragen. Allerdings lagen alle Zimmer, die für mich in Betracht kamen, in einem Stock und überdies auf einem Gang. Es waren nicht viele Zimmer, herumirren mußte ich nicht. War etwa nur dieser Gang für Hotelzwecke bestimmt, das übrige Haus aber für Mietwohnungen oder anderes? Ich weiß es nicht mehr, vielleicht wußte ich es auch damals nicht, ich kümmerte mich nicht darum. Aber es war doch unwahrscheinlich, daß große Haus trug in großen, weit von einander befestigten, nicht sehr leuchtenden, eher rötlich-matten Metallbuchstaben das Wort Hotel und den Namen des Besitzers. Oder sollte nur der Name des Besitzers dort gestanden sein ohne die Bezeichnung Hotel? Es ist möglich und das würde dann freilich vieles erklären. Aber noch heute aus der unklaren Erinnerung heraus würde ich mich doch eher dafür entscheiden, daß Hotel dort gestanden ist. Es verkehrten viele Offiziere im Haus. Ich war natürlich meist den ganzen Tag in der Stadt, hatte allerlei zu tun und so vieles zu sehn und hatte also nicht viel Zeit das Hotelgetriebe zu beobachten, aber Offiziere sah ich dort oft. Allerdings war nebenan eine Kaserne, vielmehr sie war nicht eigentlich nebenan, die Verbindung zwischen dem Hotel und der Kaserne muß anders gewesen sein, sie war sowohl loser als enger. Das ist heute nicht mehr leicht zu beschreiben, ja schon damals wäre es nicht leicht gewesen, ich habe mich nicht ernstlich bemüht, das festzustellen, trotzdem mir die Unklarheit manchmal Schwierigkeiten verursachte. Manchmal nämlich wenn ich zerstreut von dem Lärm der Großstadt nachhause kam, konnte ich den Eingang zum Hotel nicht gleich finden. Es ist richtig, der Eingang zum Hotel scheint sehr klein gewesen zu sein, ja es hat vielleicht – trotzdem das freilich sonderbar gewesen wäre – gar keinen eigentlichen Hoteleingang gegeben, sondern man mußte wenn man ins Hotel wollte, durch die Tür der Restauration gehn. Nun mag es also so gewesen sein, aber selbst die Tür der Restauration konnte ich nicht immer auffinden. Manchmal wenn ich vor dem Hotel zu stehen glaubte, stand ich in Wahrheit vor der Kaserne, es war zwar ein ganz anderer Platz, stiller, reiner als der vor dem Hotel, ja totenstill und vornehmrein, aber doch so, daß man die zwei verwechseln konnte. Man mußte erst um eine Ecke gehn und dann erst war man vor dem Hotel. Aber es scheint mir jetzt, daß es manchmal, freilich nur manchmal anders war, daß man auch von jenem stillen Platz aus – etwa mithilfe eines Offiziers, der den gleichen Weg ging – die Hoteltür gleich finden konnte undzwar nicht etwa eine andere, eine zweite Tür, sondern eben die eine gleiche Tür, welche auch den Eingang zur Restauration bildete, eine schmale, innen mit einem schönen weißen bändergeschmückten Vorhang verdeckte, äußerst hohe Tür. Dabei waren Hotel und Kaserne zwei grundverschiedene Gebäude, das Hotel hoch im üblichen Hotelstil, allerdings mit einem Einschlag von Zinshaus, die Kaserne dagegen ein romanisches Schlößchen, niedrig aber weiträumig. Die Kaserne erklärte die fortwährende Anwesenheit von Offizieren, dagegen habe ich Mannschaften nie gesehn. Wie ich es erfahren habe, daß das scheinbare Schlößchen eine Kaserne war, weiß ich nicht mehr, Ursache mich mit ihr zu beschäftigen, hatte ich aber wie erwähnt öfters, wenn ich, ärgerlich die Hoteltüre suchend, mich auf dem stillen Platze herumtrieb. War ich aber einmal oben im Gang, war ich geborgen. Ich fühlte mich dort sehr heimisch und war glücklich in der großen fremden Stadt einen solchen behaglichen Ort gefunden zu haben.

Ich suchte ein Kraut im Walde

Man hat mich gewarnt, rechtzeitig, ja sogar sehr vorzeitig. Merkwürdig ist die feine Witterung mancher Leute.

Es ist jetzt an vierzig Jahre her, daß ich in das Tuchgeschäft Seligmann eintrat. Damals führte noch der alte Seligmann das Geschäft in voller Kraft

Warum machst du mir Vorwürfe böser Mann? Ich kenne Dich nicht, ich sehe Dich jetzt zum ersten Mal. Du hättest mir Geld gegeben, daß ich Dir aus diesem Geschäft Zuckerwerk hole? Nein, das ist gewiß ein Irrtum, Du hast mir kein Geld gegeben. Verwechselst Du mich nicht mit meinem Kameraden Fritz Er sieht mir aber allerdings nicht ähnlich. Davor daß Du es dem Lehrer in der Schule sagen wirst, fürchte ich mich gar nicht. Er kennt mich und wird die Anschuldigung nicht glauben. Und meine Eltern werden Dir das Geld ganz gewiß nicht ersetzen, warum denn auch? Da ich doch nichts von Dir bekommen habe. Und nun laß mich gehn. Nein Du darfst mir nicht nachgehn, sonst sage ich es dem Polizeimann. Ah, zum Polizeimann willst du nicht gehn,


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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