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2017/03/28 - 00:26

Oktavheft D (I, 21)

Mein Geschäft ruht ganz auf meinen Schultern. Zwei Fräulein mit Schreibmaschinen und Geschäftsbüchern im Vorzimmer, mein Zimmer mit Schreibtisch, Kassa, Beratungstisch, Klubsessel und Telephon, das ist mein ganzer Arbeitsapparat. So einfach zu überblicken, so leicht zu führen. Ich bin jung und die Geschäfte rollen vor mir her, ich klage nicht. Ich klage nicht. Seit Neujahr hat ein junger Mann die kleine leerstehende Nebenwohnung, die ich ungeschickter Weise so lange zu mieten gezögert habe, frischweg gemietet. Auch ein Zimmer mit Vorzimmer, außerdem aber noch eine Küche. Zimmer und Vorzimmer hätte ich wohl brauchen können, meine zwei Fräulein fühlen sich schon manchmal überlastet, – aber wozu hätte mir die Küche gedient. Dieses kleinliche Bedenken war daran schuld, daß ich mir die Wohnung habe wegnehmen lassen. Nun sitzt dort dieser junge Mann. Harras heißt er. Was er dort eigentlich macht weiß ich nicht. Auf der Tür steht nur "Harras, Bureau". Ich habe Erkundigungen eingezogen, man hat mir mitgeteilt es sei ein Geschäft ähnlich dem meinigen, vor Kreditgewährung könne man nicht geradezu warnen, denn es handle sich doch um einen jungen aufstrebenden Mann, dessen Sache vielleicht Zukunft habe, doch könne man zum Kredit auch nicht geradezu raten, denn gegenwärtig sei allem Anschein nach kein Vermögen vorhanden. Die übliche Auskunft, die man gibt, wenn man nichts weiß. Manchmal treffe ich Harras auf der Treppe, er muß es immer außerordentlich eilig haben, er huscht förmlich an mir vorüber, genau gesehn habe ich ihn noch gar nicht, den Bureauschlüssel hält er schon vorbereitet in der Hand, im Augenblick hat er die Tür geöffnet, wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten, und ich stehe nur wieder vor der Tafel "Harras, Bureau", die ich schon viel öfter gelesen habe, als sie es verdient. Die elend dünnen Wände, die den ehrlich tätigen Mann verraten, den Unehrlichen aber decken. Mein Telephon ist an der Zimmerwand angebracht die mich von meinem Nachbar trennt, doch hebe ich das bloß als besonders ironische Tatsache hervor, selbst wenn es an der entgegengesetzten Wand hieng, würde man in der Nebenwohnung alles hören. Ich habe mir abgewöhnt, den Namen der Kunden beim Telephon zu nennen, aber es gehört natürlich nicht viel Schlauheit dazu, aus charakteristischen aber unvermeidlichen Wendungen des Gesprächs die Namen zu erraten. Manchmal umtanze ich, die Hörmuschel am Ohr, von Unruhe gestachelt, auf den Fußspitzen den Apparat, und kann es doch nicht verhüten daß Geheimnisse preisgegeben werden. Natürlich werden dadurch beim Telephonieren auch meine geschäftlichen Entscheidungen unsicherer, meine Stimme zittrig. Was macht Harras, während ich telephoniere? Wollte ich sehr übertreiben, aber das muß man oft, um sich Klarheit zu verschaffen, so könnte ich sagen: Harras braucht kein Telephon, er benutzt meines, er hat sein Kanapee an die Wand gerückt und horcht, ich dagegen muß, wenn geläutet wird zum Telephon laufen, die Wünsche des Kunden entgegennehmen, schwerwiegende Entschlüsse fassen, großangelegte Überredungen ausführen, vor allem aber während des Ganzen unwillkürlich durch die Zimmerwand Harras Bericht erstatten. Vielleicht wartet er gar nicht das Ende des Gespräches ab, sondern erhebt sich nach der Gesprächsstelle die ihn über den Fall genügend aufgeklärt hat, huscht nach seiner Gewohnheit durch die Stadt und ehe ich die Hörmuschel aufgehängt habe, ist er vielleicht schon daran, mir entgegenzuarbeiten.

Eine Kreuzung

Ich habe ein eigentümliches Tier, halb Kätzchen, halb Lamm. Es ist ein Erbstück aus meines Vaters Besitz, entwickelt hat es sich aber doch erst in meiner Zeit, früher war es viel mehr Lamm als Kätzchen, jetzt aber hat es von beiden wohl gleichviel. Von der Katze Kopf und Krallen, vom Lamm Größe und Gestalt, von beiden die Augen, die flackernd und mild sind, das Fellhaar, das weich ist und knapp anliegt, die Bewegungen, die sowohl Hüpfen als Schleichen sind, im Sonnenschein auf dem Fensterbrett macht es sich rund und schnurrt, auf der Wiese läuft es wie toll und ist kaum einzufangen, vor Katzen flieht es, Lämmer will es anfallen, in der Mondnacht ist die Dachtraufe sein liebster Weg, Miauen kann es nicht und vor Ratten hat es Abscheu, neben dem Hühnerstall kann es stundenlang auf der Lauer liegen, doch hat es noch niemals eine Mordgelegenheit ausgenutzt, ich nähre es mit süßer Milch, die bekommt ihm bestens, in langen Zügen saugt es sie über seine Raubtierzähne hinweg in sich ein. Natürlich ist es ein großes Schauspiel für Kinder. Sonntagvormittag ist Besuchsstunde, ich habe das Tierchen auf dem Schooß und die Kinder der ganzen Nachbarschaft stehn um mich herum. Da werden die sonderbarsten Fragen gestellt, die kein Mensch beantworten kann. Ich gebe mir auch keine Mühe, sondern begnüge mich ohne weitere Erklärungen damit, das zu zeigen was ich habe. Manchmal bringen die Kinder Katzen mit, einmal haben sie sogar zwei Lämmer gebracht; es kam aber entgegen ihrer Erwartung zu keinen Erkennungsscenen, die Tiere sahen einander ruhig aus Tieraugen an und nahmen offenbar ihr Dasein als göttliche Tatsache gegenseitig hin.

In meinem Schooß kennt das Tier weder Angst noch Verfolgungslust. An mich angeschmiegt fühlt es sich am wohlsten. Es hält zur Familie die es aufgezogen hat. Es ist das wohl nicht irgendeine außergewöhnliche Treue, sondern der richtige Instinkt eines Tieres, das auf der Erde zwar unzählige Verschwägerte, aber vielleicht keinen einzigen nahen Blutsverwandten hat, und dem deshalb der Schutz den es bei uns gefunden hat, heilig ist. Manchmal muß ich lachen, wenn es mich umschnuppert, zwischen den Beinen sich durchwindet und gar nicht von mir zu trennen ist. Nicht genug damit:, daß es Lamm und Katze ist, will es fast auch noch ein Hund sein. Ähnliches glaube ich nämlich im Ernst. Es hat beiderlei Unruhe in sich, die von der Katze und die vom Lamm, so verschiedenartig sie sind. Darum ist ihm aber seine Haut zu eng. Vielleicht wäre für das Tier das Messer des Fleischers eine Erlösung, die muß ich ihm aber als einem Erbstück versagen.

Ein kleiner Junge hatte als einziges Erbstück nach seinem Vater eine Katze und ist durch sie Bürgermeister von London geworden. Was werde ich durch mein Tier werden, mein Erbstück? Wo dehnt sich die riesige Stadt

Die geschriebene und überlieferte Weltgeschichte versagt oft vollständig, das menschliche Ahnungsvermögen aber führt zwar oft irre, führt aber, verläßt einen nicht. So ist z. B. die Überlieferung von den sieben Weltwundern immer von dem Gerücht umgeben gewesen, daß noch ein achtes Weltwunder bestanden habe und es wurden auch über dieses achte Wunder verschiedene einander vielleicht widersprechende Mitteilungen gemacht, deren Unsicherheit man durch das Dunkel der alten Zeiten erklärte.

"Sie werden meine Damen und Herren", so etwa lautete die Ansprache des europäisch gekleideten Arabers an die Reisegesellschaft, welche kaum zuhörte, sondern förmlich geduckt, das unglaubliche Bauwerk, das sich vor ihnen auf kahlem Steinboden erhob, betrachtete, "Sie werden gewiß zugeben, daß meine Firma alle andern Reiseagenturen, selbst die mit Recht altberühmten bei weitem übertrifft. Während diese Konkurrenten nach alter billiger Gewohnheit ihre Klienten nur zu den sieben Weltwundern der Geschichtsbücher führen, zeigt unsere Firma das achte Wunder. "

Nein, nein,

Manche sagen, er sei ein Heuchler, manche wieder es habe nur den Anschein. Meine Eltern kennen seinen Vater; als dieser am letzten Sonntag bei uns zu Besuch war, fragte ich geradezu nach dem Sohn. Nun ist der alte Herr sehr schlau, man kommt ihm schwer bei und mir fehlt jede Geschicklichkeit zu solchen Angriffen. Das Gespräch war lebhaft, kaum aber hatte ich meine Frage eingeworfen, wurde es still. Mein Vater begann nervös mit seinem Bart zu spielen, meine Mutter stand auf, um nach dem Tee zu sehn, der alte Herr aber blickte mich aus seinen blauen Augen lächelnd an und hatte sein faltiges bleiches Gesicht mit den starken weißen Haaren zur Seite geneigt. "Ja der Junge", sagte er und wandte seinen Blick zur Tischlampe, die an diesem frühen Winterabend schon brannte. "Haben Sie schon einmal mit ihm gesprochen?" fragte er dann. "Nein", sagte ich, "aber ich habe schon viel von ihm gehört und ich würde sehr gern mit ihm sprechen wenn er mich einmal empfangen wollte. "

"Was denn? Was denn?" rief ich noch vom Schlaf im Bett niedergehalten und streckte die Arme in die Höhe. Dann stand ich auf, der Gegenwart noch lange nicht bewußt, hatte das Gefühl, als müßte ich einige Leute die mich hinderten zur Seite schieben, tat auch die nötigen Handbewegungen und kam so endlich zum offenen Fenster.

Ein Teppich ausgebreitet zu Deinen Füßen,

Ein Baldachin flatternd zu Deinen Häupten,

Hilflos, eine Scheune im Frühjahr, ein Schwindsüchtiger im Frühjahr,

Die Musik spielt das alte Lied "Beginnet Ihr Helden der Arena",

Beginnet Ihr Helden der Arena, beginnet das Spiel,

Beginnet Ihr Helden der Arena, beginnet das Spiel.

Manchmal geschieht es, die Gründe dessen sind oft kaum zu ahnen, daß der größte Stierkämpfer zu seinem Kampfplatz die verfallene Arena eines abseits gelegenen Städtchens wählt, dessen Namen bisher das Madrider Publikum kaum gekannt hat. Eine Arena, vernachlässigt seit Jahrhunderten, hier wuchernd von Rasen, Spielplatz der Kinder, dort glühend mit kahlen Steinen, Ruheplatz der Schlangen und Eidechsen. Oben an den Rändern längst abgetragen, Steinbruch für alle Häuser in der Runde, jetzt nur ein kleiner Kessel der kaum fünfhundert Menschen faßt. Keine Nebengebäude, keine Ställe vor allem, aber das Schlimmste, die Eisenbahn ist noch nicht bis hierher ausgebaut, drei Stunden Wagenfahrt, sieben Stunden Fußweg von der nächsten Station.

"Wie ist es, Jäger Gracchus, Du fährst schon seit Jahrhunderten in diesem alten Kahn?"

"Schon fünfzehnhundert Jahre. "

"Und immer in diesem Schiff."

"Immer in dieser Barke. Barke ist nämlich die richtige Bezeichnung. Du kennst Dich im Schiffswesen nicht aus?"

"Nein, erst seit heute kümmere ich mich darum, seitdem ich von Dir weiß, seitdem ich Dein Schiff betreten habe. "

"Keine Entschuldigung. Ich bin ja auch aus dem Binnenland. War kein Seefahrer, wollte es nicht werden, Berg und Wald waren meine Freude und jetzt – ältester Seefahrer, Jäger Gracchus Schutzgeist der Matrosen, Jäger Gracchus angebetet mit gerungenen Händen vom Schiffsjungen, der sich im Mastkorb ängstigt in der Sturmnacht. Lache nicht. "

"Lachen sollte ich? Nein wahrhaftig nicht. Mit Herzklopfen stand ich vor der Tür Deiner Kajüte, mit Herzklopfen bin ich eingetreten. Dein freundliches Wesen beruhigt mich ein wenig, aber niemals werde ich vergessen, wessen Gast ich bin. "

"Gewiß, Du hast recht. Wie es auch sein mag, Jäger Gracchus bin ich. Willst Du nicht von dem Wein trinken, die Marke kenne ich nicht, aber er ist süß und schwer, der Patron versorgt mich gut. "

"Jetzt, bitte, nicht, ich bin zu unruhig. Vielleicht später wenn Du mich solange hier duldest. Wer ist der Patron?"

"Der Besitzer der Barke. Diese Patrone nämlich sind ausgezeichnete Menschen. Ich verstehe sie nur nicht. Ich meine nicht ihre Sprache, wiewohl ich natürlich auch ihre Sprache oft nicht verstehe. Aber dies nur nebenbei. Sprachen habe ich im Laufe der Jahrhunderte genug gelernt und könnte Dolmetscher sein zwischen den Vorfahren und den Heutigen. Aber den Gedankengang der Patrone verstehe ich nicht. Vielleicht kannst Du es mir erklären. "

"Viel Hoffnung habe ich nicht. Wie sollte ich Dir etwas erklären können, da ich doch Dir gegenüber kaum ein lallendes Kind bin. "

"Nicht so, ein für allemal nicht. Du wirst mir einen Gefallen tun, wenn Du etwas männlicher, etwas selbstbewußter auftrittst. Was fange ich an mit einem Schatten als Gast. Ich blase ihn aus der Luke auf den See hinaus. Ich brauche verschiedene Erklärungen. Du der Du Dich draußen herumtreibst kannst sie mir geben. Schlotterst Du aber hier an meinem Tisch und vergißt durch Selbsttäuschung das Wenige, was Du weißt, dann kannst Du Dich gleich packen. Wie ich’s meine, so sag ichs. "

"Es ist etwas Richtiges darin. Tatsächlich bin ich Dir in manchem über. Ich werde mich also zu bezwingen suchen. Frage. "

"Besser, viel besser, Du übertreibst in dieser Richtung und bildest Dir irgendwelche Überlegenheiten ein. Du mußt mich nur richtig verstehn. Ich bin Mensch wie Du aber um die paar Jahrhunderte ungeduldiger, um die ich älter bin. Also von den Patronen wollten wir sprechen. Gib acht. Und trinke Wein damit Du Dir den Verstand schärfst. Ohne Scheu. Kräftig. Es ist noch eine ganze Schiffsladung da. "

"Gracchus das ist ein excellenter Wein. Der Patron soll leben. "

"Schade, daß er heute gestorben ist. Es war ein guter Mann und er ist friedlich hingegangen. Wohlgeratene erwachsene Kinder standen an seinem Sterbebett, am Fußende ist die Frau ohnmächtig hingefallen, sein letzter Gedanke aber galt mir. Ein guter Mann, ein Hamburger. "

"Du lieber Himmel, ein Hamburger, und Du weißt hier im Süden, daß er heute gestorben ist. "

"Wie? Ich sollte nicht wissen, wann mein Patron stirbt. Du bist doch recht einfältig. "

"Willst Du mich beleidigen?"

"Nein, gar nicht, ich tue es wider Willen. Aber Du sollst nicht soviel staunen und mehr Wein trinken. Mit den Patronen aber verhält es sich folgendermaßen: Die Barke hat doch ursprünglich keinem Menschen gehört. "

"Gracchus, eine Bitte. Sage mir zuerst kurz aber zusammenhängend, wie es eigentlich mit Dir steht. Um die Wahrheit zu gestehn: ich weiß es nämlich nicht. Für Dich sind es natürlich selbstverständliche Dinge, und Du setzt wie es Deine Art ist, ihre Kenntnis bei der ganzen Welt voraus. Nun hat man aber in dem kurzen Menschenleben – das Leben ist nämlich kurz, Gracchus, suche Dir das begreiflich zu machen – in diesem kurzen Leben hat man also alle Hände voll zu tun, um sich und seine Familie hochzubringen. So interessant nun der Jäger Gracchus ist – das ist Überzeugung nicht Kriecherei – man hat keine Zeit an ihn zu denken sich nach ihm zu erkundigen oder sich gar Sorgen über ihn zu machen. Vielleicht auf dem Sterbebett, wie Dein Hamburger, das weiß ich nicht. Dort hat vielleicht der fleißige Mann zum erstenmal Zeit sich auszustrecken und durch die müßiggängerischen Gedanken streicht dann einmal der grüne Jäger Gracchus. Sonst aber, wie gesagt: ich wußte nichts von Dir, Geschäfte halber bin ich hier im Hafen, sah die Barke, das Laufbrett lag bereit, ich ging hinüber – aber nun wüßte ich gerne etwas im Zusammenhang über Dich. "

"Ach, im Zusammenhang. Die alten, alten Geschichten. Alle Bücher sind voll davon, in allen Schulen malen es die Lehrer an die Tafel, die Mutter träumt davon, während das Kind an der Brust trinkt – und Du Mann sitzt hier und fragst mich nach dem Zusammenhang. Du mußt eine auserlesen verluderte Jugend gehabt haben. "

"Möglich, wie das jeder Jugend eigentümlich ist. Dir aber wäre es glaube ich sehr nützlich, wenn Du Dich einmal in der Welt ein wenig umsehen würdest. So komisch es Dir scheinen mag, hier wundere ich mich fast selbst darüber, aber es ist doch so, Du bist nicht der Gegenstand des Stadtgespräches, von wie vielen Dingen man auch spricht, Du bist nicht darunter, die Welt geht ihren Gang, und Du machst Deine Fahrt, aber niemals bis heute habe ich bemerkt, daß Ihr Euch gekreuzt hättet."

"Das sind Deine Beobachtungen, mein Lieber, andere haben andere Beobachtungen gemacht. Es gibt hier nur zwei Möglichkeiten. Entweder verschweigst Du, was Du von mir weißt und hast irgendeine bestimmte Absicht dabei. Für diesen Fall sage ich Dir ganz frei: Du bist auf einem Abweg. Oder aber: Du glaubst Dich tatsächlich nicht an mich erinnern zu können, weil Du meine Geschichte mit einer andern verwechselst. Für diesen Fall sage ich Dir nur: Ich bin – Nein ich kann nicht, jeder weiß es und gerade ich soll es Dir erzählen! Es ist so lange her. Frage die Geschichtsschreiber! Sie sehen in ihrer Stube mit offenem Mund das längst Geschehene und beschreiben es unaufhörlich. Gehe zu ihnen und komm dann wieder. Es ist so lange her. Wie soll ich denn das in diesem übervollen Gehirn bewahren. "

"Warte, Gracchus, ich werde es Dir erleichtern, ich werde Dich fragen. Woher stammst Du?"

"Aus dem Schwarzwald wie allbekannt. "

"Natürlich, aus dem Schwarzwald. Und dort hast Du also im vierten Jahrhundert etwa gejagt. "

"Mensch, kennst Du den Schwarzwald?"

"Nein. "

"Du kennst wirklich gar nichts. Das kleine Kind des Steuermanns weiß mehr als Du, aber wahrhaftig, viel mehr. Wer nur hat Dich hereingetrieben. Es ist ein Verhängnis. Deine anfängliche Bescheidenheit war tatsächlich nur allzu gut begründet. Ein Nichts bist Du, das ich mit Wein anfülle. Nun kennst Du also nicht einmal den Schwarzwald. Bis zum fünfundzwanzigsten Jahr habe ich dort gejagt. Hätte mich nicht die Gemse verlockt – so, nun weißt Du es – hätte ich ein langes schönes Jägerleben gehabt, aber die Gemse lockte mich, ich stürzte ab und schlug mich auf Steinen tot. Frag nicht weiter. Hier bin ich, tot, tot, tot. Weiß nicht, warum ich hier bin. Wurde damals aufgeladen auf den Todeskahn, wie es sich gebürt, ein armseliger Toter, die drei, vier Hantierungen wurden mit mir gemacht, wie mit jedem, warum Ausnahmen machen mit dem Jäger Gracchus, alles war in Ordnung, ausgestreckt lag ich im Kahn,

Wir alle kennen den Rotpeter, so wie ihn die halbe Welt kennt. Aber als er zu einem Gastspiel in unsere Stadt kam, beschloß ich ihn näher, ihn persönlich kennen zu lernen. Es ist nicht schwer vorgelassen zu werden. In großen Städten, wo alles, gewitzt, nur danach verlangt die Berühmtheiten aus nächster Nähe atmen zu sehn, mag es gewisse Schwierigkeiten haben, in unserer Stadt aber bescheidet man sich, das Staunenswerte vom Parterreplatz aus anzustaunen, ich war daher, wie mir der Hoteldiener sagte, bisher der einzige, der seinen Besuch angemeldet hatte. Herr Busenau, der Impresario empfieng mich überaus freundlich. Ich hatte nicht erwartet in ihm einen so bescheidenen, ja fast kleinmütigen Mann anzutreffen. Er saß im Vorzimmer der Wohnung Rotpeters und aß eine Eierspeise. Trotzdem Vormittag war, saß er doch schon im Abendfrack, in dem er bei den Vorstellungen erscheint. Kaum erblickte er mich, den fremden bedeutungslosen Gast, sprang er, der Besitzer höchster Orden, der König der Dresseure, der Ehrendoktor der großen Universitäten, – sprang er auf, schüttelte mir die Hände, nötigte mich zum Sitzen, wischte seinen Löffel am Tischtuch ab und bot mir ihn freundschaftlichst an, damit ich die Eierspeise zuende esse. Meinen ablehnenden Dank ließ er nicht gelten und wollte nun anfangen selbst mich zu füttern. Ich hatte Mühe ihn zu beruhigen, und ihn mit Teller und Löffel zurückzudrängen. "Sehr liebenswürdig daß Sie gekommen sind", sagte er dann mit stark fremdländischer Betonung, "wirklich liebenswürdig. Auch kommen Sie zu richtiger Stunde, nicht immer, leider nicht immer kann Rotpeter empfangen, es widersteht ihm oft Menschen zu sehn; dann wird niemand, wer es auch sei, vorgelassen, selbst ich, selbst ich darf dann nur gewissermaßen geschäftlich mit ihm verkehren, auf der Bühne. Aber gleich nach der Vorstellung muß ich verschwinden, er fährt allein nachhause, sperrt sich in seine Zimmer ab und bleibt so meist wieder bis zum nächsten Abend. Einen großen Reisekorb voll Früchte hat er immer im Schlafzimmer, davon nährt er sich dann in solchen Fällen. Ich aber der ich ihn natürlich nicht ohne Aufsicht lassen darf, miete immer die gegenüberliegende Wohnung und beobachte ihn hinter Vorhängen. "

"Wenn ich Ihnen, Rotpeter, hier so gegenübersitze, Sie reden höre, Ihnen zutrinke, wahrhaftig – ob Sie es nun als Kompliment auffassen oder nicht, es ist aber nur die Wahrheit – ich vergesse dann ganz, daß Sie ein Schimpanse sind. Erst nach und nach, wenn ich mich aus den Gedanken zur Wirklichkeit zurückzwinge, zeigen mir wieder die Augen wessen Gast ich bin. "

"Ja. "

"Sie sind so still geworden, warum denn? Haben mir noch gerade jetzt so staunenswert richtige Urteile über unsere Stadt gesagt und sind jetzt so still. "

"Still? "

"Fehlt Ihnen etwas? Soll ich den Dresseur rufen? Vielleicht sind Sie gewohnt um diese Stunde eine Mahlzeit einzunehmen? "

"Nein, nein. Es ist auch schon gut. Ich kann Ihnen auch sagen was es war. Manchmal überkommt mich ein solcher Widerwille vor Menschen, daß ich dem Brechreiz kaum widerstehen kann. Das hat natürlich nichts mit dem einzelnen zu tun, nichts mit Ihrer liebenswürdigen Gegenwart. Es geht gegen alle Menschen. Es ist das auch nichts merkwürdiges, sollten Sie z. 8. mit Affen ständig zusammenleben, hätten Sie bei aller Selbstbeherrschung gewiß ähnliche Anfälle. Im übrigen ist es auch nicht eigentlich der Geruch der Mitmenschen, der mich so anwidert, sondern der Menschengeruch, den ich angenommen habe und der sich mit dem Geruch aus meiner alten Heimat mischt. Bitte riechen Sie selbst! Hier auf der Brust! Tiefer die Nase ins Fell! Tiefer, sage ich. "

"Ich kann leider nichts besonderes riechen. Der gewöhnliche Geruch eines gepflegten Körpers, sonst nichts. Allerdings, die Nasen der Stadtmenschen sind hier nicht maßgebend. Sie wittern natürlich tausenderlei das an uns vorüberweht. "

"Früher, mein Herr, früher. Das ist vorüber. "

"Da Sie selbst davon beginnen wage ich die Frage: Wie lange leben Sie eigentlich unter uns?"

"Fünf Jahre, am fünften August werden es fünf Jahre. "

"Unerhörte Leistung. In fünf Jahren das Affentum abwerfen und die ganze Menschheitsentwicklung durchzugallopieren. Das hat wahrhaftig noch niemand getan. Auf dieser Rennbahn sind Sie ganz allein. "

"Ich weiß es ist viel und manchmal geht es auch über meine Begriffe. In ruhigen Stunden aber urteile ich nicht so überschwänglich. Wissen Sie wie ich gefangen wurde?"

"Was über Sie gedruckt worden ist, habe ich alles gelesen. Sie wurden angeschossen und dann gefangen. "

"Ja, ich bekam zwei Schüsse, hier in die Wange einen, die Wunde war natürlich viel größer, als die Narbe jetzt, und einen Schuß unterhalb der Hüfte. Ich werde die Hose ausziehn, damit Sie auch diese Narbe sehn. Hier also war der Einschuß, das war die entscheidende schwere Wunde, ich fiel vom Baum und als ich aufwachte war ich in einem Käfig im Zwischendeck. "

"Im Käfig! Im Zwischendeck! Anders liest man davon und anders faßt man es auf, wenn man Sie selbst es erzählen hört. "

"Und noch anders, wenn man es selbst erlebt hat mein Herr. Ich hatte bis dahin nicht gewußt, was es bedeutet: keinen Ausweg haben. Es war kein vierwandiger Gitterkäfig, vielmehr waren nur drei Wände an einer Kiste festgemacht, die Kiste bildete die vierte Wand. Das ganze war so niedrig daß ich nicht aufrecht stehn konnte, und so schmal daß ich nicht einmal sitzen konnte. Ich konnte also nur mit eingebogenen Knien dort hocken. In meiner Wut wollte ich niemand sehn und blieb deshalb zur Kiste gewendet, so lauerte ich dort mit zitternden Knien Tage und Nächte und hinten schnitten sich die Gitterstäbe in mich ein. Man hält eine solche Verwahrung wilder Tiere in der allerersten Zeit für vorteilhaft und ich kann nach meiner Erfahrung nicht leugnen, daß dies im menschlichen Sinn tatsächlich der Fall ist. Aber am menschlichen Sinn lag mir damals noch nichts. Ich hatte die Kiste vor mir. Öffne die Bretterwand, beiße ein Loch durch, presse Dich durch eine Lücke, die in Wirklichkeit kaum den Blick durchläßt und die Du bei der ersten Entdeckung mit dem glückseligen Heulen des Unverstands begrüßest. Wohin willst Du? Hinter dem Brett fängt der Wald an,

Sommer war es, wir lagen im Gras, müde waren wir, Abend, Abend kam, läßt Du uns hier liegen. Bleibet liegen

Meine zwei Hände begannen einen Kampf. Das Buch in dem ich gelesen hatte, klappten sie zu und schoben es bei Seite, damit es nicht störe. Mir salutierten sie und ernannten mich zum Schiedsrichter. Und schon hatten sie die Finger ineinander verschränkt und schon jagten sie am Tischrand hin, bald nach rechts bald nach links je nach dem Überdruck der einen oder der andern. Ich ließ keinen Blick von ihnen. Sind es meine Hände, muß ich ein gerechter Richter sein, sonst halse ich mir selbst die Leiden eines falschen Schiedsspruchs auf. Aber mein Amt ist nicht leicht, im Dunkel zwischen den Handtellern werden verschiedene Kniffe angewendet, die ich nicht unbeachtet lassen darf, ich drücke deshalb das Kinn an den Tisch und nun entgeht mir nichts. Mein Leben lang habe ich die Rechte, ohne es gegen die Linke böse zu meinen, bevorzugt. Hätte doch die Linke einmal etwas gesagt, ich hätte, nachgiebig und rechtlich wie ich bin, gleich den Mißbrauch eingestellt. Aber sie muckste nicht, hing an mir hinunter und während etwa die Rechte auf der Gasse meinen Hut schwang, tastete die Linke ängstlich meinen Schenkel ab. Das war eine schlechte Vorbereitung zum Kampf, der jetzt vor sich geht. Wie willst Du auf die Dauer, linkes Handgelenk, gegen diese gewaltige Rechte Dich stemmen? Wie Deine mädchenhaften Finger in der Klemme der fünf andern behaupten? Das scheint mir kein Kampf mehr, sondern natürliches Ende der Linken. Schon ist sie in die äußerste linke Ecke des Tisches gedrängt, und an ihr regelmäßig auf und nieder schwingend wie ein Maschinenkolben die Rechte. Bekäme ich angesichts dieser Not nicht den erlösenden Gedanken, daß es meine eigenen Hände sind, die hier im Kampf stehn und daß ich sie mit einem leichten Ruck von einander wegziehn kann und damit Kampf und Not beenden – bekäme ich diesen Gedanken nicht, die Linke wäre aus dem Gelenk gebrochen vom Tisch geschleudert und dann vielleicht die Rechte in der Zügellosigkeit des Siegers wie der fünfköpfige Höllenhund mir selbst ins aufmerksame Gesicht gefahren. Statt dessen liegen die zwei jetzt übereinander, die Rechte streichelt den Rücken der Linken, und ich unehrlicher Schiedsrichter nicke dazu.

Hohe Herren von der Akademie!

Sie erweisen mir die Ehre mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen.

In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. Nahezu fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugallopieren, so wie ich es getan habe, streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen, Ratschlägen, Beifall und Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit vor der Barriere. Diese Leistung wäre unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot das ich mir auferlegt hatte; ich freier Affe fügte mich diesem Joch. Dadurch verschlossen sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer mehr. War mir zuerst die Rückkehr, wenn die Menschen gewollt hätten, freigestellt durch das ganze Tor das der Himmel über der Erde bildet, wurde es gleichzeitig mit meiner vorwärtsgepeitschten Entwicklung immer niedriger und enger; wohler und eingeschlossener fühlte ich mich in der Menschenwelt; der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit nachblies daß es mir im Rücken schauerte, sänftigte sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die Fersen kühlt, und das Loch in der Ferne durch das er kommt und durch das ich einstmals kam, ist so klein geworden, daß ich, wenn überhaupt die Kräfte und der Wille hinreichen würden um bis dorthin zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden müßte, um durchzukommen. Offen gesprochen, so gerne ich auch Bilder wähle für diese Dinge, offen gesprochen: Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine. An der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht; den kleinen Schimpansen wie den großen Achilles.

In eingeschränktestem Sinne aber kann ich doch vielleicht Ihre Anfrage beantworten und ich tue es sogar mit großer Freude. Das erste was ich lernte war: den Handschlag geben; Handschlag bezeugt Offenheit; mag nun heute, wo ich auf dem Höhepunkt meiner Laufbahn stehe, zu jenem ersten Handschlag auch das offene Wort hinzukommen. Es wird für die Akademie nichts wesentlich Neues beibringen und weit hinter dem zurückbleiben, was man von mir verlangt hat und was ich beim besten Willen nicht sagen kann – immerhin, es soll doch die Richtlinie zeigen, auf welcher ein gewesener Affe in die Menschenwelt eingedrungen ist und sich dort festgesetzt hat.

Aber selbst das Geringfügige was folgt könnte ich nicht sagen, wenn ich meiner nicht völlig sicher wäre und meine Stellung auf allen großen Varietebühnen der civilisierten Welt sich bis zur Unerschütterlichkeit gefestigt hätte:

Ich stamme von der Goldküste. Darüber wie ich eingefangen wurde bin ich auf fremde Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck – mit dem Führer habe ich übrigens seither schon manche gute Flasche Rotwein geleert – lag im Ufergebüsch auf dem Anstand als ich am Abend inmitten eines Rudels zur Tränke lief. Man schoß, ich war der einzige der getroffen wurde, ich bekam zwei Schüsse, einen in die Wange, der war leicht, hinterließ aber eine große ausrasierte rote Narbe, die mir den widerlichen ganz und gar unzutreffenden, förmlich von einem Affen erfundenen Namen Rotpeter eingetragen hat, so als unterschiede ich mich von dem unlängst krepierten, hie und da bekannten dressierten Affentier Peter nur durch den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei. Der zweite Schuß traf mich unterhalb der Hüfte. Er war schwer, er hat es verschuldet daß ich noch heute ein wenig hinke. Letzthin las ich in einem Aufsatz irgendeines der zehntausend Windhunde die sich in den Zeitungen über mich auslassen, meine Affennatur sei noch nicht ganz unterdrückt; Beweis dessen sei, daß ich wenn Besucher kommen, mit Vorliebe die Hosen ausziehe, um die Einlaufstelle jenes Schusses zu zeigen. Dem Kerl sollte jedes Fingerchen seiner schreibenden Hand einzeln weggeknallt werden. Ich, ich darf meine Hosen ausziehn vor wem es mir beliebt; man wird dort nichts finden als einen wohlgepflegten Pelz und die Narbe nach einem – wählen wir hier zu einem bestimmten Zweck ein bestimmtes Wort, das aber nicht mißverstanden werden wolle – die Narbe nach einem frevelhaften Schuß. Alles liegt offen zutage, nichts ist zu verbergen, kommt es auf Wahrheit an wirft jeder Großgesinnte die allerfeinsten Manieren ab. Würde dagegen jener Schreiber die Hosen ausziehn, wenn Besuch kommt, so hätte das allerdings ein anderes Ansehn und ich will es als Zeichen der Vernunft gelten lassen, daß er es nicht tut. Aber dann soll er mir auch mit seinem Zartsinn vom Halse bleiben.

Nach jenen Schüssen erwachte ich – und hier beginnt allmählich meine eigene Erinnerung – in einem Käfig im Zwischendeck des Hagenbeckschen Dampfers. Es war kein vierwandiger Gitterkäfig, vielmehr waren nur drei Wände an einer Kiste festgemacht, die Kiste also bildete die vierte Wand. Das ganze war zu niedrig zum aufrecht stehn und zu schmal zum niedersitzen. Ich hockte deshalb mit eingebogenen ewig zitternden Knien undzwar da ich zunächst wahrscheinlich niemanden sehen und immer nur im Dunkel sein wollte, zur Kiste gewendet, während sich mir hinten die Gitterstäbe ins Fleisch einschnitten. Man hält eine solche Verwahrung wilder Tiere in der allerersten Zeit für vorteilhaft und ich kann heute nach meiner Erfahrung nicht leugnen, daß dies im menschlichen Sinn tatsächlich der Fall ist.

Damals aber war ich zum erstenmal in meinem Leben ohne Ausweg; zumindest geradeaus gieng es nicht, geradeaus vor mir war die Kiste, Brett fest an Brett gefügt. Zwar war zwischen den Brettern immerhin eine durchlaufende Lücke, die ich als ich sie zuerst entdeckte mit dem glückseligen Heulen des Unverstandes begrüßte, aber diese Lücke reichte beiweitem nicht einmal zum Durchstecken des Schwanzes und war mit aller Affenkraft nicht zu verbreitern.

Ich soll, wie man mir später sagte, ungewöhnlich wenig Lärm gemacht haben, woraus man schloß, daß ich entweder bald eingehn werde oder daß ich, falls es mir gelinge die erste kritische Zeit zu überleben, sehr dressurfähig sein werde. Ich überlebte diese Zeit. Dumpfes Schluchzen, schmerzhaftes Flöhesuchen, müdes Lecken einer Kokosnuß, Beklopfen der Kistenwand mit dem Schädel, Zungen-Blecken, wenn mir jemand nahekam – das waren meine ersten Beschäftigungen in dem neuen Leben. In alledem aber doch nur das eine Gefühl: kein Ausweg. Ich kann natürlich das damals affenmäßig Gefühlte heute nur mit Menschenworten nachzeichnen und verzeichne es infolgedessen, aber wenn ich auch die alte Affenwahrheit nicht mehr erreichen kann, wenigstens in der Richtung meiner Schilderung liegt sie, daran ist kein Zweifel. Einen Ausweg wollte ich.

Ich hatte doch soviele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich war festgerannt. Hätte man mich angenagelt, meine Freizügigkeit wäre dadurch nicht kleiner geworden. Warum das? Kratz Dir das Fleisch zwischen den Fußzehen auf, Du wirst den Grund nicht finden. Drück Dich auf und abgleitend hinten gegen die Gitterstange, bis sie Dich fast zweiteilt, Du wirst den Grund nicht finden. Ich hatte keinen Ausweg, mußte mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben. Immer an dieser Kistenwand – ich wäre unweigerlich verreckt. Aber Affen gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand – nun so hörte ich auf Affe zu sein. Ein klarer schöner Gedankengang, den ich irgendwie in meinem Bauch ausgeheckt haben muß, denn Affen denken mit dem Bauch.

Ich habe Angst daß man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem gewöhnlichsten und vollsten Sinn. Ich sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses große Gefühl der Freiheit nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht und ich habe Menschen kennen gelernt, die sich danach sehnen. Was mich aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute. Nebenbei: Mit Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzu oft. Und so wie die Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende Täuschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den Varietes vor meinem Auftreten irgendein Künstlerpaar oben an der Decke an Trapezen hantieren sehn. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten einander in die Arme, einer trug den andern an den Haaren mit dem Gebiß. "Auch das ist Menschenfreiheit", dachte ich, "selbstherrliche Bewegung. " Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau würde standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem Anblick.

Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg. Wenn ich an irgendeine Stelle gekommen wäre, wollte ich nicht festgehalten werden von einer Kistenwand oder etwas Ähnlichem sondern einen Ausweg haben, rechts, links, wohin immer, ich stellte keine anderen Forderungen, sollte der Ausweg auch nur eine Täuschung sein, die Forderung war klein, die Täuschung würde nicht größer sein. Weiterkommen, nur weiterkommen, nur nicht mit aufgehobenen Armen stillstehn angedrückt an einer Kistenwand.

Heute sehe ich klar: ohne größte innere Ruhe hätte ich das nie erreichen können. Und tatsächlich verdanke ich vielleicht alles was ich geworden bin, der Ruhe, die mich nach den ersten Tagen dort im Schiff überkam. Diese Ruhe wiederum aber verdankte ich wohl den Leuten vom Schiff. Es sind gute Menschen trotz allem. Gern erinnere ich mich noch heute an den Klang ihrer schweren Schritte, der damals in meinem Halbschlaf widerhallte. Sie hatten die Gewohnheit alles äußerst langsam in Angriff zu nehmen. Wollte sich einer die Augen reiben, so hob er die Hand wie ein Hängegewicht. Ihre Scherze waren grob aber herzlich. Ihr Lachen war immer mit einem gefährlich klingenden aber nichts bedeutenden Husten gemischt. Immer hatten sie im Mund etwas zum Ausspeien und wohin sie ausspien war ihnen gleichgültig. Immer klagten sie daß meine Flöhe auf sie überspringen, aber doch waren sie mir deshalb niemals ernstlich böse; sie wußten eben daß in meinem Fell Flöhe gedeihen und daß Flöhe Springer sind; damit fanden sie sich ab. Wenn sie dienstfrei waren, setzten sich manchmal einige im Halbkreis um mich nieder; sprachen kaum, sondern gurrten einander nur zu; rauchten auf Kisten ausgestreckt die Pfeifen; schlugen sich aufs Knie sobald ich die geringste Bewegung machte und hie und da nahm einer einen Stecken und kitzelte mich dort, wo es mir angenehm war. Sollte ich heute eingeladen werden, eine Fahrt auf diesem Schiff mitzumachen, ich würde die Einladung gewiß ablehnen, aber ebenso gewiß ist, daß es nicht nur häßliche Erinnerungen sind, denen ich dort im Zwischendeck nachhängen würde.

Die Ruhe die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich vor allem von jedem Fluchtversuch ab. Von heute aus gesehen scheint es, als hätte ich wenigstens geahnt, daß ich einen Ausweg finden müsse wenn ich leben wolle, daß dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu erreichen sei. Ich weiß nicht mehr ob Flucht möglich war, aber ich glaube es; einem Affen sollte Flucht immer möglich sein. Mit meinen heutigen Zähnen muß ich schon beim gewöhnlichen Nüsseknacken vorsichtig sein, damals aber hätte es mir wohl im Lauf der Zeit gelingen müssen, das Schloß der Tür durchzubeißen. Ich tat es nicht. Was wäre damit auch gewonnen gewesen. Man hätte mich, kaum war der Kopf hinausgesteckt, wieder eingefangen und in einen noch schlimmeren Käfig gesperrt oder ich hätte mich unbemerkt zu anderen Tieren etwa zu den Riesenschlangen mir gegenüber flüchten können und hätte in ihren Umarmungen mich ausgehaucht oder es wäre mir gar gelungen mich bis aufs Deck zu stehlen und über Bord zu springen, dann hätte ich ein Weilchen auf dem Weltmeer geschaukelt und wäre ersoffen. Verzweiflungstaten. Ich rechnete nicht so menschlich, aber unter dem Einfluß meiner Umgebung verhielt ich mich so, wie wenn ich gerechnet hätte.

Ich rechnete nicht, wohl aber beobachtete ich in aller Ruhe. Ich sah diese Menschen auf und ab gehn, immer die gleichen Gesichter, die gleichen Bewegungen, oft schien es mir als wäre es nur einer. Dieser Mensch oder diese Menschen giengen also unbehelligt. Ein hohes Ziel dämmerte mir auf. Niemand versprach mir, daß wenn ich so wie sie werden würde, das Gitter aufgezogen werde. Solche Versprechungen für scheinbar unmögliche Erfüllungen werden nicht gegeben. Löst man aber die Erfüllungen ein, erscheinen nachträglich auch die Versprechungen dort wo man sie früher gesucht hat. Nun war an diesen Menschen an sich nichts was mich sehr verlockte. Wäre ich ein Anhänger jener erwähnten Freiheit, ich hätte gewiß das Weltmeer dem Ausweg vorgezogen der sich mir im Blick dieser Menschen öffnete.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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