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2017/05/23 - 16:53

Oktavheft B (I, 19)

Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich, diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm hatte ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. So lag ich und wartete; ich mußte warten; ohne abzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören Brücke zu sein. Einmal gegen Abend, war es der erste war es der tausendste, ich weiß nicht, meine Gedanken giengen immer in einem Wirrwarr, und immer immer in der Runde – gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, hörte ich einen Mannesschritt. Zu mir, zu mir. Strecke Dich Brücke, setze Dich in Stand, geländerloser Balken, halte den Dir Anvertrauten, die Unsicherheiten seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib Dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ans Land. Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir, in mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich weit umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehn. Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich so friedlich immer angestarrt hatten aus dem rasenden Wasser.

Zwei Knaben saßen auf der Quaimauer und spielten Würfel. Ein Mann las eine Zeitung auf den Stufen eines Denkmals im Schatten des säbelschwingenden Helden. Ein Mädchen am Brunnen füllte Wasser in ihre Bütte. Ein Obstverkäufer lag neben seiner Ware und blickte auf den See hinaus. In der Tiefe einer Kneipe sah man durch die leeren Tür- und Fensterlöcher zwei Männer beim Wein. Der Wirt saß vorn auf einem Tisch und schlummerte. Eine Barke schwebte leise als werde sie über dem Wasser getragen in den kleinen Hafen. Ein Mann in blauem Kittel stieg ans Land und zog die Seile durch die Ringe. Zwei andere Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen trugen hinter dem Bootsmann eine Bahre auf der unter einem großen blumengemusterten gefransten Seidentuch offenbar ein Mensch lag. Auf dem Quai kümmerte sich niemand um die Ankömmlinge, selbst als sie die Bahre niederstellten um auf den Bootsführer zu warten, der noch an den Seilen arbeitete, trat niemand heran, niemand richtete eine Frage an sie, niemand sah sie genauer an. Der Führer wurde noch ein wenig aufgehalten durch eine Frau, die ein Kind an der Brust mit aufgelösten Haaren sich jetzt auf Deck zeigte. Dann kam er, wies auf ein gelbliches zweistöckiges Haus, das sich links nahe beim Wasser geradlinig erhob, die Träger nahmen die Last auf und trugen sie durch das niedrige aber von schlanken Säulen gebildete Tor. Ein kleiner Junge öffnete ein Fenster, bemerkte noch gerade wie der Trupp im Haus verschwand und schloß das Fenster wieder eilig. Auch das Tor wurde nun geschlossen, es war aus schwerem Eichenholz sorgfältig gefügt. Ein Taubenschwarm der bisher den Glockenturm umflogen hatte, ließ sich jetzt auf dem Platz vor dem Hause nieder. Als werde im Hause ihre Nahrung aufbewahrt, sammelten sich die Tauben vor dem Tor. Eine flog bis zum ersten Stock auf und pickte an die Fensterscheibe. Es waren hellfarbige, wohlgepflegte lebhafte Tiere. In großem Schwung warf ihnen die Frau aus der Barke Körner hin, sie sammelten sie auf und flogen dann zur Frau hinüber. Ein alter Mann in Cylinderhut mit Trauerband kam eine der schmalen stark abfallenden Gäßchen, die zum Hafen führten herab. Er blickte aufmerksam umher, alles bekümmerte ihn, der Anblick von Unrat in einem Winkel ließ ihn das Gesicht verzerren, auf den Stufen des Denkmals lagen Obstschalen, er schob sie im Vorübergehn mit seinem Stock hinunter. An der Säulentür klopfte er an, gleichzeitig nahm er den Cylinderhut in seine schwarz behandschuhte Rechte. Gleich wurde geöffnet, wohl fünfzig kleine Knaben bildeten ein Spalier im langen Flurgang und verbeugten sich. Der Bootsführer kam die Treppe herab, begrüßte den Herrn, führte ihn hinauf, im ersten Stockwerk umgieng er mit ihm den von leicht gebauten Loggien umgebenen Hof und beide traten, während die Knaben in respektvoller Entfernung nachdrängten in einen kühlen großen Raum an der Hinterseite des Hauses, dem gegenüber kein Haus mehr, sondern nur eine kahle grauschwarze Felsenwand zu sehen war. Die Träger waren damit beschäftigt zu Häupten der Bahre einige lange Kerzen aufzustellen und anzuzünden; aber Licht entstand dadurch nicht, es wurden förmlich nur die früher ruhenden Schatten aufgescheucht und flackerten über die Wände. Von der Bahre war das Tuch zurückgeschlagen. Es lag dort ein Mann mit wild durcheinandergewachsenem Haar und Bart, gebräunter Haut, etwa einem Jäger gleichend. Er lag bewegungslos, scheinbar atemlos, mit geschlossenen Augen da, trotzdem deutete nur die Umgebung an, daß es vielleicht ein Toter war.

Der Herr trat zur Bahre, legte eine Hand dem Daliegenden auf die Stirn, kniete dann nieder und betete. Der Bootsführer winkte den Trägern, das Zimmer zu verlassen, sie giengen hinaus, vertrieben die Knaben, die sich draußen angesammelt hatten und schlossen die Tür. Dem Herrn schien aber auch diese Stille noch nicht zu genügen, er sah den Bootsführer an, dieser verstand und gieng durch eine Seitentür ins Nebenzimmer. Sofort schlug der Mann auf der Bahre die Augen auf, wandte schmerzlich lächelnd das Gesicht dem Herrn zu und sagte: "Wer bist Du? " Der Herr erhob sich ohne sichtbares Staunen aus seiner knieenden Stellung und antwortete: "Der Bürgermeister von Riva. " Der Mann auf der Bahre nickte, zeigte mit schwach ausgestrecktem Arm auf einen Sessel und sagte, nachdem der Bürgermeister seiner Einladung gefolgt war: "Ich wußte es ja Herr Bürgermeister, aber im ersten Augenblick habe ich immer alles vergessen, alles geht mir in der Runde und es ist besser ich frage, auch wenn ich alles weiß. Auch Sie wissen wahrscheinlich, daß ich der Jäger Gracchus bin. " "Gewiß", sagte der Bürgermeister, "Sie wurden mir heute in der Nacht angekündigt. Wir schliefen längst. Da rief gegen Mitternacht meine Frau: >Salvatore< – so heiße ich – >sieh die Taube im Fenster.< Es war wirklich eine Taube, aber groß wie ein Hahn. Sie flog zu meinem Ohr und sagte: >Morgen kommt der tote Jäger Gracchus, empfange ihn im Namen der Stadt."< Der Jäger nickte und zog die Zungenspitze zwischen den Lippen durch: "Ja die Tauben fliegen vor mir her. Glauben Sie aber Herr Bürgermeister daß ich in Riva bleiben soll?" "Das kann ich noch nicht sagen", antwortete der Bürgermeister. "Sind Sie tot?" "Ja", sagte der Jäger, "wie Sie sehn. Vor vielen Jahren, es müssen aber schon ungemein viel Jahre sein, stürzte ich im Schwarzwald, das ist in Deutschland, von einem Felsen, als ich eine Gemse verfolgte. Seitdem bin ich tot. " "Aber Sie leben doch auch" sagte der Bürgermeister. "Gewissermaßen", sagte der Jäger, "gewissermaßen lebe ich auch. Mein Todeskahn verfehlte die Fahrt, eine falsche Drehung des Steuers, ein Augenblick der Unaufmerksamkeit des Führers, eine Ablenkung durch meine wunderschöne Heimat, ich weiß nicht was es war, nur das weiß ich, daß ich auf der Erde blieb und daß mein Kahn seither die irdischen Gewässer befährt. So reise ich, der nur in seinen Bergen leben wollte, nach meinem Tode durch alle Länder der Erde." "Und Sie haben keinen Teil am Jenseits?" fragte der Bürgermeister mit gerunzelter Stirne. "Ich bin", antwortete der Jäger, "immer auf der großen Treppe die hinaufführt. Auf dieser unendlich weiten Freitreppe treibe ich mich herum, bald oben bald unten, bald rechts bald links, immer in Bewegung. Nehme ich aber den größten Aufschwung und leuchtet mir schon oben das Tor, erwache ich auf meinem alten in irgendeinem irdischen Gewässer öde steckenden Kahn. Der Grundfehler meines einstmaligen Sterbens umgrinst mich in meiner Kajüte, Julia die Frau des Bootsführers klopft und bringt mir zu meiner Bahre das Morgengetränk des Landes, dessen Küste wir gerade befahren. " "Ein schlimmes Schicksal", sagte der Bürgermeister mit abwehrend erhobener Hand. "Und Sie tragen gar keine Schuld daran? " "Keine", sagte der Jäger, "ich war Jäger, ist das etwa eine Schuld? Aufgestellt war ich als Jäger im Schwarzwald, wo es damals noch Wölfe gab. Ich lauerte auf, schoß, traf, zog das Fell ab, ist das eine Schuld? Meine Arbeit wurde gesegnet. Der große Jäger vom Schwarzwald hieß ich. Ist das eine Schuld?" "Ich bin nicht berufen, das zu entscheiden", sagte der Bürgermeister, "doch scheint auch mir keine Schuld darin zu liegen. Aber wer trägt dann die Schuld?" "Der Bootsmann", sagte der Jäger

Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich. Diese Tatsache kann man sogar durch das Gehör nachprüfen. Wenn einer schnell geht und man hinhorcht, etwa in der Nacht wenn alles ringsherum still ist, so hört man z. B. das Scheppern eines nicht genug befestigten Wandspiegels oder der Schirm

"Und nun gedenken Sie bei uns in Riva zu bleiben?" fragte der Bürgermeister. "Ich gedenke nicht", sagte der Jäger lächelnd und legte um den Spott gutzumachen die Hand auf das Knie des Bürgermeisters. "Ich bin hier, mehr weiß ich nicht, mehr kann ich nicht tun. Mein Kahn ist ohne Steuer, er fährt mit dem Wind der in den untersten Regionen des Todes bläst. "

Ich bin der Jäger Gracchus, meine Heimat ist der Schwarzwald in Deutschland.

Niemand wird lesen, was ich hier schreibe; niemand wird kommen, mir zu helfen; wäre als Aufgabe gesetzt mir zu helfen, so blieben alle Türen aller Häuser geschlossen, alle Fenster geschlossen, alle lägen in den Betten, die Decken über den Kopf geschlagen, eine nächtliche Herberge die ganze Erde. Das hat guten Sinn, denn niemand weiß von mir, und wüßte er von mir so wüßte er meinen Aufenthalt nicht und wüßte er meinen Aufenthalt, so wüßte er mich dort nicht festzuhalten und wüßte er mich dort festzuhalten so wüßte er nicht wie mir helfen. Der Gedanke mir helfen zu wollen ist eine Krankheit und muß im Bett geheilt werden.

Das weiß ich und schreibe also nicht um Hilfe herbeizurufen, selbst wenn ich in Augenblicken, unbeherrscht wie ich bin, z. B. gerade jetzt sehr stark daran denke. Aber es genügt wohl zum Austreiben solcher Gedanken, wenn ich umherblicke und mir vergegenwärtige, wo ich bin und – das darf ich wohl behaupten – seit Jahrhunderten wohne. Ich liege während ich dieses schreibe auf einer Holzpritsche, habe – es ist kein Vergnügen mich zu betrachten – ein schmutziges Totenhemd an, Haar und Bart, grau und schwarz geht unentwirrbar durcheinander, meine Beine sind mit einem großen seidenen blumengemusterten langgefransten Frauentuch bedeckt. Zu meinen Häupten steht eine Kirchenkerze und leuchtet mir. Auf der Wand mir gegenüber ist ein kleines Bild, ein Buschmann offenbar, der mit einem Speer nach mir zielt und hinter einem großartig bemalten Schild sich möglichst deckt. Man begegnet auf Schiffen manchen dummen Darstellungen, diese ist aber eine der dümmsten. Sonst ist mein Holzkäfig ganz leer. Durch eine Luke der Seitenwand kommt die warme Luft der südlichen Nacht und ich höre das Wasser an die alte Barke schlagen.

Hier liege ich seit damals, als ich, noch lebender Jäger Gracchus, zuhause im Schwarzwald eine Gemse verfolgte und abstürzte. Alles ging der Ordnung nach. Ich verfolgte, stürzte ab, verblutete in einer Schlucht, war tot und diese Barke sollte mich ins Jenseits tragen. Ich erinnere mich noch wie fröhlich ich mich hier auf der Pritsche ausstreckte zum erstenmal, niemals hatten die Berge solchen Gesang von mir gehört, wie diese vier damals noch dämmerigen Wände. Ich hatte gern gelebt und war gern gestorben, glücklich warf ich, ehe ich den Bord betrat, das Lumpenpack der Büchse, der Tasche, des Jagdrocks von mir hinunter, das ich immer stolz getragen hatte und in das Totenhemd schlüpfte ich wie ein Mädchen ins Hochzeitskleid. Hier lag ich und wartete.

Dann geschah

Der Kübelreiter

Verbraucht alle Kohle, leer der Kübel, sinnlos die Schaufel, Kälte atmend der Ofen, das Zimmer vollgeblasen von Frost, vor dem Fenster Bäume starr im Reif, der Himmel ein silberner Schild gegen den, der von ihm Hilfe will. Ich muß Kohle haben, ich darf doch nicht erfrieren, hinter mir der erbarmungslose Ofen, vor mir der Himmel ebenso, infolgedessen muß ich scharf zwischendurch reiten und in der Mitte beim Kohlenhändler Hilfe suchen. Gegen meine gewöhnlichen Bitten aber ist er schon abgestumpft, ich muß ihm ganz genau nachweisen, daß ich kein einziges Kohlenstäubchen mehr habe und daß er daher für mich geradezu die Sonne am Firmament bedeutet. Ich muß kommen wie der Bettler der röchelnd vor Hunger an der Türschwelle verenden will und dem deshalb die Herrschaftsköchin den Bodensatz des letzten Kaffees einzuflößen sich entscheidet, ebenso muß mir der Händler wütend, aber unter dem Strahl des Gebotes "Du sollst nicht töten", eine Schaufel voll in den Kübel schleudern.

Meine Auffahrt schon muß es entscheiden, ich reite deshalb auf dem Kübel hin. Als Kübelreiter, die Hand oben am Griff, dem einfachsten Zaumzeug, drehe ich mich beschwerlich die Treppe hinab, unten aber steigt mein Kübel auf, prächtig, prächtig, Kameele niedrig am Boden hingelagert steigen sich schüttelnd unter dem Stock des Führers nicht schöner auf. Durch die festgefrorene Gasse geht es in ebenmäßigem Trab, oft werde ich bis zur Höhe der ersten Stockwerke gehoben, niemals sinke ich bis zur Haustüre hinab. Und außergewöhnlich hoch schwebe ich vor dem Kellergewölbe des Händlers, in dem er tief unten an seinem Tischchen kauert und schreibt. Um die übergroße Hitze abzulassen, hat er die Tür geöffnet.

"Kohlenhändler!" rufe ich mit vor Kälte hohlgebrannter Stimme in Rauchwolken des Atems gehüllt, "bitte Kohlenhändler gib mir ein wenig Kohle, mein Kübel ist schon so leer daß ich auf ihm reiten kann. Sei so gut. Bis ich kann bezahl ichs."

Der Händler legt die Hand ans Ohr. "Hör ich recht?" fragt er über die Schulter weg seine Frau, die auf der Ofenbank strickt. "Hör ich recht? Eine Kundschaft. "

"Ich höre gar nichts", sagt die Frau ruhig ein- und ausatmend über den Stricknadeln, wohlig im Rücken gewärmt.

"O ja", rufe ich, "ich bin es, eine alte Kundschaft, treu ergeben, nur augenblicklich mittellos. "

"Frau", sagt der Händler, "es ist, es ist jemand, so sehr kann ich mich doch nicht täuschen, eine alte, eine sehr alte Kundschaft muß es sein, die mir so zum Herzen zu sprechen weiß."

"Was hast Du Mann?" sagt die Frau und drückt einen Augenblick ausruhend die Handarbeit an die Brust, "niemand ist es, die Gasse ist leer, alle unsere Kundschaft ist versorgt, wir könnten für Tage das Geschäft sperren und ausruhn. "

"Aber ich sitze doch hier auf dem Kübel", rufe ich und gefühllose Tränen der Kälte verschleiern mir die Augen, "bitte seht doch herauf, Ihr werdet mich gleich entdecken, um eine Schaufel voll bitte ich und gebt Ihr zwei, macht Ihr mich überglücklich. Es ist doch schon alle übrige Kundschaft versorgt. Ach, hörte ich es doch schon in dem Kübel klappern. "

"Ich komme", sagt der Händler und kurzbeinig will er die Kellertreppe emporsteigen, aber die Frau ist schon bei ihm, hält ihn beim Arm fest und sagt: "Du bleibst. Läßt Du von Deinem Eigensinn nicht ab, so gehe ich hinaus. Erinnere Dich an Deinen schweren Husten heute Nacht. Aber für ein Geschäft und sei es auch ein eingebildetes, vergißt Du Frau und Kind und opferst Deine Lungen. Ich gehe. " "Dann nenn ihm aber alle Sorten, die wir auf Lager haben, die Preise rufe ich Dir nach." "Gut", sagt die Frau und steigt zur Gasse auf. Natürlich sieht sie mich gleich.

"Frau Kohlenhändlerin", rufe ich, "ergebenen Gruß, nur eine Schaufel Kohle, gleich hier in den Kübel, ich führe sie selbst nachhause, eine Schaufel von der Schlechtesten. Ich bezahle sie natürlich voll, aber nicht gleich, nicht gleich. " Was für ein Glockenklang sind die zwei Worte "nicht gleich" und wie sinnverwirrend mischen sie sich mit dem Abendläuten das eben vom nahen Kirchturm zu hören ist.

"Was will er also haben?" ruft der Händler. "Nichts", ruft die Frau zurück, "es ist ja nichts, ich sehe nichts, ich höre nichts, nur sechs Uhr läutet es und wir schließen. Ungeheuer ist die Kälte, morgen werden wir wahrscheinlich doch viel Arbeit haben. "

Sie sieht nichts und hört nichts, aber dennoch löst sie das Schürzenband und versucht mich mit der Schürze fortzuwehn. Leider gelingt es. Alle Vorzüge eines guten Reittieres hat mein Kübel, Widerstandskraft hat er nicht, zu leicht ist er, eine Frauenschürze jagt ihm die Beine vom Boden.

"Du Böse! " rufe ich noch zurück, während sie zum Geschäft sich wendend, halb verächtlich halb befriedigt mit der Hand in die Luft schlägt, "Du Böse. Um eine Schaufel von der Schlechtesten habe ich gebeten und Du hast sie mir nicht gegeben. " Und damit steige ich in die Regionen der Eisgebirge und verliere mich auf Nimmerwiedersehn.

V. W.

Meinen innigsten Dank für das Beethovenbuch. Den Schopenhauer beginne ich heute. Möchten Sie doch mit Ihrer allerzartesten Hand, mit Ihrem allerstärksten Blick für die wahrhafte Realität, mit Ihrem phantastisch weiten Wissen, mit dem gezügelten und mächtigen Grundfeuer Ihres dichterischen Wesens noch weiter solche Denkmäler aufrichten – zu meiner unaussprechlichen Freude.

Wir lagerten in der Oase. Die Gefährten schliefen. Ein Araber, hoch und weiß, kam an mir vorüber, er hatte die Kameele versorgt und gieng zum Schlafplatz. Ich warf mich rücklings ins Gras, ich wollte schlafen, ich konnte nicht, das Klagegeheul eines Schakals aus der Ferne, ich saß wieder aufrecht. Und was so weit gewesen war, war plötzlich nah. Ein Gewimmel von Schakalen um mich her, in mattem Gold erglänzende, verlöschende Augen, schlanke Leiber wie unter einer Peitsche gesetzmäßig und flink bewegt. Einer kam von rückwärts, drängte sich unter meinem Arm durch eng an mich als brauche er meine Wärme, trat dann vor mich und sprach, fast Aug in Aug mit mir: "Ich bin der älteste Schakal, weit und breit. Ich bin glücklich, Dich noch hier begrüßen zu können. Ich hatte schon die Hoffnung fast aufgegeben, denn wir warten unendlich lange auf Dich, meine Mutter hat gewartet und ihre Mutter und weiter alle ihre Mütter bis hinauf zur Mutter aller Schakale. Glaube es! " "Das wundert mich", sagte ich und vergaß, den Holzstoß anzuzünden, der bereit lag, um mit seinem Rauch die Schakale abzuhalten, "das wundert mich sehr zu hören. Nur zufällig komme ich aus dem hohen Norden und bin auf einer kurzen Reise begriffen. Was wollt Ihr denn Schakale?" Und wie ermutigt durch diesen vielleicht allzu freundlichen Zuspruch zogen sie ihren Kreis enger um mich, alle atmeten kurz und fauchend. "Wir wissen", begann der Älteste, "daß Du von Norden kommst, darauf eben baut sich unsere Hoffnung. Dort ist der Verstand der hier unter den Arabern nicht zu finden ist. Aus diesem kalten Hochmut, weißt Du, ist kein Funken Verstand zu schlagen. Sie töten Tiere um sie zu fressen und Aas mißachten sie. " "Rede nicht so laut", sagte ich, "es schlafen Araber in der Nähe." "Du bist wirklich ein Fremder", sagte der Schakal, "sonst wüßtest Du, daß noch niemals in der Weltgeschichte ein Schakal einen Araber gefürchtet hat. Fürchten sollten wir sie? Ist es nicht Unglück genug, daß wir unter solches Volk verstoßen sind. " "Mag sein, mag sein", sagte ich, "ich maße mir kein Urteil an, in Dingen, die mir so fernliegen, es scheint ein sehr alter Streit, liegt also wohl im Blut, wird also vielleicht erst mit dem Blut enden. " "Du bist sehr klug", sagte der alte Schakal und alle atmeten noch schneller, mit gehetzten Lungen, trotzdem sie doch stillestanden, ein bitterer, zeitweilig nur mit zusammengeklemmten Zähnen erträglicher Geruch entströmte den offenen Mäulern. "Du bist sehr klug, das was Du sagst entspricht unserer alten Lehre. Wir nehmen ihnen also ihr Blut und der Streit ist zuende. " "O", sagte ich wilder als ich wollte, "sie werden sich wehren, sie werden mit ihren Flinten Euch rudelweise niederschießen. " "Du mißverstehst uns", sagte er, "nach Menschenart, die sich also auch im Norden nicht verliert. Wir werden sie doch nicht töten. Soviel Wasser hätte der Nil nicht um uns reinzuwaschen. Wir laufen doch schon vor dem bloßen Anblick ihres lebenden Leibes weg, in reinere Luft, in die Wüste, die deshalb unsere Heimat ist. " Und alle Schakale ringsum, zu denen inzwischen noch viel von fernher gekommen waren, senkten die Köpfe zwischen die Vorderbeine und putzten sie mit den Pfoten, es war als wollten sie einen Widerwillen verbergen, der so schrecklich war, daß ich am liebsten mit einem hohen Sprung aus ihrem Kreis entflohen wäre. "Was beabsichtigt Ihr also zu tun", fragte ich und wollte aufstehn, aber ich konnte nicht, zwei junge Tiere hatten sich mir hinten in Rock und Hemd festgebissen, ich mußte sitzen bleiben. "Sie halten Deine Schleppe", sagte der alte Schakal erklärend und ernsthaft, "eine Ehrbezeugung." "Sie sollen mich loslassen", rief ich bald zum Alten, bald zu den Jungen gewendet. "Sie werden es natürlich", sagte der Alte, "wenn Du es verlangst. Es dauert aber ein Weilchen, denn sie haben nach der Sitte zu tief sich eingebissen und müssen erst langsam die Gebisse von einander lösen. Inzwischen höre unsere Bitte. " "Euer Verhalten hat mich dafür nicht sehr empfänglich gemacht", sagte ich. "Laß uns unser Ungeschick nicht entgelten", sagte er und nahm jetzt zum erstenmal den Klageton seiner natürlichen Stimme zuhilfe, "wir sind arme Tiere, wir haben nur das Gebiß; für alles was wir tun wollen, das Gute und das Schlechte, bleibt uns einzig das Gebiß." "Was willst Du also" fragte ich nur wenig besänftigt. "Herr", rief er, und alle Schakale heulten auf, in fernster Ferne schien es mir eine Melodie zu sein. "Herr, Du sollst den Streit beenden, der die Welt entzweit. So, wie Du aussiehst haben unsere Alten den beschrieben, der es tun wird. Frieden müssen wir haben von den Arabern, atembare Luft, gereinigt von ihnen den Ausblick rund am Horizont, kein Klagegeschrei eines Hammels, den der Araber absticht, ruhig soll alles Getier krepieren, ungestört soll es von uns leergetrunken und bis auf die Knochen gereinigt werden. Reinheit, nichts als Reinheit wollen wir" – und nun weinten, schluchzten alle, besinnungslos stießen die zwei hinter mir mit ihren Köpfen in mich – "wie erträgst nur Du es in dieser Welt, Du edles Herz und süßes Eingeweide. Schmutz ist ihr Weiß, Schmutz ist ihr Schwarz, ein Grauen ist ihr Bart, speien muß man beim Anblick ihrer Augenwinkel und heben sie den Arm, tut sich in der Achselhöhle die Hölle auf. Darum o Herr, darum o teuerer Herr, mit Hilfe Deiner alles vermögenden Hände, mit Hilfe Deiner alles vermögenden Hände schneide ihnen mit dieser Scheere die Hälse durch. " Und einem Ruck seines Kopfes folgend kam ein Schakal herbei, der an einem Eckzahn eine kleine mit altem Rost bedeckte Nähscheere trug.

"Also endlich die Scheere und damit Schluß", rief der Araberführer unserer Karawane, der sich gegen den Wind an uns herangeschlichen hatte und nun seine riesige Peitsche schwang.

Alles verlief sich eiligst, aber in einiger Entfernung blieben sie doch, eng zusammengekauert, die vielen Tiere so eng und starr, daß es aussah wie eine schmale Hürde, von Irrlichtern umflogen. "So hast Du Herr auch dieses Schauspiel gesehn und gehört", sagte der Araber und lachte so fröhlich, als es die Zurückhaltung seines Stammes erlaubte. "Du weißt also was die Tiere wollen?" fragte ich. "Natürlich Herr", sagte er, "das ist doch allbekannt, solange es Araber gibt, wandert diese Scheere durch die Wüste und wird mit uns wandern, bis ans Ende der Tage. Jedem Europäer wird sie angeboten zu dem großen Werk, jeder Europäer ist gerade derjenige welcher ihnen berufen scheint. Eine unsinnige Hoffnung haben diese Tiere, Narren, wahre Narren sind sie. Wir lieben sie deshalb, es sind unsere Hunde, schöner als die Eurigen. Sieh nur, ein Kameel ist in der Nacht verendet, ich habe es herschauen lassen. "

Vier Träger kamen und warfen den schweren Kadaver vor uns hin. Kaum lag er da, erhoben die Schakale ihre Stimmen. Wie von Stricken unwiderstehlich jeder einzelne gezogen, kamen sie stockend, mit dem Leib den Boden streifend heran. Sie hatten die Araber vergessen, den Haß vergessen, die alles auslöschende Gegenwart des stark ausdunstenden Leichnams bezauberte sie. Schon hieng einer am Hals und fand mit dem ersten Biß die Schlagader. Wie eine kleine rasende Pumpe, die ebenso unbedingt wie aussichtslos einen übermächtigen Brand löschen will, zerrte und zuckte jede Muskel seines Körpers an ihrem Platz. Und schon lagen in gleicher Arbeit alle auf dem Leichnam hoch zu Berg.

Da strich der Führer kräftig mit der scharfen Peitsche kreuz und quer über sie. Sie hoben die Köpfe, halb in Rausch und Ohnmacht, sahen die Araber vor sich stehn, bekamen jetzt die Peitsche mit den Schnauzen zu fühlen, zogen sich im Sprung zurück und liefen eine Strecke rückwärts. Aber das Blut des Kameels lag schon in Lachen da, rauchte empor, der Körper war an mehrern Stellen weit aufgerissen. Sie konnten nicht widerstehn, wieder waren sie da, wieder hob der Führer die Peitsche, ich faßte seinen Arm. "Du hast Recht Herr", sagte er, "wir lassen sie bei ihrem Beruf, auch ist es Zeit aufzubrechen. Gesehn hast Du sie. Wunderbare Tiere, nicht wahr? Und wie sie uns hassen! "

Alt, in großer Leibesfülle, unter leichten Herzbeschwerden lag ich nach dem Mittagessen einen Fuß am Boden auf dem Ruhebett und las ein geschichtliches Werk. Die Magd kam und meldete, zwei Finger an den zugespitzten Lippen, einen Gast. "Wer ist es?" fragte ich, ärgerlich darüber zu einer Zeit da ich den Nachmittagskaffee erwartete, einen Gast empfangen zu sollen. "Ein Chineser", sagte die Magd und unterdrückte krampfhaft sich drehend ein Lachen, das der Gast vor der Tür nicht hören sollte. "Ein Chinese? Zu mir? Ist er in Chinesenkleidung?" Die Magd nickte noch immer mit dem Lachreiz kämpfend. "Nenn ihm meinen Namen, frag ob er wirklich mich besuchen will, der ich unbekannt im Nachbarhaus, wie sehr erst unbekannt in China bin." Die Magd schlich zu mir und flüsterte: "Er hat nur eine Visitkarte, darauf steht, daß er vorgelassen zu werden bittet. Deutsch kann er nicht, er redet eine unverständliche Sprache, die Karte ihm wegzunehmen fürchte ich mich. " "Er soll kommen", rief ich, warf in der Erregtheit, in die ich durch mein Herzleiden oft geriet, das Buch zu Boden und verfluchte die Ungeschicklichkeit der Magd. Aufstehend und meine Riesengestalt reckend, mit der ich in dem niedrigen Zimmer jeden Besucher erschrecken mußte, gieng ich zur Tür. Tatsächlich hatte mich der Chinese kaum erblickt, als er gleich wieder hinaushuschte. Ich langte nur in den Gang und zog den Mann vorsichtig an seinem Seidengürtel zu mir herein. Es war offenbar ein Gelehrter, klein, schwach, mit Hornbrille, steifem, schütterm grauschwarzem Ziegenbart. Ein freundliches Männchen, hielt den Kopf geneigt und lächelte mit halbgeschlossenen Augen

Der Advokat Dr. Bucephalas ließ eines Morgens seine Wirtschafterin zu seinem Bett kommen und sagte ihr: "Heute beginnt die große Verhandlung im Proceß meines Bruders Bucephalas gegen die Firma Trollhätta. Ich führe die Klage und da die Verhandlung zumindest einige Tage dauern wird undzwar ohne eigentliche Unterbrechung, werde ich in den nächsten Tagen überhaupt nicht nachhause kommen. Bis die Verhandlung beendet sein oder Aussicht auf Beendigung vorhanden sein wird, werde ich Ihnen telephonieren. Mehr kann ich jetzt nicht sagen, auch nicht die geringste Frage beantworten, da ich natürlich auf Erhaltung meiner vollen ' Stimmkraft bedacht sein muß. Deshalb bringen Sie mir auch zum Frühstück zwei rohe Eier und Thee mit Honig. " Und sich langsam in die Pölster zurücklehnend, die Hand über den Augen verstummte er. Die plappermäulige aber vor ihrem Herrn in Furcht ersterbende Wirtschafterin war sehr betroffen. So plötzlich kam eine so außerordentliche Anordnung. Noch abend hatte der Herr mit ihr gesprochen, aber keine Andeutung darüber gemacht, was bevorstand. Die Verhandlung konnte doch nicht in der Nacht angesetzt worden sein. Und gibt es Verhandlungen die tagelang ununterbrochen dauern? Und warum nannte der Herr die Proceßparteien, was er doch ihr gegenüber sonst niemals tat? Und was für ungeheuern Proceß konnte der Bruder des Herrn, der kleine Gemüsehändler Adolf Bucephalas haben, mit dem übrigens der Herr schon seit langem auf keinem guten Fuß zu stehen schien? Und wie paßte es zu den unausdenkbaren Anstrengungen, die dem Herrn bevorstanden, daß er jetzt so müde in seinem Bette lag und sein, wenn das Frühlicht nicht täuschte, irgendwie verfallenes Gesicht mit der Hand bedeckte? Und nur Tee und Eier sollten gebracht werden, nicht auch wie sonst ein wenig Wein und Schinken, um die Lebensgeister völlig aufzuwecken? Mit solchen Gedanken kehrte die Wirtschafterin in die Küche zurück, setzte sich nur für ein Weilchen auf ihren Lieblingsplatz beim Fenster zu den Blumen und dem Kanarienvogel, blickte auf die gegenüberliegende Hofseite, wo hinter einem Fenstergitter zwei Kinder halbnackt im Spiel mit einander kämpften, wandte sich dann seufzend ab, goß den Tee ein, holte zwei Eier aus der Speisekammer, ordnete alles auf einem Tablett, konnte es sich nicht versagen die Weinflasche als wohltätige Verlockung auch mitzunehmen und gieng mit dem allen ins Schlafzimmer. Es war leer. Wie, der Herr war doch nicht schon weg. In einer Minute konnte er sich doch nicht angezogen haben. Aber die Wäsche und Kleider waren auch nicht mehr zu sehn. Was hat denn der Herr um Himmelswillen Ins Vorzimmer. Auch Mantel Hut und Stock sind fort. Zum Fenster. Beim Leibhaftigen, eben tritt der Herr aus dem Tor, den Hut im Nacken, den Mantel offen, die Aktenmappe an sich gedrückt, den Stock an eine Manteltasche gehängt. Briefe aus Paris

Wir haben einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalos. In seinem Äußern erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitroß Alexanders von Mazedonien war. Wer allerdings mit den Umständen vertraut ist, bemerkt einiges. Doch sah ich letzthin selbst einen ganz einfältigen Schreiber auf der Freitreppe des Gerichtsgebäudes mit dem Fachblick des kleinen Stammgastes der Wettrennen den Advokaten bestaunen, als dieser hoch die Schenkel hebend mit auf dem Marmor aufklingendem Schritt von Stufe zu Stufe stieg. Im allgemeinen billigt das Barreau die Aufnahme des Bucephalos. Mit erstaunlicher Einsicht sagt man sich, daß Bucephalos bei der heutigen Gesellschaftsordnung in einer schwierigen Lage ist und daß er deshalb sowie auch wegen seiner weltgeschichtlichen Bedeutung jedenfalls Entgegenkommen verdient. Heute – das kann niemand leugnen – gibt es keinen großen Alexander. Zu morden verstehn zwar manche, auch an der Geschicklichkeit mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund zu treffen fehlt es nicht und vielen ist Mazedonien zu eng, so daß sie Philipp den Vater verfluchen, aber niemand, niemand kann nach Indien führen. Schon damals waren Indiens Tore unerreichbar, aber ihre Richtung war durch die Spitze des Königsschwertes bezeichnet, heute sind die Tore ganz anderswohin und weiter und höher vertragen, niemand zeigt die Richtung, viele halten Schwerter, aber nur um mit ihnen zu fuchteln, und der Blick der ihnen folgen will, verwirrt sich. Vielleicht ist es deshalb wirklich das Beste sich wie es Bucephalos getan hat in die Gesetzbücher zu versenken. Frei, unbedrückt die Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern dem Getöse der Alexanderschlacht liest und wendet er die Blätter unserer alten Bücher.

Gestern kam eine Ohnmacht zu mir. Sie wohnt im Nachbarhaus, ich habe sie dort schon öfters abends im niedrigen Tor gebückt verschwinden sehn. Eine große Dame mit lang fließendem Kleid und breitem mit Federn geschmückten Hut. Eiligst kam sie rauschend durch meine Tür, wie ein Arzt der fürchtet zu spät zum auslöschenden Kranken gekommen zu sein. "Anton", rief sie mit hohler und doch sich rühmender Stimme, "ich komme, ich bin da. " In den Sessel auf den ich zeigte ließ sie sich fallen. "Hoch wohnst Du, hoch wohnst Du", sagte sie stöhnend. Tief in meinem Lehnstuhl nickte ich. Zahllos hüpften vor meinen Augen die Treppenstufen auf, die zu meinen Zimmern führten, eine hinter der andern, unermüdliche kleine Wellen. "Warum so kalt? " fragte sie, zog ihre langen alten Fechterhandschuhe aus, warf sie auf den Tisch und sah mich den Kopf geneigt augenzwinkernd an. Mir war als sei ich ein Spatz, übe auf der Treppe meine Sprünge und sie zerzause mein weiches flockiges graues Gefieder. "Es tut mir von Herzen leid, daß Du Dich nach mir verzehrst. Oft schon sah ich aufrichtig traurig in Dein abgehärmtes Gesicht, wenn Du im Hof standst und zu meinem Fenster aufblicktest. Nun ich bin Dir nicht ungünstig gesinnt und hast Du auch mein Herz noch nicht, so kannst Du es doch erobern. "

In was für Gleichgültigkeit Menschen kommen können, in wie tiefe Überzeugung, für immer die rechte Spur verloren zu haben

Ein Irrtum. Es war nicht meine Türe oben auf dem langen Gang die ich geöffnet hatte. "Ein Irrtum", sagte ich und wollte wieder hinausgehn. Da sah ich den Inwohner, einen magern bartlosen Mann mit festgeschlossenem Munde an einem Tischchen sitzen auf dem nur eine Petroleumlampe stand,

In unserm Haus, diesem ungeheuern Vorstadthaus, einer von unzerstörbaren mittelalterlichen Ruinen durchwachsenen Mietskaserne, wurde heute am nebligen eisigen Wintermorgen folgender Aufruf verbreitet.

An alle meine Hausgenossen.

Ich besitze fünf Kindergewehre, sie hängen in meinem Kasten, an jedem Haken eines. Das erste gehört mir, zu den andern kann sich melden wer will, melden sich mehr als vier, so müssen die überzähligen ihre eigenen Gewehre mitbringen und in meinem Kasten deponieren. Denn Einheitlichkeit muß sein, ohne Einheitlichkeit kommen wir nicht vorwärts. Übrigens habe ich nur Gewehre, die zu sonstiger Verwendung ganz unbrauchbar sind, der Mechanismus ist verdorben, der Pfropfen abgerissen, nur die Hähne knacken noch. Es wird also nicht schwer sein, nötigenfalls noch weitere solche Gewehre zu beschaffen. Aber im Grunde sind mir für die erste Zeit auch Leute ohne Gewehre recht, wir die wir Gewehre haben werden im entscheidenden Augenblick die Unbewaffneten in die Mitte nehmen. Eine Kampfesweise die sich bei den ersten amerikanischen Farmern gegenüber den Indianern bewährt hat, warum sollte sie sich nicht auch hier bewähren, da doch die Verhältnisse ähnlich sind. Man kann also sogar für die Dauer auf die Gewehre verzichten. Und selbst die fünf Gewehre sind nicht unbedingt nötig und nur weil sie schon einmal vorhanden sind, sollen sie auch verwendet werden. Wollen sie aber die vier andern nicht tragen so sollen sie es bleiben lassen. Dann werde also ich allein als Führer eines tragen. Aber wir sollen keinen Führer haben und so werde auch ich mein Gewehr zerbrechen oder weglegen.

Das war der erste Aufruf. In unserm Haus hat man keine Zeit und keine Lust Aufrufe zu lesen oder gar zu überdenken. Bald schwammen die kleinen Papiere in dem Schmutzstrom der vom Dachboden ausgehend, von allen Korridoren genährt, die Treppe hinabspült und dort mit dem Gegenstrom kämpft der von unten hinaufschwillt. Aber nach einer Woche kam ein zweiter Aufruf.

Hausgenossen!

Es hat sich bisher niemand bei mir gemeldet. Ich war, soweit ich nicht meinen Lebensunterhalt verdienen muß, fortwährend zuhause und für die Zeit meiner Abwesenheit, während welcher meine Zimmertür stets offen war, lag auf meinem Tisch ein Blatt, auf dem sich jeder der wollte einschreiben konnte. Niemand hats getan.

Manchmal glaube ich alle meine vergangenen und künftigen Sünden durch die Schmerzen meiner Knochen abzubüßen, wenn ich abend oder gar morgens nach einer Nachtschicht aus der Maschinenfabrik nachhause komme. Ich bin nicht kräftig genug zu dieser Arbeit, das weiß ich schon seit langem und doch ändere ich nichts.

Die einzige Erkenntnis, die ich der Übersiedlung in

In unserm Hause, diesem ungeheueren Vorstadthause, einer von unzerstörbaren mittelalterlichen Ruinen durchwachsenen Mietskaserne wohnt auf dem gleichen Gang wie ich, bei einer Arbeiterfamilie ein Amtsschreiber. Sie nennen ihn zwar Beamter, aber es kann doch nur ein kleiner Schreiber sein, der mitten in dem Nest des fremden Ehepaars und seiner sechs Kinder auf einem Strohsack am Boden die Nächte verbringt. Und wenn es also ein kleiner Schreiber ist, was kümmert er mich. Selbst in diesem Haus, in dem sich doch das Elend versammelt, das die Stadt auskocht, gibt es gewiß über hundert Leute,

Auf dem gleichen Gang wie ich wohnt ein Flickschneider. Trotz aller Vorsicht verbrauche ich die Kleider zu bald, letzthin mußte ich wieder einen Rock zum Schneider tragen. Es war ein schön warmer Sommerabend. Der Schneider hat für sich, die Frau und sechs Kinder nur ein Zimmer, das gleichzeitig Küche ist. Überdies aber hat er noch einen Mieter bei sich, einen Schreiber von der Steuerbehörde. Dieser Zimmerbelag geht doch ein wenig über das Übliche hinaus, das ja in unserem Hause schon arg genug ist. Immerhin, man läßt jedem das seine, der Schneider hat gewiß für seine Sparsamkeit unwiderlegliche Gründe und keinem Fremden fällt es ein, eine Besprechung dieser Gründe einzuleiten. Kommt man aber z. B. als Kundschaft in das Zimmer, so stellt man unwillkürlich fest,

19 II 17

Heute gelesen Herman und Dorothea, einiges aus Richters Lebenserinnerung, Bilder von ihm gesehn und schließlich eine Szene aus Hauptmanns Griselda gelesen. Bin für den Augenblick der nächsten Stunde ein anderer Mensch. Alle Aussichten, zwar nebelhaft wie immer, aber veränderte Nebelbilder. In den schweren Stiefeln, die ich heute zum erstenmal angezogen habe (sie waren ursprünglich für den Militärdienst bestimmt) steckt ein anderer Mensch.

Ich wohne bei Herrn Krummholz, das Zimmer teile ich mit einem Schreiber von der Steuerbehörde. Außerdem schlafen in dem Zimmer in gemeinsamem Bett zwei Töchter des Krummholz, ein sechs- und ein siebenjähriges Mädchen. Seit dem ersten Tage, an welchem der Schreiber einzog – ich selbst wohne schon jahrelang bei Krummholz – hatte ich einen zunächst ganz unbestimmten Verdacht gegen ihn. Ein Mann unter Mittelgröße, schwach, wohl mit nicht ganz fester Lunge, grauen ihn umschlotternden Kleidern, faltigem Gesicht unbestimmbaren Alters, graublondem länglichem, über die Ohren gekämmtem Haar, einer weit auf der Nase vorgerückten Brille und einem kleinen gleichfalls ergrauenden Ziegenbart.

Ich saß in meiner Holzhütte auf der überdeckten Veranda. Anstatt einer Längswand war ein außerordentlich feinmaschiges Mosquitonetz ausgespannt, das ich von einem der Arbeiterführer, dem Häuptling eines Stammes durch dessen Gebiet unsere Bahn gehn sollte, erstanden hatte. Ein Hanfnetz, so fest und zart zugleich, wie man es in Europa gar nicht herstellen könnte. Es war mein Stolz und ich wurde viel darum beneidet. Ohne dieses Netz wäre es gar nicht möglich gewesen, friedlich am Abend auf der Veranda zu sitzen, das Licht aufzudrehn wie ich es jetzt tat, eine alte europäische Zeitung zum Studium vorzunehmen und mächtig dazu die Pfeife zu rauchen.

Ich habe – wer kann noch so frei von seinen Fähigkeiten sprechen – das Handgelenk eines alten glücklichen unermüdlichen Anglers. Ich sitze z. B. zuhause, ehe ich angeln gehe, und drehe scharf zusehend die rechte Hand, einmal hin und einmal her. Das genügt, um mir im Anblick und Gefühl das Ergebnis des künftigen Angelns oft bis in Einzelheiten zu offenbaren. Ich sehe das Wasser meines Fischplatzes in der besondern Strömung der besondern Stunde, ein Querschnitt des Flusses zeigt sich mir, eindeutig an Zahl und Art, dringen sie an zehn, zwanzig ja hundert verschiedenen Stellen gegen diese Schnittfläche vor, nun weiß ich wie die Angel zu führen ist, manche durchstoßen ungefährdet mit dem Kopf die Fläche, da lasse ich die Angel vor ihnen schwanken und schon hängen sie, die Kürze dieses Schicksalsaugenblicks entzückt mich selbst am häuslichen Tisch, andere Fische dringen bis an den Bauch vor, nun ist hohe Zeit, manche ereile ich noch, andere aber entwischen der gefährlichen Fläche selbst mit dem Schwanz und sind für diesmal mir verloren, nur für diesmal, einem wahren Angler entgeht kein Fisch.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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