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2016/09/30 - 13:42

Oktavheft G (II, 2)

18. Okt. 17

Furcht vor der Nacht, Furcht vor der Nicht-Nacht.

19.

Sinnlosigkeit (zu starkes Wort) der Trennung des Eigenen und Fremden im geistigen Kampf.

Alle Wissenschaft ist Metodik im Hinblick auf das Absolute. Deshalb ist keine Angst vor dem eindeutig Metodischen nötig. Es ist Hülse, aber nicht mehr, als alles außer dem Einen.

Alle kämpfen nur einen Kampf. (Wenn ich angegriffen von der letzten Frage nach Waffen hinter mich greife, kann ich nicht unter den Waffen wählen und selbst wenn ich wählen könnte, müßte ich "fremde" fassen, denn wir haben alle nur einen Waffenvorrat.) Ich kann keinen eigenen führen, glaube ich einmal selbstständig zu sein, sehe ich einmal niemanden um mich, so ergibt sich bald, daß ich infolge der mir nicht gleich oder überhaupt nicht zugänglichen allgemeinen Konstellation diesen Posten übernehmen mußte. Dies schließt natürlich nicht aus, daß es Vorreiter, Nachzügler, Franktireure und alle Gewohnheiten und Sonderbarkeiten der Kriegführung gibt, aber es gibt keinen selbstständig Kriegführenden. (Demütigung] der Eitelkeit Ja, aber auch notwendige und wahrheitsgemäße Ermutigung.

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Ich irre ab. Der wahre Weg geht über ein Dratseil, das aber nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen als begangen zu werden.

Immer erst aufatmen von Eitelkeits- und Selbstgefälligkeitsausbrüchen. Die Orgie beim Lesen der Erzählung im Juden. Wie ein Eichhörnchen im Käfig. Glückseligkeit der Bewegung, Verzweiflung der Enge, Verrücktheit der Ausdauer, Elend-Gefühl vor der Ruhe des Außerhalb. Alles dieses sowohl gleichzeitig als abwechselnd, noch im Kot des Endes ein Sonnenstreifen Glückseligkeit.

Schwäche des Gedächtnisses für die Einzelnheiten und den Gang der eigenen Welterfassung ein sehr schlechtes Zeichen. Nur Bruchstücke eines Ganzen. Wie willst Du an die größte Aufgabe auch nur rühren, wie willst Du ihre Nähe nur wittern, ihr Dasein nur träumen, ihren Traum nur erbitten, die Buchstaben der Bitte zu lernen wagen, wenn Du dich nicht so zusammenfassen kannst, daß Du wenn es zur Entscheidung kommt, Dein Ganzes in einer Hand so zusammenhältst wie einen Stein zum Werfen, ein Messer zum Schlachten. Andererseits: man muß nicht in die Hände spucken, ehe man sie faltet.

Ist es möglich etwas Untröstliches zu denken? Oder vielmehr etwas Untröstliches ohne den Hauch des Trostes? Ein Ausweg läge darin, daß das Erkennen als solches Trost ist. Man könnte also wohl denken: Du mußt Dich beseitigen und könnte sich doch ohne Fälschung dieser Erkenntnis aufrecht erhalten am Bewußtsein, es erkannt zu haben. Das heißt dann wirklich an den eigenen Haaren sich aus dem Sumpf gezogen haben. Was in der körperlichen Welt lächerlich ist ist in der geistigen möglich. Dort gilt kein Schwerkraftgesetz, (die Engel fliegen nicht, sie haben nicht irgendeine Schwerkraft aufgehoben, nur wir Beobachter der irdischen Welt wissen es nicht besser zu denken) was allerdings für uns nicht vorstellbar ist, oder erst auf einer hohen Stufe. Wie kläglich ist meine Selbsterkenntnis, verglichen etwa mit meiner Kenntnis meines Zimmers. (Abend.) Warum? Es gibt keine Beobachtung der innern Welt, so wie es eine der äußern gibt. Psychologie ist wahrscheinlich in der Gänze ein Anthropomorphismus, ein (Annagen) der Grenzen.

Psychologie ist die Beschreibung der Spiegelung der irdischen Welt in der himmlischen Fläche oder richtiger die Beschreibung einer Spiegelung, wie wir, Vollgesogene der Erde, sie uns denken, denn eine Spiegelung erfolgt gar nicht, nur wir sehen Erde, wohin wir uns auch wenden.

Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein unzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.

Das Unglück Don Quichotes ist nicht seine Phantasie, sondern Sancho Pansa.

20. Okt. im Bett

Es gibt zwei menschliche Hauptsünden aus welchen sich alle andern ableiten, Ungeduld und Lässigkeit. Wegen der Ungeduld sind sie aus dem Paradiese ausgewiesen worden, wegen der Lässigkeit kehren sie nicht zurück. Vielleicht aber gibt es nur eine Hauptsünde: die Ungeduld. Wegen der Ungeduld sind sie ausgewiesen worden und wegen der Ungeduld kehren sie nicht zurück.

Wir sind, mit dem irdisch befleckten Auge gesehn, in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verunglückt sind undzwar an einer Stelle wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, daß der Blick es immerfort suchen muß und immerfort verliert wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind. Rings um uns aber haben wir in der Verwirrung der Sinne oder in der Höchstempfindlichkeit der Sinne lauter Ungeheuer und ein je nach der Laune und Verwundung des Einzelnen entzückendes oder ermüdendes kaleidoskopisches Spiel.

Was soll ich tun? oder Wozu soll ich es tun? sind keine Fragen dieser Gegenden.

Manche Schatten der Abgeschiedenen beschäftigen sich nur damit, die Fluten des Totenflusses zu belecken, weil er von uns herkommt und noch den salzigen Geschmack unserer Meere hat. Vor Ekel sträubt sich dann der Fluß, nimmt eine rückläufige Strömung und schwemmt die Toten ins Leben zurück. Sie aber sind glücklich, singen Danklieder und streicheln den Empörten.

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Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.

Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist, wenn wir unsern Zeitbegriff fallen lassen immerwährend. Darum sind die revolutionären geistigen Bewegungen, welche alles frühere für nichtig erklären im Recht, denn es ist noch nichts geschehn.

Abend Spaziergang nach Oberklee.

Von außen wird man die Welt mit Teorien immer siegreich eindrücken und gleich mit in die Grube fallen, aber nur von innen sich und sie still und wahr erhalten.

Eine der wirksamsten Verführungen des Teuflischen ist die Aufforderung zum Kampf. Er ist wie der Kampf mit Frauen, der im Bett endet. Die wahren Seitensprünge des Ehemanns, die, richtig verstanden, niemals lustig sind.

21. im Sonnenschein

Das Stillerwerden und Wenigerwerden der Stimmen der Welt.

Ein alltäglicher Vorfall; sein Ertragen ein alltäglicher Heroismus: A. hat mit B. aus dem Nachbardorf H ein wichtiges Geschäft abzuschließen. Er geht zur Vorbesprechung nach H, legt den Hin- und Herweg in je zehn Minuten zurück und rühmt sich zuhause dieser besonderen Schnelligkeit. Am nächsten Tag geht er wieder nach H, diesmal zum endgültigen Geschäftsabschluß; da dieser voraussichtlich mehrere Stunden erfordern wird, geht A schon frühmorgens aus; trotzdem aber alle Nebenumstände, wenigstens nach A.’s Meinung, völlig die gleichen sind wie am Vortag braucht er diesmal zum Weg nach H zehn Stunden. Als er dort ermüdet abends ankommt, sagt man ihm, daß B. ärgerlich wegen A’s Ausbleiben vor einer halben Stunde zu A. in sein Dorf hinüber gegangen sei; sie hätten einander eigentlich treffen müssen. Man rät A. zu warten, B. müsse ja gleich zurückkommen. A. aber, in Angst wegen des Geschäftes, macht sich sofort auf und eilt nachhause. Diesmal legt er den Weg, ohne besonders darauf zu achten, geradezu in einem Augenblick zurück. Zuhause erfährt er, B. sei doch schon gleich früh gekommen, noch vor dem Weggang A’ s, ja er habe A. im Haustor getroffen, ihn an das Geschäft erinnert, aber A. habe gesagt, er hätte jetzt keine Zeit, er müsse jetzt eiligst fort. Trotz dieses unverständlichen Verhaltens A’s sei aber B. doch hier geblieben um auf A. zu warten. Er habe zwar schon oft nachgefragt ob A. zurückgekommen sei, befinde sich aber noch immer oben in A’s Zimmer. Glücklich darüber, B. jetzt noch sprechen und ihm alles erklären zu können läuft A. die Treppe hinauf. Schon ist er fast oben, da stolpert er, erleidet eine Sehnenzerrung und fast ohnmächtig vor Schmerz, unfähig sogar zu schreien, nur winselnd im Dunkel, hört und sieht er, wie B., undeutlich ob in großer Ferne oder knapp neben ihm, wütend die Treppe hinunterstampft und endgültig verschwindet.

Das Teuflische nimmt manchmal das Aussehn des Guten an oder verkörpert sich sogar vollständig in ihm. Bleibt es mir verborgen, unterliege ich natürlich, denn dieses Gute ist verlockender als das wahre. Wie aber wenn es mir nicht verborgen bleibt? Wenn ich auf einer Treibjagd von Teufeln ins Gute gejagt werde Wenn ich als Gegenstand des Ekels von an mir herumtastenden Nadelspitzen zum Guten gewälzt, gestochen, gedrängt werde? Wenn die sichtbaren Krallen des Guten nach mir greifen? Ich weiche einen Schritt zurück und sinke weich und traurig ins Böse, das hinter mir die ganze Zeit über auf meine Entscheidung gewartet hat.

Ein Leben

Eine stinkende Hündin, reichliche Kindergebärerin, stellenweise schon faulend, die aber in meiner Kindheit mir alles war, die in Treue unaufhörlich mir folgt, die ich zu schlagen mich nicht überwinden kann und vor der ich, ihren Athem scheuend, schrittweise rückwärts weiche und die mich doch, wenn ich mich nicht anders entscheide, in den schon sichtbaren Mauerwinkel drängen wird, um dort auf mir und mit mir gänzlich zu verwesen, bis zum Ende – ehrt es mich? – das Eiter- und Wurmfleisch ihrer Zunge an meiner Hand.

Abend vom Weg nach Zarch

Es gibt Überraschungen des Bösen. Plötzlich wendet es sich um und sagt: "Du hast mich mißverstanden" und es ist vielleicht wirklich so. Das Böse verwandelt sich in Deine Lippen, läßt sich von Deinen Zähnen benagen und mit den neuen Lippen – keine frühernschmiegten sich Dir noch folgsamer ans Gebiß – sprichst Du zu Deinem eigenen Staunen das gute Wort aus.

Sancho Pansa, der sich übrigens dessen nie gerühmt hat, gelang es im Laufe der Jahre, in den Abend- und Nachtstunden, durch Beistellung einer Menge Ritter- und Räuberromane seinen Teufel, dem er später den Namen Don Quichote gab, derart von sich abzulenken, daß dieser dann haltlos die verrücktesten Taten ausführte, die aber mangels ihres vorbestimmten Gegenstandes, der eben Sancho Pansa hätte sein sollen, niemandem schadeten. Sancho Pansa, ein freier Mann, folgte gleichmütig, vielleicht aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgefühl dem Don Quichote auf seinen Zügen und hatte davon eine große und nützliche Unterhaltung bis an sein Ende.

22. Fünf Uhr nachts.

Eine der wichtigsten Don Quichotischen Taten, aufdringlicher als der Kampf mit der Windmühle, ist der Selbstmord. Der tote Don Quichote will den toten Don Quichote töten; um zu töten, braucht er aber eine lebendige Stelle, diese sucht er nun mit seinem Schwerte ebenso unaufhörlich wie vergeblich. Unter dieser Beschäftigung rollen die zwei Toten, als unauflöslicher Purzelbaum, durch die Zeiten.

Vormittag im Bett.

A ist sehr aufgeblasen, er glaubt im Guten weit vorgeschritten zu sein, da er als ein immer verlockenderer Gegenstand immer mehr Versuchungen aus ihm früher ganz unbekannten Richtungen her sich ausgesetzt fühlt. Die richtige Erklärung ist aber die daß ein großer Teufel in ihm Platz genommen hat und die Unzahl der Kleineren herbeikommt, um dem Großen zu dienen.

Abend zum Wald, zunehmender Mond, verwirrter Tag hinter mir (Maxens Karte Magenunwohlsein)

Verschiedenheit der Anschauungen, die man etwa von einem Apfel haben kann. Die Anschauung des kleinen Jungen, der den Hals strecken muß, um noch knapp den Apfel auf der Tischplatte zu sehn und die Anschauung des Hausherrn, der den Apfel nimmt und ihn frei dem Tischgenossen reicht.

23. früh im Bett

Beweis dessen, daß auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können.

Um sich vor den Sirenen zu bewahren, stopfte sich Odysseus Wachs in die Ohren und ließ sich am Mast festschmieden. Ähnliches hätten natürlich seit jeher alle Reisenden tun können (außer jenen welche die Sirenen schon aus der Ferne verlockten) aber es war in der ganzen Welt bekannt, daß das unmöglich helfen konnte. Der Gesang der Sirenen durchdrang alles, gar Wachs, und die Leidenschaft der Verführten hätte mehr als Ketten und Mast gesprengt. Daran nun dachte aber Odysseus nicht obwohl er davon vielleicht gehört hatte, er vertraute vollständig der Handvoll Wachs und dem Gebinde Ketten und in unschuldiger Freude über seine Mittelchen fuhr er den Sirenen entgegen.

Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als ihren Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht geschehn, aber vielleicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesange gerettet hätte, vor ihrem Verstummen gewiß nicht. Dem Gefühl aus eigener Kraft sie besiegt zu haben, der daraus folgenden alles fortreißenden Überhebung kann nichts Irdisches widerstehn.

Und tatsächlich sangen, als Odysseus kam, diese gewaltigen Sängerinnen nicht, sei es daß sie glaubten, diesem Gegner könne nur noch das Schweigen beikommen, sei es daß der Anblick der Glückseligkeit im Gesicht des Odysseus, der an nichts anderes als an Wachs und Ketten dachte, sie allen Gesang vergessen ließ.

Odysseus aber, um es so auszudrücken, hörte ihr Schweigen nicht, er glaubte, sie sängen und nur er sei behütet es zu hören, flüchtig sah er zuerst die Wendungen ihrer Hälse, das Tiefatmen, die tränenvollen Augen, den halb geöffneten Mund, glaubte aber, dies gehöre zu den Arien die ungehört um ihn erklangen. Bald aber glitt alles an seinen in die Ferne gerichteten Blicken ab, die Sirenen verschwanden ihm förmlich und gerade als er ihnen am nächsten war, wußte er nichts mehr von ihnen.

Sie aber, schöner als jemals, streckten und drehten sich, ließen das schaurige Haar offen im Wind wehn, spannten die Krallen frei auf den Felsen, sie wollten nicht mehr verführen, nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus wollten sie solange als möglich erhaschen.

Hätten die Sirenen Bewußtsein, sie wären damals vernichtet worden, so aber blieben sie, nur Odysseus ist ihnen entgangen.

Es wird übrigens noch ein Anhang hiezu überliefert. Odysseus, sagt man, war so listenreich, war ein solcher Fuchs, daß selbst die Schicksalsgöttin nicht in sein Innerstes dringen konnte, vielleicht hat er, obwohl das mit Menschenverstand nicht mehr zu begreifen ist, wirklich gemerkt, daß die Sirenen schwiegen und hat ihnen und den Göttern den obigen Scheinvorgang nur gewissermaßen als Schild entgegengehalten.

Nachmittag vor dem Begräbnis einer im Brunnen ertrunkenen Epileptischen

Erkenne Dich selbst bedeutet nicht: Beobachte Dich. Beobachte Dich ist das Wort der Schlange. Es bedeutet: Mache Dich zum Herrn Deiner Handlungen. Nun bist Du es aber schon, bist Herr Deiner Handlungen. Das Wort bedeutet also: Verkenne Dich! Zerstöre Dich! also etwas Böses und nur wenn man sich sehr tief hinabbeugt, hört man auch sein Gutes, welches lautet: "um Dich zu dem zu machen, der Du bist. "

25. traurig nervös körperlich unwohl. Angst vor Prag, im Bett.

Es war einmal eine Gemeinschaft von Schurken, d. h. es waren keine Schurken, sondern gewöhnliche Menschen, der Durchschnitt. Sie hielten immer zusammen. Wenn z. B. einer von ihnen etwas schurkenmäßiges ausgeübt hatte, d. h. wieder nichts schurkenmäßiges, sondern so wie es gewöhnlich, wie es üblich ist, und er dann vor der Gemeinschaft beichtete, untersuchten sie es, beurteilten es, legten Bußen auf, verziehen udgl. Es war nicht schlecht gemeint, die Interessen der einzelnen und der Gemeinschaft wurden streng gewahrt und dem Beichtenden wurde das Komplement gereicht, dessen Grundfarbe er gezeigt hatte. So hielten sie immer zusammen, auch nach ihrem Tode gaben sie die Gemeinschaft nicht auf, sondern stiegen im Reigen zum Himmel. Im ganzen war es ein Anblick reinster Kinderunschuld wie sie flogen. Da aber vor dem Himmel alles in seine Elemente zerschlagen wird, stürzten sie ab, wahre Felsblöcke.

Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch zu sterben. Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar. Man schämt sich nicht mehr, sterben zu wollen, man bittet aus der alten Zelle die man haßt, in eine neue gebracht zu werden, die man erst hassen lernen wird. Ein Rest von Glauben wirkt dabei mit, während des Transportes werde zufällig der Herr durch den Gang kommen, den Gefangenen ansehn und sagen: Diesen sollt ihr nicht wieder einsperren. Er kommt zu mir.

3. XI. Weg nach Oberklee. Abend im Zimmer, Ottli und Toni schreiben.

Giengest Du über eine Ebene, hättest den guten Willen zu gehn und machtest doch Rückschritte, wäre es eine verzweifelte Sache; da Du aber einen steilen Abhang hinaufkletterst, so steil etwa, wie Du selbst von unten gesehen bist, können die Rückschritte nur durch die Bodenbeschaffenheit verursacht sein und Du mußt nicht verzweifeln.

Guten Willen? Konntest Gedanken an Italien nicht verhindern, hast P. Schlemiehl vorgelesen

6. Wie ein Weg im Herbst: kaum ist er rein gekehrt, bedeckt er sich wieder mit den trockenen Blättern.

Ein Käfig ging einen Vogel fangen.

7. (früh im Bett, nach einem "verhutzten Abend")

Darauf kommt es an, wenn einem ein Schwert in die Seele schneidet: ruhig blicken, kein Blut verlieren, die Kälte des Schwertes mit der Kälte des Steines aufnehmen. Durch den Stich, nach dem Stich unverwundbar werden.

An diesem Orte war ich noch niemals: anders geht der Atem, blendender als die Sonne strahlt neben ihr ein Stern.

9. nach Ober-Klee

Wenn es möglich gewesen wäre, den Turm von Babel zu bauen, ohne ihn zu erklettern – der Bau wäre erlaubt worden.

10. Nov. Bett

Laß Dich nicht glauben machen, Du könntest vor dem Bösen Geheimnisse haben.

Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen und es wird ein Teil der Ceremonie.

Aufregungen (Blüher, Tagger)

12. lange im Bett, Abwehr

So fest wie die Hand den Stein hält. Sie hält ihn aber nur um ihn desto weiter zu verwerfen. Aber auch in jene Weite führt der Weg.

Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.

Vom wahren Gegner fährt grenzenloser Mut in Dich.

Das Glück begreifen, daß der Boden auf dem Du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken.

Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet.

18. XI.

Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder soviele wie Verstecke.

Das Negative zu tun, ist uns noch auferlegt, das Positive ist uns schon gegeben.

Ein Bauernwagen mit drei Männern fuhr im Dunkel eine Anhöhe langsam hinauf. Ein Fremder kam ihnen entgegen und rief sie an. Nach kurzem Hin und Wieder ergab sich daß der Fremde bat mitgenommen zu werden. Man machte ihm einen Platz zurecht und zog ihn hinauf. Erst während der Weiterfahrt fragte man ihn: Ihr kommt aus der Gegenrichtung und fahrt nun wieder zurück? – "Ja", sagte der Fremde. "Ich gieng zuerst in Euerer Richtung, dann aber machte ich wieder Kehrt, weil es früher dunkel geworden war, als ich erwartete.

Du beklagst Dich über die Stille, über die Aussichtslosigkeit der Stille, die Mauer des Guten.

Der Dornbusch ist der alte Weg-Versperrer. Er muß Feuer fangen, wenn Du weiter willst.

21.

Die Untauglichkeit des Objekts kann die Untauglichkeit des Mittels verkennen lassen.

Wenn man einmal das Böse bei sich aufgenommen hat, verlangt es nicht mehr daß man ihm glaube.

Die Hintergedanken mit denen Du das Böse in Dir aufnimmst, sind nicht die Deinen, sondern die des Bösen.

Böse ist, was ablenkt.

Das Böse weiß vom Guten, aber das Gute vom Bösen nicht.

Selbsterkenntnis hat nur das Böse.

Ein Mittel des Bösen ist das Zwiegespräch.

Widersinn der Religionen: Der Gründer brachte vom Gesetzgeber die Gesetze, die Gläubigen sollen dem Gesetzgeber die Gesetze verkünden.

Ist die Tatsache der Religionen ein Beweis für die Unmöglichkeit des Einzelnen dauernd gut zu sein? Der Gründer reißt sich vom Guten los, verkörpert sich. Tut er es um der andern willen oder weil er glaubt, nur mit den andern bleiben zu können was er war, weil er die "Welt" zerstören muß, um sie nicht lieben zu müssen?

Das Gute ist in gewissem Sinne trostlos.

Wer glaubt, kann keine Wunder erleben. Bei Tag sieht man keine Sterne.

Wer Wunder tut, sagt: Ich kann die Erde nicht lassen.

23.

Den Glauben richtig verteilen zwischen den eigenen Worten und den eigenen Überzeugungen. Eine Überzeugung nicht in dem Augenblick, in dem man von ihr erfährt, verzischen lassen. Die Verantwortung, welche die Überzeugung auflegt, nicht auf die Worte abwälzen. Überzeugungen nicht durch Worte stehlen lassen. Übereinstimmung der Worte und Überzeugungen ist noch nicht entscheidend, auch guter Glaube nicht. Solche Worte können solche Überzeugungen noch immer je nach den Umständen einrammen oder ausgraben.

Aussprache bedeutet nicht grundsätzlich eine Schwächung der Überzeugung – darüber wäre auch nicht zu klagen – aber eine Schwäche der Überzeugung.

Stummheit gehört zu den Attributen der Vollkommenheit.

Nach Selbstbeherrschung strebe ich nicht. Selbstbeherrschung heißt an einer zufälligen Stelle der unendlichen Ausstrahlungen meiner geistigen Existenz wirken wollen. Muß ich solche Kreise um mich ziehn, auf solche Wanderschaft gehn, tue ich es besser untätig im bloßen Anstaunen des ungeheuerlichen Komplexes und nehme nur die Stärkung die dieser Anblick e contrario gibt mit nachhause.

Die Krähen behaupten: Eine einzige Krähe könnte den Himmel zerstören. Das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeutet: Unmöglichkeit von Krähen.

Die Märtyrer unterschätzen den Leib nicht, sie lassen ihn auf dem Kreuz erhöhen, darin sind sie mit ihren Gegnern einig.

24. Sein Ermatten ist das des Gladiators nach dem Kampf, seine Arbeit war das Weißtünchen eines Winkels in einer Beamtenstube.

Das menschliche Urteil über menschliche Handlungen ist wahr und nichtig, nämlich zuerst wahr, dann nichtig.

Durch die Tür rechts dringen die Mitmenschen in ein Zimmer in dem Familienrat gehalten wird, hören das letzte Wort des letzten Redners, nehmen es, strömen mit ihm durch die Tür links in die Welt und rufen ihr Urteil aus. Wahr ist das Urteil über das Wort, nichtig das Urteil an sich. Hätten sie endgiltig wahr urteilen wollen, hätten sie für immer im Zimmer bleiben müssen, wären ein Teil des Familienrates geworden und dadurch allerdings wieder unfähig geworden zu urteilen.

Wirklich urteilen kann nur die Partei, als Partei aber kann sie nicht urteilen. Demnach gibt es in der Welt keine Urteilsmöglichkeit, sondern nur deren Schimmer.

Es gibt kein Haben, nur ein Sein, nur ein nach dem letzten Atem, nach Ersticken verlangendes Sein.

Früher begriff ich nicht, warum ich auf meine Frage keine Antwort bekam, heute begreife ich nicht, wie ich glauben konnte fragen zu können.

Aber ich glaubte ja gar nicht, ich fragte nur.

Seine Antwort auf die Behauptung er besitze vielleicht, sei aber nicht, war nur Zittern und Herzklopfen.

Coelibat und Selbstmord stehn auf ähnlicher Erkenntnisstufe, Selbstmord und Märtyrertod keineswegs, vielleicht Ehe und Märtyrertod.

Einer staunte darüber, wie leicht er den Weg der Ewigkeit ging, er raste ihn nämlich abwärts.

Die Guten gehn in gleichem Schritt. Ohne von ihnen zu wissen, tanzen die andern um sie die Tänze der Zeit.

Dem Bösen kann man nicht in Raten zahlen – und versucht es unaufhörlich.

Der Verzückte und der Ertrinkende – beide heben die Arme. Der erste bezeugt Eintracht, der zweite Widerstreit mit den Elementen.

Ich kenne den Inhalt nicht ich habe den Schlüssel nicht ich glaube Gerüchten nicht alles verständlich

denn ich bin es selbst

25.

Der Weg ist unendlich, da ist nichts abzuziehn, nichts zuzugeben und doch hält doch jeder noch seine eigene kindliche Elle daran.

"Gewiß, auch diese Elle Wegs mußt du noch gehn, es wird dir nicht vergessen werden. "

Nur unser Zeitbegriff läßt uns das Jüngste Gericht so nennen, eigentlich ist es ein Standrecht.

26. Eitelkeit macht häßlich, müßte sich also eigentlich ertöten, statt dessen verletzt sie sich nur, wird "verletzte Eitelkeit".

Das Mißverhältnis der Welt scheint tröstlicher Weise nur ein zahlenmäßiges zu sein.

Nachmittag

Den ekel- und haßerfüllten Kopf auf die Brust senken. Gewiß, aber wie, wenn Dich jemand am Hals würgt?

27. Zeitungen lesen

31. (Vermutlich: 1.12.) Der Messias wird kommen, bis der zügelloseste Individualismus des Glaubens möglich ist, niemand diese Möglichkeit vernichtet, niemand die Vernichtung duldet, also die Gräber sich öffnen. Das ist vielleicht auch die christliche Lehre, sowohl in der tatsächlichen Aufzeigung des Beispieles dem nachgefolgt werden soll, eines individualistischen Beispieles, als auch in der symbolischen Aufzeigung der Auferstehung des Mittlers im einzelnen Menschen.

Glauben heißt: das Unzerstörbare in sich befreien oder richtiger: sich befreien oder richtiger: unzerstörbar sein oder richtiger: sein.

Müßiggang ist aller Laster Anfang, aller Tugenden Krönung.

Die verschiedenen Formen der Hoffnungslosigkeit auf den verschiedenen Stationen des Wegs.

Noch spielen die Jagdhunde im Hof, aber das Wild entgeht ihnen nicht, so sehr es jetzt schon durch die Wälder jagt.

Lächerlich hast Du Dich aufgeschirrt für diese Welt.

Je mehr Pferde Du anspannst desto rascher gehts – nämlich nicht das Ausreißen des Blockes aus dem Fundament, was unmöglich ist, aber das Zerreißen der Riemen und damit die leere fröhliche Fahrt.

Das Wort "sein" bedeutet im Deutschen beides: Dasein und Ihm-gehören.

2. Dez. Es wurde ihnen die Wahl gestellt Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteids.

4. stürmische Nacht, vormittag Telegramm von Max, Waffenstillstand mit Rußland

Der Messias wird erst kommen, wenn er nicht mehr nötig sein wird, er wird erst nach seiner Ankunft kommen, er wird nicht am letzten Tag kommen, sondern am allerletzten.

An Fortschritt glauben heißt nicht glauben daß ein Fortschritt schon geschehen ist. Das wäre kein Glauben.

Abend, hinter Mekusch,

A. ist ein Virtuose und der Himmel ist sein Zeuge.

6. Schweineschlachten

Dreierlei:

Sich als etwas Fremdes ansehn

Den Anblick vergessen

Den Gewinn behalten

Oder nur zweierlei, denn das Dritte schließt das Zweite ein

Das Böse ist der Sternhimmel des Guten.

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7. Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd unbekannt bleiben können. Eine der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Verborgen-Bleibens ist der Glaube an einen persönlichen Gott.

Der Himmel ist stumm, nur dem Stummen Widerhall.

Es bedurfte der Schlange: das Böse kann den Menschen verführen, aber nicht Mensch werden.

8. Bett, Verstopfung, Rückenschmerz, gereizter Abend, Katze im Zimmer, Zerworfenheit

Im Kampf zwischen Dir und der Welt, sekundiere der Welt.

Man darf niemanden betrügen, auch nicht die Welt um ihren Sieg.

Es gibt nur eine geistige Welt, was wir sinnliche nennen ist das Böse in der geistigen.

Alles ist Betrug: das Mindestmaß der Täuschungen suchen, im üblichen bleiben, das Höchstmaß suchen. Im ersten Fall betrügt man das Gute, indem man sich dessen Erwerbung zu leicht macht, das Böse, indem man ihm ungünstige Kampfbedingungen setzt, im zweiten Fall das Gute, indem man nicht einmal im Irdischen nach ihm strebt, im dritten das Gute, indem man sich möglichst weit von ihm entfernt, das Böse, indem man hofft, durch seine Höchststeigerung es machtlos zu machen. Vorzuziehn wäre also hienach der zweite Fall, denn das Gute betrügt man immer, das Böse in diesem Falle, wenigstens dem Anschein nach, nicht.

Es gibt Fragen über die wir nicht hinwegkommen könnten, wenn wir nicht von Natur aus von ihnen befreit wären.

Die Sprache kann für alles außerhalb der sinnlichen Welt nur andeutungsweise, aber niemals auch nur annähernd vergleichsweise gebraucht werden, da sie entsprechend der sinnlichen Welt nur vom Besitz und seinen Beziehungen handelt.

Man lügt möglichst wenig nur, wenn man möglichst wenig lügt, nicht wenn man möglichst wenig Gelegenheit dazu hat.

Wenn ich dem Kind sage: "Wische Deinen Mund ab, dann bekommst Du den Kuchen", so heißt das nicht daß durch das Mundabwischen der Kuchen verdient wird, denn Mundabwischen und Wert des Kuchens sind unvergleichlich, auch wird dadurch nicht das Mundabwischen zur Voraussetzung des Kuchenessens gemacht, denn abgesehen von der Geringfügigkeit solcher Bedingung bekäme das Kind den Kuchen auf jeden Fall, da er ein notwendiger Bestandteil seines Mittagessens ist – die Bemerkung bedeutet also keine Erschwerung sondern eine Erleichterung des Überganges, das Mundabwischen ist ein winziger Vorteil der dem großen des Kuchenessens vorhergeht.

9. Kirchweihtanz gestern

Eine durch Schritte nicht tief ausgehöhlte Treppenstufe ist, von sich selbst aus gesehn, nur etwas besonders zusammengefügtes Hölzernes.

Der Beobachter der Seele kann in die Seele nicht eindringen, wohl aber gibt es einen Randstrich, an dem er sich mit ihr berührt. Die Erkenntnis dieser Berührung ist, daß auch die Seele von sich selbst nicht weiß. Sie muß also unbekannt bleiben. Das wäre nur dann traurig wenn es etwas anderes außer der Seele gäbe, aber es gibt nichts anderes.

Wer der Welt entsagt, muß alle Menschen lieben, denn er entsagt auch ihrer "Welt". Er beginnt daher das wahre menschliche Wesen zu ahnen, das nicht anders als geliebt werden kann, vorausgesetzt daß man ihm ebenbürtig ist.

Wer innerhalb der Welt seinen Nächsten liebt tut Unrecht, nicht mehr und nicht weniger Unrecht als wer innerhalb der Welt sich selbst liebt.

Die Tatsache, daß es nur eine geistige Welt gibt, nimmt uns die Hoffnung und gibt uns die Gewißheit.

11. gestern Oberinspektor. Heute der Jude. Stein: Die Bibel ist ein Heiligtum, die Welt ein Scheißtum.

Die Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendetsein: Das Licht auf dem zurückweichenden Fratzengesicht ist wahr, sonst nichts.

Nicht jeder kann die Wahrheit sehn, aber sein.

12. kleiner Junge aus Liboritz

Die Vertreibung aus dem Paradies ist in ihrem Hauptteil ein außerzeitlicher ewiger Vorgang. Es ist also zwar die Vertreibung aus dem Paradies endgiltig, das Leben in der Welt unausweichlich, die Ewigkeit des Vorgangs aber oder zeitlich angesehn die ewige Wiederholung des Vorgangs macht es trotzdem möglich, daß wir nicht nur dauernd im Paradiese bleiben könnten, sondern tatsächlich dort dauernd sind, gleichgültig ob wir es hier wissen oder nicht.

Dem Diesseits kann nicht ein Jenseits folgen, denn das Jenseits ist ewig, kann also mit dem Diesseits nicht in zeitlicher Beziehung stehn.

13. Herzen begonnen, von Schöner Rarität und Zeitungen zerstreut.

Wer sucht findet nicht, wer nicht sucht, wird gefunden.

14. Gestern heute schlimmste Tage. Beigetragen haben: Herzen, ein Brief an Dr. Weiß, anderes Undeutbares. Ekelhaftes Essen: gestern Schweinsfuß, heute Schwanz. Weg nach Michelob durch den Park

Er ist ein freier und gesicherter Bürger der Erde, denn er ist an eine Kette gelegt, die lang genug ist, um ihm alle irdischen Räume frei zu geben und doch nur so lang, daß nichts ihn über die Grenzen der Erde reißen kann. Gleichzeitig aber ist er auch ein freier und gesicherter Bürger des Himmels, denn er ist auch an eine ähnlich berechnete Himmelskette gelegt. Will er nun auf die Erde, drosselt ihn das Halsband des Himmels, will er in den Himmel jenes der Erde. Und trotzdem hat er alle Möglichkeiten und fühlt es, ja er weigert sich sogar das Ganze auf einen Fehler bei der ersten Fesselung zurückzuführen.

15. Brief von Dr. Körner, Vaclav, Mehl von Mutter

Hier wird es nicht entschieden werden, aber die Kraft zur Entscheidung kann nur hier erprobt werden.

17. Leere Tage. Briefe an Körner, Pfohl, Pribram, Kaiser, Eltern

Der Neger, der von der Weltausstellung nachhause gebracht wird und, irrsinnig geworden von Heimweh, mitten in seinem Dorf unter dem Wehklagen des Stammes mit ernstestem Gesicht als Überlieferung und Pflicht die Späße aufführt, welche das europäische Publikum als Sitten und Gebräuche Afrikas entzückten.

Selbstvergessenheit und Selbstaufhebung der Kunst: Was Flucht ist, wird vorgeblich Spaziergang oder gar Angriff.

Gogh Briefe

Er läuft den Tatsachen nach wie ein Anfänger im Schlittschuhlaufen, der überdies irgendwo übt, wo es verboten

1st.

19. Gestern Ankündigung von F’s Besuch, heute allein in meinem Zimmer, drüben raucht der Ofen, nach Zarch mit Nathan Stein gegangen, wie er der Bäuerin erzählt, daß die Welt ein Teater ist

Was ist fröhlicher als der Glaube an einen Hausgott – Es ist ein Untendurch unter der wahren Erkenntnis und ein kindlich-glückliches Aufstehn!

Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.

21. Telegramm an F.

Das erste Haustier Adams nach der Vertreibung aus dem Paradies war die Schlange.

22. Hexenschuß, Rechnen in der Nacht

23. Glückliche und zum Teil matte Fahrt. Viel gehört

24. Schlecht geschlafen, anstrengender Tag

Das Unzerstörbare ist eines, jeder einzelne Mensch ist es und gleichzeitig ist es allen gemeinsam. Daher die beispiellos untrennbare Verbindung der Menschen.

Im Paradies wie immer: Das was die Sünde verursacht und das was sie erkennt ist eines. Das gute Gewissen ist das Böse, das so siegreich ist, daß es nicht einmal mehr jenen Sprung von links nach rechts für nötig hält.

Die Sorgen, mit deren Last sich der Bevorzugte gegenüber dem Unterdrückten entschuldigt, sind eben die Sorgen um Erhaltung der Bevorzugung.

Es gibt im gleichen Menschen Erkenntnisse, die bei völliger Verschiedenheit doch das gleiche Objekt haben, so daß wieder nur auf verschiedene Subjekte im gleichen Menschen rückgeschlossen werden kann.

25., 26., 27. – Abreise F. Weinen. Alles schwer, unrecht und doch richtig

Er frißt den Abfall vom eigenen Tisch, dadurch wird er zwar ein Weilchen lang satter als alle, verlernt aber oben vom Tisch zu essen, dadurch hört dann aber auch der Abfall auf.

30. nicht wesentlich enttäuscht

Wenn das was im Paradies zerstört worden sein soll, zerstörbar war, dann war es nicht entscheidend, war es aber unzerstörbar, dann leben wir in einem falschen Glauben.

2. Der Lehrer hat die wahre, der Schüler die fortwährende Zweifellosigkeit.

Prüfe Dich an der Menschheit. Den Zweifelnden macht sie zweifeln, den Glaubenden glauben.

12. morgen fährt Baum weg.

Dieses Gefühl: "Hier ankere ich nicht" und gleich die wogende, tragende Flut um sich fühlen.

Verkehr mit Menschen verführt zur Selbstbeobachtung.

Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört Halt zu sein.

Unter dem Vorwand auf die Jagd zu gehn entfernt er sich vom Hause, wüßten wir nicht daß er auf die Jagd geht, hielten wir ihn zurück.

13. Oskar weg mit Ottla, Weg nach Lischwitz

Die sinnliche Liebe täuscht über die himmlische hinweg, allein könnte sie es nicht, aber da sie das Element der himmlischen Liebe unbewußt in sich hat, kann sie es.

14. trüb schwach ungeduldig

Es gibt nur zweierlei: Wahrheit und Lüge. Die Wahrheit ist unteilbar, kann sich also selbst nicht erkennen. Wer sie erkennen will muß Lüge sein.

15. ungeduldig Besserung Nachtspaziergang nach Oberklee

Niemand kann verlangen, was ihm im letzten Grunde schadet. Hat es beim einzelnen Menschen doch diesen Anschein – und diesen hat es vielleicht immer – so erklärt sich dies dadurch, daß jemand im Menschen etwas verlangt, was diesem jemand zwar nützt, aber einem zweiten jemand, der halb zur Beurteilung des Falles herangezogen wird, schwer schadet. Hätte sich der Mensch gleich anfangs, nicht erst bei der Beurteilung des Falles ganz auf Seite des zweiten Jemand gestellt, wäre der erste Jemand erloschen und mit ihm das Verlangen.

17. (Vermutlich: 16.) Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären; da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muß sie wieder im Unerklärlichen enden.

Von Prometheus berichten vier Sagen. Nach der ersten wurde er weil er die Götter an die Menschen verraten hatte am Kaukasus festgeschmiedet und die Götter schickten Adler, die von seiner immer nachwachsenden Leber fraßen.

Nach der zweiten drückte sich Prometheus im Schmerz vor den zuhackenden Schnäbeln immer tiefer in den Felsen bis er mit ihm eins wurde.

Nach der dritten wurde in den Jahrtausenden sein Verrat vergessen, die Götter vergaßen, die Adler, er selbst.

Nach der vierten wurde man des grundlos Gewordenen müde. Die Götter wurden müde, die Adler. Die Wunde schloß sich müde.

Blieb das unerklärliche Felsgebirge.

Das Gesetz der Quadrille ist klar, alle Tänzer kennen es, es gilt für alle Zeiten. Aber irgendeine der Zufälligkeiten des Lebens die nie geschehen dürften, aber immer wieder geschehn bringt Dich allein zwischen die Reihen. Vielleicht verwirren sich dadurch auch die Reihen selbst, aber das weißt Du nicht, Du weißt nur von Deinem Unglück.

17. Weg nach Oberklee. Einschränkung

Im Teufel noch den Teufel achten

18. Die Tage

Die Klage: Wenn ich ewig sein werde, wie werde ich morgen sein?

19. Aus eigenem Willen wie eine Faust drehte er sich und vermied die Welt.

Kein Tropfen überfließt und für keinen Tropfen ist mehr Platz.

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Daß unsere Aufgabe genau so groß ist wie unser Leben, gibt ihr einen Schein von Unendlichkeit.

20. Warum klagen wir wegen des Sündenfalls? Nicht seinetwegen sind wir aus dem Paradiese vertrieben worden, sondern wegen des Baumes des Lebens, damit wir nicht von ihm essen.

Wir sind von Gott beiderseitig getrennt: Der Sündenfall trennt uns von ihm, der Baum des Lebens trennt ihn von uns.

Wir sind nicht nur deshalb sündig weil wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, sondern auch deshalb weil wir vom Baum des Lebens noch nicht gegessen haben.

Sündig ist der Stand in dem wir uns befinden, unabhängig von Schuld.

Baum des Lebens – Herr des Lebens.

Wir wurden aus dem Paradies vertrieben, aber zerstört wurde es nicht. Die Vertreibung aus dem Paradies war in einem Sinne ein Glück, denn wären wir nicht vertrieben worden, hätte das Paradies zerstört werden müssen.

Wir wurden geschaffen um im Paradies zu leben, das Paradies war bestimmt uns zu dienen. Unsere Bestimmung ist geändert worden, die des Paradieses nicht.

Nur die Menschen sind verflucht worden, der Garten Eden nicht.

Nach Gott sollte die augenblickliche Folge des Essens vom Baume der Erkenntnis der Tod sein, nach der Schlange (wenigstens konnte man sie dahin verstehn) die göttliche Gleichwerdung. Beides war in ähnlicher Weise unrichtig. Die Menschen starben nicht, sondern wurden sterblich, sie wurden nicht Gott gleich, aber erhielten eine unentbehrliche Fähigkeit, um es zu werden. Beides war auch in ähnlicher Weise richtig. Nicht der Mensch starb, aber der paradiesische Mensch, sie wurden nicht Gott, aber das göttliche Erkennen.

Kissen verbrannt, nicht ganz Du G’scheiter

Wären wir nicht aus dem Paradies vertrieben worden, hätte das Paradies zerstört werden müssen.

Der trostlose Gesichtskreis des Bösen, schon im Erkennen des Guten und Bösen glaubt er die Gottgleichheit zu sehn. Die Verfluchung scheint an seinem Wesen nichts zu verschlimmern: mit dem Bauche wird er die Länge des Weges ausmessen.

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Das Böse ist eine Ausstrahlung des menschlichen Bewußtseins in bestimmten Übergangsstellungen.

Nicht eigentlich die sinnliche Welt ist Schein, sondern ihr Böses das allerdings für unsere Augen die sinnliche Welt bildet

22. Versuch nach Michelob zu gehn. Kot

Seit dem Sündenfall sind wir in der Fähigkeit zur Erkenntnis des Guten und des Bösen im Wesentlichen gleich. Trotzdem suchen wir gerade hier unsere besonderen Vorzüge. Aber erst jenseits dieser Fähigkeit und Erkenntnis beginnen die wahren Verschiedenheiten. Der gegenteilige Schein wird durch folgendes hervorgerufen: Niemand kann sich mit der Erkenntnis allein begnügen sondern muß sich bestreben ihr gemäß sich zu verhalten. Dazu aber ist ihm die Kraft nicht mitgegeben, er muß daher sich zerstören, selbst auf die Gefahr hin, auch dadurch die notwendige Kraft nicht zu erhalten, aber es bleibt ihm nichts anderes übrig als dieser letzte Versuch. (Das ist auch der Sinn der Drohung: Im Aug... mußt Du sterben.) Vor diesem Versuch nun schaudert ihn. Er möchte die Erkenntnis des Guten und Bösen rückgängig machen wollen. Auch die Bezeichnung Sündenfall geht auf diese Angst zurück. (Die Schlange hat mit dem Rat ihre Arbeit nur halb getan, sie muß jetzt das, was sie bewirkt hat, auch noch zu fälschen suchen, sich also im eigentlichen Sinne in den Schwanz beißen.) Aber was geschehen ist kann nicht rückgängig gemacht sondern nur getrübt werden. Zu diesem Zwecke entstehen die Hilfskonstruktionen. Die ganze Welt ist ihrer voll, ja die ganze sichtbare Welt ist vielleicht nichts anderes als eine Hilfskonstruktion des einen Augenblick lang ruhen wollenden Menschen. Ein Mittel um die Tatsache der Erkenntnis in Verdacht zu bringen, die Erkenntnis erst zum Ziel zu machen.

Staunend sahen wir das große Pferd. Es durchbrach das Dach unserer Stube. Der bewölkte Himmel zog sich schwach entlang des gewaltigen Umrisses und rauschend flog die Mähne im Wind

Der Standpunkt der Kunst und des Lebens ist auch im Künstler selbst ein verschiedener.

Die Kunst fliegt um die Wahrheit, aber mit der entschiedenen Absicht sich nicht zu verbrennen. Ihre Fähigkeit besteht darin in der dunklen Leere einen Ort zu finden, wo der Strahl des Lichts, ohne daß dies vorher zu erkennen gewesen wäre, kräftig aufgefangen werden kann.

Ein Glaube, wie ein Fallbeil so schwer, so leicht.

Morgendämmerung 25.

Der Tod ist vor uns etwa wie im Schulzimmer an der Wand das Bild der Alexanderschlacht. Es kommt darauf an durch unsere Taten dieses Bild zu verdunkeln oder gar auszulöschen.

Der Selbstmörder ist der Gefangene welcher im Gefängnishof einen Galgen aufrichten sieht, irrtümlich glaubt, es sei der für ihn bestimmte, in der Nacht aus seiner Zelle ausbricht, hinuntergeht und sich selbst aufhängt.

Erkenntnis haben wir. Wer sich besonders um sie bemüht, ist verdächtig sich gegen sie zu bemühn.

Vor dem Betreten des Allerheiligsten mußt Du die Schuhe ausziehn, aber nicht nur die Schuhe, sondern alles, Reisekleid und Gepäck, und darunter die Nacktheit, und alles, was unter der Nacktheit ist, und alles, was sich unter diesem verbirgt, und dann den Kern und den Kern des Kerns, dann das Übrige und dann den Rest und dann noch den Schein des unvergänglichen Feuers. Erst das Feuer selbst wird vom Allerheiligsten aufgesogen und läßt sich von ihm aufsaugen, keines von beiden kann dem widerstehen.

Nicht Selbstabschüttelung sondern Selbstaufzehrung

Für den Sündenfall gab es drei Strafmöglichkeiten: die mildeste war die tatsächliche, die Vertreibung aus dem Paradies die zweite Zerstörung des Paradieses

drittens – und dies wäre die schrecklichste Strafe gewesen – Absperrung des Baumes des Lebens und unveränderte Belassung alles andern

28. Eitelkeit, Selbstvergessenheit, einige Tage

Zwei Möglichkeiten: sich unendlich klein machen oder es sein. Das erste ist Vollendung, also Untätigkeit, das zweite Beginn, also Tat.

Zur Vermeidung eines Wort-Irrtums: Was tätig zerstört werden soll, muß vorher ganz fest mit Blick und Hand gehalten werden; was zerbröckelt, zerbröckelt, kann aber nicht zerstört werden.

A. konnte weder einig mit sich leben, noch sich lassen, deshalb erschoß er sich, er glaubte auf diese Weise das Unvereinbare vereinigen zu können, nämlich mit sich selbst "in die Laube gehn".

"Wenn... mußt Du sterben" bedeutet: Die Erkenntnis ist gleichzeitig beides: Stufe zum ewigen Leben und Hindernis vor ihm. Wirst Du nach gewonnener Erkenntnis zum ewigen Leben gelangen wollen – und Du wirst nicht anders können als es wollen, denn Erkenntnis ist dieser Wille – so wirst Du Dich, das Hindernis, zerstören müssen, um die Stufe, das ist die Zerstörung, zu bauen. Die Vertreibung aus dem Paradies war daher keine Tat sondern ein Geschehen.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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