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2010/07/30 - 08:59

Heft 8
2 Mai 1913

Es ist sehr notwendig geworden wieder ein Tagebuch zu führen. Mein unsicherer Kopf, Felice, der Verfall im Bureau, die körperliche Unmöglichkeit zu schreiben und das innere Bedürfnis danach.



Valli geht hinter dem Schwager, der morgen zur Waffenübung nach Tschotkov einrückt, aus unserer Tür hinaus. Merkwürdig die in diesem Ihm-Folgen liegende Anerkennung der Ehe als Einrichtung, mit der man sich bis in den Grund hinein abgefunden hat.



Die Geschichte der Gärtnerstochter, die mich vorgestern in der Arbeit unterbrach. Ich, der ich durch die Arbeit meine Neurasthenie heilen will, muß hören, daß der Bruder des Fräulein, er hat Jan geheißen und war der eigentliche Gärtner und voraussichtlicher Nachfolger des alten Dvorsky, ja sogar schon Besitzer des Blumengartens sich vor 2 Monaten im Alter von 28 Jahren aus Melancholie vergiftet hat. Im Sommer war ihm verhältnismäßig wohl trotz seiner einsiedlerischen Natur, da er wenigstens mit den Kunden verkehren mußte, im Winter dagegen war er ganz verschlossen. Seine Geliebte war eine Beamtin – urednice – ein gleichfalls melancholisches Mädchen. Sie giengen zusammen oft auf den Friedhof.



Der riesige Menasse bei der Jargonvorstellung. Irgendetwas Zauberhaftes das mich bei seinen Bewegungen im Zusammenklang mit der Musik ergriff. Ich habe es vergessen.



Mein dummes Lachen, als ich heute der Mutter sagte, daß ich Pfingsten nach Berlin fahre. "Warum lachst Du?" sagte die Mutter (unter einigen anderen Bemerkungen, darunter "Drum prüfe, wer sich ewig bindet" die ich aber alle abwehrte mit Bemerkungen wie "Es ist nichts u.s.w.") "Aus Verlegenheit" sagte ich und war froh einmal etwas Wahres in dieser Sache gesagt zu haben.



Die Bailly gestern getroffen. Ihre Ruhe, Zufriedenheit Unbefangenheit und Klarheit, trotzdem sich in den letzten zwei Jahren ihr Übergang zur alten Frau vollzogen hat, diese schon damals lästige Fülle bald die Grenze steriler Fettleibigkeit erreicht haben wird, in den Gang eine Art Sich-Wälzens und Sich-Schiebens mit Vorstoßen oder besser Vortragen des Bauches gekommen ist und am Kinn – beim kurzen Anblick nur am Kinn – Barthaare sich aus dem frühern Flaume ringeln.



3 Mai (1913)

Die schreckliche Unsicherheit meiner innern Existenz.

Curator



Wie ich die Weste aufknöpfe, um dem Hr. B. meinen Ausschlag zu zeigen. Wie ich ihn in ein Nebenzimmer winke.



Der Aussätzige und seine Frau. Wie sich ihr Hintere, sie liegt im Bett auf dem Bauch, immer wieder mit allen Geschwüren erhebt, trotzdem ein Gast da ist. Wie der Mann sie immer anschreit, daß sie zugedeckt liegen bleiben soll.



Der Ehemann ist von einem Pfahl – man weiß nicht. von wo der kam – von hinten getroffen niedergeworfen und durchbohrt worden. Auf dem Boden liegend klagt er mit erhobenem Kopf und ausgebreiteten Armen. Später kann er sich auch schon für einen Augenblick schwankend erheben. Er weiß nichts anderes zu erzählen, als wie er getroffen wurde und zeigt die beiläufige Richtung, aus der seiner Meinung nach der Pfahl gekommen ist. Diese immer gleichen Erzählungen ermüden schon die Ehefrau, zumal der Mann immer wieder eine andere Richtung zeigt.



4 (Mai 1913) Immerfort die Vorstellung eines breiten Selchermessers das eiligst und mit mechanischer Regelmäßigkeit von der Seite her in mich hineinfährt und ganz dünne Querschnitte losschneidet, die bei der schnellen Arbeit fast eingerollt davonfliegen.



An einem frühen Morgen, die Gassen waren noch leer weit und breit, öffnete ein Mann, er war bloßfüßig und nur mit Nachthemd und Hose bekleidet, das Tor eines großen Miethauses in der Hauptstraße. Er hielt beide Türflügel fest und atmete tief. "Du Jammer, Du verfluchter Jammer" sagte er und sah scheinbar ruhig zuerst die Straße entlang, dann über einzelne Häuser hin.



Verzweiflung also auch von hier aus. Nirgends Aufnahme.



1. Verdauung 2. Neurasthenie 3. Ausschlag 4. innere Unsicherheit



Wenn sie doch in einem Kopfe ohne Spannung sich vermischte



24. Mai 13 Spaziergang mit Pick.

Übermut weil ich den Heizer für so gut hielt. Abend las ich ihn den Eltern vor, einen besseren Kritiker als mich während des Vorlesens vor dem höchst widerwillig zuhörenden Vater, gibt es nicht. Viele flache Stellen vor offenbar unzugänglichen Tiefen.



5 VI 13

Die innern Vorteile welche mittelmäßige litterarische Arbeiten daraus ziehen, daß ihre Verfasser noch am Leben und hinter ihnen her sind. Der eigentliche Sinn des Veraltens.



Löwy Geschichte von der Grenzüberschreitung.



21. VI (1913) Die Angst, die ich nach allen Seiten hin ausstehe. Die Untersuchung beim Doktor, wie er gleich gegen mich vordringt, ich mich förmlich aushöhle und er in mir verachtet und unwiderlegt seine leeren Reden hält.



Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe. Aber wie mich befreien und sie befreien ohne zu zerreißen. Und tausendmal lieber zerreißen, als sie in mir zurückhalten oder begraben. Dazu bin ich ja hier, das ist mir ganz klar.



Ein großer Mann in einem bis zu den Füßen reichenden Mantel klopfte an einem kalten Frühlingsmorgen gegen 5 Uhr mit der Faust an die Tür einer kleinen Hütte, die in einer kahlen hügeligen Gegend stand. Nach jedem Faustschlag horchte er, in der Hütte blieb es still.



1 VII 13

Der Wunsch nach besinnungsloser Einsamkeit. Nur mir gegenübergestellt sein. Vielleicht werde ich es in Riva haben.



Vorvorgestern mit Weiß, Verfasser der Galeere. Jüdischer Arzt, Jude von der Art, die dem Typus des westeuropäischen Juden am nächsten ist und dem man sich deshalb gleich nahe fühlt. Der ungeheuere Vorteil der Christen, die im allgemeinen Verkehr die gleichen Gefühle der Nähe immerfort haben und genießen z. B. christlicher Tscheche unter christlichen Tschechen.

Das Hochzeitsreisepaar, das aus dem Hotel de Saxe trat. Am Nachmittag. Einwerfen der Karte in den Briefkasten. Zerdrückte Kleider, schlaffer Schritt, trüber lauer Nachmittag. Wenig charakteristische Gesichter für den ersten Blick.



Das Bild der 300 jährigen Romanowfeier in Jaroslawl an der Wolga. Der Car, die Princessinnen verdrießlich in der Sonne stehend nur eine zart, ältlich, schlaff, auf den Sonnenschirm gestützt, blickt vor sich hin. Der Tronfolger auf dem Arm des ungeheueren barhäuptigen Kosaken. – Auf einem andern Bild salutieren in der Ferne längst schon passierte Männer.



Der Millionär auf dem Bild im Kino "Sklaven des Goldes". Ihn festhalten! Die Ruhe, die langsame zielbewußte Bewegung, wenn notwendig rascher Schritt, Zucken des Armes. Reich, verwöhnt, eingelullt, aber wie er aufspringt wie ein Knecht, und das Zimmer in der Waldschenke untersucht in das er eingesperrt worden ist.



2 (Juli 1913) Geschluchzt über dem Proceßbericht einer 23 jähr. Marie Abraham, die ihr fast 1/4 Jahre altes Kind Barbara wegen Not und Hunger erwürgte mit einer Männerkrawatte, die ihr als Strumpfband diente und die sie abband. Ganz schematische Geschichte.



Das Feuer, mit dem ich im Badezimmer meiner Schwester ein komisches kinematographisches Bild darstellte. Warum kann ich das niemals Fremden gegenüber?



Ich hätte niemals ein Mädchen geheiratet, mit dem ich ein Jahr lang in der gleichen Stadt gelebt hätte.



3 (Juli 1913) Die Erweiterung und Erhöhung der Existenz durch eine Heirat. Predigtspruch. Aber ich ahne es fast.



Wenn ich etwas sage verliert es sofort und endgiltig die Wichtigkeit, wenn ich es aufschreibe verliert es sie auch immer, gewinnt aber manchmal eine neue.



Ein Band von goldenen Kügelchen um einen gebräunten Hals.



19 VII 13

Aus einem Hause traten vier bewaffnete Männer. Jeder hielt vor sich aufrecht eine Hellebarde. Hie und da wandte einer sein Gesicht zurück um zu sehen, ob der schon komme, um dessentwillen sie hier standen. Es war früh am Morgen, die Gasse war ganz leer.



Was wollt Ihr also? Kommt! – Wir wollen nicht. Laß uns! –



Dazu der innere Aufwand. Darum klingt einem die Musik aus dem Kaffeehaus so ins Ohr. Der Steinwurf wird sichtbar, von dem Elsa B. erzählte.



Eine Frau sitzt am Spinnrocken. Ein Mann stößt mit einem Schwert, das in der Scheide steckt (er hält sie frei in der Hand) die Tür auf.

M. Hier war er!

F. Wer? Was wollt Ihr?

M. Der Pferdedieb? Er ist hier versteckt. Leugne nicht! (Er schwingt das Schwert)

F. (hebt den Spinnrocken zur Abwehr) Niemand war hier. Laßt mich!



20 VII 13

Unten auf dem Flusse lagen mehrere Boote, Fischer hatten ihre Angeln ausgeworfen, es war ein trüber Tag. Am Quaigeländer lehnten einige Burschen mit verschränkten Beinen.



Als man zur Feier ihrer Abreise aufstand und die Champagnergläser hob, war schon Dämmerung. Die Eltern und einige Hochzeitsgäste begleiteten sie bis zum Wagen. Es



21 VII (1913) Nicht verzweifeln, auch darüber nicht daß Du nicht verzweifelst. Wenn schon alles zuende scheint, kommen doch noch neue Kräfte angerückt, das bedeutet eben, daß Du lebst. Kommen sie nicht, dann ist hier alles zuende aber endgültig.



Ich kann nicht schlafen. Nur Träume kein Schlaf. Heute habe ich im Traum ein neues Verkehrsmittel für einen abschüssigen Park erfunden. Man nimmt einen Ast, der nicht sehr stark sein muß, stemmt ihn schief gegen den Boden, das eine Ende behält man in der Hand setzt sich möglichst leicht darauf, wie im Damensattel, der ganze Zweig rast dann natürlich den Abhang hinab, da man auf dem Ast sitzt wird man mitgenommen und schaukelt behaglich in voller Fahrt auf dem elastischen Holz. Es findet sich dann auch eine Möglichkeit, den Zweig zum Aufwärtsfahren zu verwenden. Der Hauptvorteil liegt abgesehen von der Einfachheit der ganzen Vorrichtung darin, daß der Zweig dünn und beweglich wie er ist, er kann ja gesenkt und gehoben werden nach Bedarf überall durchkommt, wo selbst ein Mensch allein schwer durchkäme



Durch das Parterrefenster eines Hauses an einem um den Hals gelegten Strick hineingezogen und ohne Rücksicht wie von einem der nicht acht gibt, blutend und zerfetzt, durch alle Zimmerdecken, Möbel, Mauern und Dachböden hinaufgerissen werden, bis oben auf dem Dach die leere Schlinge erscheint, die meine Reste erst beim Durchbrechen der Dachziegel verloren hat.



21. VIII (Juli) 13 Besondere Methode des Denkens. Gefühlsmäßig durchdrungen. Alles fühlt sich als Gedanke selbst im Unbestimmtesten. (Dostojewski)



Dieser Flaschenzug im Innern. Ein Häkchen rückt vorwärts, irgendwo im Verborgenen, man weiß es kaum im ersten Augenblick, und schon ist der ganze Apparat in Bewegung. Einer unfaßbaren Macht unterworfen, so wie die Uhr der Zeit unterworfen scheint, knackt es hier und dort und alle Ketten rasseln eine nach der andern ihr vorgeschriebenes Stück herab.



Zusammenstellung alles dessen, was für und gegen meine Heirat spricht: 1) Unfähigkeit allein das Leben zu ertragen, nicht etwa Unfähigkeit zu leben, ganz im Gegenteil, es ist sogar unwahrscheinlich, daß ich es verstehe, mit jemandem zu leben, aber unfähig bin ich den Ansturm meines eigenen Lebens, die Anforderungen meiner eigenen Person, den Angriff der Zeit und des Alters, den vagen Andrang der Schreiblust, die Schlaflosigkeit, die Nähe des Irreseins – alles dies allein zu ertragen bin ich unfähig. Vielleicht, füge ich natürlich hinzu. Die Verbindung mit F. wird meiner Existenz mehr Widerstandskraft geben.

2. Alles gibt mir gleich zu denken. Jeder Witz im Witzblatt, die Erinnerung an Flaubert und Grillparzer, der Anblick der Nachthemden auf den für die Nacht vorbereiteten Betten meiner Eltern, Maxens Ehe. Gestern sagte meine Schwester: "Alle Verheirateten (unserer Bekanntschaft) sind glücklich, ich begreife es nicht" auch dieser Ausspruch gab mir zu denken, ich bekam wieder Angst.

3 Ich muß viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.

4 Alles was sich nicht auf Litteratur bezieht, hasse ich, es langweilt mich Gespräche zu führen (selbst wenn sie sich auf Litteratur beziehn) es langweilt mich Besuche zu machen, Leiden und Freuden meiner Verwandten langweilen mich in die Seele hinein. Gespräche nehmen allem was ich denke die Wichtigkeit, den Ernst, die Wahrheit.

5 Die Angst vor der Verbindung, dem Hinüberfließen. Dann bin ich nie mehr allein.

6 Ich bin vor meinen Schwestern, besonders früher war es so, oft ein ganz anderer Mensch gewesen, als vor andern Leuten. Furchtlos, bloßgestellt, mächtig, überraschend, ergriffen wie sonst nur beim Schreiben. Wenn ich es durch Vermittlung meiner Frau vor allen sein könnte! Wäre es dann aber nicht dem Schreiben entzogen? Nur das nicht, nur das nicht!

7. Allein könnte ich vielleicht einmal meinen Posten wirklich aufgeben. Verheiratet wird es nie möglich sein.



In unserer Klasse, der fünften Gymnasialklasse des Amaliengymnasiums, war ein Junge namens Friedrich Guß, den wir alle sehr haßten. Wenn wir früh in die Klasse kamen und ihn auf seinem Platz beim Ofen sitzen sahen, konnten wir kaum verstehen, wie er sich hatte aufraffen können, wieder in die Schule zu kommen. Aber ich erzähle nicht richtig. Wir haßten nicht nur ihn, wir haßten alle. Wir waren eine schreckliche Vereinigung. Als einmal der Landesschulinspektor einer Unterrichtsstunde beiwohnte – es war Geographiestunde und der Professor beschrieb die Augen der Tafel oder dem Fenster zugekehrt wie alle unsere Professoren, die Halbinsel Morea –



Es war am Tage des Schulbeginnes, es gieng schon gegen Abend. Die Professoren des Obergymnasiums saßen noch im Konferenzzimmer, studierten die Schülerlisten, legten neue Klassenbücher an, erzählten von ihrer Urlaubreise.



Ich elender Mensch!



Nur das Pferd ordentlich peitschen! Ihm die Sporen langsam einbohren, dann mit einem Ruck sie herausziehn jetzt aber mit aller Kraft sie ins Fleisch hineinfahren lassen.



Was für Not!



Waren wir verrückt? Wir liefen in der Nacht durch den Park und schwangen Zweige.



Ich fuhr mit meinem Boot in eine kleine natürliche Bucht

ein.



Ich pflegte während meiner Gymnasialzeit hie und da einen gewissen Josef Mack, einen Freund meines verstorbenen Vaters zu besuchen. Als ich nach Absolvierung des Gymnasiums –



Hugo Seiffert pflegte während seiner Gymnasialzeit einem gewissen Josef Kiemann einem alten Junggesellen, der mit Hugos verstorbenem Vater befreundet gewesen war, hie und da einen Besuch zu machen. Diese Besuche hörten unvermittelt auf, als Hugo unerwartet einen sofort anzutretenden Posten im Ausland angeboten erhielt und für einige Jahre seine Heimatsstadt verließ. Als er dann wieder zurückkehrte, beabsichtigte er zwar den alten Mann zu besuchen, es fand sich aber keine Gelegenheit, vielleicht hätte ein solcher Besuch auch seinen geänderten Anschauungen nicht entsprochen, und trotzdem er öfters durch die Gasse gieng in welcher Kiemann wohnte ja trotzdem er ihn mehrmals im Fenster lehnen sah und wahrscheinlich auch bemerkt wurde unterließ er den Besuch.



Nichts, nichts, nichts.,Schwäche, Selbstvernichtung, durch den Boden gedrungene Spitze einer Höllenflamme.



23 VIII (Juli) 13 Mit Felix in Rostock. Die geplatzte Sexualität der Frauen. Ihre natürliche Unreinheit. Das für mich sinnlose Spiel mit dem kleinen Lenchen. Der Anblick der einen dicken Frau, die zusammengekrümmt in einen Korbstuhl, den einen Fuß auffällig zurückgeschoben, irgendetwas nähte und mit einer alten Frau, wahrscheinlich einer alten Jungfer, deren Gebiß auf einer Seite des Mundes immer in besonderer Größe erschien, sich unterhielt. Die Vollblütigkeit und Klugheit der schwangern Frau. Ihr Hintere mit geraden abgeteilten Flächen, förmlich facettiert. Das Leben auf der kleinen Terasse. Wie ich ganz kalt die Kleine auf den Schoß nahm, gar nicht unglücklich über die Kälte. Der Aufstieg im "stillen Tal"



Wie kindisch ein Spengler, durch die offene Tür des Geschäftes zu sehn, bei seiner Arbeit sitzt und immerfort mit dem Hammer klopft



Roskoff, Geschichte des Teufels: Bei den jetzigen Karaiben gilt "der, welcher in der Nacht arbeitet" als der Schöpfer der Welt.



13. Aug. (1913) Vielleicht ist nun alles zuende und mein gestriger Brief der letzte. Es wäre unbedingt das Richtige. Was ich leiden werde, was sie leiden wird – es ist nicht zu vergleichen mit dem gemeinsamen Leid, das entstehen würde. Ich werde mich langsam sammeln, sie wird heiraten, es ist der einzige Ausweg unter Lebendigen. Wir zwei können nicht für uns zwei einen Weg in einen Felsen schlagen, es ist genug, daß wir ein Jahr lang daran geweint und uns abgequält haben. Sie wird es aus meinen letzten Briefen einsehn. Wenn nicht, dann werde ich sie gewiß heiraten, denn ich bin zu schwach, ihrer Meinung über unser gemeinsames Glück zu widerstehn und außerstande, etwas was sie für möglich hält, nicht zu verwirklichen, soweit es an mir liegt.



Gestern abend auf dem Belvedere unter den Sternen.



14. (August 1913) Es ist das Gegenteil eingetroffen. Es kamen drei Briefe. Dem letzten konnte ich nicht widerstehn. Ich habe sie lieb, soweit ich dessen fähig bin aber diese Liebe liegt zum Ersticken begraben unter Angst und Selbstvorwürfen.



Folgerungen aus dem "Urteil" für meinen Fall. Ich verdanke die Geschichte auf Umwegen ihr. Georg geht aber an der Braut zugrunde.



Der Coitus als Bestrafung des Glückes des Beisammenseins. Möglichst asketisch leben, asketischer als ein Junggeselle, das ist die einzige Möglichkeit für mich, die Ehe zu ertragen. Aber sie?



Und trotz allem, wären wir, ich und Felice, vollständig gleichberechtigt, hätten wir gleiche Aussichten, und Möglichkeiten, ich würde nicht heiraten. Aber diese Sackgasse, in die ich ihr Schicksal langsam geschoben habe, macht es mir zur unausweichlichen, wenn auch durchaus nicht etwa unübersehbaren Pflicht. Irgend ein geheimes Gesetz der menschlichen Beziehungen wirkt hier.



Der Brief an die Eltern machte mir große Schwierigkeiten besonders deshalb, weil ein unter besonders ungünstigen Umständen abgefaßtes Concept sich lange nicht abändern lassen wollte. Heute ist es mir doch beiläufig gelungen, wenigstens steht keine Unwahrheit darin und es bleibt doch auch für Eltern lesbar und begreiflich.



Wie kalt ich heute abend – Oskar und die Frau waren nicht zuhause – mit dem vermeintlich von mir geliebten Leo spielte. Er war mir widerlich fremd und dumm.



15 (August 1913) Qualen im Bett gegen Morgen. Einzige Lösung im Sprung aus dem Fenster gesehn. Die Mutter kam zum Bett und fragte, ob ich den Brief abgeschickt habe und ob es mein alter Text gewesen sei. Ich sagte, es wäre der alte Text, nur noch verschärfter. Sie sagte, sie verstehe mich nicht. Ich antwortete, sie verstehe mich allerdings nicht und nicht etwa nur in dieser Sache. Später fragte sie mich, ob ich dem Onkel Alfred schreiben werde, er verdiene es, daß ich ihm schreibe. Ich fragte, wodurch er es verdiene. Er hat telegraphiert, er hat geschrieben, er meint es so gut mit Dir. "Das sind nur Äußerlichkeiten" sagte ich "er ist mir ganz fremd, er mißversteht mich vollständig, er weiß nicht, was ich will und brauche, ich habe nichts mit ihm zu tun. " "Also keiner versteht Dich" sagte die Mutter "ich bin Dir wahrscheinlich auch fremd, und der Vater auch. Wir alle wollen also nur Dein Schlechtes." "Gewiß Ihr seid mir alle fremd, nur die Blutnähe besteht, aber sie äußert sich nicht. Mein Schlechtes wollt Ihr gewiß nicht. "

Durch dieses und durch einige andere Selbstbeobachtungen bin ich dazu geführt worden, daß in meiner immer größer werdenden innern Bestimmtheit und Überzeugtheit Möglichkeiten liegen, in einer Ehe trotz allem bestehen zu können, ja sie sogar zu einer für meine Bestimmung vorteilhaften Entwicklung zu führen. Es ist das allerdings ein Glaube, den ich gewissermaßen schon auf der Fensterkante fasse.



Ich werde mich bis zur Besinnungslosigkeit von allen absperren. Mit allen mich verfeinden, mit niemandem reden. –



Der Mann mit den dunklen, streng blickenden Augen, der den Haufen alter Mäntel auf der Achsel trug.



Leopold S. großer starker Mann, ungelenke ziehende Bewegungen, lose hängende, faltige, schwarzweiß karrierte Kleider eilt durch die Tür rechts in das große Zimmer, schlägt in die Hände und ruft Felice! Felice! Ohne einen Augenblick auf den Erfolg seines Rufens zu warten, eilt er zur Mitteltür, die er, wieder Felice rufend, öffnet.

Felice S. tritt durch die linke Tür ein, bleibt an der Türe stehn, 40 jährige Frau in Küchenschürze



Hier bin ich schon Leo. Wie Du nervös geworden bist in der letzten Zeit! Was willst Du denn?



Leopold. dreht sich mit einem Ruck um, bleibt dann stehn und nagt an den Lippen

Nun also! Komm doch her! (er geht zum Kanapee)



F. (rührt sich nicht) Schnell! Was willst Du? Ich muß doch in die Küche.



L. (vom Kanapee aus) Laß die Küche! Komm her! Ich will Dir etwas Wichtiges sagen. Es steht dafür. Komm doch!



F. (geht langsam hin, zieht die Tragbänder der Schürze in die Höhe)

Nun was ist es denn so Wichtiges? Wenn Du mich zum Narren hältst, bin ich bös, aber ernstlich. (Bleibt vor ihm stehn)



L. Also setz Dich doch!



F. Und wie wenn ich nicht will.



L. Dann kann ich es Dir nicht sagen. Ich muß Dich nahe bei mir haben.



F. Nun sitze ich also schon.





21 VIII 13

Ich habe heute Kierkegaard Buch des Richters bekommen. Wie ich es ahnte, ist sein Fall trotz wesentlicher Unterschiede dem meinen sehr ähnlich zumindest liegt er auf der gleichen Seite der Welt. Er bestätigt mich wie ein Freund. Ich entwerfe folgenden Brief an den Vater, den ich morgen wenn ich die Kraft habe, wegschicken will.

Sie zögern mit der Beantwortung meiner Bitte, das ist ganz verständlich, jeder Vater würde es jedem Bewerber gegenüber tun, das veranlaßt diesen Brief also ganz und gar nicht, äußersten Falls vergrößert es meine Hoffnung auf ruhige Würdigung dieses Briefes. Diesen Brief aber schreibe ich aus Furcht, daß Ihr Zögern oder Ihre Überlegung mehr allgemeine Gründe hat, als daß es, wie es allein notwendig wäre, von jener einzigen Stelle meines ersten Briefes ausgeht, die mich verraten konnte. Es ist dies die Stelle, die von der Unerträglichkeit meines Postens handelt.

Sie werden vielleicht über dieses Wort hinweggehn, aber das sollen Sie nicht, Sie sollen vielmehr ganz genau danach fragen, dann müßte ich Ihnen genau und kurz folgendes antworten. Mein Posten ist mir unerträglich, weil er meinem einzigen Verlangen und meinem einzigen Beruf das ist der Litteratur widerspricht. Da ich nichts anderes bin als Litteratur und nichts anderes sein kann und will, so kann mich mein Posten niemals zu sich reißen, wohl aber kann er mich gänzlich zerrütten. Davon bin ich nicht weit entfernt. Nervöse Zustände schlimmster Art beherrschen mich, ohne auszusetzen und dieses Jahr der Sorgen und Quälereien um meine und Ihrer Tochter Zukunft hat meine Widerstandlosigkeit vollständig erwiesen. Sie könnten fragen, warum ich diesen Posten nicht aufgebe und mich – Vermögen besitze ich nicht – nicht von litterarischen Arbeiten zu erhalten suche. Darauf kann ich nur die erbärmliche Antwort geben, daß ich nicht die Kraft dazu habe und, soweit ich meine Lage überblicke, eher in diesem Posten zugrundegehen, aber allerdings rasch zugrundegehen werde.

Und nun stellen Sie mich Ihrer Tochter gegenüber, diesem gesunden, lustigen, natürlichen kräftigen Mädchen. So oft ich es ihr auch in etwa 500 Briefen wiederholte und so oft sie mich mit einem allerdings nicht überzeugend begründeten "Nein" beruhigte – es bleibt doch wahr, sie muß mit mir unglücklich werden, so weit ich es absehn kann. Ich bin nicht nur durch meine äußerlichen Verhältnisse, sondern noch viel mehr durch mein eigentliches Wesen ein verschlossener, schweigsamer ungeselliger unzufriedener Mensch, ohne dies aber für mich als ein Unglück bezeichnen zu können, denn es ist nur der Widerschein meines Zieles. Aus meiner Lebensweise, die ich zuhause führe, lassen sich doch wenigstens Schlüsse ziehn. Nun ich lebe in meiner Familie, unter den besten und liebevollsten Menschen, fremder als ein Fremder. Mit meiner Mutter habe ich in den letzten Jahren durchschnittlich nicht zwanzig Worte täglich gesprochen, mit meinem Vater kaum jemals mehr als Grußworte gewechselt. Mit meinen verheirateten Schwestern und den Schwägern, spreche ich gar nicht, ohne etwa mit ihnen böse zu sein. Der Grund dessen ist einfach der, daß ich mit ihnen nicht das aller Geringste zu sprechen habe. Alles was nicht Litteratur ist, langweilt mich und ich hasse es, denn es stört mich oder hält mich auf, wenn auch nur vermeintlich. Für Familienleben fehlt mir daher jeder Sinn außer der des Beobachters im besten Fall. Verwandtengefühl habe ich keines, in Besuchen sehe ich förmlich gegen mich gerichtete Bosheit.

Eine Ehe könnte mich nicht verändern, ebenso wie mich mein Posten nicht verändern kann.
30 VIII 13 Wo finde ich Rettung Wieviel Unwahrheiten, von denen ich gar nicht mehr wußte, werden mit heraufgeschwemmt. Wenn die wirkliche Verbindung von ihnen ebenso durchzogen würde, wie der wirkliche Abschied dann habe ich sicher recht getan. In mir selbst gibt es ohne menschliche Beziehung keine sichtbaren Lügen. Der begrenzte Kreis ist rein.



14. X 13.

Die kleine Gasse begann mit der Mauer eines Kirchhofes auf der einen und einem niedrigen Hause mit einem Balkon auf der andern Seite. In dem Hause wohnte der pensionierte Beamte Friedrich Munch und seine Schwester Elisabeth.



Ein Trupp Pferde brach aus der Umzäumung.



Zwei Freunde machten einen Morgenritt.



"Teufel, rettet mich aus der Umnachtung!" rief ein alter Kaufmann, der sich am Abend müde auf das Kanapee gelegt hatte und nun in der Nacht nur mit Sammlung aller Kräfte schwer sich erhob. Es klopfte dumpf an die Tür. "Herein, herein, alles, was draußen ist! " rief er



15. X 13 Ich habe mich vielleicht wieder aufgefangen, bin wieder vielleicht im Geheimen einen kürzern Weg gelaufen und halte mich, der ich im Alleinsein schon verzweifle, wieder an. Aber die Kopfschmerzen, die Schlaflosigkeit! Nun es steht für den Kampf oder vielmehr, ich habe keine Wahl.



Der Aufenthalt in Riva hatte für mich eine große Wichtigkeit. Ich verstand zum ersten Mal ein christliches Mädchen und lebte fast ganz in seinem Wirkungskreis. Ich bin unfähig etwas für die Erinnerung Entscheidendes darüber aufzuschreiben. Nur um sich zu erhalten macht mir meine Schwäche lieber den dumpfen Kopf klar und leer, soweit sich die Verworrenheit an die Ränder drücken läßt. Mir ist aber dieser Zustand fast lieber, als das bloß dumpfe und ungewisse Andrängen, zu dessen überdies unsichern Befreiung ein Hammer nötig wäre, der mich vorher zerschlägt.



Mißlungener Versuch an E. Weiß zu schreiben. Und gestern im Bett hat mir der Brief im Kopf gekocht.



In der Ecke einer Elektrischen sitzen, den Mantel um mich geschlagen.



Der Prof. Grünwald auf der Reise von Riva. Seine an den Tod erinnernde deutschböhmische Nase, angeschwollene, gerötete, blasentreibende Backen eines auf blutleere Magerkeit angelegten Gesichtes, der blonde Vollbart ringsherum. Von der Freß- und Trinksucht besessen. Das Einschlucken der heißen Suppe, das Hineinbeißen und gleichzeitige Ablecken des nicht abgeschälten Salamistumpfes, das schluckweise ernste Trinken des schon warmen Bieres, das Ausbrechen des Schweißes um die Nase herum. Eine Widerlichkeit, die durch gierigstes Anschauen und Beriechen nicht auszukosten ist.



Das Haus war schon geschlossen. In zwei Fenstern des zweiten Stockwerkes war Licht und dann noch in einem Fenster des vierten Stockwerkes. Ein Wagen hielt vor dem Hause. An das beleuchtete Fenster im vierten Stockwerk trat ein junger Mann, öffnete es und sah auf die Gasse hinunter. Im Mondlicht





Es war schon spät abend. Der Student hatte gänzlich die Lust verloren, noch weiter zu arbeiten. Es war auch gar nicht nötig, er hatte in den letzten Wochen wirklich große Fortschritte gemacht, er konnte wohl ein wenig ausruhn und die Nachtarbeit einschränken. Er schloß seine Bucher und Hefte, ordnete alles auf seinem kleinen Tisch und wollte sich ausziehn, um schlafen zu gehn. Zufällig sah er aber zum Fenster hin und es kam ihm beim Anblick des klaren Vollmondes der Einfall, in der schönen Herbstnacht noch einen kleinen Spaziergang zu machen und sich möglicherweise irgendwo mit einem schwarzen Kaffee zu stärken. Er löschte die Lampe aus, nahm den Hut und öffnete die Tür zur Küche. Im allgem. war es ihm ganz gleichgültig, daß er immer durch die Küche gehen mußte, auch verbilligte diese Unbequemlichkeit sein Zimmer um ein Bedeutendes, aber hie und da wenn in der Küche besonderer Lärm war oder wenn er wie heute z. B. spät abend weggehn wollte, war es doch lästig.



Trostlos. Heute im Halbschlaf am Nachmittag: Schließlich muß mir doch das Leid den Kopf sprengen. Undzwar an den Schläfen. Was ich bei dieser Vorstellung sah, war eigentlich eine Schußwunde, nur waren um das Loch herum die Ränder mit scharfen Kanten aufrecht aufgestülpt, wie bei einer wild aufgerissenen Blechbüchse.



An Krapotkin nicht vergessen!



20. X 13. Die unausdenkliche Traurigkeit am Morgen. Abend Jakobsohn "Der Fall Jakobsohn" gelesen. Diese Kraft zu leben, sich zu entscheiden, den Fuß mit Lust auf den richtigen Ort zu setzen. Er sitzt in sich wie ein meisterhafter Ruderer in seinem Boot und in jedem Boot sitzen würde. Ich wollte ihm schreiben. Gieng statt dessen spazieren, verwischte alles aufgenommene Gefühl durch ein Gespräch mit Haas, den ich traf, Weiber erregten mich, nun las ich zuhause "die Verwandlung" und finde sie schlecht. Vielleicht bin ich wirklich verloren, die Traurigkeit von heute morgen wird wiederkommen, ich werde ihr nicht lange widerstehen können, sie nimmt mir jede Hoffnung. Ich habe nicht einmal Lust ein Tagebuch zu führen, vielleicht weil darin schon zuviel fehlt, vielleicht weil ich immerfort nur halbe und allem Anschein nach notwendig halbe Handlungsweise beschreiben müßte, vielleicht weil selbst das Schreiben zu meiner Traurigkeit beiträgt. Gerne wollte ich Märchen (warum hasse ich das Wort so?) schreiben, die der W. gefallen könnten und die sie einmal beim Essen unter dem Tisch hält, in den Pausen liest und fürchterlich errötet, als sie bemerkt, daß der Sanatoriumsarzt schon ein Weilchen hinter ihr steht und sie beobachtet. Manchmal, eigentlich immer ihre Erregung beim Erzählen (ich fürchte wie ich merke die förmlich physische Anstrengung beim Sicherinnern, den Schmerz, unter dem der Boden des gedankenleeren Raumes sich langsam öffnet oder auch nur erst ein wenig sich wölbt) Alles wehrt sich gegen das Aufgeschriebenwerden. Wüßte ich, daß darin ihr Gebot wirkt, nichts über sie zu sagen (ich habe es streng, fast ohne Mühe gehalten) dann wäre ich zufrieden, aber es ist nichts als Unfähigkeit. Was meine ich übrigens dazu, daß ich heute abend eine ganze Wegstrecke lang darüber nachdachte was ich durch die Bekanntschaft mit der W. an Freuden mit der Russin eingebüßt habe, die mich vielleicht, was durchaus nicht ausgeschlossen ist, nachts in ihr Zimmer eingelassen hätte, das schief gegenüber dem meinigen lag. Während mein abendlicher Verkehr mit der W. darin bestand, daß ich in einer Klopfsprache, zu deren endgiltiger Besprechung wir niemals kamen, an die Decke meines unter ihrem Zimmer liegenden Zimmers klopfte, ihre Antwort empfing, mich aus dem Fenster beugte, sie grüßte, einmal mich von ihr segnen ließ, einmal nach einem herabgelassenen Bande haschte, stundenlang auf der Fensterbrüstung saß, jeden ihrer Schritte oben hörte, jedes zufällige Klopfen als ein Verständigungszeichen irriger Weise auffaßte, ihren Husten hörte, ihr Singen vor dem Einschlafen.



21. (Oktober 1913) Verlorener Tag. Besuch der Ringhofferschen Fabrik Seminar Ehrenfels, bei Weltsch, Nachtmahl, Spaziergang, jetzt 10 Uhr' hier. Ich denke immerfort an den Schwarzkäfer, werde aber nicht schreiben.



Im kleinen Hafen eines Fischerdorfes wurde eine Barke zur Fahrt ausgerüstet. Ein junger Mann in Plunderhosen beaufsichtigte die Arbeiten. Zwei alte Matrosen trugen Säcke und Kisten bis zu einer Anlegebrücke, wo ein großer Mann mit auseinandergestemmten Beinen alles in Empfang nahm und irgendwelchen Händen überantwortete, die sich aus dem dunklen Innern der Barke ihm entgegenstreckten. Auf großen Quadersteinen, die einen Winkel des Quais umfaßten saßen halb liegend fünf Männer und bliesen den Rauch ihrer Pfeifen nach allen Seiten. Von Zeit zu Zeit kam der Mann in Plunderhosen zu ihnen, hielt eine Ansprache und klopfte ihnen auf die Knie. Gewöhnlich wurde hinter einem Stein eine Weinkanne, die dort im Schatten aufbewahrt wurde, hervorgeholt und ein Glas mit undurchsichtigem roten Wein wanderte von Mann zu Mann.



22. (Oktober 1913) zu spät. Die Süßigkeit der Trauer und der Liebe. Von ihr angelächelt werden im Boot. Das war das Allerschönste. Immer nur das Verlangen zu sterben und das Sich-noch-halten, das allein ist Liebe.



Gestrige Beobachtung. Die für mich passendste Situation: Einem Gespräch zweier Leute zuhören, die eine Angelegenheit besprechen, die sie nahe angeht, während ich an ihr nur einen ganz fernen Anteil habe, der überdies vollständig selbstlos ist.



26. (Oktober 1913) Die Familie saß beim Abendessen. Durch die vorhanglosen Fenster sah man in die tropische Nacht.



Es war ein stiller warmer Abend. Die Dorfstraße war ganz vom Mond



Die Familie saß beim Abendessen. Durch die vorhanglosen Fensterlöcher sah man in die tropische Nacht hinaus.



"Wer bin ich denn?" fuhr ich mich an. Ich erhob mich von dem Kanapee, auf dem ich mit hochgezogenen Knien gelegen war, und setzte mich aufrecht. Die Tür die gleich vom Treppenhaus in mein Zimmer führte, öffnete sich und ein junger Mann mit gesenktem Gesicht und prüfendem Blick trat ein. Er machte, soweit es im engen Zimmer möglich war, einen Bogen um das Kanapee und blieb in der Ecke neben dem Fenster im Dunkel stehn. Ich wollte nachsehn, was das für eine Erscheinung war, gieng hin und faßte den Mann beim Arm. Es war ein lebendiger Mensch. Er sah – ein wenig kleiner als ich – lächelnd zu mir hinauf, schon die Sorglosigkeit mit der er nickte und sagte "Prüfen Sie mich nur" hätte mich überzeugen sollen. Trotzdem ergriff ich ihn vorn bei der Weste und hinten beim Rock und schüttelte ihn. Seine schöne starke goldene Uhrkette fiel mir auf, ich packte sie und zerrte sie herunter, daß das Knopfloch zerriß, an dem sie befestigt war. Er duldete es, sah nur auf den Schaden hinunter und versuchte nutzlos den Westenknopf in dem zerrissenen Knopfloch festzuhalten. Was tust Du? sagte er endlich und zeigte mir die Weste. "Nur Ruhe! " sagte ich drohend.

Ich fieng an im Zimmer herumzulaufen, aus Schritt kam ich in Trab, aus Trab in Galopp, immer wenn ich den Mann passiert, erhob ich gegen ihn die Faust. Er sah mir gar nicht zu sondern arbeitete noch immer an seiner Weste. Ich fühlte mich sehr frei, schon meine Atmung gieng in außergewöhnlicher Weise vor sich, meine Brust fühlte nur in den Kleidern ein Hindernis sich riesenhaft zu heben.



Schon viele Monate beabsichtigte Wilhelm Menz, ein junger Buchhalter, ein Mädchen anzusprechen, das er regelmäßig am Morgen auf dem Weg in das Bureau in einer sehr langen Gasse einmal an dieser einmal an jener Stelle zu treffen pflegte. Er hatte sich schon damit abgefunden, daß es bei dieser Absicht bleiben würde – er war sehr wenig entschlossen Frauen gegenüber und der Morgen war auch eine ungünstige Zeit, um ein eilendes Mädchen anzusprechen – da traf es sich, daß er eines abends – es war um die Weihnachtszeit – knapp vor sich das Mädchen gehen sah. "Fräulein" sagte er. Sie drehte sich um, erkannte den Mann, den sie immer am Morgen zu treffen pflegte, ließ ohne stehen zu bleiben den Blick ein wenig auf ihm ruhn und wandte sich, da Menz nichts weiter sagte, wieder ab. Sie waren in einer hellbeleuchteten Gasse inmitten großen Menschengedränges und Menz konnte, ohne aufzufallen, ganz nahe an sie herantreten. Irgendetwas Passendes zu sagen, wollte in diesem entscheidenden Augenblick Menz nicht einfallen, fremd wollte er dem Mädchen aber auch nicht bleiben, denn etwas so ernstlich begonnenes wollte er unbedingt weiterführen, und so wagte er es, das Mädchen unten an der Jacke zu zupfen. Das Mädchen duldete es, als sei nichts geschehn.



6. XI 13 Woher die plötzliche Zuversicht? Bliebe sie doch! Könnte ich so ein- und ausgehn durch alle Türen als ein halbwegs aufrechter Mensch. Nur weiß ich nicht, ob ich das will.



Margarethe Bloch, Ehrenstein



Wir wollten den Eltern nichts davon sagen, aber jeden Abend nach 9 Uhr versammelten wir uns ich und zwei Vettern am Friedhofsgitter an einer Stelle, wo eine kleine Erderhöhung einen guten Überblick ermöglichte.



Das Eisengitter des Friedhofs läßt links einen großen grasbewachsenen Platz frei.

Friedrich: Ich hab’s satt.

Wilhelm:



17 November 13

Traum: Auf einem ansteigenden Weg lag etwa in der Mitte der Steigung undzwar hauptsächlich in der Fahrbahn von unten gesehn links beginnend Unrat oder festgewordener Lehm, der gegen rechts hin durch Abbröckelung immer niedriger geworden war, während er links hoch wie Palissaden eines Zaunes stand. Ich gieng rechts wo der Weg fast frei war und sah auf einem Dreirad einen Mann von unten mir entgegenkommen und scheinbar geradewegs gegen das Hindernis fahren. Es war ein Mann wie ohne Augen zumindest sahen seine Augen wie verwischte Löcher aus. Das Dreirad war wackelig, fuhr zwar entsprechend unsicher und gelockert, aber doch geräuschlos, fast übertrieben still und leicht. Ich faßte den Mann im letzten Augenblick, hielt ihn als wäre er die Handhabe seines Fahrzeugs und lenkte dieses in die Bresche durch die ich gekommen war. Da fiel er gegen mich hin, ich war nun riesengroß und hielt ihn doch nur in einer gezwungenen Haltung, zudem begann das Fahrzeug als sei es nun herrenlos zurückzufahren, wenn auch langsam und zog mich mit. Wir kamen an einem Leiterwagen vorüber auf dem einige Leute gedrängt standen, alle dunkel gekleidet, unter ihnen war ein Pfadfinderjunge mit hellgrauem aufgekrempelten Hut. Von diesem Jungen, den ich schon aus einiger Entfernung erkannt hatte, erwartete ich Hilfe, aber er wendete sich ab und drückte sich zwischen die Leute. Dann kam hinter diesem Leiterwagen – das Dreirad rollte immer weiter und ich mußte tief hinabgebückt mit gespreizten Beinen nach – jemand mir entgegen, der mir Hilfe brachte, an den ich mich aber nicht erinnern kann. Nur das weiß ich, daß es ein vertrauenswürdiger Mensch war, der sich jetzt wie hinter einem schwarzen ausgespannten Stoff verbirgt und dessen Verborgensein ich achten soll.



18 (November 1913) Ich werde wieder schreiben, aber wie viele Zweifel habe ich inzwischen an meinem Schreiben gehabt. Im Grunde bin ich ein unfähiger unwissender Mensch, der wenn er nicht gezwungen, ohne jedes eigene Verdienst, den Zwang kaum merkend, in die Schule gegangen wäre, gerade imstande wäre in einer Hundehütte zu hocken, hinauszuspringen, wenn ihm Fraß gereicht wird und zurückzuspringen, wenn er es verschlungen hat.



Zwei Hunde liefen auf einem stark von der Sonne beschienenen Hof aus entgegengesetzten Richtungen gegeneinander.



18. (November 1913) Den Anfang eines Briefes an Frl. Bloch mir abgequält.



19 (November 1913)

Mich ergreift das Lesen des Tagebuchs. Ist der Grund dessen, daß ich in der Gegenwart jetzt nicht die geringste Sicherheit mehr habe. Alles erscheint mir als Konstruktion. Jede Bemerkung eines andern, jeder zufällige Anblick wälzt alles in mir, selbst Vergessenes, ganz und gar Unbedeutendes, auf eine andere Seite. Ich bin unsicherer als ich jemals war, nur die Gewalt des Lebens fühle ich. Und sinnlos leer bin ich. Ich bin wirklich wie ein verlorenes Schaf in der Nacht und im Gebirge oder wie ein Schaf, das diesem Schaf nachläuft. So verloren zu sein und nicht die Kraft haben, es zu beklagen.



Ich gehe absichtlich durch die Gassen, wo Dirnen sind. Das Vorübergehn an ihnen reizt mich, diese ferne aber immerhin bestehende Möglichkeit mit einer zu gehn. Ist das Gemeinheit? Ich weiß aber nichts besseres und das Ausführen dessen scheint mir im Grunde unschuldig und macht mir fast keine Reue. Ich will nur die dicken ältern, mit veralteten aber gewissermaßen durch verschiedene Behänge üppigen Kleidern. Eine Frau kennt mich wahrscheinlich schon. Ich traf sie heute nachmittag, sie war noch nicht in Berufskleidung, die Haare lagen noch am Kopf an, sie hatte keinen Hut, eine Arbeitsbluse wie Köchinnen und trug irgendeinen Ballen vielleicht zur Wäscherin. Kein Mensch hätte etwas Reizendes an ihr gefunden, nur ich. Wir sahen einander flüchtig an. Jetzt abend, es ist inzwischen kalt geworden, sah ich sie in einem anliegenden, gelblich braunen Mantel auf der andern Seite der engen von der Zeltnergasse abzweigenden Gasse,, wo sie ihre Promenade hat. Ich sah zweimal nach ihr zurück, sie faßte auch den Blick, aber dann lief ich ihr eigentlich davon.



Die Unsicherheit geht gewiß von den Gedanken an F. aus.



20. (November 1913) Im Kino gewesen. Geweint. "Lolotte". Der gute Pfarrer. Das kleine Fahrrad. Die Versöhnung der Eltern. Maßlose Unterhaltung. Vorher trauriger Film "Das Unglück im Dock" nachher lustiger "Endlich allein". Bin ganz leer und sinnlos, die vorüberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn.



21. (November 1913)

Traum: Das französische Ministerium, vier Männer, sitzt um einen Tisch. Es findet eine Beratung statt. Ich erinnere mich an den an der rechten Längsseite sitzenden Mann mit einem im Profil flach gedrückten Gesicht, gelblicher Hautfarbe, weit vorspringender (infolge des Plattgedrücktseins) so weit vorspringender ganz gerader Nase und einem ölig schwarzen, den Mund überwölbenden, starken Schnurrbart.



Klägliche Beobachtung, die gewiß wieder von einer Konstruktion ausgeht, deren unterstes Ende irgendwo im Leeren schwebt: Als ich das Tintenfaß vom Schreibtisch nahm, um es ins Wohnzimmer zu tragen, fühlte ich irgendeine Festigkeit in mir, so wie z. B. die Kante eines großen Gebäudes im Nebel erscheint und gleich verschwindet. Ich fühlte mich nicht verloren, etwas wartete in mir, unabhängig von Menschen selbst von Felice. Wie nun, wenn ich davon wegliefe, so wie z. B. einer einmal in die Felder lauft.



Dieses Voraussagen, dieses sich nach Beispielen richten, diese bestimmte Angst ist lächerlich. Das sind Konstruktionen, die selbst in der Vorstellung in der allein sie herrschen, nur fast bis zur lebendigen Oberfläche kommen, aber immer mit einem Ruck überschwemmt werden müssen. Wer hat die Zauberhand, daß er sie in die Maschinerie steckte und sie würde nicht durch tausend Messer zerrissen und verstreut.



Ich bin auf der Jagd nach Konstruktionen. Ich komme in ein Zimmer und finde sie in einem Winkel weißlich durcheinandergehn.



24. November 13 Vorgestern abend bei Max. Er wird immer fremder, mir war er es schon oft, nun werde ich es auch ihm. Gestern abend einfach ins Bett gelegt. Traum gegen Morgen: Ich sitze im Garten eines Sanatoriums beim langen Tisch, sogar am Kopfende, so daß ich im Traum eigentlich meinen Rücken sehe. Es ist ein trüber Tag, ich muß wohl einen Ausflug gemacht haben und bin in einem Automobil, das im Schwung bei der Rampe vorfuhr, vor kurzem angekommen. Man soll gerade das Essen auftragen, da sehe ich eine der Bedienerinnen, ein junges zartes Mädchen, in sehr leichtem oder aber schwankendem Gang, mit einem Kleid in Herbstblätterfarben, durch die Säulenhalle, die als Vorbau des Sanatoriums diente herankommen und in den Garten herabsteigen. Ich weiß noch nicht, was sie will, aber zeige doch fragend auf mich, um zu erfahren, ob sie mich meine. Sie bringt mir wirklich einen Brief. Ich denke das kann nicht der Brief sein, den ich erwarte, es ist ein ganz dünner Brief und eine fremde dünne unsichere Schrift. Aber ich öffne ihn und es kommt eine große Anzahl dünner vollbeschriebener Papiere heraus, allerdings ist auf allen die fremde Schrift. Ich fange zu lesen an, blättere in den Papieren und erkenne daß es doch ein sehr wichtiger Brief sein muß und offenbar von F.’s jüngster Schwester ist. Ich fange mit Begierde zu lesen an, da sieht mir mein rechter Nachbar, ich weiß nicht ob Mann oder Frau, wahrscheinlich ein Kind, über meinen Arm in den Brief. Ich schreie: "Nein!" Die Tafelrunde nervöser Leute fängt zu zittern an. Ich habe wahrscheinlich ein Unglück angerichtet. Ich versuche mit einigen raschen Worten mich zu entschuldigen, um wieder gleich lesen zu können. Ich beuge mich auch wieder zu meinem Brief, da erwache ich unweigerlich, wie von meinem eigenen Schrei geweckt. Ich zwinge mich bei klarem Bewußtsein mit Gewalt wieder in den Schlaf zurück, die Situation zeigt sich tatsächlich wieder, ich lese noch rasch zwei drei nebelhafte Zeilen des Briefes, von denen ich nichts behalten habe und verliere im weitern Schlaf den Traum.



Der alte Kaufmann, ein riesiger Mann, stieg mit einknickenden Knien, das Geländer mit der Hand nicht haltend sondern pressend die Stiegen zu seiner Wohnung hinauf. Vor der Zimmertür einer vergitterten Glastür wollte er wie immer den Schlüsselbund aus der Hosentasche ziehn, da bemerkte er in einem dunklen Winkel einen jungen Mann, der nun eine Verbeugung machte. "Wer sind Sie? Was wollen Sie?" fragte der Kaufmann noch stöhnend von der Anstrengung des Steigens. "Sind Sie der Kaufmann Messner?" fragte der junge Mann. Ja sagte der Kaufmann. "Dann habe ich Ihnen eine Mitteilung zu machen. Wer ich bin, ist eigentlich hier gleichgültig denn ich bin selbst an der Sache gar nicht beteiligt, bin nur Überbringer der Nachricht. Trotzdem stelle ich mich vor, ich heiße Kette und bin Student. " "So sagte Messner und dachte ein Weilchen nach. Nun und die Nachricht?" sagte er dann. "Das besprechen wir besser im Zimmer" sagte der Student "es ist eine Sache, die sich nicht auf der Treppe abtun läßt. " "Ich wüßte von keiner derartigen Nachricht, die ich zu bekommen hätte" sagte Messner und sah seitwärts auf den Boden. "Das mag sein" sagte der Student. "Übrigens" sagte Messner "jetzt ist 11 Uhr nachts vorüber, kein Mensch wird uns hier zuhören. " "Nein antwortete der Student ich kann es hier unmöglich sagen. " "Und ich" sagte Messner "empfange in der Nacht keine Gäste" und er steckte den Schlüssel so stark ins Schloß, daß die übrigen Schlüssel im Bund noch eine Zeitlang klirrten. "Ich warte hier doch schon seit 8 Uhr, drei Stunden" sagte der Student. "Das beweist nur, daß die Nachricht für Sie wichtig ist. Ich aber will keine Nachrichten haben. Jede Nachricht, die mir erspart wird, ist ein Gewinn. Ich bin nicht neugierig, gehn Sie nur, gehn Sie. " Er faßte den Studenten bei seinem dünnen Überrock und schob ihn ein Stück fort. Dann öffnete er ein wenig die Tür des Zimmers, aus dem eine übergroße Hitze in den kalten Flur drang. "Ist es übrigens eine geschäftliche Nachricht" fragte er dann noch, schon in der offenen Türe stehend. "Auch das kann ich hier nicht sagen" sagte der Student. "Dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht" sagte Messner, gieng in sein Zimmer, sperrte die Türe mit dem Schlüssel zu, drehte das Licht der elektrischen Bettlampe auf, füllte an einem kleinen Wandschrank der mehrere Likörflaschen enthielt ein Gläschen, trank es schnalzend aus und begann sich auszuziehn. Gerade wollte er an die hohen Kissen gelehnt eine Zeitung zu lesen beginnen, da schien es ihm als klopfe jemand leise an der Tür. Er legte die Zeitung auf die Bettdecke zurück, kreuzte die Arme und horchte. Tatsächlich klopfte es wieder undzwar ganz leise und förmlich ganz unten an derTür."Wirklich,ein zudringlicher Affe" dachte Messner. Als das Klopfen aufhörte, nahm er wieder die Zeitung vor. Aber nun klopfte es stärker und polterte geradezu gegen die Tür. Wie Kinder zum Spiel die Schläge über die ganze Tür verteilen, so klopfte es, bald unten dumpf ans Holz bald oben hell ans Glas. Ich werde aufstehn müssen dachte kopfschüttelnd Messner. Den Hausmeister kann ich nicht antelephonieren, denn der Apparat ist drüben im Vorzimmer und ich müßte die Wirtin wecken, um hinzukommen. Es bleibt nichts übrig, als daß ich den Jungen eigenhändig die Treppe hinunterwerfe. Er zog eine Filzmütze über den Kopf, streifte die Decke zurück, schob sich mit aufgestemmten Händen zum Bettrand setzte langsam die Füße auf den Boden und zog wattierte hohe Hausschuhe an. "Nun also" dachte er und faßte, an der Oberlippe kauend, die Tür ins Auge "jetzt ist es wieder still. " Aber ich muß mir endgültig Ruhe verschaffen sagte er sich dann, zog aus einem Gestell einen Stock mit Hornknopf, ergriff ihn in der Mitte und gieng zur Tür. "Ist noch jemand draußen?" fragte er an der geschlossenen Tür. "Ja" antwortete es "bitte öffnen Sie nur. " "Ich öffne" sagte Messner, öffnete und trat mit dem Stock vor die Tür. "Schlagt mich nicht! " sagte

27 XI (1913)

der Student warnend und trat einen Schritt zurück. "Dann geht!" sagte Messner und fuhr mit dem Zeigefinger in der Richtung zur Treppe. Aber ich darf nicht sagte der Student und lief so überraschend auf Messner zu



27. XI (1913) Ich muß aufhören, ohne geradezu abgeschüttelt zu sein. Ich fühle auch keine Gefahr daß ich mich verlieren könnte, immerhin fühle ich mich hilflos und außenstehend. Die Festigkeit aber, die das geringste Schreiben mir verursacht, ist zweifellos und wunderbar. Der Blick, mit dem ich gestern auf dem Spaziergang alles überblickte!



Das Kind der Hausmeisterin, die das Tor öffnete. Eingepackt in ein altes Frauentuch, bleich, starres fleischiges Gesichtchen. Wird so von der Hausmeisterin in der Nacht zum Tor getragen.



Der Pudel der Hausmeisterin, der unten auf einer Stufe sitzt und mein im vierten Stockwerk beginnendes Trampeln behorcht, mich ansieht, wenn ich bei ihm ankomme und mir nachschaut wenn ich weiterlaufe. Angenehmes Gefühl des Vertrautseins, da er über mich nicht erschrickt und mich in das gewohnte Haus und seinen Lärm einbezieht.



Bild: Taufe der Schiffsjungen beim Passieren des Äquators. Das Herumlungern der Matrosen. Das nach allen Richtungen und Höhen abgekletterte Schiff bietet ihnen überall Sitzgelegenheiten. Die großen Matrosen, die an den Schiffsleitern hängen und sich mit mächtiger runder Schulter Fuß vor Fuß an den Schiffsleib drücken und auf das Schauspiel hinuntersehn.



"Jemand läutet! " sagte Elsa und hob den Finger.



Ein kleines Zimmer. Elsa und Gertrud sitzen mit Handarbeiten beim Fenster. Beginnende Dämmerung.

E. Jemand läutet.

Beide horchen.

G. Es hat wirklich geläutet? Ich habe nichts gehört. Ich höre immerfort weniger.

E. Es war nur ganz leise. (Geht ins Vorzimmer öffnen) Im Vorzimmer werden einige Worte gewechselt. Dann die Stimme E.

Bitte hier einzutreten. Geben Sie acht, daß Sie nicht stolpern. Gehen Sie bitte voraus, es ist nur meine Schwester im Zimmer.



Die Schwestern Gelsenbauer, Elsa und Gertrud, hatten drei Zimmer zu vermieten, eines war an eine Klavierlehrerin vermietet, das zweite an einen Viehhändler



Letzthin erzählte uns der Viehhändler Morsin folgende Geschichte. Er war noch aufgeregt, als er sie erzählte, trotzdem die Sache schon einige Monate zurückliegt:

Ich habe geschäftlich sehr oft in der Stadt zu tun, es werden durchschnittlich gewiß 10 Tage im Monat sein. Da ich dort auch meistens übernachten muß und seit jeher wenn es nur irgendwie möglich ist, das Wohnen im Hotel zu vermeiden suche, so habe ich ein Privatzimmer gemietet, das einfach,



3 XII 13 Brief an Weiß



4 XII 13

Von außen gesehn ist es schrecklich erwachsen aber jung zu sterben oder gar sich zu töten. In gänzlicher Verwirrung, die innerhalb einer weiteren Entwicklung Sinn hätte, abzugehn, hoffnungslos oder mit der einzigen Hoffnung, daß dieses Auftreten im Leben innerhalb der großen Rechnung als nicht geschehen betrachtet werden wird. In einer solchen Lage wäre ich jetzt. Sterben hieße nichts anderes als ein Nichts dem Nichts hingeben, aber das wäre dem Gefühl unmöglich, denn wie könnte man sich auch nur als Nichts mit Bewußtsein dem Nichts hingeben, und nicht nur einem leeren Nichts sondern einem brausenden Nichts, dessen Nichtigkeit nur in seiner Unfaßbarkeit besteht.



Ein Kreis von Männern, die Herren und Diener sind. Ausgearbeitete, in lebendigen Farben glänzende Gesichter. Der Herr setzt sich und der Diener bringt ihm die Speisen auf dem Brett. Zwischen beiden ist kein größerer Unterschied, kein anders zu wertender Unterschied, als z. B. zwischen einem Mann, der durch das Zusammenwirken unzähliger Umstände Engländer ist und in London lebt und einem andern, der Lappländer ist und zu gleicher Zeit allein im Sturm in seinem Boot das Meer befährt. Gewiß, der Diener kann – auch dies nur unter Umständen – Herr werden, aber diese Frage, wie sie auch beantwortet werden könnte, stört hier nicht, denn es handelt sich um die augenblickliche Bewertung der augenblicklichen Verhältnisse.



Die von jedem selbst dem zugänglichsten und anschmiegsamsten Menschen hie und da wenn auch nur gefühlsmäßig angezweifelte Einheitlichkeit der Menschheit zeigt sich andererseits auch jedem, oder scheint sich zu zeigen in der vollständigen immer wieder aufzufindenden Gemeinsamkeit gesammt- und einzelmenschlicher Entwicklung. Selbst in den verschlossensten Gefühlen des Einzelnen.



Die Furcht vor Narrheit. Narrheit in jeden geradeaus strebenden, alles andere vergessen machendem Gefühl sehn. Was ist dann die Nicht-Narrheit? Nicht-Narrheit ist vor der Schwelle, zur Seite des Einganges bettlerhaft stehn, verwesen und umstürzen. Aber P. und O. sind doch widerliche Narren. Es muß Narrheiten geben, die größer sind als ihre Träger. Dieses Sich-spannen der kleinen Narren in ihrer großen Narrheit ist vielleicht das Widerliche. Aber erschien den Pharisäern Christus nicht in gleichem Zustande?



Wunderbare, gänzlich widerspruchsvolle Vorstellung daß einer, der z. B. um 3 Uhr in der Nacht gestorben ist gleich darauf etwa in der Morgendämmerung in ein höheres Leben eingeht. Welche Unvereinbarkeit liegt zwischen dem sichtbar Menschlichen und allem andern! Wie folgt aus einem Geheimnis immer ein größeres! Im ersten Augenblick geht dem menschlichen Rechner der Atem aus. Eigentlich müßte man sich fürchten aus dem Haus zu treten



5 XII 13 Wie ich gegen meine Mutter wüte! Ich muß nur mit ihr zu reden anfangen, schon bin ich gereizt, schreie fast.



O. leidet doch und ich glaube nicht daß sie leidet leiden kann, glaube es gegen meine bessere Einsicht nicht, glaube es nicht, um ihr nicht beistehn zu müssen, was ich nicht könnte, denn ich bin auch gegen sie gereizt.



An F. sehe ich äußerlich, wenigstens manchmal, nur einige zählbare kleine Einzelheiten. Dadurch wird ihr Bild so klar, rein, ursprünglich, umrissen und luftig zugleich.



8. XII 13. Konstruktionen in Weiß’ Roman. Die Kraft sie zu beseitigen, die Pflicht, das zu tun. Ich leugne fast die Erfahrungen. Ich will Ruhe, Schritt für Schritt oder Lauf, aber nicht ausgerechnete Sprünge von Heuschrecken



9 XII 13 Weiß "Galeere" Schwächung der Wirkung wenn der Ablauf der Geschichte beginnt. Die Welt ist überwunden und wir haben mit offenen Augen zugesehn. Also können wir uns ruhig umdrehn und weiterleben.



Haß gegenüber aktiver Selbstbeobachtung. Seelendeutungen, wie: Gestern war ich so undzwar deshalb, heute bin ich so und deshalb. Es ist nicht wahr, nicht deshalb und nicht deshalb und darum auch nicht so und so. Sich ruhig ertragen, ohne voreilig zu sein, so leben wie man muß, nicht sich hündisch umlaufen.



Ich war im Gebüsch eingeschlafen. Ein Lärm weckte mich. Ich fand in meinen Händen ein Buch, in dem ich früher gelesen hatte. Ich warf es weg und sprang auf. Es war kurz nach Mittag, vor der Anhöhe, auf der ich war, breitete sich eine große Tiefebene aus mit Dörfern und Teichen und gleichförmigem hohen schilfartigem Buschwerk zwischen ihnen. Ich legte die Hände in die Hüften, durchsuchte alles mit den Augen und horchte dabei auf den Lärm



10 XII (1913) Die Entdeckungen haben sich dem Menschen aufgedrängt.



Das lachende, jungenhafte, listige, aufgelöste, Gesicht des Oberinspektors, das ich noch nie an ihm gesehen hatte und nur heute in einem Augenblick bemerkte, als ich eine Arbeit des Direktors ihm vorlas und zufällig von ihr aufsah. Er steckte dabei auch mit einem Ruck der Schultern die rechte Hand in die Hosentasche, als wäre er ein anderer Mensch.



Niemals ist es möglich alle Umstände zu bemerken und zu beurteilen, die auf die Stimmung eines Augenblicks einwirken und sogar in ihr wirken und endlich in der Beurteilung wirken, darum ist es falsch zu sagen, gestern fühlte ich mich gefestigt, heute bin ich verzweifelt. Solche Unterscheidungen beweisen nur, daß man Lust hat, sich zu beeinflussen und möglichst abgesondert von sich, versteckt hinter Vorurteilen und Phantasien zeitweilig ein künstliches Leben aufzuführen, so wie sich einmal einer in einem Winkel der Schenke, von einem kleinen Schnapsglas genügend versteckt, ausschließlich mit sich allein mit lauter falschen unbeweisbaren Vorstellungen und Träumen unterhält.



Gegen Mitternacht stieg die Treppe zu der kleinen Singspielhalle ein junger Mann in einem engen mattgrauen karrierten leicht überschneiten Überzieher hinab. Er bezahlte am Kassentisch, hinter dem ein hindämmerndes Fräulein aufschreckte und ihn mit großen schwarzen Augen geradeaus ansah, und blieb dann ein Weilchen stehn um den Saal, der 3 Stufen tief unter ihm lag zu überblicken.



Fast jeden Abend gehe ich auf den Staatsbahnhof, heute, weil es regnete, gieng ich 1/2 Stunde in der Halle dort auf und ab. Der Bursch, der immerfort das Zuckerzeug aus den Automaten aß. Der Handgriff in die Tasche, aus der er eine Menge Kleingeld holt, das nachlässige Einwerfen in die Öffnung, das Lesen der Aufschriften während des Essens, das Hinunterfallen von einzelnen Stücken, die er vom schmutzigen Boden aufhebt und geradewegs in den Mund steckt. – Der ruhig kauende Mann, der am Fenster vertraulich mit einer Frau, einer Verwandten spricht.



11 XII 13 In der Toynbeehalle den Anfang von Michael Kohlhaas gelesen. Ganz und gar mißlungen. Schlecht ausgewählt, schlecht vorgetragen, schließlich sinnlos im Text herumgeschwommen. Musterhafte Zuhörerschaft. Ganz kleine Jungen in der ersten Reihe. Einer sucht seiner unschuldigen Langweile dadurch beizukommen, daß er die Mütze vorsichtig auf den Boden wirft und dann vorsichtig aufhebt und so öfters. Da er zu klein ist, um das vom Sitz aus auszuführen, muß er immer ein wenig vom Sessel sich abgleiten lassen. Wild und schlecht und unvorsichtig und unverständlich gelesen. Und am Nachmittag zitterte ich schon vor Begierde zu lesen, konnte kaum den Mund geschlossen halten.



Es ist wirklich kein Stoß nötig, nur ein Zurückziehn der letzten auf mich verwendeten Kraft und ich komme in eine Verzweiflung die mich zerreißt. Als ich mir heute vorstellte, daß ich während des Vortrags unbedingt ruhig sein werde, fragte ich mich, was das für eine Ruhe sein wird, wo sie begründet sein wird, und ich konnte nur sagen, daß es bloß eine Ruhe um ihrer selbst willen sein wird, eine unverständliche Gnade, sonst nichts.



12. (Dezember 1913) Und früh bin ich verhältnismäßig ganz frisch aufgestanden.



Gestern auf dem Nachhauseweg der kleine grau verpackte Junge der neben einer Gruppe von Jungen nebenher lief, sich gegen den Schenkel schlug, mit der andern Hand einen andern Jungen faßte und rief in ziemlicher Geistesabwesenheit, was ich nicht vergessen darf: Dnes to bylo docela hezky.



Die Frische mit der ich heute nach einer etwas geänderten Tageseinteilung um etwa 6 Uhr auf der Gasse gieng. Lächerliche Beobachtung, wann werde ich das ausrotten.



Im Spiegel sah ich mich vorhin genau an und kam mir im Gesicht – allerdings nur bei der Abendbeleuchtung und der Lichtquelle hinter mir, sodaß eigentlich nur der Flaum an den Rändern der Ohren beleuchtet war – auch bei genauerer Untersuchung besser vor, als ich nach eigener Kenntnis bin. Ein klares übersichtlich gebildetes, fast schön begrenztes Gesicht. Das Schwarz der Haare, der Brauen und der Augenhöhlen dringt wie Leben aus der übrigen abwartenden Masse. Der Blick ist gar nicht verwüstet, davon ist keine Spur, er ist aber auch nicht kindlich, eher unglaublicherweise energisch, aber vielleicht war er nur beobachtend, da ich mich eben beobachtete und mir Angst machen wollte.



12 XII 13 Gestern lange nicht eingeschlafen. F. Hatte endlich den Plan und damit schlief ich unsicher ein, Weiß zu:bitten, mit einem Brief zu ihr ins Bureau zu gehn, und in diesem Brief nichts weiter zu schreiben, als daß ich eine Nachricht von ihr oder über sie haben müsse und deshalb Weiß hingeschickt habe, damit er mir von ihr schreibe. Inzwischen sitzt Weiß neben ihrem Schreibtisch, wartet bis sie den Brief ausgelesen hat, verbeugt sich, da er keinen andern Auftrag hat und auch kaum eine Antwort bekommen dürfte, und geht.



Diskussionsabend im Beamtenverein. Ich habe ihn geleitet. Komische Quellen des Selbstgefühls. Mein Einleitungssatz: "Ich muß den heutigen Diskussionsabend mit dem Bedauern darüber einleiten, daß er stattfindet. " Ich war nämlich nicht rechtzeitig verständigt worden und daher nicht vorbereitet.



14 XII (1913) Vortrag Beermann. Nichts, aber mit einer hie und da ansteckenden Selbstzufriedenheit vorgetragen. Mädchenhaftes Gesicht mit Kropf. Vor dem Aussprechen fast jedes Satzes die gleichen Muskelzusammenziehungen im Gesicht, wie beim Niesen. Ein Vers vom Weihnachtsmarkt in seinem heutigen Tagblattaufsatz.

Herr, kaufen Sie es Ihren Kleinen

Damit sie lachen und nicht weinen.

Hat Shaw zitiert: "Ich bin ein vielsitzender zaghafter Civilist."



Brief an F. im Bureau geschrieben.



Der Schrecken, als ich vormittag auf dem Weg ins Bureau das F. ähnliche Mädchen aus dem Seminar traf, im Augenblick nicht wußte wer das war und nur merkte, daß sie zwar F. ähnlich aber doch nicht F. war, überdies aber noch irgendeine darüber hinausgehende Beziehung zu F. hatte, nämlich die, daß ich im Seminar in ihrem Anblick viel an F. gedacht hatte.



Jetzt in Dostojewski die Stelle gelesen, die so an mein "Unglücklichsein" erinnert.



Als ich während des Lesens mit der linken Hand seitlich in die Hose fuhr und meinen lauwarmen Oberschenkel faßte.



15. (Dezember 1913) Briefe an Dr. Weiß und Onkel Alfred.

Kein Telegramm gekommen.



"Wir Jungen von 1870/71" gelesen. Wieder von den Siegen und begeisterten Scenen mit unterdrücktem Schluchzen gelesen. Vater sein und ruhig mit seinem Sohn reden. Dann darf man aber kein Spielzeughämmerchen an Stelle des Herzens haben.



"Hast Du dem Onkel schon geschrieben?" fragte mich, wie ich mit Bosheit längst erwartete, die Mutter. Sie beobachtete mich schon lange ängstlich, wagte aus verschiedenen Gründen erstens mich nicht zu fragen und zweitens mich nicht vor dem Vater zu fragen und fragte schließlich in ihrer Besorgnis, da sie sah, daß ich weggehn wollte, dennoch. Als ich hinten an ihrem Sessel vorüberkam, sah sie von den Spielkarten auf, wendete mit einer längst vergangenen und irgendwie für den Augenblick aufgelebten zarten Bewegung das Gesicht zu mir und fragte, nur flüchtig aufschauend, schüchtern lächelnd und schon in der Frage, noch ohne jede Antwort, gedemütigt.



16. XII 13

"Der Donnerschrei des Entzückens der Seraphim"



Ich saß bei Weltsch im Schaukelstuhl, wir sprachen über die Unordnung unseres Lebens, er immerhin mit einer gewissen Zuversicht ("Man muß das Unmögliche wollen") ich auch ohne diese, mit dem Blick auf meine Finger, im Gefühl Stellvertreter meiner innern Leere zu sein, die ausschließlich ist und nicht einmal übermäßig groß.



Brief an Bl.
17. (Dezember 1913) Brief an W. mit dem Auftrag. "Überfließend sein und doch nur ein Topf auf einem kalten Herd"



Vortrag Bergmann "Moses und die Gegenwart". Reiner Eindruck. Wie sich der Mensch hinaufgehoben hat, er hat sich wirklich irgendwo in der Höhe festgeklemmt. Und als Junge war er wegzublasen, in allem, aber vielleicht doch nicht in allem und es war nur mein Unverstand, der das glaubte. – Ich habe jedenfalls damit nichts zu tun. Zwischen Freiheit und Sklaverei kreuzen sich die wirklichen schrecklichen Wege ohne Führung für die kommende Strecke und unter sofortigem Verlöschen der schon zurückgelegten. Solcher Wege gibt es unzählige oder nur einen man kann das nicht feststellen, denn es gibt keine Übersicht. Dort bin ich. Ich kann nicht weg. Ich habe mich nicht zu beklagen. Ich leide nicht übermäßig, denn ich leide nicht zusammenhängend, es häuft sich nicht an, wenigstens fühle ich es vorläufig nicht, und die Größe meines Leidens liegt weit unter jenem Leiden, das mir vielleicht zukäme.



Die Silhouette eines Mannes, der mit halb und verschiedenartig in die Höhe gehobenen Armen sich gegen vollständigen Nebel wendet, um hineinzugehn.



Die schönen kräftigen Sonderungen im Judentum. Man bekommt Platz. Man sieht sich besser, man beurteilt sich besser.



18. (Dezember 1913) Ich gehe schlafen, ich bin müde. Vielleicht ist es dort schon entschieden. Viele Träume darüber.



Falscher Brief von Bl.



19 (Dezember 1913) Brief von F. Schöner Morgen, Wärme im Blut.



20 (Dezember 1913) kein Brief



Die Wirkung eines friedlichen Gesichts, einer ruhigen Rede, besonders von einem fremden, noch nicht durchschauten Menschen. Die Stimme Gottes aus einem menschlichen Mund



Ein alter Mann gieng an einem Winterabend im Nebel durch die Gassen. Es war eiskalt. Die Gassen waren leer. Kein Mensch kam nahe an ihm vorüber, nur hie und da sah er in der Ferne halb im Nebel einen großen Polizeimann oder eine Frau in Pelzwerk oder Tüchern. Ihn kümmerte nichts, er dachte nur daran einen Freund zu besuchen, bei dem er schon lange nicht gewesen war und der ihn gerade jetzt durch ein Dienstmädchen hatte holen lassen.



Es war schon weit nach Mitternacht, als es an die Zimmertür des Kaufmanns Messner leise klopfte. Er mußte nicht geweckt werden, er schlief immer erst gegen Morgen ein, bis dahin aber pflegte er bäuchlings wach im Bett zu liegen, das Gesicht ins Kissen gedrückt, die Arme ausgestreckt und die Hände über dem Kopf verschlungen. Er hatte das Klopfen gleich gehört "Wer ist es?" fragte er. Ein unverständliches Murmeln, leiser als das Klopfen antwortete. Es ist offen sagte er und drehte das elektrische Licht auf. Ein kleines schwaches Frauenzimmer in einem großen grauen Umhängetuch trat ein.



2 I 14 Mit Dr. Weiß viel Zeit gut verbracht



4. I 14

Wir hatten eine Mulde im Sand ausgegraben in der wir uns ganz wohl befanden. In der Nacht rollten wir uns im Innern der Mulde zusammen, der Vater deckte sie mit Baumstämmen und darüber geworfenem Strauchwerk zu und wir waren von Stürmen und Tieren möglichst gesichert. "Vater" riefen wir oft ängstlich wenn es unter den Hölzern schon ganz dunkel war und der Vater noch immer nicht erschien. Aber dann sahen wir schon durch eine Spalte seine Füße, er glitt zu uns herein, beklopfte jeden ein wenig, denn es beruhigte uns, wenn wir seine Hand fühlten und dann schliefen wir alle förmlich gemeinsam ein. Wir waren außer den Eltern 5 Jungen und 3 Mädchen, es war zu eng für uns in der Mulde, aber wir hätten Angst gehabt, wenn wir in der Nacht nicht so nahe an und aufeinander gewesen wären.



5. I 14 nachmittag. Goethes Vater ist in Verblödung gestorben, zur Zeit seiner letzten Krankheit arbeitete G. an der Iphigenie

"Schaff das Mensch nachhause, es ist besoffen" sagt irgend ein Hofbeamter zu Goethe über Christiane

Der wie seine Mutter saufende August, der sich mit Frauenzimmern in gemeiner Weise herumtreibt.

Die ungeliebte Ottilie, die ihm aus gesellschaftlichen Rücksichten vom Vater als Frau diktiert wird.

Wolf der Diplomat und Schriftsteller

Walter der Musiker, kann nicht die Prüfungen machen. Zieht sich für Monate ins Gartenhaus zurück; als die Zarin ihn sehen will: "Sagen Sie der Zarin, daß ich kein wildes Tier bin"

"Meine Gesundheit ist mehr von Blei als von Eisen. "

Kleinliche ergebnislose schriftstellerische Arbeit des Wolf.

Greisenhafte Gesellschaft in den Mansardenzimmern. Die 80jährige Ottilie, der 50jährige Wolf und die alten Bekannten.



Erst an solchen Extremen merkt man, wie jeder Mensch unrettbar an sich selbst verloren ist und nur die Betrachtung der andern und des in ihnen und überall herrschenden Gesetzes kann trösten. Wie ist Wolf von außen aus lenkbar, hier hin oder dorthin zu versetzen, zu erheitern, zu ermutigen, zu systematischer Arbeit zu bringen und wie ist er innerlich gehalten und unbeweglich.



Warum wandern die Tschuktschen aus ihrem schrecklichen Lande nicht aus, überall würden sie besser leben, im Vergleich zu ihrem gegenwärtigen Leben und zu ihren gegenwärtigen Wünschen. Aber sie können nicht; alles was möglich ist, geschieht ja; möglich ist nur das, was geschieht.



In dem kleinen Städtchen F. hatte ein Weinhändler aus der größern Nachbarstadt eine Weinstube einrichten lassen. Er hatte ein kleines Gewölbe in einem Haus auf dem Ringplatz gemietet, die Wände mit orientalischen Ornamenten bemalen und alte fast schon unbrauchbare Plüschmöbel aufstellen lassen



6 I 14. Dilthey: "Das Erlebnis und die Dichtung." Liebe zur Menschheit, höchste Achtung vor allen von ihr ausgebildeten Formen, ein ruhiges Zurückstehn auf dem geeignetesten Beobachtungsplatz. Luthers Jugendschriften

"die mächtigen Schatten, die aus einer unsichtbaren Welt, angezogen von Mord und Blut in die sichtbare hineintreten" Pascal



Brief für Anzenbacher an die Schwiegermutter. L. hat den Lehrer geküßt.



8. I 14. Vorlesung Fantl "Goldhaupt", "er wirft den Feind wie eine Tonne. "



Unsicherheit, Trockenheit, Ruhe, darin wird alles vorübergehn.



Was habe ich mit Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam und sollte mich ganz still, zufrieden damit daß ich atmen kann in einen Winkel stellen.



Darstellung unerklärlicher Gefühle. Anzenbacher: Seitdem das geschehn ist, tut mir der Anblick von Frauen weh, es ist aber nicht etwa geschlechtliche Aufregung, auch nicht reine Traurigkeit, es tut mir nur weh. So war es auch, ehe ich Liesl’s sicher war.



12 I 14

Gestern: die Liebschaften Ottiliens, die jungen Engländer, – Tolstois Verlobung, klarer Eindruck eines zarten, stürmischen, sich bezwingenden, ahnungsvollen, jungen Menschen. Schön gekleidet, dunkel und dunkelblau.



Das Mädchen im Kaffeehaus. Der schmale Rock, die weiße, lose, fellbesetzte Seidenbluse, der freie Hals, der knapp sitzende graue Hut mit steif, schief und hoch geführtem [...]aus gleichem Stoff.Ihr volles,lachendes,ewig atmendes, Gesicht, freundliche Augen, allerdings ein wenig geziert. Das Heißwerden meines Gesichtes in Gedanken an F.



Weg nach Hause, klare Nacht, deutliches Bewußtsein des bloß Dumpfen in mir, das so weit von großer ohne Hindernisse ganz sich ausbreitender Klarheit ist.



Nikolai, Litteraturbriefe.



Es gibt Möglichkeiten für mich, gewiß, aber unter welchem Stein liegen sie?



Vorwärtsgerissen, auf dem Pferd –



Sinnlosigkeit der Jugend. Furcht vor der Jugend, Furcht vor der Sinnlosigkeit, vor dem sinnlosen Heraufkommen des unmenschlichen Lebens.



Tellheim: Er hat jene freie Beweglichkeit des Seelenlebens welche unter den wechselnden Lebensumständen immer wieder durch ganz neue Seiten überrascht, wie sie nur die Schöpfungen echter Dichter besitzen.



19. I 14 Angst im Bureau abwechselnd mit Selbstbewußtsein. Sonst zuversichtlicher. Großer Widerwillen vor "Verwandlung". Unlesbares Ende. Unvollkommen fast bis in den Grund. Es wäre viel besser geworden, wenn ich damals nicht durch die Geschäftsreise gestört worden wäre.



23 (Januar 1914) Oberkontrollor Bartl erzählt von einem ihm befreundeten pensionierten Oberst, der bei ganz offenem Fenster schläft: "Während der Nacht ist es sehr angenehm; dagegen wird es unangenehm, wenn ich früh von der Ottomane, die beim Fenster steht, den Schnee wegschaufeln muß und dann anfange mich zu rasieren.



Memoiren der Gräfin Thürheim:

Die Mutter: "Ihrer sanften Art entsprach besonders Racine. Ich habe oft gehört, wie sie zu Gott betete, er möge ihm die ewige Ruhe verleihen. "



Sicher ist, daß er (Suworow) bei den großen Diners die ihm zu Ehren der russische Botschafter Graf Rasumovsky in Wien gab, wie ein Vielfraß von den Speisen, die auf der Tafel standen aß, ohne auf jemanden zu warten. War er satt, so erhob er sich und ließ die Gäste allein.

Nach einem Stich ein zarter, bestimmter pedantischer, alter Mann.



"Es war Dir nicht bestimmt" schlechter Trost der Mutter. Das schlimme ist, daß ich im Augenblick fast keinen bessern brauche. Darin bin ich wund und bleibe wund, aber sonst zieht mich das regelrechte, schwach abgewechselte, halb tätige Leben der letzten Tage (Arbeit über den "Betrieb" im Bureau, Sorgen A.’ um seine Braut, Ottlas Zionismus, der Genuß der Mädchen bei dem Vortrag Salten – Schildkraut, Lesen der Memoiren Thürheim, Briefe an Weiß und Löwy, Korrektur der "Verwandlung") förmlich zusammen und gibt mir etwas Festigkeit und Hoffnung.



24. (Januar 1914) Napoleonische Zeit: Wie sich die Feste drängten, alle hatten Eile "die Freuden der kurzen Friedenszeiten auszukosten". "Andererseits übten die Frauen auf sie ihren Einfluß wie im Fluge aus, sie hatten wirklich keine Zeit zu verlieren. Die Liebe von damals äußerte sich in erhöhter Begeisterung und größerer Hingebung"... "Heutzutage hat eine schwache Stunde keine Entschuldigung mehr. "



Unfähig, ein paar Zeilen an Frl. Bl. zu schreiben, zwei Briefe waren schon unbeantwortet, heute kam der dritte. Ich fasse nichts richtig und bin dabei ganz fest, aber hohl. Letzthin, als ich wieder einmal zu regelmäßiger Stunde, aus dem Aufzug stieg, fiel mir ein, daß mein Leben mit seinen immer tiefer ins Detail sich uniformierenden Tagen den Strafarbeiten gleicht, bei denen der Schüler je nach seiner Schuld zehnmal, hundertmal oder noch öfter den gleichen zumindest in der Wiederholung sinnlosen Satz aufzuschreiben hat, nur daß es sich aber bei mir um eine Strafe handelt, bei der es heißt "so oft, als Du es aushältst".



Anzenbacher kann sich nicht beruhigen. Trotz des Vertrauens, das er zu mir hat und trotzdem er Rat von mir will, erfahre ich die schlimmsten Einzelheiten immer nur beiläufig während des Gespräches, wobei ich immer das plötzliche Staunen möglichst unterdrücken muß, nicht ohne das Gefühl, daß er meine Gleichgültigkeit gegenüber der schrecklichen Mitteilung entweder als Kälte empfinden muß, oder aber als große Beruhigung. So ist es auch gemeint. Die Kußgeschichte erfuhr ich in folgenden zum Teil durch Wochen getrennten Etappen: Ein Lehrer hat sie geküßt – sie war in seinem Zimmer – er hat sie mehrmals geküßt – sie war regelmäßig in seinem Zimmer, weil sie eine Handarbeit für A.’ Mutter machte und die Lampe des Lehrers gut war – sie hat sich willenlos küssen lassen – früher schon hat er ihr eine Liebeserklärung gemacht – sie geht trotz allem noch mit ihm spazieren – wollte ihm ein Weihnachtsgeschenk machen einmal hat sie geschrieben, es ist mir etwas unangenehmes passiert, aber nichts zurückgeblieben.

A. hat sie in folgender Weise ausgefragt: Wie war es? Ich will es ganz genau wissen? Hat er Dich nur geküßt? Wie oft? Wohin? Ist er nicht auf Dir gelegen? Hat er Dich betastet? Wollte er Deine Kleider ausziehn~

Antworten: Ich saß auf dem Kanapee mit der Handarbeit, er an der andern Seite des Tisches. Dann kam er herüber, setzte sich zu mir und küßte mich, ich rückte von ihm weg zum Kanapeepolster und wurde mit dem Kopf auf das Polster gedrückt. Außer dem Küssen geschah nichts.

Während des Fragens sagte sie einmal: "Was denkst Du nur? Ich bin ein Mädchen. "



Jetzt fällt mir ein, daß mein Brief an Dr. Weiß so geschrieben war, daß er vollständig F. gezeigt werden konnte. Wie, wenn er es heute getan und deshalb seine Antwort verschoben

hätte.



26 I 14

Kann nicht in der Thürheim lesen, die im übrigen mein Vergnügen der letzten Tage ausmacht. Brief an Frl. Bl. jetzt auf der Bahn aufgegeben. Wie es mich hält und gegen die Stirn drückt. Kartenspielen der Eltern auf dem gleichen



Die Eltern, und ihre erwachsenen Kinder, ein Sohn und eine Tochter saßen Sonntags mittag bei Tisch. Die Mutter war gerade aufgestanden und tauchte den Schöpflöffel in den gebauchten Suppentopf, um die Suppe auszuteilen, da hob sich plötzlich der ganze Tisch, das Tischtuch wehte, die aufliegenden Hände glitten herab, die Suppe floß mit rollenden Speckknödeln dem Vater in den Schoß



Wie ich jetzt die Mutter fast beschimpft habe, weil sie die "böse Unschuld" der Elli geborgt hat, der ich sie noch gestern selbst anbieten wollte. "Laß mir meine Bücher! Ich hab’ doch sonst nichts. " Solche Reden in wirklicher Wut.



Der Tod des Vaters der Thürheim: "Die bald darauf eintretenden Ärzte fanden den Puls sehr schwach und gaben dem Kranken nur mehr wenige Stunden zum Leben. Mein Gott es war mein Vater von dem sie redeten – nur ein paar Stunden Frist und dann tot. "



28 I 14 Vortrag über die Lourdes Wunder. Freisinniger Arzt, energisch, starkes Gebiß, Zähnefletschen, große Freude am Rollen der Worte "Es ist Zeit daß deutsche Gründlichkeit und Ehrlichkeit Front macht gegen wälschen Charlatanismus". Zeitungsausrufer des Messager de Lourdes "Superbe guerison de ce soir" Guerison affirmee! Diskussion: "Ich bin ein einfacher Postofficial sonst nichts"

Hotel de 1’univers – Unendliche Trauer beim Hinausgehn in Gedanken an F. Allmähliche Beruhigung durch Überlegungen.



Brief an Bl. und Weiß Galeere geschickt



Der Schwester Anzenbach. wurde vor längerer Zeit von einer Kartenlegerin gesagt, daß ihr ältester Bruder verlobt sei und daß ihn seine Braut betrüge. Damals habe er wütend solche Erzählungen abgewehrt. Ich: Warum nur damals. Es ist ja heute falsch so wie damals. Sie hat Dich doch nicht betrogen. Er: Nicht wahr, sie hat nicht



2 II 14 Anzenbacher. Dirnenhafter Brief der Freundin an die Braut. "Wenn wir alles so schwer nehmen wollten, wie damals, als uns die Beichtpredigten unter ihrem Einfluß hielten." "Warum hast Du dich in Prag so zurückgehalten, besser sich im Kleinen austoben, als im Großen." Ich lege meiner Überzeugung gemäß den Brief zu Gunsten der Braut aus, mit guten Einfällen. Gestern war A. in Schluckenau. Sitzt den ganzen Tag mit ihr im Zimmer und hört, das Packet mit sämtlichen Briefen (sein einziges Gepäck) in der Hand, nicht auf, sie auszufragen. Erfährt nichts Neues, eine Stunde vor der Abfahrt fragt er: "war während des Küssens ausgelöscht?" und erfährt die ihn trostlos machende Neuigkeit, daß W. während des (zweiten) Küssens ausgelöscht hat. W. zeichnete an der einen Seite des Tisches, L. saß an der andern Seite (in W.’s Zimmer, um 11 Uhr abends) und las "Asmus Semper" vor. Da steht W. auf, geht zum Kasten um etwas zu holen (L. glaubt einen Cirkel, A. glaubt ein Präservativ) löscht dann plötzlich aus, überfällt sie mit Küssen, sie sinkt gegen das Kanapee, er hält sie an den Armen, an den Schultern und sagt zwischendurch "Küsse mich! "

L. bei einer andern Gelegenheit: "W. ist sehr unbeholfen. "

Ein anderesmal: "Ich küßte ihn nicht", ein anderesmal: "Ich glaubte in Deinen Armen zu liegen. "

A: Ich muß doch Klarheit haben (er denkt daran, sie vom Arzt untersuchen zu lassen) wie wenn ich dann in der Hochzeitsnacht erfahre, daß sie gelogen hat. Vielleicht ist sie nur deshalb so ruhig, weil er ein Präs. benützt hat.



Lourdes: Angriff gegen den Wunderglauben auch Angriff gegen die Kirche. Mit dem gleichen Recht könnte er gegen die Kirchen, die Processionen, die Beichten, die unhygienischen Vorgänge überall vorgehn, da es nicht nachzuweisen ist, ob Gebete helfen. Karlsbad ist ein größerer Schwindel als Lourdes und Lourdes hat den Vorzug, daß man seines innersten Glaubens wegen hinfährt. Wie steht es mit den verbohrten Meinungen hinsichtlich der Operationen, der Serumheilungen, der Impfungen, der Medicinen?



Immerhin: Die Riesenspitäler für die wandernden Schwerkranken; die schmutzigen Piscinen; die brancards, die die Extrazüge erwarten; die ärtztliche Kommission; die großen Glühlampenkreuze auf den Bergen; der Papst bezieht 3 Mill. jährlich. Der Priester mit der Monstranz geht vorüber, eine schreit von ihrer Bahre auf: "Ich bin gesund." Hat weiterhin Knochentuberkulose ohne Veränderung.



Die Tür öffnete sich zu einem Spalt. Ein Revolver erschien und ein gestreckter Arm.



Thürheim II 35, 28, 37 (Nichts Süßeres wie die Liebe, nichts Amüsanteres wie die Koketterie)

45, 48 (Juden)



20. (10. ) II 14 11 Uhr nach einem Spaziergang. Frischer als sonst. Warum

1.) Max sagte ich, ich sei ruhig.

2.) Felix wird heiraten (mit ihm böse gewesen)

3. Ich bleibe allein, falls mich nicht F. doch noch will.

4. Einladung der Frau Thein und Überlegung wie ich mich ihr vorstellen werde.

Zufälligerweise gieng ich den entgegengesetzten Weg wie sonst nämlich Kettensteg Hradschin Karlsbrücke. Sonst falle ich auf diesem Weg förmlich hin, heute habe ich mich von der entgegengesetzten Seite kommend ein wenig aufgehoben.



21 (11.) II 14 "Goethe" Dilthey, flüchtig durchgelesen, wilder Eindruck, nimmt mit fort, warum könnte man sich nicht anzünden und im Feuer zugrundegehn. Oder folgen, auch wenn man kein Gebot hört? In der Mitte seines leeren Zimmers auf einem Sessel sitzen und das Parkett ansehn. "Vorwärts" rufen in einem Hohlweg im Gebirge und aus allen Seitenwegen zwischen den Felsen einzelne Menschen rufen hören und hervorkommen sehn.



13 II 14



Gestern bei Frau Thein. Ruhig und energisch, eine fehlerlos sich durchsetzende, sich einbohrende, mit Blicken Händen und Füßen sich einarbeitende Energie. Offenheit, offener Blick. Ich habe immer in Erinnerung ihre häßlichen ungeheuren feierlichen Renaissancestraußfederhüte aus früherer Zeit, sie ist mir solange ich sie nicht persönlich kannte widerlich gewesen. Wie der Muff, wenn sie zu einem Ziel der Erzählung eilt, an den Leib gedrückt wird und doch zuckt. Ihre Kinder Nora und Mirjam.

Erinnert sehr an W. im Blick, in der Selbstvergessenheit der Erzählung, in der gänzlichen Beteiligung, in dem kleinen lebendigen Körper, selbst in der harten dumpfen Stimme, in der Rede von schönen Kleidern und Hüten, während an ihr nichts derartiges zu sehen ist.

Blick aus dem Fenster über den Fluß. An vielen Stellen des Gesprächs, trotzdem sie keine Mattigkeit aufkommen läßt, mein vollständiges Versagen, sinnloser Blick, Nichtverstehn dessen was sie sagt, Abrollen einfältigster Bemerkungen, während ich sehen muß, wie sie aufhorcht, sinnloses Betasten des kleinen Kindes



Träume: In Berlin, durch die Straßen, zu ihrem Haus, das ruhige glückliche Bewußtsein, ich bin zwar noch nicht bei ihrem Haus, habe aber die leichte Möglichkeit hinzukommen, werde bestimmt hinkommen. Ich sehe die Straßenzüge, an einem weißen Haus eine Aufschrift etwa "Die Prachtsäle des Nordens" (gestern in der Zeitung gelesen) im Traum hinzugefügt "Berlin W". Frage einen leutseligen rotnasigen alten Schutzmann, der in einer Art Dieneruniform diesmal steckt. Bekomme überausführliche Auskunft, sogar ein Geländer einer kleinen Rasenanlage in der Ferne wird mir gezeigt, an das ich der Sicherheit halber mich anhalten soll, wenn ich vorüberkomme. Dann Ratschläge betreffend die Elektrische, die Untergrundbahn u. s. w. Ich kann nicht mehr folgen und frage erschrocken, wohl wissend, daß ich die Entfernung unterschätze: "Das ist wohl 1/2 Stunde weit?" Er aber, der alte Mann, antwortet: "Ich bin dort in 6 Minuten. " Die Freude! Irgend ein Mann, ein Schatten, ein Kamerad begleitet mich immer, ich weiß nicht, wer es ist. Habe förmlich keine Zeit mich umzudrehn, mich seitwärts zu wenden. – Wohne in Berlin in irgend einer Pension, in der scheinbar lauter junge polnische Juden wohnen; ganz kleine Zimmer. Ich verschütte eine Wasserflasche. Einer schreibt unaufhörlich auf einer kleinen Schreibmaschine, wendet kaum den Kopf, wenn man um etwas bittet. Keine Karte von Berlin aufzutreiben. Immer sehe ich in der Hand eines ein Buch, das einem Plan ähnlich ist. Immer zeigt sich, daß es etwas ganz anderes enthält, ein Verzeichnis der Berliner Schulen, eine Steuerstatistik oder etwas derartiges. Ich will es nicht glauben, aber man weist es mir lächelnd ganz zweifellos nach.



14. II 14

Wenn ich mich töten sollte, hat ganz gewiß niemand schuld, selbst wenn z. B. die offenbare nächste Veranlassung F.’s Verhalten sein sollte. Ich habe mir selbst schon einmal im Halbschlaf die Szene vorgestellt, die es ergeben würde, wenn ich in Voraussicht des Endes den Abschiedsbrief in der Tasche in ihre Wohnung käme, als Freier abgewiesen würde, den Brief auf den Tisch legte, zum Balkon gienge, von allen, die hinzueilen gehalten mich losreißen und die Balkonbrüstung, während eine Hand nach der andern ablassen muß, überspringen würde. In dem Brief aber stünde, daß ich F.’s wegen zwar hinunterspringe, daß sich aber auch bei Annahme meines Antrages nichts wesentliches für mich geändert hätte. Ich gehöre hinunter, ich finde keinen andern Ausgleich, F. ist zufällig die, an der sich meine Bestimmung erweist, ich bin nicht fähig, ohne sie zu leben und muß hinunterspringen, ich wäre aber – und F. ahnt dies – auch nicht fähig mit ihr zu leben. Warum nicht die heutige Nacht dazu verwenden, schon erscheinen mir die Redner des heutigen Elternabends, die vom Leben und von der Schaffung seiner Bedingungen redeten, – aber ich halte mich an Vorstellungen, ich lebe ganz verwickelt ins Leben, ich werde es nicht tun, ich bin ganz kalt, bin traurig, daß ein Hemd um den Hals mich drückt, bin verdammt, schnappe im Nebel.



15 II 14

Wie lang mir dieser Samstag und Sonntag im Rückblick scheint. Ich habe mir gestern nachmittag die Haare scheren lassen, dann den Brief an Bl. geschrieben, bin dann einen Augenblick lang bei Max gewesen in der neuen Wohnung, dann Elternabend neben L. W., dann Baum (in der Elektrischen Krätzig getroffen "Notstich"), dann auf dem Rückweg Maxens Klagen über mein Stummsein, dann die Selbstmordlust, dann die Schwester vom Elternabend zurückgekommen, unfähig das geringste zu berichten. Bis 10 im Bett, schlaflos, Leid und Leid. Kein Brief nicht hier, nicht im Bureau, Brief an Bl. auf der Franz Josefs Bahn eingeworfen, Nachmittag Gerke, Spaziergang an der Moldau, Vorlesung in seiner Wohnung, merkwürdige Mutter beim Butterbrotessen und Patiencelegen, allein 2 Stunden herumgegangen, entschlossen Freitag nach Berlin zu fahren, Khol getroffen, zuhause mit Schwagern und Schwestern, dann bei Weltsch Besprechung der Verlobung (Kerzenauslöschen des Joine Kisch) dann zuhause Versuche aus der Mutter durch Schweigen Mitleid und Hilfe herauszulocken, jetzt Schwester, erzählt vom Clubabend, es schlägt ¾ 12.



Ich sagte bei Weltsch, um die aufgeregte Mutter zu trösten: "Ich verliere ja Felix durch diese Heirat auch. Ein verheirateter Freund ist keiner." F. sagte nichts, konnte natürlich auch nichts sagen, aber er wollte es nicht einmal.



Das Heft fängt mit Felice an, die mir am 2. V 13 den Kopf unsicher machte, ich kann mit diesem Anfang das Heft auch schließen, wenn ich statt unsicher ein schlimmeres Wort nehme.

Revision: 2004/11/05 - 16:10 - © Mauro Nervi




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