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2017/12/15 - 17:05

Heft 11

13 Sept. 15 Vorabend von Vaters Geburtstag, neues Tagebuch. Es ist nicht so notwendig wie sonst, unruhig muß ich mich nicht machen, unruhig bin ich genug, aber zu welchem Ziel, wann kommt es, wie kann ein Herz, ein nicht ganz gesundes Herz soviel Unzufriedenheit und soviel ununterbrochen zerrendes Verlangen ertragen.

Die Zerstreutheit, die Gedächtnisschwäche, die Dummheit!

14. (September 1915) mit Max und Langer Samstag beim Wunderrabbi. Pizkov, Harantova ulice. Viele Kinder auf dem Trottoir und den Treppenstufen. Ein Gasthaus. Oben vollständig finster, blindlings paar Schritte mit vorgehaltenen Händen. Ein Zimmer mit bleichem Dämmerlicht, weißgraue Wände, einige kleine Frauen und Mädchen, weiße Kopftücher, blasse Gesichter, stehn herum, kleine Bewegungen; Eindruck des Blutleeren. Nächstes Zimmer. Alles schwarz, voll mit Männern und jungen Leuten. Lautes Beten. Wir drücken uns in eine Ecke. Kaum sehen wir uns ein wenig um, ist das Gebet zu Ende, das Zimmer leert sich. Ein Eckzimmer mit zwei Fensterwänden mit je 2 Fenstern. Wir werden zu einem Tisch gedrängt, rechts vom Rabbi. Wir wehren uns, "Ihr seid doch auch Juden. " Das stärkste väterliche Wesen macht den Rabbi. Alle Rabbi sehen wild aus, sagte Langer. Dieser im Seidenkaftan, darunter schon Unterhosen sichtbar. Haare auf dem Nasenrücken. Mit Fell eingefaßte Kappe, die er immerfort hin und her rückt. Schmutzig und rein, Eigentümlichkeit intensiv denkender Menschen. Kratzt sich am Bartansatz, schneuzt durch die Hand auf den Fußboden, greift mit den Fingern in die Speisen – wenn er aber ein Weilchen die Hand auf dem Tisch liegen läßt, sieht man das Weiß der Haut, wie man ein ähnliches Weiß nur in Vorstellungen der Kindheit gesehn zu haben glaubt. Damals allerdings waren auch die Eltern rein.

16. (September 1915) Demütigung bei Eisner. Erste Zeile eines Briefes an ihn geschrieben, weil sich mir im Kopf rasch ein würdiger Brief gebildet hatte. Trotzdem nach der ersten Zeile abgelassen. Früher war ich anders. Wie leicht ich außerdem die Demütigung getragen, wie leicht ich an sie vergessen habe, wie wenig Eindruck auch seine Gleichgültigkeit auf mich gemacht hat. Durch tausend Gänge, tausend Bureaux, an tausend früher befreundeten jetzt kalten Menschen hätte ich unberührt schweben können, ohne die Augen zu senken. Unberührbar aber auch unerweckbar. Und in dem einen Bureau hätte Max sitzen können, im andern Felix u. s. f.

Neuer Kopfschmerz noch unbekannter Art. Kurzer schmerzhafter Stich rechts über dem Auge. Vormittag zum erstenmal seitdem häufiger.

Anblick der polnischen Juden, die zum Kol Nidre gehn. Der kleine Junge, der, unter beiden Armen Gebetmäntel, neben seinem Vater herläuft. Selbstmörderisch nicht in den Tempel zu gehn.

Bibel aufgeschlagen. Von den ungerechten Richtern. Finde also meine Meinung oder wenigstens die Meinung die ich in mir bisher vorgefunden habe. Übrigens hat es keine Bedeutung, ich werde in solchen Dingen niemals sichtbar gelenkt, vor mir flattern nicht die Blätter der Bibel.

Die ergiebigste Stelle zum Hineinstechen scheint zwischen Hals und Kinn zu sein. Man hebe das Kinn und steche das Messer in die gestrafften Muskeln. Die Stelle ist aber wahrscheinlich nur in der Vorstellung ergiebig. Man erwartet dort ein großartiges Ausströmen des Blutes zu sehn und ein Flechtwerk von Sehnen und Knöchelchen zu zerreißen, wie man es ähnlich in den gebratenen Schenkeln von Truthähnen findet.

Förster Fleck in Rußland gelesen. Napoleons Rückkehr auf das Schlachtfeld von Borodino. Das Kloster dort. Es wird in die Luft gesprengt.

28 IX 15 Vollständiges Nichtstun. Memoiren des Generals Marcellin de Marbot und Holzhausen "Leiden der Deutschen

1812"

Sinnlosigkeit des Klagens. Als Antwort darauf Stiche im Kopf.

Ein kleiner Junge lag in der Badewanne. Es war das erste Bad, bei dem seinem alten Wunsche nach, weder die Mutter noch das Dienstmädchen zugegen waren. Er hatte sich um dem Befehl der Mutter, die ihm hier und da aus dem Nebenzimmer zurief zu entsprechen, mit dem Schwamm flüchtig bestrichen; dann hatte er sich ausgestreckt und genoß die Unbeweglichkeit im heißen Wasser. Die Gasflamme summte gleichmäßig und im Ofen knisterte das vergehende Feuer. Im Nebenzimmer war es schon lange still, vielleicht hatte sich die Mutter entfernt

Warum ist das Klagen sinnlos? Klagen heißt Fragen stellen und Warten bis Antwort kommt. Fragen aber die sich nicht selbst im Entstehen beantworten werden niemals beantwortet. Es gibt keine Entfernungen zwischen Fragesteller und Antwortgeber. Es sind keine Entfernungen zu überwinden. Daher Fragen und Warten sinnlos.

29. IX (1915) Verschiedene nebelhafte Entschlüsse. Die gelingen mir. Zufälliges Erblicken eines damit nicht ganz unzusammenhängenden Bildes in der Ferdinandstraße. Eine schlechte Skizze eines Freskos. Darunter ein tschechischer Spruch, etwa: Verblendeter Du verläßt den Becher wegen des Mädchens, bald wirst Du belehrt zurückkommen

Schlechter elender Schlaf, früh marternde Kopfschmerzen aber freierer Tag.

Viele Träume. Auftreten einer Mischung von Dir. Marschner und Diener Pimisker. Rote feste Wangen, schwarz gewichster Bart, ebensolches starkes wildes Haar.

Früher dachte ich: Dich wird nichts umbringen, diesen harten klaren geradezu leeren Kopf, niemals wirst Du unbewußt oder im Schmerz die Augen zusammenziehn, die Stirn falten, mit den Händen zucken, wirst es immer nur darstellen können.

Wie konnte Fortinbras sagen, H. hätte sich höchst königlich bewährt.

Konnte mich Nachmittag nicht abhalten, das gestern geschriebene "den Schmutz des vorigen Tages" zu lesen, ohne Schaden übrigens.

30 (September 1915) Durchgesetzt daß Felix nicht Max gestört hat. Dann bei Felix.

Roßmann und K., der Schuldlose und der Schuldige, schließlich beide unterschiedslos strafweise umgebracht, der Schuldlose mit leichterer Hand, mehr zur Seite geschoben als niedergeschlagen.

1. Okt. 1915

III. Band Memoiren des Generals Marcellin de Marbot Polozk – Beresina – Leipzig – Waterloo

II

Fehler die Napoleon beging:

1 Entschluß zu diesem Krieg. Was wollte er erreichen? Strenge Durchführung der Kontinentalsperre in Rußland. Das war unmöglich. Alexander I konnte nicht nachgeben, ohne sich zu gefährden. Sein Vater Paul I war ja wegen des Bündnisses mit Frankreich und wegen des Krieges mit England, der Rußlands Handel unermeßlich geschädigt hatte ermordet worden. Trotzdem hoffte Napoleon noch immer, Alex. werde nachgeben. Nur um das zu erzwingen, wollte er am Njemen aufmarschieren

2. Er konnte wissen was ihn erwartete. Oberstleutnant de Ponthon, der einige Jahre in russischen Diensten gewesen war, beschwor ihn kniefällig, abzulassen. Die von ihm angeführten Hindernisse waren: Stumpfheit und fehlende Mitwirkung der seit langen Jahren von Rußland unterworfenen litauischen Provinzen, der Fanatismus der Moskowiter, Mangel an Lebensmitteln und Fourage, das wüste Land, die beim geringsten Regen für Artillerie unpassierbaren Wege, Strenge des Winters, Unmöglichkeit bei Schneefall, der schon anfangs Oktober eintritt vorwärtszukommen. – Napoleon ließ sich von Maret, Herzog von Bassano und Davout entgegengesetzt beeinflussen.

3. Er hätte Österreich und Preußen durch Abverlangen starker Hilfstruppen möglichst schwächen sollen, verlangte aber nur je 30000 Mann

Er nahm den preußischen Kronprinzen trotzdem er darum gebeten wurde nicht ins Hauptquartier mit.

4. Er hätte sie in die Front nehmen sollen, statt dessen stellte er sie auf die Flügel, die Österreicher unter Schwarzenberg nach Wolhynien, die Preußen unter Macdonald an den Njemen, dadurch schonte er sie und gab ihnen die Möglichkeit seinen Rückweg zu verrammeln oder wenigstens zu gefährden, was wirklich geschah, da die Österreicher die Armee Tschitschakow, die nach dem durch England vermittelten Frieden mit der Türkei freigeworden war im November ungestört durch Wolhynien nach Norden ziehen liessen, was das Unglück an der Beresina verschuldete.

5. Er versetzte alle Korps stark mit den unzuverlässigen Hilfsvölkern (Badenser Mecklenburger Hessen, Baiern Württemberger Sachsen Westfahlen Spanier Portugiesen Illyrier, Schweizer Kroaten, Polen, Italiener) und schädigte dadurch den Zusammenhalt. Edler Wein verdorben durch Beimengung trüben Wassers.

6. Er hoffte auf die Türkei, Schweden und Polen. Die ersten machten Frieden, weil England zahlte, Bernadotte fiel von N. ab schloß ein Bündnis mit Rußland durch Englands Vermittlung, Schweden verlor zwar Finnland, bekam aber Norwegen versprochen, das dem Napoleon ergebenen Dänemark entrissen werden sollte, die Polen: Littauen war durch die 40jährige Einverleibung in Rußland zu sehr mit diesem verbunden. Die österr. und preußischen Polen zogen zwar mit, aber ohne Begeisterung, sie fürchteten die Verwüstung ihres Landes; nur mit dem jetzt sächsischen Großherzogtum Warschau war einigermaßen zu rechnen.

7. Er wollte das eroberte Littauen von Wilna aus organisieren und sich nutzbar machen. Er hätte vielleicht allgemeine Hilfe gefunden 300000 Mann, wenn er das Königreich Polen (mit Galizien und Posen) proklamiert hätte – ein nationaler Landtag in Warschau erließ auch schon solche Proklamationen – aber das hätte Krieg mit Preußen und Österreich bedeutet (und auch den Frie denschluß mit Rußland erschwert). Übrigens wären die Polen auch dann wahrscheinlich unzuverlässig gewesen. Wilna und sein Kreis brachte nur 20 Mann als Leibwache für Napol. auf. N. wählte den Mittelweg, versprach das Königreich für den Fall der Mithilfe und erreichte dadurch nichts. Übrigens hätte N. ein polnisches Heer gar nicht ausrüsten können, er hatte keine Vorräte an Waffen und Kleidung an den Njemen nachkommen lassen.

8. Er gab Jerome Bonaparte der in militärischen Dingen ganz unerfahren war das Kommando über eine Armee 60000 Mann. Gleich beim Einrücken in Rußland hatte Napoleon die russische Armee gespalten. Kaiser Alexander und Feldmarschall Barkley zogen an die Düna nach Norden das Corps Bagration war noch bei Mir am untern Njemen. Davout hatte schon Minsk besetzt und Bagration, der dort nach Norden durchkommen wollte, wurde von ihm nach Bobruisk gegen Jerome geworfen. Hätte Jerome einheitlich mit Davout gearbeitet – das fand er aber mit seiner Königswürde nicht vereinbar – wäre Bagration vernichtet oder zur Kapitulation gezwungen worden. Bagration entkam, Jerome wurde nach Westfalen geschickt, an seine Stelle kam Junot, der aber bald auch einen schweren Fehler beging.

9. Er ernannte den Herzog von Bassano zum Civil und den General Hogendorp zum Militärgouverneur der Provinz Litauen. Keiner verstand es der Armee einen Rückhalt zu schaffen. Der Herzog war Diplomat, verstand nichts von der Verwaltung, Hogendorp kannte nicht die französischen Gebräuche und die militärischen Dienstvorschriften. Er sprach sehr schlecht französisch, fand also weder bei den Franzosen Sympatie noch bei dem Landesadel.

10. ein Vorwurf, den andere Schriftsteller, nicht Marbot, machen

Er blieb 19 Tage in Wilna, 17 in Witebsk bis zum 13 VIII, verlor also 36 Tage. Erklärlich ist es aber, er hoffte noch auf ein Abkommen mit den Russen, wollte einen Mittelpunkt zur Dirigierung der hinter Bagration streifenden Korps erhalten und die Kräfte der Truppen schonen. Auch begannen die Schwierigkeiten der Verpflegung, die Truppen waren nach zurückgelegtem Tagesmarsch jeden Abend gezwungen, sich ihre Lebensbedürfnisse oft von sehr weit herzuholen. Nur Davout hatte für sein Korps einen Lebensmitteltrain und Herden.

11. Unnötig große Verluste bei der Belagerung von Smolensk 12000 Mann. N. hatte keine so energische Verteidigung erwartet. Hätte man Smolensk umgangen und so auf die Rückzugslinie von Barclay de Tolly gedrückt, hätte man es ohne Kampf bekommen.

12. Man hat ihm seine Untätigkeit während der Schlacht bei Borodino (7. Sept.) vorgeworfen. Er gieng in einer Schlucht den ganzen Tag auf und ab, nur zweimal stieg er auf einen Hügel. Nach Marbots Meinung war das kein Fehler, aber N. war an dem Tag krank, er hatte heftige Migräne. Er hatte am 6. Abend Nachrichten aus Portugal bekommen. Marschall Marmont, einer der Generäle in denen sich N. getäuscht hatte, war bei Salamanca von Wellington schwer geschlagen worden.

Im Principe war der Rückzug aus Moskau bald beschlossen. Vieles drängte dazu: die Brände, die Kämpfe in Kaluga die Kälte, die Desertionen, die Bedrohung der Rückzugslinie, die Lage in Spanien, eine in Paris aufgedeckte Verschwörung – trotzdem blieb N. in Moskau vom 15 Sept. bis zum 19 Oktober er hoffte noch immer auf eine Einigung mit Alexander. Auf seinen letzten Vergleichsvorschlag hat Kutusoff nicht einmal geantwortet.

14 Er versuchte über Kaluga abzuziehn trotzdem das ein Umweg war. Er hoffte dort Lebensmittel zu bekommen, die Rückzugstraße über Moshaisk war auf weite Strecken nach beiden Seiten hin ausgezogen. Aber schon nach einigen Tagen merkte er, daß er hier nicht weiter kommen konnte ohne Kutusoff eine Schlacht zu liefern. Er kehrte also auf die alte Rückzugstraße zurück.

15 Die große Brücke über die Beresina war durch ein Fort gedeckt und durch ein polnisches Regiment gesichert. Im Vertrauen darauf diese Brücke benützen zu können, ließ N., um den Marsch zu erleichtern und zu beschleunigen, alle Pontons verbrennen. Inzwischen aber hatte Tschitschakov das Fort genommen und die Brücke verbrannt. Trotz äußerster Kälte war der Fluß noch nicht gefroren. Das Fehlen der Pontons war eine der Hauptursachen des Unglücks.

16 Der Übergang über die bei Studianka geschlagenen 2 Brücken war schlecht organisiert. Am 26. Nov. mittags waren die Brücken geschlagen (hätte man Pontons gehabt, hätte man schon bei Tagesanbruch den Übergang beginnen können) bis zum Morgen des 28 war man von den Russen unbehelligt. Trotzdem war damals erst ein Teil des Trains hinübergeführt und die tausende Marode hatte man 2 Tage am linken Ufer gelassen. Die Franzosen verloren 25000 Mann

17. Die Rückzugslinie war nicht gesichert. Vom Njemen bis Moskau außer in Wilna und Smolensk kein besetzter Ort, kein Magazin, kein Lazarett. Im ganzen Zwischenland streiften die Kosaken. Nichts konnte zur Armee oder von ihr kommen, ohne die Gefahr des Gefangenwerdens. Deshalb wurde auch von den etwa 100000 russischen Kriegsgefangenen kein einziger über die Grenze gebracht.

18 Mangel an Dolmetschern. Die Division Partouneaux verirrte sich auf dem Weg von Borisow nach Studianka und rannte in die Armee Wittgenstein und damit in die Vernichtung hinein. Man hatte sich eben mit den palnischen Bauern, welche führen sollten, nicht verständigen können.

Paul Holzhausen Die Deutschen in Rußland 1812

Elender Zustand der Pferde, große Anstrengungen als Futter nasses Grünstroh, unreifes Getreide, faules Dachstroh. Durchfall Abmagerung, Verstopfung. Klystiere von Rauchtabak. Ein Artillerieofficier erzählt, daß seine Leute mit der ganzen Länge des Armes den Pferden in den After fahren mußten, um sie von den im Darm angehäuften Kotmassen zu befreien. Auftreibung der Leiber durch das Grünfutter. Manchmal konnte man sie durch angestrengtes Laufen beseitigen. Viele giengen aber ein, hunderte sah man mit geplatzten Bäuchen an den Brücken von Pilony. "In Gräben und Löchern liegen sie mit stierem brechendem Auge und versuchen kraftlos in die Höhe zu kommen. Aber der Versuch ist fruchtlos und nur selten bringen sie einen Fuß auf die Straße, der dann ihren Zustand noch bejammernswürdiger macht. Gefühllos fahren Train- und Artilleriesoldaten mit dem Geschütz darüber weg, daß man das Bein zerknirschen, des Tieres dumpfbrüllenden Schmerzenston hört und sieht wie es von Angst und Entsetzen getrieben, Kopf und Hals konvulsivisch hebt, mit ganzer Last zurückfällt und sogleich von zähem Schlamm begraben wird." Verzweiflung schon am Anfang des Hinweges. Hitze, Hunger, Durst, Krankheit. Ein Unterofficier der nicht mehr weiter kann wird ermahnt, sich zusammenzunehmen und seinen Leuten mit gutem Beispiel voranzugehn. Bald verschwindet er im Gebüsch und erschießt sich mit seinem eigenen Gewehr. (Julisonntag) Tagsdarauf wird ein würtembergischer Oberleutnant vom Regimentskommandeur heruntergeputzt, er entreißt dem nächsten Soldaten das Bajonett und rennt es sich durch die Brust.

Einwand gegen 11. Fehler. Infolge des elenden Zustandes der Kavallerie und des Mangels an Kundschaftern wurden die oberhalb der Stadt vorhandenen Furten zu spät entdeckt.

6 Okt. 15 Verschiedene Formen der Nervosität. Ich glaube Lärm kann mich nicht mehr stören. Allerdings arbeite ich jetzt nicht. Allerdings je tiefer man sich seine Grube gräbt, desto stiller wird es, je weniger ängstlich man wird, desto stiller wird es.

Erzählungen Langers:

Einem Zadik soll man mehr gehorchen als Gott. Balschem sagte einmal einem seiner liebsten Schüler, er solle sich taufen lassen. Er ließ sich taufen, kam zu Ansehn, wurde Bischof. Da ließ ihn Balschem zu sich kommen und erlaubte ihm zum Judentum zurückzukehren. Er folgte wieder und tat wegen seiner Sünde große Buße. B. erklärte seinen Befehl damit, daß der Schüler wegen seiner ausgezeichneten Eigenschaften vom Bösen sehr verfolgt gewesen sei und daß die Taufe den Zweck gehabt habe, den Bösen abzulenken. B. warf den Schüler selbst mitten ins Böse, der Schüler tat den Schritt nicht aus Schuld sondern auf Befehl und für den Bösen schien es hier keine Arbeit mehr zu geben.

Alle 100 Jahre erscheint ein oberster Zadik, ein Zadik Hador. Er muß gar nicht bekannt sein, kein Wunderrabbi sein und ist doch der oberste. B. war nicht Zadik Hador in seiner Zeit, das war vielmehr ein unbekannter Kaufmann in Drohobisz. Dieser hörte, daß B. wie dies auch andere Zadiks taten, Amulette schrieb und hatte den Verdacht, daß er Anhänger des Sabbatai Zewi sei und dessen Name auf die Amuletts schreibe. Deshalb nahm er ihm, ohne ihn persönlich zu kennen, von der Ferne aus die Macht jene Amuletts zu geben. B. erkannte bald die Machtlosigkeit seiner Amuletts – er hatte aber immer nichts anderes auf die Amuletts geschrieben, als seinen eigenen Namen – und erfuhr auch nach einiger Zeit, daß der Drohobyscer die Ursache dessen war. Als einmal der Dr. in die Stadt Balschems kam, – es war an einem Montag – ließ ihn B. ohne daß er es merkte einen Tag verschlafen; der Dr. blieb infolgedessen in der Zeitrechnung immer um einen Tag zurück. Freitag abend – er dachte es wäre Donnerstag – wollte er nachhause fahren, um die Feiertage zuhause zu verbringen. Da sieht er die Leute in den Tempel gehn und merkt den Irrtum. Er beschließt hier zu bleiben und läßt sich zu B. führen. Dieser hat schon am Nachmittag seiner Frau den Auftrag gegeben, ein Mahl für 30 Personen herzurichten. Als der Dr. kommt, setzt er sich nach den Gebeten gleich zum Essen und ißt in kurzer Zeit das für 30 Personen bestimmte Essen auf. Aber er wird nicht satt, sondern verlangt weiteres Essen. B. sagt: "Einen Engel ersten Grades habe ich erwartet, auf einen Engel zweiten Grades war ich aber nicht vorbereitet. " Er ließ nun alles Eßbare bringen, was im Hause war, aber auch das genügte nicht.

B. war nicht Zadik Hador, aber er war noch höher. Zeuge dessen ist der Zadik Hador selbst. Dieser kam nämlich einmal abends in den Ort, wo die künftige Frau Balschems als Mädchen wohnte. Er war Gast in dem Hause der Eltern des Mädchens. Ehe er auf den Dachboden schlafen gieng, verlangte er ein Licht, aber es war keines im Hause. Er gieng also ohne Licht hinauf, aber als das Mädchen später vom Hofhinaufsah, war es oben hell wie bei einer Illumination. Da erkannte sie, daß es ein besonderer Gast war und sie bat ihn, sie zur Frau zu nehmen. Sie durfte so bitten, denn ihre höhere Bestimmung erwies sich darin, daß sie den Gast erkannt hat. Aber der Zadik Hador sagte: "Du bist für einen noch Höheren bestimmt. " Dies beweist, daß B. höher war als ein Zadik Hador.

7 (Oktober 1915) gestern lange mit Frl. Reiß im Vestibul des Hotels. Schlecht geschlafen, Kopfschmerzen.

Als Hinkender die Gerti geschreckt, das Schreckliche des Pferdefußes.

Gestern in der Niklasstraße ein gestürztes Pferd mit blutigem Knie. Ich schaue weg und mache unbeherrscht Grimassen am hellen Tag.

Unlösbare Frage: Bin ich gebrochen? Bin ich im Niedergang? Fast alle Anzeichen sprechen dafür (Kälte, Stumpfheit, Nervenzustand, Zerstreutheit, Unfähigkeit im Amt, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit) fast nur die Hoffnung spricht dagegen.

3 Nov. (1915) Viel gesehn in der letzten Zeit, weniger Kopfschmerzen. Spaziergänge mit Frl. Reiß. Mit ihr bei "Er und seine Schwester", von Girardi gespielt. (Haben Sie denn Talent? – Gestatten Sie daß ich dazwischen trete und für sie antworte: C> ja, o ja) In der städtischen Lesehalle. Bei ihren Eltern die Fahne angesehn. Die 2 wunderbaren Schwestern Esther und Tilka wie Gegensätze des Leuchtens und Verlöschens. Besonders Tilka schön: olivenbraun, gewölbte gesenkte Augenlider, tiefes Asien. Beide Shawls um die Schultern gezogen. Sie sind mittelgroß, eher klein und erscheinen aufrecht und hoch wie Göttinnen, die eine auf dem Rundpolster des Kanapees, Tilka in einem Winkel auf irgendeiner unkenntlichen Sitzgelegenheit, vielleicht auf Schachteln. Im Halbschlaf lange Esther gesehn, die sich mit der Leidenschaft, die sie meinem Eindruck nach für alles Geistige zu haben scheint, in den Knoten eines Seiles festgebissen hatte und mächtig hin und her im leeren Raum geschwungen wurde wie ein Glockenschlägel (Erinnerung an ein Kinoplakat) – Die beiden Lieblich. Die kleine teuflische Lehrerin, die ich auch im Halbschlaf sah, wie sie jagend im Tanz, in einem kosakenmäßigen aber schwebenden Tanz über einem leicht geneigtem dunkelbraun im Dämmerlicht daliegendem holprigen Backsteinpflaster hinauf und hinab flog.

4 (November 1915) Erinnerung an den Winkel in Brescia, wo ich auf ähnlichem Pflaster, aber am hellen Tag Kindern Soldi verteilte. Erinnerung an eine Kirche in Verona, wo ich, ganz verlassen, nur unter dem leichten Zwang der Pflicht eines Vergnügungsreisenden und unter dem schweren Zwang eines in Nutzlosigkeit vergehenden Menschen widerwillig eintrat, einen überlebensgroßen Zwerg sah, der sich unter dem Weihbecken krümmte, ein wenig umhergieng, mich niedersetzte und ebenso widerwillig hinausgieng als sei draußen wieder eine gleiche Kirche Tor an Tor angebaut.

Letzthin die Judenabreise auf dem Staatsbahnhof. Die 2 Männer die einen Sack trugen. Der Vater der seine Habseligkeiten seinen vielen Kindern bis zum Kleinsten aufladet, um schneller auf den Perron zu kommen. Die auf dem Koffer mit einem Säugling sitzende starke gesunde schon formlose junge Frau, welche Bekannte in lebhaftem Gespräch umstehn.

5. (November 1915) Aufregungszustand nachmittag. Begann mit der Überlegung ob und wieviel Kriegsanleihe ich mir kaufen sollte. Gieng zweimal zum Geschäft hin, um den nötigen Auftrag zu geben und zweimal zurück, ohne eingetreten zu sein. Berechnete fieberhaft die Zinsen. Bat dann die Mutter 1000 K-Anleihe zu kaufen, erhöhte aber den Betrag auf 2000 K. Es zeigte sich dabei, daß ich von einer etwa 3000 K betragenden Einlage, die mir gehörte gar nicht gewußt hatte und daß es mich fast gar nicht berührte als ich davon erfuhr. Nur die Zweifel wegen der Krieganleihe lagen mir im Kopf und hörten nun etwa 1/2 Stunde lang auf einem Spaziergang durch die belebtesten Gassen nicht auf. Ich fühlte mich unmittelbar am Krieg beteiligt, erwog, allerdings meinen Kenntnissen entsprechend, ganz allgemein die finanziellen Aussichten, steigerte und verringerte die Zinsen, die mir einmal zur Verfügung stehen würden u. s. f. Allmäh lich verwandelte sich aber diese Aufregung, die Gedanken wurden auf das Schreiben hingelenkt, ich fühlte mich dazu fähig, wollte nichts anderes als die Möglichkeit des Schreibens haben, überlegte, welche Nächte ich in der nächsten Zeit dafür bestimmen könnte, lief unter Herzschmerzen über die steinerne Brücke, fühlte das schon so oft erfahrene Unglück des verzehrenden Feuers das nicht ausbrechen darf, erfand um mich auszudrücken und zu beruhigen den Spruch "Freundchen ergieße Dich", sang ihn unaufhörlich nach einer besondern Melodie und begleitete den Gesang, indem ich ein Taschentuch in der Tasche wie einen Dudelsack immer wieder drückte und losließ.

6. (November 1915) Anblick der Ameisenbewegung des Publikums vor dem Schützengraben und in ihm.

Bei der Mutter von Oskar Pollak. Guter Eindruck seiner Schwester. Gibt es übrigens jemanden vor dem ich mich nicht beuge? Was etwa Grünberg betrifft, der meiner Meinung nach ein sehr bedeutender Mensch ist und aus mir unzugänglichen Gründen fast allgemein unterschätzt wird: Stellte man mich etwa vor die Wahl, daß einer von uns beiden gleich untergehn müsse (rücksichtlich seiner Person ist es sehr wahrscheinlich, denn er soll eine weit fortgeschrittene Tuberkulose haben) daß es aber von meiner Entscheidung abhänge, wer das sein solle, so würde ich bis an den äußersten Rand der teoretischen Fragestellung die Frage lächerlich finden, da selbstverständlich der ungleich wertvollere Grünberg erhalten werden müsse. Auch Grünberg würde mir zustimmen. In den letzten unkontrollierbaren Augenblicken allerdings würde ich wie jeder andere schon viel früher Beweise zu meinen Gunsten erfinden, Beweise, die mich sonst infolge ihrer Rohheit, Kahlheit, Falschheit zum Erbrechen gereizt hätten. Diese letzten Augenblicke ereignen sich allerdings auch jetzt, wo mir niemand eine Wahl aufdrängt, es sind jene, wo ich mich unter Abhaltung aller ablenkenden, äußern Einflüsse zu prüfen suche.

"Schweigend sitzen die "Schwarzen" um das Feuer. Auf Ihren düstern Schwärmergesichtern zuckt der Flammenschein. "

19 XI 15

Nutzlos verbrachte Tage, sich im Warten verbrauchende Kräfte und trotz allem Nichtstun die wehenden und bohrenden Schmerzen im Kopf.

Brief von Werfel. Antwort.

Bei Frau Mirsky-Tauber. Wehrlosigkeit gegenüber allem. Boshafte Besprechung bei Max. Ekel darüber am nächsten Morgen.

Mit Frl. Fanni Reiß und Esther.

In der Alt-Neu-Synagoge beim Mischnavortrag.Mit Dr. Jeiteles nachhause. Großes Interesse an einzelnen Streitfragen.

Wehleidigkeit gegenüber der Kälte, gegenüber allem. Jetzt 1’2 10 abend schlägt in der Nebenwohnung jemand einen Nagel in die gemeinsame Wand.

21 XI 15 Vollständige Nutzlosigkeit. Sonntag. In der Nacht besondere Schlaflosigkeit. Bis 1/4 12 im Bett bei Sonnenschein. Spaziergang. Mittagessen. Zeitunggelesen, in alten Katalogen geblättert. Spaziergang Hybernergasse, Stadtpark, Wenzelsplatz, Ferdinandstraße, dann gegen Podol zu. Mühselig auf 2 Stunden ausgedehnt. Hie und da starke, einmal geradezu brennende Kopfschmerzen gefühlt. Genachtmahlt. Jetzt zuhause. Wer kann das von oben vom Anfang bis zum Ende mit offenen Augen überblicken?

25 XII (1915) Eröffnung des Tagebuches zu dem besondern Zweck, mir Schlaf zu ermöglichen. Sehe aber gerade die zufallige letzte Eintragung und könnte 1000 Eintragungen gleichen Inhalts aus den letzten 3 – 4 Jahren mir vorstellen. Ich verbrauche mich sinnlos, wäre glückselig schreiben zu dürfen, schreibe nicht. Werde die Kopfschmerzen nicht mehr los. Ich habe wirklich mit mir gewüstet. – Gestern offen mit meinem Chef gesprochen, da ich durch den Entschluß zu sprechen und das Gelübde nicht zurückzuweichen 2 Stunden allerdings unruhigen Schlafs in der vorgestrigen Nacht mir ermöglicht habe. 4 Möglichkeiten meinem Chef vorgelegt: 1.) alles weiter belassen, wie in der letzten allerärgsten Marterwoche und mit Nervenfieber, Irrsinn oder sonstwie enden 2.) Urlaub nehmen, will ich nicht aus irgendeinem Pflichtgefühl, es würde aber auch nichts helfen 3.) Kündigen, kann ich jetzt nicht meiner Eltern und der Fabrik wegen 4.) bleibt nur Militärdienst. Antwort: eine Woche Urlaub und Hämatogenkur, die der Chef gemeinsam mit mir machen will. Er selbst ist wahrscheinlich schwer krank. Gienge ich auch, wäre die Abteilung verwaist.

Erleichterung offen gesprochen zu haben. Zum erstenmal mit dem Wort "Kündigung" fast officiell die Luft in der Anstalt erschüttert.

Trotzdem heute kaum geschlafen.

Immer diese hauptsächliche Angst: Wäre ich 1912 weggefahren im Vollbesitz aller Kräfte mit klarem Kopf, nicht zernagt von den Anstrengungen lebendige Kräfte zu unterdrücken!

Mit Langer: Er kann Maxens Buch erst in 13 Tagen lesen. Weihnachten hätte er es lesen können, da man nach einem alten Brauch Weihnachten nicht Tora lesen darf (ein Rabbi zerschnitt an diesem Abend immer das Closetpapier für das ganze Jahr) diesmal aber fiel Weihnachten auf Samstag. In 13 Tagen aber ist russische Weihnacht, da wird er lesen. Mit schöner Litteratur oder sonstigem weltlichen Wissen soll man nach mittelalterlicher Tradition erst vom 70ten Jahr, nach einer mildern Ansicht erst vom 40. Jahr sich beschäftigen. Medicin war die einzige Wissenschaft, mit der man sich beschäftigen durfte. Heute auch mit ihr nicht, da sie jetzt zu sehr mit den andern Wissenschaften verknüpft ist. – Auf dem Kloset darf man nicht an die Tora denken, daher darf man dort weltliche Bücher lesen. Ein sehr frommer Prager, ein gewisser Kornfeld, wußte viel Weltliches, er hat alles auf dem Kloset studiert.

19. April 1916

Er wollte die Tür zum Gang öffnen aber sie widerstand. Er blickte hinauf, hinunter, das Hindernis war nicht zu finden. Auch versperrt war die Tür nicht, der Schlüssel steckte innen, hätte man von außen zuzusperren versucht, wäre der Schlüssel herausgestoßen worden. Und wer hätte denn zusperren sollen? Er stieß mit dem Knie gegen die Tür, das Mattglas erklang, aber die Tür blieb fest. Sieh nur. – Er gieng ins Zimmer zurück, trat auf den Balkon und blickte auf die Straße hinab. Er hatte aber das gewöhnliche Nachmittagsleben unten noch nicht mit einem Gedanken erfaßt, als er wieder zur Tür zurückkehrte und nochmals zu öffnen versuchte. Aber nun war es kein Versuch, die Tür öffnete sich sogleich, es bedurfte kaum eines Druckes, vor dem Luftzug, der vom Balkon her strich, flog sie geradezu auf, mühelos wie ein Kind, das man zum Scherz die Klinke berühren läßt, während ein Größerer sie in Wirklichkeit niederdrückt, erlangte er den Eintritt zu dem Gang.

Ich werde 3 Wochen für mich haben. Heißt das grausam behandelt werden?

Vor kurzem geträumt: Wir wohnten auf dem Graben in der Nähe des Cafe Kontinental. Aus der Herrengasse bog ein Regiment ein, in die Richtung zum Staatsbahnhof. Mein Vater: "So etwas muß man sehn, solange man dazu imstande ist" und schwingt sich (im braunen Schlafrock des Felix, die ganze Gestalt war eine Vermischung beider) auf das Fenster und spreizt sich draußen mit ausgestreckten Armen auf der sehr breiten, stark abfallenden Fensterbrüstung. Ich packe ihn und halte ihn an den beiden Kettchen, durch welche die Schlafrockschnur gezogen ist. Aus Bosheit streckt er sich noch weiter hinaus, ich spanne meine Kräfte auf das äußerste an, um ihn zu halten. Ich denke daran, wie gut es wäre, wenn ich meine Füße mit Stricken an irgendetwas Festem anbinden könnte um nicht vom Vater mitgezogen zu werden. Allerdings müßte ich, um das zu bewerkstelligen, den Vater wenigstens ein Weilchen lang loslassen und das ist unmöglich. Diese ganze Spannung erträgt der Schlaf – und gar mein Schlaf nicht und ich erwache.

20 (April 1916) Auf dem Gang kam ihm die Hauswirtin mit einem Brief entgegen. Er prüfte das Gesicht der alten Dame, nicht den Brief und öffnete ihn unterdessen. Dann las er: "Sehr geehrter Herr. Seit einigen Tagen wohnen Sie mir gegenüber. Eine starke Ähnlichkeit mit einem alten guten Bekannten macht Sie mir merkwürdig. Bereiten Sie mir das Vergnügen und besuchen Sie mich heute nachmittag. Mit Gruß Louise Halka. " "Gut" sagte er sowohl zur Hauswirtin die noch vor ihm stand als auch zum Brief. Es war eine willkommene Gelegenheit eine vielleicht nützliche Bekanntschaft in dieser Stadt zu machen in der er noch ganz fremd war. "Sie kennen Frau Halka" fragte die Wirtin, während er nach dem Hut langte. "Nein" sagte er fragend. "Das Mädchen, das den Brief brachte, ist ihre Dienerin" sagte die Wirtin wie zur Entschuldigung. "Das mag sein" sagte er, unwillig über die Teilnahme und beeilte sich aus der Wohnung zu kommen. "Sie ist eine Witwe" hauchte ihm die Wirtin von der Schwelle noch nach.

Ein Traum: Zwei Gruppen von Männern kämpften mit einander. Die Gruppe zu der ich gehörte, hatte einen Gegner einen riesigen nackten Mann gefangen. Fünf von uns hielten ihn einer beim Kopf, je zwei bei den Armen und Beinen. Leider hatten wir kein Messer ihn zu erstechen, wir fragten in der Runde eilig, ob ein Messer da sei, keiner hatte eines. Da aber aus irgendeinem Grunde keine Zeit zu verlieren war und in der Nähe ein Ofen stand, dessen ungewöhnlich große gußeiserne Ofentüre rotglühend war, schleppten wir den Mann hin, näherten einen Fuß des Mannes der Ofentüre, bis er zu rauchen begann, zogen ihn dann wieder zurück und ließen ihn ausdampfen, um ihn bald neuerlich zu nähern. So trieben wir es gleichförmig, bis ich nicht nur im Angstschweiß, sondern wirklich zähneklappernd erwachte.

Hans und Amalia, die zwei Kinder des Fleischers, spielten mit Kugeln an der Mauer des Magazins, eines großen alten festungsartigen Steinbaues, der mit seinen 2 Reihen stark vergitterter Fenster sich weithin am Flußufer dehnte. Hans zielte vorsichtig, prüfte Kugel Weg und Grube ehe er den Stoß abgab, Amalia hockte bei der Grube und klopfte mit den Fäustchen vor Ungeduld auf den Boden. Plötzlich aber ließen beide von den Kugeln ab, standen langsam auf und ' sahen das nächste Magazinsfenster an. Man hörte ein Geräusch wie wenn jemand eine der kleinen trüben dunklen Scheiben des vielgeteilten Fensters reinzuwischen suche, es gelang aber nicht und nun wurde sie entzweigeschlagen ein mageres scheinbar grundlos lächelndes Gesicht erschien undeutlich in dem kleinen Viereck, es war wohl ein Mann und er sagte "Kommt Kinder kommt. Habt Ihr schon ein Magazin gesehn?" Die Kinder schüttelten die Köpfe, Amalia sah erhitzt zum Mann auf, Hans blickte nach rückwärts, ob Leute in der Nähe wären, aber er sah nur einen Mann, der gleichgültig gegen alles mit gebeugtem Rücken einen schwer beladenen Karren das Quaigeländer entlang schob. "Dann werdet Ihr aber wirklich staunen" sagte der Mann, sehr eifrig als müsse er durch Eifer die Ungunst der Verhältnisse überwinden, die ihn mit Mauer Gitter und Fenster von den Kindern trennten. "Jetzt aber kommt. Es ist höchste Zeit." "Wie sollen wir hineinkommen" sagte Amalia. "Ich werde Euch die Tür zeigen" sagte der Mann. "Folgt mir nur, ich gehe jetzt nach rechts und werde an jedes Fenster klopfen." Amalia nickte und lief zum nächsten Fenster, wirklich klopfte es dort und so auch bei den Folgenden. Aber während Amalia dem fremden Mann gehorchte und ihm gedankenlos nachlief wie man etwa einem Holzreifen nachlauft, gieng Hans nur langsam hinterher. Ihm war nicht wohl zumut, das Magazin, das zu besuchen ihm bisher niemals eingefallen war, war gewiß sehr sehenswert, aber ob es wirklich erlaubt war hinzugehn, war durch die Einladung eines beliebigen Fremden noch durchaus nicht erwiesen. Es war eher unwahrscheinlich, denn wenn es erlaubt gewesen wäre, dann hätte ihn doch der Vater gewiß schon einmal hingeführt, da er nicht nur ganz in der Nähe wohnte, sondern sogar im weiten Umkreis alle Leute kannte, von ihnen gegrüßt und mit Ehrerbietung behandelt wurde. Und nun fiel Hans ein, daß dies also auch von dem Fremden gelten müsse, er lief um dies festzustellen Amalia nach und erreichte sie, als sie und mit ihr der Mann bei einer kleinen gleich unten am Erdboden befindlichen Tür aus Eisenblech Halt machten. Es war wie eine große Ofentüre. Wieder schlug der Mann beim letzten Fenster eine kleine Scheibe ein und sagte: "Hier ist die Tür. Wartet einen Augenblick, ich werde die Innentüren öffnen. " "Kennen Sie unsern Vater?" fragte Hans sofort, aber das Gesicht war schon verschwunden und Hans mußte mit seiner Frage warten. Nun hörte man, wie tatsächlich die Innentüren geöffnet wurden. Zuerst kreischte der Schlüssel kaum hörbar, dann lauter und lauter in nähern Türen. Das hier durchbrochene dicke Mauerwerk schien hier durch viele eng aneinanderliegende Türen ersetzt zu sein. Endlich öffnete sich auch die letzte nach innen, die Kinder legten sich auf den Boden um hineinsehn zu können und dort war nun auch das Gesicht des Mannes im Halbdunkel. "Die Türen sind offen, also kommt. Nur flink nur flink." Mit einem Arm drückte er die vielen Türplatten an die Wand. Als wäre Amalia durch das Warten vor der Tür ein wenig zur Besinnung gekommen, schob sie sich jetzt hinter Hans und wollte nicht die erste sein, ihn aber stieß sie nach vorn, denn mit ihm wollte sie sehr gerne ins Magazin. Hans war ganz nahe der Türöffnung, er fühlte den kühlen Anhauch, der aus ihr kam, er wollte nicht hinein, nicht zu dem Fremden, nicht hinter die vielen Türen, die zugesperrt werden konnten, nicht in das kühle alte riesige Haus. Nur weil er schon hier vor der Öffnung lag, fragte er: "Kennen Sie unsern Vater?" "Nein" antwortete der Mann "aber kommt schon endlich, ich darf nicht so lange die Türen offen lassen. " "Er kennt unsern Vater nicht" sagte Hans zu Amalia und stand auf; er war wie erleichtert, nun würde er gewiß nicht hineingehn. "Ich kenne ihn aber doch" sagte der Mann und schob den Kopf in der Öffnung weiter vor "natürlich kenne ich ihn, der Fleischer, der große Fleischer bei der Brücke, ich selbst hole dort manchmal Fleisch, glaubt Ihr, ich würde Euch ins Magazin einlassen, wenn ich nicht Euere Familie kennen würde?" "Warum hast Du zuerst gesagt, daß Du ihn nicht kennst" fragte Hans und hatte sich die Hände in den Taschen schon ganz vom Magazin abgewendet. "Weil ich hier in dieser Lage keine langen Gespräche zu führen wünsche. Kommt erst herein, dann kann man über alles sprechen. Im übrigen mußt Du Kleiner gar nicht hereinkommen, im Gegenteil ich bin lieber wenn Du mit Deinem ungezogenen Benehmen draußen bleibst. Deine Schwester aber die ist vernünftiger, die kommt und wird willkommen sein. " Und er streckte Amalie die Hand entgegen. "Hans" sagte Amalia während sie ihre Hand der fremden Hand näherte, ohne sie aber noch zu fassen. "Warum willst Du nicht hineingehn?" Hans, der nach der letzten Antwort des Mannes auch keine deutliche Ursache für seine Abneigung anführen konnte, sagte nur leise zu Amalia: "Er zischt so. " Und tatsächlich zischte der Fremde nicht nur beim Reden sondern auch wenn er schwieg. "Warum zischt Du" fragte Amalia, die zwischen Hans und dem Fremden vermitteln wollte. "Dir Amalie antworte ich" sagte der Fremde. "Ich habe einen schweren Atem es kommt von dem ununterbrochenen Aufenthalt hier in dem feuchten Magazin, auch Euch würde ich nicht raten lange hier zu bleiben, aber für ein Weilchen ist es eben außerordentlich interessant. "

"Ich gehe" sagte Amalia und lachte, sie war schon ganz gewonnen, "aber" fügte sie dann wieder langsamer hinzu Hans muß auch mitkommen. Natürlich sagte der Fremde, hopste mit dem Oberkörper hervor, faßte den vollständig überraschten Hans bei den Händen so daß dieser gleich niederfiel und zog ihn mit aller Kraft ins Loch hinein. "Hier gehts herein mein lieber Hans" sagte er und schleppte den sich wehrenden und laut schreienden mit sich ohne Rücksicht darauf daß ein Rockärmel von Hans an den scharfen Kanten der Türen in Fetzen gieng. "Mali" rief plötzlich Hans, – er war schon mit den Füßen im Loch, so rasch gieng es trotz allen Widerstandes – "Mali, hol den Vater, hol den Vater, ich kann nicht mehr zurück, er zieht mich so stark. " Aber Mali, ganz verwirrt durch das rohe Eingreifen des Fremden, überdies ein wenig schuldbewußt, denn sie hatte ja zu der Untat gewissermaßen aufgefordert, schließlich aber doch auch sehr neugierig wie sie es von allem Anfang an gewesen war, lief nicht weg, sondern hielt sich an Hansens Füße an, und ließ

11 V (1916) Also Brief dem Direktor übergeben. Vorvorgestern. Bat entweder falls Krieg im Herbst zuende ist um langen Urlaub für später undzwar ohne Gehalt oder falls der Krieg weitergeht um Aufhebung der Reklamation. Das war eine ganze Lüge. Halbe Lüge wäre gewesen, wenn ich um sofortigen langen Urlaub gebeten hätte und für den Fall der Verweigerung um Entlassung. Wahrheit wäre gewesen, wenn ich gekündigt hätte. Beides wagte ich nicht daher ganze Lüge.

Nutzlose heutige Unterredung. Direktor glaubt ich wolle die 3 Wochen des gewöhnlichen Urlaubs, die mir als Reklamiertem nicht gebüren, erpressen, bietet sie mir daher ohne weiters an, war dazu angeblich schon vor dem Brief entschlossen. Vom Militär spricht er überhaupt nicht, als stünde es nicht im Brief. Wenn ich davon spreche, überhört er es. Langen Urlaub ohne Gehalt findet er offenbar komisch; erwähnt es vorsichtig in diesem Ton. Drängt mich den 3 Wochenurlaub sofort zu nehmen. Macht Zwischeneinfügungen als laienhafter Nervenarzt, wie alle. Ich hätte doch keine Verantwortung zu tragen wie er, seine Stellung, die könnte allerdings krank machen. Wie viel habe er auch früher gearbeitet, als er sich zur Advokatursprüfung vorbereitete und gleichzeitig in der Anstalt Dienst tat. 9 Monate 11 Stunden Tagesarbeit. Und dann der Hauptunterschied. Hätte ich denn irgendwie und jemals für meine Stellung zu fürchten, er hätte aber diese Furcht gehabt. Er hätte Feinde in der Anstalt gehabt, die alles mögliche versucht hätten, um ihm sogar in dieser Weise den "Lebensast" zu durchschneiden, ihn zum alten Eisen zu werfen.

Von meinem Schreiben spricht er merkwürdigerweise nicht.

Ich schwächlich, trotzdem ich sehe daß es um mein Leben fast geht. Bleibe aber dabei, daß ich zum Militär will und daß 3 Wochen mir nicht genügen. Darauf verschiebt er die Fortsetzung der Unterredung. Wäre er nur nicht so freundlich und teilnehmend!

Ich werde an Folgendem festhalten: Ich will zum Militär, diesem 2 Jahre verhaltenem Wunsch nachgeben; aus verschiedenen Rücksichten die nicht meine Person betreffen, würde ich, wenn ich einen langen Urlaub bekäme, diesen vorziehn. Das ist aber wohl aus amtlichen wie militärischen Rücksichten unmöglich. Unter langem Urlaub verstehe ich – der Beamte schämt sich es zu sagen, der Kranke nicht – ein halbes oder ein ganzes Jahr. Ich will keinen Gehalt, weil es sich nicht um eine organische zweifellos feststellbare Krankheit handelt.

Das alles ist Fortsetzung der Lüge, kommt aber in der Wirkung, wenn ich konsequent bleibe, der Wahrheit nahe.

2 Juni 1916

Was für Verirrungen mit Mädchen trotz aller Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Grauhaarigkeit, Verzweiflung. Ich zähle: es sind seit dem Sommer mindestens 6. Ich kann nicht widerstehn, es reißt mir förmlich die Zunge aus dem Mund, wenn ich nicht nachgebe eine Bewunderungswürdige zu bewundern und bis zur Erschöpfung der Bewunderung (die ja geflogen kommt) zu lieben. Gegenüber allen 6 habe ich fast nur innerliche Schuld, eine aber ließ mir durch jemanden Vorwürfe machen.

Aus "Das Werden des Gottesglaubens" von N. Söderblom Erzbischof von Upsala ganz wissenschaftlich ohne persönliche oder religiöse Teilnahme.

Urgottheit der Masai: wie er das erste Vieh vom Himmel an einem Lederriemen in den ersten Kraal hinunterläßt.

Urgottheit einiger australischer Stämme: er kam als mächtiger Medicinmann vom Westen, machte Menschen Tiere Bäume Flüsse Gebirge, setzte die heiligen Ceremonien ein und bestimmte aus welchem Klan ein Mitglied eines bestimmten andern Klans sein Weib nehmen sollte. Als er fertig war gieng er davon. Die Medicinmänner können an einem Baum oder Seil zu ihm hinaufsteigen und Kraft holen

bei andern: während ihrer schöpferischen Wanderungen führten sie auch hie und da zum ersten Mal die heiligen Tänze und Riten aus

bei andern: die Menschen schufen selbst in der Urzeit die Totemtiere durch Ausübung der Zeremonien. Die heiligen

Riten brachten also selbst den Gegenstand auf den sie gerichtet sind hervor

Die Bimbinga nahe der Küste kennen 2 Männer welche in der Urzeit auf ihren Wanderungen Quellen Waldungen und Zeremonien schufen.

19 Juni 1916

Alles vergessen. Fenster öffnen. Das Zimmer leeren. Der Wind durchbläst es. Man sieht nur die Leere, man sucht in allen Ecken und findet sich nicht.

Mit Ottla. Sie von der Englischlehrerin abgeholt. Über den Quai, steinerne Brücke, kurzes Stück Kleinseite, neue Brücke, nachhause. Aufregende Heiligenstatuen auf der Karlsbrücke. Das merkwürdige Abendlicht der Sommerzeit bei nächtlicher Leere der Brücke.

Freude über Mixens Befreiung. An die Möglichkeit glaubte ich, nun sehe ich aber noch die Wirklichkeit. Für mich jetzt wieder nicht.

Und sie höreten die Stimme Gottes des Herrn, der im Garten ging, da der Tag kühl geworden war.

Ruhe Adam und Evas

Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und kleidete sie.

Wüten Gottes gegen die Menschenfamilie

die zwei Bäume

das unbegründete Verbot

die Bestrafung aller (Schlange Frau Mann)

die Bevorzugung Kains

den er durch die Ansprache noch reizt

die Menschen wollen sich durch meinen Geist nicht mehr

strafen lassen

Zur selbigen Zeit fing man an zu predigen von des Herrn Namen

Und dieweil er ein göttlich Leben führte, nahm ihn Gott hinweg und ward nicht mehr gesehn.

3 Juli (1916) Erster Tag in Marienbad mit Felice. Tür an Tür, von beiden Seiten Schlüssel

Drei Häuser stießen an einander und bildeten einen kleinen Hof. In diesem Hof waren in Schupfen noch zwei Werkstätten untergebracht und in einer Ecke stand ein hoher Haufen kleiner Kisten. In einer äußerst stürmischen Nacht – der Wind trieb die Regenmassen über das niedrigste der Häuser scharf in den Hof hinein – hörte ein Student der in einer Dachkammer noch über seinen Büchern saß einen lauten Klageton aus dem Hof. Er fuhr auf und horchte, es blieb aber still, dauernd still. Eine Täuschung wohl sagte sich der Student und begann wieder zu lesen. "Keine Täuschung" so setzten sich nach einem Weilchen die Buchstaben im Buch förmlich zusammen. Täuschung wiederholte er und half den unruhig werdenden Zeilen mit seinem Zeigefinger nach, den er entlangführte.

4 Juli (1916) Eingesperrt in das Viereck eines Lattenzaunes, der nicht mehr Raum ließ, als einen Schritt der Länge und Breite nach, erwachte ich. Es gibt ähnliche Hürden, in die Schafe des Nachts gepfercht werden, aber so eng sind sie nicht. Die Sonne schien in geradem Strahl auf mich, um den Kopf zu schützen, drückte ich ihn an die Brust und hockte mit gekrümmten Rücken da.

Was bist Du? Elend bin ich. Zwei Brettchen gegen die Schläfen geschraubt habe ich.

5 Juli (1916) Mühsal des Zusammenlebens. Erzwungen von Fremdheit Mitleid, Wollust, Feigheit, Eitelkeit und nur im tiefen Grunde vielleicht ein dünnes Bächlein würdig Liebe genannt zu werden, unzugänglich dem Suchen, aufblitzend einmal im Augenblick eines Augenblicks.

Arme Felice

6 Juli (1916) Unglückliche Nacht. Unmöglichkeit mit F. zu leben. Unerträglichkeit des Zusammenlebens mit irgendjemandem. Nicht Bedauern dessen, Bedauern der Unmöglichkeit nicht allein zu sein. Weiter aber: Unsinnigkeit des Bedauerns, sich Fügen und endlich Verstehn. Von der Erde aufstehn. Halte Dich an das Buch. Aber wieder zurück: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, von dem hohen Fenster hinunterspringen, aber auf den vom Regen durchweichten Boden, auf dem der Aufschlag nicht tötlich sein wird. Endloses Wälzen mit geschlossenen Augen, dargeboten irgendeinem offenen Blick.

Nur das alte Testament sieht – nichts darüber noch sagen.

Traum von Dr. Hanzal, saß hinter seinem Schreibtisch, irgendwie gleichzeitig angelehnt und vorgebeugt, wasserhelle Augen, führt langsam und genau in seiner Art einen klaren Gedankengang aus, höre selbst im Traume kaum etwas von seinen Worten, folge nur dem Methodischen von dem sie getragen werden. War dann auch mit seiner Frau beisammen, sie trug viel Gepäck, spielte erstaunlicher Weise mit meinen Fingern, ein Stück aus dem dicken Filz ihrer Ärmel war herausgerissen, dieser Ärmel, dessen kleinsten Teil ihre Arme ausfüllten, war mit Erdbeeren gefüllt.

[Ausgelacht zu werden kümmerte Karl unbeschreiblich wenig. Was waren das für Burschen und was wußten sie. Glatte amerikanische Gesichter mit nur zwei drei Falten, diese aber tief und wulstig eingeschnitten, in die Stirn oder auf einer Seite der Nase und des Mundes. Geborene Amerikaner, deren Art festzustellen förmlich ein Behämmern ihrer steinernen Stirnen genügte. Was wußten sie,]

Einer lag schwer krank im Bett. Der Arzt saß beim Tischchen, das an das Bett geschoben war, und beobachtete den Kranken, der wiederum ihn ansah. "Keine Hilfe" sagte der Kranke, nicht als frage sondern als antworte er. Der Arzt öffnete ein wenig ein großes medicinisches Werk, das am Rande des Tischchens lag, sah flüchtig aus der Entfernung hinein und sagte, das Buch zuklappend: "Hilfe kommt aus Bregenz. " Und als der Kranke angestrengt die Augen zusammenzog, fügte der Arzt hinzu: Bregenz in Vorarlberg. "Das ist weit" sagte der Kranke

Die ewige Anspannung, Spaziergang nach Auschowitz. Lehrer Zeidler, die Damen mit den Kirschen, Schwämme suchen, Essen auf dem Balkon, Erzählen vom Bruder, Vortrag über Pestalozzi, Vorlesung des "Junggesellen", sie bei der Handarbeit, als "Zeitung" in der Erzählung vorkommt, ruft sie: Wir wollten ja Zeitung kaufen, zu meinem Heft sagt sie: es ist schön, wie kommst Du dazu und als ich frage, was sie damit meint: Nun durch guten Geschmack hast Du mich ja nicht verwöhnt. Sie entringt mir zum Schluß das Heft, um eine Seite kurz zu streifen und das Heft zuzuklappen. Hat Eile Tee trinken zu gehn hat es schon während des Vorlesens angekündigt.

Nimm mich auf in Deine Arme, das ist die Tiefe, nimm mich auf in die Tiefe, weigerst Du Dich jetzt, dann später

Nimm mich, nimm mich, Geflecht aus Narrheit und Schmerz

Es fuhren die Neger aus dem Gebüsch. Um den mit silberner Kette umzogenen Holzpflock warfen sie sich im Tanz. Der Priester saß abseits ein Stäbchen über dem Gong erhoben. Der Himmel war umwölkt aber regenlos und still.

Ich war noch niemals außer in Zuckmantel mit einer Frau vertraut. Dann noch mit der Schweizerin in Riva. Die erste war eine Frau, ich unwissend, die zweite ein Kind, ich ganz und gar verwirrt. Mit F. war ich nur in Briefen vertraut, menschlich erst seit 2 Tagen. So klar ist es ja nicht, Zweifel bleiben. Aber schön der Blick ihrer besänftigten Augen, das Sichöffnen frauenhafter Tiefe

13. (Juli 1916) Also öffne Dich Thor Mensch komme hervor

Atme die Luft und die Stille

Es war eine Kaffeewirtschaft in einem Heilbad. Der Nachmittag war regnerisch gewesen, kein Gast war erschienen. Erst gegen Abend lichtete sich der Himmel, der Regen hörte langsam auf und die Kellnerinnen begannen die Tische abzutrocknen. Der Wirt stand unter dem Torbogen und blickte nach Gästen aus. Tatsächlich kam auch schon einer den Waldweg herauf; Er trug ein langgefranztes Plaid über der Schulter, hielt den Kopf zur Brust geneigt und setzte mit gestreckter Hand den Stock bei jedem Schritt weit von sich auf den Boden

14 (Juli 1916) Isaac verleugnet seine Frau vor Abimelech, wie schon früher Abraham die seine.

Verwirrung mit den Brunnen in Gerar. Wiederholung eines Verses.

Die Sünden Jakobs. Prädestination Esaus.

Im trüben Sinn schlägt eine Uhr

Höre auf sie wenn Du eintrittst ins Haus

15 (Juli 1916) Er suchte Hilfe in den Wäldern, er sprang fast durch die Vorberge, er eilte zu den Quellen der ihm begegnenden Bäche, er schlug die Luft mit den Händen, er schnaufte durch Nase und Mund

19. Juli 15 (1916)

Träume und weine armes Geschlecht

findest den Weg nicht, hast ihn verloren

Wehe! ist Dein Gruß am Abend, Wehe! am Morgen

Ich will nichts nur mich entreißen

Händen der Tiefe die sich strecken

mich Ohnmächtigen hinabzunehmen.

Schwer fall ich in die bereiten Hände.

Tönend erklang in der Ferne der Berge

langsame Rede. Wir horchten.

Ach sie trugen, Larven der Hölle,

verhüllte Grimassen, eng an sich gedrückt den Leib.

Langer Zug, langer Zug trägt den Unfertigen

Sonderbarer Gerichtsgebrauch. Der zum Tode Verurteilte wird dort in seinem Zimmer vom Scharfrichter ohne Beisein anderer Personen erstochen. Er sitzt an seinem Tisch und beendet den Brief in dem es heißt:

20 Juli (1916)

Aus einem Kamin der Nachbarschaft tauchte ein kleiner Vogel, hielt sich am Kaminrand fest, sah sich in der Gegend um, erhob sich und flog. Kein gewöhnlicher Vogel, kein gewöhnlicher Vogel, der aus dem Kamin auffliegt. Aus einem Fenster des ersten Stockwerks blickte ein Mädchen zum Himmel auf, sah den Vogel hoch sich heben, rief: "Dort fliegt er, schnell, dort fliegt er" und zwei Kinder drängten sich schon zu ihren Seiten um den Vogel auch zu sehn.

Erbarme Dich meiner, ich bin sündig bis in alle Winkel meines Wesens. Hatte aber nicht ganz verächtliche Anlagen, kleine gute Fähigkeiten, wüstete mit ihnen, unberatenes Wesen, das ich war, bin jetzt nahe am Ende, gerade zu einer Zeit, wo sich äußerlich alles zum Guten für mich wenden könnte.

Schiebe mich nicht zu den Verlorenen. Ich weiß es ist eine lächerliche, in der Ferne und schon sogar in der Nähe lächerliche Eigenliebe die daraus spricht, aber lebe ich einmal, so habe ich auch die Eigenliebe des Lebendigen und ist das Lebendige nicht lächerlich, dann auch seine notwendigen Äußerungen nicht. Arme Dialektik. [Bin ich verurteilt, so bin ich nicht nur verurteilt zum Ende sondern auch verurteilt mich bis ins Ende hinein zu wehren.]

An dem Sonntagvormittag kurz vor meiner Abreise schienst Du mir beistehn zu wollen, ich hoffte, bis heute leeres Hoffen. [Und was ich auch klage, ist ohne Überzeugung, selbst ohne wirkliches Leid, schwingt wie der Anker eines verlorenen Schiffes weit über der Tiefe, die Halt geben könnte.] Gib mir nur Ruhe in den Nächten – kindisches Klagen.

21 Juli (1916) Sie riefen. Es war schön. Wir standen auf, die verschiedensten Leute, versammelten uns vor dem Haus. Die Straße war still, wie an jedem frühen Morgen. Ein Bäckerjunge setzte seinen Korb nieder und sah uns zu. Alle kamen dicht hintereinander die Treppe herabgelaufen, die Bewohner aller 6 Stockwerke waren durcheinandergemischt, ich selbst half dem Kaufmann aus dem ersten Stock den Überzieher anzuziehn, den er bisher hinter sich hergeschleift hatte. Dieser Kaufmann führte uns, das war richtig, er war am meisten von uns allen in der Welt durchgesiebt. Zunächst ordnete er uns zu einem Haufen, ermahnte die Unruhigsten zur Ruhe, den Hut des Bankbeamten, den dieser immerfort schwenkte, nahm er und warf ihn auf die andere Straßensei te, jedes Kind wurde von einem Erwachsenen an die Hand genommen.

22 (Juli 1916)

Sonderbarer Gerichtsgebrauch. Der Verurteilte wird in seiner Zelle vom Scharfrichter erstochen, ohne daß andere Personen zugegen sein dürfen. Er sitzt am Tisch und beendet seinen Brief oder seine letzte Mahlzeit. Es klopft, es ist der Scharfrichter. "Bist Du fertig?" frägt er. Seine Fragen und Anordnungen sind ihm dem Inhalt und der Reihenfolge nach vorgeschrieben, er kann davon nicht abweichen. Der Verurteilte der zuerst von seinem Platz aufgesprungen ist, sitzt wieder starrt vor sich hin oder hat das Gesicht in die Hände gelegt. Da der Scharfrichter keine Antwort bekommt, öffnet er auf der Pritsche seinen Instrumentenkasten wählt die Dolche aus und sucht ihre vielfältigen Schneiden noch stellenweise zu vervollkommnen. Es ist schon sehr dunkel, er stellt eine kleine Traglaterne auf und entzündet das Licht. Der Verurteilte wendet heimlich den Kopf nach dem Scharfrichter, als er aber seine Arbeit bemerkt, schauert ihn, er kehrt sich wieder um und will nichts mehr sehn. "Ich bin bereit" sagt der Scharfrichter nach einem Weilchen. "Bereit" ruft mit schreiender Frage der Verurteilte, springt auf und sieht nun doch den Scharfrichter voll an. "Du wirst mich nicht töten, wirst mich nicht auf die Pritsche legen und erstechen, bist ja doch ein Mensch kannst hinrichten auf dem Podium mit Gehilfen und vor Gerichtsbeamten, aber nicht hier in der Zelle ein Mensch den andern Menschen. " Und da der Scharfrichter gebeugt über den Kasten schweigt, fügt der Verurteilte ruhiger hinzu: Es ist unmöglich. Und da auch jetzt der Scharfrichter still bleibt, sagt der V. noch: "Gerade weil es unmöglich ist, ist dieser sonderbare Gerichtsgebrauch eingeführt worden. Die Form sollte noch gewahrt, aber die Todesstrafe nicht mehr vollzogen werden. Du wirst mich in ein anderes Gefängnis bringen, dort werde ich wahrscheinlich noch lange bleiben, aber hinrichten wird man mich nicht. " Der Scharfr. lockerte einen neuen Dolch in seiner Wattehülle und sagte: "Du denkst wohl an die Märchen, in denen ein Diener den Auftrag bekam ein Kind auszusetzen, dies aber nicht zustandebrachte, sondern lieber das Kind einem Schuster in die Lehre gab. Das ist ein Märchen, hier ist aber kein Märchen. " Die nicht ganz vollständige Übereinstimmung

21 Aug (1916) zur Sammlung "alle schönen Worte vom Hinauswachsen über die Natur erweisen sich als wirkungslos gegenüber den Urmächten des Lebens" (Aufsätze gegen Monogamie)

27 Aug 16

Schlußansicht nach zwei schauerlichen Tagen und Nächten: Danke Deinem Beamtenlaster der Schwäche, Sparsamkeit, Unschlüssigkeit, Berechnungskunst, Vorsorge u. s. w. daß Du die Karte an F. nicht weggeschickt hast. Es ist möglich, daß Du sie nicht widerrufen hättest, ich räume ein, es ist möglich. Was wäre der Erfolg? Eine Tat, ein Aufschwung? nein. Diese Tat hast Du schon einigemal vollzogen, gebessert hat sich nichts. Suche es nicht zu erklären; gewiß kannst Du alle Vergangenheit erklären, da Du doch nicht einmal eine Zukunft wagen willst ohne sie vorher erklärt zu haben. Was eben unmöglich ist. Das was Verantwortungsgefühl ist und als solches sehr ehrenwert wäre ist im letzten Grunde Beamtengeist, Knabenhaftigkeit, vom Vater her gebrochener Wille. Das bessere, daran arbeite, das liegt unmittelbar vor Deiner Hand. Das heißt also, schone Dich nicht (überdies auf Kosten des doch von Dir geliebten Menschenlebens von F.), denn schonen ist unmöglich, das scheinbare Schonen hat Dich heute fast zugrundegerichtet. Es ist nicht nur das Schonen, was F., Ehe, Kinder, Verantwortung u. s. w. betrifft, es ist auch das Schonen, was das Amt betrifft, in dem Du hockst, die schlechte Wohnung betrifft, aus der Du Dich nicht rührst. Alles. Also damit höre auf. Man kann sich nicht schonen, nicht vorausberechnen. Du weißt nichts von Dir in der Hinsicht, was besser für Dich. Heute in der Nacht zum B. ist in Dir auf Kosten Deines Gehirnes und Herzens ein Kampf zwischen zwei ganz gleichwertigen gleichstarken Motiven durchgeführt worden, auf beiden Seiten Sorgen d.h. Unmöglichkeit der Berechnung. Was bleibt übrig? Dich nicht mehr zu solchem Kampfplatz entwürdigen, wo förmlich ohne Rücksicht auf Dich gekämpft wird und Du nichts fühlst als die Stöße der schrecklichen Kämpfer. Dich schwinge also auf, Dich bessere, der Beamtenhaftigkeit entlaufe, fange doch an zu sehn, wer Du bist, statt zu rechnen, was Du werden sollst. Die nächste Aufgabe ist unbedingt: Soldat werden. Laß auch den unsinnigen Irrtum, daß Du Vergleiche anstellst, etwa mit Flaubert, Kierkegaard, Grillparzer. Das ist durchaus Knabenart. Als Glied in der Kette der Berechnungen sind die Beispiele gewiß zu brauchen oder vielmehr mit den ganzen Berechnungen unbrauchbar, einzeln in Vergleich gesetzt sind sie aber schon von vornherein unbrauchbar. Flaubert und Kierkegaard wußten ganz genau wie es mit ihnen stand, hatten den geraden Willen, das war nicht Berechnung, sondern Tat. Bei Dir aber eine ewige Folge von Berechnungen ein ungeheuerlicher Wellengang von 4 Jahren. Mit Grillparzer stimmt der Vergleich vielleicht, aber Grillparzer scheint Dir doch nicht nachahmenswert, ein unglückseliges Beispiel, dem die Künftigen danken sollen, weil er für sie gelitten hat.

8 Oktober 16 Förster:

die Behandlung der im Schulleben enthaltenen menschlichen Beziehungen zu einem Gegenstand des Unterrichts machen

Die Erziehung als Verschwörung der Großen. Wir ziehen die frei Umhertobenden unter Vorspiegelungen, an die wir auch aber nicht in dem vorgegebenen Sinne, glauben in unser enges Haus. (Wer möchte nicht gern ein Edelmann sein? Türschließen)

Das Lächerliche in der Erklärung und Bekämpfung von Max und Moritz.

Der Wert des Austobens der Laster, der durch nichts zu ersetzen ist, besteht darin, daß sie in ihrer ganzen Kraft und Größe aufstehn und sichtbar werden, selbst wenn man in der Erregung der Mitbeteiligung nur einen kleinen Schimmer von ihnen sieht. Man lernt das Matrosenleben nicht durch Übungen in einer Pfütze, wohl aber kann man durch allzugroßes Training in der Pfütze unfähig zum Matrosen werden.

Seite 98 "die jüngern argwöhnen dann"

99 "heute zum erstenmal als Du kamst... "

16 Okt. (1916) Unter den 4 Bedingungen, welche die Hussiten den Katoliken als Grundlage einer Vereinigung vorlegten war auch die enthalten daß alle Todsünden, worunter sie "Fressen, Saufen Unkeuschheit Lügen Meineid Wucher, Annahme eines Beicht- und Meßpfennigs" zählten mit dem Tode bestraft werden sollten. Eine Partei wollte sogar einem jeden Einzelnen das Recht eingeräumt wissen, die Todesstrafe zu vollziehn, sobald er irgendwen mit einer der genannten Sünden befleckt erblicken würde.

Ist es möglich, daß ich die Zukunft zuerst in ihren kalten Umrissen mit dem Verstand und dem Wunsch erkenne und erst von ihnen gezogen und gestoßen allmählich in die Wirklichkeit dieser gleichen Zukunft komme?

Wir dürfen den Willen, die Peitsche, mit eigener Hand über uns schwingen.

18. (Oktober 1916) Aus einem Brief:

Es ist nicht so einfach, daß ich das was Du über Mutter, Eltern, Blumen, Neujahr und Tischgesellschaft sagst einfach hinnehmen könnte. Du sagst, daß es auch für Dich "nicht zu den größten Annehmlichkeiten gehören wird, bei Dir zuhause mit Deiner ganzen Familie am Tisch zu sitzen". Du sagst damit natürlich nur Deine Meinung ganz richtiger Weise ohne Rücksicht darauf ob es mir Freude macht oder nicht. Nun es macht mir nicht Freude. Aber es würde mir gewiß noch viel weniger Freude machen, wenn Du das Gegenteil dessen geschrieben hättest. Bitte, sag mir so klar als es möglich ist, worin wird diese Unannehmlichkeit für Dich bestehn und worin siehst Du ihre Gründe? Wir haben ja, soweit ich in Frage komme, schon oft über die Sache gesprochen, aber es ist schwer hier das Richtige nur ein wenig zu fassen. In Schlagworten – und deshalb mit einer der Wahrheit nicht ganz entsprechenden Härte – kann ich meine Stellung etwa so umschreiben: Ich der ich meistens unselbständig war, habe ein unendliches Verlangen nach Selbständigkeit Unabhängigkeit, Freiheit nach allen Seiten, lieber Scheuklappen anziehn und meinen Weg bis zum Äußersten gehn, als daß sich das heimatliche Rudel um mich dreht und mir den Blick zerstreut. Deshalb wird jedes Wort, das ich zu meinen Eltern oder sie zu mir sagen, soleicht zu einem Balken der mir vor die Füße fliegt. Alle Verbindung, die ich mir nicht selbst schaffe oder erkämpfe, sei es selbst gegen Teile meines Ich, ist wertlos, hindert mich am Gehn, ich hasse sie oder bin nahe daran sie zu hassen. Der Weg ist lang, die Kraft ist klein, es gibt übergenug Grund zu solchem Haß. Nun stamme ich aber aus meinen Eltern, bin mit ihnen und den Schwestern im Blut verbunden, fühle das im gewöhnlichen Leben und infolge der notwendigen Verranntheit in meine besondern Absichten nicht, achte es aber im Grunde mehr als ich weiß. Das eine Mal verfolge ich auch das mit meinem Haß, der Anblick des Ehebettes zuhause, der gebrauchten Bettwäsche, der sorgfältig hingelegten Hemden kann mich bis zum Erbrechen reizen, kann mein Inneres nach Außen kehren, es ist als wäre ich nicht endgültig geboren, käme immer wieder aus diesem dumpfen Leben in dieser dumpfen Stube zur Welt, müsse mir dort immer wieder Bestätigung holen sei mit diesen widerlichen Dingen wenn nicht ganz und gar, so doch zum Teil unlöslich verbunden, noch an meinen Laufen wollenden Füßen hängt es wenigstens, sie stecken noch im ersten formlosen Brei. Das ist das einemal. Das anderemal aber weiß ich wieder, daß es doch meine Eltern sind, notwendige immer wieder Kraft gebende Bestandteile meines eigenen Wesens, nicht nur als Hindernis, sondern auch als Wesen zu mir gehörig. Dann will ich sie so haben, wie man das Beste haben will; habe ich seit jeher in aller Bosheit, Unart, Eigensucht, Lieblosigkeit doch vor ihnen gezittert und tue es eigentlich auch noch heute, denn damit kann man nicht aufhören und haben sie Vater von der einen Seite Mutter von der andern meinen Willen wiederum notwendigerweise fast gebrochen, dann will ich sie dessen auch würdig sehn. (Ottla scheint mir zuzeiten so, wie ich eine Mutter von der Ferne wollte: rein wahrhaftig ehrlich folgerichtig, Demütigkeit und Stolz, Empfänglichkeit und Abgrenzung, Hingabe und Selbstständigkeit, Scheu und Mut in untrüglichem Gleichgewicht. Ich erwähne Ottla weil doch auch in ihr meine Mutter ist, ganz und gar unkenntlich allerdings) Ich will sie also dessen würdig sehn. Infolgedessen ist für mich ihre Unreinlichkeit 100fach so groß als sie es vielleicht in der Wirklichkeit, die mich nicht kümmert, sein mag; ihre Einfältigkeit hundertfach, ihre Lächerlichkeit hundertfach, ihre Roheit hundertfach. Ihr Gutes dagegen hundert tausendfach kleiner als in Wirklichkeit. Ich bin von ihnen betrogen und kann doch ohne verrückt zu werden gegen das Naturgesetz nicht revoltieren, also wieder Haß und nichts als Haß. Du gehörst zu mir, ich habe Dich zu mir genommen, ich kann nicht glauben daß in irgendeinem Märchen um irgendeine Frau mehr und verzweifelter gekämpft worden ist als um Dich in mir, seit dem Anfang und immer von neuem und vielleicht für immer. Also Du gehörst zu mir, deshalb ist mein Verhältnis zu Deinen Verwandten ähnlich meinem Verhältnis zu den meinen, allerdings natürlich im Guten und Bösen unvergleichlich lauer. Sie geben eine Verbindung ab, die mich hindert (hindert, selbst wenn ich niemals ein Wort mit ihnen reden sollte) und sie sind im obigen Sinn nicht würdig. Ich rede zu Dir so offen wie zu mir, Du wirst es nicht übelnehmen und auch keinen Hochmut darin suchen, er ist zumindest dort wo Du ihn suchen könntest nicht vorhanden.

Wenn Du nun hier bist und an dem Tisch meiner Eltern sitzt, ist natürlich die Angriffsfläche, welche das mir Feindliche in meinen Eltern mir gegenüber hat eine viel größere geworden. Meine Verbindung mit der Gesamt-Familie scheint ihnen eine viel größere geworden (sie ist es aber nicht und darf es nicht sein) ich scheine ihnen eingefügt in diese Reihe, deren ein Posten das Schlafzimmer nebenan ist (ich bin aber nicht eingefügt) gegen meinen Widerstand glauben sie in Dir eine Mithilfe bekommen zu haben (sie haben sie nicht bekommen) und ihr Häßliches und Verächtliches steigert sich, da es in meinen Augen einem größern überlegen sein sollte. Wenn dem so ist, warum freue ich mich dann über Deine Bemerkung nicht Weil ich förmlich vor meiner Familie stehe und unaufhörlich die Messer im Kreise schwinge, um die Familie immerfort und gleichzeitig zu verwunden und zu verteidigen, laß mich darin ganz Dich vertreten ohne daß Du mich in diesem Sinn Deiner Familie gegenüber vertrittst. Ist Dir Liebste dieses Opfer nicht zu schwer Es ist ungeheuerlich, und wird Dir nur dadurch erleichtert, daß ich, wenn Du es nicht gibst, kraft meiner Natur, es Dir entreißen muß. Gibst Du es aber, dann hast Du viel für mich getan. Ich werde Dir absichtlich 1, 2 Tage nicht schreiben, damit Du es, von mir ungestört, überlegen und beantworten kannst. Als Antwort genügt auch – so groß ist mein Vertrauen zu Dir – ein einziges Wort.

30 X 16

Zwei Herren sprachen im Sattelraum über ein Pferd, dem ein Stallknecht den Hinterleib massierte. "Ich habe Atro" sagte der ältere weißhaarige, und nagte, ein Auge etwas zugekniffen leicht an seiner Unterlippe "ich habe Atro seit einer Woche nicht mehr gesehn, das Gedächtnis für Pferde bleibt selbst bei größter Übung ein unsicheres. Ich vermisse jetzt an Atro manches, was es in meiner Vorstellung unbedingt besaß. Ich rede jetzt vom Gesamteindruck, die Einzelnheiten mögen ja stimmen, wenn mir auch jetzt sogar eine Schlaffheit der Muskeln hie und da auffällt. Sehen Sie hier und hier. " Er bewegte forschend den geneigten Kopf und tastete mit den Händen in der Luft.

6 April 17

Im kleinen Hafen, wo außer Fischerbooten nur die 2 Passagierdampfer, die den Seeverkehr besorgen, zu halten pflegen, lag heute eine fremde Barke. Ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schmutzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen.

Ich staunte es lange an, wartete daß irgendjemand sich auf Deck zeigen würde, niemand kam. Neben mir setzte sich ein Arbeiter auf die Quaimauer. "Wem gehört das Schiff?" fragte ich, "ich sehe es heute zum ersten Mal. " "Es kommt alle 2, 3 Jahre" sagte der Mann "und gehört dem Jäger Gracchus"

29. Juli 17

Hofnarr. Studie über den Hofnarr.

Die großen Zeiten des Hofnarrentums sind wohl vorüber und kommen nicht wieder. Alles zielt anderswohin, das ist nicht zu leugnen. Immerhin habe ich das Hofnarrentum noch ausgekostet, mag es sich jetzt auch aus dem Besitz der Menschheit verlieren.

Ich saß immer tief in der Werkstatt, ganz im Dunkel, man mußte dort manchmal erraten, was man in der Hand hielt, trotzdem aber bekam man für jeden schlechten Stich einen Hieb des Meisters.

Unser König machte keinen Aufwand; wer ihn nicht von Bildern kannte, hätte ihn nie als König erkannt. Sein Anzug war schlecht genäht, nicht in unserer Werkstatt übrigens, ein dünner Stoff, der Rock immer aufgeknöpft, fliegend und zerdrückt, der Hut verbeult, grobe schwere Stiefel, nachlässige weite Bewegungen der Arme, ein starkes Gesicht mit großer grader männlicher Nase, ein kurzer Schnurrbart, dunkle ein wenig zu scharfe Augen, kräftiger ebenmäßiger Hals. Einmal blieb er im Vorübergehn in der Tür unserer Werkstatt stehn und fragte die Rechte oben am Türbalken: Ist Franz hier? Er kannte alle Leute bei Namen. Ich drängte mich aus meinem dunklen Winkel zwischen den Gesellen durch. "Komm mit" sagte er nach kurzem Blick. "Er übersiedelt ins Schloß" sagte er zum Meister.

30. (Juli 1917) Frl. Kanitz. Verlockungen mit denen das Wesen nicht mitgeht. Das Auf und Zu, das Dehnen, Spitzen, Aufblühn der Lippen, als modellierten dort unsichtbar die Finger. Die plötzlich, wohl nervöse, aber discipliniert angewandte, immer überraschende Bewegung z. B. Ordnen des Rockes auf den Knien, Änderung des Sitzes. Die Konversation mit wenig Worten, wenig Gedanken, ohne jede Unterstützung durch die andern, in der Hauptsache durch Kopfwendungen, Händespiel, verschiedenartige Pausen, Lebendigkeit des Blicks, im Notfall durch Ballen der kleinen Fäuste erzeugt.

Reitet sagte der Kommandant.

Er entwand sich ihren Kreisen. Nebel umblies ihn. Eine runde Waldlichtung. Der Vogel Phönix im Gebüsch. Eine das Kreuz auf unsichtbarem Gesicht immer wieder schlagende Hand. Kühler ewiger Regen, ein wandelbarer Gesang wie aus atmender Brust.

Ein unbrauchbarer Mensch. Ein Freund Suche ich mir gegenwärtig zu machen, was er besitzt, so bleibt, bei günstigstem Urteil allerdings nur, seine meiner Stimme gegenüber etwas tiefere Stimme. Rufe ich "Gerettet", ich meine, wäre ich Robinson und riefe "Gerettet", wiederholte er es mit seiner tiefernStimme. Wäre ich Korah und riefe "Verloren", wäre er gleich mit seiner tiefern Stimme dabei, es zu wiederholen. Es ermüdet allmählich immer diesen Baßgeiger mit sich zu führen. Dabei ist er selbst gar nicht munter bei der Sache, er wiederholt nur, weil er es muß und nichts anderes kann. Manchmal während meines Urlaubs, wenn ich einmal Zeit habe, diesen persönlichen Dingen mich zuzuwenden, berate ich mit ihm, in der Gartenlaube etwa, wie ich mich von ihm befreien könnte.

31. Juli 17 Als Kaspar Hauser soweit aufgewacht war, daß er Menschen und Dinge um sich erkannte

In einem Eisenbahnzug sitzen, es vergessen, leben wie zuhause, plötzlich sich erinnern, die fortreißende Kraft des Zuges fühlen, Reisender werden, die Mütze aus dem Koffer ziehn, den Mitreisenden freier, herzlicher, dringender begegnen, dem Ziel ohne Verdienst entgegengetragen werden, kindlich dies fühlen, ein Liebling der Frauen werden, unter der fortwährenden Anziehungskraft des Fensters stehn, immer zumindest eine ausgestreckte Hand am Fensterbrett liegen lassen. Schärfer zugeschnittene Situation: Vergessen daß man vergessen hat, mit einem Schlage ein im Blitzzug allein reisendes Kind werden, um das sich der vor Eile zitternde Waggon anstaunenswert im Allergeringsten aufbaut wie aus der Hand eines Taschenspielers.

1 Aug (1917) Altprager Geschichten des Dr. Oppenheimer auf der Schwimmschule. Die wilden Reden gegen die Reichen, die Friedrich Adler in seiner Studentenzeit führte und über die alle so gelacht haben. Später heiratete er reich und wurde still. – Als kleiner Junge, aus Amschelberg nach Prag ans Gymnasium gekommen, wohnte Dr. O. bei einem jüdischen Privatgelehrten, dessen Frau Verkäuferin in einem Trödlerladen war. Das Essen wurde von einem Traiteur geholt. Um 1/2 6 wurde O. jeden Tag zum Gebet geweckt. – Er sorgte für die Erziehung aller seiner jüngern Geschwister, das machte viel Mühe, gab aber Selbstsicherheit und Zufriedenheit. Ein Dr. Adler, der später Finanzrat wurde und längst in Pension ist (ein großer Egoist), gab ihm damals einmal den Rat, wegzufahren, sich zu verstecken, vor seinen Angehörigen einfach wegzulaufen, denn sonst würden sie ihn zugrunderichten

Ich spanne die Zügel an.

2. Aug. (1917)

Meistens wohnt der den man sucht nebenan. Zu erklären ist dies nicht ohne weiters, man muß es zunächst als Erfahrungstatsache hinnehmen. Sie ist so tief begründet daß man sie nicht verhindern kann, selbst wenn man es darauf anlegt. Das kommt daher daß man von diesem gesuchten Nachbar nicht weiß. Man weiß nämlich weder daß man ihn sucht, noch daß er daneben wohnt, dann aber wohnt er ganz gewiß daneben. Die allgemeine Erfahrungstatsache als solche darf man natürlich kennen, diese Kenntnis stört nicht im allermindesten, selbst wenn man sie absichtlich sich immer gegenwärtig hält. Ich erzähle einen solchen Fall:

Pascal macht vor dem Auftreten Gottes große Ordnung, aber es muß eine tiefere ängstlichere Skepsis geben, als diese des thronenden Menschen, der sich mit wunderbaren Messern zwar, aber doch mit der Ruhe des Selchers zerschneidet. Woher die Ruhe? Die Sicherheit der Messerführung? Ist Gott ein teatralischer Triumpfwagen, den man, alle Mühseligkeit und Verzweiflung der Arbeiter zugestanden, mit Stricken aus der Ferne auf die Bühne zieht?

3. Aug. (1917)

Noch einmal schrie ich aus voller Brust in die Welt hinaus. Dann stieß man mir den Knebel ein fesselte Hände und Füße und band mir ein Tuch vor die Augen. Ich wurde mehrmals hin und her gewälzt, ich wurde aufrecht gesetzt und wieder hingelegt auch dies mehrmals, man zog ruckweise an meinen Beinen daß ich mich vor Schmerz bäumte, man ließ mich ein Weilchen ruhig liegen, dann aber stach man mich tief mit irgendetwas Spitzem, überraschend hier und dort, wo es die Laune eingab.

Seit Jahren sitze ich an der großen Straßenkreuzung, aber morgen, weil der neue Kaiser einzieht, soll ich meinen Platz verlassen. Ich mische mich sowohl grundsätzlich als auch aus Abneigung in nichts ein, was um mich vor geht. Längst schon habe ich auch aufgehört zu betteln; die welche schon seit langem vorübergehn beschenken mich aus Gewohnheit, aus Treue, aus Bekanntschaft, die neuen aber folgen dem Beispiel. Ich habe ein Körbchen neben mir stehn und in das wirft jeder soviel als er für gut hält. Eben deshalb aber weil ich mich um niemanden kümmere und in dem Lärm und Unsinn der Straße den ruhigen Blick und die ruhige Seele bewahre, verstehe ich alles, was mich, meine Stellung, meine berechtigten Ansprüche betrifft, besser als irgendwer. Über diese Fragen kann es keinen Streit geben, hier kann nur meine Meinung gelten. Als daher heute morgens ein Polizist, der mich natürlich sehr gut kennt, den ich aber ebenso natürlich noch niemals bemerkt habe, bei mir stehn blieb und sagte: Morgen ist der Einzug des Kaisers; daß Du es nicht wagst morgen herzukommen, antwortete ich mit der Frage: Wie alt bist Du?

4) (August 1917)

Litteratur als Vorwurf ausgesprochen ist eine so starke Sprachverkürzung, daß sie – vielleicht lag von allem Anfang an Absicht darin – allmählich auch eine Denkverkürzung mit sich gebracht hat, welche die richtige Perspektive nimmt und den Vorwurf weit vor dem Ziele und weit abseits fallen läßt.

Die Lärmtrompeten des Nichts. Das A.

A. Ich will Dich um Rat bitten

B. Warum gerade mich?

A. Ich habe Vertrauen zu Dir.

B. Warum?

A. Ich habe Dich schon öfters in Gesellschaft gesehn. Und in unsern Gesellschaften kommt es zuletzt immer auf Rat an. Darüber sind wir doch einig. Was für eine Gesellschaft es auch sei, ob man zusammen Teuer spielt, oder Tee trinkt oder Geister citiert oder den Armen helfen will immer kommt es doch auf Rat an. Soviel unberatenes Volk! Und mehr noch als es scheint, denn die welche bei solchen Zusammenkünften Rat geben, geben ihn nur mit der Stimme, mit dem Herzen wollen sie ihn selbst. Immer haben sie ihren Doppelgänger unter den Ratsuchenden und auf ihn haben sie es besonders abgesehn. Aber er vor allen geht unbefriedigt, angewidert weg und zieht den Ratgeber hinter sich her zu andern Zusammenkünften und zu gleichem Spiel.

B. So ist es?

A. Gewiß, Du erkennst es doch auch. Es ist auch kein Verdienst, die ganze Welt erkennt es und ihre Bitte ist umso dringender.

5. (August 1917) Nachmittag in Radesowitz mit Oskar. Traurig, schwach, oft bemüht die Kernfrage wenigstens zu halten.

A. Guten Tag

B. Du warst schon einmal hier? Nicht.

A. Du erkennst mich? Staunenswert.

B. In Gedanken habe ich schon einigemal mit Dir gesprochen. Was wolltest Du denn damals, als wir uns das letzte Mal sahn.

A. Dich um Rat fragen

B. Richtig. Und habe ich Dir ihn geben können.

A. Nein. Wir konnten uns leider schon in der Fragestellung nicht einigen.

B. So ist es also gewesen.

A. Ja. Es war sehr unbefriedigend, aber doch nur für den Augenblick. Man kann eben nicht mit einem mal der Sache beikommen. Könnte man es nicht wieder einmal wiederholen?

B. Natürlich. Frage nur!

A. Ich werde also fragen

B. Bitte

A. Meine Frau –

B. Deine Frau?

A. Ja, ja

B. Das verstehe ich nicht. Du besitzt eine Frau?

A.

6 August (1917)

A. Ich bin mit Dir nicht zufrieden.

B. Ich frage nicht warum. Ich weiß es.

A. Und?

B. Ich bin so machtlos. Ich kann nichts ändern. Achselzucken und Mundverziehn, mehr kann ich nicht.

A. Ich werde Dich zu meinem Herrn führen. Willst Du?

B. Ich schäme mich. Wie wird er mich aufnehmen? Gleich zum Herrn gehn! Es ist frivol.

A. Laß die Verantwortung mir. Ich führe Dich. Komm!

Sie gehn über einen Gang. A. klopft an eine Tür.

Man hört "Herein" rufen. B. will weglaufen, aber A. faßt ihn und so treten sie ein.

C. Wer ist der Herr?

A. Ich dachte –

ihm zu Füßen, stürz ihm hin zu Füßen.

A. Also kein Ausweg?

B. Ich habe keinen gefunden.

A. Und du kennst doch die Gegend am besten von uns allen.

B. Ja.

7 Aug. (1917)

A. Immerfort streichst Du hier um die Tür herum. Was willst Du denn?

B. Nichts bitte.

A. So?! Nichts?. Ich kenne Dich übrigens.

B. Das dürfte ein Irrtum sein.

A. Nein, nein. Du bist der B. und bist vor 20 Jahren hier in die Schule gegangen. Ja oder Nein?

B. Also dann ja. Ich habe nicht gewagt mich vorzustellen.

A. Du scheinst ja ängstlich geworden zu sein, mit den Jahren. Damals warst Du’s nicht.

B. Ja damals. Ich bereue alles so, wie wenn ich es in dieser Stunde getan hätte.

A. Rächt es sich also im Leben?

B. Ach!

A; Sagt’ ich’s doch.

B. Sie sagten es. Aber so ist es doch nicht. Unmittelbar rächt es sich nicht. Was kümmert es meinen Arbeitgeber, ob ich in der Schule geschwätzt habe. Das war meiner Laufbahn nicht hinderlich, nein.

"Wie?" sagte der Reisende

Der Reisende fühlte sich zu müde, um hier noch etwas zu befehlen oder gar zu tun. Nur ein Tuch zog er aus der Tasche, machte eine Bewegung als tauche er es in den fernen Kübel, drückte es an die Stirn und legte sich neben die Grube. So fanden ihn zwei Herren, die der Kommandant ausgeschickt hatte, ihn zu holen. Wie erfrischt sprang er auf, als sie ihn ansprachen. Die Hand auf dem Herzen, sagte er: "Ich will ein Hundsfott sein, wenn ich das zulasse." Aber dann nahm er das wörtlich, und begann auf allen Vieren umherzulaufen. Nur manchmal sprang er auf, riß sich förmlich los, hängte sich einem der Herren an den Hals rief in Tränen: "Warum mir das alles" und eilte wieder auf seinen Posten.

8. (August 1917) Und wenn auch alles unverändert war, der Stachel war doch da, krumm hervorragend aus der geborstenen Stirn.

Als bringe das alles dem Reisenden zu Bewußtsein, das was noch folge, sei lediglich seine und des Toten Angelegenheit, schickte er mit einer Handbewegung den Soldaten und den Verurteilten fort, sie zögerten, er warf einen Stein nach ihnen, noch immer berieten sie, da lief er zu ihnen und stieß sie mit den Fäusten.

"Wie?" sagte der Reisende plötzlich. War etwas vergessen? Ein entscheidendes Wort? Ein Griff? Eine Handreichung? Wer kann in das Wirrsal eindringen? Verdammte böse tropische Luft, was machst Du aus mir? Ich weiß nicht was geschieht. Meine Urteilskraft ist zuhause im Norden geblieben.

"Wie?" sagte der Reisende plötzlich. War etwas vergessen? Ein Wort? Ein Griff? Eine Handreichung? Sehr möglich. Höchstwahrscheinlich. Ein grober Fehler in der Rechnung, eine grundverkehrte Auffassung, ein kreischender tintenspritzender Strich geht durchs Ganze. Wer stellt es aber richtig? Wo ist der Mann es richtig zu stellen. Wo ist der gute alte landsmännische Müller aus dem Norden, der die zwei grinsenden Kerle drüben zwischen die Mühlsteine stopft?

"Bereitet der Schlange den Weg! " schrie es. "Bereitet den

Weg der großen Madam." "Wir sind bereit" schrie es zur

Antwort "wir sind bereit." Und wir Wegbereiter, vielgerühmte Steinzerklopfer, marschierten aus dem Busch. "Los" rief unser immer fröhlicher Kommandant "los ihr Schlangenfraß. " Daraufhin hoben wir unsere Hämmer und meilenweit begann das fleißigste Geklopfe. Keine Pause wurde gestattet, nur Händewechsel. Schon für abend war die Ankunft unserer Schlange angesagt, bis dahin mußte alles zu Staub zerklopft sein, unsere Schlange verträgt auch das kleinste Steinchen nicht. Wo findet sich gleich eine so empfindliche Schlange. Es ist eben auch eine einzige Schlange, unvergleichlich verwöhnt ist sie durch unsere Arbeit, daher auch bereits unvergleichlich geartet. Wir verstehn es nicht, wir bedauern es, daß sie sich noch immer Schlange nennt. Zumindest Madam sollte sie sich immer nennen, trotzdem sie natürlich auch als Madam unvergleichlich ist. Aber das ist nicht unsere Sorge, unsere Sache ist es Staub zu machen.

Hoch die Lampe gehalten, Du vorn! Ihr andern leise hinter mir! Alle in einer Reihe. Und still. Das war nichts. Keine Angst. Ich trage die Verantwortung. Ich führe Euch hinaus.

9 Aug. (1917)

Der Reisende machte eine unbestimmte Handbewegung, ließ von seinen Bemühungen ab, stieß die Zwei wieder vom Leichnam fort und wies ihnen die Kolonie, wohin sie sofort gehen sollten. Mit gurgelndem Lachen zeigten sie daß sie allmählich den Befehl verstanden, der Verurteilte drückte sein mehrfach überschmiertes Gesicht auf die Hand des Reisenden, der Soldat klopfte mit der Rechten – in der Linken schwenkte er das Gewehr – dem Reisenden auf die Schulter, alle drei gehörten jetzt zusammen.

Der R. mußte gewaltsam das ihn überkommende Gefühl abwehren, daß in diesem Fall eine vollkommene Ordnung geschaffen sei. Er wurde müde und gab den Plan auf, den Leichnam jetzt zu begraben. Die Hitze die noch immer im Steigen begriffen war – nur um nicht ins Taumeln zu geraten, wollte der R. nicht den Kopf nach der Sonne heben – das plötzliche endgültige Verstummen des Offiziers, der Anblick der zwei drüben, die ihn fremd anstarrten und mit denen er durch den Tod des Off. jede Verbindung verloren hatte, endlich diese glatte maschinenmäßige Widerlegung, welche die Meinung des Off. hier gefunden hatte – alles dieses – der R. konnte nicht länger aufrecht stehn und setzte sich auf den Rohrsessel nieder. Hätte sich sein Schiff durch diesen weglosen Sand hierher zu ihm geschoben, um ihn aufzunehmen, – es wäre am schönsten gewesen. Er wäre eingestiegen, nur von der Treppe aus hätte er noch dem Offizier einen Vorwurf wegen der grausamen Hinrichtung des Verurteilten gemacht. Ich werde es zuhause erzählen hätte er noch mit erhobener Stimme gesagt, damit es auch der Kapitän und die Matrosen hörten die sich oben neugierig über das Bordgeländer beugten. "Hingerichtet?" hätte daraufhin der Offizier mit Recht gefragt. "Hier ist er doch" hätte er gesagt und auf des Reisenden Kofferträger gezeigt. Und tatsächlich war dies der Verurteilte, wie sich der R. durch scharfes Hinschauen und genaues Prüfen der Gesichtszüge überzeugte. "Meine Anerkennung" mußte der R. sagen und sagte es gern. "Ein Taschenspielerkunststück?" fragte er noch. "Nein" sagte der O. "ein Irrtum ihrerseits ich bin hingerichtet, wie Sie es befahlen. " Noch aufmerksamer horchten jetzt Kapitän und Matrosen. Und sahen sämtlich wie jetzt der O. über seine Stirn hinstrich und einen krumm aus der geborstenen Stirn vorragenden Stachel enthüllte.

Es war schon die Zeit der letzten größeren Kämpfe welche die amerikanische Regierung mit den Indianern zu führen hatte. Das am weitesten in das Indianergebiet vorgeschobene Fort – es war auch das stärkste – wurde von General Samson befehligt, der sich hier schon vielfach ausgezeichnet hatte und das unbeirrbare Vertrauen des Volkes und der Soldaten besaß. Der Ruf "General Samson! " war gegenüber einem einzelnen Indianer fast so viel wert wie eine Büchse.

Eines Morgens wurde von einer Streiftruppe im Wald ein junger Mensch aufgegriffen und gemäß dem allgemeinen Befehl des Generals, der sich auch um die geringsten Dinge persönlich kümmerte, ins Hauptquartier gebracht. Da der General gerade mit einigen Farmern aus dem Grenzgebiet eine Beratung hatte, wurde der Fremde zunächst vor den Adjutanten den Oberstleutnant Otway geführt.

"General Samson! " rief ich und trat taumelnd einen Schritt zurück. Er war es, der hier aus dem hohen Busche trat. "Still" sagte er und wies hinter sich. Ein Gefolge von etwa 10 Herren stolperte ihm nach.

10 (August 1917)

Ich stand mit meinem Vater in einem Hausflur; draußen regnete es sehr stark. Ein Mann wollte eilig aus der Gasse in den Flur einbiegen, da bemerkte er meinen Vater. Das ließ ihn stehn bleiben. "Georg" sagte er langsam, als müsse er allmählich alte Erinnerungen heraufholen, und näherte sich, die Hand vorstreckend, von der Seite meinem Vater.

"Nein, laß mich, nein laß mich! " so rief ich unaufhörlich die Gassen entlang und immer wieder faßte sie mich an, immer wieder schlugen von der Seite oder über meine Schultern hinweg die Krallenhände der Sirene in meine Brust

Es ist immer wieder der Gleiche, immer wieder der Gleiche


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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