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2017/12/14 - 05:29

Heft 5

4. I 11 (1912) Nur infolge meiner Eitelkeit lese ich so gerne meinen Schwestern vor, (daß heute z. B. zu spät zum Schreiben geworden ist) Nicht daß ich überzeugt wäre, daß ich im Vorlesen etwas Bedeutendes erreichen würde, vielmehr beherrscht mich nur die Sucht, mich an die guten Arbeiten, die ich vorlese, so sehr heranzudrängen, daß ich mit ihnen nicht durch mein Verdienst, sondern nur in der durch das Vorgelesene aufgeregten und für das Unwesentliche getrübten Aufmerksamkeit meiner zuhörenden Schwestern in eins verfließe und deshalb auch unter der vertuschenden Wirkung der Eitelkeit als Ursache an allem Einfluß teilnehme, welchen das Werk selbst geübt hat. Deshalb lese ich auch vor meinen Schwestern tatsächlich bewundernswert, erfülle manche Betonungen mit einer meinem Gefühl nach äußersten Genauigkeit, weil ich nachher nicht nur von mir sondern auch von meinen Schwestern im Übermaß belohnt werde. Lese ich aber vor Brod oder Baum oder andern, muß jedem mein Lesen schon infolge meiner Ansprüche auf Lob entsetzlich schlecht vorkommen, selbst wenn er von der Güte meines sonstigen Vorlesens nichts weiß, denn hier sehe ich daß der Zuhörer die Sonderung zwischen mir und dem Gelesenen aufrecht erhält, ich darf mich mit dem Gelesenen nicht gänzlich verbinden ohne meinem Gefühl nach, das keine Unterstützung vom Zuhörer zu erwarten hat, lächerlich zu werden, ich umfliege das Vorzulesende mit der Stimme, versuche, weil man es will, hie und da einzudringen, beabsichtige es aber nicht ernstlich, weil man es von mir gar nicht erwartet: das was man aber eigentlich will, ohne Eitelkeit ruhig und entfernt zu lesen und leidenschaftlich nur zu werden, wenn es meine Leidenschaft verlangt, das kann ich nicht leisten; trotzdem ich mich aber damit abgefunden zu haben glaube und mich also damit begnüge vor andern als vor meinen Schwestern schlecht vorzulesen, zeigt sich meine Eitelkeit, die diesmal kein Recht haben sollte, doch, indem ich mich gekränkt fühle, wenn jemand in dem Vorgelesenen etwas aussetzt, rot werde und rasch weiterlesen will, wie ich überhaupt, wenn ich einmal zu lesen angefangen habe, danach strebe, endlos vorzulesen in der unbewußten Sehnsucht daß im Verlauf des langen Lesens, zumindest in mir das eitle falsche Gefühl der Einheit mit dem Vorgelesenen sich erzeugen wird, wobei ich vergesse, daß ich niemals die genügende augenblickliche Kraft haben werde, aus meinem Gefühl auf den klaren Überblick des Zuhörers einzuwirken und daß es zuhause immer die Schwestern sind, welche mit der erwünschten Verwechslung beginnen

5. I 11 (1912) Seit 2 Tagen konstatiere ich in mir Kühle und Gleichgültigkeit wann ich will. Gestern abend beim Spazierengehn war mir jedes kleine Straßengeräusch, jeder auf mich gerichtete Blick, jede Photographie in einem Auslagskasten wichtiger als ich.

Die Einförmigkeit. Geschichte

Wenn man sich am abend endgiltig entschlossen zu haben scheint, zuhausezubleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsmäßig schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, das das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch still gehalten hat, daß das Weggehn nicht nur väterlichen Ärger sondern allgemeines Staunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehn zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit mit der man die Wohnungstüre zuschlägt und damit die allgemeine Besprechung des Fortgehns abschneidet, mehr oder weniger Arger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit belohnen, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich aufgeregt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellsten Veränderungen leicht zu bewirken und zu ertragen, daß man mit sich allein gelassen in Verstand und Ruhe und in deren Genusse wächst, dann ist man für diesen Abend so gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, wie man es durchdringender durch die entferntesten Reisen nicht erreichen könnte und man hat ein Erlebnis gehabt, das man wegen seiner für Europa äußersten Einsamkeit nur russisch nennen kann. Verstärkt wird es noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehn, wie es ihm geht.

Weltsch eingeladen, zum Benefice der Frau Klug zu kommen. Löwy mit seinen starken Kopfschmerzen, die wahrscheinlich ein schweres Kopfleiden anzeigen, lehnte sich unten auf der Gasse, wo er auf mich wartete, die Rechte verzweifelt an der Stirn, an eine Hausmauer. Ich zeigte ihn Weltsch, der sich vom Kanapee aus zum Fenster hinüberneigte. Ich glaubte zum erstenmal in meinem Leben in dieser leichten Weise aus dem Fenster einen mich nahe betreffenden Vorgang unten auf der Gasse beobachtet zu haben. An und für sich ist mir solches Beobachten aus Sherlock Holmes bekannt.

6 I 12 Gestern "Vicekönig" von Feimann. Die Eindrucksfähigkeit für das Jüdische in diesen Stücken verläßt mich, weil sie zu gleichförmig sind und in ein Jammern ausarten, das auf vereinzelte kräftigere Ausbrüche stolz ist. Bei den ersten Stücken konnte ich denken, an ein Judentum geraten zu sein, in dem die Anfänge des meinigen ruhen und die sich zu mir hin entwickeln und dadurch in meinem schwerfälligen Judentum mich aufklären und weiterbringen werden, statt dessen entfernen sie sich, je mehr ich höre, von mir weg. Die Menschen bleiben natürlich und an die halte ich mich. – Frau Klug hatte Benefice und sang deshalb einige neue Lieder und machte ein paar neue Witze. Aber nur bei ihrem Antrittslied war ich ganz unter ihrem Eindruck, dann bin ich zu jedem Teilchen ihres Anblicks in der stärksten Beziehung, zu den beim Gesang ausgestreckten Armen und den schnippenden Fingern, zu den fest gedrehten Schläfenlocken, zu dem flach und unschuldig unter die Weste gehenden dünnen Hemd, zu der Unterlippe die sich einmal beim Genießen der Wirkung eines Witzes aufstülpt (seht Ihr, alle Sprachen kenn ich, aber auf jiddisch), zu den fetten Füßchen, die in den dicken weißen Strümpfen bis hinter die Zehen durch die Schuhe sich niederhalten lassen. Da sie aber gestern neue Lieder sang, schädigte sie ihre Hauptwirkung auf mich, die darin bestand, daß sich hier ein Mensch zur Schau stellt, der ein paar Witze und Lieder herausgefunden hat, die sein Temperament und alle seine Kräfte auf das vollkommenste vorführen. Da diese Vorführung gelingt, ist alles gelungen und macht es uns Freude diesen Menschen öfters auf uns wirken zu lassen, so werden wir uns natürlich – und darin sind vielleicht alle Zuhörer mit mir einig – durch die ständige Wiederholung der immer gleichen Lieder nicht beirren lassen, wir werden es vielmehr als Hilfsmittel der Sammlung ebenso z. B. wie die Verdunkelung des Saales gutheißen und von der Frau aus gesehn jene Unerschrockenheit und Selbstbewußtheit darin erkennen, die wir gerade suchen. Als daher die neuen Lieder kamen, die an Frau Klug nichts neues zeigen konnten, da die früheren ihre Schuldigkeit so vollkommen getan hatten, und als daher diese Lieder Anspruch darauf machten, als Lieder beachtet zu werden, wozu gar kein Grund war und als sie auf diese Weise von Frau Kl. ablenkten, aber gleichzeitig zeigten, daß auch sie selbst in diesen Liedern sich nicht wohl fühlte und zum teil verfehlte zum Teil übertriebene Gesichter und Bewegungen machte, mußte man verdrießlich werden und blieb nur dadurch getröstet, daß die Erinnerung an ihre vollkommene Darstellung von früher infolge ihrer unerschütterlichen Wahrhaftigkeit zu fest war, um sich durch den gegenwärtigen Anblick stören zu lassen.

7. I 12

Frau T. hat leider immer Rollen, welche nur die Essenz ihres Wesens zeigen, sie spielt immer Frauen und Mädchen, die mit einem Schlage unglücklich, verhöhnt, entehrt, gekränkt werden, denen aber nicht Zeit gegönnt ist, ihr Wesen in natürlicher Folge zu entwickeln. An der hervorbrechenden natürlichen Macht, mit welcher sie jene Rollen spielt, die nur im Spiel Höhepunkte, im geschriebenen Stück dagegen, infolge des Reichtums, den sie fordern, bloße Andeutungen sind, erkennt man, was sie zu leisten fähig wäre. – Eine ihrer wichtigen Bewegungen geht als Schauer von den etwas steif gehaltenen, zuckenden Hüften aus. Ihre kleine Tochter scheint eine Hüfte völlig steif zu haben. – Wenn die Schauspieler einander umarmen, halten sie einander gegenseitig die Perücken fest. – Als ich letzthin mit Löwy in sein Zimmer hinaufgieng, wo er mir den Brief vorlesen wollte, den er an den Warschauer Schriftsteller Nombert geschrieben hatte, trafen wir auf dem Treppenabsatz das Ehepaar T. Sie trugen ihre Kostüme für Kol-Nidre, die wie Mazzes in Seidenpapier gepackt waren, in ihr Zimmer hinauf. Wir blieben ein Weilchen stehn. Ich hatte das Geländer zur Stütze der Hände und Satzbetonungen. Ihr großer Mund bewegte sich so nahe vor mir in überraschenden aber natürlichen Formen. Das Gespräch drohte durch meine Schuld ins Trostlose auszugehn, denn durch mein Streben in Eile alle Liebe und Ergebenheit auszudrücken, brachte ich es nur zu der Feststellung, daß die Geschäfte der Truppe elend giengen, daß ihr Repertoire erschöpft war daß sie also nicht mehr lange bleiben könnten und daß die Interesselosigkeit der Prager Juden ihnen gegenüber unbegreiflich sei. Montag sollte ich – so bat sie mich – zu Sejdernacht kommen, trotzdem ich es schon kannte. Dann werde ich sie jenes Lied (bore Isroel) singen hören, das ich, wie sie sich aus einer alten Bemerkung erinnert hatte, besonders liebe.

Das nächtliche Aussehn, das ich und Max, Weltsch nicht so sehr, gestern mittag auf dem Graben hatten, weil wir so wenig bei Tag spazieren gehn.

Jeschive sind Talmudhochschulen, welche von vielen Gemeinden in Polen und Rußland ausgehalten werden. Die Kosten sind nicht sehr groß, weil diese Schulen meistens in einem alten unbrauchbaren Gebäude untergebracht sind, in dem sich außer den Lehr- und Schlafzimmern der Schüler die Wohnung des Rosch-Jeschive, der auch sonst Gemeindedienste versieht, und seines Gehilfen befindet. Die Schüler zahlen kein Schulgeld und bekommen die Mahlzeiten abwechselnd bei den Gemeindemitgliedern. Trotzdem diese Schulen auf den strenggläubigsten Grundlagen beruhn, sind gerade sie die Ausgangstätten des abtrünnigen Fortschritts, denn weil hier junge Leute von weit her zusammenkommen und gerade die Armen, die Energischen, die von zuhause fortstreben, da hier die Beaufsichtigung nicht sehr streng ist und die jungen Leute hier ganz aufeinander angewiesen sind und der wesentlichste Teil des Studiums im gemeinsamen Lernen und gegenseitigen Erklärungen schwieriger Stellen besteht, da die Frömmigkeit in den verschiedenen Heimatsorten der Studenten eine gleichartige ist, die nicht besonders zu Mitteilungen auffordert, während der niedergehaltene Fortschritt je nach den verschiedenen Ortsverhältnissen in der mannigfaltigsten Weise steigt oder fällt, so daß es hier immer viel zu erzählen gibt, da ferner von den verbotenen fortschrittlichen Schriften sich immer nur eines oder das andere in den Händen eines Einzelnen befindet, während sie in der Jeschive von allen Seiten zusammengetragen werden und hier besonders wirken können, weil jeder Besitzer nicht nur den Text, sondern sein eigenes Feuer weiterträgt, aus allen diesen Gründen und ihren nächsten Folgen sind aus diesen Schulen in der letzten Zeit alle fortschrittlichen Dichter, Politiker, Journalisten und Gelehrten hervorgegangen. Dadurch hat sich einerseits der Ruf dieser Schulen unter den Strenggläubigen sehr verschlechtert, anderseits strömen ihnen mehr als früher fortschrittlich gesinntejunge Leute zu. – Eine berühmte Jeschive ist die von Ostro, einem kleinen, 8 Eisenbahnstunden von Warschau entfernten Ort. Ganz Ostro ist eigentlich nur die Einfassung eines ganz kurzen Stückes der Landstraße. Löwy behauptet, es sei so lang wie sein Stock. Als einmal ein Graf mit seinem vierspännigen Reisewagen in Ostro Halt machte, standen die vordern2 Pferde und der hintere Teil des Wagens schon außerhalb des Ortes. – Löwy entschloß sich, im Alter von beiläufig 14 Jahren, als ihm der Zwang des Lebens zuhause unerträglich schien nach Ostro zu fahren. Der Vater hatte ihm gerade, als er gegen Abend die Close verließ, auf die Schulter geklopft und leichthin gesagt, er möchte dann später zu ihm kommen, er habe mit ihm zu reden. Weil hier offenbar wieder nichts anderes zu erwarten war, als Vorwürfe, gieng L. direkt von der Close ohne Gepäck, in einem etwas bessern Kaftan, weil es Samstag abend war, und mit seinem ganzen Geld, das er immer bei sich trug, auf den Bahnhof und fuhr mit dem 10 Uhrzug nach Ostro, wo er um 7 Uhr früh ankam. Er gieng gleich in die Jeschive, wo er kein besonderes Aufsehen machte, weil jeder in eine Jeschive eintreten kann und keine besonderen Aufnahmbedingungen bestehn. Auffallend war nur, daß er gerade zu dieser Zeit – es war Sommer – eintreten wollte, was nicht üblich war, und weil er einen guten Kaftan hatte. Aber auch damit fand man sich bald ab, weil so ganz junge Leute, die in einer uns unbekannten Stärke durch ihr Judentum an einander gebunden sind, sich leicht bekanntmachen. Beim Lernen zeichnete er sich aus, da er schon von zuhause viel Wissen mitbrachte. Die Unterhaltung mit den fremden Jungen gefiel ihm, besonders da ihn alle, als sie von seinem Geld erfuhren, mit Kaufangeboten umdrängten. Einer, der ihm "Tage" verkaufen wollte, setzte ihn besonders in Erstaunen. Mit "Tage" wurden nämlich Freitische bezeichnet. Ein verkäuflicher Gegenstand waren sie deshalb, weil es den Gemeindemitgliedern, die mit der Gewährung von Freitischen ohne Ansehen der Person ein gottgefälliges Werk tun wollten, gleichgültig war, wer an ihrem Tische saß. Wenn nun ein Student besonders geschickt war, konnte es ihm gelingen, einen Tag mit zwei Freitischen zu besetzen. Diese doppelten Mahlzeiten konnte er um so besser ertragen, als sie nicht sehr reichhaltig waren und man nach der einen noch mit großem Vergnügen die zweite herunteressen konnte und weil es auch vorkam, daß zwar ein Tag doppelt besetzt war, andere Tage aber leer standen. Trotzdem war natürlich jeder froh, wenn er Gelegenheit fand, einen solchen überzähligen Freitisch vorteilhaft zu verkaufen. Kam nun einer im Sommer wie Löwy also zu einer Zeit, wo die Freitische längst verteilt waren, konnte man sie überhaupt nur noch durch Kauf bekommen, da die am Anfang überzähligen Freitische sämtlich von Spekulanten besetzt waren. – Die Nacht in der Jeschiveh war unerträglich. Zwar standen alle Fenster offen, weil die Nacht warm war, aber der Gestank und die Hitze wollten sich aus den Zimmern nicht rühren, weil die Studenten, die keine eigentlichen Betten hatten, wo sie gerade zuletzt saßen, ohne sich auszuziehn, in ihren verschwitzten Kleidern sich zum Schlaf niederlegten. Alles war voll Flöhe. Früh benetzte sich jeder nur flüchtig Hände und Gesicht mit Wasser und fieng wieder zu studieren an. Man lernte meist zusammen, gewöhnlich zwei aus einem Buch. Oft verbanden Debatten mehrere zu einem Kreis. Der Rosch-Jeschive erklärte nur hie und da die schwierigsten Stellen. Trotzdem L. später – er blieb 10 Tage in Ostro, schlief und aß aber im Gasthaus – 2 ihm gleichgesinnte Freunde fand (man fand einander nicht so leicht, weil man die Gesinnung und Vertrauenswürdigkeit des andern immer erst vorsichtig prüfen mußte) kehrte er doch sehr gern wieder nachhause zurück, da er an ein geordnetes Leben gewöhnt war und es vor Heimweh nicht aushalten konnte.

Im großen Zimmer war der Lärm des Kartenspiels und später der gewöhnlichen vom Vater, wenn er gesund ist wie heute, laut wenn auch nicht zusammenhängend geführten Unterhaltung. Die Worte stellten nur kleine Spannungen eines unförmlichen Lärms vor. Im Mädchenzimmer, dessen Tür völlig geöffnet war, schlief der kleine Felix. Auf der anderen Seite in meinem Zimmer schlief ich. Die Tür dieses Zimmers war aus Rücksicht auf mein Alter geschlossen. Außerdem war durch die offene Tür angedeutet, daß man F. noch zur Familie heranlocken wollte, während ich schon abgeschieden war.

Gestern bei Baum. Strobl sollte kommen, war aber im Teater. B. las ein Feuilleton "vom Volkslied" vor; schlecht. Dann ein Kapitel aus "Des Schicksals Spiele und Ernst"; sehr gut. Ich war gleichgültig, schlecht gestimmt, bekam keinen reinen Eindruck des Ganzen. Auf dem Nachhauseweg im Regen erzählte mir Max den gegenwärtigen Plan der "Irma Polak". Zugeben konnte ich meinen Zustand nicht, da M. das niemals richtig anerkennt. Ich mußte daher unaufrichtig sein, was mir schließlich alles verleidete. Ich war so wehleidig, daß ich lieber zu Max sprach, wenn sein Gesicht im Dunkeln war, trotzdem dann meines in der Helligkeit sich leichter verraten konnte. Der geheimnisvolle Schluß des Romans ergriff mich dann aber durch alle Hindernisse hindurch. Auf dem Nachhauseweg nach dem Abschied Reue über meine Falschheit und Schmerz über ihre Unumgänglichkeit. Absicht ein eigenes Heft über mein Verhältnis zu Max anzulegen. Was nicht aufgeschrieben ist, flimmert einem vor den Augen und optische Zufälle bestimmen das Gesamturteil.

Als ich auf dem Kanapee lag und in beiden Zimmern mir zur Seite laut gesprochen wurde, links nur von Frauen, rechts mehr von Männern, hatte ich den Eindruck daß es rohe negerhafte nicht zu besänftigende Wesen sind, die nicht wissen, was sie reden und nur reden, um die Luft in Bewegung zu setzen, die beim Reden das Gesicht heben und den Worten, die sie aussprechen, nachsehn.

So vergeht mir der regnerische, stille Sonntag, ich sitze im Schlafzimmer und habe Ruhe aber statt mich zum Schreiben zu entschließen, in das ich z. B. vorgestern mich hätte ergießen wollen mit allem was ich bin, habe ich jetzt eine ganze Weile lang meine Finger angestarrt. Ich glaube diese Woche ganz und gar von Goethe beeinflußt gewesen zu sein, die Kraft dieses Einflusses eben erschöpft zu haben und daher nutzlos geworden zu sein.

Aus einem Gedicht von Rosenfeld, das einen Meersturm darstellt: "Es flattern die Seelen, es zittern die Leiber". Löwy verkrampft beim Recitieren die Haut der Stirn und der Nasenwurzel, wie man nur Hände verkrampfen zu können glaubt. Bei den ergreifendsten Stellen, die er einem nahebringen will, nähert er sich uns selbst oder besser er vergrößert sich, indem er seinen Anblick klarer macht. Nur ein wenig tritt er vor, hält die Augen aufgerissen, zupft mit der abwesenden linken Hand am Schlußrock und hält die rechte offen und groß uns hin. Auch sollen wir, wenn wir schon nicht ergriffen sind, seine Ergriffenheit anerkennen und ihm die Möglichkeit des beschriebenen Unglücks erklären.

Ich soll dem Maler Ascher nackt zu einem heiligen Sebastian Modell stehn.

Wenn ich jetzt am Abend zu meinen Verwandten zurückkehren werde, werde ich, da ich nichts geschrieben habe, was mich freuen würde, ihnen nicht fremder verächtlicher, nutzloser vorkommen als mir. Dies alles natürlich nur meinem Gefühl nach (das durch keine noch so genaue Beobachtung zu betrügen ist) denn tatsächlich haben sie alle Achtung vor mir und lieben mich auch.

24 I 12 Mittw. Aus folgenden Gründen solange nicht geschrieben: Ich war mit meinem Chef bös und brachte das erst durch einen guten Brief ins Reine; war mehrere Male in der Fabrik; las Pinez "L’histoire de la litterature judeo-allemande" 500 S. undzwar gierig, wie ich es mit solcher Gründlichkeit, Eile und Freude bei ähnlichen Büchern noch niemals getan habe; jetzt lese ich Fromer "Organismus des Judentums"; endlich hatte ich mit den jüdischen Schauspielern viel zu tun, schrieb für sie Briefe, habe beim zionistischen Verein durchgesetzt, daß die z. Vereine Böhmens befragt werden, ab sie Gastspiele der Truppe haben wollen, das nötige Rundschreiben habe ich geschrieben und vervielfältigen lassen; habe noch einmal Sulamit gesehn und einmal Herzele Meliches von Richter, war beim Volksliederabend des Vereins Bar Kochba und vorgestern beim "Graf von Gleichen" von Schmidtbonn.

Volksliederabend: Dr. Nathan Birnbaum hält den Vortrag. Ostjüdische Gewohnheit, wo die Rede stockt, "meine verehrten Damen und Herren" oder nur "meine Verehrten" einzufügen. Wiederholt sich am Anfang der Rede Birnbaums zum Lächerlichwerden. Soweit ich aber Löwy kenne glaube ich daß solche ständigen Wendungen, die auch im gewöhnlichen ostjüdischen Gespräch oft vorkommen wie "Weh ist mir!" oder "S’ist nischt" oder "S’ist viel zu reden" nicht Verlegenheit verdecken sollen, sondern als immer neue Quellen den für das ostjüdische Temperament immer noch zu schwer daliegenden Strom der Rede umquirlen sollen. Bei Birnbaum aber nicht.

26. I 12

– Der Rücken des Herrn Weltsch und die Stille des ganzen Saales beim Anhören der schlechten Gedichte. – Birnbaum: Die Frisur mit den länglichen Haaren setzt scharf am Hals ab, der durch diese plötzliche Entblößung oder durch sich selbst sehr aufrecht ist. Große gekrümmte, nicht zu schmale und doch an den Seiten breitflächige Nase, die vor allem infolge der guten Proportionalität zum großen Bart schön aussieht. – Sänger Gollanin. Friedliches, süßliches, himmlisches, herablassendes, mit zur Seite und in die Tiefe geneigtem Gesicht lang ausgehaltenes, mit gerümpfter Nase etwas zugespitztes Lächeln, das aber auch bloß zur Mundtechnik gehören kann. –

Pines: Histoire de la Litterature Judeo-Allemande. Paris 1911

sie durch den Jargon in Verbindung mit den Brüdern in Holland.

Erstes Buch 1507 Venedig, Bovomaisse, Übersetzung eines engl. Romans.

Tsena-Urena de Jakob ben Isack de Janow (gest. Prag 1628) Legenden, Frauenbuch, sehr schön

Volkslieder: (Evreiskia narodnia piesni w Rassia Ginsbourg u. Marek 1901)

treten die Mutter des Gerechten

Soldatenlied:

Man schneidet uns Bart und Schläfenlocken

Und man verbietet uns den Samstag und die Festtage zu feiern.

oder

Schon im Alter von 5 Jahren bin ich in den "Cheder" eingetreten und jetzt soll ich auf den Pferden reiten!

Wos mir seinen, seinen mir Ober jueden seinen mir

Haskala, von Mendelssohn am Anfang des 19ten Jahrhunderts eingeleitete Strömung, Anhänger heißen Maskilim, volks-jargon-feindlich zum Hebräisch und zu den europäischen Wissenschaften hin. Vor den pogroms des Jahres 1881 war sie nicht nationalistisch, später stark zionistisch. Grundsatz von Gordon formuliert: "Zuhause sei Jude, draußen Mensch. " Um ihre Ideen zu verbreiten, muß die Haskala den Jargon gebrauchen und so sehr sie ihn haßt begründet sie seine Litteratur

Eines der beliebtesten Bücher "Kolumbus" von Chaikel Hurwiz de Ouman. Übersetzung eines deutschen Buches. Weitere Bestrebungen der Haskala "la lutte contre le chassidisme, l’exaltation de l’instruction et des travaux manuels. Levinsohn, Aksenfeld, Ettinger

Badchen die traurigen Volks- und Hochzeitssänger (Eliakum Zunser) talmudische Gedankengänge

Le Roman populaire: Aisik Meier Dick 1808 – 1894 lehrhaft, haskalisch, Schomer, noch ärger

Titel z. B. Der podriatschik (l’entrepreneur) ein höchst interessanter Roman. Ein richtiger fact vun leben oder "Die eiserne Frau oder das verkaufte Kind. Ein wunderschöner roman"

weiterhin in Amerika Lieferungsromane "Zwischen menschenfresser" 26 Bände

S. J. Abramowitsch (Mendele Mocher Sforim) lyrisch, gedämpft lustig, verschwommene Kompositionen "Fischke der krumer" (Ostjüdische Gewohnheit des an den Lippen Beißens)

J. J. Linetzki Dos polnische juengel

Ende der Haskala 1881. Neuer Nationalismus und Demokratismus. Aufschwung der Jargonlitteratur

S. Frug Lyriker, Landleben um jeden Preis

Delicieux est le sommeil du seigneur dans sa chambre

Sur des oreillers doux, blancs comme la neige

Mais plus delicieux encore est le repos dans le champ sur

du foin frais

A l’heure du soir, apres le travail

Talmud: Der, welcher sein Studium unterbricht, um zu sagen, wie hübsch ist dieser Baum, hat den Tod verdient

Klagen an der westl. Mauer des Tempels Gedicht: La fille du Schamesch

Der geliebte Rabbi ist auf dem Totenbett. Die Beerdigung eines Leichentuchs in der Größe des Rabbi und andere mystische Mittel helfen nicht mehr. Die Gemeindeältesten gehen daher in der Nacht mit einer Liste von Haus zu Haus und sammeln Verzichterklärungen der Gemeindemitglieder auf Tage und Wochen ihres Lebens zugunsten des Rabbi ein. Deborah la fille du Schamesch gibt ihr ganzes Leben. Sie stirbt, der Rabbi wird gesund. In der Nacht wenn er allein in der Synagoge studiert, hört er die Stimmen des ganzen unterdrückten Lebenslaufes Deborahs. Den Gesang bei ihrer Hochzeit, die Schreie des Kindbettes, die Wiegenlieder, die Stimme des Sohnes, der die Tora lernt, die Musik bei der Hochzeit der Tochter. Zugleich mit dem Ertönen der Klagelieder über ihrer Leiche stirbt auch der Rabbi.

Perez né 1851 schlechte Heine Lyrik und sociale Gedichte

Rosenfeld das arme Jargonpublikum hat seine Existenz durch eine Sammlung sichergestellt

M. Spektor: besser als Dick, sociale u. nationale Interessen

Zerstörung der Mikwe zerstört die

Gemeinde Behandlung

Jakob Dienesohn: Seine Schurken höherer Themen

werden besser belohnt. Süßlich

S. Rabinowitsch (Scholem-Aleichem)

ne 1859. Gewohnheit großer Jubiläumsfeierlichkeiten in der Jargonlitteratur

Kassriliwke, Menachem Mendel, der ausgefahren ist und sein ganzes Vermögen mitgenommen hat; trotzdem er bisher nur Talmud studiert hat, fängt er in der großen Stadt an der Börse zu spekulieren an, faßt jeden Tag andere Entschlüsse und berichtet darüber immer sehr selbstzufrieden seiner Frau; bis er endlich um Reisegeld bitten muß

Purim, die Ghettostadt voll Masken

Perez

Die Gestalt des batlen, häufig in den Ghettos, arbeitsscheu und durch Faulenzen klug geworden, lebt in den Kreisen der

Frommen und Gelehrten. Viele Anzeichen des Unglücks an ihnen, da sie junge Leute sind, die gegenüber dem Genuß der Tatenlosigkeit sich an ihr auch verzehren, in Träumen leben, unter der freigelassenen Gewalt ungestillter Wünsche leben.

mithat nechiko Tod durch den Kuß: nur den Frömmsten vorbehalten

Baalschem, ehe er Rabbi in Mieceboz war, lebte er in den Karpathen als Gemüsegärtner später war er Kutscher seines Schwagers. Die Erleuchtungen kamen ihm auf einsamen Spaziergängen. Zohar "Bibel der Kabbalisten"

Jüdisches Teater 1708 Frankfurt Purimspiele

Ein schoen neu Achaschweroschspiel

Abraham Goldfaden, 1876/77 russisch-türkischer Krieg, russische und galizische Armeelieferanten hatten sich in Bukarest angesammelt, Goldf. hatte sich auch herverirrt auf der Suche nach Verdienst hörte das Publikum in den Kafehäusern Jargonlieder singen und bekam Mut zur Teatergründung. Frauen konnte er hier noch nicht auf die Bühne bringen.

1883 wurden Jargonaufführ. in Rußland verboten. 1884 begannen sie in London und New York (Lateiner Horowitz) J. Gordin 1897 in einer Jubileumschrift des jüd. Teaters in New York: Das Jargonteater hat ein Publikum von Hunderttausenden, aber es darf das Heraufkommen eines Schriftstellers mit mächtigem Talent nicht erhoffen, solange die Mehrzahl seiner Autoren Leute sein werden wie ich, die nur durch Zufall dramatische Autoren geworden sind, die nur unter dem Zwange ihrer Lebensverhältnisse Stücke schreiben und die wie ich vereinsamt zurückbleiben und rings um sich nur Unwissenheit, Neid, Feindschaft und Gehässigkeit erblicken.

Beckermann (Sch.) Gitil die kremerke, sehr a interessanter Roman, wos die Leser wellen sein zufrieden. Vilna 1898

Missionärbuch: Beweise aus den alten Propheten, dos der Messias schon gekommen 1819 London

31. I 12. Nichts geschrieben. Weltsch bringt mir Bücher über Goethe, die mir eine zerstreute, nirgends anwendbare Aufregung verursachen. Plan eines Aufsatzes "Goethes entsetzliches Wesen". Furcht vor dem 2 stündigen Abendspaziergang, den ich jetzt für mich eingeführt habe.

4. II 12 Vor 3 Tagen Wedekind: Erdgeist.

Wedekind und seine Frau Tilly spielen mit. Klare gestochene Stimme der Frau. Schmales mondsichelförmiges Gesicht. Der beim ruhigen Stehn sich seitlich abzweigende Unterschenkel. Klarheit des Stückes auch im Rückblick, so daß man ruhig und selbstbewußt nachhause geht. Widersprechender Eindruck des durchaus festgegründeten und doch fremdbleibenden.

Als ich damals ins Teater gieng, war mir wohl. Wie Honig schmeckte ich mein Inneres. Trank es in ununterbrochenem Zug. Im Teater vergieng es gleich. Es war übrigens der vorige Teaterabend: "Orpheus in der Unterwelt" mit Pallenberg. Die Aufführung war so schlecht, Beifall und Lachen um mich im Stehparterre so groß, daß ich mir nur dadurch zu helfen wußte, daß ich nach dem 2. Akt weglief und dadurch alles zum Schweigen brachte.

Vor-Gestern guten Brief nach Trautenau wegen eines Gastspiels von Löwy geschrieben. Jedes Lesen des Briefes beruhigte und stärkte mich, so sehr war darin unausgesprochener Bezug auf alles Gute in mir genommen.

Der mich ganz durchgehende Eifer mit dem ich über Goethe lese (Goethes Gespräche, Studentenjahre, Stunden mit Goethe, Ein Aufenthalt Goethes in Frankfurt) und der mich von jedem Schreiben abhält.

Schmerler, Kaufmann, 32 Jahre alt, konfessionslos, philosophisch gebildet, für schöne Litteratur hauptsächlich nur soweit interessiert, als sie sein Schreiben betrifft. Runder Kopf, schwarze Augen, kleiner energischer Schnurrbart, festes Wangenfleisch, gedrungene Gestalt. Studiert seit Jahren von 9 Uhr bis 1 Uhr in der Nacht. Gebürtig aus Stanislau, Kenner des Hebräischen und des Jargon. Verheirathet mit einer Frau, die nur durch die ganz runde Gesichtsform den Eindruck der Beschränktheit macht.

Seit zwei Tagen Kühle gegen Löwy. Er fragt mich danach. Ich leugne es.

Ruhiges, zurückgezogenes Gespräch mit Fräulein T. im Zwischenakt des Erdgeist auf der Gallerie. Man muß förmlich, um ein gutes Gespräch zu erreichen die Hand tiefer, leichter, verschlafener unter den zu behandelnden Gegenstand schieben, dann hebt man ihn zum Erstaunen. Sonst knickt man sich die Finger ein und denkt an nichts als an die Schmerzen.

Geschichte: Die Abendspaziergänge. (Erfindung des raschen Gehns) Einleitendes schönes dunkles Zimmer.

Frl. T. erzählte von einer Szene ihrer neuen Geschichte, in welcher einmal in die Nähschule ein Mädchen mit schlechtem Ruf eintritt. Der Eindruck auf die andern Mädchen. Ich meine, bedauern werden sie diejenigen, welche die Fähigkeit und Lust, zu schlechtem Ruf zu kommen, deutlich in sich fühlen und damit zugleich unmittelbar sich vorstellen können, in was für ein Unglück sich zu stürzen, das bedeutet.

Vor einer Woche Vortrag Dr. Theilhaber im Festsaal des Jüdischen Rathauses über den Untergang der deutschen Juden. Er ist unaufhaltbar denn 1.) sammeln sich die Juden in den Städten, die jüdischen Landgemeinden verschwinden. Das Streben nach Gewinn verzehrt sie. Ehen werden nur mit Rücksicht auf die Versorgung der Braut geschlossen. 2 Kindersystem

2. Mischehen 3.) Taufen

Komische Szenen, als Prof. Ehrenfels, der immer schöner wird und dem sich im Licht der kahle Kopf in einer gehauchten Kontur nach oben abgrenzt, die Hände an einander gelegt und gegenseitig drückend, mit seiner vollen wie bei einem Musikinstrument modulierten Stimme, vor Vertrauen zur Versammlung lächelnd für Mischrassen sich einsetzt

5. II 12 Mo. Müde auch das Lesen von "Dichtung und Wahrheit" aufgegeben. Ich bin hart nach Außen, kalt im Innern. Als ich heute zu Dr. Fleischmann kam war es, trotzdem wir langsam und überlegt zusammenkamen, als wären wir wie Bälle zusammengestoßen, die einer den andern zurückwerfen und selbst ohne Beherrschung sich verlieren. Ich fragte ihn ob er müde wäre. Er war nicht müde. Warum ich fragte? Ich bin müde antwortete ich und setzte mich.

Aus einem solchen Zustand sich zu erheben, sollte eigentlich selbst mit gewollter Energie leicht sein. Ich reiße mich vom Sessel los, umlaufe den Tisch mit großen Schritten, mache Kopf und Hals beweglich, bringe Feuer in die Augen, spanne die Muskeln um sie herum. Arbeite jedem Gefühl entgegen, begrüße Löwy stürmisch, wenn er jetzt kommen wird, dulde freundlich meine Schwester im Zimmer, während ich schreibe, ziehe bei Max alles, was gesagt wird, trotz Schmerz und Mühe in langen Zügen in mich hinein. Nun ist es zwar möglich, daß mir einzelnes davon ziemlich vollständig gelingen würde, aber mit jedem deutlichen Fehler – und die können nicht ausbleiben – wird das Ganze, das Leichte und das Schwere, stocken und ich werde mich im Kreise zurückdrehn müssen. Der beste Rat bleibt deshalb, möglichst ruhig alles hinzunehmen, als schwere Masse sich verhalten und fühle man sich selbst fortgeblasen, keinen unnötigen Schritt sich ablocken lassen, den andern mit Tierblick anschauen, keine Reue fühlen, sich dem Bewußtlosen hingeben, das man ferne glaubt, trotzdem man sich daran gerade verbrennt, seine eckigen unveränderlichen Gliedmaßen sich nach Belieben legen lassen, kurz das was vom Leben als Gespenst noch übrig ist mit eigener Hand niederdrücken d. h. die letzte grabmäßige Ruhe noch vermehren und nichts außer ihr mehr bestehen lassen. Eine charakteristische Bewegung eines solchen Zustandes ist das Hinfahren des kleinen Fingers über die Augenbrauen.

Kleiner Ohnmachtsanfall gestern im Kafe City mit Löwy. Das Herabbeugen über ein Zeitungsblatt um ihn zu verbergen

Goethes schöne Silhouette in ganzer Gestalt. Nebeneindruck des Widerlichen beim Anblick dieses vollkommenen menschlichen Körpers, da ein Übersteigen dieser Stufe außerhalb der Vorstellbarkeit ist und diese Stufe doch nur zusammengesetzt und zufällig aussieht. Die aufrechte Haltung, die hängenden Arme, der schmale Hals, die Kniebeugung.

Die Ungeduld und Trauer wegen meiner Mattigkeit nährt sich besonders durch die niemals aus den Augen gelassene Aussicht in die Zukunft, die mir dadurch vorbereitet wird. Was für Abende, Spaziergänge, Verzweiflung im Bett und auf dem Kanapee,

7 II 12 stehn mir noch bevor, ärger als die schon überstandenen!

Gestern in der Fabrik. Die Mädchen in ihren an und für sich unerträglich schmutzigen und gelösten Kleidern, mit den wie beim Erwachen zerworfenen Frisuren, mit dem vom unaufhörlichen Lärm der Transmissionen und von der einzelnen zwar automatischen aber unberechenbar stockenden Maschine festgehaltenen Gesichtsausdruck sind nicht Menschen, man grüßt sie nicht, man entschuldigt sich nicht, wenn man sie stößt, ruft man sie zu einer kleinen Arbeit, so führen sie sie aus, kehren aber gleich zur Maschine zurück, mit einer Kopfbewegung zeigt man ihnen wo sie eingreifen sollen, sie stehn in Unterröcken da, der kleinsten Macht sind sie überliefert und haben nicht einmal genug ruhigen Verstand, um diese Macht mit Blicken und Verbeugungen anzuerkennen und sich geneigt zu machen. Ist es aber sechs Uhr und rufen sie das einander zu, binden sie die Tücher vom Hals und von den Haaren los, stauben sie sich ab mit einer Bürste, die den Saal umwandert und von Ungeduldigen herangerufen wird, ziehn sie die Röcke über die Köpfe und bekommen sie die Hände rein so gut es geht, so sind sie schließlich doch Frauen, können trotz Blässe und schlechten Zähnen lächeln, schütteln den erstarrten Körper, man kann sie nicht mehr stoßen, anschauen oder übersehn, man drückt sich an die schmierigen Kisten um ihnen den Weg freizumachen, behält den Hut in der Hand, wenn sie guten Abend sagen und weiß nicht, wie man es hinnehmen soll, wenn eine unseren Winterrock bereithält, daß wir ihn anziehn.

8 II 12 Goethe: Meine Lust am Hervorbringen war grenzenlos.

Ich bin nervöser, schwächer geworden und habe einen großen Teil der Ruhe, auf die ich vor Jahren stolz war, verloren. Als ich heute die Karte von Baum bekam in der er schreibt, daß er doch die Conference zum ostjüdischen Abend nicht halten kann und ich also glauben mußte, daß ich die Sache werde übernehmen müssen, war ich ganz unbeherrschbaren Zuckungen überlassen, wie kleine Feuerchen sprang das Aufklopfen der Adern den Körper entlang; saß ich, zitterten mir unter dem Tisch die Knie und die Hände mußte ich aneinanderdrücken. Ich werde ja einen guten Vortrag halten, das ist sicher, auch wird die aufs höchste gesteigerte Unruhe an dem Abend selbst mich so zusammenziehn, daß nicht einmal für Unruhe Raum sein wird und die Rede aus mir geradewegs kommen wird wie aus einem Flintenlauf. Es ist aber möglich, daß ich nachher niederfallen und jedenfalls es lange nicht werde verwinden können. So wenig Körperkraft! Sogar diese paar Worte sind unter der Beeinflussung der Schwäche geschrieben.

Gestern Abend bei Baum mit Löwy. Meine Lebendigkeit. Letzthin hat Löwy bei Baum eine schlechte hebräische Geschichte "Das Auge" übersetzt.

13. II 12 Ich beginne für die Konference zu Löwys Vorträgen zu schreiben. Sie ist schon Sonntag den 18ten. Ich werde nicht mehr viel Zeit haben mich vorzubereiten und stimme doch hier ein Recitativ an wie in der Oper. Nur deshalb weil schon seit Tagen eine ununterbrochene Aufregung mich bedrängt und ich vor dem eigentlichen Beginn halbwegs zurückgezogen paar Worte nur für mich hinschreiben will, um dann erst ein wenig in Gang gebracht vor die Öffentlichkeit mich hinzustellen. Kälte und Hitze wechselt in mir mit dem wechselnden Wort innerhalb des Satzes, ich träume melodischen Aufschwung und Fall, ich lese Sätze Goethes, als liefe ich mit ganzem Körper die Betonungen ab.

25. II 12 Das Tagebuch von heute an festhalten! Regelmäßig schreiben! Sich nicht aufgeben! Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein. Diesen Abend verbrachte ich in vollständiger Gleichgültigkeit am Familientisch, die rechte Hand an der Sessellehne der neben mir Karten spielenden Schwester, die linke schwach im Schooß. Von Zeit zu Zeit suchte ich meines Unglücks mir bewußt zu werden, es gelang mir kaum. –

Ich habe so lange nichts geschrieben, weil ich einen Vortragsabend Löwys im Festsaal des jüdischen Rathauses am 18. II 12 veranstaltet habe, bei dem ich einen kleinen Einleitungsvortrag über Jargon hielt. Zwei Wochen lebte ich in Sorgen, weil ich den Vortrag nicht zustandebringen konnte. Am Abend vor dem Vortrag gelang er mir plötzlich. Vorbereitungen zum Vortrag: Konferenzen mit dem Verein Bar-Kochba, Zusammenstellung des Programms, Eintrittskarten, Saal, Numerierung der Plätze, Schlüssel zum Klavier (Toynbeehalle), erhöhtes Podium, Klavierspieler, Kostümierung, Kartenverkauf, Zeitungsnotizen, Censur der Polizei und der Kultusgemeinde. Lokale, in denen ich war und Leute mit denen ich gesprochen oder denen ich geschrieben habe: Allgemeines: mit Max, mit Schmerler, der bei mir war, mit Baum, der zuerst die Conference übernommen hatte, sie dann ablehnte, den ich im Laufe eines dafür bestimmten Abends wieder umstimmte und der den nächsten Tag mit Rohrpostkarte wieder absagte, mit Dr. Hugo Hermann und Leo Hermann im Kafe Arco, öfters mit Robert Weltsch in seiner Wohnung, wegen Kartenverkaufes mit Dr. Bloch (umsonst) Dr. Hanzal, Dr. Fleischmann, Besuch bei Frl. Taussig, Vortrag im Afike Jehuda (Rabb. Ehrentreu über Jeremias und seine Zeit beim geselligen Zusammensein nachher kleine mißlungene Rede über Löwy), beim Lehrer Weiß (dann im Cafe, dann spazieren, von 12 bis 1 stand er lebendig wie ein Tier vor meiner Haustür und ließ mich nicht hinein) Wegen des Saales bei Dr. Karl Bendiener, im Flur des Rathauses mit dem alten Dr. Bendiener, zweimal in der Wohnung des Liebers am Heuwagsplatz, einigemal bei Otto Pick in der Bank, wegen des Klavierschlüssels beim Toynbeevortrag mit Hr. Roubitschek und dem Lehrer Stiassny, dann in des letzternWohnung den Schlüssel abholen und wieder zurückbringen, wegen des Podiums mit dem Hausmeister und Diener des Rathauses, wegen der Bezahlung in der Rathauskanzlei (zweimal), wegen des Verkaufes bei Frau Freund in der Ausstellung "Der gedeckte Tisch"

Geschrieben: an Frl. Taussig, an einen Otto Klein (nutzlos) fürs Tagblatt (nutzlos) an Löwy ("ich werde den Vortrag nicht halten können, retten Sie mich! ") Aufregungen: wegen des Vortrags eine Nacht zusammengedreht im Bett, heiß und schlaflos, Haß auf Dr. Bloch, Schrecken vor Weltsch (er wird nichts verkaufen können) Afike Jehuda, in den Zeitungen erscheinen die Notizen nicht so wie man es erwartet, Zerstreutheit im Bureau, das Podium kommt nicht, es wird wenig verkauft, die Farbe der Karten regt mich auf, der Vortrag muß unterbrochen werden, weil der Klavierspieler die Noten zuhause in Kosir vergessen hat, häufige Gleichgültigkeit gegen Löwy, fast Abscheu.

Nutzen: Freude an L. und Vertrauen zu ihm, stolzes, überirdisches Bewußtsein während meines Vortrages (Kälte gegen das Publikum, nur der Mangel an Übung hindert mich an der Freiheit der begeisterten Bewegung) starke Stimme, müheloses Gedächtnis, Anerkennung, vor allem aber die Macht mit der ich laut, bestimmt, entschlossen, fehlerfrei, unaufhaltsam, mit klaren Augen, fast nebenbei, die Frechheit der drei Rathausdiener unterdrücke und ihnen statt der verlangten 12K nur 6K gebe und diese noch wie ein großer Herr. Da zeigen sich Kräfte, denen ich mich gerne anvertrauen möchte, wenn sie bleiben wollten. (Meine Eltern waren nicht dort.)

sonst: Akademie der Herdervereinigung auf der Sophieninsel. Bie schiebt mit Beginn des Vortrags die Hand in die Hosentasche. Dieses unter aller Täuschung befriedigte Gesicht der nach ihrem Belieben arbeitenden Menschen. Hoffmannstal liest mit falschem Klang in der Stimme. Gesammelte Gestalt, angefangen von den an den Kopf angepreßten Ohren. Wiesental. Die schönen Tanzstellen, wenn sich z. B. in einem auf den Boden Zurücksinken die natürliche Körperschwere zeigt.

Eindruck der Toynbeehalle.

Zionistische Versammlung. Blumenfeld. Sekretär der zionistischen Weltorganisation

In meiner Selbstüberlegung ist seit letzter Zeit eine neue festigende Kraft aufgetreten, die ich gerade und erst jetzt erkennen kann, da ich mich in der letzten Woche geradezu auflöse vor Traurigkeit und Nutzlosigkeit.

Wechselndes Gefühl inmitten der jungen Leute im Cafe Arco.

26. II 12 Besseres Selbstbewußtsein. Herzschlag näher den Wünschen. Das Rauschen des Gaslichtes über mir.

Ich öffnete die Haustür, um nachzusehn, ob das Wetter zu einem Spaziergang verlocke. Blauer Himmel war nicht zu leugnen, aber große blaudurchschimmerte graue Wolken mit klappenförmig abgebogenen Rändern schwebten niedrig, wie man an den nahen Waldhügeln abmessen konnte. Trotzdem war die Gasse voll Menschen die zu Spaziergängen auszogen. Kinderwagen wurden von festen Mutterhänden gelenkt. Hie und da stockte in der Menge ein Gefährt und wartete, bis vor den auf- und absteigenden Pferden die Menschen auseinandertraten. Indessen blickte der Wagenlenker, ruhig die zitternden Zügel haltend, vor sich hin, übersah keine Kleinigkeit, untersuchte alles einigemal und gab dem Wagen im richtigen Augenblick den letzten Antrieb. Kinder konnten laufen, sowenig Raum auch war. Mädchen in leichten Kleidern mit Hüten, die so ausgesprochen wie Briefmarken gefärbt waren, giengen am Arm junger Leute und eine in ihren Kehlen unterdrückte Melodie zeigte sich im Tanzschritt ihrer Beine. Familien hielten gut zusammen und waren sie auch einmal in langer Reihe zerstreut so fanden sich leicht rückwärts ausgestreckte Arme, winkende Hände, Ausrufe von Schmeichelnamen welche die Verlorenen verknüpften. Allein gelassene Männer suchten sich noch mehr abzuschließen, indem sie die Hände in die Taschen steckten. Das war kleinliche Narrheit. Zuerst stand ich im Haustor, dann lehnte ich mich an um ruhiger zuzusehn. Kleider streiften mich, einmal ergriff ich ein Band das hinten einen Mädchenrock verzierte und ließ es durch die sich Entfernende aus der Hand ziehn; als ich einmal einem Mädchen, nur um ihm zu schmeicheln über die Schulter strich, gab mir der folgende Passant einen Schlag auf die Finger. Ich zog ihn aber hinter den einen verriegelten Haustorflügel, meine Vorwürfe waren erhobene Hände, Blicke aus den Augenwinkeln, ein Schritt zu ihm hin ein Schritt von ihm weg, er war glücklich, als ich ihn mit einem Stoß entließ. Von jetzt an rief ich natürlich öfters Leute zu mir her, ein Winken mit dem Finger genügte oder ein rascher, nirgends zögernder Blick.

In einer wie mühelosen Schläfrigkeit ich dieses Unnütze, Unfertige geschrieben habe.

Heute schreibe ich an Löwy. Ich schreibe die Briefe an ihn hier auf, weil ich mit ihnen etwas zu erreichen hoffe:

Lieber Freund

27 II 12 Ich habe keine Zeit Briefe doppelt zu schreiben.

Gestern abend 10 Uhr gieng ich in meinem traurigen Schritt die Zeltnergasse herab. In der Gegend des Hutgeschäftes Hess bleibt ein junger Mann drei Schritte schief vor mir stehn, bringt mich dadurch auch zum Stehn, zieht den Hut und lauft dann auf mich zu. Ich trete im ersten Schrecken zurück, denke zuerst, jemand will den Weg zur Bahn wissen, aber warum in dieser Weise, glaube dann, da er vertraulich nahe an mich heran kommt und mir von unten her ins Gesicht sieht, weil ich größer bin, vielleicht will er Geld oder noch Ärgeres. Mein verwirrtes Zuhören und sein verwirrtes Reden vermischen sich. "Sie sind Jurist nicht wahr? Doktor? Bitte könnten Sie mir da nicht einen Rat geben? Ich habe da eine Sache, zu der ich einen Advokaten brauche. " Aus Vorsicht, allgemeinem Verdacht, und Besorgnis, ich könnte mich blamieren, leugne ich Jurist zu sein, bin aber bereit ihm einen Rat zu geben, was ist es? Er beginnt zu erzählen, es interessiert mich, um das Vertrauen zu stärken, fordere ich ihn auf, lieber im Gehn mir zu erzählen, er will mich begleiten, nein ich werde lieber mit ihm gehn, ich habe keinen bestimmten Weg.

Er ist ein guter Recitator, früher war er beiweitem nicht so gut wie jetzt, jetzt kann er schon den Kainz nachmachen, daß keiner ihn unterscheidet. Man wird sagen, er macht ihm nur nach, aber er gibt doch auch viel eigenes. Er ist zwar klein, aber Mimik, Gedächtnis, Auftreten hat er, alles, alles. In der Militärzeit draußen in Milowitz im Lager hat er recitiert, ein Kamerad hat gesungen, sie haben sich wirklich sehr gut unterhalten. Es war eine schöne Zeit. Am liebsten recitiert er Dehmel, die leidenschaftlichen frivolen Gedichte z. B. von der Braut, welche sich die Brautnacht vorstellt, wenn er das recitiert, so macht das besonders auf die Mädchen einen riesigen Eindruck. Also das ist ja selbstverständlich. Er hat den Dehmel sehr schön gebunden, so in rotem Leder. (Mit herabfahrenden Händen beschreibt er ihn) Aber auf den Einband kommt es ja nicht an. Außerdem recitiert er sehr gern Rideamus. Nein die widersprechen einander gar nicht, da vermittelt er schon, redet dazwischen, was ihm einfallt, macht sich aus dem Publikum einen Narren. Dann ist auf seinem Programm noch Prometheus. Da fürchtete er sich vor niemandem, auch vor Moissi nicht, Moissi trinkt, er nicht. Endlich liest er sehr gerne vor von Swet Marten; das ist ein neuer nordischer Schriftsteller. Sehr gut. Es sind so Epigramme und kleine Aussprüche. Besonders die über Napoleon sind ausgezeichnet, aber auch alle andern über andere große Männer. Nein, recitieren kann er daraus noch nichts, er hat es noch nicht studiert, nicht einmal ganz gelesen, nur seine Tante hat es ihm letzthin vorgelesen und da hat es ihm eben so gut gefallen

Mit diesem Programm wollte er also öffentlich auftreten und hat sich also dem "Frauenfortschritt" für einen Vortragsabend angeboten. Eigentlich wollte er zuerst "Eine Gutsgeschichte" von der Lagerlöf vortragen und hat auch diese Geschichte der Obmännin des Frauenfortschritt, der Frau Durege-Wodnanski, zur Überprüfung geborgt. Sie sagte, die Geschichte wäre ja schön, aber zu lang, um vorgetragen zu werden. Er sah das ein, sie war wirklich zu lang, besonders da an dem beabsichtigten Vortragsabend noch sein Bruder Klavier vorspielen sollte. Dieser Bruder, 21 Jahre alt, ein sehr lieber Junge, ist ein Virtuose, er war zwei Jahre (schon vor 4 Jahren) an der Musikhochschule in Berlin. Ist aber ganz verdorben zurückgekommen. Verdorben eigentlich nicht, aber seine Kostfrau hat sich in ihn verliebt. Er hat dann später erzählt, daß er oft zum Spielen zu müde war, weil er immerfort auf dieser Kostschachtel herumreiten mußte.

Da also die Gutsgeschichte nicht paßte, einigte man sich auf das andere Programm Dehmel, Rideamus, Prometheus und Swet Marten. Um nun aber der Frau Durege von vornherein zu zeigen, was er eigentlich für ein Mensch ist, brachte er ihr das Manuscript eines Aufsatzes "Lebensfreude", den er im Sommer dieses Jahres geschrieben hatte. Er hatte es in der Sommerfrische geschrieben, bei Tag stenographiert, am Abend ins reine gebracht, gefeilt, gestrichen, aber eigentlich nicht viel Arbeit damit gehabt, da es ihm gleich gelungen war. Er borgt es mir, wenn ich will, es ist zwar populär geschrieben, mit Absicht, aber es sind gute Gedanken darin und es ist betamt wie man sagt. (Spitziges Lachen mit erhobenem Kinn.) Ich kann es mir ja hier durchblättern unter dem elektrischen Licht. (Es ist eine Aufforderung an die Jugend nicht traurig zu sein, denn es gibt ja die Natur, die Freiheit, Goethe, Schiller Shakespeare, Blumen, Insekten u. s. w.) Die Durege sagte, sie hätte jetzt gerade keine Zeit es zu lesen, aber er könne es ihr ja borgen, sie werde es ihm in paar Tagen zurückgeben. Er hatte schon Verdacht und wollte es nicht dort lassen, wehrte sich, sagte z. B. Schauen Sie Frau Durege warum soll ich es hier lassen, es sind ja nur Banalitäten, es ist ja gut geschrieben, aber – Es half alles nichts, er mußte es dort lassen. Das war Freitag.

28 II 12 Am Sonntag morgen beim Waschen fällt ihm ein, daß er das Tagblatt noch nicht gelesen hat. Er schlägt es auf, zufällig gerade die erste Seite der Unterhaltungsbeilage. Der Titel des ersten Aufsatzes "Das Kind als Schöpfer" fällt ihm auf, er liest die ersten Zeilen – und fängt vor Freude zu weinen an. Es ist sein Aufsatz, wortwörtlich sein Aufsatz. Es ist also zum erstenmal etwas gedruckt, er lauft zur Mutter und erzählt es. Die Freude! Die alte Frau, sie ist zuckerkrank und vom Vater geschieden, der übrigens im Recht ist, ist so stolz. Ein Sohn ist ja schon Virtuose, jetzt wird der andere Schriftsteller!

Nach der ersten Aufregung überlegt er nun die Sache. Wie ist denn der Aufsatz in die Zeitung gekommen? Ohne seine Zustimmung? Ohne Namen des Verfassers? Ohne daß er Honorar bekommt? Das ist eigentlich ein Vertrauensmißbrauch, ein Betrug. Diese Frau Durege ist doch ein Teufel. Und Frauen haben keine Seele sagt Mohamet (oft wiederholt) Man kann es sich ja leicht vorstellen, wie es zu dem Plagiat gekommen ist. Da war ein schöner Aufsatz, wo findet man gleich einen solchen. Da ist also Frau D. ins Tagblatt gegangen, hat sich mit einem Redakteur zusammengesetzt, beide überglücklich, und jetzt haben sie die Bearbeitung angefangen. Bearbeitet mußte es ja werden, denn erstens durfte man ja das Plagiat nicht auf den ersten Blick erkennen und zweitens war der 32 Seiten lange Aufsatz für die Zeitung zu groß.

Auf meine Frage, ob er mir nicht Stellen zeigen wolle, die sich decken, da dieses mich besonders interessieren würde und da ich erst dann ihm einen Rat für sein Verhalten geben kann, fängt er seinen Aufsatz zu lesen an, schlägt eine andere Stelle auf, blättert, ohne zu finden und sagt schließlich, daß alles abgeschrieben sei. Da stehe z. B. in der Zeitung: Die Seele des Kindes sei ein unbeschriebenes Blatt und "unbeschriebenes Blatt" komme auch in seinem Aufsatz vor. Oder der Ausdruck "benamset" sei auch abgeschrieben, wie käme man denn sonst auf "benamset". Aber einzelne Stellen kann er nicht vergleichen. Es sei zwar alles abgeschrieben, aber eben vertuscht, in anderer Reihenfolge, gekürzt und mit kleinen fremden Zutaten.

Ich lese laut einige auffallendere Stellen aus der Zeitung. Kommt das im Aufsatz vor? Nein. Das? Nein. Das? Nein. Ja aber das sind eben die aufgesetzten Stellen. Im Innern ist alles alles abgeschrieben. Aber der Beweis wird, fürchte ich, schwer. Er wird es schon beweisen mit Hilfe eines geschickten Advokaten, dazu sind ja Advokaten da. (Er sieht diesem Beweis wie einer ganz neuen von dieser Angelegenheit vollständig abgetrennten Aufgabe entgegen und ist stolz darauf, daß er sich ihre Bewältigung zutraut)

Daß es sein Aufsatz ist, sieht man übrigens schon daraus, daß er in 2 Tagen gedruckt war. Sonst dauert es doch zumindest 6 Wochen, bis eine angenommene Sache in den Druck kommt. Hier aber war natürlich Eile nötig, damit er nicht dazwischenkomme. Darum haben 2 Tage genügt. – Außerdem heißt der Zeitungsaufsatz "Das Kind als Schöpfer". Das hat eine deutliche Beziehung zu ihm und außerdem ist es eine Stichelei. Mit dem "Kind" ist nämlich er gemeint, denn man hat ihn früher für ein "Kind" für "dumm" gehalten (er war es wirklich nur während der Militärzeit, er hat 1 1/2 Jahre gedient) und will nun mit dem Titel sagen, daß er ein Kind etwas so Gutes wie den Aufsatz zustande gebracht hat, daß er sich also zwar als Schöpfer bewährt hat, gleichzeitig aber dumm und ein Kind geblieben ist, indem er sich hat so betrügen lassen. – Mit dem Kind, von dem im ersten Absatz die Rede ist, ist eine Kousine vom Lande gemeint, die gegenwärtig bei seiner Mutter wohnt. – Besonders überzeugend wird aber das Plagiat durch einen Umstand bewiesen, auf den er allerdings erst nach längerer Überlegung gekommen ist: "Das Kind als Schöpfer" ist auf der ersten Seite der Unterhaltungsbeilage, auf der dritten aber ist eine kleine Geschichte von einer gewissen "Feldstein". Der Name ist offenbar Pseudonym. Nun muß man nicht diese ganze Geschichte lesen, es genügt ein Überfliegen der ersten Zeilen und man weiß sofort, daß hier die Lagerlöf in einer unverschämten Weise nachgeahmt ist. Die ganze Geschichte macht es noch deutlicher. Was bedeutet das? Das bedeutet daß diese Feldstein oder wie sie heißt, eine Kreatur der Durege ist, daß sie bei ihr die "Gutsgeschichte" gelesen hat, die er hingebracht hat, daß sie diese Lektüre zum Schreiben dieser Geschichte verwendet hat und daß ihn also beide Frauenzimmer eine auf der 1.) die andere auf der 3ten Seite der Unterhaltungsbeilage ausnützen. Natürlich kann jeder auch aus eigenem Antrieb die Lagerlöf lesen und nachahmen, aber hier ist doch sein Einfluß zu offenbar. (Er schlägt das eine Blatt öfters hin und her)

Montag mittag gleich nach Bankschluß gieng er natürlich zur Frau D. Sie öffnet nur eine Spalte der Wohnungstüre, sie ist ganz ängstlich: "Aber, Herr Reichmann warum kommen Sie mittag. Mein Mann schläft. Ich kann Sie jetzt nicht hereinlassen." "Frau D. Sie müssen mich unbedingt hineinlassen. Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit." Sie sieht, ich mache Ernst und läßt mich ein. Der Mann war ja bestimmt nicht zuhause. In einem Nebenzimmer sehe ich auf dem Tisch mein Manuscript und mache mir gleich meine Gedanken. "Frau D. was haben Sie mit meinem Manuscript gemacht. Sie haben es ohne meine Zustimmung ins Tagblatt gegeben. Wieviel Honorar haben Sie bekommen?" Sie zittert, sie weiß nichts, hat keine Ahnung, wie es in die Zeitung hat kommen können. J’accuse Frau D. sage ich, halb scherzend aber doch so, daß sie meine wahre Stimmung merkt und dieses j’accuse Frau D. wiederhole ich die ganze Zeit, während ich dort bin, damit sie es sich merkt und sage es noch beim Abschied in der Tür mehrere Male. Ihre Angst verstehe ich ja gut. Wenn ich es bekanntmache oder sie klage, ist sie ja unmöglich, muß aus dem Frauenfortschritt heraus

U. S. W.

Von ihr gehe ich direkt in die Redaktion des Tagblatt und lasse den Redakteur Löw herausrufen. Er kommt natürlich ganz bleich heraus, kann kaum gehn. Trotzdem will ich nicht gleich auf meine Sache losgehn und ihn auch zuerst prüfen. Ich frage ihn also "Herr Löw, sind Sie Zionist?" (Denn ich weiß, daß er Zionist war) "Nein" sagt er. Ich weiß genug, er muß sich also vor mir verstellen. Jetzt frage ich nach dem Aufsatz. Wieder unsicheres Reden. Er weiß nichts, hat mit der Unterhaltungsbeilage nichts zu tun, wird wenn ich es wünschte den betreffenden Redakteur holen. Herr Wittmann kommen Sie her, ruft er und ist froh, daß er wegkann. Wittmann kommt, wieder ganz bleich. Ich frage: "Sind Sie der Redakteur der Unterhaltungsbeilage." Er: Ja. Ich sage nur "j’accuse" und gehe.

In der Bank läute ich sofort telephonisch die "Bohemia" an. Ich will ihr die Geschichte zur Veröffentlichung übergeben. Es kommt aber keine rechte Verbindung zustande. Wissen Sie warum? Die Tagblattredaktion ist ja nahe bei der Hauptpost, da können sie vom Tagblatt aus leicht die Verbindungen nach Belieben beherrschen, aufhalten und herstellen. Und tatsächlich höre ich immerfort im Telephon undeutliche Flüsterstimmen offenbar von Tagblattredakteuren. Sie haben ja ein großes Interesse, diese telephonische Verbin dung nicht zuzulassen. Da höre ich (natürlich ganz undeutlich) wie die einen auf das Fräulein einreden, daß sie die Verbindung nicht herstellen soll, während die andern schon mit der Bohemia verbunden sind und sie von der Aufnahme meiner Geschichte abhalten wollen. "Fräulein" schreie ich ins Telephon hinein "wenn Sie jetzt nicht sofort die Verbindung herstellen, klage ich bei der Postdirektion. " Die Kollegen in der Bank lachen rings herum, wie sie mich so energisch mit dem Telephonfräulein reden hören. Endlich habe ich die Verbindung. "Rufen Sie den Redakteur Kisch. Ich habe für die Bohemia eine äußerst wichtige Meldung. Wenn sie sie nicht nimmt, gebe ich sie sofort einer andern Zeitung. Es ist höchste Zeit. " Da aber Kisch nicht dort ist, läute ich ab, ohne etwas zu verraten.

Am Abend gehe ich zur Bohemia und lasse den Redakteur Kisch herausrufen. Ich erzähle ihm die Geschichte, aber er will sie nicht veröffentlichen. "Die Bohemia, sagt er, kann so etwas nicht machen, das wäre ein Skandal und den können wir nicht wagen, weil wir abhängig sind. Geben Sie es einem Advokaten, das ist das Beste. "

Wie ich von der Bohemia kam habe ich Sie getroffen und frage Sie also um Rat.

"Ich rate Ihnen die Sache im Guten beizulegen. " .

Ich habe mir ja auch gedacht, daß es besser wäre. Sie ist ja eine Frau. Frauen haben keine Seele sagt Mohamet mit Recht. Zu verzeihen wäre auch menschlicher, goethischer.

"Gewiß. Und dann müssen Sie auch auf den Recitationsabend nicht verzichten, der doch sonst verloren wäre. "

"Was soll ich aber jetzt machen"

"Sie gehn morgen hin und sagen, daß Sie diesmal noch unbewußte Beeinflussung annehmen wollen. "

"Das ist sehr gut. So werde ich es wirklich machen"

"Auf die Rache müssen Sie deshalb noch nicht verzichten. Sie lassen einfach den Aufsatz anderswo drucken und schicken ihn dann der Frau D. mit einer schönen Widmung. "

"Das wird die beste Strafe sein. Ich lasse es im Deutschen Abendblatt drucken. Das nimmt es mir; da habe ich keine Sorge. Ich verlange einfach keine Bezahlung. "

Dann reden wir von seinem Schauspielertalent. Ich meine er sollte sich doch ausbilden lassen. "Ja da haben Sie Recht. Aber wo? Wissen Sie vielleicht wo man das lernen kann?" Ich sage: Das ist schwer. Ich kenne mich da nicht aus. Er: Das macht ja nichts. Ich werde den Kisch fragen. Der ist Journalist und hat da viele Beziehungen. Der wird mir schon gut raten. Ich werde ihn einfach antelephonieren, erspare ihm und mir den Weg und erfahre alles.

Und mit der Frau D. machen Sie es so wie ich es Ihnen geraten habe?

"Ja, ich habe es nur vergessen; wie haben Sie es mir geraten?" Ich wiederhole meinen Rat.

"Gut so werde ich es machen. " Er geht ins Kafe Corso ich nach Hause mit der Erfahrung, wie erfrischend es ist, mit einem vollkommenen Narren zu reden. Ich habe fast nicht gelacht, sondern war nur ganz aufgeweckt.

Das wehmüthige nur auf den Firmatafeln gebräuchliche "vormals"

2 III 12 Wer bestätigt mir die Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit dessen, daß ich nur infolge meiner litterarischen Bestimmung sonst interesselos und infolge dessen herzlos bin.

3 III 12. Den 28. II bei Moissi. Widernatürlicher Anblick. Er sitzt scheinbar ruhig, hat womöglich die gefalteten Hände zwischen den Knien, die Augen in dem frei vor ihm liegenden Buch und läßt seine Stimme über uns kommen mit dem Athem eines Laufenden. – Gute Akustik des Saales. Kein Wort verliert sich oder kommt auch nur im Hauch zurück, sondern alles vergrößert sich allmählich als wirke unmittelbar die längst anders beschäftigte Stimme noch nach, es verstärkt sich nach der ihm mitgegebenen Anlage und schließt uns ein. – Die Möglichkeiten der eigenen Stimme die man hier sieht. Sowie der Saal für Moissis Stimme, arbeitet seine Stimme für unsere. Unverschämte Kunstgriffe und Überraschungen, bei denen man auf den Boden schauen muß und die man selbst niemals machen würde: Singen einzelner Verse gleich im Beginn z. B. Schlaf Mirjam mein Kind, ein Herumirren der Stimme in der Melodie; rasches Ausstoßen des Mailiedes, scheinbar wird nur die Zungenspitze zwischen die Worte gesteckt; Teilung des Wortes November-Wind, um den "Wind" hinunterstoßen und aufwärts pfeifen lassen zu können. – Schaut man zur Saaldecke, wird man von den Versen hochgezogen. – Goethes Gedichte unerreichbar für den Recitator, deshalb kann man aber nicht gut einen Fehler bei diesem Recitieren aussetzen, weil jedes zum Ziele hinarbeitet. – Große Wirkung als er dann bei der Zugabe "Regenlied" von Shakespeare, aufrecht stand, frei vom Text war, das Taschentuch in den Händen spannte und zusammendrückte und mit den Augen glänzte. – Runde Wangen und doch kantiges Gesicht. Weiches Haar mit weichen Handbewegungen immer wieder gestrichen. – Die begeisterten Kritiken, die man über ihn gelesen hat, nützen ihm in unserer Meinung nur bis zum ersten Anhören, dann verwickelt er sich in sie und kann keinen reinen Eindruck hervorbringen. – Diese Art des sitzenden Recitierens mit dem Buch vor sich erinnert ein wenig an das Bauchreden. Der Künstler scheinbar unbeteiligt, sitzt so wie wir, kaum daß wir in seinem gesenkten Gesicht die Mundbewegungen hie und da sehn und läßt statt seiner über seinem Kopfe die Verse reden. – Trotzdem soviele Melodien zu hören waren, die Stimme gelenkt schien wie ein leichtes Boot im Wasser, war die Melodie der Verse eigentlich nicht zu hören. – Manche Worte wurden von der Stimme aufgelöst, sie waren so zart angefaßt worden, daß sie aufsprangen und nichts mehr mit der menschlichen Stimme zu tun hatten, bis dann die Stimme notgedrungen irgend einen scharfen Konsonanten nannte, das Wort zur Erde brachte und schloß.

Nachher Spaziergang mit Ottla, Frl. Taussig, Ehepaar Baum und Pick, Elisabethbrücke, Quai, Kleinseite, Radetzkykaffee, Steinerne Brücke, Karlsgasse. Ich hatte gerade noch die Aussicht in die gute Laune, sodaß an mir nicht gerade viel auszusetzen war.

5. III 12 Diese empörenden Ärzte! Geschäftlich entschlossen und in der Heilung so unwissend, daß sie, wenn jene geschäftliche Entschlossenheit sie verließe, wie Schuljungen vor den Krankenbetten stünden. Hätte ich doch die Kraft, einen Naturheilverein zu gründen. Durch Herumkratzen im Ohr meiner Schwester macht Dr. Kral eine Trommelfellentzündung zu einer Mittelohrentzündung; das Dienstmädchen fällt beim Einheizen hin, der Doktor erklärt es mit jener Schnelligkeit der Diagnose, die er gegenüber Dienstmädchen hat, für verdorbenen Magen und Blutandrang infolgedessen, am nächsten Tag legt sie sich wieder nieder, hat hohes Fieber, der Doktor dreht sie rechts und links, konstatiert Angina und läuft rasch weg, um nicht vom nächsten Augenblick widerlegt zu werden. Wagt sogar von "niederträchtig starken Reaktionen dieses Mädchens" zu reden, woran das wahr ist, daß er an Menschen gewöhnt ist, deren körperlicher Zustand seiner Heilkunst würdig und durch sie hervorgebracht ist und daß er sich durch die starke Natur dieses Mädchens vom Lande mehr, als er weiß, beleidigt fühlt.

Gestern bei Baum. Vorgelesen "Der Dämon". Unfreundlicher Eindruck im Ganzen. Gute präcise Laune im Hinaufgehn zu Baum, sofortiges Nachlassen oben, Verlegenheit gegenüber dem Kinde.

Sonntag: Im Kontinental bei den Kartenspielern. "Journalisten" mit Krämer vorher 1 1/2 Akte. Viele gezwungene Lustigkeit in Bolz ist sichtbar, aus der sich allerdings auch ein wenig wirkliche zarte ergibt. Frl. Taussig vor dem Teater getroffen, in der Pause nach dem 2 Akt. In die Garderobe gelaufen, mit fliegendem Mantel zurückgekommen und sie nachhause begleitet.

8. III (1912) Vorgestern Vorwürfe wegen der Fabrik bekommen. Eine Stunde dann auf dem Kanapee über Aus-dem-Fenster-springen nachgedacht.

Gestern Hardenvortrag über "Teater". Offenbar gänzlich improvisiert, ich war in ziemlich guter Laune und habe ihn deshalb nicht so leer gefunden wie andere. Guter Anfang: "Zu dieser Stunde, in der wir uns hier zu einer Besprechung des Teaters zusammengefunden haben, teilt sich in allen Schauhäusern Europas und der übrigen Erdteile der Vorhang und enthüllt dem Publikum die Szene." Mit einer Glühlampe, die vor ihm in Brusthöhe auf einem Ständer beweglich angebracht ist, beleuchtet er die Hemdbrust, wie in der Auslage eines Wäschegeschäftes, und bringt im Laufe des Vortrages durch Bewegen dieser Glühlampe Abwechslung in die Beleuchtung. Fußspitzentanz, um sich größer zu machen sowie um die Improvisationsfähigkeit anzuspannen. Gespannte Hose selbst in der Leistengegend. Ein wie bei einer Puppe aufgenagelter kurzer Frack. Fast angestrengt ernsthaftes Gesicht, einmal einer alten Dame, einmal Napoleon ähnlich. Erblassende Färbung der Stirne wie bei einer Perücke. Wahrscheinlich geschnürt.

Einige alte Papiere durchgelesen. Es gehört alle Kraft dazu das auszuhalten. Das Unglück, das man ertragen muß, wenn man in einer Arbeit, die immer nur in ganzem Zug gelingen kann, sich unterbricht und das ist mir bisher immer geschehn, dieses Unglück muß man beim Durchlesen wenn auch nicht in der alten Stärke, so gedrängter durchmachen.

Heute beim Baden glaubte ich alte Kräfte zu fühlen, als wären sie unberührt von der langen Zwischenzeit

10. III 12 So.

Er verführte ein Mädchen in einem kleinen Orte im Isergebirge, wo er sich einen Sommerlang aufhielt um seine angegriffenen Lungen wiederherzustellen. Unbegreiflich, wie manchmal Lungenkranke werden, warf er das Mädchen die Tochter seines Hauswirts, die am Abend nach der Arbeit gerne einen Spaziergang mit ihm machte, nach einem kurzen Überredungsversuch in das Gras am Flußufer und nahm sie, die vor Schrecken ohnmächtig dalag, in Besitz. Später mußte er in den hohlen Händen Wasser aus dem Fluß holen und über das Gesicht des Mädchens schütten, um sie nur zum Leben zu bringen. "Julchen, aber Julchen" sagte er, über sie gebeugt, unzähligemale. Er war bereit, jede Verantwortung für sein Vergehn auf sich zu nehmen und strengte sich nur an, sich begreiflich zu machen, wie ernst seine Lage war. Ohne Überlegung hätte er es nicht einsehn können. Das einfache Mädchen, das vor ihm lag, schon wieder regelmäßig atmete und nur aus Angst und Befangenheit die Augen noch geschlossen hielt, konnte ihm keine Sorge machen; mit einer Fußspitze konnte er der große starke Mensch das Mädchen beiseite schieben. Sie war schwach und unansehnlich, konnte das was ihr geschah eine auch nur bis morgen wirkende Bedeutung haben? Mußte nicht jeder so entscheiden der sie zwei verglich? Der Fluß dehnte sich ruhig zwischen den Wiesen und Feldern zu den entfernteren Bergen hin. Sonnenschein war nur noch an der Böschung des andern Ufers. Die letzten Wolken zogen unter dem reinen Abendhimmel fort.

Nichts, nichts. Auf diese Weise mache ich mir Gespenster. Beteiligt war ich, wenn auch nur schwach, bloß bei der Stelle "Später mußte..." vor allem beim "schütten". In der Beschreibung der Landschaft glaubte ich einen Augenblick etwas richtiges zu sehn.

So verlassen von mir, von allem. Lärm im Nebenzimmer.

11 III 12 Gestern nicht zum aushalten. Warum nehmen an der Abendtafel nicht alle Anteil. Es wäre doch so schön.

Der Recitator Reichmann ist den Tag nach unserem Gespräch ins Irrenhaus gekommen.

Heute viele alte widerliche Papiere verbrannt.

W. Freiherr von Biedermann Gespräche mit Goethe

wie ihn die Töchter des Leipziger Kupferstechers Stock kämmen 1767

Wie ihn Kestner 1772 in Garbenheim im Grase liegend fand und wie er sich "mit einigen Umstehenden, einem epikuräischen Philosophen (v. Goué, großes Genie) einem stoischen Philosophen (v. Kielmansegg) und einem Mitteldinge von beiden (Dr. König) unterhielt und ihm recht wohl war. "

mit Seidel 1783 5 – 7 II "Einst klingelte er mitten in der Nacht und als ich zu ihm in die Kammer trete, hat er sein eisernes Rollbette vom untersten Ende der Kammer herauf bis ans Fenster gerollt und beobachtet den Himmel. "Hast Du nichts am Himmel gesehen?" fragte er mich und als ich dies verneinte "so laufe einmal nach der Wache und frage den Posten, ob der nichts gesehn. " Ich lief hin; der Posten aber hatte nichts gesehn, welches ich meinem Herrn meldete, der noch ebenso lag und den Himmel unverwandt beobachtete. Höre sagte er dann zu mir "wir sind in einem bedeutenden Moment: entweder wir haben in diesem Augenblick ein Erdbeben oder wir bekommen eins." Und nun mußte ich mich zu ihm aufs Bett setzen und er demonstrierte mir, aus welchen Merkmalen er das abnehme. " (Erdbeben von Messina)

mit von Trebra (1783 Sept.) ein geologischer Spaziergang

durch Gestrüpp und Felsen. Goethe voran

Zur Herder 1788. Unter anderem sagte er auch, daß er 14 Tage vor der Abreise aus Rom täglich wie ein Kind geweint habe

Wie ihn die Herder beobachtet, um alles ihrem Mann nach Italien zu schreiben.

Goethe nimmt sich der Herder gegenüber sehr Herders an

Besuch bei Kagliostros Familie

1794 14 Sept. von 1/2 12, wo Schiller angezogen war bis 11 Uhr ununterbrochen mit Schiller im Zimmer mit litterarischen Beratungen verbracht und so öfters

David Veit 19 Okt. 1794 immer jüdische Beobachtung daher so leicht aufzunehmen, wie wenn es gestern geschehen wäre.

"Den Abend wurde in Weimar "Der Diener zweier Herrn" zu meiner Verwunderung recht hübsch gespielt. Goethe war auch im Teater undzwar wie immer auf dem Platz des Adels. Mitten im Spiel geht er von diesem Platz weg – was er sehr selten tun soll – setzt sich solange er mich nicht anreden konnte, hinter mir – wie mir meine Nachbarinnen erzählt haben – und sowie der Akt zuende ist, kommt er vor, macht ein äußerst verbindliches Kompliment und fängt in einem recht vertraulichen Ton an – – – kurze Rede und Gegenrede über das Stück – – Hierauf fängt er an einen Augenblick zu schweigen; indem vergesse ich, daß er Teaterdirektor ist und sage: "Sie spielen es auch recht hübsch." Er sieht noch immer gerade aus, und so sage ich in der Dummheit – aber wirklich in einer Empfindung, die ich mir noch nicht zu zergliedern weiß – noch einmal: "Sie spielen recht hübsch." In dem Augenblick macht er mir ein Kompliment, das aber wirklich wie das erste so verbindlich war und fort ist er! Hab ich ihn beleidigt oder nicht .. Sie können es gar nicht glauben, wie ich noch immer geängstigt bin, ohnerachtet ich schon von Humboldt, der ihn jetzt genau kennt, die Versicherung habe, daß er oft so schnell weggeht und Humboldt es auf sich genommen hat, noch einmal mit ihm von mir zu sprechen"

ein anderesmal, sie reden über Maimon "Ich sprach immer viel dazwischen und kam ihm oft zur Hülfe; denn er kann sich gemeinhin auf viele Worte nicht besinnen und macht beständig Gesichter"

1795 Mit Schiller. wir sitzen von Abend um 5 Uhr bis nachts 12, auch 1 Uhr beisammen und schwatzen.

1796 erste 1/2 Sept. Beim Vorlesen des Gespräches Hermann’s mit der Mutter am Birnbaume. Er weinte. "So schmilzt man bei seinen eigenen Kohlen" sagte er, indem er sich die Tränen trocknete

"Die breite bretterne Brüstung der Loge des alten Herrn". Goethe liebte es, zuweilen einen Vorrat kalter Speise und Weins in seiner Loge bereit zu halten mehr für andere deren – Einheimische und Fremde von Bedeutung – er nicht selten auch dort empfieng.

Aufführung von Schlegels Alarcos 1802

"mitten im Parterre Goethe, ernst und feierlich auf seinem hohen Armstuhle tronend"

man wird unruhig, bei einer Stelle endlich tobendes Gelächter, das ganze Haus erbebt. "Aber nur einen Moment. Im Nu sprang Goethe auf, rief mit donnernder Stimme und drohender Bewegung Stille Stille und das wirkte wie eine Zauberformel. Augenblicklich legte sich der Tumult und der unselige Alarcos gieng ohne weitere Störung aber auch ohne das geringste Zeichen des Beifalls zu Ende"

Stael: Der für Francosen scheinbare Witz der Ausländer, ist oft nur Unkunde des Französischen

Goethe nannte eine Idee Schillers neuve et courageuse, das war bewunderungswert, es stellte sich aber heraus, daß er hardie hatte sagen wollen.

Was lockst Du meine Brut hinauf in Todesglut. Stael übersetzte aïr brulant. Goethe sagte, er hätte die Kohlenglut gemeint. Das fand sie äußerst maussade und geschmacklos. Das feine Gefühl des Schicklichen fehle den deutschen Dichtern.

1804 Liebe zu Heinrich Voß. – Goethe las die Luise mit der Sonntagsgesellschaft.

"An Goethe kam die Stelle von der Trauung die er mit dem tiefsten Gefühle las. Aber seine Stimme ward kleinlaut, er weinte und gab das Buch seinem Nachbar. Eine heilige Stelle rief er aus mit einer Innigkeit, die uns alle erschütterte"

"Wir saßen zu mittage und hatten eben das letzte verzehrt, als Goethe einen Kuchen beorderte "weil der Voß noch so hungrig aussähe"

"Nie aber ist er angenehmer und liebenswürdiger, als des Abends in seinem Zimmer wenn er ausgezogen ist oder auf dem Sopha sitzt. "

"Als ich zu ihm kam, fand ichs gar behaglich bei ihm. Er hatte eingeheizt, hatte sich ausgezogen bis auf ein wollen Wämmschen, worin der Mann sich gar prächtig ausnimmt. "

Bücher Stilling, Goethe Jahrbuch

Briefwechsel zwischen Rahel und D. Veit.

12 III 12

In der vorübereilenden Elektrischen saß in einem Winkel, die Wange an der Scheibe den linken Arm die Lehne entlanggestreckt ein junger Mann in offenem um ihn sich aufbauschendem Überzieher und sah über die lange leere Bank mit beobachtenden Blicken hin. Er hatte sich heute verlobt und dachte an nichts anderes. Er fühlte sich gut aufgehoben im Zustand eines Bräutigams und sah in diesem Gefühl manchmal flüchtig zur Decke des Wagens hinauf. Als der Schaffner kam, um ihm die Fahrkarte zu geben, fand er unter Klimpern leicht das richtige Geldstück, legte es im Schwunge in die Hand des Schaffners und ergriff die Karte mit zwei scherenförmig ausgebreiteten Fingern. Es bestand kein richtiger Zusammenhang zwischen ihm und der Elektrischen und es wäre kein Wunder gewesen, wenn er ohne Platform und Treppe zu benützen auf der Gasse erschienen und seinen Weg zu Fuß mit gleichen Blicken verfolgt hätte.

Nur der sich aufbauschende Überzieher bleibt bestehn, alles andere ist erdacht.

16. III 12 Samstag Wieder Aufmunterung. Wieder fasse ich mich, wie die Bälle, die fallen und die man im fallen fängt. Morgen, heute fange ich eine größere Arbeit an, die ungezwungen nach meinen Fähigkeiten sich richten soll. Ich werde nicht von ihr ablassen, so lange ich nur kann. Lieber schlaflos sein, als so hinzuleben.

Kabaret Lucerna. Einige junge Leute singen jeder ein Lied. Ist man frisch und hört zu, so wird man durch einen derartigen Vortrag eher an die Folgerungen erinnert, welche der Text auf unser Leben erlaubt, als dies durch den Vortrag geübter Sänger geschehen kann. Denn die Kraft der Verse wird durch den Sänger keinesfalls vergrößert, sie behalten ihre Selbständigkeit und tyrannisieren uns mit dem Sanger der nicht einmal Lackstiefel hat, dessen Hand vom Knie einmal nicht loswill und wenn sie muß, noch ihren Widerwillen zeigt, der sich möglichst rasch auf die Bank hinwirft um die Menge kleiner ungeschickter Bewegungen, die er dafür aufbieten muß, möglichst wenig sehen zu lassen. – Liebesszene im Frühling in der Art der Photographieansichtskarten. Treue, das Publikum rührende und beschämende Darstellung. – Fatinizza, Wiener Sängerin. Süßes inhaltsvolles Lachen. Erinnerung an Hansi. Ein Gesicht mit unbedeutenden, meist auch zu scharfen Details vom Lachen zusammengehalten und ausgeglichen. Unwirksame Übermacht über das Publikum, die man ihr zusprechen muß, wenn sie an der Rampe steht und in das gleichgültige Publikum lacht. – Dummer Tanz der Degen mit fliegenden Irrlichtern, Zweigen, Schmetterlingen, Papierfeuern, Totenkopf. – 4 Roking Girls. Eine sehr schön. Kein Teaterzettel nennt ihren Namen. Sie war die äußerste rechts vom Zuschauerraum. Wie sie beschäftigt die Arme warf, wie die dünnen langen Beine mit zarten spielenden Knöchelchen in besonders fühlbar stummer Bewegung waren, wie sie das Tempo nicht einhielt wie sie aber durch kein Erschrecken in ihrem Beschäftigtsein sich stören ließ, was für ein sanftes Lächeln sie hatte im Gegensatz zu dem verzerrten der andern, wie ihr Gesicht und Haar fast üppig war im Vergleich zur Magerkeit des Körpers, wie sie den Musikanten "langsam" zurief auch für ihre Mitschwestern. Ihr Tanzmeister, ein junger auffallend angezogener magerer Mensch stand hinter den Musikanten und winkte rythmisch mit einer Hand weder von Musikanten noch von den Tänzerinnen beachtet und selbst mit seinen Blicken im Zuschauerraum. – Warnebold, feurige Nervosität eines kräftigen Menschen. In Bewegungen manchmal ein Witz, dessen Macht einen erhebt. Wie er nach der Ankündigung der Nummer mit großen Schritten dem Klavier zueilt.

Gelesen "aus dem Leben eines Schlachtenmalers" Flaubert zufrieden vorgelesen.

Der Mann in Stulpstiefeln im Regen

Wünsche.

Notwendigkeit über Tänzerinnen mit Rufzeichen zu reden. Weil man so ihre Bewegung nachahmt, weil man im Rythmus bleibt und das Denken dann im Genusse nicht stört, weil dann die Tätigkeit immer am Schluß des Satzes bleibt und besser weiterwirkt.

17. III. (1912) In diesen Tagen "Morgenrot" von Stössl gelesen.

Maxens Koncert am Sonntag. Mein fast bewußtloses Zuhören. Ich kann mich von jetzt an bei Musik nicht mehr langweilen. Diesen undurchdringlichen Kreis, der sich mit der Musik um mich bald bildet, versuche ich nicht mehr zu durchdringen, wie ich es früher nutzlos tat, hüte mich auch, ihn zu überspringen, was ich wohl imstande wäre, sondern bleibe ruhig bei meinen Gedanken, die in der Verengung sich entwickeln und ablaufen, ohne daß störende Selbstbeobachtung in dieses langsame Gedränge eintreten könnte. – Der schöne "magische Kreis" (von Max) der stellenweise die Brust der Sängerin zu öffnen scheint. – Goethe "Trost im Schmerz". Alles geben die unendlichen Götter Ihren Lieblingen ganz, die Freuden die unendlichen, die Schmerzen die unendlichen ganz. – Meine Unfähigkeit gegenüber meiner Mutter, gegenüber Frl. T. und gegenüber allen dann im Kontinental und später auf der Gasse.

Mam’zelle Nitouche am Montag. Die gute Wirkung eines französischen Wortes innerhalb einer traurigen deutschen Vorstellung. – Pensionatsmädchen in hellen Kleidern laufen hinter einem Gitter mit ausgestreckten Armen in den Garten. – Kasernenhof des Dragonerregimentes in der Nacht. Officiere feiern in einem über paar Treppen zu erreichendem Saal des hintern Kaserngebäudes ein Abschiedsfest. Mam’zelle Nitouche kommt und läßt sich durch Liebe und Leichtsinn dazu bringen, an dem Fest teilzunehmen. Was Mädchen passieren kann! Früh im Stift, abends Auftreten für eine absagende Operettensängerin und nachts in der Dragonerkaserne.

Heute den Nachmittag mit schmerzhafter Müdigkeit auf dem Kanapee verbracht.

18. III 12 Weise war ich, wenn man will, weil ich jeden Augenblick zu sterben bereit war, aber nicht deshalb, weil ich alles besorgt hatte, was mir zu tun auferlegt war, sondern weil ich nichts davon getan hatte und auch nicht hoffen konnte, jemals etwas davon zu tun.

22 III (1912) (ich habe die letzten Tage falsche Daten geschrieben) Baums Vorlesung in der Lesehalle. Grete Fischer, 19 Jahre, heirathet nächste Woche. Dunkles fehlerloses mageres Gesicht. Gewölbte Nasenflügel. Seit jeher trägt sie jägerartige Hüte und Kleider. Auch dieser dunkelgrüne Abglanz auf dem Gesicht. Die Haarsträhnen welche die Wangen entlang laufen, scheinen sich mit frischen entlang der Wangen wachsenden zu vereinigen, wie überhaupt der Schein einer leichten Behaarung über dem ganzen ins Dunkel gebeugtem Gesichte liegt. Schwach auf die Sessellehne gestützte Spitzen der Elbogen. Dann auf dem Wenzelsplatz eine schwungvolle, vollkommen mit wenig Kraft zuende geführte Verbeugung Wendung und Aufrichtung des ärmlich und rauh gekleideten magern Körpers. Ich sah sie viel seltener an, als ich wollte.

24. III (1912) So. gestern. "Die Sternenbraut" von Christian von Ehrenfels. – Verloren im Anschauen, Unübersichtlichem rohen Zusammenhang gegenübergestellt, vor den 3 bekannten Ehepaaren gut mit mir verbunden. – Der kranke Offizier im Stück. Der kranke Leib in der gespannten, zur Gesundheit und Entschlossenheit verpflichtenden Uniform.

Vormittag in reiner Laune eine 1/2 Stunde bei Max.

Im Nebenzimmer unterhält sich meine Mutter mit dem Ehepaar Lebenhart. Sie sprechen über Ungeziefer und Hühneraugen. (Hr. Lebenhart hat 6 Hühneraugen an jedem Finger.) Man sieht leicht ein, daß durch solche Gespräche kein eigentlicher Fortschritt eintritt. Es sind Mitteilungen, die von beiden wieder vergessen werden und die schon jetzt ohne Verantwortungsgefühl in Selbstvergessenheit vor sich gehn. Eben deshalb aber weil solche Gespräche ohne Entrückung nicht denkbar sind, zeigen sie leere Räume, die wenn man dabei bleiben will, nur mit Nachdenken oder besser Träumen ausgefüllt werden können.

25. III 12 Der den Teppich kehrende Besen im Nebenzimmer hört sich wie eine ruckweise bewegte Schleppe an

26. III 12 Nur nicht überschätzen, was ich geschrieben habe, dadurch mache ich mir das zu Schreibende unerreichbar.

27 III (1912) Montag faßte ich auf der Gasse einen Jungen der mit andern ein wehrlos vor ihnen gehendes Dienstmädchen mit einem großen Ball bewarf, gerade als dem Mädchen der Ball gegen den Hintern flog, beim Hals, würgte ihn in großer Wut, stieß ihn bei Seite und schimpfte. Gieng dann weiter und sah das Mädchen gar nicht an. Man vergißt ganz an seine irdische Existenz, weil man so ganz von Wut erfüllt ist und glauben darf, daß man bei Gelegenheit ebenso mit noch schöneren Gefühlen vollständig sich erfüllen wird

28. III (1912) Aus dem Vortrag der Fr. Fanta "Berliner Eindrücke": Grillparzer wollte einmal nicht in eine Gesellschaft gehn, weil er wußte, daß auch Hebbel, mit dem er befreundet war, dort sein würde. "Er wird mich wieder über meine Meinung über Gott ausfragen und wenn ich nichts zu sagen wissen werde, wird er grob werden." – Mein stockiges Benehmen.

29 III 12

Die Freude am Badezimmer. – Allmähliches Erkennen. Die Nachmittage die ich mit den Haaren verbrachte.

1 IV 12 Zum erstenmal seit einer Woche ein fast vollständiges Mißlingen im Schreiben. Warum? Ich habe auch vorige Woche verschiedene Stimmungen durchgemacht und das Schreiben vor ihrem Einfluß bewahrt; aber ich fürchte mich darüber zu schreiben.

3 IV (1912) – So ist ein Tag vorüber – Vormittag Bureau, nachmittag Fabrik, jetzt abends Geschrei in der Wohnung rechts und links, später die Schwester von Hamlet abholen – und ich habe mit keinem Augenblick etwas anzufangen verstanden

8 (6. ) IV 12 Charsamstag.

Vollständiges Erkennen seiner selbst. Den Umfang seiner Fähigkeiten umfassen können, wie einen kleinen Ball. Den größten Niedergang als etwas Bekanntes hinnehmen und so darin noch elastisch bleiben.

Verlangen nach einem tiefernSchlaf, der mehr auflöst. Metaphysisches Bedürfnis ist nur Todesbedürfnis

Wie ich heute vor Haas, weil er Maxens und meinen Reisebericht lobte, geziert gesprochen habe, um mich des Lobes, das auf den Bericht nicht zutrifft, wenigstens dadurch würdig zu machen oder um die erschwindelte oder erlogene Wirkung des Reiseberichtes im Schwindel fortzusetzen oder in der liebenswürdigen Lüge des Haas, die ich ihm zu erleichtern suchte


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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