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2017/10/19 - 02:09

20. Olgas Pläne

"Nun galt es wieder irgendeine Beschäftigung für den Vater zu finden, für die er noch fähig war, irgendetwas, was ihn zumindest in dem Glauben erhielt, daß es dazu diene, die Schuld von der Familie abzuwälzen. Etwas derartiges zu finden war nicht schwer, so zweckdienlich wie das Sitzen vor Bertuchs Garten war im Grunde alles, aber ich fand etwas, was sogar mir einige Hoffnung gab. Wann immer bei Ämtern oder Schreibern oder sonstwo von unserer Schuld die Rede gewesen war, war immer wieder nur die Beleidigung des Sortinischen Boten erwähnt worden, weiter wagte niemand zu dringen. Nun, sagte ich mir, wenn die allgemeine Meinung, sei es auch nur scheinbar, nur von der Botenbeleidigung weiß, ließe sich, sei es auch wieder nur scheinbar, alles wieder gutmachen, wenn man den Boten versöhnen könnte. Es ist ja keine Anzeige eingelaufen, wie man erklärt, die Sache hat also noch kein Amt in der Hand und es steht demnach dem Boten frei, für seine Person, und um mehr handelt es sich nicht, zu verzeihen. Das alles konnte ja keine entscheidende Bedeutung haben, war nur Schein und konnte wieder nichts anderes ergeben, aber dem Vater würde es doch Freude machen und die vielen Auskunftgeber, die ihn so gequält hatten, könnte man damit vielleicht zu seiner Genugtuung ein wenig in die Enge treiben. Zuerst mußte man freilich den Boten finden. Als ich meinen Plan dem Vater erzählte, wurde er zuerst sehr ärgerlich, er war nämlich äußerst eigensinnig geworden, zum Teil glaubte er, während der Krankheit hatte sich das entwickelt, daß wir ihn immer am letzten Erfolg gehindert hätten, zuerst durch Einstellung der Geldunterstützung, jetzt durch Zurückhalten im Bett, zum Teil war er gar nicht mehr fähig fremde Gedanken völlig aufzunehmen. Ich hatte noch nicht zuendeerzählt, schon war mein Plan verworfen, nach seiner Meinung mußte er bei Bertuchs Garten weiter warten und, da er gewiß nicht mehr imstande sein würde täglich hinaufzugehn, müßten wir ihn im Handkarren hinbringen. Aber ich ließ nicht ab und allmählich söhnte er sich mit dem Gedanken aus, störend war ihm dabei nur, daß er in dieser Sache ganz von mir abhängig war, denn nur ich hatte damals den Boten gesehn, er kannte ihn nicht. Freilich, ein Diener gleicht dem andern und völlig sicher dessen, daß ich jenen wiedererkennen würde, war auch ich nicht. Wir begannen dann in den Herrenhof zu gehn und unter der Dienerschaft dort zu suchen. Es war zwar ein Diener Sortinis gewesen und Sortini kam nicht mehr ins Dorf, aber die Herren wechseln häufig die Diener, man konnte ihn recht wohl in der Gruppe eines andern Herrn finden und wenn er selbst nicht zu finden war, so konnte man doch vielleicht von den andern Dienern Nachricht über ihn bekommen. Zu diesem Zweck mußte man allerdings allabendlich im Herrenhof sein und man sah uns nirgends gern, wie erst an einem solchen Ort; als zahlende Gäste konnten wir ja auch nicht auftreten. Aber es zeigte sich, daß man uns doch brauchen konnte; Du weißt wohl, was für eine Plage die Dienerschaft für Frieda war, es sind im Grunde meist ruhige Leute, durch leichten Dienst verwöhnt und schwerfällig gemacht, >es möge Dir gehn wie einem Diener< heißt ein Segensspruch der Beamten und tatsächlich sollen, was Wohlleben betrifft, die Diener die eigentlichen Herren im Schloß sein; sie wissen das auch zu würdigen und sind im Schloß, wo sie sich unter seinen Gesetzen bewegen, still und würdig, vielfach ist mir das bestätigt worden und man findet auch hier unter den Dienern noch Reste dessen, aber nur Reste, sonst sind sie dadurch, daß die Schloßgesetze für sie im Dorf nicht mehr vollständig gelten, wie verwandelt; ein wildes, unbotmäßiges, statt von den Gesetzen von ihren unersättlichen Trieben beherrschtes Volk. Ihre Schamlosigkeit kennt keine Grenzen, ein Glück für das Dorf, daß sie den Herrenhof nur über Befehl verlassen dürfen, im Herrenhof selbst aber muß man mit ihnen auszukommen suchen; Frieda nun fiel das sehr schwer und so war es ihr sehr willkommen, daß sie mich dazu verwenden konnte, die Diener zu beruhigen, seit mehr als zwei Jahren zumindest zweimal in der Woche verbringe ich die Nacht mit den Dienern im Stall. Früher, als der Vater noch in den Herrenhof mitgehn konnte, schlief er irgendwo im Ausschankzimmer und wartete so auf die Nachrichten, die ich früh bringen würde. Es war wenig. Den gesuchten Boten haben wir bis heute noch nicht gefunden, er soll noch immer in den Diensten Sortinis sein, der ihn sehr hoch schätzt und soll ihm gefolgt sein, als sich Sortini in entferntere Kanzleien zurückzog. Meist haben ihn die Diener ebensolange nicht gesehn, wie wir, und wenn einer ihn inzwischen doch gesehen haben will, ist es wohl ein Irrtum. So wäre also mein Plan eigentlich mißlungen und ist es doch nicht völlig, den Boten haben wir zwar nicht gefunden und dem Vater haben die Wege in den Herrenhof und die Übernachtungen dort, vielleicht sogar das Mitleid mit mir, soweit er dessen noch fähig ist, leider den Rest gegeben und er ist schon seit fast zwei Jahren in diesem Zustand, in dem Du ihn gesehn hast, und dabei geht es ihm vielleicht noch besser als der Mutter, deren Ende wir täglich erwarten und das sich nur dank der übermenschlichen Anstrengung Amalias verzögert. Was ich aber doch im Herrenhof erreicht habe, ist eine gewisse Verbindung mit dem Schloß; verachte mich nicht, wenn ich sage, daß ich das was ich getan habe, nicht bereue. Was mag das für eine große Verbindung mit dem Schlosse sein, wirst Du Dir vielleicht denken. Und Du hast recht, eine große Verbindung ist es nicht. Ich kenne jetzt zwar viele Diener, die Diener aller der Herren fast, die in den letzten Jahren ins Dorf kamen und wenn ich einmal ins Schloß kommen sollte so werde ich dort nicht fremd sein. Freilich, es sind nur Diener im Dorf, im Schloß sind sie ganz anders und erkennen dort wahrscheinlich niemanden mehr und jemanden mit dem sie im Dorf verkehrt haben, ganz besonders nicht und mögen sie es auch im Stall hundertmal beschworen haben, daß sie sich auf ein Wiedersehn im Schloß sehr freuen. Ich habe es ja übrigens auch schon erfahren, wie wenig alle solche Versprechungen bedeuten. Aber das Wichtigste ist das ja gar nicht. Nicht nur durch die Diener selbst habe ich eine Verbindung mit dem Schloß, sondern vielleicht und hoffentlich auch noch so, daß jemand, der von oben mich und was ich tue beobachtet – und die Verwaltung der großen Dienerschaft ist freilich ein äußerst wichtiger und sorgenvoller Teil der behördlichen Arbeit – daß dann derjenige der mich so beobachtet, vielleicht zu einem milderen Urteil über mich kommt, als andere, daß er vielleicht erkennt, daß ich, in einer jämmerlichen Art zwar, doch auch für unsere Familie kämpfe und die Bemühungen des Vaters fortsetze. Wenn man es so ansieht, vielleicht wird man es mir dann auch verzeihen, daß ich von den Dienern Geld annehme und für unsere Familie verwende. Und noch anderes habe ich erreicht, das allerdings machst auch Du zu meiner Schuld. Ich habe von den Knechten manches darüber erfahren, wie man auf Umwegen, ohne das schwierige und jahrelang dauernde öffentliche Aufnahmsverfahren in die Schloßdienste kommen kann, man ist dann zwar auch nicht öffentlicher Angestellter, sondern nur ein heimlich und halb Zugelassener, man hat weder Rechte noch Pflichten, daß man keine Pflichten hat, ist das Schlimmere, aber eines hat man, da man doch in der Nähe bei allem ist, man kann günstige Gelegenheiten erkennen und benützen, man ist kein Angestellter, aber zufällig kann sich irgendeine Arbeit finden, ein Angestellter ist gerade nicht bei der Hand, ein Zuruf, man eilt herbei, und was man vor einem Augenblick noch nicht war, man ist es geworden, ist Angestellter. Allerdings wann findet sich eine solche Gelegenheit? Manchmal gleich, kaum ist man hingekommen, kaum hat man sich umgesehn, ist die Gelegenheit schon da, es hat nicht einmal jeder die Geistesgegenwart sie so als Neuling gleich zu fassen, aber ein anderesmal dauert es wieder mehr Jahre, als das öffentliche Aufnahmsverfahren, und regelrecht öffentlich aufgenommen kann ein solcher halb Zugelassener gar nicht mehr werden. Bedenken sind hier also genug; sie schweigen aber demgegenüber, daß bei der öffentlichen Aufnahme sehr peinlich ausgewählt wird und ein Mitglied einer irgendwie anrüchigen Familie von vornherein verworfen ist, ein solcher unterzieht sich z. B. diesem Verfahren, zittert jahrelang wegen des Ergebnisses, von allen Seiten fragt man ihn erstaunt seit dem ersten Tag wie er etwas derartig Aussichtsloses wagen konnte, er hofft aber doch, wie könnte er sonst leben, aber nach vielen Jahren, vielleicht als Greis erfährt er die Ablehnung, erfährt daß alles verloren ist und sein Leben vergeblich war. Auch hier gibt es freilich Ausnahmen, darum wird man eben so leicht verlockt. Es kommt vor, daß gerade anrüchige Leute schließlich aufgenommen werden, es gibt Beamte welche förmlich gegen ihren Willen den Geruch solchen Wildes lieben, bei den Aufnahmsprüfungen schnuppern sie in der Luft, verziehn den Mund, verdrehn die Augen, ein solcher Mann scheint für sie gewissermaßen ungeheuer appetitanreizend zu sein und sie müssen sich sehr fest an die Gesetzbücher halten, um dem widerstehn zu können. Manchmal hilft das allerdings dem Mann nicht zur Aufnahme sondern nur zur endlosen Ausdehnung des Aufnahmsverfahrens, das dann überhaupt nicht beendet sondern nach dem Tode des Mannes nur abgebrochen wird. So ist also sowohl die gesetzmäßige Aufnahme als auch die andere voll offener und versteckter Schwierigkeiten und ehe man sich auf etwas derartiges einläßt, ist es sehr ratsam alles genau zu erwägen. Nun daran haben wir es nicht fehlen lassen, Barnabas und ich. Immer wenn ich aus dem Herrenhof kam, setzten wir uns zusammen, ich erzählte das Neueste was ich erfahren hatte, tagelang sprachen wir es durch und die Arbeit in des Barnabas Hand ruhte oft länger als gut war. Und hier mag ich eine Schuld in Deinem Sinne haben. Ich wußte doch daß auf die Erzählungen der Knechte nicht viel Verlaß war. Ich wußte, daß sie niemals Lust hatten mir vom Schloß zu erzählen, immer zu anderem ablenkten, jedes Wort sich abbetteln ließen, dann aber freilich wenn sie im Gang waren, loslegten, Unsinn schwatzten, großtaten, einander in Übertreibungen und Erfindungen überboten, so daß offenbar im endlosen Geschrei, in welchem einer den andern ablöste dort im dunklen Stall, bestenfalls paar magere Andeutungen der Wahrheit enthalten sein mochten. Ich aber erzählte dem Barnabas alles wieder, so wie ich es mir gemerkt hatte und er, der noch gar keine Fähigkeit hatte, zwischen Wahrem und Erlogenem zu unterscheiden und infolge der Lage unserer Familie fast verdurstete vor Verlangen nach diesen Dingen, er trank alles in sich hinein und glühte vor Eifer nach Weiterem. Und tatsächlich ruhte auf Barnabas mein neuer Plan. Bei den Knechten war nichts mehr zu erreichen. Der Bote Sortinis war nicht zu finden und würde niemals zu finden sein, immer weiter schien sich Sortini und damit auch der Bote zurückzuziehn, oft geriet ihr Aussehen und Name schon in Vergessenheit und ich mußte sie oft lange beschreiben, um damit nichts zu erzielen, als daß man sich mühsam an sie erinnerte, aber darüber hinaus nichts über sie sagen konnte. Und was mein Leben mit den Knechten betraf, so hatte ich natürlich keinen Einfluß darauf wie es beurteilt wurde, konnte nur hoffen, daß man es so aufnehmen würde, wie es getan war und daß dafür ein Geringes von der Schuld unserer Familie abgezogen würde, aber äußere Zeichen dessen bekam ich nicht. Doch blieb ich dabei, da ich für mich keine andere Möglichkeit sah, im Schloß etwas für uns zu bewirken. Für Barnabas aber sah ich eine solche Möglichkeit. Aus den Erzählungen der Knechte konnte ich wenn ich dazu Lust hatte, und diese Lust hatte ich in Fülle, entnehmen, daß jemand der in Schloßdienste aufgenommen ist, sehr viel für seine Familie erreichen kann. Freilich, was war an diesen Erzählungen Glaubwürdiges? Das war unmöglich festzustellen, nur daß es sehr wenig war, war klar. Denn wenn mir z. B. ein Knecht, den ich niemals mehr sehn würde oder den ich, wenn ich ihn auch sehn sollte, kaum wiedererkennen würde, feierlich zusicherte, meinem Bruder zu einer Anstellung im Schloß zu verhelfen oder zumindest, wenn Barnabas sonstwie ins Schloß kommen sollte, ihn zu unterstützen, also etwa ihn zu erfrischen, denn nach den Erzählungen der Knechte kommt es vor, daß Anwärter für Stellungen während der überlangen Wartezeit ohnmächtig oder verwirrt werden und dann verloren sind, wenn nicht Freunde für sie sorgen – wenn solches und vieles andere mir erzählt wurde, so waren das wahrscheinlich berechtigte Warnungen, aber die zugehörigen Versprechungen waren völlig leer. Für Barnabas nicht, zwar warnte ich ihn ihnen zu glauben, aber schon daß ich sie ihm erzählte, war genügend, um ihn für meine Pläne einzunehmen. Was ich selbst dafür anführte, wirkte auf ihn weniger, auf ihn wirkten hauptsächlich die Erzählungen der Knechte. Und so war ich eigentlich gänzlich auf mich allein angewiesen, mit den Eltern konnte sich überhaupt niemand außer Amalia verständigen, je mehr ich die alten Pläne des Vaters in meiner Art verfolgte, desto mehr schloß sich Amalia von mir ab, vor Dir oder andern spricht sie mit mir, allein niemals mehr, den Knechten im Herrenhof war ich ein Spielzeug, das zu zerbrechen sie sich wütend anstrengten, kein einziges vertrauliches Wort habe ich während der zwei Jahre mit einem von ihnen gesprochen, nur Hinterhältiges oder Erlogenes oder Irrsinniges, blieb mir also nur Barnabas und Barnabas war noch sehr jung. Wenn ich bei meinen Berichten den Glanz in seinen Augen sah, den er seitdem behalten hat, erschrak ich und ließ doch nicht ab, zu Großes schien mir auf dem Spiel zu sein. Freilich die großen wenn auch leeren Pläne meines Vaters hatte ich nicht, ich hatte nicht diese Entschlossenheit der Männer, ich blieb bei der Wiedergutmachung der Beleidigung des Boten und wollte gar noch daß man mir diese Bescheidenheit als Verdienst anrechne. Aber was mir allein mißlungen war, wollte ich jetzt durch Barnabas anders und sicher erreichen. Einen Boten hatten wir beleidigt und ihn aus den vorderen Kanzleien verscheucht, was lag näher, als in der Person des Barnabas einen neuen Boten anzubieten, durch Barnabas die Arbeit des beleidigten Boten ausführen zu lassen und dem Beleidigten es so zu ermöglichen, ruhig in der Ferne zu bleiben, wie lange er wollte, wie lange er es zum Vergessen der Beleidigung brauchte. Ich merkte zwar gut, daß in aller Bescheidenheit dieses Planes auch Anmaßung lag, daß es den Eindruck erwecken konnte, als ob wir der Behörde diktieren wollten, wie sie Personalfragen ordnen sollte oder als ob wir daran zweifelten, daß die Behörde aus eigenem das Beste anzuordnen fähig war und es sogar schon längst angeordnet hatte, ehe wir nur auf den Gedanken gekommen waren, daß hier etwas getan werden könnte. Doch glaubte ich dann wieder, daß es unmöglich sei daß mich die Behörde so mißverstehe oder daß sie, wenn sie es tun sollte, es dann mit Absicht tun würde, d. h. daß dann von vornherein ohne nähere Untersuchung alles, was ich tue, verworfen sei. So ließ ich also nicht ab und der Ehrgeiz des Barnabas tat das seine. In dieser Zeit der Vorbereitungen wurde Barnabas so hochmütig, daß er die Schusterarbeit für sich, den künftigen Kanzleiangestellten, zu schmutzig fand, ja daß er es sogar wagte, Amalia, wenn sie ihm, selten genug, ein Wort sagte, zu widersprechen undzwar grundsätzlich. Ich gönnte ihm gern diese kurze Freude, denn mit dem ersten Tag, an welchem er ins Schloß ging, war Freude und Hochmut, wie leicht vorauszusehen gewesen war, gleich vorüber. Es begann nun jener scheinbare Dienst, von dem ich Dir schon erzählt habe. Erstaunlich war es, wie Barnabas ohne Schwierigkeiten zum erstenmal das Schloß oder richtiger jene Kanzlei betrat, die sozusagen sein Arbeitsraum geworden ist. Dieser Erfolg machte mich damals fast toll, ich lief, als es mir Barnabas abend beim Nachhausekommen zuflüsterte, zu Amalia, packte sie, drückte sie in eine Ecke und küßte sie mit Lippen und Zähnen, daß sie vor Schmerz und Schrecken weinte. Sagen konnte ich vor Erregung nichts, auch hatten wir ja schon so lange nichts mit einander gesprochen, ich verschob es auf die nächsten Tage. An den nächsten Tagen aber war freilich nichts mehr zu sagen. Bei dem so schnell Erreichten blieb es auch. Zwei Jahre lang führte Barnabas dieses einförmige herzbeklemmende Leben. Die Knechte versagten gänzlich, ich gab Barnabas einen kleinen Brief mit, in dem ich ihn der Aufmerksamkeit der Knechte empfahl, die ich gleichzeitig an ihre Versprechungen erinnerte und Barnabas, sooft er einen Knecht sah, zog den Brief heraus und hielt ihn ihm vor und wenn er wohl auch manchmal an Knechte geriet, die mich nicht kannten, und wenn auch für die Bekannten seine Art den Brief stumm vorzuzeigen, denn zu sprechen wagt er oben nicht, ärgerlich war, so war es doch schändlich daß niemand ihm half und es war eine Erlösung, die wir aus Eigenem uns freilich auch und längst hätten verschaffen können, als ein Knecht, dem vielleicht der Brief schon einigemal aufgedrängt worden war, ihn zusammenknüllte und in einen Papierkorb warf. Fast hätte er dabei, so fiel mir ein, sagen können: >Ähnlich pflegt ja auch Ihr Briefe zu behandeln. < So ergebnislos aber diese ganze Zeit sonst war, auf Barnabas wirkte sie günstig, wenn man es günstig nennen will, daß er vorzeitig alterte, vorzeitig ein Mann wurde, ja in manchem ernst und einsichtig über die Mannheit hinaus. Mich macht es oft sehr traurig ihn anzusehn und ihn mit dem Jungen zu vergleichen, der er noch vor zwei Jahren war. Und dabei habe ich gar nicht den Trost und Rückhalt, den er mir als Mann vielleicht geben könnte. Ohne mich wäre er kaum ins Schloß gekommen, aber seitdem er dort ist, ist er von mir unabhängig. Ich bin seine einzige Vertraute, aber er erzählt mir gewiß nur einen kleinen Teil dessen, was er auf dem Herzen hat. Er erzählt mir viel vom Schloß, aber aus seinen Erzählungen, aus den kleinen Tatsachen, die er mitteilt, kann man bei weitem nicht verstehen, wie ihn dieses so verwandelt haben könnte. Man kann insbesondere nicht verstehn, warum er den Mut, den er als Junge bis zu unserer aller Verzweiflung hatte, jetzt als Mann dort oben so gänzlich verloren hat. Freilich, dieses nutzlose Dastehn und Warten Tag für Tag und immer wieder von neuem und ohne jede Aussicht auf Veränderung, das zermürbt und macht zweifelhaft und schließlich zu anderem als zu diesem verzweifelten Dastehn sogar unfähig. Aber warum hat er auch früher gar keinen Widerstand geleistet? Besonders da er bald erkannte, daß ich recht gehabt hatte und für den Ehrgeiz dort nichts zu holen war, wohl aber vielleicht für die Besserung der Lage unserer Familie. Denn dort geht alles, die Launen der Diener ausgenommen, sehr bescheiden zu, der Ehrgeiz sucht dort in der Arbeit Befriedigung und da dabei die Sache selbst das Übergewicht bekommt, verliert er sich gänzlich, für kindliche Wünsche ist dort kein Raum. Wohl aber glaubte Barnabas, wie er mir erzählte, deutlich zu sehn, wie groß die Macht und das Wissen selbst dieser doch recht fragwürdigen Beamten war, in deren Zimmer er sein durfte. Wie sie diktierten, schnell, mit halb geschlossenen Augen, kurzen Handbewegungen, wie sie nur mit dem Zeigefinger ohne jedes Wort die brummigen Diener abfertigten, die in solchen Augenblicken schwer atmend, glücklich lächelten oder wie sie eine wichtige Stelle in ihren Büchern fanden, voll darauf schlugen und, soweit es in der Enge möglich war, die andern herbeiliefen und die Hälse danach streckten. Das und ähnliches gab Barnabas große Vorstellungen von diesen Männern und er hatte den Eindruck, daß wenn er so weit käme, von ihnen bemerkt zu werden und mit ihnen paar Worte sprechen zu dürfen, nicht als Fremder, sondern als Kanzleikollege, allerdings untergeordnetester Art, Unabsehbares für unsere Familie erreicht werden könnte. Aber soweit ist es eben noch nicht gekommen und etwas was ihn dem annähern könnte wagt Barnabas nicht zu tun, trotzdem er schon genau weiß, daß er trotz seiner Jugend innerhalb unserer Familie durch die unglücklichen Verhältnisse zu der verantwortungsschweren Stellung des Familienvaters selbst hinaufgerückt ist. Und nun, um das Letzte noch zu gestehn: Vor einer Woche bist Du gekommen. Ich hörte im Herrenhof jemanden es erwähnen, kümmerte mich aber nicht darum; ein Landvermesser war gekommen, ich wußte nicht einmal was das ist. Aber am nächsten Abend kommt Barnabas – ich pflegte ihm sonst zu bestimmter Stunde ein Stück Wegs entgegenzugehn – früher als sonst nachhause, sieht Amalia in der Stube, zieht mich deshalb auf die Straße hinaus, drückt dort das Gesicht auf meine Schulter und weint minutenlang. Er ist wieder der kleine Junge von ehemals. Es ist ihm etwas geschehn, dem er nicht gewachsen ist. Es ist als hätte sich vor ihm plötzlich eine ganz neue Welt aufgetan und das Glück und die Sorgen aller dieser Neuheit kann er nicht ertragen. Und dabei ist ihm nichts anderes geschehn, als daß er einen Brief an Dich zur Bestellung bekommen hat. Aber es ist freilich der erste Brief, die erste Arbeit, die er überhaupt je bekommen hat. "

Olga brach ab. Es war still bis auf das schwere manchmal röchelnde Atmen der Eltern. K. sagte nur leichthin, wie zur Ergänzung von Olgas Erzählung: "Ihr habt Euch mir gegenüber verstellt. Barnabas überbrachte den Brief wie ein alter vielbeschäftigter Bote und Du ebenso wie Amalia, die diesmal also mit Euch einig war, tatet so, als sei der Botendienst und die Briefe nur irgendein Nebenbei. " "Du mußt zwischen uns unterscheiden", sagte Olga, "Barnabas ist durch die zwei Briefe wieder ein glückliches Kind geworden, trotz allen Zweifeln, die er an seiner Tätigkeit hat. Diese Zweifel hat er nur für sich und mich, Dir gegenüber aber sucht er seine Ehre darin, als wirklicher Bote aufzutreten, so wie seiner Vorstellung nach wirkliche Boten auftreten. So mußte ich ihm z. B., trotzdem doch jetzt seine Hoffnung auf einen Amtsanzug steigt, binnen zwei Stunden seine Hose so ändern, daß sie der enganliegenden Hose des Amtskleides wenigstens ähnlich ist und er darin vor Dir, der Du in dieser Hinsicht natürlich noch leicht zu täuschen bist, bestehen kann. Das ist Barnabas. Amalia aber mißachtet wirklich den Botendienst und jetzt, nachdem er ein wenig Erfolg zu haben scheint, wie sie an Barnabas und mir und unserem Beisammensitzen und Tuscheln leicht erkennen kann, jetzt mißachtet sie ihn noch mehr als früher. Sie spricht also die Wahrheit, laß Dich niemals täuschen, indem Du daran zweifelst. Wenn aber ich, K., manchmal den Botendienst herabgewürdigt habe, so geschah es nicht mit der Absicht Dich zu täuschen, sondern aus Angst. Diese zwei Briefe, die durch des Barnabas Hand bisher gegangen sind, sind seit drei Jahren das erste allerdings noch genug zweifelhafte Gnadenzeichen, das unsere Familie bekommen hat. Diese Wendung, wenn es eine Wendung ist und keine Täuschung – Täuschungen sind häufiger als Wendungen – ist mit Deiner Ankunft hier in Zusammenhang, unser Schicksal ist in eine gewisse Abhängigkeit von Dir geraten, vielleicht sind diese zwei Briefe nur ein Anfang und des Barnabas Tätigkeit wird sich über den Dich betreffenden Botendienst hinaus ausdehnen – das wollen wir hoffen, solange wir es dürfen – vorläufig aber zielt alles nur auf Dich ab. Dort oben nun müssen wir uns mit dem zufriedengeben, was man uns zuteilt, hier unten aber können wir doch vielleicht auch selbst etwas tun, das ist: Deine Gunst uns sichern oder wenigstens vor Deiner Abneigung uns bewahren oder, was das wichtigste ist, Dich nach unsern Kräften und Erfahrungen zu schützen, damit Dir die Verbindung mit dem Schloß – von der wir vielleicht leben könnten – nicht verloren geht. Wie dies alles nun am besten einleiten? Daß Du keinen Verdacht gegen uns faßt, wenn wir uns Dir nähern, denn Du bist hier fremd und deshalb gewiß nach allen Seiten hin voll Verdachtes, voll berechtigten Verdachtes. Außerdem sind wir ja verachtet und Du von der allgemeinen Meinung beeinflußt, besonders durch Deine Braut, wie sollen wir zu Dir vordringen, ohne uns z. B., wenn wir es auch gar nicht beabsichtigen, gegen Deine Braut zu stellen und Dich damit zu kränken. Und die Botschaften, die ich, ehe Du sie bekamst, genau gelesen habe – Barnabas hat sie nicht gelesen, als Bote hat er es sich nicht erlaubt – schienen auf den ersten Blick nicht sehr wichtig, veraltet, nahmen sich selbst die Wichtigkeit, indem sie Dich auf den Gemeindevorsteher verwiesen. Wie sollten wir uns nun in dieser Hinsicht Dir gegenüber verhalten? Betonten wir ihre Wichtigkeit, machten wir uns verdächtig, daß wir so offenbar Unwichtiges überschätzten, uns als Überbringer dieser Nachrichten Dir anpriesen, unsere Zwecke nicht Deine verfolgten, ja wir konnten dadurch die Nachrichten selbst in Deinen Augen herabsetzen und Dich so, sehr wider Willen täuschen. Legten wir aber den Briefen nicht viel Wert bei, machten wir uns ebenso verdächtig, denn warum beschäftigten wir uns dann mit dem Zustellen dieser unwichtigen Briefe, warum widersprachen einander unsere Handlungen und unsere Worte, warum täuschten wir so nicht nur Dich den Adressaten sondern auch unsern Auftraggeber, der uns gewiß die Briefe nicht übergeben hatte, damit wir sie durch unsere Erklärungen beim Adressaten entwerteten. Und die Mitte zwischen den Übertreibungen zu halten, also die Briefe richtig zu beurteilen, ist ja unmöglich, sie wechseln selbst fortwährend ihren Wert, die Überlegungen, zu denen sie Anlaß geben sind endlos und wo man dabei gerade Halt macht, ist nur durch den Zufall bestimmt, also auch die Meinung eine zufällige. Und wenn nun noch die Angst um Dich dazwischen kommt, verwirrt sich alles, Du darfst meine Worte nicht zu streng beurteilen. Wenn z. B. wie es einmal geschehen ist, Barnabas mit der Nachricht kommt, daß Du mit seinem Botendienst unzufrieden bist und er im ersten Schrecken und leider auch nicht ohne Botenempfindlichkeit sich angeboten hat, von diesem Dienst zurückzutreten, dann bin ich allerdings, um den Fehler gutzumachen, imstande, zu täuschen, zu lügen, zu betrügen, alles Böse zu tun, wenn es nur hilft. Aber das tue ich dann, wenigstens nach meinem Glauben, so gut Deinetwegen wie unseretwegen. "

Es klopfte. Olga lief zur Tür und sperrte auf. In das Dunkel fiel ein Lichtstreifen aus einer Blendlaterne. Der späte Besucher stellte flüsternde Fragen und bekam geflüsterte Antwort, wollte sich aber damit nicht begnügen und in die Stube eindringen. Olga konnte ihn wohl nicht mehr zurückhalten und rief deshalb Amalia, von der sie offenbar hoffte, daß diese um den Schlaf der Eltern zu schützen, alles aufwenden werde, um den Besucher zu entfernen. Tatsächlich eilte sie auch schon herbei, schob Olga beiseite, trat auf die Straße und schloß hinter sich die Tür. Es dauerte nur einen Augenblick, gleich kam sie wieder zurück, so schnell hatte sie erreicht, was Olga unmöglich gewesen war.

K. erfuhr dann von Olga, daß der Besuch ihm gegolten hatte, es war einer der Gehilfen gewesen, der ihn im Auftrag Friedas suchte. Olga hatte K. vor dem Gehilfen schützen wollen; wenn K. seinen Besuch hier später Frieda gestehen wollte, mochte er es tun, aber es sollte nicht durch den Gehilfen entdeckt werden; K. billigte das. Das Angebot Olgas aber, hier die Nacht zu verbringen und auf Barnabas zu warten, lehnte er ab; an und für sich hätte er es vielleicht angenommen, denn es war schon spät in der Nacht und es schien ihm, daß er jetzt, ob er wolle oder nicht, mit dieser Familie derart verbunden sei, daß ein Nachtlager hier, aus andern Gründen vielleicht peinlich, mit Rücksicht auf diese Verbundenheit aber das für ihn natürlichste im ganzen Dorf sei, trotzdem lehnte er ab, der Besuch des Gehilfen hatte ihn aufgeschreckt, es war ihm unverständlich wie Frieda, die doch seinen Willen kannte, und die Gehilfen, die ihn fürchten gelernt hatten, wieder derart zusammengekommen waren, daß sich Frieda nicht scheute, einen Gehilfen um ihn zu schicken, einen übrigens nur, während der andere wohl bei ihr geblieben war. Er fragte Olga, ob sie eine Peitsche habe, die hatte sie nicht, aber eine gute Weidenrute hatte sie, die nahm er; dann fragte er, ob es noch einen zweiten Ausgang aus dem Haus gebe, es gab einen solchen Ausgang durch den Hof, nur mußte man dann noch über den Zaun des Nachbargartens klettern und durch diesen Garten gehn ehe man auf die Straße kam. Das wollte K. tun. Während ihn Olga durch den Hof und zum Zaun führte, suchte K. sie schnell wegen ihrer Sorgen zu beruhigen, erklärte, daß er ihr wegen ihrer kleinen Kunstgriffe in der Erzählung gar nicht böse sei, sondern sie sehr wohl verstehe, dankte ihr für das Vertrauen, das sie zu ihm hatte und durch ihre Erzählung bewiesen hatte und trug ihr auf, Barnabas gleich nach seiner Rückkehr in die Schule zu schicken und sei es noch in der Nacht. Zwar seien die Botschaften des Barnabas nicht seine einzige Hoffnung, sonst stünde es schlimm um ihn, aber verzichten wolle er keineswegs auf sie, er wolle sich an sie halten und dabei Olga nicht vergessen, denn noch wichtiger fast als die Botschaften sei ihm Olga selbst, ihre Tapferkeit, ihre Umsicht, ihre Klugheit, ihre Aufopferung für die Familie. Wenn er zwischen Olga und Amalia zu wählen hätte, würde ihn das nicht viel Überlegung kosten. Und er drückte ihr noch herzlich die Hand, während er sich schon auf den Zaun des Nachbargartens schwang.

Als er dann auf der Straße war, sah er soweit die trübe Nacht es erlaubte weiter oben vor des Barnabas Haus noch immer den Gehilfen auf und abgehn, manchmal blieb er stehn und versuchte durch das verhängte Fenster in die Stube zu leuchten. K. rief ihn an; ohne sichtlich zu erschrecken ließ er von dem Ausspionieren des Hauses ab und kam auf K. zu. "Wen suchst Du?" fragte K. und prüfte am Schenkel die Biegsamkeit der Weidenrute. "Dich", sagte der Gehilfe im Näherkommen. "Wer bist Du denn?" sagte K. plötzlich, denn es schien nicht der Gehilfe zu sein. Er schien älter, müder, faltiger, aber voller im Gesicht, auch sein Gang war ganz anders als der flinke, in den Gelenken wie elektrisierte Gang der Gehilfen, er war langsam, ein wenig hinkend, vornehm kränklich. "Du erkennst mich nicht?" fragte der Mann, "Jeremias, Dein alter Gehilfe. " "So?" sagte K. und zog wieder die Weidenrute ein wenig hervor, die er schon hinter dem Rücken versteckt hatte. "Du siehst aber ganz anders aus. " "Es ist, weil ich allein bin", sagte Jeremias. "Bin ich allein, dann ist auch die fröhliche Jugend dahin." "Wo ist denn Artur?" fragte K. "Artur?" fragte Jeremias, "der kleine Liebling? Er hat den Dienst verlassen. Du warst aber auch ein wenig gar zu hart zu uns. Die zarte Seele hat es nicht ertragen. Er ist ins Schloß zurückgekehrt und führt Klage über Dich." "Und Du?" fragte K. "Ich konnte bleiben", sagte Jeremias, "Artur führt die Klage auch für mich." "Worüber klagt Ihr denn?" fragte K. "Darüber", sagte Jeremias, "daß Du keinen Spaß verstehst. Was haben wir denn getan? Ein wenig gescherzt, ein wenig gelacht, ein wenig Deine Braut geneckt. Alles übrigens nach dem Auftrag. Als uns Galater zu Dir schickte – " "Galater?" fragte K. "Ja Galater", sagte Jeremias, "er vertrat damals gerade Klamm. Als er uns zu Dir schickte, sagte er – ich habe es mir genau gemerkt, denn darauf berufen wir uns ja –: Ihr geht hin als die Gehilfen des Landvermessers. Wir sagten: Wir verstehn aber nichts von dieser Arbeit. Er darauf: Das ist nicht das Wichtigste; wenn es nötig sein wird, wird er es Euch beibringen. Das Wichtigste aber ist, daß Ihr ihn ein wenig erheitert. Wie man mir berichtet, nimmt er alles sehr schwer. Er ist jetzt ins Dorf gekommen und gleich ist ihm das ein großes Ereignis, während es doch in Wirklichkeit gar nichts ist. Das sollt Ihr ihm beibringen. " "Nun", sagte K., "hat Galater Recht gehabt und habt Ihr den Auftrag ausgeführt?" "Das weiß ich nicht", sagte Jeremias. "In der kurzen Zeit war es wohl auch nicht möglich. Ich weiß nur, daß Du sehr grob warst und darüber klagen wir. Ich verstehe nicht, wie Du, der Du doch auch nur ein Angestellter bist und nicht einmal ein Schloßangestellter, nicht einsehen kannst, daß ein solcher Dienst eine harte Arbeit ist und daß es sehr unrecht ist, mutwillig, fast kindisch dem Arbeiter die Arbeit so zu erschweren, wie Du es getan hast. Diese Rücksichtslosigkeit, mit der Du uns am Gitter frieren ließest oder wie Du Artur, einen Menschen, den ein böses Wort tagelang schmerzt, mit der Faust auf der Matratze fast erschlagen hast oder wie Du mich am Nachmittag kreuz und quer durch den Schnee jagtest, daß ich dann eine Stunde brauchte, um mich von der Hetze zu erholen. Ich bin doch nicht mehr jung! " "Lieber Jeremias", sagte K., "mit dem allen hast Du Recht, nur solltest Du es bei Galater vorbringen. Er hat Euch aus eigenem Willen geschickt, ich habe Euch nicht von ihm erbeten. Und da ich Euch nicht verlangt habe, konnte ich Euch auch wieder zurückschicken und hätte es auch lieber in Frieden getan, als mit Gewalt, aber Ihr wolltet es offenbar nicht anders. Warum hast Du übrigens nicht gleich als Ihr zu mir kamt, so offen gesprochen, wie jetzt?" "Weil ich im Dienst war", sagte Jeremias, "das ist doch selbstverständlich. " "Und jetzt bist Du nicht mehr im Dienst?" fragte K. "Jetzt nicht mehr", sagte Jeremias, "Artur hat im Schloß den Dienst aufgesagt oder es ist zumindest das Verfahren im Gang, das uns von ihm endgiltig befreien soll. " "Aber Du suchst mich doch noch so, als wärest Du im Dienst", sagte K. "Nein", sagte Jeremias, "ich suche Dich nur, um Frieda zu beruhigen. Als Du sie nämlich wegen der Barnabassischen Mädchen verlassen hast, war sie sehr unglücklich, nicht so sehr wegen des Verlustes als wegen Deines Verrates, allerdings hatte sie es schon lange kommen gesehn und schon viel deshalb gelitten. Ich kam gerade wieder einmal zum Schulfenster, um nachzusehn, ob Du doch vielleicht schon vernünftiger geworden seist. Aber Du warst nicht dort, nur Frieda, saß in einer Schulbank und weinte. Da ging ich also zu ihr und wir einigten uns. Es ist auch schon alles ausgeführt. Ich bin Zimmerkellner im Herrenhof, wenigstens solange meine Sache im Schloß nicht erledigt ist und Frieda ist wieder im Ausschank. Es ist für Frieda besser. Es lag für sie keine Vernunft darin Deine Frau zu werden. Auch hast Du das Opfer, das sie Dir bringen wollte nicht zu würdigen verstanden. Nun hat aber die Gute noch immer manchmal Bedenken, ob Dir nicht Unrecht geschehn ist, ob Du vielleicht doch nicht bei den Barnabassischen warst. Trotzdem natürlich gar kein Zweifel daran sein konnte, wo Du warst, bin ich doch noch gegangen, es ein für alle Mal festzustellen; denn nach all den Aufregungen verdient es Frieda endlich einmal ruhig zu schlafen, ich allerdings auch. So bin ich also gegangen und habe nicht nur Dich gefunden, sondern nebenbei auch noch sehen können, daß Dir die Mädchen wie am Schnürchen folgen. Besonders die Schwarze, eine wahre Wildkatze, hat sich für Dich eingesetzt. Nun jeder nach seinem Geschmack. Jedenfalls aber war es nicht nötig, daß Du den Umweg über den Nachbargarten gemacht hast, ich kenne den Weg. "


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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