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2017/10/19 - 02:04

16. («K. blieb...»)

K. blieb mit etwas erstauntem Gesicht zurück, Olga lachte über ihn, zog ihn zur Ofenbank, sie schien wirklich glücklich zu sein darüber, daß sie jetzt mit ihm allein hier sitzen konnte, aber es war ein friedliches Glück, von Eifersucht war es gewiß nicht getrübt. Und gerade dieses Fernsein von Eifersucht und daher auch von jeglicher Strenge tat K. wohl, gern sah er in diese blauen, nicht lockenden, nicht herrischen, sondern schüchtern ruhenden, schüchtern standhaltenden Augen. Es war als hätten ihn für alles dieses hier die Warnungen Friedas und der Wirtin nicht empfänglicher, aber aufmerksamer und findiger gemacht. Und er lachte mit Olga, als diese sich wunderte, warum er gerade Amalia gutmütig genannt habe, Amalia sei mancherlei, nur gutmütig sei sie eigentlich nicht. Worauf K. erklärte, das Lob habe natürlich ihr, Olga gegolten, aber Amalia sei so herrisch, daß sie sich nicht nur alles aneigne, was in ihrer Gegenwart gesprochen werde, sondern daß man ihr auch freiwillig alles zuteile. "Das ist wahr", sagte Olga ernster werdend, "wahrer als Du glaubst. Amalia ist jünger als ich, jünger auch als Barnabas, aber sie ist es, die in der Familie entscheidet, im Guten und im Bösen, freilich, sie trägt es auch mehr als alle, das Gute wie das Böse. " K. hielt das für übertrieben, eben hatte doch Amalia gesagt, daß sie sich um des Bruders Angelegenheiten z. B. nicht kümmere, Olga dagegen alles darüber wisse. "Wie soll ich es erklären? " sagte Olga, "Amalia kümmert sich weder um Barnabas noch um mich, sie kümmert sich eigentlich um niemanden außer um die Eltern, sie pflegt sie Tag und Nacht, jetzt hat sie wieder nach ihren Wünschen gefragt und ist in die Küche für sie kochen gegangen, hat sich ihretwegen überwunden, aufzustehn, denn sie ist schon unwohl seit Mittag und lag hier auf der Bank. Aber trotzdem sie sich nicht um uns kümmert, sind wir von ihr abhängig, so wie wenn sie die Älteste wäre, und wenn sie uns in unsern Dingen raten würde, würden wir ihr gewiß folgen, aber sie tut es nicht, wir sind ihr fremd. Du hast doch viel Menschenerfahrung, Du kommst aus der Fremde, scheint sie Dir nicht auch besonders klug?" "Besonders unglücklich scheint sie mir", sagte K., "aber wie stimmt es mit Euerem Respekt vor ihr überein, daß z. B. Barnabas diese Botendienste tut, die Amalia mißbilligt, vielleicht sogar mißachtet." "Wenn er wüßte, was er sonst tun sollte, er würde den Botendienst, der ihn gar nicht befriedigt, sofort verlassen." "Ist er denn nicht ausgelernter Schuster" fragte K. "Gewiß", sagte Olga, "er arbeitet ja auch nebenbei für Brunswick und hätte wenn er wollte Tag und Nacht Arbeit und reichlichen Verdienst." "Nun also", sagte K., "dann hätte er doch einen Ersatz für den Botendienst. " "Für den Botendienst? " fragte Olga erstaunt, "hat er ihn denn des Verdienens halber übernommen?" "Mag sein", sagte K., "aber Du erwähntest doch, daß er ihn nicht befriedigt. " "Er befriedigt ihn nicht und aus verschiedenen Gründen", sagte Olga, "aber es ist doch Schloßdienst, immerhin eine Art Schloßdienst, so sollte man wenigstens glauben. " "Wie?" sagte K., "sogar darin seid Ihr im Zweifel?" "Nun", sagte Olga, "eigentlich nicht, Barnabas geht in die Kanzleien, verkehrt mit den Dienern wie ihresgleichen, sieht von der Ferne auch einzelne Beamte, bekommt verhältnismäßig wichtige Briefe, ja sogar mündlich auszurichtende Botschaften anvertraut, das ist doch recht viel und wir könnten stolz darauf sein, wie viel er in so jungen Jahren schon erreicht hat. " K. nickte, an die Heimkehr dachte er jetzt nicht. "Er hat auch eine eigene Livree?" fragte er. "Du meinst die Jacke?" sagte Olga, "nein, die hat ihm Amalia gemacht, noch ehe er Bote war. Aber Du näherst Dich dem wunden Punkt. Er hätte schon längst, nicht eine Livree, die es im Schloß nicht gibt, aber einen Anzug vom Amt bekommen sollen, es ist ihm auch zugesichert worden, aber in dieser Hinsicht ist man im Schloß sehr langsam und das Schlimme ist daß man niemals weiß, was diese Langsamkeit bedeutet; sie kann bedeuten, daß die Sache im Amtsgang ist, sie kann aber auch bedeuten, daß der Amtsgang noch gar nicht begonnen hat, daß man also z. B. Barnabas immer noch erst erproben will, sie kann aber schließlich auch bedeuten, daß der Amtsgang schon beendet ist, man aus irgendwelchen Gründen die Zusicherung zurückgezogen hat und Barnabas den Anzug niemals bekommt. Genaueres kann man darüber nicht erfahren oder erst nach langer Zeit. Es ist hier die Redensart, vielleicht kennst Du sie: >amtliche Entscheidungen sind scheu wie junge Mädchen<. " "Das ist eine gute Beobachtung", sagte K., er nahm es noch ernster als Olga, "eine gute Beobachtung, die Entscheidungen mögen noch andere Eigenschaften mit Mädchen gemeinsam haben." "Vielleicht", sagte Olga, "ich weiß freilich nicht wie Du es meinst. Vielleicht meinst Du es gar lobend. Aber was das Amtskleid betrifft, so ist dies eben eine der Sorgen des Barnabas und da wir die Sorgen gemeinsam haben, auch meine. Warum bekommt er kein Amtskleid, fragen wir uns vergebens. Nun ist aber diese ganze Sache nicht einfach. Die Beamten z. B. scheinen überhaupt kein Amtskleid zu haben; so viel wir hier wissen und soviel Barnabas erzählt, gehen die Beamten in gewöhnlichen, allerdings schönen Kleidern herum. Übrigens hast Du ja Klamm gesehn. Nun ein Beamter, auch ein Beamter niedrigster Kategorie ist natürlich Barnabas nicht und versteigt sich nicht dazu es sein zu wollen. Aber auch höhere Diener, die man hier im Dorf freilich überhaupt nicht zu sehen bekommt, haben nach des Barnabas Bericht keine Amtsanzüge; das ist ein gewisser Trost, könnte man von vorherein meinen, aber er ist trügerisch, denn ist Barnabas ein höherer Diener? Nein, wenn man ihm noch so sehr geneigt ist, das kann man nicht sagen, ein höherer Diener ist er nicht, schon daß er ins Dorf kommt, ja sogar hier wohnt, ist ein Gegenbeweis, die höheren Diener sind noch zurückhaltender als die Beamten, vielleicht mit Recht, vielleicht sind sie sogar höher als manche Beamte, einiges spricht dafür, sie arbeiten weniger und es soll nach Barnabas ein wunderbarer Anblick sein, diese auserlesen großen starken Männer langsam durch die Korridore gehn zu sehn, Barnabas schleicht an ihnen immer herum. Kurz, es kann keine Rede davon sein, daß Barnabas ein höherer Diener ist. Also könnte er einer der niedrigen Dienerschaft sein, aber diese haben eben Amtsanzüge, wenigstens soweit sie ins Dorf herunterkommen, er ist keine eigentliche Livree, es gibt auch viele Verschiedenheiten, aber immerhin erkennt man sofort an den Kleidern den Diener aus dem Schloß, Du hast ja solche Leute im Herrenhof gesehn. Das Auffallendste an den Kleidern ist daß sie meistens eng anliegen, ein Bauer oder ein Handwerker könnte ein solches Kleid nicht brauchen. Nun, dieses Kleid hat also Barnabas nicht, das ist nicht nur etwa beschämend oder entwürdigend, das könnte man ertragen, aber es läßt – besonders in trüben Stunden und manchmal, nicht zu selten, haben wir solche, Barnabas und ich – an allem zweifeln. Ist es überhaupt Schloßdienst, was Barnabas tut, fragen wir dann; gewiß er geht in die Kanzleien, aber sind die Kanzleien das eigentliche Schloß? Und selbst wenn Kanzleien zum Schloß gehören, sind es die Kanzleien, welche Barnabas betreten darf? Er kommt in Kanzleien, aber es ist doch nur ein Teil aller, dann sind Barrieren und hinter ihnen sind noch andere Kanzleien. Man verbietet ihm nicht geradezu weiterzugehn, aber er kann doch nicht weitergehn, wenn er seine Vorgesetzten schon gefunden hat, sie ihn abgefertigt haben und wegschicken. Man ist dort überdies immer beobachtet, wenigstens glaubt man es. Und selbst wenn er weiterginge, was würde es helfen, wenn er dort keine amtliche Arbeit hat und ein Eindringling wäre. Diese Barrieren darfst Du Dir auch nicht als eine bestimmte Grenze vorstellen, darauf macht mich auch Barnabas immer wieder aufmerksam. Barrieren sind auch in den Kanzleien, in die er geht, es gibt also auch Barrieren die er passiert und sie sehn nicht anders aus, als die, über die er noch nicht hinweggekommen ist und es ist auch deshalb nicht von vornherein anzunehmen, daß sich hinter diesen letzteren Barrieren wesentlich andere Kanzleien befinden, als jene in denen Barnabas schon war. Nur eben in jenen trüben Stunden glaubt man das. Und dann geht der Zweifel weiter, man kann sich gar nicht wehren. Barnabas spricht mit Beamten, Barnabas bekommt Botschaften. Aber was für Beamte, was für Botschaften sind es. Jetzt ist er, wie er sagt, Klamm zugeteilt und bekommt von ihm persönlich die Aufträge. Nun, das wäre doch sehr viel, selbst höhere Diener gelangen nicht so weit, es wäre fast zu viel, das ist das Beängstigende. Denk nur, unmittelbar Klamm zugeteilt sein, mit ihm von Mund zu Mund sprechen. Aber es ist doch so? Nun ja, es ist so, aber warum zweifelt dann Barnabas daran daß der Beamte, der dort als Klamm bezeichnet wird, wirklich Klamm ist?" "Olga", sagte K., "Du willst doch nicht scherzen; wie kann über Klamms Aussehen ein Zweifel bestehn, es ist doch bekannt wie er aussieht, ich selbst habe ihn gesehn. " "Gewiß nicht, K. ", sagte Olga, "Scherze sind es nicht, sondern meine allerernstesten Sorgen. Doch erzähle ich es Dir auch nicht, um mein Herz zu erleichtern und Deines etwa zu beschweren, sondern weil Du nach Barnabas fragtest, Amalia mir den Auftrag gab zu erzählen, und weil ich glaube daß es auch für Dich nützlich ist, genaueres zu wissen. Auch wegen Barnabas tue ich es, damit Du nicht allzugroße Hoffnungen auf ihn setzest, er Dich nicht enttäuscht und dann selbst unter Deiner Enttäuschung leidet. Er ist sehr empfindlich, er hat z. B. heute nacht nicht geschlafen, weil Du gestern abend mit ihm unzufrieden warst, Du sollst gesagt haben, daß es sehr schlimm für Dich ist, daß Du >nur einen solchen Boten< wie Barnabas hast. Diese Worte haben ihn um den Schlaf gebracht, Du selbst wirst wohl von seiner Aufregung nicht viel bemerkt haben, Schloßboten müssen sich sehr beherrschen. Aber er hat es nicht leicht, selbst mit Dir nicht. Du verlangst ja in Deinem Sinn gewiß nicht zu viel von ihm, Du hast bestimmte Vorstellungen vom Botendienst mitgebracht und nach ihnen bemißt Du Deine Anforderungen. Aber im Schloß hat man andere Vorstellungen vom Botendienst, sie lassen sich mit Deinen nicht vereinen, selbst wenn sich Barnabas gänzlich dem Dienst opfern würde, wozu er leider manchmal bereit scheint. Man müßte sich ja fügen, dürfte nichts dagegen sagen, wäre nur nicht die Frage, ob es wirklich Botendienst ist was er tut. Dir gegenüber darf er natürlich keinen Zweifel darüber aussprechen, es hieße für ihn seine eigene Existenz untergraben wenn er das täte, Gesetze grob verletzen, unter denen er ja noch zu stehen glaubt, und selbst mir gegenüber spricht er nicht frei, abschmeicheln, abküssen muß ich ihm seine Zweifel und selbst dann wehrt er sich noch zuzugeben, daß die Zweifel Zweifel sind. Er hat etwas von Amalia im Blut. Und alles sagt er mir gewiß nicht, trotzdem ich seine einzige Vertraute bin. Aber über Klamm sprechen wir manchmal, ich habe Klamm noch nicht gesehn, Du weißt, Frieda liebt mich wenig und hätte mir den Anblick nie gegönnt, aber natürlich ist sein Aussehn im Dorf gut bekannt, einzelne haben ihn gesehn, alle von ihm gehört und es hat sich aus dem Augenschein, aus Gerüchten und auch manchen fälschenden Nebenabsichten ein Bild Klamms ausgebildet, das wohl in den Grundzügen stimmt. Aber nur in den Grundzügen. Sonst ist es veränderlich und vielleicht nicht einmal so veränderlich wie Klamms wirkliches Aussehn. Er soll ganz anders aussehn, wenn er ins Dorf kommt und anders wenn er es verläßt, anders ehe er Bier getrunken hat, anders nachher, anders im Wachen, anders im Schlafen, anders allein, anders im Gespräch und, was hienach verständlich ist, fast grundverschieden oben im Schloß. Und es sind schon selbst innerhalb des Dorfes ziemlich große Unterschiede, die berichtet werden, Unterschiede der Größe, der Haltung, der Dicke, des Bartes, nur hinsichtlich des Kleides sind die Berichte glücklicherweise einheitlich, er trägt immer das gleiche Kleid, ein schwarzes Jackettkleid mit langen Schößen. Nun gehn natürlich alle diese Unterschiede auf keine Zauberei zurück, sondern sind sehr begreiflich, entstehen durch die augenblickliche Stimmung, den Grad der Aufregung, die unzähligen Abstufungen der Hoffnung oder Verzweiflung, in welcher sich der Zuschauer, der überdies meist nur augenblicksweise Klamm sehen darf, befindet, ich erzähle Dir das alles wieder, so wie es mir Barnabas oft erklärt hat und man kann sich im allgemeinen, wenn man nicht persönlich unmittelbar an der Sache beteiligt ist, damit beruhigen. Wir können es nicht, für Barnabas ist es eine Lebensfrage, ob er wirklich mit Klamm spricht oder nicht. " "Für mich nicht minder", sagte K. und sie rückten noch näher zusammen auf der Ofenbank. Durch alle die ungünstigen Neuigkeiten Olgas war K. zwar betroffen, doch sah er einen Ausgleich zum großen Teile darin, daß er hier Menschen fand, denen es, wenigstens äußerlich, sehr ähnlich ging wie ihm selbst, denen er sich also anschließen konnte, mit denen er sich in vielem verständigen konnte, nicht nur in manchem wie mit Frieda. Zwar verlor er allmählich die Hoffnung auf einen Erfolg der Barnabas’schen Botschaft, aber je schlechter es Barnabas oben ging, desto näher kam er ihm hier unten, niemals hätte K. gedacht, daß aus dem Dorf selbst ein derart unglückliches Bestreben hervorgehen könnte, wie es das des Barnabas und seiner Schwester war. Es war freilich noch beiweitem nicht genug erklärt und konnte sich schließlich noch ins Gegenteil wenden, man mußte durch das gewiß unschuldige Wesen Olgas sich nicht gleich verführen lassen auch an die Aufrichtigkeit des Barnabas zu glauben. "Die Berichte über Klamms Aussehn", fuhr Olga fort, "kennt Barnabas sehr gut, hat viele gesammelt und verglichen, vielleicht zu viele, hat einmal selbst Klamm im Dorf durch ein Wagenfenster gesehn oder zu sehn geglaubt, war also genügend vorbereitet, ihn zu erkennen und hat doch – wie erklärst Du es Dir? – als er im Schloß in eine Kanzlei kam und man ihm unter mehreren Beamten einen zeigte und sagte, daß dieser Klamm sei, ihn nicht erkannt und auch nachher noch lange sich nicht daran gewöhnen können, daß es Klamm sein sollte. Fragst Du nun aber Barnabas, worin sich jener Mann von der üblichen Vorstellung die man von Klamm hat unterscheidet, kann er nicht antworten, vielmehr er antwortet und beschreibt den Beamten im Schloß, aber diese Beschreibung deckt sich genau mit der Beschreibung Klamms, wie wir sie kennen. >Nun also Barnabas<, sage ich, >warum zweifelst Du, warum quälst Du Dich.< Worauf er dann in sichtlicher Bedrängnis, Besonderheiten des Beamten im Schloß aufzuzählen beginnt, die er aber mehr zu erfinden als zu berichten scheint, die aber außerdem so geringfügig sind – sie betreffen z. B. ein besonderes Nicken des Kopfes oder auch nur die aufgeknöpfte Weste – daß man sie unmöglich ernst nehmen kann. Noch wichtiger scheint mir die Art wie Klamm mit Barnabas verkehrt. Barnabas hat es mir oft beschrieben, sogar gezeichnet. Gewöhnlich wird Barnabas in ein großes Kanzleizimmer geführt, aber es ist nicht Klamms Kanzlei, überhaupt nicht die Kanzlei eines Einzelnen. Der Länge nach ist dieses Zimmer durch ein einziges, von Seitenwand zu Seitenwand reichendes Stehpult in zwei Teile geteilt, einen schmalen, wo einander zwei Personen nur knapp ausweichen können, das ist der Raum der Beamten, und einen breiten, das ist der Raum der Parteien, der Zuschauer, der Diener, der Boten. Auf dem Pult liegen aufgeschlagen große Bücher, eines neben dem andern und bei den meisten stehen Beamte und lesen darin. Doch bleiben sie nicht immer beim gleichen Buch, tauschen aber nicht die Bücher, sondern die Plätze, am erstaunlichsten ist es Barnabas, wie sie sich bei solchem Plätzewechsel an einander vorbeidrücken müssen, eben wegen der Enge des Raums. Vorn eng am Stehpult sind niedrige Tischchen, an denen Schreiber sitzen, welche, wenn die Beamten es wünschen, nach ihrem Diktat schreiben. Immer wundert sich Barnabas, wie das geschieht. Es erfolgt kein ausdrücklicher Befehl des Beamten, auch wird nicht laut diktiert, man merkt kaum daß diktiert wird, vielmehr scheint der Beamte zu lesen wie früher, nur daß er dabei auch noch flüstert und der Schreiber hörts. Oft diktiert der Beamte so leise, daß der Schreiber es sitzend gar nicht hören kann, dann muß er immer aufspringen, das Diktierte auffangen, schnell sich setzen und es aufschreiben, dann wieder aufspringen u. s. f. Wie merkwürdig das ist! Es ist fast unverständlich. Barnabas freilich hat genug Zeit das alles zu beobachten, denn dort in dem Zuschauerraum steht er stunden- und manchmal tagelang, ehe Klamms Blick auf ihn fällt. Und auch wenn ihn Klamm schon gesehen hat und Barnabas sich in Habtacht-Stellung aufrichtet, ist noch nichts entschieden, denn Klamm kann sich wieder von ihm dem Buch zuwenden und ihn vergessen, so geschieht es oft. Was ist es aber für ein Botendienst, der so unwichtig ist? Mir wird wehmütig, wenn Barnabas früh sagt, daß er ins Schloß geht. Dieser wahrscheinlich ganz unnütze Weg, dieser wahrscheinlich verlorene Tag, diese wahrscheinlich vergebliche Hoffnung. Was soll das alles? Und hier ist Schusterarbeit aufgehäuft, die niemand macht und auf deren Ausführung Brunswick drängt. " "Nun gut", sagte K., "Barnabas muß lange warten, ehe er einen Auftrag bekommt. Das ist verständlich, es scheint hier ja ein Übermaß von Angestellten zu sein, nicht jeder kann jeden Tag einen Auftrag bekommen, darüber müßt Ihr nicht klagen, das trifft wohl jeden. Schließlich aber bekommt doch wohl auch Barnabas Aufträge, mir selbst hat er schon zwei Briefe gebracht." "Es ist ja möglich", sagte Olga, "daß wir Unrecht haben zu klagen, besonders ich, die alles nur vom Hörensagen kennt und es als Mädchen auch nicht so gut verstehen kann, wie Barnabas, der ja auch noch manches zurückhält. Aber nun höre wie es sich mit den Briefen verhält, mit den Briefen an Dich z. B. Diese Briefe bekommt er nicht unmittelbar von Klamm, sondern vom Schreiber. An einem beliebigen Tag, zu beliebiger Stunde – deshalb ist auch der Dienst, so leicht er scheint, sehr ermüdend, denn Barnabas muß immerfort aufpassen – erinnert sich der Schreiber an ihn und winkt ihm. Klamm scheint das gar nicht veranlaßt zu haben, er liest ruhig in seinem Buch, manchmal allerdings, aber das tut er auch sonst öfters, putzt er gerade den Zwicker, wenn Barnabas kommt, und sieht ihn dabei vielleicht an, vorausgesetzt daß er ohne Zwicker überhaupt sieht, Barnabas bezweifelt es, Klamm hat dann die Augen fast geschlossen, er scheint zu schlafen und nur im Traum den Zwicker zu putzen. Inzwischen sucht der Schreiber aus den vielen Akten und Briefschaften, die er unter dem Tisch hat, einen Brief für Dich heraus, es ist also kein Brief den er gerade geschrieben hat, vielmehr ist es dem Aussehen des Umschlags nach ein sehr alter Brief, der schon lange dort liegt. Wenn es aber ein alter Brief ist, warum hat man Barnabas so lange warten lassen?Und wohl auch Dich?. Und schließlich auch den Brief, denn er ist ja jetzt wohl schon veraltet. Und Barnabas bringt man dadurch in den Ruf, ein schlechter langsamer Bote zu sein. Der Schreiber allerdings macht es sich leicht, gibt Barnabas den Brief, sagt: >Von Klamm für K.< und damit ist Barnabas entlassen. Nun und dann kommt Barnabas nachhause, atemlos, den endlich ergatterten Brief unter dem Hemd am bloßen Leib und wir setzen uns dann hierher auf die Bank wie jetzt und er erzählt und wir untersuchen dann alles einzeln und schätzen ab, was er erreicht hat und finden schließlich, daß es sehr wenig ist und das wenige fragwürdig und Barnabas legt den Brief weg und hat keine Lust ihn zu bestellen, hat aber auch keine Lust schlafenzugehn, nimmt die Schusterarbeit vor und versitzt dort auf dem Schemel die Nacht. So ist es, K., und das sind meine Geheimnisse und nun wunderst Du Dich wohl nicht mehr, daß Amalia auf sie verzichtet." "Und der Brief?" fragte K. "Der Brief?" sagte Olga, "nun nach einiger Zeit, wenn ich Barnabas genug gedrängt habe, es können Tage und Wochen inzwischen vergangen sein, nimmt er doch den Brief und geht ihn zustellen. In solchen Äußerlichkeiten ist er doch sehr abhängig von mir. Ich kann mich nämlich, wenn ich den ersten Eindruck seiner Erzählung überwunden habe, dann auch wieder fassen, was er, wahrscheinlich weil er eben mehr weiß, nicht imstande ist. Und so kann ich ihm dann immer wieder etwa sagen: >Was willst Du denn eigentlich Barnabas? Von was für einer Laufbahn, was für einem Ziele träumst Du? Willst Du vielleicht so weit kommen, daß Du uns, daß Du mich gänzlich verlassen mußt? Ist das etwa Dein Ziel? Muß ich das nicht glauben, da es ja sonst unverständlich wäre, warum Du mit dem schon Erreichten so entsetzlich unzufrieden bist? Sieh Dich doch um, ob jemand unter unsern Nachbarn schon so weit gekommen ist. Freilich ihre Lage ist anders als die unsrige und sie haben keinen Grund über ihre Wirtschaft hinauszustreben, aber auch ohne zu vergleichen muß man doch einsehn, daß bei Dir alles in bestem Gange ist. Hindernisse sind da, Fragwürdigkeiten, Enttäuschungen, aber das bedeutet doch nur, was wir schon vorher gewußt haben, daß Dir nichts geschenkt wird, daß Du Dir vielmehr jede einzelne Kleinigkeit selbst erkämpfen mußt, ein Grund mehr, um stolz, nicht um niedergeschlagen zu sein. Und dann kämpfst Du doch auch für uns? Bedeutet Dir das gar nichts? Gibt Dir das keine neue Kraft? Und daß ich glücklich und fast hochmütig bin, einen solchen Bruder zu haben, gibt Dir das keine Sicherheit? Wahrhaftig, nicht in dem, was Du im Schloß erreicht hast, aber in dem, was ich bei Dir erreicht habe, enttäuschest Du mich. Du darfst ins Schloß, bist ein ständiger Besucher der Kanzleien, verbringst ganze Tage im gleichen Raum mit Klamm, bist öffentlich anerkannter Bote, hast ein Amtskleid zu beanspruchen, bekommst wichtige Briefschaften auszutragen, das alles bist Du, das alles darfst Du und kommst herunter und statt daß wir uns weinend vor Glück in den Armen liegen, scheint Dich bei meinem Anblick aller Mut zu verlassen, an allem zweifelst Du, nur der Schusterleisten lockt Dich und den Brief, diese Bürgschaft unserer Zukunft läßt Du liegen. < So rede ich zu ihm und nachdem ich das tagelang wiederholt habe, nimmt er einmal seufzend den Brief und geht. Aber es ist wahrscheinlich gar nicht die Wirkung meiner Worte, sondern es treibt ihn nur wieder ins Schloß und ohne den Auftrag ausgerichtet zu haben, würde er es nicht wagen, hinzugehn. " "Aber Du hast doch auch mit allem recht, was Du ihm sagst", sagte K., "bewunderungswürdig richtig hast Du alles zusammengefaßt. Wie erstaunlich klar Du denkst! " "Nein", sagte Olga, "es täuscht Dich, und so täusche ich vielleicht auch ihn. Was hat er denn erreicht? In eine Kanzlei darf er eintreten, aber es scheint nicht einmal eine Kanzlei, eher ein Vorzimmer der Kanzleien, vielleicht nicht einmal das, vielleicht ein Zimmer, wo alle zurückgehalten werden sollen, die nicht in die wirklichen Kanzleien dürfen. Mit Klamm spricht er, aber ist es Klamm? Ist es nicht eher jemand, der Klamm nur ähnlich ist Ein Sekretär vielleicht, wenns hoch geht, der Klamm ein wenig ähnlich ist und sich anstrengt ihm noch ähnlicher zu werden und sich dann wichtig macht in Klamms verschlafener träumerischer Art. Dieser Teil seines Wesens ist am leichtesten nachzuahmen, daran versuchen sich manche, von seinem sonstigen Wesen freilich lassen sie wohlweislich die Finger. Und ein so oft ersehnter und so selten erreichter Mann wie es Klamm ist nimmt in der Vorstellung der Menschen leicht verschiedene Gestalten an. Klamm hat z. B. hier einen Dorfsekretär namens Momus. So? Du kennst ihn? Auch er hält sich sehr zurück, aber ich habe ihn doch schon einigemal gesehn. Ein junger starker Herr, nicht? Und sieht also wahrscheinlich Klamm gar nicht ähnlich. Und doch kannst Du im Dorf Leute finden, die beschwören würden daß Momus Klamm ist und kein anderer. So arbeiten die Leute an ihrer eigenen Verwirrung. Und muß es im Schloß anders sein? Jemand hat Barnabas gesagt, daß jener Beamte Klamm ist und tatsächlich besteht eine Ähnlichkeit zwischen beiden, aber eine von Barnabas immerfort angezweifelte Ähnlichkeit. Und alles spricht für seine Zweifel. Klamm sollte hier in einem allgemeinen Raum, zwischen andern Beamten, den Bleistift hinter dem Ohr, sich drängen müssen? Das ist doch höchst unwahrscheinlich. Barnabas pflegt, ein wenig kindlich, manchmal – dies ist aber schon eine zuversichtliche Laune – zu sagen: >Der Beamte sieht ja Klamm sehr ähnlich, würde er in einer eigenen Kanzlei sitzen, am eigenen Schreibtisch und wäre an der Tür sein Name – ich hätte keine Zweifel mehr. < Das ist kindlich, aber doch auch verständig. Noch viel verständiger allerdings wäre es, wenn Barnabas sich, wenn er oben ist, gleich bei mehreren Leuten erkundigen würde, wie sich die Dinge wirklich verhalten, es stehn doch seiner Angabe nach genug Leute in dem Zimmer herum. Und wären auch ihre Angaben nicht viel verläßlicher als die Angabe jenes, der ungefragt ihm Klamm gezeigt hat, es müßten sich doch zumindest aus ihrer Mannigfaltigkeit irgendwelche Anhaltspunkte, Vergleichspunkte ergeben. Es ist das nicht mein Einfall, sondern der Einfall des Barnabas, aber er wagt nicht, ihn auszuführen; aus Furcht er könnte durch irgendwelche ungewollte Verletzung unbekannter Vorschriften seine Stelle verlieren, wagt er niemanden anzusprechen; so unsicher fühlt er sich; diese doch eigentlich jämmerliche Unsicherheit beleuchtet mir seine Stellung schärfer als alle Beschreibungen. Wie zweifelhaft und drohend muß ihm dort alles erscheinen, wenn er nicht einmal zu einer unschuldigen Frage den Mund aufzutun wagt. Wenn ich das überlege, klage ich mich an, daß ich ihn allein in jenen unbekannten Räumen lasse, wo es derart zugeht, daß sogar er, der eher waghalsig als feig ist, dort vor Furcht wahrscheinlich zittert. "

"Hier glaube ich kommst Du zu dem Entscheidenden", sagte K. "Das ist es. Nach allem was Du erzählt hast, glaube ich jetzt klar zu sehn. Barnabas ist zu jung für diese Aufgabe. Nichts von dem was er erzählt kann man ohne weiters ernstnehmen. Da er oben vor Furcht vergeht, kann er dort nicht beobachten und zwingt man ihn hier dennoch zu berichten, erhält man verwirrte Märchen. Ich wundere mich nicht darüber. Die Ehrfurcht vor der Behörde ist Euch hier eingeboren, wird Euch weiter während des ganzen Lebens auf die verschiedensten Arten und von allen Seiten eingeflößt und Ihr selbst helft dabei mit, wie Ihr nur könnt. Doch sage ich im Grunde nichts dagegen; wenn eine Behörde gut ist, warum sollte man vor ihr nicht Ehrfurcht haben. Nur darf man dann nicht einen unbelehrten Jüngling wie Barnabas, der über den Umkreis des Dorfes nicht hinausgekommen ist, plötzlich ins Schloß schicken und dann wahrheitsgetreue Berichte von ihm verlangen wollen und jedes seiner Worte wie ein Offenbarungswort untersuchen und von der Deutung das eigene Lebensglück abhängig machen. Nichts kann verfehlter sein. Freilich habe auch ich nicht anders wie Du mich von ihm beirren lassen und sowohl Hoffnungen auf ihn gesetzt, als Enttäuschungen durch ihn erlitten, die beide nur auf seinen Worten, also fast gar nicht begründet waren. " Olga schwieg. "Es wird mir nicht leicht", sagte K., "Dich in dem Vertrauen zu Deinem Bruder zu beirren, da ich doch sehe, wie Du ihn liebst und was Du von ihm erwartest. Es muß aber geschehn und nicht zum wenigsten Deiner Liebe und Deiner Erwartungen wegen. Denn sieh, immer wieder hindert Dich etwas – ich weiß nicht was es ist – voll zu erkennen, was Barnabas nicht etwa erreicht hat, aber was ihm geschenkt worden ist. Er darf in die Kanzleien oder wenn Du es so willst, in einen Vorraum, nun dann ist also ein Vorraum, aber es sind Türen da, die weiter führen, Barrieren, die man durchschreiten kann, wenn man das Geschick dazu hat. Mir z. B. ist dieser Vorraum, wenigstens vorläufig, völlig unzugänglich. Mit wem Barnabas dort spricht, weiß ich nicht, vielleicht ist jener Schreiber der niedrigste der Diener, aber auch wenn er der niedrigste ist kann er zu dem nächst höheren führen und wenn er nicht zu ihm führen kann, so kann er ihn doch wenigstens nennen und wenn er ihn nicht nennen kann so kann er doch auf jemanden verweisen, der ihn wird nennen können. Der angebliche Klamm mag mit dem wirklichen nicht das Geringste gemeinsam haben, die Ähnlichkeit mag nur für die vor Aufregung blinden Augen des Barnabas bestehn, er mag der niedrigste der Beamten, er mag noch nicht einmal Beamter sein, aber irgendeine Aufgabe hat er doch bei jenem Pult, irgendetwas liest er in seinem großen Buch, irgendetwas flüstert er dem Schreiber zu, irgendetwas denkt er, wenn einmal in langer Zeit sein Blick auf Barnabas fällt, und selbst wenn das alles nicht wahr ist und er und seine Handlungen gar nichts bedeuten, so hat ihn doch jemand dort hingestellt und hat dies mit irgendeiner Absicht getan. Mit dem allen will ich sagen, daß irgendetwas da ist, irgendetwas dem Barnabas angeboten wird, wenigstens irgendetwas und daß es nur die Schuld des Barnabas ist, wenn er damit nichts anderes erreichen kann, als Zweifel, Angst und Hoffnungslosigkeit. Und dabei bin ich ja immer noch von dem ungünstigsten Fall ausgegangen, der sogar sehr unwahrscheinlich ist. Denn wir haben ja die Briefe in der Hand, denen ich zwar nicht viel traue, aber viel mehr als des Barnabas Worten. Mögen es auch alte wertlose Briefe sein, die wahllos aus einem Haufen genau so wertloser Briefe hervorgezogen wurden, wahllos und mit nicht mehr Verstand, als die Kanarienvögel auf den Jahrmärkten aufwenden, um das Lebenslos eines Beliebigen aus einem Haufen herauszupicken, mag das so sein, so haben diese Briefe doch wenigstens irgendeinen Bezug auf meine Arbeit, sichtlich sind sie für mich, wenn auch vielleicht nicht für meinen Nutzen bestimmt, sind wie der Gemeindevorsteher und seine Frau bezeugt haben, von Klamm eigenhändig gefertigt und haben, wiederum nach dem Gemeindevorsteher, zwar nur eine private und wenig durchsichtige, aber doch eine große Bedeutung." "Sagte das der Gemeindevorsteher?" fragte Olga. "Ja, das sagte er", antwortete K. "Ich werde es Barnabas erzählen", sagte Olga schnell, "das wird ihn sehr aufmuntern.""Er braucht aber nicht Aufmunterung", sagte K., "ihn aufmuntern, bedeutet, ihm zu sagen, daß er recht hat, daß er nur in seiner bisherigen Art fortfahren soll, aber eben auf diese Art wird er niemals etwas erreichen, Du kannst jemanden, der die Augen verbunden hat noch so sehr aufmuntern, durch das Tuch zu starren, er wird doch niemals etwas sehn; erst wenn man ihm das Tuch abnimmt, kann er sehn. Hilfe braucht Barnabas, nicht Aufmunterung. Bedenke doch nur, dort oben ist die Behörde in ihrer unentwirrbaren Größe – ich glaubte annähernde Vorstellungen von ihr zu haben, ehe ich hierherkam, wie kindlich war das alles – dort also ist die Behörde und ihr tritt Barnabas entgegen, niemand sonst, nur er, erbarmungswürdig allein, zuviel Ehre noch für ihn, wenn er nicht sein Leben lang verschollen in einen dunklen Winkel der Kanzleien gedrückt bleibt." "Glaube nicht, K.", sagte Olga, "daß wir die Schwere der Aufgabe, die Barnabas übernommen hat, unterschätzen. An Ehrfurcht vor der Behörde fehlt es uns ja nicht, das hast Du selbst gesagt. " "Aber es ist irregeleitete Ehrfurcht", sagte K., "Ehrfurcht am unrechten Ort, solche Ehrfurcht entwürdigt ihren Gegenstand. Ist es noch Ehrfurcht zu nennen, wenn Barnabas das Geschenk des Eintritts in jenen Raum dazu mißbraucht, um untätig dort die Tage zu verbringen oder wenn er herabkommt und diejenigen, vor denen er eben gezittert hat, verdächtigt und verkleinert oder wenn er aus Verzweiflung oder Müdigkeit Briefe nicht gleich austrägt und ihm anvertraute Botschaften nicht gleich ausrichtet? Das ist doch wohl keine Ehrfurcht mehr. Aber der Vorwurf geht noch weiter, geht auch gegen Dich, Olga, ich kann Dir ihn nicht ersparen, Du hast Barnabas, trotzdem Du Ehrfurcht vor der Behörde zu haben glaubst, in aller seiner Jugend und Schwäche und Verlassenheit ins Schloß geschickt oder wenigstens nicht zurückgehalten. "

"Den Vorwurf, den Du mir machst", sagte Olga, "mache ich mir auch, seit jeher schon. Allerdings nicht daß ich Barnabas ins Schloß geschickt habe, ist mir vorzuwerfen, ich habe ihn nicht geschickt, er ist selbst gegangen, aber ich hätte ihn wohl mit allen Mitteln, mit Überredung, mit List, mit Gewalt zurückhalten sollen. Ich hätte ihn zurückhalten sollen aber wenn heute jener Tag, jener Entscheidungstag wäre und ich die Not des Barnabas, die Not unserer Familie so fühlen würde wie damals und heute und wenn Barnabas wieder, aller Verantwortung und Gefahr deutlich sich bewußt, lächelnd und sanft sich von mir losmachen würde, um zu gehn, ich würde ihn auch heute nicht zurückhalten, trotz aller Erfahrungen der Zwischenzeit und ich glaube, auch Du an meiner Stelle könntest nicht anders. Du kennst nicht unsere Not, deshalb tust Du uns, vor allem aber Barnabas Unrecht. Wir hatten damals mehr Hoffnung als heute, aber groß war unsere Hoffnung auch damals nicht, groß war nur unsere Not und ist es geblieben. Hat Dir denn Frieda nichts über uns erzählt?" "Nur Andeutungen", sagte K., "nichts Bestimmtes, aber schon Euer Name erregt sie. " "Und auch die Wirtin hat nichts erzählt?" "Nein, nichts. " "Und auch sonst niemand?" "Niemand. " "Natürlich, wie könnte jemand etwas erzählen! Jeder weiß etwas über uns, entweder die Wahrheit, soweit sie den Leuten zugänglich ist, oder wenigstens irgendein übernommenes oder meist selbsterfundenes Gerücht, und jeder denkt an uns mehr als nötig ist, aber geradezu erzählen wird es niemand, diese Dinge in den Mund zu nehmen scheuen sie sich. Und sie haben recht darin. Es ist schwer es hervorzubringen, selbst Dir gegenüber, K., und ist es denn nicht auch möglich, daß Du, wenn Du es angehört hast, weggehst und nichts mehr von uns wirst wissen wollen, so wenig es Dich auch zu betreffen scheint. Dann haben wir Dich verloren, der Du mir jetzt, ich gestehe es, fast mehr bedeutest als der bisherige Schloßdienst des Barnabas. Und doch – dieser Widerspruch quält mich schon den ganzen Abend – mußt Du es erfahren, denn sonst bekommst Du keinen Überblick über unsere Lage, bliebest, was mich besonders schmerzen würde, ungerecht zu Barnabas, die notwendige völlige Einigkeit würde uns fehlen und Du könntest weder uns helfen noch unsere Hilfe, die außeramtliche, annehmen. Aber es bleibt noch eine Frage: Willst Du denn überhaupt es wissen?" "Warum fragst Du das?" sagte K., "wenn es notwendig ist, will ich es wissen, aber warum fragst Du so?" "Aus Aberglauben", sagte Olga, "Du wirst hineingezogen sein in unsere Dinge, unschuldig, nicht viel schuldiger als Barnabas. " "Erzähle schnell", sagte K., "ich fürchte mich nicht. Du machst es auch durch Weiberängstlichkeit schlimmer als es ist. "


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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