movie.jpg

2017/12/17 - 13:05

21. («Nun war es also…»)

Nun war es also doch geschehn, was vorauszusehen, aber nicht zu verhindern gewesen war. Frieda hatte ihn verlassen. Es mußte nichts endgiltiges sein, so schlimm war es nicht, Frieda war zurückzuerobern, sie war leicht von Fremden zu beeinflussen, gar von diesen Gehilfen, welche Friedas Stellung für ähnlich der ihren hielten und nun, da sie gekündigt hatten, auch Frieda dazu veranlaßt hatten, aber K. mußte nur vor sie treten, an alles erinnern, was für ihn sprach und sie war wieder reuevoll die seine, gar wenn er etwa imstande gewesen wäre, den Besuch bei den Mädchen durch einen Erfolg zu rechtfertigen, den er ihnen verdankte. Aber trotz diesen Überlegungen, mit welchen er sich wegen Frieda zu beruhigen suchte, war er nicht beruhigt. Noch vor kurzem hatte er sich Olga gegenüber Friedas gerühmt und sie seinen einzigen Halt genannt, nun, dieser Halt war nicht der festeste, nicht der Eingriff eines Mächtigen war nötig, um K. Friedas zu berauben, es genügte auch dieser nicht sehr appetitliche Gehilfe, dieses Fleisch, das manchmal den Eindruck machte, als sei es nicht recht lebendig.

Jeremias hatte sich schon zu entfernen angefangen, K. rief ihn zurück. "Jeremias", sagte er, "ich will ganz offen zu Dir sein, beantworte mir auch ehrlich eine Frage. Wir sind ja nicht mehr im Verhältnis des Herrn und des Dieners, worüber nicht nur Du froh bist sondern auch ich, wir haben also keinen Grund, einander zu betrügen. Hier vor Deinen Augen zerbreche ich die Rute, die für Dich bestimmt gewesen ist, denn nicht aus Angst vor Dir habe ich den Weg durch den Garten gewählt, sondern um Dich zu überraschen und die Rute einigemal an Dir abzuziehn. Nun, nimm mir das nicht mehr übel, das alles ist vorüber; wärest Du nicht ein vom Amt mir aufgezwungener Diener, sondern einfach mein Bekannter gewesen, wir hätten uns gewiß, wenn mich auch Dein Aussehen manchmal ein wenig stört, ausgezeichnet vertragen. Und wir könnten ja auch das was wir in dieser Hinsicht versäumt haben, jetzt nachtragen." "Glaubst Du?" sagte der Gehilfe und drückte gähnend die müden Augen, "ich könnte Dir ja die Sache ausführlicher erklären, aber ich habe keine Zeit, ich muß zu Frieda, das Kindchen wartet auf mich, sie hat den Dienst noch nicht angetreten, der Wirt hat ihr auf mein Zureden – sie wollte sich, wahrscheinlich um zu vergessen, gleich in die Arbeit stürzen – noch eine kleine Erholungszeit gegeben, die wollen wir doch wenigstens mit einander verbringen. Was Deinen Vorschlag betrifft, so habe ich gewiß keinen Anlaß Dich zu belügen, aber ebensowenig Dir etwas anzuvertrauen. Bei mir ist es nämlich anders als bei Dir. Solange ich im Dienstverhältnis zu Dir stand, warst Du mir natürlich eine sehr wichtige Person, nicht wegen Deiner Eigenschaften sondern wegen des Dienstauftrags und ich hätte alles für Dich getan, was Du wolltest, jetzt aber bist Du mir gleichgültig. Auch das Zerbrechen der Rute rührt mich nicht, es erinnert mich nur daran, einen wie rohen Herrn ich hatte; mich für Dich einzunehmen, ist es nicht geeignet. " "Du sprichst so mit mir", sagte K., "wie wenn es ganz gewiß wäre, daß Du von mir niemals mehr etwas zu fürchten haben wirst. So ist es aber doch eigentlich nicht. Du bist wahrscheinlich doch noch nicht frei von mir, so schnell finden die Erledigungen hier nicht statt – " "Manchmal noch schneller", warf Jeremias ein. "Manchmal", sagte K., "nichts deutet aber daraufhin, daß es diesmal geschehen ist, zumindest hast weder Du noch habe ich eine schriftliche Erledigung in Händen. Das Verfahren ist also erst im Gang und ich habe durch meine Verbindungen noch gar nicht eingegriffen, werde es aber tun. Fällt es ungünstig für Dich aus, so hast Du nicht sehr dafür vorgearbeitet, Dir Deinen Herrn geneigt zu machen und es war vielleicht sogar überflüssig die Weidenrute zu zerbrechen. Und Frieda hast Du zwar fortgeführt, wovon Dir ganz besonders der Kamm geschwollen ist, aber bei allem Respekt vor Deiner Person, den ich habe, auch wenn Du für mich keinen mehr hast, paar Worte von mir an Frieda gerichtet, genügen, das weiß ich, um die Lügen, mit denen Du sie eingefangen hast, zu zerreißen. Und nur Lügen konnten Frieda mir abwendig machen. " "Diese Drohungen schrecken mich nicht", sagte Jeremias, "Du willst mich doch gar nicht zum Gehilfen haben, Du fürchtest mich doch als Gehilfen, Du fürchtest Gehilfen überhaupt, nur aus Furcht hast Du den guten Artur geschlagen. " "Vielleicht", sagte K., "hat es deshalb weniger weh getan? Vielleicht werde ich auf diese Weise meine Furcht vor Dir noch öfters zeigen können. Sehe ich, daß Dir die Gehilfenschaft wenig Freude macht, macht es wiederum mir über alle Furcht hinweg den größten Spaß Dich dazu zu zwingen. Undzwar werde ich es mir diesmal angelegen sein lassen Dich allein ohne Artur zu bekommen, ich werde Dir dann mehr Aufmerksamkeit zuwenden können. " "Glaubst Du", sagte Jeremias, "daß ich auch nur die geringste Furcht vor dem allen habe? " "Ich glaube wohl", sagte K., "ein wenig Furcht hast Du gewiß und wenn du klug bist, viel Furcht. Warum wärst Du denn sonst nicht schon zu Frieda gegangen? Sag, hast Du sie denn lieb?" "Lieb?" sagte Jeremias, "sie ist ein gutes kluges Mädchen, eine gewesene Geliebte Klamms, also respektabel auf jeden Fall. Und wenn sie mich fortwährend bittet, sie von Dir zu befreien, warum sollte ich ihr den Gefallen nicht tun, besonders da ich damit doch auch Dir kein Leid antue, der Du mit den verfluchten Barnabassischen Dich getröstet hast." "Nun sehe ich Deine Angst", sagte K., "eine ganz jämmerliche Angst, Du versuchst mich durch Lügen einzufangen. Frieda hat nur um eines gebeten, sie von den wild gewordenen, hündisch lüsternen Gehilfen zu befreien, leider habe ich nicht Zeit gehabt, ihre Bitte ganz zu erfüllen und jetzt sind die Folgen meiner Versäumnis da. "

"Herr Landvermesser! Herr Landvermesser! " rief jemand durch die Gasse. Es war Barnabas. Atemlos kam er an, vergaß aber nicht vor K. sich zu verbeugen. "Es ist mir gelungen", sagte er. "Was ist gelungen?" fragte K. "Du hast meine Bitte Klamm vorgebracht?" "Das ging nicht", sagte Barnabas, "ich habe mich sehr bemüht, aber es war unmöglich, ich habe mich vorgedrängt, stand den ganzen Tag über, ohne dazu aufgefordert zu sein, so nahe am Pult, daß mich einmal ein Schreiber, dem ich im Licht war, sogar wegschob, meldete mich, was verboten ist, mit erhobener Hand, wenn Klamm aufsah, blieb am längsten in der Kanzlei, war schon nur allein mit den Dienern dort, hatte noch einmal die Freude, Klamm zurückkommen zu sehn, aber es war nicht meinetwegen, er wollte nur schnell noch etwas in einem Buche nachsehn und ging gleich wieder, schließlich kehrte mich der Diener, da ich mich noch immer nicht rührte, fast mit dem Besen aus der Tür. Ich gestehe das alles, damit Du nicht wieder unzufrieden bist mit meinen Leistungen." "Was hilft mir all Dein Fleiß, Barnabas", sagte K., "wenn er gar keinen Erfolg hat." "Aber ich hatte Erfolg", sagte Barnabas. "Als ich aus meiner Kanzlei trat – ich nenne sie meine Kanzlei – sehe ich, wie aus den tiefernKorridoren ein Herr langsam herankommt, sonst war schon alles leer, es war ja schon sehr spät, ich beschloß auf ihn zu warten, es war eine gute Gelegenheit noch dort zu bleiben, am liebsten wäre ich ja überhaupt dort geblieben, um Dir die schlechte Meldung nicht bringen zu müssen. Aber es lohnte sich auch sonst auf den Herrn zu warten, es war Erlanger. Du kennst ihn nicht? Er ist einer der ersten Sekretäre Klamms. Ein schwacher kleiner Herr, er hinkt ein wenig. Er erkannte mich sofort, er ist berühmt wegen seines Gedächtnisses und seiner Menschenkenntnis, er zieht nur die Augenbrauen zusammen, das genügt ihm, um jeden zu erkennen, oft auch Leute, die er nie gesehen hat, von denen er nur gehört oder gelesen hat, mich z. B. dürfte er kaum je gesehn haben. Aber trotzdem er jeden Menschen gleich erkennt, fragt er zuerst so wie wenn er unsicher wäre. >Bist Du nicht Barnabas< sagte er zu mir. Und dann fragte er: >Du kennst den Landvermesser, nicht< Und dann sagte er: >Das trifft sich gut. Ich fahre jetzt in den Herrenhof. Der Landvermesser soll mich dort besuchen. Ich wohne im Zimmer Nr. 15. Doch müßte er gleich jetzt kommen. Ich habe nur einige Besprechungen dort, und fahre um fünf Uhr früh wieder zurück. Sag ihm, daß mir viel daran liegt, mit ihm zu sprechen<. "

Plötzlich setzte sich Jeremias in Lauf. Barnabas, der ihn in seiner Aufregung bisher kaum beachtet hatte, fragte: "Was will denn Jeremias?""Mir bei Erlanger zuvorkommen", sagte K., lief schon hinter Jeremias her, fing ihn ein, hing sich an seinen Arm und sagte: "Ist es die Sehnsucht nach Frieda, die Dich plötzlich ergriffen hat? Ich habe sie nicht minder und so werden wir in gleichem Schritte gehn. "

Vor dem dunklen Herrenhof stand eine kleine Gruppe Männer, zwei oder drei hatten Handlaternen mit, so daß manche Gesichter kenntlich waren. K. fand nur einen Bekannten, Gerstäcker, den Fuhrmann. Gerstäcker begrüßte ihn mit der Frage: "Du bist noch immer im Dorf?" "Ja", sagte K., "ich bin für die Dauer gekommen. " "Mich kümmert es ja nichts", sagte Gerstäcker, hustete kräftig und wandte sich andern zu.

Es stellte sich heraus, daß alle auf Erlanger warteten. Erlanger war schon angekommen, verhandelte aber, ehe er die Parteien empfieng, noch mit Momus. Das allgemeine Gespräch drehte sich darum, daß man nicht im Hause warten durfte, sondern hier draußen im Schnee stehen mußte. Es war zwar nicht sehr kalt, trotzdem war es rücksichtslos die Parteien vielleicht stundenlang in der Nacht vor dem Haus zu lassen. Das war freilich nicht die Schuld Erlangers, der vielmehr sehr entgegenkommend war, davon kaum wußte und sich gewiß sehr geärgert hätte, wenn es ihm gemeldet worden wäre. Es war die Schuld der Herrenhofwirtin, die in ihrem schon krankhaften Streben nach Feinheit es nicht leiden wollte, daß viele Parteien auf einmal in den Herrenhof kamen. "Wenn es schon sein muß und sie kommen müssen", pflegte sie zu sagen, "dann um des Himmels willen nur immer einer hinter dem andern. " Und sie hatte es durchgesetzt, daß die Parteien, die zuerst einfach in einem Korridor, später auf der Treppe, dann im Flur, zuletzt im Ausschank gewartet hatten, schließlich auf die Gasse hinausgeschoben worden waren. Und selbst das genügte ihr noch nicht. Es war ihr unerträglich im eigenen Haus immerfort "belagert zu werden", wie sie sich ausdrückte. Es war ihr unverständlich, wozu es überhaupt Parteienverkehr gab. "Um vorn die Haustreppe schmutzig zu machen", hatte ihr einmal ein Beamter auf ihre Frage, wahrscheinlich im Ärger, gesagt, ihr aber war das sehr einleuchtend gewesen und sie pflegte diesen Ausspruch gern zu citieren. Sie strebte danach, und dies begegnete sich nun schon mit den Wünschen der Parteien, daß gegenüber dem Herrenhof ein Gebäude aufgeführt werde, in welchem die Parteien warten könnten. Am liebsten wäre ihr gewesen, wenn auch die Parteibesprechungen und Verhöre außerhalb des Herrenhofes stattgefunden hätten, aber dem widersetzten sich die Beamten und wenn sich die Beamten ernstlich widersetzten, so drang natürlich die Wirtin nicht durch, trotzdem sie in Nebenfragen kraft ihres unermüdlichen und dabei frauenhaft zarten Eifers eine Art kleiner Tyrannei ausübte. Die Besprechungen und Verhöre würde aber die Wirtin voraussichtlich auch weiterhin im Herrenhof dulden müssen, denn die Herren aus dem Schloß weigerten sich, im Dorfe in Amtsangelegenheiten den Herrenhof zu verlassen. Sie waren immer in Eile, nur sehr wider Willen waren sie im Dorfe, über das unbedingt Notwendige ihren Aufenthalt hier auszudehnen, hatten sie nicht die geringste Lust und es konnte daher nicht von ihnen verlangt werden, nur mit Rücksicht auf den Hausfrieden im Herrenhof zeitweilig mit allen ihren Schriften über die Straße in irgendein anderes Haus zu ziehn und so Zeit zu verlieren. Am liebsten erledigten ja die Beamten die Amtsachen im Ausschank oder in ihrem Zimmer, womöglich während des Essens oder vom Bett aus vor dem Einschlafen oder morgens, wenn sie zu müde waren aufzustehn und sich im Bett noch ein wenig strecken wollten. Dagegen schien die Frage der Errichtung eines Wartegebäudes einer günstigen Lösung sich zu nähern, freilich war es eine empfindliche Strafe für die Wirtin – man lachte ein wenig darüber – daß gerade die Angelegenheit des Wartegebäudes zahlreiche Besprechungen nötig machte und die Gänge des Hauses kaum leer wurden.

Über alle diese Dinge unterhielt man sich halblaut unter den Wartenden. K. war es auffallend, daß zwar der Unzufriedenheit genug war, niemand aber etwas dagegen einzuwenden hatte, daß Erlanger die Parteien mitten in der Nacht berief. Er fragte danach und erhielt die Auskunft, daß man dafür Erlanger sogar sehr dankbar sein müsse. Es sei ja ausschließlich sein guter Wille und die hohe Auffassung, die er von seinem Amte habe, die ihn dazu bewegen überhaupt ins Dorf zu kommen, er könnte ja, wenn er wollte – und es würde dies sogar den Vorschriften vielleicht besser entsprechen – irgendeinen untern Sekretär schicken und von ihm die Protokolle aufnehmen lassen. Aber er weigere sich eben meistens dies zu tun, wolle selbst alles sehn und hören, müsse dann aber zu diesem Zwecke seine Nächte opfern, denn in seinem Amtsplan sei keine Zeit für Dorfreisen vorgesehn. K. wandte ein, daß doch auch Klamm bei Tag ins Dorf komme und sogar mehrere Tage hier bleibe; sei denn Erlanger, der doch nur Sekretär sei, oben unentbehrlicher? Einige lachten gutmütig, andere schwiegen betreten, diese letzteren bekamen das Übergewicht und es wurde K. kaum geantwortet. Nur einer sagte zögernd, natürlich sei Klamm unentbehrlich, im Schloß wie im Dorf.

Da öffnete sich die Haustür und Momus erschien zwischen zwei lampentragenden Dienern. "Die ersten, die zum Herrn Sekretär Erlanger vorgelassen werden", sagte er, "sind: Gerstäcker und K. Sind die zwei hier?" Sie meldeten sich, aber noch vor ihnen schlüpfte Jeremias mit einem: "Ich bin hier Zimmerkellner", von Momus lächelnd mit einem Schlag auf die Schulter begrüßt ins Haus. "Ich werde aufJeremias mehr achten müssen", sagte sich K., wobei er sich dessen bewußt blieb, daß Jeremias wahrscheinlich viel ungefährlicher war als Artur, der im Schloß gegen ihn arbeitete. Vielleicht war es sogar klüger, sich von ihnen als Gehilfen quälen zu lassen, als sie so unkontrolliert umherstreichen und ihre Intrigen, für die sie eine besondere Anlage zu haben schienen, frei betreiben zu lassen.

Als K. an Momus vorüberkam, tat dieser als erkenne er erst jetzt in ihm den Landvermesser. "Ah der Herr Landvermesser! " sagte er, "der welcher sich so ungern verhören läßt, drängt sich zum Verhör. Bei mir wäre es damals einfacher gewesen. Nun freilich, es ist schwer, die richtigen Verhöre auszuwählen. " Als K. auf diese Ansprache hin stehn bleiben wollte, sagte Momus: "Gehen Sie, gehen Sie! Damals hätte ich Ihre Antworten gebraucht, jetzt nicht. " Trotzdem sagte K., erregt durch des Momus’ Benehmen: "Ihr denkt nur an Euch. Bloß des Amtes wegen antworte ich nicht, weder damals noch heute." Momus sagte: "An wen sollen wir denn denken? Wer ist denn sonst noch hier?. Gehen Sie! "

Im Flur empfing sie ein Diener und führte sie den K. schon bekannten Weg über den Hof, dann durch das Tor und in den niedrigen ein wenig sich senkenden Gang. In den oberen Stockwerken wohnten offenbar nur die höheren Beamten, die Sekretäre dagegen wohnten an diesem Gang, auch Erlanger, trotzdem er einer ihrer obersten war. Der Diener löschte seine Laterne aus, denn hier war helle elektrische Beleuchtung. Alles war hier klein aber zierlich gebaut. Der Raum war möglichst ausgenützt. Der Gang genügte knapp, aufrecht in ihm zu gehn. An den Seiten war eine Tür fast neben der andern. Die Seitenwände reichten nicht bis zur Decke; dies war wahrscheinlich aus Ventilationsrücksichten, denn die Zimmerchen hatten wohl hier in dem tiefen kellerartigen Gang keine Fenster. Der Nachteil dieser nicht ganz schließenden Wände war die Unruhe im Gang und notwendiger Weise auch in den Zimmern. Viele Zimmer schienen besetzt zu sein, in den meisten war man noch wach, man hörte Stimmen, Hammerschläge, Gläserklingen. Doch hatte man nicht den Eindruck besonderer Lustigkeit. Die Stimmen waren gedämpft, man verstand kaum hie und da ein Wort, es schienen auch nicht Unterhaltungen zu sein, wahrscheinlich diktierte nur jemand etwas oder las etwas vor, gerade aus den Zimmern, aus denen der Klang von Gläsern und Tellern kam, hörte man kein Wort und die Hammerschläge erinnerten K. daran, was ihm irgendwo erzählt worden war, daß manche Beamte, um sich von der fortwährenden geistigen Anstrengung zu erholen, sich zeitweilig mit Tischlerei, Feinmechanik u. dgl. beschäftigen. Der Gang selbst war leer, nur vor einer Tür saß ein bleicher schmaler großer Herr im Pelz, unter dem die Nachtwäsche hervorsah, wahrscheinlich war es ihm im Zimmer zu dumpf geworden, so hatte er sich hinausgesetzt und las dort eine Zeitung, aber nicht aufmerksam, gähnend ließ er öfters vom Lesen ab, beugte sich vor und blickte den Gang entlang, vielleicht erwartete er eine Partei, die er vorgeladen hatte und die zu kommen säumte. Als sie an ihm vorübergekommen waren, sagte der Diener inbezug auf den Herrn zu Gerstäcker: "Der Pinzgauer!" Gerstäcker nickte; "er ist schon lange nicht unten gewesen", sagte er. "Schon sehr lange nicht", bestätigte der Diener.

Schließlich kamen sie vor eine Tür, die nicht anders als die übrigen war und hinter der doch, wie der Diener mitteilte, Erlanger wohnte. Der Diener ließ sich von K. auf die Schultern heben und sah oben durch den freien Spalt ins Zimmer. "Er liegt", sagte der Diener herabsteigend, "auf dem Bett, allerdings in Kleidern, aber ich glaube doch, daß er schlummert. Manchmal überfällt ihn so die Müdigkeit hier im Dorf bei der geänderten Lebensweise. Wir werden warten müssen. Wenn er aufwacht wird er läuten. Es ist allerdings schon vorgekommen, daß er seinen ganzen Aufenthalt im Dorf verschlafen hat und nach dem Aufwachen gleich wieder ins Schloß zurückfahren mußte. Es ist ja freiwillige Arbeit, die er hier leistet." "Wenn er jetzt nur schon lieber bis zum Ende schliefe", sagte Gerstäcker, "denn wenn er nach dem Aufwachen noch ein wenig Zeit zur Arbeit hat, ist er sehr unwillig darüber, daß er geschlafen hat, sucht alles eilig zu erledigen und man kann sich kaum aussprechen. " " Sie kommen wegen der Vergebung der Fuhren für den Bau?" fragte der Diener. Gerstäcker nickte, zog den Diener beiseite und redete leise zu ihm, aber der Diener hörte kaum zu, blickte über Gerstäcker, den er um mehr als Haupteslänge überragte, hinweg und strich sich ernst und langsam das Haar.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




Top Back Print Search Sitemap Tip Login