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2017/10/18 - 20:37

2. Barnabas

Sie saßen dann zudritt ziemlich schweigsam in der Wirtsstube beim Bier, an einem kleinen Tischchen, K. in der Mitte, rechts und links die Gehilfen. Sonst war nur ein Tisch mit Bauern besetzt, ähnlich wie am Abend vorher. "Es ist schwer mit Euch", sagte K. und verglich wie schon öfters ihre Gesichter, "wie soll ich Euch denn unterscheiden. Ihr unterscheidet Euch nur durch die Namen, sonst seid Ihr Euch ähnlich wie" – er stockte, unwillkürlich fuhr er dann fort – "sonst seid Ihr Euch ja ähnlich wie Schlangen. " Sie lächelten. "Man unterscheidet uns sonst gut", sagten sie zur Rechtfertigung. "Ich glaube es", sagte K., "ich war ja selbst Zeuge dessen, aber ich sehe nur mit meinen Augen und mit denen kann ich Euch nicht unterscheiden. Ich werde Euch deshalb wie einen einzigen Mann behandeln und beide Artur nennen, so heißt doch einer von Euch, Du etwa? – " fragte K. den einen. "Nein", sagte dieser, "ich heiße Jeremias." "Gut, es ist ja gleichgültig", sagte K., "ich werde Euch beide Artur nennen. Schicke ich Artur irgendwohin so geht Ihr beide, gebe ich Artur eine Arbeit, so macht Ihr sie beide, das hat zwar für mich den großen Nachteil, daß ich Euch nicht für gesonderte Arbeit verwenden kann, aber dafür den Vorteil, daß Ihr für alles was ich Euch auftrage, gemeinsam ungeteilt die Verantwortung tragt. Wie Ihr unter Euch die Arbeit aufteilt ist mir gleichgültig, nur ausreden dürft Ihr Euch nicht aufeinander, Ihr seid für mich ein einziger Mann. " Sie überlegten das und sagten: "Das wäre uns recht unangenehm." "Wie denn nicht", sagte K., "natürlich muß Euch das unangenehm sein, aber es bleibt so. " Schon ein Weilchen lang hatte K. einen der Bauern den Tisch umschleichen sehn, endlich entschloß er sich, gieng auf einen Gehilfen zu und wollte ihm etwas zuflüstern. "Verzeiht", sagte K., schlug mit der Hand auf den Tisch und stand auf, "dies sind meine Gehilfen und wir haben jetzt eine Besprechung. Niemand hat das Recht uns zu stören. " "Oh bitte, oh bitte", sagte der Bauer ängstlich und ging rücklings zu seiner Gesellschaft zurück. "Dieses müßt Ihr vor allem beachten", sagte K. dann wieder sitzend, "Ihr dürft mit niemandem ohne meine Erlaubnis sprechen. Ich bin hier ein Fremder und wenn Ihr meine alten Gehilfen seid, dann seid auch Ihr Fremde. Wir drei Fremde müssen deshalb zusammenhalten, reicht mir darauf hin Euere Hände. " Allzu bereitwillig streckten sie sie K. entgegen. "Laßt Euch die Pratzen", sagte er, "mein Befehl aber gilt. Ich werde jetzt schlafen gehn und auch Euch rate ich das zu tun. Heute haben wir einen Arbeitstag versäumt, morgen muß die Arbeit sehr frühzeitig beginnen. Ihr müßt einen Schlitten zur Fahrt ins Schloß verschaffen und um sechs Uhr hier vor dem Haus mit ihm bereitstehn. " "Gut", sagte der eine. Der andere aber fuhr dazwischen: "Du sagst: Gut und weißt doch daß es nicht möglich ist. << "Ruhe", sagte K., "Ihr wollt wohl anfangen, Euch von einander zu unterscheiden. " Doch nun sagte auch schon der erste: "Er hat recht, es ist unmöglich, ohne Erlaubnis darf kein Fremder ins Schloß. " "Wo muß man um die Erlaubnis ansuchen?" "Ich weiß nicht, vielleicht beim Kastellan. " "Dann werden wir dort telephonisch ansuchen, telephoniert sofort an den Kastellan, beide. " Sie liefen zum Apparat, erlangten die Verbindung – wie sie sich dort drängten, im Äußerlichen waren sie lächerlich folgsam – und fragten an ob K. mit ihnen morgen ins Schloß kommen dürfe. Das "Nein" der Antwort hörte K. bis zu seinem Tisch, die Antwort war aber noch ausführlicher, sie lautete: "weder morgen noch ein anderesmal." "Ich werde selbst telephonieren", sagte K. und stand auf. Während K. und seine Gehilfen bisher, abgesehen von dem Zwischenfall des einen Bauern, wenig beachtet worden waren, erregte seine letzte Bemerkung allgemeine Aufmerksamkeit. Alle erhoben sich mit K. und trotzdem sie der Wirt zurückzudrängen suchte gruppierten sie sich beim Apparat in engem Halbkreis um ihn. Es überwog unter ihnen die Meinung, daß K. gar keine Antwort bekommen werde. K. mußte sie bitten ruhig zu sein, er verlange nicht ihre Meinungen zu hören.

Aus der Hörmuschel kam ein Summen, wie K. es sonst beim Telephonieren nie gehört hatte. Es war wie wenn sich aus dem Summen zahlloser kindlicher Stimmen – aber auch dieses Summen war keines, sondern war Gesang fernster, allerfernster Stimmen – wie wenn sich aus diesem Summen in einer geradezu unmöglichen Weise eine einzige hohe aber starke Stimme bilde, die an das Ohr schlug so wie wenn sie fordere tiefer einzudringen als nur in das armselige Gehör. K. horchte ohne zu telephonieren, den linken Arm hatte er auf das Telephonpult gestützt und horchte so.

Er wußte nicht wie lange, so lange bis ihn der Wirt am Rocke zupfte, ein Bote sei für ihn gekommen. "Weg", schrie K. unbeherrscht, vielleicht in das Telephon hinein, denn nun meldete sich jemand. Es entwickelte sich folgendes Gespräch: "Hier Oswald, wer dort?" rief es, eine strenge hochmütige Stimme, mit einem kleinen Sprachfehler, wie K. schien, den sie über sich selbst hinaus durch eine weitere Zugabe von Strenge auszugleichen versuchte. K. zögerte sich zu nennen, dem Telephon gegenüber war er wehrlos, der andere konnte ihn niederdonnern, die Hörmuschel weglegen und K. hatte sich einen vielleicht nicht unwichtigen Weg versperrt. K.’s Zögern machte den Mann ungeduldig. "Wer dort?" wiederholte er und fügte hinzu: "es wäre mir sehr lieb, wenn dortseits nicht so viel telephoniert würde, erst vor einem Augenblick ist telephoniert worden. " K. ging auf diese Bemerkung nicht ein und meldete mit einem plötzlichen Entschluß: "Hier der Gehilfe des Herrn Landvermessers. " "Welcher Gehilfe? Welcher Herr?. Welcher Landvermesser?." K. fiel das gestrige Telephongespräch ein, "Fragen Sie Fritz", sagte er kurz. Es half, zu seinem eigenen Erstaunen. Aber mehr noch als darüber, daß es half, staunte er über die Einheitlichkeit des Dienstes dort. Die Antwort war: "Ich weiß schon. Der ewige Landvermesser. Ja, ja. Was weiter? Welcher Gehilfe?" "Josef", sagte K. Ein wenig störte ihn hinter seinem Rücken das Murmeln der Bauern, offenbar waren sie nicht damit einverstanden, daß er sich nicht richtig meldete. K. hatte aber keine Zeit sich mit ihnen zu beschäftigen, denn das Gespräch nahm ihn sehr in Anspruch. "Josef?" fragte es zurück. "Die Gehilfen heißen" – eine kleine Pause, offenbar verlangte er die Namen jemandem andern ab – "Artur und Jeremias. " "Das sind die neuen Gehilfen", sagte K. "Nein, das sind die alten. " "Es sind die neuen, ich aber bin der alte, der dem Herrn Landvermesser heute nachkam. " "Nein", schrie es nun. "Wer bin ich also? " fragte K. ruhig wie bisher. Und nach einer Pause sagte die gleiche Stimme mit dem gleichen Sprachfehler und war doch wie eine andere tiefere achtungswertere Stimme: "Du bist der alte Gehilfe. "

K. horchte dem Stimmklang nach und überhörte dabei fast die Frage: "Was willst Du?" Am liebsten hätte er den Hörer schon weggelegt. Von diesem Gespräch erwartete er nichts mehr. Nur gezwungen fragte er noch schnell: "Wann darf mein Herr ins Schloß kommen?" "Niemals", war die Antwort. "Gut", sagte K. und hing den Hörer an.

Hinter ihm die Bauern waren schon ganz nah an ihn herangerückt. Die Gehilfen waren mit vielen Seitenblicken nach ihm damit beschäftigt die Bauern von ihm abzuhalten. Es schien aber nur Komödie zu sein, auch gaben die Bauern, von dem Ergebnis des Gespräches befriedigt, langsam nach. Da wurde ihre Gruppe von hinten mit raschem Schritt von einem Mann geteilt, der sich vor K. verneigte und ihm einen Brief übergab. K. behielt den Brief in der Hand und sah den Mann an, der ihm im Augenblick wichtiger schien. Es bestand eine große Ähnlichkeit zwischen ihm und den Gehilfen, er war so schlank wie sie, ebenso knapp gekleidet, auch so gelenkig und flink wie sie, aber doch ganz anders. Hätte K. doch lieber ihn als Gehilfen gehabt! Ein wenig erinnerte er ihn an die Frau mit dem Säugling, die er beim Gerbermeister gesehen hatte. Er war fast weiß gekleidet, das Kleid war wohl nicht aus Seide, es war ein Winterkleid wie alle andern, aber die Zartheit und Feierlichkeit eines Seidenkleides hatte es. Sein Gesicht war hell und offen, die Augen übergroß. Sein Lächeln war ungemein aufmunternd; er fuhr mit der Hand über sein Gesicht, so als wolle er dieses Lächeln verscheuchen, doch gelang ihm das nicht. "Wer bist Du?" fragte K. "Barnabas heiße ich", sagte er, "ein Bote bin ich. " Männlich und doch sanft öffneten und schlossen sich seine Lippen beim Reden. "Gefällt es Dir hier?" fragte K. und zeigte auf die Bauern, für die er noch immer nicht an Interesse verloren hatte und die mit ihren förmlich gequälten Gesichtern – der Schädel sah aus als sei er oben platt geschlagen worden und die Gesichtszüge hätten sich im Schmerz des Geschlagenwerdens gebildet – ihren wulstigen Lippen, ihren offenen Mündern zusahen aber doch auch wieder nicht zusahn, denn manchmal irrte ihr Blick ab und blieb ehe er zurückkehrte lange an irgendeinem gleichgültigen Gegenstande haften, und dann zeigte K. auch auf die Gehilfen, die einander umfaßt hielten, Wange an Wange lehnten und lächelten, man wußte nicht, ob demütig oder spöttisch, er zeigte diese alle, so als stellte er ein ihm durch besondere Umstände aufgezwungenes Gefolge vor und erwartete – darin lag Vertraulichkeit und auf die kam es K. an – daß Barnabas verständig unterscheiden werde zwischen ihm und ihnen. Aber Barnabas nahm – in aller Unschuld freilich, das war zu erkennen – die Frage gar nicht auf, ließ sie über sich ergehn, wie ein wohlerzogener Diener ein für ihn nur scheinbar bestimmtes Wort des Herrn, und blickte nur im Sinne der Frage umher, begrüßte durch Handwinken Bekannte unter den Bauern und tauschte mit den Gehilfen paar Worte aus, das alles frei und selbstständig, ohne sich mit ihnen zu vermischen. K. kehrte – abgewiesen aber nicht beschämt – zu dem Brief in seiner Hand zurück und öffnete ihn. Sein Wortlaut war: "Sehr geehrter Herr! Sie sind, wie Sie wissen, in die herrschaftlichen Dienste aufgenommen. Ihr nächster Vorgesetzter ist der Gemeindevorsteher des Dorfes, der Ihnen auch alles Nähere über Ihre Arbeit und die Lohnbedingungen mitteilen wird und dem Sie auch Rechenschaft schuldig sein werden. Trotzdem werde aber auch ich Sie nicht aus den Augen verlieren. Barnabas, der Überbringer dieses Briefes, wird von Zeit zu Zeit bei Ihnen nachfragen, um Ihre Wünsche zu erfahren und mir mitzuteilen. Sie werden mich immer bereit finden, Ihnen soweit es möglich ist, gefällig zu sein. Es liegt mir daran zufriedene Arbeiter zu haben. " Die Unterschrift war nicht leserlich, beigedruckt aber war ihr: Der Vorstand der X. Kanzlei. "Warte!" sagte K. zu dem sich verbeugenden Barnabas, dann rief er den Wirt, daß er ihm sein Zimmer zeige, er wollte mit dem Brief eine Zeitlang allein sein. Dabei erinnerte er sich daran, daß Barnabas bei aller Zuneigung die er für ihn hatte doch nichts anderes als ein Bote war und ließ ihm ein Bier geben. Er gab acht, wie er es annehmen würde, er nahm es offenbar sehr gern an und trank sogleich. Dann gieng K. mit dem Wirt. In dem Häuschen hatte man für K. nichts als ein kleines Dachzimmer bereitstellen können und selbst das hatte Schwierigkeiten gemacht, denn man hatte zwei Mägde, die bisher dort geschlafen hatten, anderswo unterbringen müssen. Eigentlich hatte man nichts anderes getan, als die Mägde weggeschafft, das Zimmer war sonst wohl unverändert, keine Wäsche in dem einzigen Bett, nur paar Pölster und eine Pferdedecke in dem Zustand, wie alles nach der letzten Nacht zurückgeblieben war, an der Wand paar Heiligenbilder und Photographien von Soldaten, nicht einmal gelüftet war worden, offenbar hoffte man, der neue Gast werde nicht lange bleiben und tat nichts dazu, ihn zu halten. K. war aber mit allem einverstanden, wickelte sich in die Decke, setzte sich zum Tisch und begann bei einer Kerze den Brief nochmals zu lesen.

Er war nicht einheitlich, es gab Stellen wo mit ihm wie mit einem Freien gesprochen wurde, dessen eigenen Willen man anerkennt, so war die Überschrift, so war die Stelle, die seine Wünsche betraf. Es gab aber wieder Stellen, wo er offen oder versteckt als ein kleiner vom Sitz jenes Vorstandes kaum bemerkbarer Arbeiter behandelt wurde, der Vorstand mußte sich anstrengen "ihn nicht aus den Augen zu verlieren", sein Vorgesetzter war nur der Dorfvorsteher, dem er sogar Rechenschaft schuldig war, sein einziger Kollege war vielleicht der Dorfpolicist. Das waren zweifellose Widersprüche, sie waren so sichtbar daß sie beabsichtigt sein mußten. Den einer solchen Behörde gegenüber wahnwitzigen Gedanken, daß hier Unentschlossenheit mitgewirkt habe, streifte K. kaum. Vielmehr sah er darin eine ihm offen dargebotene Wahl, es war ihm überlassen, was er aus den Anordnungen des Briefes machen wollte, ob er Dorfarbeiter mit einer immerhin auszeichnenden aber nur scheinbaren Verbindung mit dem Schlosse sein wollte oder aber scheinbarer Dorfarbeiter, der in Wirklichkeit sein ganzes Arbeitsverhältnis von den Nachrichten des Barnabas bestimmen ließ. K. zögerte nicht, zu wählen, hätte auch ohne die Erfahrungen die er schon gemacht hatte nicht gezögert. Nur als Dorfarbeiter, möglichst weit den Herren vom Schloß entrückt, war er imstande etwas im Schloß zu erreichen, diese Leute im Dorf, die noch so mißtrauisch gegen ihn waren, würden zu sprechen anfangen, wenn er, wo nicht ihr Freund, so doch ihr Mitbürger geworden war, und war er einmal ununterscheidbar etwa von Gerstäcker oder Lasemann – und sehr schnell mußte das geschehn, davon hing alles ab – dann erschlossen sich ihm gewiß mit einem Schlage alle Wege, die ihm wenn es nur auf die Herren oben und ihre Gnade angekommen wäre, für immer nicht nur versperrt sondern unsichtbar geblieben wären. Freilich eine Gefahr bestand und sie war in dem Brief genug betont, mit einer gewissen Freude war sie dargestellt, als sei sie unentrinnbar. Es war das Arbeitersein. Dienst, Vorgesetzter, Arbeit, Lohnbedingungen, Rechenschaft, Arbeiter, davon wimmelte der Brief und selbst wenn anderes, persönlicheres gesagt war, war es von jenem Gesichtspunkt aus gesagt. Wollte K. Arbeiter werden, so konnte er es werden, aber dann in allem furchtbaren Ernst, ohne jeden Ausblick anderswohin. K. wußte, daß nicht mit wirklichem Zwang gedroht war, den fürchtete er nicht und hier am wenigsten, aber die Gewalt der entmutigenden Umgebung, der Gewöhnung an Enttäuschungen, die Gewalt der unmerklichen Einflüsse jedes Augenblicks, die fürchtete er allerdings, aber mit dieser Gefahr mußte er den Kampf wagen. Der Brief verschwieg ja auch nicht, daß, wenn es zu Kämpfen kommen sollte, K. die Verwegenheit gehabt hatte, zu beginnen, es war mit Feinheit gesagt und nur ein unruhiges Gewissen – ein unruhiges, kein schlechtes – konnte es merken, es waren die drei Worte "wie Sie wissen" hinsichtlich seiner Aufnahme in den Dienst. K. hatte sich gemeldet und seither wußte er, wie sich der Brief ausdrückte, daß er aufgenommen war.

K. nahm ein Bild von der Wand und hing den Brief an den Nagel, in diesem Zimmer würde er wohnen, hier sollte der Brief hängen.

Dann stieg er in die Wirtsstube hinunter, Barnabas saß mit den Gehilfen bei einem Tischchen. "Ach, da bist Du", sagte K., ohne Anlaß, nur weil er froh war Barnabas zu sehn. Er sprang gleich auf. Kaum war K. eingetreten, erhoben sich die Bauern, um sich ihm zu nähern, es war schon ihre Gewohnheit geworden ihm immer nachzulaufen. "Was wollt Ihr denn immerfort von mir?" rief K. Sie nahmen es nicht übel und drehten sich langsam zu ihren Plätzen zurück. Einer sagte im Abgehn zur Erklärung leichthin mit einem undeutbaren Lächeln, das einige andere aufnahmen: "Man hört immer etwas Neues" und er leckte sich die Lippen als sei das Neue eine Speise. K. sagte nichts Versöhnliches, es war gut, wenn sie ein wenig Respekt vor ihm bekamen, aber kaum saß er bei Barnabas spürte er schon den Atem eines Bauern im Nacken, er kam, wie er sagte, das Salzfaß zu holen, aber K. stampfte vor Ärger auf, der Bauer lief denn auch ohne das Salzfaß weg. Es war wirklich leicht K. beizukommen, man mußte z. B. nur die Bauern gegen ihn hetzen, ihre hartnäckige Teilnahme schien ihm böser als die Verschlossenheit der andern und außerdem war es auch Verschlossenheit, denn hätte K. sich zu ihrem Tisch gesetzt, wären sie gewiß dort nicht sitzen geblieben. Nur die Gegenwart des Barnabas hielt ihn ab Lärm zu machen. Aber er drehte sich doch noch drohend nach ihnen um, auch sie waren ihm zugekehrt. Wie er sie aber so dasitzen sah, jeden auf seinem Platz, ohne sich mit einander zu besprechen, ohne sichtbare Verbindung unter einander, nur dadurch mit einander verbunden, daß sie alle auf ihn starrten, schien es ihm, als sei es gar nicht Bosheit, was sie ihn verfolgen ließ, vielleicht wollten sie wirklich etwas von ihm und konnten es nur nicht sagen, und war es nicht das, dann war es vielleicht nur Kindlichkeit; Kindlichkeit, die hier zuhause zu sein schien; war nicht auch der Wirt kindlich, der ein Glas Bier, das er irgendeinem Gast bringen sollte, mit beiden Händen hielt, stillstand, nach K. sah und einen Zuruf der Wirtin überhörte, die sich aus dem Küchenfensterchen vorgebeugt hatte.

Ruhiger wandte sich K. an Barnabas, die Gehilfen hätte er gern entfernt, fand aber keinen Vorwand, übrigens blickten sie still auf ihr Bier. "Den Brief", begann K., "habe ich gelesen. Kennst Du den Inhalt" "Nein", sagte Barnabas. Sein Blick schien mehr zu sagen, als seine Worte. Vielleicht täuschte sich K. hier im Guten, wie bei den Bauern im Bösen, aber das Wohltuende seiner Gegenwart blieb. "Es ist auch von Dir in dem Brief die Rede, Du sollst nämlich hie und da Nachrichten zwischen mir und dem Vorstand vermitteln, deshalb hatte ich gedacht, daß Du den Inhalt kennst. " "Ich bekam", sagte Barnabas, "nur den Auftrag den Brief zu übergeben, zu warten, bis er gelesen ist, und, wenn es Dir nötig scheint, eine mündliche oder schriftliche Antwort zurückzubringen." "Gut", sagte K., "es bedarf keines Schreibens, richte dem Herrn Vorstand – wie heißt er denn? Ich konnte die Unterschrift nicht lesen." "Klamm", sagte Barnabas. "Richte also Herrn Klamm meinen Dank für die Aufnahme aus wie auch für seine besondere Freundlichkeit, die ich als einer, der sich hier noch gar nicht bewährt hat, zu schätzen weiß. Ich werde mich vollständig nach seinen Absichten verhalten. Besondere Wünsche habe ich heute nicht. " Barnabas, der genau aufgemerkt hatte, bat den Auftrag vor K. wiederholen zu dürfen, K. erlaubte es, Barnabas wiederholte alles wortgetreu. Dann stand er auf, um sich zu verabschieden.

Die ganze Zeit über hatte K. sein Gesicht geprüft, nun tat er es zum letztenmal. Barnabas war etwa so groß wie K., trotzdem schien sein Blick sich zu K. zu senken, aber fast demütig geschah das, es war unmöglich daß dieser Mann jemanden beschämte. Freilich, er war nur ein Bote, kannte nicht den Inhalt der Briefe, die er auszutragen hatte, aber auch sein Blick, sein Lächeln, sein Gang schien eine Botschaft zu sein, mochte er auch von dieser nichts wissen. Und K. reichte ihm die Hand, was ihn offenbar überraschte, denn er hatte sich nur verneigen wollen.

Gleich als er gegangen war – vor dem Öffnen der Tür hatte er noch ein wenig mit der Schulter an der Tür gelehnt und mit einem Blick, der keinem Einzelnen mehr galt, die Stube umfaßt – sagte K. zu den Gehilfen: "Ich hole aus dem Zimmer meine Aufzeichnungen, dann besprechen wir die nächste Arbeit. " Sie wollten mitgehn. "Bleibt! " sagte K. Sie wollten noch immer mitgehn. Noch strenger mußte K. den Befehl wiederholen. Im Flur war Barnabas nicht mehr. Aber er war doch eben jetzt weggegangen. Doch auch vor dem Haus – neuer Schnee fiel – sah K. ihn nicht. Er rief: Barnabas! Keine Antwort. Sollte er noch im Haus sein? Es schien keine andere Möglichkeit zu geben. Trotzdem schrie K. noch aus aller Kraft den Namen, der Namen donnerte durch die Nacht. Und aus der Ferne kam nun doch eine schwache Antwort, so weit war also Barnabas schon. K. rief ihn zurück und ging ihm gleichzeitig entgegen; wo sie einander trafen, waren sie vom Wirtshaus nicht mehr zu sehn.

"Barnabas", sagte K. und konnte ein Zittern seiner Stimme nicht bezwingen, "ich wollte Dir noch etwas sagen. Ich merke dabei, daß es doch recht schlecht eingerichtet ist, daß ich nur auf Dein zufälliges Kommen angewiesen bin, wenn ich etwas aus dem Schloß brauche. Wenn ich Dich jetzt nicht zufällig noch erreicht hätte – wie Du fliegst, ich dachte Du wärest noch im Haus – wer weiß wie lange ich auf Dein nächstes Erscheinen hätte warten müssen. " "Du kannst ja", sagte Barnabas, "den Vorstand bitten, daß ich immer zu bestimmten von Dir angegebenen Zeiten komme. " "Auch das würde nicht genügen", sagte K., "vielleicht will ich ein Jahr lang gar nichts sagen lassen, aber gerade eine Viertelstunde nach Deinem Weggehn etwas Unaufschiebbares. " " Soll ich also", sagte Barnabas, "dem Vorstand melden, daß zwischen ihm und Dir eine andere Verbindung hergestellt werden soll, als durch mich. " "Nein, nein", sagte K., "ganz und gar nicht, ich erwähne diese Sache nur nebenbei, diesmal habe ich Dich ja noch glücklich erreicht. " "Wollen wir", sagte Barnabas, "ins Wirtshaus zurückgehn, damit Du mir dort den neuen Auftrag geben kannst?" Schon hatte er einen Schritt weiter zum Haus hin gemacht. "Barnabas", sagte K., "es ist nicht nötig, ich gehe ein Stückchen Wegs mit Dir. " "Warum willst Du nicht ins Wirtshaus gehn?" fragte Barnabas. "Die Leute stören mich dort", sagte K., "die Zudringlichkeit der Bauern hast Du selbst gesehn. " "Wir können in Dein Zimmer gehn", sagte Barnabas. "Es ist das Zimmer der Mägde", sagte K., "schmutzig und dumpf; um dort nicht bleiben zu müssen, wollte ich ein wenig mit Dir gehn, Du mußt nur", fügte K. hinzu, um sein Zögern endgiltig zu überwinden, "mich in Dich einhängen lassen, denn Du gehst sicherer. " Und K. hing sich an seinen Arm. Es war ganz finster, sein Gesicht sah K. gar nicht, seine Gestalt undeutlich, den Arm hatte er schon ein Weilchen vorher zu ertasten versucht.

Barnabas gab ihm nach, sie entfernten sich vom Wirtshaus. Freilich fühlte K. daß er trotz größter Anstrengung gleichen Schritt mit Barnabas zu halten nicht imstande war, seine freie Bewegung hinderte und daß unter gewöhnlichen Umständen schon an dieser Nebensächlichkeit alles scheitern müsse, gar in jenen Seitengassen, wie jener wo K. am Vormittag im Schnee versunken war und aus der er nur, von Barnabas getragen, herauskommen könnte. Doch hielt er solche Besorgnisse jetzt von sich fern, auch tröstete ihn daß Barnabas schwieg; wenn sie schweigend gingen, dann konnte doch auch für Barnabas nur das Weitergehn selbst den Zweck ihres Beisammenseins bilden.

Sie gingen, aber K. wußte nicht wohin, nichts konnte er erkennen, nicht einmal ob sie schon an der Kirche vorübergekommen waren, wußte er. Durch die Mühe, welche ihm das bloße Gehn verursachte, geschah es, daß er seine Gedanken nicht beherrschen konnte. Statt auf das Ziel gerichtet zu bleiben, verwirrten sie sich. Immer wieder tauchte die Heimat auf und Erinnerungen an sie erfüllten ihn. Auch dort stand auf dem Hauptplatz eine Kirche, zum Teil war sie von einem alten Friedhof und dieser von einer hohen Mauer umgeben. Nur sehr wenige Jungen hatten diese Mauer schon erklettert, auch K. war es noch nicht gelungen. Nicht Neugier trieb sie dazu, der Friedhof hatte vor ihnen kein Geheimnis mehr, durch seine kleine Gittertür waren sie schon oft hineingekommen, nur die glatte hohe Mauer wollten sie bezwingen. An einem Vormittag – der stille leere Platz war von Licht überflutet, wann hatte K. ihn je, früher oder später, so gesehnt – gelang es ihm überraschend leicht; an einer Stelle wo er schon oft abgewiesen worden war, erkletterte er, eine kleine Fahne zwischen den Zähnen, die Mauer im ersten Anlauf. Noch rieselte Gerölle unter ihm ab, schon war er oben. Er rammte die Fahne ein, der Wind spannte das Tuch, er blickte hinunter und in die Runde, auch über die Schulter hinweg auf die in der Erde versinkenden Kreuze, niemand war jetzt und hier größer als er. Zufällig kam dann der Lehrer vorüber, trieb K. mit einem ärgerlichen Blick hinab, beim Absprung verletzte sich K. am Knie, nur mit Mühe kam er nachhause, aber auf der Mauer war er doch gewesen, das Gefühl dieses Sieges schien ihm damals für ein langes Leben einen Halt zu geben, was nicht ganz töricht gewesen war, denn jetzt nach vielen Jahren in der Schneenacht am Arm des Barnabas kam es ihm zuhilfe.

Er hing sich fester ein, fast zog ihn Barnabas, das Schweigen wurde nicht unterbrochen; von dem Weg wußte K. nur daß sie nach dem Zustand der Straße zu schließen, noch in keine Seitengasse eingebogen waren. Er gelobte sich, durch keine Schwierigkeit des Weges oder gar durch die Sorge um den Rückweg sich vom Weitergehn abhalten zu lassen; um schließlich weitergeschleift werden zu können, würde seine Kraft wohl noch ausreichen. Und konnte denn der Weg unendlich sein? Bei Tag war das Schloß wie ein leichtes Ziel vor ihm gelegen und der Bote kannte gewiß den kürzesten Weg.

Da blieb Barnabas stehn. Wo waren sie?Gieng es nicht mehr weiter? Würde Barnabas K. verabschieden? Es würde ihm nicht gelingen. K. hielt des Barnabas Arm fest, daß es fast ihn selbst schmerzte. Oder sollte das Unglaubliche geschehen sein und sie waren schon im Schloß oder vor seinen Toren? Aber sie waren ja soweit es K. wußte gar nicht gestiegen. Oder hatte ihn Barnabas einen so unmerklich ansteigenden Weg geführt? "Wo sind wir?" fragte K. leise, mehr sich als ihn. "Zuhause", sagte Barnabas ebenso. "Zuhause?" "Jetzt aber gib acht, Herr, daß Du nicht ausgleitest. Der Weg geht abwärts. " Abwärts "Es sind nur paar Schritte", fügte er hinzu und schon klopfte er an eine Tür.

Ein Mädchen öffnete, sie standen an der Schwelle einer großen Stube fast im Finstern, denn nur über einem Tisch links im Hintergrunde hing eine winzige Öllampe. "Wer kommt mit Dir, Barnabas? " fragte das Mädchen. "Der Landvermesser", sagte er. "Der Landvermesser", wiederholte das Mädchen lauter zum Tisch hin. Daraufhin erhoben sich dort zwei alte Leute, Mann und Frau, und noch ein Mädchen. Man begrüßte K. Barnabas stellte ihm alle vor, es waren seine Eltern und seine Schwestern Olga und Amalia. K. sah sie kaum an, man nahm ihm den nassen Rock ab, um ihn beim Ofen zu trocknen, K. ließ es geschehn.

Also nicht sie waren zuhause, nur Barnabas war zuhause. Aber warum waren sie hier? K. nahm Barnabas zur Seite und sagte: "Warum bist Du nachhause gegangen? Oder wohnt Ihr schon im Bereich des Schlosses?" "Im Bereich des Schlosses?" wiederholte Barnabas, als verstehe er K. nicht. "Barnabas", sagte K., "Du wolltest doch aus dem Wirtshaus ins Schloß gehn." "Nein, Herr", sagte Barnabas, "ich wollte nachhause gehn, ich gehe erst früh ins Schloß, ich schlafe niemals dort." "So", sagte K., "Du wolltest nicht ins Schloß gehn, nur hierher" – matter schien ihm sein Lächeln, unscheinbarer er selbst – "warum hast Du mir das nicht gesagt?" "Du hast mich nicht gefragt, Herr", sagte Barnabas, "Du wolltest mir nur noch einen Auftrag geben, aber weder in der Wirtsstube noch in Deinem Zimmer, da dachte ich, Du könntest mir den Auftrag ungestört hier bei meinen Eltern geben – sie werden sich alle gleich entfernen, wenn Du es befiehlst – auch könntest Du, wenn es Dir bei uns besser gefällt, hier übernachten. Habe ich nicht recht getan?" K. konnte nicht antworten. Ein Mißverständnis war es also gewesen, ein gemeines, niedriges Mißverständnis und K. hatte sich ihm ganz hingegeben. Hatte sich bezaubern lassen von des Rarnabas enger seiden glänzender Jacke, die dieser jetzt aufknöpfte und unter der ein grobes, grauschmutziges, viel geflicktes Hemd erschien über der mächtigen kantigen Brust eines Knechts. Und alles ringsherum entsprach dem nicht nur, überbot es noch, der alte gichtische Vater, der mehr mit Hilfe der tastenden Hände als der sich langsam schiebenden steifen Beine vorwärtskam, die Mutter mit auf der Brust gefalteten Händen, die wegen ihrer Fülle auch nur die winzigsten Schritte machen konnte, beide, Vater und Mutter, gingen schon seitdem K. eingetreten war, aus ihrer Ecke auf ihn zu und hatten ihn noch lange nicht erreicht. Die Schwestern, Blondinen, einander und dem Barnabas ähnlich, aber mit härteren Zügen als Barnabas, große starke Mägde, umstanden die Ankömmlinge und erwarteten von K. irgendein Begrüßungswort, er konnte aber nichts sagen, er hatte geglaubt, hier im Dorf habe jeder für ihn Bedeutung und es war wohl auch so, nur gerade diese Leute hier bekümmerten ihn gar nicht. Wäre er imstande gewesen, allein den Weg ins Wirtshaus zu bewältigen, er wäre gleich fortgegangen. Die Möglichkeit früh mit Barnabas ins Schloß zu gehn, lockte ihn gar nicht. Jetzt in der Nacht, unbeachtet, hatte er ins Schloß dringen wollen, von Barnabas geführt, aber von jenem Barnabas, wie er ihm bisher erschienen war, einem Mann, der ihm näher war, als alle die er bisher hier gesehen hatte, und von dem er gleichzeitig geglaubt hatte, daß er weit über seinen sichtbaren Rang hinaus eng mit dem Schloß verbunden war. Mit dem Sohn dieser Familie aber, zu der er völlig gehörte und mit der er schon beim Tisch saß, mit einem Mann, der bezeichnender Weise nicht einmal im Schloß schlafen durfte, an seinem Arm am hellen Tag ins Schloß zu gehn, war unmöglich, war ein lächerlich hoffnungsloser Versuch.

K. setzte sich auf eine Fensterbank, entschlossen dort auch die Nacht zu verbringen und keinen Dienst sonst von der Familie in Anspruch zu nehmen. Die Leute aus dem Dorf, die ihn wegschickten oder die vor ihm Angst hatten, schienen ihm ungefährlicher, denn sie verwiesen ihn im Grund nur auf ihn selbst, halfen ihm seine Kräfte gesammelt zu halten, solche scheinbare Helfer aber, die ihn statt ins Schloß, dank einer kleinen Maskerade in ihre Familie führten, lenkten ihn ab, ob sie wollten oder nicht, arbeiteten an der Zerstörung seiner Kräfte. Einen einladenden Zuruf vom Familientisch beachtete er gar nicht, mit gesenktem Kopf blieb er auf seiner Bank.

Da stand Olga auf, die sanftere der Schwestern, auch eine Spur mädchenhafter Verlegenheit zeigte sie, kam zu K. und bat ihn zum Tisch zu kommen, Brot und Speck sei dort vorbereitet, Bier werde sie noch holen. "Von wo?" fragte K. "Aus dem Wirtshaus", sagte sie. Das war K. sehr willkommen, er bat sie, kein Bier zu holen aber ihn ins Wirtshaus zu begleiten, er habe dort noch wichtige Arbeiten liegen. Es stellte sich nun aber heraus, daß sie nicht so weit, nicht in sein Wirtshaus gehn wollte, sondern in ein anderes, viel näheres, den Herrenhof. Trotzdem bat K., sie begleiten zu dürfen, vielleicht, so dachte er, findet sich dort eine Schlafgelegenheit; wie sie auch sein mochte, er hätte sie dem besten Bett hier im Hause vorgezogen. Olga antwortete nicht gleich, blickte sich nach dem Tisch um. Dort war der Bruder aufgestanden, nickte bereitwillig und sagte: "Wenn der Herr es wünscht –. " Fast hätte K. diese Zustimmung dazu bewegen können, seine Ritte zurückzuziehn, nur Wertlosem konnte jener zustimmen. Aber als dann die Frage besprochen wurde, ob man K. in das Wirtshaus einlassen werde und alle daran zweifelten, bestand er doch dringend darauf mitzugehn, ohne sich aber die Mühe zu nehmen, einen verständlichen Grund für seine Bitte zu erfinden; diese Familie mußte ihn hinnehmen wie er war, er hatte gewissermaßen kein Schamgefühl vor ihr. Darin beirrte ihn nur Amalia ein wenig mit ihrem ernsten geraden unrührbaren vielleicht auch etwas stumpfen Blick.

Auf dem kurzen Weg ins Wirtshaus – K. hatte sich in Olga eingehängt und wurde von ihr, er konnte sich nicht anders helfen, fast so gezogen wie früher von ihrem Bruder – erfuhr er, daß dieses Wirtshaus eigentlich nur für Herren aus dem Schloß bestimmt sei, die dort, wenn sie etwas im Dorf zu tun haben, essen und sogar manchmal übernachten. Olga sprach mit K. leise und wie vertraut, es war angenehm mit ihr zu gehn, fast so wie mit dem Bruder, K. wehrte sich gegen das Wohlgefühl, aber es bestand.

Das Wirtshaus war äußerlich sehr ähnlich dem Wirtshaus in dem K. wohnte, es gab im Dorf wohl überhaupt keine großen äußern Unterschiede, aber kleine Unterschiede waren doch gleich zu merken, die Vortreppe hatte ein Geländer, eine schöne Laterne war über der Tür befestigt, als sie eintraten flatterte ein Tuch über ihren Köpfen, es war eine Fahne mit den gräflichen Farben. Im Flur begegnete ihnen gleich, offenbar auf einem beaufsichtigenden Rundgang befindlich, der Wirt; mit kleinen Augen, prüfend oder schläfrig, sah er K. im Vorübergehn an und sagte: "Der Herr Landvermesser darf nur bis in den Ausschank gehn. " "Gewiß", sagte Olga, die sich K.’s gleich annahm, "er begleitet mich nur. " K. aber, undankbar, machte sich von Olga los und nahm den Wirt beiseite, Olga wartete unterdessen geduldig am Ende des Flurs. "Ich möchte hier gerne übernachten", sagte K. "Das ist leider unmöglich", sagte der Wirt, "Sie scheinen es noch nicht zu wissen, das Haus ist ausschließlich für die Herren vom Schloß bestimmt." "Das mag Vorschrift sein", sagte K., "aber mich irgendwo in einem Winkel schlafen zu lassen, ist gewiß möglich. " "Ich würde Ihnen außerordentlich gern entgegenkommen", sagte der Wirt, "aber auch abgesehn von der Strenge der Vorschrift, über die Sie nach Art eines Fremden sprechen, ist es auch deshalb undurchführbar, weil die Herren äußerst empfindlich sind, ich bin überzeugt, daß sie unfähig sind, wenigstens unvorbereitet den Anblick eines Fremden zu ertragen; wenn ich Sie also hier übernachten ließe und Sie durch einen Zufall – und die Zufälle sind immer auf Seite der Herren – entdeckt würden, wäre nicht nur ich verloren sondern auch Sie selbst. Es klingt lächerlich, aber es ist wahr. " Dieser hohe, fest zugeknöpfte Herr, der, die eine Hand gegen die Wand gestemmt, die andere in der Hüfte, die Beine gekreuzt, ein wenig zu K. herabgeneigt, vertraulich zu ihm sprach, schien kaum mehr zum Dorf zu gehören, wenn auch noch sein dunkles Kleid nur bäuerisch festlich aussah. "Ich glaube Ihnen vollkommen", sagte K., "und auch die Bedeutung der Vorschrift unterschätze ich gar nicht, wenn ich mich auch ungeschickt ausgedrückt habe. Nur auf eines will ich Sie noch aufmerksam machen, ich habe im Schloß wertvolle Verbindungen und werde noch wertvollere bekommen, sie sichern Sie gegen jede Gefahr, die durch mein Übernachten hier entstehen könnte und bürgen Ihnen dafür, daß ich imstande bin für eine kleine Gefälligkeit vollwertig zu danken." "Ich weiß es", sagte der Wirt und wiederholte nochmals: "das weiß ich. " Nun hätte K. sein Verlangen nachdrücklicher stellen können, aber gerade diese Antwort des Wirtes zerstreute ihn, deshalb fragte er nur: "Übernachten heute viele Herren vom Schloß hier?" "In dieser Hinsicht ist es heute vorteilhaft", sagte der Wirt gewissermaßen lockend, "es ist nur ein Herr hiergeblieben. " Noch immer konnte K. nicht drängen, hoffte nun auch schon fast aufgenommen zu sein, so fragte er nur nach dem Namen des Herrn. "Klamm", sagte der Wirt nebenbei, während er sich nach seiner Frau umdrehte, welche in sonderbar abgenützten veralteten, mit Rüschen und Falten überladenen, aber feinen städtischen Kleidern herangerauscht kam. Sie wollte den Wirt holen, der Herr Vorstand habe irgendeinen Wunsch. Ehe der Wirt aber ging wandte er sich noch an K., als habe nicht mehr er selbst sondern K. wegen des Übernachtens zu entscheiden. K. konnte aber nichts sagen; besonders der Umstand, daß gerade sein Vorgesetzter hier war, verblüffte ihn; ohne daß er es sich selbst ganz erklären konnte, fühlte er sich Klamm gegenüber nicht so frei, wie sonst gegenüber dem Schloß, von ihm hier ertappt zu werden, wäre für K. zwar kein Schrecken im Sinne des Wirtes, aber doch eine peinliche Unzukömmlichkeit gewesen, so etwa als würde er jemanden, dem er zu Dankbarkeit verpflichtet war, leichtsinnig einen Schmerz bereiten, dabei aber bedrückte es ihn schwer zu sehn, daß sich in Solcher Bedenklichkeit offenbar schon die gefürchteten Folgen des Untergeordnetseins, des Arbeiterseins zeigten und daß er nicht einmal hier wo sie so deutlich auftraten, imstande war sie niederzukämpfen. So stand er, zerbiß sich die Lippen und sagte nichts. Noch einmal, ehe der Wirt in einer Tür verschwand, sah er zu K. zurück, dieser sah ihm nach und ging nicht von der Stelle, bis Olga kam und ihn fortzog. "Was wolltest Du von dem Wirt?" fragte Olga. "Ich wollte hier übernachten", sagte K. "Du wirst doch bei uns übernachten", sagte Olga verwundert. "Ja, gewiß", sagte K. und überließ ihr die Deutung der Worte.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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