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2017/12/14 - 08:56

"Ich sah aus dem Fenster…" (II, 11)

Ich sah aus dem Fenster, müde, halb lag ich. An der Kirchenecke bog ein Bekannter ein, ein Kaufmann, ein alter Mann mit schütterem langen Bart. Er bemerkte mich, freute sich offenbar mich zu sehn und rief, ob ich nicht mitkommen wolle,

Nun entschied es sich und wir landeten. Es war Vollmond und kühl. Wir sprachen nicht, eigentlich nur weil es

Auf einem Spaziergang am Sonntag war ich weiter vor die Stadt gekommen, als ich eigentlich gewollt hatte. Und als ich so weit war, trieb es mich noch weiter. Auf einer Anhöhe stand eine alte viel gekrümmte aber nicht sehr große Eiche. Sie erinnerte mich irgendwie daran, daß es nun endlich aber Zeit sei zurückzukehren. Es war schon genug abendlich geworden. Ich stand vor ihr, strich über ihre harte Rinde und las zwei eingeritzte Namen. Ich las sie aber ohne mir sie zu merken, es war wie ein kindlicher Trotz, der mich, wenn ich schon nicht weitergehen sollte wenigstens hier festhielt, um mich nicht zurückgehn zu lassen. Man ist manchmal im Bann solcher Kräfte, man kann ihn leicht zerreißen, es ist ja nur etwas wie ein zarter Scherz eines Fremden, aber es war Sonntag, nichts war zu versäumen, ich war schon müde und ergab mich deshalb in alles.

Nun erkannte ich daß einer der Namen Josef war und erinnerte mich eines Schulfreundes der so geheißen hatte. In meiner Erinnerung war er ein kleiner Junge, der kleinste der Klasse vielleicht, er war einige Jahre neben mir in der gleichen Bank gesessen. Er war häßlich gewesen, selbst uns, die wir doch damals mehr Kraft und Geschicklichkeit – und beides hatte er – als Schönheit zu beurteilen verstanden, erschien er sehr häßlich.

Wir liefen vor das Haus. Es stand dort ein Bettler mit einer Harmonika. Sein Kleid, eine Art Talar, war unten so in Fetzen, wie wenn der Stoff ursprünglich von einem Tuchstück nicht abgeschnitten sondern roh mit Gewalt abgerissen worden wäre. Und es stimmte dazu irgendwie die verwirrte Miene des Bettlers, der aus einem tiefen Schlaf geweckt zu sein schien und sich mit aller Anstrengung nicht zurechtfinden konnte. Es war wie wenn er immer von neuem einschliefe und immer von neuem geweckt wurde.

Wir Kinder wagten nicht ihn anzusprechen und wie sonst Bettelmusikanten um ein Lied zu bitten. Auch lief er uns immerfort mit den Augen ab, als bemerke er zwar unsere Anwesenheit, könne uns aber nicht so genau erkennen, wie er wollte.

Wir warteten also, bis der Vater kam. Er war hinten in der Werkstatt, es dauerte ein Weilchen, ehe er den langen Flur durchschritt. "Wer bist Du?" fragte er im Näherkommen laut und streng, sein Blick war mürrisch, vielleicht war er mit unserem Verhalten dem Bettler gegenüber unzufrieden, aber wir hatten doch nichts getan und jedenfalls noch nichts verdorben. Wir wurden womöglich noch stiller. Es war überhaupt ganz still, nur die Linde vor unserem Haus rauschte.

"Ich komme aus Italien", sagte der Bettler, aber nicht wie eine Antwort, sondern wie ein Schuldbekenntnis. Es war als erkenne er in unserem Vater seinen Herrn. Die Harmonika drückte er an seine Brust.

(...) mir ihn aufzuheben. Ich tat es und er sagte: "Ich bin auf einer Reise, stören Sie mich nicht, öffnen Sie Ihr Hemd und nähern Sie mich Ihrem Körper." Ich tat es, er machte einen großen Schritt und verschwand in mir wie in einem Haus. Ich streckte mich wie in einer Beengung, es kam mich fast eine Ohnmacht an, ich ließ den Spaten fallen und gieng nachhause. Dort saßen bei Tisch Männer und aßen aus der gemeinsamen Schüssel, die zwei Frauen waren beim Herd und Waschtrog. Ich erzählte gleich was mir geschehen war, ich fiel dabei nieder auf die Bank bei der Tür, alle standen um mich. Man holte einen vielbewährten Alten von einem nahen Gut. Während man auf ihn wartete, kamen Kinder zu mir, wir reichten einander die Hände, verschränkten die Finger,


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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