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2017/12/12 - 18:44

Kampf mit dem Direktor-Stellvertreter

Eines Morgens fühlte sich K. viel frischer und widerstandsfähiger als sonst. An das Gericht dachte er kaum; wenn es ihm aber einfiel, schien es ihm als könne diese ganz unübersichtlich große Organisation an irgend einer allerdings verborgenen im Dunkel erst zu ertastenden Handhabe leicht gefaßt, ausgerissen und zerschlagen werden. Sein außergewöhnlicher Zustand verlockte K. sogar den Direktor-Stellvertreter einzuladen in sein Bureau zu kommen und eine geschäftliche Angelegenheit, die schon seit einiger Zeit drängte, gemeinsam zu besprechen. Immer bei solchem Anlaß tat der Direktor-Stellvertreter so, als hätte sich sein Verhältnis zu K. in den letzten Monaten nicht im Geringsten geändert. Ruhig kam er wie in den frühern Zeiten des ständigen Wettbewerbes mit K., ruhig hörte er K.’s Ausführungen an, zeigte durch kleine vertrauliche ja kameradschaftliche Bemerkungen seine Teilnahme und verwirrte K. nur dadurch, worin man aber keine Absicht sehen mußte, daß er sich durch nichts von der geschäftlichen Hauptsache ablenken ließ, förmlich bis in den Grund seines Wesens aufnahmsbereit für diese Sache war, während K.’s Gedanken vor diesem Muster von Pflichterfüllung sofort nach allen Seiten zu schwärmen anfiengen und ihn zwangen, die Sache selbst fast ohne Widerstand dem Direktor-Stellvertreter zu überlassen. Einmal war es so schlimm, daß K. schließlich nur bemerkte, wie der Direktor-Stellvertreter plötzlich aufstand und stumm in sein Bureau zurückkehrte. K. wußte nicht was geschehen war, es war möglich daß die Besprechung regelrecht abgeschlossen war, ebensomöglich aber war es, daß sie der Direktor-Stellvertreter abgebrochen hatte, weil ihn K. unwissentlich gekränkt oder weil er Unsinn gesprochen hatte oder weil es dem Direktor-Stellvertreter unzweifelhaft geworden war, daß K. nicht zuhörte und mit andern Dingen beschäftigt war. Es war aber sogar möglich, daß K. eine lächerliche Entscheidung getroffen oder daß der Direktor-Stellvertreter sie ihm entlockt hatte und daß er sich jetzt beeilte sie zum Schaden K.’s zu verwirklichen. Man kam übrigens auf diese Angelegenheit nicht mehr zurück, K. wollte nicht an sie erinnern und der Direktor-Stellvertreter blieb verschlossen; es ergaben sich allerdings vorläufig auch weiterhin keine sichtbaren Folgen. Jedenfalls war aber K. durch den Vorfall nicht abgeschreckt worden, wenn sich nur eine passende Gelegenheit ergab und er nur ein wenig bei Kräften war, stand er schon bei der Tür des Direktor-Stellvertreters um zu ihm zu gehn oder ihn zu sich einzuladen. Es war keine Zeit mehr sich vor ihm zu verstecken, wie er es früher getan hatte. Er hoffte nicht mehr auf einen baldigen entscheidenden Erfolg, der ihn mit einem Mal von allen Sorgen befreien und von selbst das alte Verhältnis zum Direktor-Stellvertreter herstellen würde. K. sah ein, daß er nicht ablassen dürfe, wich er zurück, so wie es vielleicht die Tatsachen forderten, dann bestand die Gefahr, daß er möglicherweise niemals mehr vorwärts kam. Der Direktor-Stellvertreter durfte nicht im Glauben gelassen werden, daß K. abgetan sei, er durfte mit diesem Glauben nicht ruhig in seinem Bureau sitzen, er mußte beunruhigt werden, er mußte so oft als möglich erfahren daß K. lebte und daß er wie alles was lebte, eines Tages mit neuen Fähigkeiten überraschen konnte, so ungefährlich er auch heute schien. Manchmal sagte sich zwar K., daß er mit dieser Methode um nichts anderes als um seine Ehre kämpfe, denn Nutzen konnte es ihm eigentlich nicht bringen, wenn er sich in seiner Schwäche immer wieder dem Direktor-Stellvertreter entgegenstellte, sein Machtgefühl stärkte und ihm die Möglichkeit gab Beobachtungen zu machen und seine Maßnahmen genau nach den augenblicklichen Verhältnissen zu treffen. Aber K. hätte sein Verhalten gar nicht ändern können, er unterlag Selbsttäuschungen, er glaubte manchmal mit Bestimmtheit er dürfe sich gerade jetzt unbesorgt mit dem Direktor-Stellvertreter messen, die unglückseligsten Erfahrungen belehrten ihn nicht, was ihm bei zehn Versuchen nicht gelungen war, glaubte er mit dem elften durchsetzen zu können trotzdem alles immer ganz einförmig zu seinen Ungunsten abgelaufen war. Wenn er nach einer solchen Zusammenkunft erschöpft, in Schweiß, mit leerem Kopf zurückblieb, wußte er nicht, ob es Hoffnung oder Verzweiflung gewesen war, die ihn an den Direktor-Stellvertreter gedrängt hatte, ein nächstes Mal war es aber wieder vollständig eindeutig nur Hoffnung, mit der er zu der Türe des Direktor-Stellvertreters eilte.

So war es auch heute. Der Direktor-Stellvertreter trat gleich ein, blieb dann nahe bei der Tür stehn, putzte einer neu angenommenen Gewohnheit gemäß seinen Zwicker und sah zuerst K. und dann, um sich nicht allzu auffallend mit K. zu beschäftigen, auch das ganze Zimmer genauer an. Es war als benütze er die Gelegenheit, um die Sehkraft seiner Augen zu prüfen. K. widerstand den Blicken, lächelte sogar ein wenig und lud den Direktor-Stellvertreter ein sich zu setzen. Er selbst warf sich in seinen Lehnstuhl, rückte ihn möglichst nahe zum Direktor-Stellvertreter, nahm gleich die nötigen Papiere vom Tisch und begann seinen Bericht. Der Direktor-Stellvertreter schien zunächst kaum zuzuhören. Die Platte von K.’s Schreibtisch war von einer niedrigen geschnitzten Balustrade umgeben. Der ganze Schreibtisch war vorzügliche Arbeit und auch die Balustrade saß fest im Holz. Aber der Direktor-Stellvertreter tat, als habe er gerade jetzt dort eine Lockerung bemerkt, und versuchte den Fehler dadurch zu beseitigen, daß er mit dem Zeigefinger auf die Balustrade loshieb. K. wollte daraufhin seinen Bericht unterbrechen, was aber der Direktor-Stellvertreter nicht duldete, da er wie er erklärte, alles genau höre und auffasse. Während ihm aber vorläufig K. keine sachliche Bemerkung abnötigen konnte, schien die Balustrade besondere Maßregeln zu verlangen, denn der Direktor-Stellvertreter zog jetzt sein Taschenmesser hervor, nahm als Gegenhebel K.’s Lineal und versuchte die Balustrade hochzuheben, wahrscheinlich um sie dann leichter desto tiefer einstoßen zu können. K. hatte in seinen Bericht einen ganz neuartigen Vorschlag aufgenommen, von dem er sich eine besondere Wirkung auf den Direktor-Stellvertreter versprach und als er jetzt zu diesem Vorschlag gelangte, konnte er gar nicht innehalten, so sehr nahm ihn die eigene Arbeit gefangen oder vielmehr so sehr freute er sich an dem immer seltener werdenden Bewußtsein, daß er hier in der Bank noch etwas zu bedeuten habe und daß seine Gedanken die Kraft hatten, ihn zu rechtfertigen. Vielleicht war sogar diese Art sich zu verteidigen nicht nur in der Bank sondern auch im Proceß die beste, viel besser vielleicht als jede andere Verteidigung, die er schon versucht hatte oder plante. In der Eile seiner Rede hatte K. gar nicht Zeit, den Direktor-Stellvertreter ausdrücklich von seiner Arbeit an der Balustrade abzuziehn, nur zwei oder dreimal strich er während des Vorlesens mit der freien Hand wie beruhigend über die Balustrade hin, um damit, fast ohne es selbst genau zu wissen, dem Direktor-Stellvertreter zu zeigen, daß die Balustrade keinen Fehler habe und daß selbst wenn sich einer vorfinden sollte, augenblicklich das Zuhören wichtiger und auch anständiger sei als alle Verbesserungen. Aber den Direktor-Stellvertreter hatte, wie dies bei lebhaften nur geistig tätigen Menschen oft geschieht, diese handwerksmäßige Arbeit in Eifer gebracht, ein Stück der Balustrade war nun wirklich hochgezogen und es handelte sich jetzt darum die Säulchen wieder in die zugehörigen Löcher hineinzubringen. Das war schwieriger als alles bisherige. Der Direktor-Stellvertreter mußte aufstehn und mit beiden Händen versuchen die Balustrade in die Platte zu drücken. Es wollte aber trotz alles Kraftverbrauches nicht gelingen. K. hatte während des Vorlesens – das er übrigens viel mit freier Rede untermischte – nur undeutlich wahrgenommen, daß der Direktor-Stellvertreter sich erhoben hatte. Trotzdem er die Nebenbeschäftigung des Direktor-Stellvertreters kaum jemals ganz aus den Augen verlor, hatte er doch angenommen, daß die Bewegung des Direktor-Stellvertreters doch auch mit seinem Vortrag irgendwie zusammenhieng, auch er stand also auf und den Finger unter eine Zahl gedrückt reichte er dem Direktor-Stellvertreter ein Papier entgegen. Der Direktor-Stellvertreter aber hatte inzwischen eingesehn, daß der Druck der Hände nicht genügte, und so setzte er sich kurz entschlossen mit seinem ganzen Gewicht auf die Balustrade. Jetzt glückte es allerdings, die Säulchen fuhren knirschend in die Löcher, aber ein Säulchen knickte in der Eile ein und an einer Stelle brach die zarte obere Leiste entzwei. "Schlechtes Holz", sagte der Direktor-Stellvertreter ärgerlich, ließ vom Schreibtisch ab und setzte


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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