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2017/10/18 - 20:43

Kafkas letzte Geliebte. Graphische Spuren von Ja und Nein: Dora Dymants Widmung

von Roland Reuss

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Handschriftliche Widmungen in Büchern versuchen das Unmögliche: Dem Typischen, Allgemeinen des Drucks das Individuelle wiederzugeben, das in ihm, durch Typographie, getilgt scheint. Im Falle des vorliegenden Kafka-Drucks, der 1996 von einem Hamburger Antiquariat in Privatbesitz überging, handelt es sich um ein einzigartiges Zeugnis der Verbundenheit mit dessen Autor, auch über die letzte Grenze hinaus. Kafka war zum Zeitpunkt des handschriftlichen Eintrags bereits vier Jahre tot.

Wir wissen nicht, wer jene Mine Meyer war, der Dora Dymant (1898-1952) 1928 Kafkas wohl berühmteste Erzählsammlung »Ein Landarzt« »zur Erinnerung an einen schönen Tag im Bergischen« zudachte. Auch über Dora Dymant selbst wissen wir nicht allzuviel. In Kafka-Biographien steht sie in der chronologischen Folge der Kafka-Geliebten an dritter Stelle, nach Felice Bauer und Milena Jesenská. Kafka, der sie 1923 bei einem Erholungsurlaub im Ostseebad Müritz (bei
Stettin) kennenlernte, fühlte sich von der damals Neunzehnjährigen sogleich angezogen. Sie arbeitete dort freiwillig im Ferienlager eines jüdischen Berliner Volksheims. Die Berliner Kolonie befand sich direkt neben Kafkas Pension, und die erste Begegnung fand am 13. Juli 1923 statt – anläßlich einer Feier am Vorabend des Sabbats, an dem Kafka auf eigenen Wunsch teilnahm.

Das Band, das ihn fortan an diese Frau fesselte, muß so stark gewesen sein, daß es ihm mit ihrer Hilfe erstmals gelang, der Schwerkraft Prags zu entkommen. Vom September
1923 bis März 1924 lebten Dora Dymant und Kafka zusammen in Berlin, zunächst in einer Wohnung in der Miquelstraße 8 (Steglitz), dann, ab Mitte November, in der Grunewaldstraße
13 (Steglitz) und schließlich Februar/März in der Heidestraße 25/26 (Zehlendorf). Die finanziellen Verhältnisse waren schwierig, es war die Hochzeit der großen Inflation. Kafka, schon vom Tod gezeichnet, wog wenig mehr als 50 Kilogramm.

Die letzten Monate Kafkas mit ihrer Odyssee von Sanatoriumsaufenthalten war Dora Dymant immer in Kafkas Nähe und sorgte ohne Rücksicht auf ihr eigenes Wohlergehen für ihn. Kafka schmiedete Hochzeitspläne. Max Brod überliefert in seiner Kafka-Biographie die »merkwürdige Geschichte [von Kafkas] Werbung. Er wollte Dora heiraten, hatte an ihren frommen Vater einen Brief abgeschickt, in dem er darlegte, daß er zwar in des Vaters Sinn kein gläubiger Jude, aber ein ›Bereuender‹, ein ›Umkehrender‹ sei und daher vielleicht doch hoffen dürfe, in die Familie des frommen Mannes aufgenommen zu werden. Der Vater war mit dem Brief zu dem Menschen gereist, den er am meisten verehrte, dessen Autorität ihm über alles ging, zum ›Gerer Rebbe‹. Dieser Rabbi las den Brief, legte ihn weg und sagte nichts als ein kurzes ›Nein‹. Ohne nähere Erklärung. Er pflegte nie Erklärungen zu geben. – Dieses ›Nein‹ des Wunderrabbi hat durch Franzens bald darauf erfolgten Tod seine Bestätigung erhalten; Franz faßte auch den Brief des Vaters […] als schlechtes Vorzeichen auf.« Als Kafka am 3. Juni 1924 in Kierling bei Klosterneuburg starb, war Dora Dymant zugegen.

Die Widmung im »Landarzt«-Band weist das Verbot des Vaters zurück und hält dem Geliebten auch vier Jahre nach dessen Tod die Treue. Man sieht, Weiß nach Schwarz, wie Dora Dymant nach dem Bindestrich zögert. Es entsteht in der Schreibbewegung der Hand – markierte Erinnerung an das Verdikt des Patriarchen –  eine Lücke. Doch dann setzt die Schreiberin fort und schreibt den Namen Kafkas, gebunden an den ihren. Ein Bekenntnis. Das Faksimile, das der Edition der ersten beiden Oxforder Oktavhefte beiliegt, tilgt die individuelle Intervention nicht. Es hebt sie auf und führt sie im Medium des Buchs, paradox, der Allgemeinheit zu.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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