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2017/10/18 - 20:41

Porsche schenkt Prag eine Doublette der Bibliothek Kafkas

Gern las Franz Kafka Broschüren, Heftchen und Kataloge. Oft studierte er die Auslagen von Buchläden. Nicht unbedingt die Bücher. Denn mit seiner „Gier nach Büchern“ ging er um wie mit einem Haustier, das einem selber nicht ganz geheuer ist. Man kann ihn sich vorstellen, wie er, das leise knurrende Haustier zugleich aufreizend und abwehrend, Reklamebroschüren und Buchanzeigen durchblättert. Da er weder an Bibliophilem interessiert, noch im entferntesten bereit gewesen wäre, Liebhaberpreise zu bezahlen, kommt er als Leser von Antiquariatskatalogen nur bedingt in Betracht. Aber sein Blick hat mit dem des Antiquars eines gemeinsam: Kafka war, nicht nur bei den eigenen, an der äußeren Gestalt der Bücher, an Formaten, Satzspiegeln und Illustrationen ungemein interessiert.
„Anstreichungen, bedenklich verkleinerte Taschenbuchausgaben, Halbpergament, Kopfgoldschnitt, Pappband, Rücken gering verblasst, stockfleckig, unaufgeschnitten, zeitbedingt gebräunt“ – im Katalog 52 des Stuttgarter Antiquariats Herbert Blank, erschienen im Oktober 2001, ist das Alphabet der Gestalt- und Zustandsbeschreibung von Büchern versammelt. Franz Kafka würde als Leser in diesen Katalog wie in einen Spiegel blicken. Er enthält in den Nummern 1 bis 31 die in Buchform oder in Zeitschriften, Almanachen und Anthologien erschienenen Werke Kafkas im Erstdruck. Und unter dem Titel „In Kafkas Bibliothek“ verzeichnet der Katalog in den Nummern 32-827 folgendes: „Werke der Weltliteratur und Geschichte in der Edition, wie sie Kafka besaß oder kannte, kommentiert mit Zitaten aus seinen Briefen und Tagebüchern“.
Der Antiquar Herbert Blank hat diese Sammlung in jahrelangen Recherchen zusammengestellt. Sie ist das materielle Äquivalent nicht nur zu den Bücherlisten in Klaus Wagenbachs „Franz Kafka. Eine Biographie seiner Jugend“ (1958) und Jürgen Borns „Kafkas Bibliothek. Ein beschreibendes Verzeichnis“ (1990), sondern zugleich zu den Erwähnungen von Büchern und Zeitschriften in den Briefen und Tagebüchern Kafkas. Kurz, sie vereint die empirische mit der imaginären Bibliothek des Lesers Kafka. Zum großen Teil ist diese Sammlung eine Doublette. Das Original, die für einen Schriftsteller nicht sonderlich umfangreiche Bibliothek Kafkas, wurde nach seinem Tod bis 1944 von seiner Schwester Ottla gehütet, nach deren Deportation von der Gestapo in ein Magazin in Prag verfrachtet und dort von dem Schriftsteller H.G. Adler gerettet. Anfang der achtziger Jahre gelangte sie auf bisher ungeklärten Wegen in den Westen und wurde von einem Münchner Antiquariat an die Forschungsstelle für Prager deutsche Literatur an der Universität Wuppertal verkauft. Dort wird sie bleiben.
Die Porsche AG, die seit kurzem mit der Fakultät Maschinenbau der Technischen Universität in Prag kooperiert und deren Gründer Ferdinand Porsche (1875 bis 1951) aus Böhmen stammte, füllt nun die in Prag mit dem Verkauf des Jahres 1982 entstandene Lücke. Sie hat die von dem Antiquar Blank nahezu vollständig rekonstruierte Bibliothek Kafkas im Wert von gut einer viertel Million Mark aufgekauft und der „Franz-Kafka-Gesellschaft-Prag“ überantwortet. Deren hocherfreuter Präsident, Kurt Krolop, würdigte gestern bei der symbolischen Übergabe der Sammlung in der Berliner Akademie der Künste die mäzenatische Aktion des Sportwagenherstellers als Beitrag zur Wiederanknüpfung an die „dreifache Tradition“ Böhmens: die tschechische, die deutsche und die jüdische, die sich in Werk und Bibliothek Kafkas erkennbar überlagern. Er erinnerte zudem daran, dass noch 1983 der hundertste Geburtstag Kafkas in seiner Heimat nicht gefeiert wurde, weil in der „Pseudogeschichtsschreibung“ zum Prager Frühling zu dessen Keimzellen auch die von Eduard Goldstücker in den Jahren 1963 und 1965 organisierten Kafka-Konferenzen gehört hätten. Das Zwielicht, in dem Kafka noch lange nach den „Dekadenz“-Verdikten der fünfziger Jahre verblieb, war einer der Gründe, warum die Transaktion der Originalbibliothek so konspirativ erfolgte.
Viele Pferde sind grün
Inzwischen arbeiten, wie Friedemann Pfäfflin, der langjährige Leiter der Museumsabteilung im Deutschen Literaturarchiv Marbach, betonte, die deutschen und die tschechischen Geschichtsschreiber der Prager Literatur und ihrer europäischen Verflechtungen eng zusammen. Auf Schloss Janowitz in Böhmen, wo Karl Kraus, Rilke und Adolf Loos verkehrten, ist eine Begegnungsstätte entstanden, eine „Bibliothek Janowitz“ ist für das Jahr 2002 geplant. Antje Vollmer, hohen PS-Zahlen aus diesem Anlass durchaus grün, beließ es nicht beim Dank an Porsche und beim wiederholten allgemeinen Plädoyer für die zu errichtende „Kultur des Mäzenatentums“ in Deutschland. Sie wollte die mitteleuropäische Orientierung von Projekten wie der Begegnungsstätte in Janowitz oder der Erforschung Kafkas und seiner literarischen Welt ausdrücklich als Lockerung der Fixierung auf die bayerisch-sudetendeutsche Perspektive im deutsch-tschechischen Verhältnis verstanden wissen.
Klaus Wagenbach, der für das kommende Jahr eine Marbacher Ausstellung über „Kafkas Fabriken“ vorbereitet, hielt neben anderen Erstausgaben auch die „Betrachtung“, erschienen im Jahr 1913, ins Publikum. Noch 1970 hat Herbert Blank eines der 800 Exemplare für 700 Mark verkauft. Nun steht der schmale Band mit 28000 Mark in seinem Katalog, der lesenswert bleibt, obwohl alles verkauft ist.
LOTHAR MÜLLER

© 2001 Süddeutsche Zeitung


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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