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2017/12/17 - 13:04

"Wir hassen einander tapfer" - Kafkas Briefe

Niemand hat die höllischen Tendenzen des Zeitalters auf so sensibel changierende, gleichnishafte Weise in Literatur gebannt wie Franz Kafka. Und keiner pendelte so zwischen den Extremen, die seine Persönlichkeit ausmachten. Seit am 1. Januar 1995, siebzig Jahre nach seinem Tod, die Urheberrechte für das von Max Brod ediertes Werk aufgehoben sind, ist auch der Weg für die Erschließung seiner 16 000 Briefe frei.
Hans Gerd Koch, seit 1981 an der Kafka-Forschungsstelle der Bergischen Universität Wuppertal tätig, ediert im S. Fischer Verlag im Rahmen der Kritischen Ausgabe des Gesamtwerks eine fünfbändige Briefausgabe, die etliche Überraschungen bietet. Bereits der erste Band, aus dem Friedhelm Ptok im Literaturhaus Berlin einfühlsam distanziert disharmonische Kostproben vortrug, enthält 15 bislang unbekannte Briefe Kafkas.
35 weitere Novitäten halten die bis 2002 folgenden Bände bereit. Der Autor als neurotischer Pedant, als dunkle Körperstimme, als am Bürotisch der Versicherungsanstalt vergeblich rechnender Poseidon, als Odysseus, der sich das Wachs in die Ohren stopft gegen das Schweigen der Sirenen, als ein Mann, der Tage und Jahre vergeblich vor dem Gebäude des Gesetzes um Einlaß bittet.
Erst Briefe wie die an Felice Bauer vom 11. und 14. November 1912 machen die fein gesponnenen Fäden zwischen der Biografie und den Erzählungen und Romanfragmenten sichtbar. Der Autor als Hungerkünstler, der sich und der angebeteten Direktrice eines Berliner Büromaschinenherstellers eine eigene Welt der Imagination schafft, in der die Partikel der tatsächlichen Biografie wie präzise plazierte Reizworte wirken.
Erst die erstmalig nicht um Personen gebündelte, sondern in zeitlicher Reihenfolge edierten Briefe lassen das wahre Ausmaß der verblüffend multiplen Psyche des Dichters ahnen. Erst der Kommentarteil mit Namen, Begriffen und Querverweisen erschließt das biografische und literarische Umfeld. Die im Anhang gedruckten an Kafka adressierten Schreiben anderer Personen wirken wie ein Spiegel seiner menschlichen Facetten.
Kann man das in einer einzigen Nacht geschriebene "Urteil" verstehen ohne das auf den Vater bezogene Briefbekenntnis der Angst: "Wir hassen einander tapfer"? Die "Betrachtungen", die erste Buchpublikation Kafkas bleiben ohne heimliche Abgründe, wenn man die Dezemberbriefe von 1912 nicht kennt. Soviel Seelenschmelz, Nüchternheit, Kalkül und Forschheit in einem. Ohne die Chronologie der Briefe wären solche Schwankungen kaum derart rigoros erkennbar.
Wie gut, dass die 1987 von einem anonymen Sammler für 700 000 DM ersteigerten Briefe an Felice als Mikrofilmaufnahmen zugänglich sind. Hans-Gerd Koch präsentierte sich als besessener Detektiv, der ganz besondere Schätze findet: die Korrespondenz zwischen Kafka und Willy Haas. Kafka-Biograph Reiner Stach outete sich als einer, der seine Skrupel, gegen die testamentarischen Verfügungen des Dichters zu handeln, mit dem ironischen Spieltrieb Kafkas legitimitiert.

Erscheinungsdatum: 05. 11. 1999
© DIE WELT


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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