gregor.jpg

2017/12/12 - 18:46

Onkel Franz geht spazieren

Von Antje Schmelcher

 Eine Heimat, die keine war: Der Dokumentarfilm "Besuch bei Kafkas Nichte" im Literaturhaus

Berlin - Kafka war kein Familienmensch. Aus seinen Tagebüchern und vor allem seinem "Brief an den Vater" ist bekannt, wie schwer der unnachgiebige Wille des vitalen Patriarchen auf ihm lastete, der Sohn solle ein bürgerliches Leben führen, gestützt auf Erwerbsarbeit und Ehe. Eine Annäherung an den Schriftsteller aus der Perspektive der Familie, wie sie Hanns Zischler, Autor des Buchs "Kafka geht ins Kino", und Hans-Gerd Koch, Mitherausgeber der Tagebücher, in ihrem 44 Minuten langen Dokumentarfilm "Besuch bei Kafkas Nichte" wagen, muss daher fast wie ein Tabubruch wirken. Viel gewichtiger ist aber die Tatsache, dass es diese Angehörigen noch gibt. Denn Kafkas jüdische Familie - sein Vater, seine Mutter, seine Schwestern und das Kindermädchen Tante Werner - wurde deportiert. Nur vier Nichten überlebten: die Kinder seiner drei Schwestern Elli, Valli und Ottla.
"Ich bin Marianne Steiner", sagt eine alte Frau mit weißen Haaren und bittet in ihr Londoner Reihenhaus. Sie ist die Tochter von Valli Pollak, Kafkas zweitältester Schwester. Seit ihrem zweiten Exil 1948 ist Marianne Steiner mit ihrem Mann, einem Prager Herrenausstatter, in London geblieben. Hans-Gerd Koch, der sie vor zehn Jahren während der Arbeit an den Tagebüchern kennen gelernt hatte, nennt sie eine "filmresistente" Frau, die nicht dazu zu bewegen gewesen sei, vor der Kamera ein zweites Mal zu erzählen, was sie schon erzählt hat. Doch gerade die Kafkasche Furcht, das Leben durch überflüssige Aufenthalte mutwillig zu verkürzen, gibt den Sätzen der Nichte eine besondere Authentizität. Wenn Steiner sich erinnert, wie das Kindermädchen aus Furcht vor Kafkas Vater jede Aussage bei Tisch mit einem "Ich sage nicht, ich denke nur" relativierte oder wenn sie plötzlich trällert "Unter Bäumen, süßen Träumen liegt die Gräfin Mirali", einem Lied aus der damals populären Operette "Der lustige Krieg", das der Patriarch bei guter Laune sang, dann entsteht wieder ein Bruchteil jener Welt, in der Kafka sich so wenig zu Hause fühlte.
Obwohl der Film aus Anekdoten besteht - der resistentesten Form mündlicher Überlieferung -, hat er nichts Anekdotisches. Denn Steiner eröffnet eine ungewohnte Perspektive. So viel über den Einfluss der Familie auf Kafka geschrieben wurde, so wenig ist über seinen Einfluss auf die Familie gesagt worden. Eine der bewegendsten Geschichten, die Steiner erzählt, ist das unverhoffte Wiedersehen mit Dora Diamant, Kafkas letzter Lebensgefährtin, 1948 in London. Steiner, die elf Jahre alt war, als Kafka 1924 starb, hatte Dora Diamant nur einmal gesehen. Von Kafkas erstem englischen Übersetzer, den Steiner in London kennen lernte, hatte sie Doras Adresse bekommen. Als sie in einem Maklerbüro auf ein Wohnungsangebot wartete, trat eine Frau ein, die ein Zimmerangebot machte und eben jene Adresse angab. "Sie war ziemlich korpulent", sagt Steiner, "nicht dick, aber auch nicht schlank. Und sie sprach ein anderes Deutsch als in Prag." Das unverhoffte Wiedersehen war für die Frauen ein Schock. Die Zufälligkeit des Treffens und seine gleichzeitige Zwangsläufigkeit erinnert an die Suche Josef Ks. nach dem Gericht, dem er sich nicht ausliefern will, ohne sich ihm doch entziehen zu können.
"Erst das Leben hat mich seine Bücher verstehen gelehrt", sagt Steiner. Sie erzählt von ihrer Jugend zwischen deutschen Juden, Zionisten und Tschechen, von Rückkehr und erneutem Leben im Exil, und dann sagt sie einen Satz ganz selbstverständlich, obwohl er ein Zitat von Kafka ist: "Ich will mich nicht in eine Gemeinschaft mischen, in die ich eigentlich nicht gehöre." Und so war auch Kafkas Teilhabe am Familienleben mehr ideell als materiell spürbar. Er beriet die Schwestern in Fragen der Kindererziehung und der Körperertüchtigung, die Schwestern folgten ihm darin. Steiner sah ihren Onkel meist zweimal am Tag: um zwei Uhr nachmittags, wenn er von der Versicherung kam und nach seinem Mittagsschlaf beim obligatorischen Spaziergang mit Hut und Mantel auf dem Altstädter Ring. "Niemand sprach über Franz Kafka in meiner Jugend", sagt Steiner und zuckt mit den Schultern.
Niemand, außer dem engsten Freundeskreis um Max Brod und Felix Welsch, die Steiner 1939 zu dem Zug begleitete, mit dem prominente Zionisten in letzter Minute nach Palästina ausreisen konnten. Steiner erinnert sich, dass Brod die Schuhschachteln mit Kafkas Manuskripten im Gepäck hatte, die später zu einem Großteil ihr Erbe werden sollten. Brod übergab die Manuskripte in Jerusalem dem reichen Verleger Salman Schocken, der sie heimlich an seine Schweizer Bank zur Aufbewahrung schickte. Steiner erzählt von dem jahrelangen zähen Briefwechsel, den es sie gekostet hat, um dem leidenschaftlichen Manuskriptsammler Schocken diese Blätter zu entlocken.
Mit derselben Beharrlichkeit, mit der sie Kafkas Nachlass geordnet hat, hat Marianne Steiner auch ihren Reihenhausgarten bearbeitet. Wie aus einer Novelle des Onkels habe ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft dazu gesagt: "Ihr Garten ist der schönste von allen. Und wissen sie, warum? Weil sie keine Fremde sind."

Erscheinungsdatum: 14. 06. 2000

© DIE WELT


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




Top Back Print Search Sitemap Tip Login