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2017/10/17 - 19:03

Die Suche

Von Heike Faller

Wie ein amerikanischer Literaturprofessor versucht, die Briefe zu finden, die Kafka an ein kleines Mädchen geschrieben haben soll, als er in Berlin lebte

Kafka liebte Berlin, und im letzten Jahr seines Lebens schaffte er es schließlich, Prag zu verlassen. Er zog in die Stadt, die auf seiner inneren Landkarte Freiheit bedeutete, ein »Gegenmittel zu Prag«. In Steglitz lebte er mit seiner Freundin Dora Diamant, die Ende der vierziger Jahre in einem Interview diese Geschichte erzählte: »Als wir in Berlin waren, ging Kafka oft in den Steglitzer Park. Ich begleitete ihn manchmal. Eines Tages trafen wir ein kleines Mädchen, das weinte und ganz verzweifelt zu sein schien. Wir sprachen mit dem Mädchen. Franz fragte es nach seinem Kummer, und wir erfuhren, dass es seine Puppe verloren hatte. Sofort erfindet er eine plausible Geschichte, um dieses Verschwinden zu erklären: 'Deine Puppe macht nur gerade eine Reise, ich weiß es, sie hat mir einen Brief geschickt.' Das kleine Mädchen ist etwas misstrauisch: 'Hast du ihn bei Dir?' - 'Nein, ich habe ihn zuhause liegen lassen, aber ich werde ihn Dir morgen mitbringen.' Das neugierig gewordene Mädchen hatte seinen Kummer schon halb vergessen, und Franz kehrte sofort nach Hause zurück, um den Brief zu schreiben.«[1]
Die Korrespondenz soll drei Wochen gedauert haben, in denen die Puppe größer wurde, in die Schule kam, neue Leute kennen lernte - und dem Mädchen immer wieder ihre Liebe versicherte. Am Ende soll Kafka sogar ein Happy End geschrieben haben, sein einziges: Die Puppe hatte einen Mann kennen gelernt und geheiratet (und konnte deshalb nicht zu dem Mädchen zurückkehren).
Die Briefe wurden nie gefunden, aber sie wurden auch nicht wirklich gesucht. Vielleicht sind sie verbrannt oder wurden von der Gestapo beschlagnahmt, vielleicht liegen sie in einem Berliner Keller oder in einem Altersheim: wenn das Mädchen alt geworden ist, wäre sie jetzt Anfang achtzig. Die Zeit wird also knapp für den amerikanischen Kafka-Forscher Mark Harman, der als Fellow der American Academy für neun Monate in Berlin ist (ungefähr derselbe Zeitraum, den Kafka in der Stadt verbracht hat), um die Briefe zu suchen.
Mark Harman ist groß und hager wie Kafka
Mark Harman ist Associate Professor für Germanistik und Englisch am Elizabethtown College in Pennsylvania; 1998 erschien von ihm eine neue Übersetzung von dem Schloß. Sollte er die Briefe an das Mädchen finden, wäre das natürlich eine Sensation, »sie würden selbstverständlich den Erben gehören«, sagt Harman. Er will die Briefe nicht, er würde sie nur lesen wollen. Sie könnten - in seiner Vorstellung - eine neue, ziemlich überraschende Seite an Kafka zeigen: den heiteren Kafka, einen »Kafka hinter der Angst«, der zum ersten Mal mit einer Frau zusammenlebte, mit Kindern spielte und sich von seiner Schwester Grimms Märchen schicken ließ. Sie könnten zeigen, was aus Kafka geworden wäre, wenn er nicht nach seinem Berliner Jahr - im Juni 1924 - gestorben wäre. »Meine Vermutung ist, wenn er länger gelebt hätte, wäre diese spielerische Seite von ihm rausgekommen, diese kindliche, fantasievolle, nicht so ängstliche Seite.« Der Puppe wäre schließlich das gelungen, worum Kafka gekämpft hatte: sich zu emanzipieren, zu heiraten.
Mark Harman ist groß und hager wie Franz Kafka, und das ist ungefähr alles, was er mit dem Objekt seiner Obsession teilt. Er hat rotblonde Haare, nicht sehr viele, Sommersprossen, blaue Augen. Eigentlich kommt er aus Dublin, aber er lebt in den USA, seit er mit 24 nach Yale ging, wo er seine Doktorarbeit über Kafka geschrieben hat. Er ist jetzt 49 Jahre alt und hat sich auch mit Joyce und Beckett beschäftigt. Kafka hat er in der ganzen Zeit »nie weggelegt« und ist tief in seine Welt eingetaucht, als er Das Schloß übersetzte, was mit Unterbrechungen fast vier Jahre gedauert hat (Kafka brauchte sieben Monate und hörte mitten im Satz mit dem Schreiben auf. Das Manuskript blieb unvollendet).
Dass seine Faszination für Kafka auch etwas mit seiner eigenen Biografie zu tun haben könnte, hat Mark Harman lange nicht zugegeben: »Ich sagte einfach, er ist ein großer Schriftsteller, ein großer Erzähler«, und wer würde dem widersprechen. Als ein Freund ihn fragte, warum er seine Dissertation über den großen Dichter aus Prag schrieb (statt über den großen Dichter aus Dublin), »murmelte ich was über akademische Gründe und wechselte das Thema«.
Erst 1998 schrieb er einen Aufsatz über sein eigenes »Vater-Thema« und seine eigene Obsession mit undurchschaubaren Autoritäten: »Ich habe einen Großteil meiner Jugend damit verbracht, über meinen Vater zu spekulieren und über die Mechanismen seiner Kommandozentrale, genau wie der Landvermesser im Schloß ständig jede Geste der mysteriösen Schloß-Beamten interpretiert.«
An diesem Nachmittag war der Spielplatz leer
Während seiner jahrelangen Übersetzungsarbeit, basierend auf der kritischen Ausgabe, die die Stellen enthält, die später gestrichen wurden, fand Harman einen neuen Zugang zur Obsession des Landvermessers: »Tief im Text versteckt, und in den Stellen, die Kafka gestrichen hat, gibt es ein Bewusstsein des Helden, dass seine Interpretationswut sinnlos ist und er sich im Kreise dreht.« Harman las nun - verändert »auch durch eigene Lebenserfahrung« -, was er als Student nicht sehen konnte: »Eine Abwendung von der Obsession. Gerade in den Stellen, die Kafka gestrichen hat, wird gegen Obsession ziemlich deutlich Stellung bezogen.«
Nachdem er Das Schloß geschrieben hatte, ging Kafka nach Berlin; nachdem Harman es übersetzt hatte, bewarb er sich um ein Forschungsstipendium an der American Academy, weil er untersuchen wollte, wie Kafka sein Leben - via Tagebücher und Briefe - in literarische Texte verwandelt hat. Und in seine berühmten Metaphern, die so fremd und gleichzeitig vertraut erscheinen, dass auch Leute, die Kafka nie gelesen haben, sich heute in Situationen wiederfinden, für die es nur ein gutes Wort gibt: kafkaesk.
Der Steglitzer Stadtpark liegt zwischen einem Hochhaus und Stadtvillen am südlichen Rand Berlins. Er ist klein und hügelig, mit einem runden See in seiner Mitte und einem texanischen Steakhouse. Es gibt einen Spielplatz mit Schaukeln und einer Hängebrücke, auf der die Kinder lernen, eine wacklige Balance zu halten. An einem Nachmittag im Dezember war der Spielplatz leer: Um kurz vor vier hatte sich ein bleiernes Grau um die Bäume gelegt, durch die Äste blinkten die Lichter der Stadt. Sich an einem Tag wie diesem einen 40-jährigen Mann vorzustellen, der einem Kindergartenmädchen Briefe vorliest, die er im Namen ihrer verschwundenen Puppe geschrieben hat: nicht unbedingt poetisch.
Mark Harman ist sich nicht einmal sicher, ob das der richtige Park ist. Als er von Kafkas Straße hierher gelaufen ist, brauchte er fast eine halbe Stunde. Schwer vorstellbar, dass ein Mann, der unheilbar an Tuberkulose erkrankt ist - eine Krankheit, die das Atmen am Ende fast unmöglich macht -, drei Wochen lang jeden Tag diese Strecke gelaufen sein soll.
Um dieser Frage nachzugehen, hat sich Harman mit dem Leiter des Heimatmuseums von Steglitz verabredet, Wolfgang Holtz kennt die Geschichte bereits. Er dreht sich zu einem Stahlschrank, in dem »Steglitzer Köpfe« sortiert sind, öffnet die Schublade F-Ko und zieht einen dünnen Hefter hervor: KAFKA, Franz, Schriftsteller. 3.7.1883 in Prag - 3.6.1924 Kierling bei Wien. »Kafka ist ganz schwach hier vertreten«, sagt Holtz. »Dora Diamant schreibt, dass Kafka das Mädchen im Steglitzer Stadtpark getroffen hat; ich vermute, dass das ein bisschen zu weit ist«, sagt Harman.
Holtz: »Er war auch im Botanischen Garten. Aber der Botanische Garten wurde nie als Park bezeichnet. Sind Sie die Strecke abgelaufen? Wissen Sie die Entfernung?«
Harman schüttelt den Kopf.
»Ich würde sagen, wenn er langsam läuft, sind es vielleicht 15, 20 Minuten eine Strecke«, sagt Holtz. »Allerdings ist die Albrechtstraße zum Stadtpark eine sehr attraktive Straße, viele Geschäfte, er hat viel sehen können. Ich glaube schon, dass Kafka - ich stell mir vor, er war im Stadtpark Steglitz. Das ist einer für ihn, er findet da seine Ruhe, das ist schon was für Kafkas Seele. Vielleicht schlendert er da 'ne halbe Stunde hin, spricht vielleicht mit Leuten. Hat er das gemacht - mit Leuten gesprochen?«
Dann zieht Holtz ein Blatt aus dem Ordner, eine Kopie aus dem Jahrbuch Steglitz von 1959. Ein kleines Mädchen im Matrosenkleid ist darauf zu sehen. Wer hat seine Puppe verloren, steht über dem Artikel und dann: »Suchruf an Frauen der Jahrgänge um 1917, die in Steglitz großgeworden sind - Der Herbst 1923 brachte eine Reihe wunderbar sonniger Tage. Wer war das kleine, etwa sechsjährige Mädchen im Steglitzer Park, das so herzzerbrechend weinte, weil es seine Puppe verloren hatte? Ein großer, leidend aussehender Mann mit seiner Begleiterin versuchte das Mädchen zu trösten, indem er ihr sagte, die Puppe sei doch gar nicht verloren, sie sei nur verreist ...«
Niemand, sagt Herr Holtz, habe sich damals gemeldet, was natürlich kein gutes Zeichen ist. Und für Harman die Frage aufwirft, warum sich seit damals nur ein kleines Stadtteilblättchen (Auflage 10 000) für die Briefe interessiert hat, aber nie die Literaturwissenschaft.
Am 8. August 1933 durchsuchte die Gestapo die Wohnung von Dora Diamant und konfiszierte dabei Texte von Kafka. Kurz darauf versuchte sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod, die Schriften mithilfe des tschechischen Kulturattachés zu retten. Erfolglos. Es sollte fast 65 Jahre dauern, bis es wieder einen systematischen Versuch gab, die Texte zu finden: von einer kalifornischen Journalistin und Literaturkritikerin, die über das Leben von Dora Diamant recherchierte. Ihre Anfragen beim Bundesarchiv und der Gauck-Behörde brachten kein neues Material - außer einer Bestätigung, dass die Texte tatsächlich von der Gestapo konfisziert worden waren.
Warum wollte keiner was von Dora wissen?
Die Frau, die mehr darüber gewusst hätte - zum Beispiel, ob das Mädchen die Briefe mit nach Hause genommen hatte -, wurde nie gefragt: Dora Diamant lebte bis in die fünfziger Jahre in London, und außer zwei Interviews in Literaturzeitschriften gab es von wissenschaftlicher Seite kein Interesse an ihr. Was kein Zufall ist, sagt Harman, sondern mit Kafka selbst zu tun hat, der als »überzeitlicher Autor angesehen wurde, unter dem Einfluss von Max Brod, der ihn als religiösen Schreiber sah und seine Werke allegorisch deutete«.
Ein anderer Grund für das Desinteresse, glaubt Harman, liegt in der Art, wie die wissenschaftliche Literaturkritik im 20.Jahrhundert Texte betrachet hat: die Dominanz des »New Criticism, der eine regelrechte Abscheu gegen alles Biografische hatte, gegen alles, was außerhalb des Textes stand«. Ein Interview mit Dora Diamant in den fünfziger Jahren in London? »Es hätte vielleicht nicht die Karriere ruiniert, aber es hätte einen im akademischen Literaturbetrieb eher verdächtig gemacht«, sagt Harman, dem eine Menge Fragen an Dora Diamant einfallen würden.
In Berlin machte im Winter 1923/24 die Inflation die Pension wertlos, die Kafka von der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt bekam. Die Miete war hoch, und die Vermieterin hasste das unverheiratete jüdische Paar, Kafka schrieb über sie in der Geschichte Eine kleine Frau. Im Februar 1924 fand das Paar zwei Zimmer bei der Witwe des Dichters Karl Busse. Es war nicht das Berlin, von dem Kafka in Prag geträumt hatte, als er an Max Brod schrieb: »Die Wannseevilla, Max! Und mir bitte ein stilles Dachzimmer (weit vom Musikzimmer), aus dem ich mich gar nicht fortrühren will; man wird gar nicht merken, daß ich dort bin.«
Mark Harman kannte den Brief, aber erst als Fellow der American Academy erinnerte er sich wieder daran. Und bemerkte, dass er jetzt selbst so lebte, wie Kafka es beschrieben hatte: im ersten Stock einer Wannseevilla, mit Blick auf das Wasser.
Hier erreichte ihn der Anruf einer älteren Dame, die im Lokalteil des Tagesspiegels einen Artikel über die neuen Stipendiaten gelesen hatte. Sie meldete sich mit dem Namen Geier, Geier Christine, und sagte, dass sie Kafka in Berlin gekannt hatte.
Auch sie spielte damals noch mit Puppen, obwohl sie schon 15 war. Die Briefe hat auch sie nicht, ihre Verbindung zu Franz Kafka ist eine andere: Er trat als Untermieter in ihr Leben, als er im Frühjahr 1924 ins Haus ihrer Mutter zog, der Witwe des Dichters Karl Busse.
Sie ist jetzt 92 Jahre alt, trägt Hosen und einen modischen Rundschnitt. Ihr Gesicht ist runzlig, aber ihre Augen sind klar, wie man es in Filmen sieht, wenn Schauspieler auf alt geschminkt werden, die in Wirklichkeit viel jünger sind.
Man stellte ihr Kafka als Dr. Keesburger vor
Franz Kafka trat als »Dr. Keesburger« in ihr Leben, ein Pseudonym, das möglicherweise mit der Angst der Mutter vor Antisemitismus zu tun hatte, die konvertiert war und ihre jüdische Herkunft vor den Kindern geheim hielt. »Ich weiß, ich kam aus der Schule, und meine Mutter stand vor dem Haus mit ihm. Er kam wohl von einem Spaziergang. Da kam meine Mutter und sagte: Ach, sieh mal, sagte sie, da kann ich dir gleich Herrn Dr. Keesburger vorstellen, das ist meine jüngste Tochter Christine, sagte sie, und er nahm seinen Hut ab und strahlte einen an, ganz lieb und nett, das weiß ich noch. So habe ich ihn kennen gelernt.« Dass er Franz Kafka hieß - der Name war in Literatenkreisen zu der Zeit schon bekannt -, erfuhr sie erst nach seiner Abreise.
»Der Name Keesburger ist ein echt bayrischer Name. Da wär meine Mutter nicht drauf gekommen. Sie wäre vielleicht auf Schulze-Maier-Müller gekommen, darum nehme ich an, dass das seine Version war.«
»Vielleicht war es ein Pseudonym nach Kafkas Geschmack«, sagt Harman, »statt sich zu wehren, hat er aktiv daran teilgenommen, ein Spiel mit alternativen Lebensläufen, wie er es beim Schreiben oft entwarf.«
Draußen vor dem Fenster, auf dem Teltower Damm, fahren die Pendler (unglückliche Versicherungsangestellte wie Kafka?) zurück in ihre Vororte. Drinnen serviert die Tochter von Kafkas Vermieterin Kaffee aus der weißen Tchibo-Thermoskanne, die ihr das Altersheim zur Verfügung stellt.
Beinahe hätte Kafka sie angesteckt, dass kein falscher Eindruck entsteht, »er war ja an sich tadellos gepflegt. Wir hatten eine Laube, da war mit der Zeit ein richtiges Laubdach gewachsen, und Kafka sah von seinem Balkon direkt darauf. Ich spielte dort immer mit meiner Freundin, wir hatten dort eine Bank, auf die mein Vater 'Freundschaftsbänkchen für zwei junge Gänschen' geschrieben hatte. Und eines Tages - da war er schon sehr krank -, da hörten wir etwas, er konnte uns ja nicht sehen: wie er seinen Schleim da runtergespuckt hat. Das ging so ein paar Tage, und dann hab ich's Mutti erzählt, und die war entsetzt - Kafka hat natürlich keine Ahnung gehabt, dass da Kinder unten sind -, und dann hat Mutti uns verboten, in die Laube zu gehen. Aber da konnte er ja nichts für. Er hatte eine sehr nette Art: Ein netter Onkel, will ich mal sagen.«
Ein paar Wochen später sagte sie, sie glaube nicht mehr, dass die Briefe noch gefunden werden, ob Mr. Harman wohl enttäuscht sei?
»Meistens sucht man etwas und findet etwas anderes«, sagt der Übersetzer, der genug über Obsessionen wissen müsste, um ihnen nicht zu verfallen.
Obwohl. »Vielleicht hilft ja dieser Artikel, sie zu finden. Vielleicht ist sie nur aus Berlin weggezogen.«
 
(c) DIE ZEIT 02/2001    
 
FUSSNOTEN
[1] Dora Diamants Erinnerung an ihre Berliner Zeit mit Franz Kafka und an die Geschichte mit der Puppe kann man nachlesen in einem Buch von Hans-Gerd Koch: Als Kafka mir entgegenkam.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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