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2017/10/23 - 15:12

Gerechtigkeit in der Literatur - Über Janko Ferk und Franz Kafka

© Helmut Eisendle

Die Sprache des Rechts ist die Sprache der Justiz, die Sprache von Vorschriften, Verboten und Sanktionen, die Sprache der Gesetze.
Wenn ein Jurist Janko Ferk über einen Juristen Franz Kafka schreibt, ist das, was sie schreiben, auch im Literarischen beeinflusst oder betroffen von dem, was sie als Beruf ausüben oder ausgeübt haben.
Nun, es gibt Ärzte, die schreiben, Lehrer, die schreiben, Maler, die schreiben, Richter, die schreiben wie zum Beispiel Herr Rosendorfer und Handwerker, die schreiben oder Psychologen, die schreiben. Bei allen, könnte man annehmen, fließt das, was sie betrieben haben in die literarische Form und den Inhalt ein.
Nachdem das Recht und die Jurisprudenz mehr als anderes der Sprache ausgeliefert ist, schließlich lässt sich Recht und Unrecht nur über Sprache beurteilen und festlegen, denn Richter sprechen wie es heißt Recht, ist die Sprache, wenn sie Schriftsteller benützen, ihr Thema als solches.
So ist die Sprache auch Thema des Buches von Janko Ferk über Franz Kafka. Kafkas Literatur war stets von Anklage gefangen. Gegen die Bürokratie der Kontrolle, das Beamtentum der Monarchie, die Staatsgewalt, sowohl in seinen Erzählungen Die Strafkolonie, Beschreibung eines Kampfes, Zur Frage der Gesetze, Schakale und Araber oder ein Bericht für eine Akademie. Auch in Der Prozess oder Das Schloss ist die Sprache sein Thema. Auf seine Arbeiten bezogen, somit Literatur von großer Bedeutung.
Nach Kafkas eigener Auffassung beginnt sein literarisches Schaffen mit der Erzählung Die Verwandlung, die 1916 gedruckt wird. Die surrealistische Erzählung dient Kafka als Herausarbeitung eines Modells der Wirklichkeitsbetrachtung, nach der die Kräfte, die ein Selbst aus der Familie und der Pflichtwelt der Arbeit herauslösen, sich selbst zerstören, da sie im absoluten Selbstsein nicht bestehen können. Kafkas problematische Beziehung zu seinem Vater und sein Verhältnis zur Arbeit als Versicherungsjurist lassen autobiographische Tendenzen erkennen.
Ab 1914 erscheint seine Erfahrung mit der Jurisprudenz als strukturbildend für Kafkas literarische Modellwelt.
Besondere Bedeutung hat dabei der Begriff Gerechtigkeit.
Dieser hat philosophische, sprachliche, literarische und juridische Hintergründe und steht mit den Begriffen Recht, Staat, Gemeinschaft, Moral und Ethik in einem unabdingbaren Zusammenhang.
Die Bedeutungen des Gerechtigkeitsbegriffes selbst, den Kafka und Ferk zu analysieren versuchten, geben keine Sicherheit ab.
Das in allen Rechtsauslegungen und Gesetzen eingeschlossene Gerechtigkeitspostulat kann von der Machtposition oder der Politik mehr oder weniger im Sinne einer Selbstgerechtigkeit beliebig gedeutet werden.
Recht als solches heißt Ordnung und in ihr scheinen Gerechtigkeit eingerichtet zu sein. Gerechtigkeit ist also jene Eigenschaft der Gesellschaft, die dem Menschen Recht zubilligt. Das Recht an sich erhebt den Anspruch, im Namen der Gerechtigkeit ausgeübt zu werden. Dies wiederum fordert, dass die Recht-sprechung nicht nur in der Anwendung von Regeln besteht, sondern sich eben auch als gerecht rechtfertigt.
Nach Platon kann Gerechtigkeit auf Hunderte Einzelvorgänge bezogen werden, mit der Forderung, dass diese etwas gemeinsam haben und zwar ihre Ähnlichkeit und Beteiligung an der Idee der Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit ist also eine Idee.
Nietzsche entwickelte aber die Gerechtigkeit jenseits von Moral und Ethik. Von dieser freigesetzten Gerechtigkeit her müssen Recht, Ordnung und Moral jederzeit kritisch hinterfragbar sein.
Nach Schopenhauer besteht die Gerechtigkeit darin, dass der Mensch es unterlässt, Leiden über andere zu verhängen, um sein eigens Wohlsein dadurch zu vermehren.
Jacques Derrida behauptet sogar, dass das Verhältnis zwischen Recht und Gerechtigkeit die Dekonstruktion der Gerechtigkeit bedeuten muss.
Ein Hauptproblem ist also die Definition der absoluten Gerechtigkeit, die zu oft wie die Geschichte bewiesen hat, mit dem Argument Der Zweck heiligt die Mittel hintergangen worden ist.
Das heißt, sowohl die juridischen, als auch philosophischen oder literarischen Lösungsversuche des Begriffes Gerechtigkeit und ihre Abhängigkeit zu den Begriffen Macht, Politik, Recht sind nicht abgeschlossen, weil die dahinterliegenden Systeme jederzeit veränderbar sind.
Das Recht in Form von Gesetzen regelt die Mittagszeit, garantiert aber nicht das Essen. Ebenso garantiert das geschriebene Recht nicht Gerechtigkeit. Jacob Grimm weist in seiner Mythologie darauf hin, dass das Suffix -keit auf einem Irrtum beruhe und im Mittelhochdeutschen rehte sowohl Recht als auch Gerechtigkeit bedeute.
Kafka selbst, schreibt Janko Ferk in seinem Buch Recht ist ein Prozess (Manz, 1999), will die innerlich gestaute Welt in Sprache umsetzen, durch sie relativiert und statuiert er Paradoxien. Er erweitert die Bedeutung der jeweils verwendeten Begriffe oder schafft überhaupt eine neue beziehungsweise andere.
Beide Autoren gestehen ein, dass das Verhältnis zwischen Recht und Macht (oder Politik) unabdingbar erscheint und dass Gerechtigkeit nicht weiter vermittelbar ist, sondern vom gesellschaftlichen Status der Rechtssprechung abhängig bleibt.
Damit wird aber auch bestätigt, dass die Sprache als zentrales Mittel der Rechtssprechung immer anzuzweifeln ist, obwohl es das einzige Mittel der Festlegung zu sein scheint.
Janko Ferk analysiert Kafkas Prozess sowohl von der juridischen Position der österreichischen Rechtssprechung in der Monarchie als auch skeptisch in ihrer Verschlungenheit zu Macht und Politik. Gerade dadurch zeigt er auch auf, dass Kafkas Skepsis und metaphorische Darstellung weit über die Zeit der Monarchie hinausreicht und auch in der Gegenwart denkbar bleibt.
Betrachtet man den in unserer Welt bevorzugten Neoliberalismus nicht mehr als Wirtschafts- sondern als Kontrollsystem im Sinne des großen Bruders, den Orwell beschrieben hat, gibt es in Kafkas Arbeiten eine Beziehung von der Geschichte her bis heute, die mit Metternich, Gestapo, SED, Staatspolizei oder den Vorstellungen unserer Regierung bis zurück zu Jeremy Benthams Panopticon tun hat. Alles wird kontrolliert, der Staat weiß über alles bescheid, wodurch er seine Macht erhalten wird. Und doch kann man sagen, der Staat behauptet möglichst viel Glück für möglichst viele erreichen zu wollen. Gerade damit nimmt er aber möglichst vielen die Freiheit. Justice, mercy, vigilance. Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Wachsamkeit. Gut, Bentham hatte im England des 18. Jahrhunderts sicher recht, er hielt sich für einen aufrechten Demokraten.
Mit den Begriffen surveillance oder dataveillance tritt das, was uns Kafka beschrieben hat, noch massierter auf. Die Konstruktion der gegenwärtigen Macht ist die Auflösung der Subjektivität in der absoluten Kontrolle der Archive und Daten. Wenn in den letzten Jahrhunderten die Kontrolle noch persönlich an Menschen und Organisationen gebunden war, ist sie heute eine Riesenmaschine der Datenkontrolle, der satellitenunterstützten Visualisierungstechnologien, der Infrarot- und Wärmesensoren, der Telefonüberwachung und der gespeicherten Täterprofile. Im New York surveillance camera project kann man die Strassen, in denen man nicht mehr beobachtet wird, schon suchen. Janko Ferk legt besonderes Augenmerk auf die Begriffe Recht und Gerechtigkeit oder Gerichtbarkeit und Gericht.
Man sagt doch Das Recht ist auf der Erde und die Gerechtigkeit im obersten Stock.
Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. Es ist möglich, sagt der Türhüter, jetzt aber nicht. Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor ins Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt Wenn es Dich so lockt, versuch es doch trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen. (aus Franz Kafka, Der Process)
Dem Beruf des Richters, den Ferk selbst ausübt, widmet er ein eigenes Kapitel. Die Rollen des Richters und der Rechtanwälte werden besonders bedacht.
So ist Janko Ferks Arbeit über Kafka natürlich eines für Literaturinteressierte, doch aber auch eins für diejenige, die das wissen wollen, was mit uns geschieht und die sich über den Begriff Staat und Gerechtigkeit bereit sind Gedanken zu machen.
Ferks Analyse ist aber auch eine Analyse unseres Systems, das Franz Kafka nach dem ersten Weltkrieg gesehen und beschrieben hat. Im Hauptteil des Buches behandelt Ferk Kafkas Prozess und analysiert es auf sein Ideal von Recht und Gerechtigkeit mit dem er, daran ist nicht zu zweifeln, mit der Rechtsauffassung Kafkas in seinen Anklagen übereinstimmt.

Das besprochene Buch:
Ferk, Janko
Recht ist ein Prozess Über Kafkas Rechtsphilosphie / von Janko Ferk. - Wien; Manz, 1999
Zugl. Wien, Univ.Diss., 1998
ISBN 3-214-06528-9


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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