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2017/10/18 - 20:38

Milena Jesenská, Journalistin

von Marko Martin

Berühmt wurde sie durch Kafkas Briefe. Margret Steenfatt zeigt in ihrer Biographie, wer sie wirklich war

Am Ende, so erinnert sich Margarete Buber-Neumann, stiehlt sie weiße Zettel aus dem Büro des Krankenreviers, um heimlich ihre Gedanken niederzuschreiben, das heißt: um zu widerstehen und nicht aufzugeben. Knapp ein Jahr vor der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück aber (am 17. Mai 1944) stirbt sie an Nierenversagen – Milena Jesenská, tschechische Schriftstellerin und Journalistin, Franz Kafkas Freundin. Obwohl sie nur 48 Jahre alt wurde, beschreibt die Hamburger Autorin Margret Steenfatt in ihrer Biografie dieses Leben nicht als Heiligenlegende, wohl aber als exemplarische Existenz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

1896 als Tochter eines angesehenen Zahnmediziners in Prag geboren, erlebt Milena bereits als Kind die Spannungen zwischen Tschechen und K.u.k.-Deutschen, erfährt jedoch auch, dass man Konflikte zivil regeln kann, dass die ethnische und geistige Heterogenität einer Stadtlandschaft anregt und befreit – nicht zuletzt vom eigenen Vater, der auf konziliante Weise dennoch den leicht tyrannischen Patriarchen gibt. Auf den Spaziergängen mit ihren Freundinnen begegnet die junge Gymnasiastin dann immer wieder jungen Dichtern und Journalisten wie Paul Kornfeld, Rudolf Fuchs und Willy Haas, der übrigens vier Jahrzehnte später Franz Kafkas „Briefe an Milena“ herausgeben wird.

Aus dem Medikamentenschrank ihres Vaters entwendet sie bereits in dieser Zeit Kokain, um es bei sich selbst zu testen, während sie in den Kaffeehäusern Prags im sozusagen multiethnischen Feldversuch ein ganz anderes Experiment startet: Wie gehen die Herren Literaten, die doch so vom Pariser Bohéme-Leben und starken Frauen wie Paula Modersohn-Becker schwärmen, zu Hause mit dem weiblichen Geschlecht um? Milena – zu klug, um ein Heimchen zu sein, aber viel zu schön für eine verbitterte Emanze –, erkennt beizeiten die Diskrepanz zwischen Worten und Taten Und verliebt sich dennoch mitten im ersten Weltkrieg in den (selbst nicht produktiven) Literaturkenner Ernst Polak, um dessentwillen sie mit ihrem Vater bricht und sogar eine Abtreibung akzeptiert.

1918 wird sie wegen psychischer Erschöpfung in ein Sanatorium eingewiesen – und noch immer hat sie nichts veröffentlicht. Das inzwischen verheiratete Paar zieht nach Wien, wo Polak weiter in den Cafés schwadroniert und Milena – als Kofferträgerin im Wiener Hauptbahnhof arbeitet. „Oft allein gelassen, viel unterwegs in den Straßen, hat sie Zeit, die Lebensbedingungen der Menschen im Wien der Nachkriegszeit aufmerksam zu studieren. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie ihre Beobachtungen niederschreibt und als Feuilletons veröffentlicht.“

Ende Oktober 1919 schreibt sie an einen jungen Schriftsteller namens Franz Kafka, dessen Erzählung „In der Strafkolonie“ gerade im Kurt Wolff Verlag erschienen ist. Milena bittet um die Erlaubnis, einige seiner Erzählungen ins Tschechische übertragen zu können – der beginnende Briefwechsel wird zu einem der anrührendsten der Literaturgeschichte.

Freilich entgeht die Biographin Steenfatt auch hier der Gefahr, zu verkitschen. In ihren Interpretationen ohnehin zurückhaltend und nie in psychologisierenden Bombast abgleitend, lässt sie einfach die Fakten sprechen, und die sind keineswegs immer romantisch – wenigstens aus Milenas Sicht nicht. So schnell sie Ernst Polaks Theorie der gleichberechtigten, freien Liebe als Vorwand für (männliches) Fremdgehen begriffen hat, so skeptisch wird sie angesichts Kafkas verdruckstem Lobpreis der „leben gebenden Kraft, Mutter Milena“. Gemeint ist eine junge Frau von 23 Jahren.

„Milena“, so schreibt ihre Biographin kurz und bündig, „will keine Heilerin sein, sie will ihre Zukunft auch nicht damit verbringen, Kafka von seiner Angst vor dem Geschlechtsakt zu befreien.“ Noch Kafkas poetischste Liebeserklärung ist an Selbstbezogenheit nicht zu überbieten: „Liebe ist, dass Du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.“

Kurz vor seinem Tod überlässt er ihr seine sämtlichen Tagebücher sowie das Manuskript des „Schlosses“ mit der Bitte, all dies Max Brod zu zeigen – Milena als Medium. Schließlich aber doch: Ihre Rückkehr nach Prag, Kontakte zu Zeitungen und Zeitschriften, literarische Feuilletons und Skizzen, die Milena Jensenská zu einer bedeutenden tschechischen Autorin, aber auch klugen Zeit-Analytikern der Zwischenkriegszeit machen. 1931 wird sie Mitglied der Kommunistischen Partei, ein paar Jahre später tritt sie wieder aus; wer sich als schöne, begehrte Frau nicht jeder Männer-Phantasie unterordnen will, spürt als sozial engagierte Intellektuelle auch bald die Brutalität kommunistischer Parteidisziplin.

Während die nicht eben wenigen Männer, mit denen sie verheiratet, liiert oder auch nur eng befreundet war, Prag Ende der dreißiger Jahre bereits verlassen haben, harrt Milena aus und veröffentlicht zahllose Artikel über Hitlerdeutschland und die in die noch freie Tschechoslowakei geflüchteten Nazigegner. Auch nach der deutschen Okkupation schreibt sie weiter für die Untergrundpresse, versteckt in ihrer Wohnung Juden, verhilft ihnen zur Flucht über die polnische Grenze.

Am 12. November 1939 wird sie dann in Prag von der Gestapo verhaftet, von ihrer elfjährigen Tochter getrennt und schließlich nach Ravensbrück überstellt. Aber da sie nun einmal nicht anders kann, sucht sie auch dort weiter nach der Wahrheit, lässt sich von der zur Freundin gewordenen Margarete Buber-Neumann von den Schrecken des stalinistischen Gulag berichten, versucht – für später – Beweise für die verbrecherischen Menschenversuche zu sammeln, die Ravensbrücker Lagerärzte an den Häftlingsfrauen vornehmen. Bei alldem aber bleibt Milena Jensenská bis zu ihrem Tod eine faszinierende Frau, die Brechts hochfahrendes Diktum Lügen straft: Für die Freundlichkeit in der Welt kämpfend, fand sie sehr wohl noch Zeit, auch selbst freundlich zu sein.

Margret Steenfatt:
Milena Jensenská. Biographie einer Befreiung.
Europäische Verlagsanstalt, Hamburg. 169 S., 13 E.
© Die Welt, 8 Februar 2003


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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