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2017/10/19 - 02:04

„Es wird gute Arbeit geleistet werden“ „Kafkas Fabriken“ und sein Vertrauen in den technischen Fortschritt, eine Ausstellung

von Uwe Wittstock

Marbach - „Es war spät abend als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.“ – Einer der berühmtesten Romananfänge der modernen Literatur, ganz unaufwendig, und doch ist die Bedrohlichkeit des noch unsichtbaren Schlosses sofort wie mit Händen zu greifen.

Die Versuchung ist groß, sich die Ankunft des jungen Juristen Dr. Franz Kafka, Konzipist der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt (AUVA), im Januar/Februar 1911 bei der Kattundruckerei Rolffs & Cie und der Feintuchfabrik Wilhelm Siegmund im Böhmischen Friedland ähnlich vorzustellen. Denn oberhalb der beiden Fabriken, die Kafka auf seiner Dienstreise auftragsgemäß in die „Gefahrenklassen“ der AUVA „einzureihen“ und so die Versicherungsbeiträge der Firmen festzulegen hatte, thronte das Schloss Friedland ein wenig entrückt und in der Nacht gewiss im Dunkel ganz verborgen. Und Besitzer dieses Schlosses war damals zwar nicht ein Graf Westwest, wie er im späteren Roman hieß, wohl aber ein Graf Clam, dessen Name nur wenig verändert als Klamm, Vorstand der X. Kanzlei, in Kafkas Buch einging.

Details wie diese sind in der Kafka-Forschung erschöpfend analysiert worden. Die aktuelle Ausstellung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach wendet deshalb den Blick geradezu demonstrativ von Kafkas Schloss ab und dem eigentlichen Grund seiner damaligen Reisen zu: „Kafkas Fabriken“. Die beiden Ausstellungsmacher, der unermüdliche Klaus Wagenbach („Ich bin die dienstälteste Kafka-Witwe“) und Hans-Gerd Koch, haben in Kooperation mit Petra Plättner höchst anschauliches Material über Kafkas Arbeitsfelder und Arbeitsalltag zusammengetragen.

Der empfindsame, gesundheitlich labile Jurist Kafka war in seiner vermeintlich ruhigen Angestelltenexistenz bei der AUVA mit einigen besonders unschönen Aspekten des industriellen Wachstums konfrontiert. Die Fabrikherren seiner Zeit hielten wenig von Arbeitsschutzmaßnahmen, wie sie heute selbstverständlich sind. Tagtäglich liefen in AUVA Schadenmeldungen und Entschädigungsanträge ein, reich an schockierenden Fakten. Allein die oft ungeschützt laufenden Transmissionsriemen der Spinnereien oder Webereien erwiesen sich als menschenfressende, körperverschlingende Schreckensapparaturen. Die Ausstellung zeigt zeitgenössische Fotos einer von Transmissionsriemen abgequetschten Hand, zweier regelrecht skalpierter Arbeiterinnen und eines im Riemenräderwerk vollständig zermalmten Arbeiters. Assoziationen an den gemarterten Gefangenen aus Kafkas Erzählung „Strafkolonie“ sind unvermeidlich.

Angesichts dieser buchstäblich blutigen Arbeitsrealität rettete sich Kafka gelegentlich in einen sarkastischen Ton, hinter dem sein Erschrecken dennoch spürbar bleibt. „Denn was ich zu tun habe!“, schreibt er an seinen Freund Max Brod in einem Brief, der entfernt an Jakob van Hoddis Gedicht „Weltende“ erinnert: „In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen – von meinen übrigen Arbeiten abgesehn – wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen.“
Kafka bemühte sich mit seinen Mitteln, die Situation der Arbeiter zu bessern. Im Jahresbericht der AUVA 1910 erscheint ein illustrierter Beitrag zu „Unfallverhütungsmaßnahmen bei Holzhobelmaschinen“, der zwar nicht unterzeichnet, aber offensichtlich von Kafka verfasst ist. In einer vom Kanzleideutsch des Jahresberichtes angenehm sich abhebenden Sprache beschreibt er die Vorzüge der „runden Sicherheitswellen“ im Vergleich zu älteren, gefährlichen Kanthobelwellen.

Schon dieses Engagement zeigt, dass Kafka kein pauschaler Gegner der technischen Moderne war, im Gegenteil, dass er gerade im technischen Fortschritt auch Chancen und Zugewinn sah: „Es wird gute Arbeit geleistet werden“, schreibt er 1909 über die Zukunftsperspektiven AUVA, „und was innerhalb der heutigen Gesetze an verlangten und nützlichen Reformen möglich ist, es wird geschehn.“

Doch auch das spielerische, abenteuerliche Element der Technik war Kafka nicht fremd. Von seinem Onkel Siegfried Löwy, Landarzt und Betriebsarzt dreier Tuchfabriken, lieh er sich gelegentlich dessen Motorrad der tschechischen Firma Laurin & Klement (später Skoda) für Spritztouren aus. Und seiner Begeisterung für die „Aeroplane in Brescia“ machte er 1910 in einem Artikel für die Zeitung „Bohemia“ Luft. Die Ausstellungsmacher haben ein Laurin & Klement Motorrad im Original, und eines der Flugzeuge von Brescia im Modell aufgetrieben – beides zweifellos von besonderem Schau-Wert.

Doch besonders anrührend ist eher eine unscheinbare Visitenkarte, die Kafka am 24. September 1912 an seinen Vorgesetzten in die AUVA schickte und auf der Rückseite notierte: „Sehr geehrter Herr Oberinspektor! Ich habe heute früh einen kleinen Ohnmachtsanfall gehabt und habe etwas Fieber. Ich bleibe daher zuhause. Es ist aber bestimmt ohne Bedeutung und ich komme bestimmt heute noch, wenn auch vielleicht erst nach 12 ins Bureau Ihr ergebener Dr. Franz Kafka“.

Der Vorfall war literarisch keineswegs „ohne Bedeutung“, Kafka hatte in der Nacht vom 22. zum 23. September zwischen 10 Uhr abends und 6 Uhr früh die Erzählung „Das Urteil“ niedergeschrieben. In der Zeit bis zum 6. Dezember entstanden in weiteren nächtlichen Schreibschüben „Der Verschollene (Amerika)“ und „Die Verwandlung“. Kafka hielt nicht Haus mit seinen Kräften, die AUVA musste gelegentlich auf ihn verzichten.

Kafka bemühte sich mit seinen Mitteln, die Situation der Arbeiter zu bessern. Im Jahresbericht der AUVA 1910 erscheint ein illustrierter Beitrag zu „Unfallverhütungsmaßnahmen bei Holzhobelmaschinen“, der zwar nicht unterzeichnet, aber offensichtlich von Kafka verfasst ist. In einer vom Kanzleideutsch des Jahresberichtes angenehm sich abhebenden Sprache beschreibt er die Vorzüge der „runden Sicherheitswellen“ im Vergleich zu älteren, gefährlichen Kanthobelwellen.

Schon dieses Engagement zeigt, dass Kafka kein pauschaler Gegner der technischen Moderne war, im Gegenteil, dass er gerade im technischen Fortschritt auch Chancen und Zugewinn sah: „Es wird gute Arbeit geleistet werden“, schreibt er 1909 über die Zukunftsperspektiven AUVA, „und was innerhalb der heutigen Gesetze an verlangten und nützlichen Reformen möglich ist, es wird geschehn.“

Doch auch das spielerische, abenteuerliche Element der Technik war Kafka nicht fremd. Von seinem Onkel Siegfried Löwy, Landarzt und Betriebsarzt dreier Tuchfabriken, lieh er sich gelegentlich dessen Motorrad der tschechischen Firma Laurin & Klement (später Skoda) für Spritztouren aus. Und seiner Begeisterung für die „Aeroplane in Brescia“ machte er 1910 in einem Artikel für die Zeitung „Bohemia“ Luft. Die Ausstellungsmacher haben ein Laurin & Klement Motorrad im Original, und eines der Flugzeuge von Brescia im Modell aufgetrieben – beides zweifellos von besonderem Schau-Wert.

Doch besonders anrührend ist eher eine unscheinbare Visitenkarte, die Kafka am 24. September 1912 an seinen Vorgesetzten in die AUVA schickte und auf der Rückseite notierte: „Sehr geehrter Herr Oberinspektor! Ich habe heute früh einen kleinen Ohnmachtsanfall gehabt und habe etwas Fieber. Ich bleibe daher zuhause. Es ist aber bestimmt ohne Bedeutung und ich komme bestimmt heute noch, wenn auch vielleicht erst nach 12 ins Bureau Ihr ergebener Dr. Franz Kafka“.

Der Vorfall war literarisch keineswegs „ohne Bedeutung“, Kafka hatte in der Nacht vom 22. zum 23. September zwischen 10 Uhr abends und 6 Uhr früh die Erzählung „Das Urteil“ niedergeschrieben. In der Zeit bis zum 6. Dezember entstanden in weiteren nächtlichen Schreibschüben „Der Verschollene (Amerika)“ und „Die Verwandlung“. Kafka hielt nicht Haus mit seinen Kräften, die AUVA musste gelegentlich auf ihn verzichten.

© Die Welt, 13 Dezember 2002


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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