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2017/10/18 - 20:42

Kafka-Rezeption in der Krise

von Michael Kerksiek

Das Ergebnis der bisherigen Kafka-Rezeption sind »inzwischen rund 11 000 Experten-Meinungen, die sich den Anspruch der Kompetenz streitig machen.« Zwar hat sich dabei die Kenntnis über Kafka (Geburt, Augenfarbe, Geschlechtsreife, Gewicht, Krankheit und Tod) vermehrt, »aber dem Kern seines Werkes sind wir dadurch nicht unbedingt näher gekommen.« Die Spannung »zwischen Erkenntnisdrang und -verweigerung« läßt die Hermeneutik selbst zum Gegenstand unseres Interesses werden. (Vgl. Hrsg. Michael Müller, Franz Kafka - Romane und Erzählungen, Reclam jun., Stuttgart, 1994, S. 7-10 [ISBN 3-15-008811-9]).

»Der eigentliche Grund, weshalb wir heute von einer „Krise“ der [...] hermenutischen Methode sprechen müssen, liegt [...] nicht im Nichtkönnen, sondern im Nichtmehr w o l l e n.

Im gleichen Augenblick, da der Historismus seine letzte Reife, seine feinsten Möglichkeiten erlangt hat - in diesem Augenblick wendet sich offenbar das Interesse einer Mehrheit der wissenschaftlich tätigen Personen von solchen hermeneutischen Möglichkeiten ab - zugunsten eines Neo-Dogmatismus, der gar nicht mehr das „Andere“ als „Anderes“ aufnehmen will, sondern „eindimensional“ selbstgesetzten Normen folgt.« (Helmut Seiffert, Einführung in die Wissenschaftstheorie, Band 2, München, 1983, S. 157 [ISBN 3406092616])

Die fragwürdigen Umstände, unter denen wir Kafkas „nachgelassene“ Schriften erhalten haben, lassen uns gar keine andere Wahl als uns kritisch mit Max Brod auseinanderzusetzen. Dieser Auseinandersetzung ist die Literaturwissenschaft bisher ausgewichen, indem sie Brod verteidigt und zwar im Widerspruch zu dessen Eingeständnis, einen Fehler begangen und nicht in Kafkas Sinn gehandelt zu haben. Er sagt: »Wenn ich sehe, wie diese Menschheit das in den Schriften Kafkas dargebotene Heilsgeschenk zurückweist - und zwar mit dem trügerischen Anschein zurückweist, als strecke sie tausend Hände danach aus: dann tut es mir manchmal leid, daß ich dieses Werk der Vernichtung entrissen habe, in deren Dunkel es nach dem Willen seines Verfassers hätte hinabsinken sollen. Hat Kafka vielleicht den Mißbrauch geahnt, dem sein Werk ausgesetzt sein wird, und deshalb die Veröffentlichung nicht gestatten wollen?« (Max Brod, Über Franz Kafka, Frankfurt am Main, 1993, S. 260 f. [ISBN 3-596-21496-3])

Daraus ergibt sich die Frage, ob Max Brod, wenn er schon die Finger von Kafkas Nachlaß nicht lassen konnte, ihn wenigstens in Kafkas Sinn interpretiert. Die Literaturwissenschaft muß hierauf eine befriedigende Antwort geben, wenn sie nicht selber der Veruntreuung von Kafkas „nachgelassenen“ Schriften angegklagt werden will.

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Hier noch ein erheiterndes Zitate voller Ironie, daß auf Kafkas Vorbehalte gegenüber Max Brod hinzudeuten scheint. Es bezieht sich auf ein Buch, daß Max Brod über einen verstorbenen Freund geschrieben hat, so daß Kafka daraus bereits entnehmen konnte, was Max Brod dereinst über ihn selber schreiben würde. »Es ist kein eigentlicher Nachruf,“ sagt Kafka, „es ist eine Hochzeit zwischen euch beiden [...] Und dieses Lebendige steigert sich noch dadurch, daß nur Du davon berichtest, der überlebende Starke und dies so zart tust, daß Du den Toten nicht übertönst sondern er mitsprechen und sich hörbar machen kann mit seiner tonlosen Stimme und sogar die Hand Dir auf den Mund legen kann, um Deine Stimme, wo es in seinem Sinne nötig ist zu dämpfen. Wunderbar ist das. Und trotzdem ist, wenn man will [...] doch wieder nur der Lebende der Sprecher in all seiner Riesenhaftigkeit [...] und am unmittelbarsten ergreifen mich Stellen, die wahrscheinlich für Dich unwesentlich sind etwa wie diese: „War nun ich verrückt oder war er es?“ Hier steht der Mann, der Treue, der Unveränderliche, das immer offene Auge, die nie versiegende Quelle, der Mann, der - ich drücke es paradox aus, meine es aber geradewegs - das Begreifliche nicht begreifen kann.« (Aus einem Brief Kafkas an Max Brod, Mitliary, ca. 13./14. 4. 1921.)

Was ich kürzlich einer Kafka-Liebhaberin schrieb, gilt im Prinzip für jeden, der sich im Anfangsstadium seiner Beschäftigung mit Kafka befindet: »Jeder darf natürlich „seinen Kafka“ haben. Dieser „Kafka“ sagt allerdings viel mehr über seinen Besitzer als über Kafka selber aus. (Wenn es also einmal dazu kommen sollte, daß Sie mir etwas über „Ihren Franz“ erzählen, dann werde ich wahrscheinlich sehr viel über Sie erfahren haben, aber möglicherweise nur ganz wenig über Kafka. - Bitte, bitte, Entschuldigung, Verzeihung.) Die Deutung von Literatur unterscheidet sich wohl kaum von dem berühmt-berüchtigten Rorschachtest der Psychologen. (Stark vereinfacht: Tintenkleckse und Wasser auf einem einfach gefalteten Blatt Papier ergeben Formen, die Psychologen ihren Patienten vorlegen und sie bitten, zu sagen, was sie sehen. Sehen sie lustige Schmetterlinge, sind sie schon gesund. Sehen sie böse Dämonen, sind sie noch immer krank.)«

An dieser Stelle „springt“ der Text, um anzudeuten, wie sich das naive Anfägerstadium überwinden läßt, denn allein darauf kommt es doch an.

»Psychologen kann man auf diese Weise nicht testen, denn sie wissen genau, was man sagen muß, um aus der psychiatrischen Anstalt entlassen zu werden. Mit Max Brod verhält es sich ähnlich. Er kennt die klassische Literaturtheorie und kann nicht mehr wie ein naiver Literaturfreund beurteilt werden. Für seinesgleichen müssen spezielle Testverfahren entwickelt werden, um herauszufinden, ob sie entlassen werden können. Und genau darin bestand Kafkas Geschäft, wie mir scheint.«

Mit anderen Worten: Max Brod ist (trotz seiner behaupteten Freundschaft zu Kafka) dem Geist der damaligen (und auch noch unserer eigenen) Zeit verhaftet. Kafka ist es nicht. Er urteilt kritisch und zwar aus einer für Max unerreichbaren Distanz. Um Kafkas Position bestimmen zu können, ist die Auseinandersetzung mit Brods Weltanschauung unerläßlich. Da aber Max Brod die Anschauungen und Theorien der klassischen, von Goethe und Hegel geprägten Germanistik vertritt, ist die Kritik an Brods Anschauungen gleichbedeutend mit einer Kritik an den Germanisten, die es bis auf den heutigen Tag nicht geschafft haben, sich glaubhaft mit Herz und Verstand von Goethe zu distanzieren. Und solange dieses Thema Tabu ist, befindet sich die Kafka-Rezeption in einer Krise (dabei ist es vollkommen gleichgültig, in welchem Land und unter welchen politischen Umständen). Kurz und gut, man kann nicht beide, Goethe und Kafka, gleichzeitig lieben, denn das ist (mit Verlaub gesagt) idiotisch. - Das alles ist wirklich nicht böse gemeint. Ich möchte nur etwas ganz Bestimmtes erreichen. Mir geht es nämlich nicht nur um ein gutes Kafka-Verständnis, sondern mir geht es auch um die Menschwerdung der Germanisten.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi




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