<?xml version="1.0" encoding="utf-8" standalone="yes"?><rss version="2.0" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"><channel><title>Unpublished Works 1916-1918 on The Kafka Project</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/</link><description>Recent content in Unpublished Works 1916-1918 on The Kafka Project</description><generator>Hugo</generator><language>en</language><lastBuildDate>Fri, 05 Nov 2004 14:43:06 +0000</lastBuildDate><atom:link href="https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/index.xml" rel="self" type="application/rss+xml"/><item><title>Oktavheft A (I, 17)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-a-i-17/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:26:12 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-a-i-17/</guid><description>&lt;p&gt;Unverbrüchlicher Traum.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sie lief die Landstraße entlang, ich sah sie nicht, ich saß am Feldrand und blickte in das Wasser des kleinen Baches. Sie durchlief die Dörfer, Kinder standen in den Türen, sahen ihr entgegen und sahen ihr nach.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zerrissener Traum.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Laune eines früheren Fürsten hatte bestimmt, das Mausoleum müsse unmittelbar bei den Sarkophagen einen Wächter haben. Vernünftige Männer hatten sich dagegen ausgesprochen, schließlich ließ man den sonst vielfach beengten Fürsten in dieser Kleinigkeit gewähren. Ein Invalide aus einem Krieg des vorigen Jahrhunderts, Witwer und Vater dreier Söhne, die im letzten Krieg gefallen waren, meldete sich für den Posten. Er wurde angenommen und von einem alten Hofbeamten in das Mausoleum begleitet. Eine Waschfrau folgte ihnen beladen mit verschiedenen Dingen, welche für den Wächter bestimmt waren. Bis zur Allee, welche dann geradeaus zum Mausoleum führte, hielt der Invalide trotz seiner Stelze mit dem Hofbeamten gleichen Schritt. Dann aber versagte er ein wenig, hüstelte und begann sein linkes Bein zu reiben. &amp;ldquo;Nun Friedrich&amp;rdquo;, sagte der Hofbeamte der mit der Waschfrau ein Stück vorausgegangen war und sich nun umsah. &amp;ldquo;Mich reißt es im Bein&amp;rdquo;, sagte der Invalide und machte eine Fratze, &amp;ldquo;nur einen Augenblick Geduld, das pflegt gleich aufzuhören.&amp;rdquo;&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Reinschrift des Gruftwächter-Dramenfragments (I, 18)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/reinschrift-des-gruftwaechter-dramenfragments-i-18/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:27:48 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/reinschrift-des-gruftwaechter-dramenfragments-i-18/</guid><description>&lt;p&gt;Kleines Arbeitszimmer, hohes Fenster, davor ein kahler Baumwipfel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Fürst&lt;/em&gt; (am Schreibtisch im Stuhl zurückgelehnt, aus dem Fenster blickend)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Kammerherr&lt;/em&gt; (weißer Vollbart, jugendlich in ein enges Jakett gezwängt, an der Wand neben der Mitteltür)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Pause&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Fürst&lt;/em&gt; (sich vom Fenster abwendend): Nun?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Kammerherr&lt;/em&gt;: Ich kann es nicht empfehlen, Hoheit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Fürst&lt;/em&gt;: Warum?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Kammerherr&lt;/em&gt;: Ich kann im Augenblick meine Bedenken nicht genau formulieren. Es ist bei weitem nicht alles, was ich sagen will, wenn ich jetzt nur den allgemein-menschlichen Spruch anführe: Man soll die Toten ruhen lassen.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Oktavheft B (I, 19)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-b-i-19/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:30:16 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-b-i-19/</guid><description>&lt;p&gt;Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich, diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm hatte ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. So lag ich und wartete; ich mußte warten; ohne abzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören Brücke zu sein. Einmal gegen Abend, war es der erste war es der tausendste, ich weiß nicht, meine Gedanken giengen immer in einem Wirrwarr, und immer immer in der Runde – gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, hörte ich einen Mannesschritt. Zu mir, zu mir. Strecke Dich Brücke, setze Dich in Stand, geländerloser Balken, halte den Dir Anvertrauten, die Unsicherheiten seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib Dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ans Land. Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir, in mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich weit umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehn. Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich so friedlich immer angestarrt hatten aus dem rasenden Wasser.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Oktavheft C (I, 20)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-c-i-20/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:32:58 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-c-i-20/</guid><description>&lt;p&gt;Ich hätte mich doch wohl früher darum kümmern sollen, wie es sich mit dieser Treppe verhielt, was für Zusammenhänge hier bestanden, was man hier zu erwarten hatte und wie man es aufnehmen sollte. Du hast ja niemals von dieser Treppe gehört, sagte ich mir zur Entschuldigung, und in den Zeitungen und Büchern wird doch immerfort alles durchgehechelt was es nur irgendwie gibt. Von dieser Treppe aber war nichts zu lesen. Das mag sein, antwortete ich mir selbst, Du wirst eben ungenau gelesen haben. Oft warst Du zerstreut, hast Absätze ausgelassen, hast Dich sogar mit Überschriften begnügt, vielleicht war dort die Treppe erwähnt und es entging Dir so. Und jetzt benötigst Du gerade das, was Dir entgangen ist. Und ich blieb einen Augenblick stehn und dachte über diesen Einwand nach. Da glaubte ich mich erinnern zu können, einmal in einem Kinderbuch möglicherweise von einer ähnlichen Treppe etwas gelesen zu haben. Es war nicht viel gewesen, wahrscheinlich nur die Erwähnung ihres Vorhandenseins, das konnte mir gar nichts nützen.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Oktavheft D (I, 21)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-d-i-21/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:34:42 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-d-i-21/</guid><description>&lt;p&gt;Mein Geschäft ruht ganz auf meinen Schultern. Zwei Fräulein mit Schreibmaschinen und Geschäftsbüchern im Vorzimmer, mein Zimmer mit Schreibtisch, Kassa, Beratungstisch, Klubsessel und Telephon, das ist mein ganzer Arbeitsapparat. So einfach zu überblicken, so leicht zu führen. Ich bin jung und die Geschäfte rollen vor mir her, ich klage nicht. Ich klage nicht. Seit Neujahr hat ein junger Mann die kleine leerstehende Nebenwohnung, die ich ungeschickter Weise so lange zu mieten gezögert habe, frischweg gemietet. Auch ein Zimmer mit Vorzimmer, außerdem aber noch eine Küche. Zimmer und Vorzimmer hätte ich wohl brauchen können, meine zwei Fräulein fühlen sich schon manchmal überlastet, – aber wozu hätte mir die Küche gedient. Dieses kleinliche Bedenken war daran schuld, daß ich mir die Wohnung habe wegnehmen lassen. Nun sitzt dort dieser junge Mann. Harras heißt er. Was er dort eigentlich macht weiß ich nicht. Auf der Tür steht nur &amp;ldquo;Harras, Bureau&amp;rdquo;. Ich habe Erkundigungen eingezogen, man hat mir mitgeteilt es sei ein Geschäft ähnlich dem meinigen, vor Kreditgewährung könne man nicht geradezu warnen, denn es handle sich doch um einen jungen aufstrebenden Mann, dessen Sache vielleicht Zukunft habe, doch könne man zum Kredit auch nicht geradezu raten, denn gegenwärtig sei allem Anschein nach kein Vermögen vorhanden. Die übliche Auskunft, die man gibt, wenn man nichts weiß. Manchmal treffe ich Harras auf der Treppe, er muß es immer außerordentlich eilig haben, er huscht förmlich an mir vorüber, genau gesehn habe ich ihn noch gar nicht, den Bureauschlüssel hält er schon vorbereitet in der Hand, im Augenblick hat er die Tür geöffnet, wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten, und ich stehe nur wieder vor der Tafel &amp;ldquo;Harras, Bureau&amp;rdquo;, die ich schon viel öfter gelesen habe, als sie es verdient. Die elend dünnen Wände, die den ehrlich tätigen Mann verraten, den Unehrlichen aber decken. Mein Telephon ist an der Zimmerwand angebracht die mich von meinem Nachbar trennt, doch hebe ich das bloß als besonders ironische Tatsache hervor, selbst wenn es an der entgegengesetzten Wand hieng, würde man in der Nebenwohnung alles hören. Ich habe mir abgewöhnt, den Namen der Kunden beim Telephon zu nennen, aber es gehört natürlich nicht viel Schlauheit dazu, aus charakteristischen aber unvermeidlichen Wendungen des Gesprächs die Namen zu erraten. Manchmal umtanze ich, die Hörmuschel am Ohr, von Unruhe gestachelt, auf den Fußspitzen den Apparat, und kann es doch nicht verhüten daß Geheimnisse preisgegeben werden. Natürlich werden dadurch beim Telephonieren auch meine geschäftlichen Entscheidungen unsicherer, meine Stimme zittrig. Was macht Harras, während ich telephoniere? Wollte ich sehr übertreiben, aber das muß man oft, um sich Klarheit zu verschaffen, so könnte ich sagen: Harras braucht kein Telephon, er benutzt meines, er hat sein Kanapee an die Wand gerückt und horcht, ich dagegen muß, wenn geläutet wird zum Telephon laufen, die Wünsche des Kunden entgegennehmen, schwerwiegende Entschlüsse fassen, großangelegte Überredungen ausführen, vor allem aber während des Ganzen unwillkürlich durch die Zimmerwand Harras Bericht erstatten. Vielleicht wartet er gar nicht das Ende des Gespräches ab, sondern erhebt sich nach der Gesprächsstelle die ihn über den Fall genügend aufgeklärt hat, huscht nach seiner Gewohnheit durch die Stadt und ehe ich die Hörmuschel aufgehängt habe, ist er vielleicht schon daran, mir entgegenzuarbeiten.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Oktavheft E (I, 22)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-e-i-22/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:35:56 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-e-i-22/</guid><description>&lt;p&gt;Sie stand beim Fenster und sah auf die stille Gasse hinunter. Hinter ihr im kleinen Zimmer lag angezogen auf dem Bett ihr Mann und schlief. Ein Nachbar kam herein, blickte sich um und gieng wieder. Als unten auf der Gasse die Laternen angezündet wurden, verließ sie das Fenster und begann die Vorbereitungen zum Kaffeekochen&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein elendes Fuhrwerk selbst auf den vom Elend überfüllten Landstraßen. Großmutter Mutter und drei Kinder lagen im Stroh unter dem niedrigen Wagendach. Der Vater mit einem vierten Kind zur Linken und den Zügeln in der Rechten lenkte das vorwärtsschwankende Pferd. Als sie zum Stadttor kamen&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Oktavheft F (I, 23)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-f-i-23/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:37:07 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-f-i-23/</guid><description>&lt;p&gt;Die kleine,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich bin gewohnt in allem meinem Kutscher zu vertrauen. Als wir an eine hohe weiße seitwärts und oben sich langsam wölbende Mauer kamen, die Vorwärtsfahrt einstellten, die Mauer entlang fahrend sie betasteten und schließlich der Kutscher sagte: Es ist eine Stirn.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich begegnete Artur gestern früh im Haustor, er wollte wie er sagte gerade zu mir gehn, da ich nun aber selbst gekommen war giengen wir gemeinsam in sein Zimmer hinauf. Es gab Cigaretten und Schnaps und wir sprachen von Gelegentliche&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Vom jüdischen Theater (I, 24)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/vom-juedischen-theater-i-24/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:38:09 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/vom-juedischen-theater-i-24/</guid><description>&lt;p&gt;Isaak Löwy&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vom jüdischen Theater.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit Ziffern und mit Statistiken werde ich mich im Folgenden nicht abgeben; die überlasse ich den Geschichtsschreibern des jüdischen Theaters. Meine Absicht ist ganz einfach: einige Blätter Erinnerungen an das jüdische Theater mit seinen Dramen, seinen Schauspielern, seinem Publikum, sowie ich das alles in mehr als zehn Jahren gesehen, gelernt und mitgemacht habe, hier vorzulegen oder anders gesagt, den Vorhang zu heben und die Wunde zu zeigen. Nur nach Erkenntnis der Krankheit läßt sich ein Heilmittel finden und möglicherweise das wahre jüdische Theater schaffen.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Jeder Mensch ist eigentümlich (I, 25)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/jeder-mensch-ist-eigentuemlich-i-25/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:39:41 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/jeder-mensch-ist-eigentuemlich-i-25/</guid><description>&lt;p&gt;Jeder Mensch ist eigentümlich und kraft seiner Eigentümlichkeit berufen zu wirken, er muß aber an seiner Eigentümlichkeit Geschmack finden. Soweit ich es erfahren habe, arbeitete man sowohl in der Schule als auch zuhause daraufhin die Eigentümlichkeit zu verwischen. Man erleichterte dadurch die Arbeit der Erziehung, erleichterte aber auch dem Kinde das Leben, allerdings mußte es vorher den Schmerz durchkosten, den der Zwang hervorrief. Man wird z. B. einem Jungen, der abends mitten im Lesen einer aufregenden Geschichte ist, niemals durch eine bloß auf ihn eingeschränkte Beweisführung, begreiflich machen können, daß er das Lesen unterbrechen und schlafen gehn muß. Wenn man mir in einem solchen Fall etwa sagte, es sei schon spät, ich verderbe mir die Augen, ich werde früh verschlafen sein und schwer aufstehn, die schlechte dumme Geschichte sei das nicht wert, so konnte ich das zwar ausdrücklich nicht widerlegen, aber eigentlich nur deshalb nicht, weil das alles nicht einmal an die Grenze des Nachdenkenswerten herankam. Denn alles war unendlich oder verlief so ins Unbestimmte, daß es dem Unendlichen gleichzusetzen war, die Zeit war unendlich, es konnte also nicht zu spät sein, mein Augenlicht war unendlich, ich konnte es also nicht verderben, sogar die Nacht war unendlich, es war also keine Sorge wegen des Frühaufstehns nötig und Bücher unterschied ich nicht nach Dummheit und Klugheit, sondern danach, ob sie mich packten oder nicht und dieses packte mich. Das alles konnte ich nicht so ausdrücken, aber es hatte doch das Ergebnis daß ich mit meinen Bitten mir das Weiterlesen zu erlauben lästig wurde oder mich entschloß, auch ohne Erlaubnis weiter zu lesen. Das war meine Eigentümlichkeit. Man unterdrückte sie dadurch, daß man das Gas abdrehte und mich ohne Licht ließ; zur Erklärung sagte man: Alle gehn schlafen, also mußt auch Du schlafen gehn. Das sah ich und mußte es glauben, trotzdem es unbegreiflich war. Niemand will soviel Reformen durchführen wie Kinder. Aber abgesehen von dieser in gewisser Hinsicht anerkennenswerten Unterdrückung blieb doch hier, wie fast überall, ein Stachel, den keine Berufung auf die Allgemeinheit auch nur abstumpfen konnte. Ich blieb nämlich in dem Glauben, daß gerade an diesem Abend niemand in der Welt so gern gelesen hätte&amp;rsquo; wie ich. Das konnte mir vorläufig keine Berufung auf die Allgemeinheit widerlegen, umsoweniger als ich sah daß man mir die unbezwingbare Lust zum Lesen nicht glaubte. Erst allmählich und viel später, vielleicht schon bei Abschwächung der Lust, gieng mir eine Art Glaube daran auf, daß viele die gleiche Lust zum Lesen hatten und sich doch bezwangen. Damals aber fühlte ich nur das Unrecht, das mir angetan wurde, ich gieng traurig schlafen und es entwickelten sich die Anfänge des Hasses, der mein Leben in der Familie und von da aus mein ganzes Leben in einer gewissen Hinsicht bestimmt. Das Verbot des Lesens ist zwar nur ein Beispiel, aber ein bezeichnendes, denn dieses Verbot wirkte tief. Man erkannte meine Eigentümlichkeit nicht an; da ich sie aber fühlte, mußte ich – darin sehr empfindlich und immer auf der Lauer – in diesem Verhalten mir gegenüber ein Aburteilen erkennen. Wenn man aber schon diese offen zur Schau gestellte Eigentümlichkeit verurteilte, um wieviel schlimmer mußten die Eigentümlichkeiten sein, die ich aus dem Grunde verborgen hielt, weil ich selbst ein kleines Unrecht in ihnen erkannte. Ich hatte z. B. abend gelesen, trotzdem ich die Schulaufgabe für den nächsten Tag noch nicht gelernt hatte. Das war vielleicht an sich als Pflichtversäumnis etwas sehr Arges, aber um absolute Beurteilungen handelte es sich mir nicht, mir kam es nur auf vergleichsweise Beurteilung an. Vor dieser Beurteilung aber war diese Nachlässigkeit wohl nicht schlimmer als das lange Lesen an sich, besonders da sie in ihren Folgen durch meine große Angst vor Schule und Autoritäten sehr eingeschränkt war; was ich durch Lesen hie und da versäumte, holte ich bei meinem damals sehr guten Gedächtnis am Morgen oder in der Schule leicht nach. Die Hauptsache aber war, daß ich die Verurteilung, die meine Eigentümlichkeit des langen Lesens erfahren hätte, nun mit eigenen Mitteln auf die verborgen gehaltene Eigentümlichkeit der Pflichtversäumnis weiterführte und dadurch zu dem niederdrückendsten Ergebnis kam. Es war so, wie wenn jemand mit einer Rute, die keinen Schmerz verursachen soll, nur zur Warnung berührt wird, er aber nimmt das Flechtwerk auseinander, zieht die einzelnen Rutenspitzen in sich und beginnt nach eigenem Plan sein Inneres zu stechen und zu kratzen, während die fremde Hand noch immer ruhig den Rutengriff hält. Wenn ich mich aber auch damals in solchen Fällen noch nicht schwer strafte, so ist doch jedenfalls sicher, daß ich von meinen Eigentümlichkeiten nie jenen wahren Gewinn zog, der sich schließlich in dauerndem Selbstvertrauen äußert. Vielmehr war die Folge des Vorzeigens einer Eigentümlichkeit die, daß ich entweder den Unterdrücker haßte oder die Eigentümlichkeit als nicht vorhanden erkannte, zwei Folgen die in lügenhafter Weise sich auch verbinden konnten. Hielt ich aber eine Eigentümlichkeit verborgen, dann war die Folge die, daß ich mich oder mein Schicksal haßte, mich für schlecht oder verdammt ansah. Das Verhältnis dieser zwei Gruppen von Eigentümlichkeiten hat sich im Laufe der Jahre äußerlich sehr geändert. Die vorgezeigten Eigentümlichkeiten nahmen immer mehr zu, je näher ich an das mir zugängliche Leben herankam. Eine Erlösung brachte mir das aber nicht, die Menge des Geheimgehaltenen nahm dadurch nicht ab, es fand sich bei verfeinerter Beobachtung, daß niemals alles gestanden werden konnte, selbst von den scheinbar vollständigen Eingeständnissen der frühernZeit zeigte sich später noch die Wurzel im Innern. Aber selbst wenn das nicht gewesen wäre – bei der Lockerung der ganzen seelischen Organisation, die ich ohne entscheidende Unterbrechungen durchgemacht habe, genügte eine verborgene Eigentümlichkeit, um mich so zu erschüttern, daß ich mich mit aller sonstigen Anpassung doch nirgends festhalten konnte. Aber noch ärger. Selbst wenn ich kein Geheimnis bei mir behalten, sondern alles so weit von mir geworfen hätte, daß ich ganz rein dastand, im nächsten Augenblick wäre ich wieder von dem alten Durcheinander überfüllt gewesen, denn meiner Meinung nach wäre das Geheimnis nicht vollständig erkannt und eingeschätzt und infolgedessen durch die Allgemeinheit mir wieder zurückgegeben und neuerdings aufgelegt worden. Das war keine Täuschung, sondern nur eine besondere Form der Erkenntnis, daß zumindest unter Lebenden sich niemand seines Selbst entledigen kann. Wenn z. B. jemand einem Freund das Geständnis macht, daß er geizig ist, so hat er sich für diesen Augenblick dem Freund, also einem maßgebenden Beurteiler gegenüber scheinbar vom Geiz erlöst. Es ist für diesen Augenblick auch gleichgültig, wie es der Freund aufnimmt, also ob er das Vorhandensein des Geizes leugnet oder Ratschläge gibt wie man sich vom Geiz befreien könne oder ob er gar den Geiz verteidigt. Es wäre vielleicht nicht einmal entscheidend, wenn der Freund infolge des Geständnisses die Freundschaft aufsagt. Entscheidend ist vielmehr daß man vielleicht nicht als reuiger aber als ehrlicher Sünder sein Geheimnis der Allgemeinheit anvertraut hat und hofft dadurch wieder die gute und – das ist das wichtigste – freie Kindheit wieder erobert zu haben. Man hat aber nur eine kurze Narrheit und viel spätere Bitterheit erobert. Denn irgendwo liegt auf dem Tisch zwischen dem Geizigen und dem Freund, das Geld, das der Geizige an sich bringen muß und zu dem er immer rascher die Hand hinbewegt. Auf der Hälfte des Weges ist das Geständnis zwar immer schwächer wirkend aber noch erlösend, darüber hinaus nicht mehr, im Gegenteil, es beleuchtet dann nur die sich vorwärtsbewegende Hand. Wirkende Geständnisse sind nur vor oder nach der Tat möglich, die Tat läßt nichts neben sich bestehn, für die Hand, die das Geld zusammenscharrt, gibt es keine Erlösung durch Wort oder Reue, entweder muß die Tat, also die Hand vernichtet werden oder man muß sich im Geiz&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Oktavheft G (II, 2)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-g-ii-2/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:40:40 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-g-ii-2/</guid><description>&lt;ol start="18"&gt;
&lt;li&gt;Okt. 17&lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;
&lt;p&gt;Furcht vor der Nacht, Furcht vor der Nicht-Nacht.&lt;/p&gt;
&lt;ol start="19"&gt;
&lt;li&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;
&lt;p&gt;Sinnlosigkeit (zu starkes Wort) der Trennung des Eigenen und Fremden im geistigen Kampf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alle Wissenschaft ist Metodik im Hinblick auf das Absolute. Deshalb ist keine Angst vor dem eindeutig Metodischen nötig. Es ist Hülse, aber nicht mehr, als alles außer dem Einen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alle kämpfen nur einen Kampf. (Wenn ich angegriffen von der letzten Frage nach Waffen hinter mich greife, kann ich nicht unter den Waffen wählen und selbst wenn ich wählen könnte, müßte ich &amp;ldquo;fremde&amp;rdquo; fassen, denn wir haben alle nur einen Waffenvorrat.) Ich kann keinen eigenen führen, glaube ich einmal selbstständig zu sein, sehe ich einmal niemanden um mich, so ergibt sich bald, daß ich infolge der mir nicht gleich oder überhaupt nicht zugänglichen allgemeinen Konstellation diesen Posten übernehmen mußte. Dies schließt natürlich nicht aus, daß es Vorreiter, Nachzügler, Franktireure und alle Gewohnheiten und Sonderbarkeiten der Kriegführung gibt, aber es gibt keinen selbstständig Kriegführenden. (Demütigung] der Eitelkeit Ja, aber auch notwendige und wahrheitsgemäße Ermutigung.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Oktavheft H (II, 3)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-h-ii-3/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:41:58 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/oktavheft-h-ii-3/</guid><description>&lt;p&gt;Durch Auferlegung einer allzu großen oder vielmehr aller Verantwortung erdrückst Du Dich. Die erste Götzenanbetung war gewiß Angst vor den Dingen, aber damit zusammenhängend auch Angst vor der Notwendigkeit der Dinge und damit zusammenhängend Angst vor der Verantwortung für die Dinge. So ungeheuer erschien diese Verantwortung daß man sie nicht einmal einem einzigen außermenschlichen Wesen aufzuerlegen wagte, denn auch durch Vermittlung bloß eines Wesens wäre die menschliche Verantwortung noch nicht genug erleichtert worden, der Verkehr mit diesem Wesen wäre allzu sehr von Verantwortung befleckt gewesen, deshalb gab man möglichst jedem Ding die Verantwortung für sich selbst, mehr noch, man gab diesen Dingen auch eine gewisse Verantwortung für den Menschen. Man konnte sich nicht genug tun in der Schaffung von Gegengewichten, diese naive Welt war die komplicierteste die es jemals gab, ihre Naivität lebte sich ausschließlich in der brutalen Konsequenz aus.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>Aphorismen (II, 4)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/aphorismen-ii-4/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 14:43:06 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1916-1918/aphorismen-ii-4/</guid><description>&lt;p&gt;(Mit * gekennzeichnete Aphorismen sind in der Handschrift mit Bleistift gestrichen)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;1&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;2&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;3&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt zwei menschliche Hauptsünden, aus welchen sich alle andern ableiten: Ungeduld und Lässigkeit. Wegen der Ungeduld sind sie aus dem Paradiese vertrieben worden, wegen der Lässigkeit kehren sie nicht zurück. Vielleicht aber gibt es nur eine Hauptsünde: die Ungeduld. Wegen der Ungeduld sind sie vertrieben worden, wegen der Ungeduld kehren sie nicht zurück.*&lt;/p&gt;</description></item></channel></rss>