<?xml version="1.0" encoding="utf-8" standalone="yes"?><rss version="2.0" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"><channel><title>Unpublished Works 1897-1915 on The Kafka Project</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/</link><description>Recent content in Unpublished Works 1897-1915 on The Kafka Project</description><generator>Hugo</generator><language>en</language><lastBuildDate>Fri, 05 Nov 2004 12:57:19 +0000</lastBuildDate><atom:link href="https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/index.xml" rel="self" type="application/rss+xml"/><item><title>"Es gibt…" (1897)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/es-gibt-1897/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:05:02 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/es-gibt-1897/</guid><description>&lt;p&gt;Es gibt ein Kommen und ein Gehn
Ein Scheiden und oft kein – Wiedersehn&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Prag, den 20. November.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Franz Kafka.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Wie viel Worte…" (1900)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/wie-viel-worte-1900/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:08:24 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/wie-viel-worte-1900/</guid><description>&lt;p&gt;Wie viel Worte in dem Buche stehn! Erinnern sollen sie! Als ob Worte erinnern könnten!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Denn Worte sind schlechte Bergsteiger und schlechte Bergmänner. Sie holen nicht die Schätze von den Bergeshöhn und nicht die von den Bergestiefen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber es gibt ein lebendiges Gedenken das über alles Erinnerungswerte sanft hinfuhr wie mit kosender Hand. Und wenn aus dieser Asche die Lohe aufsteigt, glühend und heiß, gewaltig und stark und Du hineinstarrst, wie vom magischen Zauber gebannt, dann – – – –&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Man darf nicht sagen:…" (1906)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/man-darf-nicht-sagen-1906/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:10:22 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/man-darf-nicht-sagen-1906/</guid><description>&lt;p&gt;Man darf nicht sagen: Nur die neue Vorstellung erweckt ästhetische Freude, sondern jede Vorstellung, die nicht in die Sphäre des Willens fällt, erweckt ästhetische Freude. Sagt man es aber doch dann würde es bedeuten nur eine neue Vorstellung können wir derart aufnehmen, daß unsere Willenssphäre nicht berührt wird, nun ist es aber sicher, daß es neue Vorstellungen gibt welche wir nicht ästhetisch werten, welchen Theil der neuen Vorstellungen werten wir also ästhetisch? Die Frage bleibt. b Es wäre nothwendig, die &amp;ldquo;ästhetische Apperception&amp;rdquo; einen bisher vielleicht nicht eingeführten Ausdruck ausführlicher oder eigentlich überhaupt zu erklären. Wie entsteht jenes Lustgefühl und worin besteht seine Eigenart, wodurch unterscheidet es sich von der Freude über eine neue Entdeckung oder über Nachrichten aus einem fremden Land oder Wissensgebiet. c Der hauptsächliche Beweis für die neue Ansicht ist eine allgemeine physiologische nicht nur ästhetische Thatsache und das ist die Ermüdung. Nun ergiebt sich einerseits aus Deinen vielen Einschränkungen des Begriffes &amp;ldquo;neu&amp;rdquo; daß eigentlich alles neu ist, denn da alle Gegenstände in immer wechselnder Zeit und Beleuchtung stehn und wir Zuschauer nicht anders, so müssen wir ihnen immer an einem andern Orte begegnen. Anderseits aber ermüden wir nicht nur beim Genießen der Kunst sondern auch beim Lernen und Bergsteigen und Mittagessen ohne daß wir sagen dürften, Kalbfleisch sei keine uns entsprechende Speise mehr, weil wir heute ihrer müde sind. Vor allem aber wäre es unrecht zu sagen, daß es nur dieses doppelte Verhältnis zur Kunst gebe. Lieber also: der Gegenstand schwebt über der ästhetischen Kante und Müdigkeit (die es eigentlich nur zur Liebhaberei der knapp vorhergehenden Zeit giebt), also: der Gegenstand hat das Gleichgewicht verloren undzwar im üblen Sinn. Und doch drängt Deine Folgerung zum Arrangieren dieses Gegensatzes, denn Apperception ist kein Zustand, sondern eine Bewegung also muß sie sich vollenden. Es entsteht ein wenig Lärm, dazwischen dieses bedrängte Lustgefühl, aber bald muß allesin seinen gehöhlten Lagern ruhen. d giebt es einen Unterschied zwischen ästhetischen und wissenschaftlichen Menschen. e Das Unsichere bleibt der Begriff &amp;ldquo;Apperception&amp;rdquo;. So wie wir ihn kennen, ist es kein Begriff der Ästhetik. Vielleicht läßt es sich so darstellen. Wir sagen ich bin ein Mensch ganz ohne Ortsgefühl und komme nach Prag als einer fremden Stadt. Ich will Dir nun schreiben, kenne aber Deine Adresse nicht, ich frage Dich, Du sagst sie mir, ich appercipiere das und brauche Dich niemals mehr zu fragen, Deine Adresse ist für mich etwas &amp;ldquo;Altes&amp;rdquo;, so appercipieren wir die Wissenschaft. Will ich Dich aber besuchen so muß ich bei jeder Ecke und Kreuzung immer, immer fragen, niemals werde ich die Passanten entbehren können, eine Apperception ist hier überhaupt unmöglich. Natürlich ist es möglich daß ich müde werde und ins Kaffeehaus eintrete, das am Wege liegt um mich dort auszuruhn und es ist auch möglich, daß ich den Besuch überhaupt aufgebe, deshalb aber habe ich immer noch nicht appercipiert. &amp;ldquo;So erklärt sich zwanglos&amp;hellip;&amp;rdquo; das darf nicht wundern denn schon vom Anfang an wird vorgreifend alles gezwungen sich an die Apperception zu halten wie an ein Geländer. &amp;ldquo;Aus derselben Theorie erklärt..&amp;rdquo; das ist ein Kunststückchen. Auf diesen Satz folgt nämlich soweit ich es überblicke ihr einziger Beweis, den Du also zuerst und nicht als Folgerung erfahren mußtest. &amp;ldquo;Man hütet sich instinktiv – &amp;quot; der Satz ist ein Verräther&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande" (1906-1909)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/hochzeitsvorbereitungen-auf-dem-lande-1906-1909/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:11:29 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/hochzeitsvorbereitungen-auf-dem-lande-1906-1909/</guid><description>&lt;h2 id="fassung-a"&gt;&amp;ldquo;Fassung A&amp;rdquo;&lt;a class="anchor" href="#fassung-a"&gt;#&lt;/a&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Als Eduard Raban durch den Flurgang kommend, in die Öffnung des Thores trat sah er, daß es regnete. Es regnete wenig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf dem Trottoir gleich vor ihm gab es viele Menschen in verschiedenartigem Schritt. Manchmal trat einer vor und durchquerte die Fahrbahn. Ein kleines Mädchen hielt in den vorgestreckten Händen ein müdes Hündchen. Zwei Herren machten einander Mittheilungen, der eine hielt die Hände mit der innern Fläche nach oben und bewegte sie gleichmäßig als halte er eine Last in Schwebe. Da erblickte man eine Dame, deren Hut viel beladen war mit Bändern, Spangen und Blumen. Und es eilte ein junger Mensch mit dünnem Stock vorüber, die linke Hand als wäre sie gelähmt platt auf der Brust. Ab und zu kamen Männer welche rauchten und kleine aufrechte längliche Wolken vor sich her trugen. Drei Herren – zwei hielten leichte Überröcke auf dem geknickten Unterarm – giengen oft von der Häusermauer zum Rande des Trottoirs vor, betrachteten das was sich dort ereignete und zogen dann sprechend sich wieder zurück.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Beschreibung eines Kampfes" (1904-1911)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/beschreibung-eines-kampfes-1904-1911/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:20:55 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/beschreibung-eines-kampfes-1904-1911/</guid><description>&lt;h2 id="fassung-a"&gt;&amp;ldquo;Fassung A&amp;rdquo;&lt;a class="anchor" href="#fassung-a"&gt;#&lt;/a&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Und die Menschen gehn in Kleidern
schwankend auf dem Kies spazieren
unter diesem großen Himmel,
der von Hügeln in der Ferne
sich zu fernen Hügeln breitet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gegen zwölf Uhr standen schon einige Leute auf, verbeugten sich, reichten einander die Hände, sagten, es wäre sehr schön gewesen und giengen dann durch den großen Thürrahmen ins Vorzimmer, sich anzukleiden. Die Hausfrau stand mitten in dem Zimmer und machte bewegliche Verbeugungen, während ihr Kleid gezierte Falten warf.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Unter meinen Mitschülern…" (1909)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/unter-meinen-mitschuelern-1909/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:44:14 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/unter-meinen-mitschuelern-1909/</guid><description>&lt;p&gt;Unter meinen Mitschülern war ich dumm, doch nicht der dümmste. Und wenn trotzdem das Letztere von einigen meiner Lehrer meinen Eltern und mir gegenüber nicht selten behauptet worden ist, so haben sie es nur in dem Wahne vieler Leute getan, welche glauben, sie hätten die halbe Welt erobert, wenn sie ein so äußerstes Urteil wagen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daß ich aber dumm sei, glaubte man allgemein und wirklich man hatte gute Beweise dafür, die leicht mitgeteilt werden konnten, wenn vielleicht ein Fremder über mich zu belehren war, der anfangs einen nicht üblen Eindruck von mir bekommen hatte und dies vor andern nicht verschwieg.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Diese Wahl…" (1909)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/diese-wahl-1909/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:45:29 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/diese-wahl-1909/</guid><description>&lt;p&gt;Diese Wahl ist sehr begrüßenswert. Ein Mann tritt hiemit tatsächlich in eine ihm auch ideell gebührende Stellung und diese Stellung erhält den für sie notwendigen Mann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dr. Marschners unablässige Arbeitskraft hat ihn zu so weitreichender und in sich so verzweigter Tätigkeit befähigt, daß ihm der Einzelne nicht leicht gerecht werden kann, da er immer nur einen Teil dieser Tätigkeit zu überblicken vermag. Als langjähriger Sekretär der Anstalt kennt Dr. Marschner ihren ganzen Apparat umso besser, als er selbst an dessen Verbesserung beteiligt war, soweit sein Einfluß bisher eben reichte; seine umfassenden advokatorischen Kenntnisse und Fähigkeiten stellt er der Anstalt zur Verfügung; als gründlichen Schriftsteller kennt und schätzt ihn die fachwissenschaftliche Welt; seinen Einfluß auf die Entwürfe der socialen Gesetzgebung der letzten Jahre (besonders der Haftpflichtgesetze) möge man nicht unterschätzen; als Redner ist er vor den großen, internationalen Versicherungskongressen aufgetreten und auch in Prager Vortragssälen hörten wir in Versicherungsfragen von allgemeiner Wichtigkeit und Aktualität seine immer erwünschten, rasch unterrichtenden Ausführungen; als Dozent der technischen Hochschule verwertet er seine sich gegenseitig vervollkommnenden Kenntnisse und Erfahrungen, um die studierende Jugend für die immer dringlicher werdenden Probleme des socialen Versicherungswesens vorzubereiten; er hat den versicherungstechnischen Kurs an der technischen Hochschule eingerichtet und war hiezu besonders geeignet, da er auch Kenner der Versicherungsmathematik ist; sein pädagogisches Talent, das sich im vorigen Jahr im Versicherungskurs der Prager Handelsakademie auch weitern Kreisen zeigte, erfuhr dadurch öffentliche Anerkennung, daß er zum Mitglied der Staatsprüfungskommission ernannt wurde. Wir fassen zusammen: er ist ein Mann, der in allen Gebieten seines Faches sehr nützlich, sehr ausdauernd gearbeitet hat und arbeitet und der mit allen Generationen unserer Zeit in tätiger fachlicher Verbindung lebt.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Kleine Seele" (1909)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/kleine-seele-1909/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:46:41 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/kleine-seele-1909/</guid><description>&lt;p&gt;Kleine Seele&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;springst im Tanze&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;legst in warme Luft den Kopf&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;hebst die Füße aus glänzendem Grase&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;das der Wind in zarte Bewegung treibt&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Wir wußten nicht eigentlich"</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/wir-wussten-nicht-eigentlich/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:48:02 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/wir-wussten-nicht-eigentlich/</guid><description>&lt;p&gt;Wir wußten nicht eigentlich ob wir das Bedürfnis hatten, einen okkulten Zeichner zu sehn. Und wie es geschieht daß ein leicht und unbemerkt seit jeher vorhandenes Bedürfnis unter einer stärker werdenden Aufmerksamkeit fast entlaufen möchte und nur durch eine bald auftretende Wirklichkeit sich auf den ihm gebührenden Platz festgehalten fühlt, so waren wir schon eine lange Zeit unauffällig neugierig gewesen, vor uns eine jener Damen zeichnen zu sehn die aus innern aber fremden Kräften einem eine Blume hoch vom Mond, dann Tiefseepflanzen, dann durch Verzierung zerzogene Köpfe mit großen Frisuren und Helmen und anderes wie sie es eben müssen.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Skizze zur Einleitung für Richard und Samuel" (1911)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/skizze-zur-einleitung-fuer-richard-und-samuel-1911/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:49:11 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/skizze-zur-einleitung-fuer-richard-und-samuel-1911/</guid><description>&lt;p&gt;Samuel kennt wenigstens alle oberflächlichen Absichten und Fähigkeiten Richards durch und durch, da er aber präcis und lückenlos zu denken gewöhnt ist, läßt er sich schon von kleinen wenigstens nicht vollständig erwarteten Unregelmäßigkeiten in den Äußerungen Richards überraschen und sie geben ihm zu denken. Das für Richard Peinliche seiner Freundschaft besteht darin, daß Samuel eine nicht öffentlich ausgesprochene Unterstützung niemals braucht, daher auch eine Unterstützung von seiner Seite schon aus Gerechtigkeitssinn niemals fühlen lassen will und infolgedessen keine Unterordnung in der Freundschaft duldet. Sein unbewußter Grundsatz ist, daß das, was man am Freund z. B. bewundert, nicht eigentlich am Freund, sondern am Mitmenschen bewundert werde und die Freundschaft also schon dort tief unten unter allen Unterschieden anfangen müsse. Dieses kränkt nun Richard, der sich oft gern Samuel ergeben würde, der oft Lust hat, ihm begreiflich zu machen, ein wie ausgezeichneter Mensch er ist, der aber damit nur dann anfangen könnte, wenn er die Erlaubnis voraussähe, niemals damit aufhören zu müssen. Immerhin zieht er aus diesem von Samuel ihm aufgedrungenen Verhältnis den fraglichen Vorteil, im Bewußtsein seiner bisher äußerlich bewahrten Unabhängigkeit sich über Samuel zu erheben, ihn klein werden zu sehn und allerdings nur innerlich Forderungen an ihn zu stellen, während er sonst Samuel gern gebeten hätte, sie gegen ihn zu richten. So hat z. B. das Bedürfnis Samuels nach dem Gelde Richards wenigstens für sein Bewußtsein nichts mit ihrer Freundschaft zu tun, während für Richard schon diese Ansicht etwas Bewunderungswürdiges darstellt, da dieses Geldbedürfnis Samuels ihn einerseits verlegen andererseits aber auch wertvoll macht und beides im Kern seiner Freundschaft. Daher kommt es auch, daß Richard trotz seines langsameren Denkens, eingebettet in die Fülle seiner Unsicherheit Samuel eigentlich richtiger beurteilt, als Samuel ihn, da dieser wenn auch mit guter Kombinationskraft in seinem Urteil auf dem kürzesten Weg ihn am sichersten zu fangen glaubt und nicht wartet, bis er sich zu seiner wahren Gestalt beruhigt. Darum ist Samuel auch der eigentliche Beiseitesprecher und der Zurückweichende in diesem Verhältnis. Er nimmt von der Freundschaft scheinbar immer mehr weg, Richard trägt dagegen von seiner Seite immer mehr zu, so daß die Freundschaft immer weiter rückt undzwar merkwürdiger und doch selbstverständlicher Weise in der Richtung zu Samuel hin, bis sie in Stresa halt macht, wo Richard vor lauter Wohlbefinden müde ist, Samuel dagegen so stark ist, daß er alles kann und Richard sogar umzingelt, bis dann in Paris der letzte von Samuel vorhergesehene, von Richard gar nicht mehr erwartete, daher mit Todeswünschen erlittene Stoß kommt, der die Freundschaft zur endlichen Ruhe bringt. Trotz dieser Stellung, die das äußerlich ausschließen würde, ist Richard der bewußtere in der Freundschaft, wenigstens bis Stresa, denn er hat die Reise mit einer fertigen aber einer falschen, Samuel dagegen mit einer erst allerdings durch lange Zeit hin begonnenen aber wahren Freundschaft angetreten. Dadurch kommt Richard auf der Reise immer tiefer in sich hinein, faßt nachlässiger, mit halben Blicken, aber stärkerem Beziehungsgefühl auf, Samuel dagegen kann und muß aus seinem wahren Innern heraus – es verlangt dies sein Wesen, wie seine Freundschaft – also zweifach angetrieben rasch und richtig sehn und Richard oft förmlich tragen. So bewußt eben bis Stresa Richard, von jedem kleinen Vorfall neuerlich gezwungen, in seiner Freundschaft ist und hierin immer Erklärungen geben könnte, die niemand verlangt und er am wenigsten, denn er hat an den bloßen Erscheinungen seiner sich verändernden Freundschaft genug zu tragen, gegenüber allem übrigen was die Reise sonst mit sich bringt, ist er benommen, verträgt schwer die Veränderungen der Hotels, versteht einfache Zusammenhänge nicht, die ihm vielleicht zuhause keine Mühe machen würden, ist oft sehr ernst, aber durchaus nicht aus Langweile, ja nicht einmal aus dem Verlangen einmal von Samuel auf die Wange geklopft zu werden, hat großes Bedürfnis nach Musik und nach Frauen. Samuel kann nur Französisch, Richard Französisch und Italienisch, hiedurch kommt er in Italien, ohne daß es einer von ihnen darauf angelegt hätte und trotzdem Richard weiß daß das Gegenteil wahrscheinlicher wäre, überall dort wo es sich um Auskünfte handelt in eine Art Dienerstellung zu Samuel. Auch kann Samuel Französisch sehr gut, Richard seine beiden Sprachen nicht vollkommen.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Das ist ein Anblick" (1911)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/das-ist-ein-anblick-1911/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:50:12 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/das-ist-ein-anblick-1911/</guid><description>&lt;p&gt;Das ist ein Anblick, wenn die großen Werke, selbst bei willkürlicher Zerteilung, aus ihrem unzerteilbaren Innern immer wieder leben, dann vielleicht ganz besonders in unsere trüben Augen schlagend. Darum hat jede Einzelausgabe, welche die Aufmerksamkeit ein- für allemal an ein Begrenztes hält, ihr tatsächliches Verdienst, gar wenn sie, wie diese Sammlung Kleist’scher Anekdoten, eine neue Einheit respektiert und so den Umfang des Kleist’schen Werkes förmlich vergrößert. Sie vergrößert ihn selbst dann, wenn wir alle diese Anekdoten schon kennen sollten, was aber zur Freude vieler durchaus nicht der Fall sein muß. Der Kenner wird es natürlich erklären können, warum manche dieser Anekdoten in verschiedenen Gesamtausgaben, selbst in der Tempelausgabe, fehlen; der Nichtkenner wird das nicht verstehn, dafür sich aber desto fester an diesen neuen Text halten, den ihm der Verlag Rohwohlt in klarem Druck und ernsthafter Ausstattung (besonders das etwas getönte Papier scheint uns passend) für die Kleinigkeit von 2 Mark liefert.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Einleitungsvortrag über Jargon" (1912)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/einleitungsvortrag-ueber-jargon-1912/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:51:13 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/einleitungsvortrag-ueber-jargon-1912/</guid><description>&lt;p&gt;Vor den ersten Versen der ostjüdischen Dichter möchte ich Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren noch sagen, wie viel mehr Jargon Sie verstehen als Sie glauben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe nicht eigentlich Sorge um die Wirkung, die für jeden von Ihnen in dem heutigen Abend vorbereitet ist, aber ich will, daß sie gleich frei werde, wenn sie es verdient. Dies kann aber nicht geschehen, solange manche unter Ihnen eine solche Angst vor dem Jargon haben, daß man es fast auf Ihren Gesichtern sieht. Von denen, welche gegen den Jargon hochmütig sind, rede ich gar nicht. Aber Angst vor dem Jargon, Angst mit einem gewissen Widerwillen auf dem Grunde ist schließlich verständlich wenn man will.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Der Dorfschullehrer" (1914-1915)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/der-dorfschullehrer-1914-1915/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:52:02 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/der-dorfschullehrer-1914-1915/</guid><description>&lt;p&gt;Diejenigen, ich gehöre zu ihnen, die schon einen kleinen gewöhnlichen Maulwurf widerlich finden, wären wahrscheinlich vom Widerwillen getötet worden, wenn sie den Riesenmaulwurf gesehen hätten, der vor einigen Jahren in der Nähe eines kleinen Dorfes beobachtet worden ist, das dadurch eine gewisse vorübergehende Berühmtheit erlangt hat. Jetzt ist es allerdings schon längst wieder in Vergessenheit geraten und teilt damit nur die Ruhmlosigkeit der ganzen Erscheinung, die vollständig unerklärt geblieben ist, die man aber zu erklären sich auch nicht sehr bemüht hat und die infolge einer unbegreiflichen Nachlässigkeit jener Kreise, die sich darum hätten kümmern sollen und die sich tatsächlich angestrengt um viel geringfügigere Dinge kümmern, ohne genauere Untersuchung vergessen worden ist. Darin daß das Dorf weit von der Eisenbahn abliegt, kann jedenfalls keine Entschuldigung dafür gefunden werden, viele Leute kamen aus Neugierde von weither, sogar aus dem Ausland, nur diejenigen die mehr als Neugierde hätten zeigen sollen, die kamen nicht. Ja, hätten nicht einzelne ganz einfache Leute, Leute, deren gewöhnliche Tagesarbeit ihnen kaum ein ruhiges Aufatmen gestattete, hätten nicht diese Leute uneigennützig sich der Sache angenommen, das Gerücht von der Erscheinung wäre wahrscheinlich kaum über den nächsten Umkreis hinausgekommen. Es muß zugegeben werden, daß selbst das Gerücht, das sich doch sonst kaum aufhalten läßt, in diesem Falle geradezu schwerfällig war, hätte man es nicht förmlich gestoßen, es hätte sich nicht verbreitet. Aber auch das war gewiß kein Grund sich mit der Sache nicht zu beschäftigen, im Gegenteil, auch diese Erscheinung hätte noch untersucht werden müssen. Statt dessen überließ man die einzige schriftliche Behandlung des Falles dem alten Dorflehrer, der zwar ein ausgezeichneter Mann in seinem Berufe war, aber dessen Fähigkeiten ebenso wenig wie seine Vorbildung es ihm ermöglichten, eine gründliche und weiterhin verwertbare Beschreibung geschweige denn eine Erklärung zu liefern. Die kleine Schrift wurde gedruckt und an die damaligen Besucher des Dorfes viel verkauft, sie fand auch einige Anerkennung, aber der Lehrer war klug genug einzusehn, daß seine vereinzelten von niemand unterstützten Bemühungen im Grunde wertlos waren. Wenn er dennoch in ihnen nicht nachließ und die Sache, trotzdem sie ihrer Natur nach von Jahr zu Jahr verzweifelter wurde, zu seiner Lebensaufgabe machte, so beweist dies einerseits wie groß die Wirkung war welche die Erscheinung ausüben konnte und andererseits welche Ausdauer und Überzeugungstreue sich in einem alten unbeachteten Dorflehrer vorfinden kann. Daß er aber unter der abweisenden Haltung der maßgebenden Persönlichkeiten schwer gelitten hat, beweist ein kleiner Nachtrag, den er seiner Schrift folgen ließ, allerdings erst nach einigen Jahren, also zu einer Zeit, als sich kaum jemand mehr erinnern konnte, um was es sich hier gehandelt hatte. In diesem Nachtrag führt er vielleicht nicht durch Geschicklichkeit aber durch Ehrlichkeit überzeugend Klage über die Verständnislosigkeit, die ihm bei Leuten begegnet ist, wo man sie am wenigsten hätte erwarten sollen. Von diesen Leuten sagt er treffend: &amp;ldquo;Nicht ich, aber sie reden wie alte Dorflehrer. &amp;quot; Und er führt unter anderem den Ausspruch eines Gelehrten an, zu dem er eigens in seiner Sache gefahren ist. Der Name des Gelehrten ist nicht genannt aber aus verschiedenen Nebenumständen läßt sich erraten, wer es gewesen ist. Nachdem der Lehrer große Schwierigkeiten überwunden hatte, um bei dem Gelehrten, bei dem er sich wochenlang vorher angemeldet hatte, überhaupt Einlaß zu erlangen, merkte er schon bei der Begrüßung, daß der Gelehrte in einem unüberwindbaren Vorurteil inbetreff seiner Sache befangen war. In welcher Zerstreutheit er dem langen Bericht des Lehrers zuhörte, den dieser an der Hand seiner Schrift erstattete, zeigte sich in der Bemerkung, die er nach einiger scheinbarer Überlegung machte. &amp;ldquo;Gewiß es gibt verschiedene Maulwürfe, kleine und große. Die Erde ist doch in ihrer Gegend besonders schwarz und schwer. Nun, sie gibt deshalb auch den Maulwürfen besonders fette Nahrung und sie werden ungewöhnlich groß.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Aber so groß doch nicht&amp;rdquo;, rief der Lehrer und maß, in seiner Wut ein wenig übertreibend, zwei Meter an der Wand ab. &amp;ldquo;0 doch&amp;rdquo;, antwortete der Gelehrte, dem das Ganze offenbar sehr spaßhaft vorkam, &amp;ldquo;warum denn nicht&amp;rdquo; Mit diesem Bescheide fuhr der Lehrer nachhause zurück. Er erzählt, wie ihn am Abend im Schneefall auf der Landstraße seine Frau und seine sechs Kinder erwartet hätten und wie er ihnen das endgiltige Mißlingen seiner Hoffnungen bekennen mußte.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Der Unterstaatsanwalt" (1914-1915)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/der-unterstaatsanwalt-1914-1915/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:53:22 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/der-unterstaatsanwalt-1914-1915/</guid><description>&lt;p&gt;(&amp;hellip;) überdrüssig geworden ist, Jagden auf Mißgeburten zu veranstalten, dann wäre allerdings der Bezirksrichter das erste Ziel. Aber sich über ihn zu ärgern ist sinnlos. Darum ärgert sich auch der Unterstaatsanwalt nicht über ihn, er ärgert sich nur über die Dummheit, die einen solchen Menschen auf einen Bezirksrichterposten setzt. Die Dummheit also will Gerechtigkeit üben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist für die persönlichen Verhältnisse des Unterstaatsanwalts an und für sich sehr bedauerlich, daß er nur einen so niedrigen Rang einnimmt, seinem eigentlichen Bestreben aber würde es vielleicht nicht einmal genügen Oberstaatsanwalt zu sein. Er müßte ein noch viel höherer Staatsanwalt werden, um auch nur alle Dummheit die er vor seinen Augen sieht, unter wirksame Anklage setzen zu können. Zur Anklage gegen den Bezirksrichter würde er sich dabei wahrhaftig nicht herablassen, er würde ihn von der Höhe seines Anklägersitzes nicht einmal erkennen. Wohl aber würde er rings herum eine so schöne Ordnung schaffen, daß der Bezirksrichter nicht in ihr bestehen könnte, daß ihm ohne daß er angerührt würde die Knie zu schlottern anfiengen und er schließlich vergehen müßte. Dann wäre es vielleicht auch an der Zeit, den Fall des Unterstaatsanwaltes selbst aus den versperrten Disciplinargerichten in den offenen Gerichtssaal zu bringen. Dann wäre der Unterstaatsanwalt nicht mehr persönlich beteiligt, er hätte kraft höherer Gewalt die ihm angelegten Ketten zerbrochen und könnte nun selbst über sie zu Gericht sitzen. Er stellt sich vor, daß ihm eine mächtige Persönlichkeit vor der Verhandlung ins Ohr flüstert: &amp;ldquo;Jetzt wird Dir Genugtuung zuteil werden.&amp;rdquo; Und nun kommt es zur Verhandlung. Die angeklagten Disciplinarräte lügen natürlich, lügen mit zusammengebissenen Zähnen, lügen so wie nur Leute von Gericht lügen können, wenn die Anklage einmal sie trifft. Aber es ist alles so vorbereitet, daß die Tatsachen selbst alle Lügen von sich abschütteln und sich frei und wahrheitsgemäß vor den Zuhörern entwickeln. Es sind viele Zuhörer da, auf drei Seiten des Saales, nur die Richterbank ist leer, man hat keine Richter gefunden, die Richter drängen sich im engen Raum, wo sonst der Angeklagte steht, und suchen sich vor der leeren Richterbank zu verantworten. Nur der öffentliche Ankläger, der gewesene Unterstaatsanwalt, ist natürlich zugegen und auf seinem gewöhnlichen Platz. Er ist viel ruhiger als sonst, er nickt nur hie und da, alles nimmt den richtigen uhrenmäßigen Gang. Erst jetzt, nachdem der Fall von allen Schriftsätzen, Zeugenaussagen, Verhandlungsprotokollen, Urteilsberatungen und Entscheidungsgründen befreit ist, erkennt man seine sofort überwältigende Einfachheit! Die Angelegenheit selbst liegt etwa fünfzehn Jahre zurück. Der Unterstaatsanwalt war damals in der Residenzstadt, er war als tüchtiger Jurist anerkannt, bei seinen Vorgesetzten sehr beliebt und hatte sogar schon Hoffnung bald vor vielen Mitbewerbern zehnter Staatsanwalt zu werden. Der zweite Staatsanwalt bewies ihm eine besondere Zuneigung und ließ sich von ihm selbst bei nicht ganz unwichtigen Angelegenheiten vertreten. So war es auch bei einem kleinen Majestätsbeleidigungsproceß. Ein Geschäftsangestellter, ein nicht ungebildeter, politisch sehr tätiger Mann hatte in einer Weinstube in halber Trunkenheit das Glas in der Hand eine Majestätsbeleidigung ausgesprochen. Ein wahrscheinlich noch mehr betrunkener Gast am Nebentisch hatte die Anzeige erstattet, er hatte in seiner Betäubung wahrscheinlich gemeint, daß er eine ausgezeichnete Tat ausführe, war sofort um einen Polizeimann gelaufen und glückselig lächelnd mit ihm zurückgekehrt, um ihm den Mann zu übergeben. Später allerdings hielt er an seiner Aussage wenigstens im wichtigsten Teil fest, im übrigen mußte die Majestätsbeleidigung sehr deutlich gewesen sein, denn kein Zeuge konnte sie vollständig leugnen. Ihr Wortlaut aber konnte nicht zweifellos festgestellt werden, die größte Berechtigung hatte die Annahme, daß der Angeklagte mit dem Weinglas auf ein an der Wand hängendes Bild des Königs gezeigt und dabei gesagt hatte: &amp;ldquo;Du Lump dort oben! &amp;quot; Die Schwere dieser Beleidigung wurde nur durch den damaligen teilweise unzurechnungsfähigen Zustand des Angeklagten gemildert sowie dadurch, daß er die Beleidigung in irgendeiner Verbindung mit der Liedzeile: &amp;ldquo;solange noch das Lämpchen glüht&amp;rdquo; vorgebracht und den Sinn des Ausrufes dadurch getrübt hatte. Über die Art der Verbindung zwischen dem Ausruf und dem Lied hatte fast jeder Zeuge eine andere Meinung und der Anzeiger behauptete sogar, ein anderer nicht der Angeklagte habe gesungen. Ungemein erschwerend war für den Angeklagten seine politische Tätigkeit, die es jedenfalls sehr glaubwürdig erscheinen ließ, daß er dessen fähig war, den Ausruf auch bei gänzlicher Nüchternheit und mit vollster Überzeugung zu machen. Der Unterstaatsanwalt erinnert sich sehr genau – er hat ja jene Dinge so oft durchgedacht – wie er jene Anklage fast mit Begeisterung in Angriff nahm, nicht nur weil es ehrenvoll war, einen Majestätsbeleidigungsproceß zu führen sondern weil er den Angeklagten und seine Sache aufrichtig haßte. Da stand ein politischer Streber, dem der ehrliche Beruf eines Geschäftsangestellten nicht genügte, wahrscheinlich weil er ihm die Mittel für Weingelage zu liefern nicht imstande war, ein Mensch mit einer riesenhaften Kinnlade die von einer kräftigen Muskulatur auch riesenhaft bewegt wurde, ein geborener Volksredner der selbst den Untersuchungsrichter anschrie, in diesem Fall leider eine nervöse aufgeregte Natur. Die Untersuchung, welcher der Unterstaatsanwalt aus Interesse an der Sache öfters beigewohnt hatte, war eine fortwährende Zänkerei. Einmal sprang der Untersuchungsrichter auf, das andere Mal der Verhörte und einer donnerte den andern an. Dies wirkte natürlich ungünstig auf die Ergebnisse der Untersuchung ein und als der Unterstaatsanwalt auf diesen Ergebnissen die Anklage aufbauen sollte, mußte er viel Arbeit und Scharfsinn aufwenden, um sie genügend stichhaltig zu machen. Er arbeitete Nächte durch, aber mit Freude. Es waren damals schöne Frühjahrsnächte, das Haus in dessen Erdgeschoß der Unterstaatsanwalt wohnte hatte einen kleinen zwei Schritte breiten Vorgarten, war der Unterstaatsanwalt von der Arbeit ermüdet oder verlangten die sich drängenden Gedanken Ruhe und Sammlung, dann kletterte er aus dem Fenster in den Vorgarten und gieng dort auf und ab oder lehnte mit geschlossenen Augen am Gartengitter. Er hat sich damals nicht geschont, er arbeitete die ganze Anklage mehreremal um, manche Teile zehn- und zwanzigmal. Außerdem häufte sich das für die Hauptverhandlung vorbereitete Material in fast undurchdringlicher Fülle. &amp;ldquo;Gebe Gott daß ich dieses alles fassen und verwerten kann&amp;rdquo;, war in den Nächten seine ständige Bitte. Mit der Anklage selbst hielt er seine Arbeit nur zum geringsten Teile für beendet, darum sah er auch das Lob des zweiten Staatsanwalts, mit dem ihm dieser die Anklageschrift nach genauer Prüfung zurückgab, nicht als Lohn sondern nur als Aufmunterung an, und dieses Lob war groß und es kam überdies von einem strengen, wortkargen Mann. Es lautete, wie es der Unterstaatsanwalt in seinen spätern Eingaben oft wiederholte, ohne allerdings den zweiten Staatsanwalt dazu bewegen zu können, sich daran zu erinnern: &amp;ldquo;Dieses Heft, mein lieber Kollega, enthält nicht nur die Anklage, es enthält aller menschlichen Voraussicht nach auch Ihre Ernennung zum zehnten Staatsanwalt.&amp;rdquo; Und als der Unterstaatsanwalt bescheiden schwieg, fügte der zweite Staatsanwalt hinzu: &amp;ldquo;Vertrauen Sie mir.&amp;rdquo; Zur Hauptverhandlung gieng der Unterstaatsanwalt fest und ruhig. Niemand im Saal kannte alle Feinheiten und Beziehungen der Prozeßsache so wie er. Der Verteidiger war ungefährlich, ein dem Unterstaatsanwalt gut bekanntes, immer schreiendes aber wenig scharfsinniges Männchen. An dem Tag war er gewiß nicht einmal sehr kampflustig, er verteidigte, weil er verteidigen mußte, weil es um ein Mitglied seiner politischen Partei gieng, weil sich vielleicht Gelegenheit zu Tiraden ergeben würde, weil die Parteipresse auf den Fall ein wenig aufmerksam war, aber Hoffnung seinen Klienten durchzubringen hatte er nicht. Der Unterstaatsanwalt erinnert sich noch, wie er diesem Verteidiger kurz vor Beginn der Verhandlung mit schwer unterdrücktem Lächeln zusah; unfähig sich zu beherrschen, wie dieser Verteidiger überhaupt war, warf er auf seinem Tisch alles durcheinander, riß Blätter aus seinen Schriften und wie mit einem Windhauch waren sie sofort mit Notizen bedeckt, unter dem Tisch klapperten inzwischen seine kleinen Füßchen und jeden Augenblick strich er, ohne es zu wissen, mit ängstlicher Bewegung über seine Glatze, als suche er dort irgendwelche Verletzungen. Er schien dem Unterstaatsanwalt ein unwürdiger Gegner zu sein. Als er gleich bei Beginn der Verhandlung aufhüpfte und mit häßlicher pfeifender Stimme den Antrag gestellt hatte, die Verhandlung möge in öffentlicher Sitzung stattfinden, erhob sich der Unterstaatsanwalt fast schwerfällig von seinem Sitz. Alles war so klar und durchdacht, es war als mischten sich alle Leute ringsherum in eine ihm allein gehörige Sache, eine Sache die er ihrem Wesen gemäß in sich selbst zu Ende führen könnte ohne Richter und Verteidiger und ohne Angeklagten.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Ein junger ehrgeiziger Student" (1914-1915)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/ein-junger-ehrgeiziger-student-1914-1915/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:56:11 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/ein-junger-ehrgeiziger-student-1914-1915/</guid><description>&lt;p&gt;Ein junger ehrgeiziger Student, der sich für den Fall der Pferde von Elberfeld sehr interessiert und alles was über diesen Gegenstand im Druck erschienen war genau gelesen und überdacht hatte, entschloß sich auf eigene Faust Versuche in dieser Richtung anzustellen und die Sache von vornherein ganz anders und nach seiner Meinung unvergleichlich richtiger anzufassen als seine Vorgänger. Seine Geldmittel allerdings waren an sich unzureichend, um ihm Versuche im großen Ausmaße zu ermöglichen, und wenn das erste Pferd, das er für seine Versuche ankaufen wollte, sich als starrköpfig erweisen würde, was selbst bei angestrengtester Arbeit erst nach Wochen festgestellt werden kann, so hätte er für längere Zeit keine Aussicht gehabt, mit neuen Versuchen zu beginnen. Doch war er dadurch nicht übermäßig geängstigt, weil nach seiner Methode wahrscheinlich jede Starrköpfigkeit überwunden werden konnte. Jedenfalls gieng er seiner vorsichtigen Natur entsprechend schon bei der Berechnung des Aufwandes, der ihm erwachsen würde, und der Mittel die er aufbringen könnte, ganz planmäßig vor. Den Betrag, den er während des Studiums zum knappen Lebensunterhalt benötigte, hatten ihm bisher seine Eltern, arme Geschäftsleute in der Provinz, regelmäßig jeden Monat geschickt, auf diese Unterstützung gedachte er auch weiterhin nicht zu verzichten, trotzdem er natürlich sein Studium, welches die Eltern von der Ferne mit großen Hoffnungen verfolgten, unbedingt aufgeben mußte, wenn er auf dem neuen Gebiet, das er jetzt betreten würde, die erwarteten großen Erfolge erzielen wollte. Daran daß die Eltern für diese Arbeiten Verständnis haben oder ihn etwa gar darin fördern würden, war nicht zu denken, er mußte ihnen also seine Absichten, so peinlich ihm das war, verschweigen und sie in dem Glauben erhalten, daß er in seinem bisherigen Studium regelmäßig fortschreite. Diese Täuschung seiner Eltern war nur eines der Opfer, die er sich zum Nutzen der Sache auferlegen wollte. Zur Deckung der voraussichtlich großen Kosten, welche für seine Arbeiten erforderlich sein würden, konnte der Beitrag der Eltern nicht genügen. Der Student wollte daher von nun ab den größten Teil des Tages, der bisher seinem Studium gedient hatte, zur Erteilung von privaten Unterrichtsstunden verwenden. Der größte Teil der Nacht aber sollte der eigentlichen Arbeit dienen. Nicht nur weil er durch seine ungünstigen äußern Verhältnisse dazu gezwungen war, wählte der Student die Nachtzeit für den Unterricht des Pferdes aus, auch die neuen Grundsätze, die er in den Unterricht der Pferde einführen wollte, verwiesen ihn auf die Nacht aus verschiedenen Gründen. Auch die kürzeste Ablenkung der Aufmerksamkeit des Pferdes bedeutete seiner Meinung nach für den Unterricht einen unheilbaren Schaden, davor war er in der Nacht möglichst sicher. Die Reizbarkeit, von der Mensch und Tier, wenn sie in der Nacht wachen und arbeiten, ergriffen werden, war in seinem Plan ausdrücklich verlangt. Er fürchtete nicht wie andere Sachverständige die Wildheit des Pferdes, er forderte sie vielmehr, ja er wollte sie erzeugen, zwar nicht durch die Peitsche aber durch das Reizmittel seiner unablässigen Anwesenheit und des unablässigen Unterrichts. Er behauptete im richtigen Unterricht der Pferde dürfe es keine einzelnen Fortschritte geben, einzelne Fortschritte, deren sich in der letzten Zeit verschiedene Pferdeliebhaber so übermäßig rühmten, seien nichts anderes als entweder Erzeugnisse der Einbildung der Erzieher oder aber, was noch schlimmer sei, das deutlichste Zeichen daß es zu einem allgemeinen Fortschritt niemals kommen werde. Er selbst wollte sich vor nichts anderem so hüten als vor der Erzielung einzelner Fortschritte, die Genügsamkeit seiner Vorgänger die mit dem Gelingen kleiner Rechenkunststücke schon etwas erreicht zu haben glaubten, erschien ihm unbegreiflich, es war so als wenn man in der Kindererziehung damit einsetzen wollte, daß man dem Kind, gleichgültig ob es gegen die ganze Menschenwelt blind, taub und gefühllos war, nichts anderes als das kleine Einmaleins einbläute. Das war alles so töricht und die Fehler der andern Pferdeerzieher erschienen ihm manchmal so abschreckend grell, daß er dann sogar Verdacht gegen sich selbst faßte, denn es war ja fast unmöglich, daß ein Einzelner, überdies ein unerfahrener Einzelner, den nur eine unüberprüfte aber allerdings tiefe und geradezu wilde Überzeugung vorwärtstrieb, gegenüber allen Kennern Recht behalten sollte.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>"Blumfeld ein älterer Junggeselle" (1915)</title><link>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/blumfeld-ein-aelterer-junggeselle-1915/</link><pubDate>Fri, 05 Nov 2004 12:57:19 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/unpublished-1897-1915/blumfeld-ein-aelterer-junggeselle-1915/</guid><description>&lt;p&gt;Blumfeld ein älterer Junggeselle stieg eines Abends zu seiner Wohnung hinauf, was eine mühselige Arbeit war, denn er wohnte im sechsten Stock. Während des Hinaufsteigens dachte er, wie öfters in der letzten Zeit daran, daß dieses vollständig einsame Leben recht lästig sei, daß er jetzt diese sechs Stockwerke förmlich im Geheimen hinaufsteigen müsse um oben in seinem leeren Zimmer anzukommen, dort wieder förmlich im Geheimen den Schlafrock anzuziehn, die Pfeife anzustecken, in der französischen Zeitschrift, die er schon seit Jahren abonniert hatte, ein wenig zu lesen, dazu an einem von ihm selbst bereiteten Kirschenschnaps zu nippen und schließlich nach einer halben Stunde zu Bett zu gehn, nicht, ohne vorher das Bettzeug vollständig umordnen zu müssen, das die jeder Belehrung unzugängliche Bedienerin immer nach ihrer Laune hinwarf. Irgend ein Begleiter, irgendein Zuschauer für diese Tätigkeiten wäre Blumfeld sehr willkommen gewesen. Er hatte schon überlegt, ob er sich nicht einen kleinen Hund anschaffen solle. Ein solches Tier ist lustig und vor allem dankbar und treu; ein Kollege von Blumfeld hat einen solchen Hund, er schließt sich niemandem an, außer seinem Herrn, und hat er ihn paar Augenblicke nicht gesehn, empfängt er ihn gleich mit großem Bellen, womit er offenbar seine Freude darüber ausdrücken will, seinen Herrn, diesen außerordentlichen Wohltäter wieder gefunden zu haben. Allerdings hat ein Hund auch Nachteile. Selbst wenn er noch so reinlich gehalten wird, verunreinigt er das Zimmer. Das ist gar nicht zu vermeiden, man kann ihn nicht jedesmal, ehe man ihn ins Zimmer hineinnimmt, in heißem Wasser baden, auch würde das seine Gesundheit nicht vertragen. Unreinlichkeit in seinem Zimmer aber verträgt wieder Blumfeld nicht, die Reinheit seines Zimmers ist ihm etwas Unentbehrliches, mehrmals in der Woche hat er mit der in diesem Punkte leider nicht sehr peinlichen Bedienerin Streit. Da sie schwerhörig ist, zieht er sie gewöhnlich am Arm zu jenen Stellen des Zimmers, wo er an der Reinlichkeit etwas auszusetzen hat. Durch diese Strenge hat er es erreicht, daß die Ordnung im Zimmer annähernd seinen Wünschen entspricht. Mit der Einführung eines Hundes würde er aber geradezu den bisher so sorgfältig abgewehrten Schmutz freiwillig in sein Zimmer leiten. Flöhe, die ständigen Begleiter der Hunde würden sich einstellen. Waren aber einmal Flöhe da, dann war auch der Augenblick nicht mehr fern, an dem Blumfeld sein behagliches Zimmer dem Hund überlassen und ein anderes Zimmer suchen würde. Unreinlichkeit war aber nur ein Nachteil der Hunde. Hunde werden auch krank und Hundekrankheiten versteht doch eigentlich niemand. Dann hockt dieses Tier in einem Winkel oder hinkt herum, winselt, hüstelt, würgt an irgendeinem Schmerz, man umwickelt es mit einer Decke, pfeift ihm etwas vor, schiebt ihm Milch hin, kurz pflegt es in der Hoffnung, daß es sich, wie dies ja auch möglich ist, um ein vorübergehendes Leiden handelt, indessen aber kann es eine ernsthafte widerliche und ansteckende Krankheit sein. Und selbst wenn der Hund gesund bleibt, so wird er doch später einmal alt, man hat sich nicht entschließen können das treue Tier rechtzeitig wegzugeben und es kommt dann die Zeit, wo einen das eigene Alter aus den tränenden Hundeaugen anschaut. Dann muß man sich aber mit dem halbblinden, lungenschwachen, vor Fett fast unbeweglichen Tier quälen und damit die Freuden, die der Hund früher gemacht hat, teuer bezahlen. So gern Blumfeld einen Hund jetzt hätte, so will er doch lieber noch dreißig Jahre allein die Treppe hinaufsteigen, statt später von einem solchen alten Hund belästigt zu werden, der noch lauter seufzend als er selbst sich neben ihm von Stufe zu Stufe hinaufschleppt.&lt;/p&gt;</description></item></channel></rss>