<?xml version="1.0" encoding="utf-8" standalone="yes"?><rss version="2.0" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"><channel><title>The Castle on The Kafka Project</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/</link><description>Recent content in The Castle on The Kafka Project</description><generator>Hugo</generator><language>en</language><lastBuildDate>Thu, 04 Nov 2004 20:05:41 +0000</lastBuildDate><atom:link href="https://www.kafka.org/works/castle/index.xml" rel="self" type="application/rss+xml"/><item><title>1. Ankunft</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/1-ankunft/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 17:54:26 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/1-ankunft/</guid><description>&lt;p&gt;Es war spät abend als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehn, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke die von der Landstraße zum Dorf führt und blickte in die scheinbare Leere empor.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dann gieng er ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war man noch wach, der Wirt hatte zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er wollte, von dem späten Gast äußerst überrascht und verwirrt, K. in der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafen lassen, K. war damit einverstanden. Einige Bauern saßen noch beim Bier aber er wollte sich mit niemandem unterhalten, holte selbst den Strohsack vom Dachboden und legte sich in der Nähe des Ofens hin. Warm war es, die Bauern waren still, ein wenig prüfte er sie noch mit den müden Augen, dann schlief er ein.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>2. Barnabas</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/2-barnabas/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 17:55:25 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/2-barnabas/</guid><description>&lt;p&gt;Sie saßen dann zudritt ziemlich schweigsam in der Wirtsstube beim Bier, an einem kleinen Tischchen, K. in der Mitte, rechts und links die Gehilfen. Sonst war nur ein Tisch mit Bauern besetzt, ähnlich wie am Abend vorher. &amp;ldquo;Es ist schwer mit Euch&amp;rdquo;, sagte K. und verglich wie schon öfters ihre Gesichter, &amp;ldquo;wie soll ich Euch denn unterscheiden. Ihr unterscheidet Euch nur durch die Namen, sonst seid Ihr Euch ähnlich wie&amp;rdquo; – er stockte, unwillkürlich fuhr er dann fort – &amp;ldquo;sonst seid Ihr Euch ja ähnlich wie Schlangen. &amp;quot; Sie lächelten. &amp;ldquo;Man unterscheidet uns sonst gut&amp;rdquo;, sagten sie zur Rechtfertigung. &amp;ldquo;Ich glaube es&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;ich war ja selbst Zeuge dessen, aber ich sehe nur mit meinen Augen und mit denen kann ich Euch nicht unterscheiden. Ich werde Euch deshalb wie einen einzigen Mann behandeln und beide Artur nennen, so heißt doch einer von Euch, Du etwa? – &amp;quot; fragte K. den einen. &amp;ldquo;Nein&amp;rdquo;, sagte dieser, &amp;ldquo;ich heiße Jeremias.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Gut, es ist ja gleichgültig&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;ich werde Euch beide Artur nennen. Schicke ich Artur irgendwohin so geht Ihr beide, gebe ich Artur eine Arbeit, so macht Ihr sie beide, das hat zwar für mich den großen Nachteil, daß ich Euch nicht für gesonderte Arbeit verwenden kann, aber dafür den Vorteil, daß Ihr für alles was ich Euch auftrage, gemeinsam ungeteilt die Verantwortung tragt. Wie Ihr unter Euch die Arbeit aufteilt ist mir gleichgültig, nur ausreden dürft Ihr Euch nicht aufeinander, Ihr seid für mich ein einziger Mann. &amp;quot; Sie überlegten das und sagten: &amp;ldquo;Das wäre uns recht unangenehm.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Wie denn nicht&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;natürlich muß Euch das unangenehm sein, aber es bleibt so. &amp;quot; Schon ein Weilchen lang hatte K. einen der Bauern den Tisch umschleichen sehn, endlich entschloß er sich, gieng auf einen Gehilfen zu und wollte ihm etwas zuflüstern. &amp;ldquo;Verzeiht&amp;rdquo;, sagte K., schlug mit der Hand auf den Tisch und stand auf, &amp;ldquo;dies sind meine Gehilfen und wir haben jetzt eine Besprechung. Niemand hat das Recht uns zu stören. &amp;quot; &amp;ldquo;Oh bitte, oh bitte&amp;rdquo;, sagte der Bauer ängstlich und ging rücklings zu seiner Gesellschaft zurück. &amp;ldquo;Dieses müßt Ihr vor allem beachten&amp;rdquo;, sagte K. dann wieder sitzend, &amp;ldquo;Ihr dürft mit niemandem ohne meine Erlaubnis sprechen. Ich bin hier ein Fremder und wenn Ihr meine alten Gehilfen seid, dann seid auch Ihr Fremde. Wir drei Fremde müssen deshalb zusammenhalten, reicht mir darauf hin Euere Hände. &amp;quot; Allzu bereitwillig streckten sie sie K. entgegen. &amp;ldquo;Laßt Euch die Pratzen&amp;rdquo;, sagte er, &amp;ldquo;mein Befehl aber gilt. Ich werde jetzt schlafen gehn und auch Euch rate ich das zu tun. Heute haben wir einen Arbeitstag versäumt, morgen muß die Arbeit sehr frühzeitig beginnen. Ihr müßt einen Schlitten zur Fahrt ins Schloß verschaffen und um sechs Uhr hier vor dem Haus mit ihm bereitstehn. &amp;quot; &amp;ldquo;Gut&amp;rdquo;, sagte der eine. Der andere aber fuhr dazwischen: &amp;ldquo;Du sagst: Gut und weißt doch daß es nicht möglich ist. &amp;laquo; &amp;ldquo;Ruhe&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;Ihr wollt wohl anfangen, Euch von einander zu unterscheiden. &amp;quot; Doch nun sagte auch schon der erste: &amp;ldquo;Er hat recht, es ist unmöglich, ohne Erlaubnis darf kein Fremder ins Schloß. &amp;quot; &amp;ldquo;Wo muß man um die Erlaubnis ansuchen?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Ich weiß nicht, vielleicht beim Kastellan. &amp;quot; &amp;ldquo;Dann werden wir dort telephonisch ansuchen, telephoniert sofort an den Kastellan, beide. &amp;quot; Sie liefen zum Apparat, erlangten die Verbindung – wie sie sich dort drängten, im Äußerlichen waren sie lächerlich folgsam – und fragten an ob K. mit ihnen morgen ins Schloß kommen dürfe. Das &amp;ldquo;Nein&amp;rdquo; der Antwort hörte K. bis zu seinem Tisch, die Antwort war aber noch ausführlicher, sie lautete: &amp;ldquo;weder morgen noch ein anderesmal.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Ich werde selbst telephonieren&amp;rdquo;, sagte K. und stand auf. Während K. und seine Gehilfen bisher, abgesehen von dem Zwischenfall des einen Bauern, wenig beachtet worden waren, erregte seine letzte Bemerkung allgemeine Aufmerksamkeit. Alle erhoben sich mit K. und trotzdem sie der Wirt zurückzudrängen suchte gruppierten sie sich beim Apparat in engem Halbkreis um ihn. Es überwog unter ihnen die Meinung, daß K. gar keine Antwort bekommen werde. K. mußte sie bitten ruhig zu sein, er verlange nicht ihre Meinungen zu hören.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>3. Frieda</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/3-frieda/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 17:56:09 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/3-frieda/</guid><description>&lt;p&gt;Im Ausschank, einem großen, in der Mitte völlig leeren Zimmer, saßen an den Wänden, bei Fässern und auf ihnen, einige Bauern, die aber anders aussahen als die Leute in K.’s Wirtshaus. Sie waren reinlicher und einheitlich in graugelblichen groben Stoff gekleidet, die Jacken waren gebauscht, die Hosen anliegend. Es waren kleine, auf den ersten Blick einander sehr ähnliche Männer mit flachen knochigen und doch rundwangigen Gesichtern. Alle waren ruhig und bewegten sich kaum, nur mit den Blicken verfolgten sie die Eintretenden, aber langsam und gleichgültig. Trotzdem übten sie, weil es so viele waren und weil es so still war, eine gewisse Wirkung auf K. aus. Er nahm wieder Olgas Arm, um damit den Leuten sein Hiersein zu erklären. In einer Ecke erhob sich ein Mann, ein Bekannter Olgas, und wollte auf sie zugehn, aber K. drehte sie mit dem eingehängten Arm in eine andere Richtung, niemand außer ihr konnte es bemerken, sie duldete es mit einem lächelnden Seitenblick.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>4. Erstes Gespräch mit der Wirtin</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/4-erstes-gespraech-mit-der-wirtin/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 17:56:59 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/4-erstes-gespraech-mit-der-wirtin/</guid><description>&lt;p&gt;Er hätte gern mit Frieda vertraulich gesprochen aber die Gehilfen, mit denen übrigens Frieda hie und da auch scherzte und lachte, hinderten ihn daran durch ihre bloße aufdringliche Gegenwart. Anspruchsvoll waren sie allerdings nicht, sie hatten sich in einer Ecke auf dem Boden auf zwei alten Frauenröcken eingerichtet, es war, wie sie mit Frieda öfters besprachen, ihr Ehrgeiz den Herrn Landvermesser nicht zu stören und möglichst wenig Raum zu brauchen, sie machten in dieser Hinsicht, immer freilich unter Lispeln und Kichern, verschiedene Versuche, verschränkten Arme und Beine, kauerten sich gemeinsam zusammen, in der Dämmerung sah man in ihrer Ecke nur ein großes Knäuel. Trotzdem aber wußte man leider aus den Erfahrungen bei Tageslicht, daß es sehr aufmerksame Beobachter waren, immer zu K. herüberstarrten, sei es auch daß sie in scheinbar kindlichem Spiel etwa ihre Hände als Fernrohre verwendeten und ähnlichen Unsinn trieben oder auch nur herüberblinzelten und hauptsächlich mit der Pflege ihrer Bärte beschäftigt schienen, an denen ihnen sehr viel gelegen war und die sie unzähligemal der Länge und Fülle nach miteinander verglichen und von Frieda beurteilen ließen. Oft sah K. von seinem Bett aus dem Treiben der Drei in völliger Gleichgültigkeit zu.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>5. Beim Vorsteher</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/5-beim-vorsteher/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 17:57:54 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/5-beim-vorsteher/</guid><description>&lt;p&gt;Die Besprechung mit dem Vorsteher machte K. fast zu seiner eigenen Verwunderung wenig Sorgen. Er suchte es sich dadurch zu erklären, daß nach seinen bisherigen Erfahrungen der amtliche Verkehr mit den gräflichen Behörden für ihn sehr einfach gewesen war. Das lag einerseits daran, daß hinsichtlich der Behandlung seiner Angelegenheiten offenbar ein für alle Mal ein bestimmter, äußerlich ihm sehr günstiger Grundsatz ausgegeben worden war und andererseits lag es an der bewunderungswürdigen Einheitlichkeit des Dienstes, die man besonders dort wo sie scheinbar nicht vorhanden war als eine besonders vollkommene ahnte. K. war, wenn er manchmal nur an diese Dinge dachte, nicht weit davon entfernt, seine Lage zufriedenstellend zu finden, trotzdem er sich immer nach solchen Anfällen des Behagens schnell sagte, daß gerade darin die Gefahr lag. Der direkte Verkehr mit Behörden war ja nicht allzu schwer, denn die Behörden hatten, so gut sie auch organisiert sein mochten, immer nur im Namen entlegener unsichtbarer Herren entlegene unsichtbare Dinge zu verteidigen, während K. für etwas lebendigst Nahes kämpfte, für sich selbst, überdies zumindest in der allerersten Zeit aus eigenem Willen, denn er war der Angreifer, und nicht nur er kämpfte für sich, sondern offenbar noch andere Kräfte, die er nicht kannte, aber an die er nach den Maßnahmen der Behörden glauben konnte. Dadurch nun aber, daß die Behörden K. von vorherein in unwesentlicheren Dingen – um mehr hatte es sich bisher nicht gehandelt – weit entgegenkamen, nahmen sie ihm die Möglichkeit kleiner leichter Siege und mit dieser Möglichkeit auch die zugehörige Genugtuung und die aus ihr sich ergebende gut begründete Sicherheit für weitere größere Kämpfe. Statt dessen ließen sie K., allerdings nur innerhalb des Dorfes, überall durchgleiten, wo er wollte, verwöhnten und schwächten ihn dadurch, schalteten hier überhaupt jeden Kampf aus und verlegten ihn dafür in das außeramtliche, völlig unübersichtliche, trübe, fremdartige Leben. Auf diese Weise konnte es, wenn er nicht immer auf der Hut war, wohl geschehn, daß er eines Tages trotz aller Liebenswürdigkeit der Behörden und trotz der vollständigen Erfüllung aller so übertrieben leichten amtlichen Verpflichtungen, getäuscht durch die ihm erwiesene scheinbare Gunst sein sonstiges Leben so unvorsichtig führte, daß er hier zusammenbrach, und die Behörde, noch immer sanft und freundlich, gleichsam gegen ihren Willen aber im Namen irgendeiner ihm unbekannten öffentlichen Ordnung, kommen mußte, um ihn aus dem Weg zu räumen. Und was war es eigentlich hier, jenes sonstige Leben? Nirgends noch hatte K. Amt und Leben so verflochten gesehen wie hier, so verflochten, daß es manchmal scheinen konnte, Amt und Leben hätten ihre Plätze gewechselt. Was bedeutete z. B. die bis jetzt nur formelle Macht welche Klamm über K.’s Dienst ausübte, verglichen mit der Macht die Klamm in K.’s Schlafkammer in aller Wirklichkeit hatte. So kam es, daß hier ein etwas leichtsinnigeres Verfahren, eine gewisse Entspannung nur direkt gegenüber den Behörden am Platze war, während sonst aber immer große Vorsicht nötig war, ein Herumblicken nach allen Seiten vor jedem Schritt.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>6. Zweites Gespräch mit der Wirtin</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/6-zweites-gespraech-mit-der-wirtin/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 17:58:48 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/6-zweites-gespraech-mit-der-wirtin/</guid><description>&lt;p&gt;Vor dem Wirtshaus erwartete ihn der Wirt. Ohne gefragt zu werden, hätte er nicht zu sprechen gewagt, deshalb fragte ihn K., was er wolle. &amp;ldquo;Hast Du schon eine neue Wohnung?&amp;rdquo; fragte der Wirt, zu Boden sehend. &amp;ldquo;Du fragst im Auftrag Deiner Frau&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;Du bist wohl sehr abhängig von ihr?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Nein&amp;rdquo;, sagte der Wirt, &amp;ldquo;ich frage nicht in ihrem Auftrag. Aber sie ist sehr aufgeregt und unglücklich Deinetwegen, kann nicht arbeiten, liegt im Bett und seufzt und klagt fortwährend.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Soll ich zu ihr gehn?&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Ich bitte Dich darum&amp;rdquo;, sagte der Wirt, &amp;ldquo;ich wollte Dich schon vom Vorsteher holen, horchte dort an der Tür, aber Ihr wart im Gespräch, ich wollte nicht stören, auch hatte ich Sorge wegen meiner Frau, lief wieder zurück, sie ließ mich aber nicht zu sich, so blieb mir nichts übrig als auf Dich zu warten. &amp;quot; &amp;ldquo;Dann komm also schnell&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;ich werde sie bald beruhigen. &amp;quot; &amp;ldquo;Wenn es nur gelingen wollte&amp;rdquo;, sagte der Wirt.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>7. Der Lehrer</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/7-der-lehrer/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 17:59:39 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/7-der-lehrer/</guid><description>&lt;p&gt;Oben traf K. den Lehrer. Das Zimmer war erfreulicher Weise kaum wiederzuerkennen, so fleißig war Frieda gewesen. Es war gut gelüftet worden, der Ofen reichlich geheizt, der Fußboden gewaschen, das Bett geordnet, die Sachen der Mägde, dieser hassenswerte Unrat, einschließlich ihrer Bilder waren verschwunden, der Tisch, der einem früher, wohin man sich auch wendete, mit seiner schmutzüberkrusteten Platte förmlich nachgestarrt hatte, war mit einer weißen gestrickten Decke überzogen. Nun konnte man schon Gäste empfangen, daß K.’s kleiner Wäschevorrat, den Frieda offenbar früh gewaschen hatte, beim Ofen zum Trocknen ausgehängt war, störte wenig. Der Lehrer und Frieda waren bei Tisch gesessen, sie erhoben sich bei K.’s Eintritt, Frieda begrüßte K. mit einem Kuß, der Lehrer verbeugte sich ein wenig. K., zerstreut und noch in der Unruhe des Gespräches mit der Wirtin, begann sich zu entschuldigen, daß er den Lehrer bisher noch nicht hatte besuchen können, es war so als nehme er an, der Lehrer hätte ungeduldig wegen K.’s Ausbleiben nun selbst den Besuch gemacht. Der Lehrer aber in seiner gemessenen Art schien sich nun erst selbst langsam zu erinnern, daß einmal zwischen ihm und K. eine Art Besuch verabredet worden war. &amp;ldquo;Sie sind ja, Herr Landvermesser&amp;rdquo;, sagte er langsam, &amp;ldquo;der Fremde, mit dem ich vor paar Tagen auf dem Kirchplatz gesprochen habe. &amp;quot; &amp;ldquo;Ja&amp;rdquo;, sagte K. kurz; was er damals in seiner Verlassenheit geduldet hatte, mußte er hier in seinem Zimmer sich nicht gefallen lassen. Er wandte sich an Frieda und beriet sich mit ihr wegen eines wichtigen Besuches den er sofort zu machen habe und bei dem er möglichst gut angezogen sein müsse. Frieda rief sofort, ohne K. weiter auszufragen, die Gehilfen, die gerade mit der Untersuchung der neuen Tischdecke beschäftigt waren, und befahl ihnen K.’s Kleider und Stiefel, die er gleich auszuziehn begann, unten im Hof sorgfältig zu putzen. Sie selbst nahm ein Hemd von der Schnur und lief in die Küche hinunter um es zu bügeln.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>8. Das Warten auf Klamm</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/8-das-warten-auf-klamm/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:00:33 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/8-das-warten-auf-klamm/</guid><description>&lt;p&gt;Zunächst war K. froh, dem Gedränge der Mägde und Gehilfen in dem warmen Zimmer entgangen zu sein. Auch fror es ein wenig, der Schnee war fester, das Gehen leichter. Nur fing es freilich schon zu dunkeln an und er beschleunigte die Schritte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Schloß, dessen Umrisse sich schon aufzulösen begannen, lag still wie immer, niemals noch hatte K. dort das geringste Zeichen von Leben gesehn, vielleicht war es gar nicht möglich aus dieser Ferne etwas zu erkennen und doch verlangten es die Augen und wollten die Stille nicht dulden. Wenn K. das Schloß ansah, so war ihm manchmal, als beobachte er jemanden, der ruhig dasitze und vor sich hinsehe, nicht etwa in Gedanken verloren und dadurch gegen alles abgeschlossen, sondern frei und unbekümmert; so als sei er allein und niemand beobachte ihn; und doch mußte er merken, daß er beobachtet wurde, aber es rührte nicht im Geringsten an seine Ruhe und wirklich – man wußte nicht war es Ursache oder Folge – die Blicke des Beobachters konnten sich nicht festhalten und glitten ab. Dieser Eindruck wurde heute noch verstärkt durch das frühe Dunkel, je länger er hinsah, desto weniger erkannte er, desto tiefer sank alles in Dämmerung.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>9. Kampf gegen das Verhör</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/9-kampf-gegen-das-verhoer-1/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:38:54 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/9-kampf-gegen-das-verhoer-1/</guid><description>&lt;p&gt;Und er riß sich los und ging ins Haus zurück, diesmal nicht an der Mauer entlang, sondern mitten durch den Schnee, traf im Flur den Wirt, der ihn stumm grüßte und auf die Tür des Ausschanks zeigte, folgte dem Wink, weil ihn fror und weil er Menschen sehen wollte, war aber sehr enttäuscht, als er dort an einem Tischchen, das wohl eigens hingestellt worden war, denn sonst begnügte man sich dort mit Fässern, den jungen Herrn sitzen und vor ihm – ein für K. bedrückender Anblick – die Wirtin aus dem Brückengasthaus stehen sah. Pepi, stolz, mit zurückgeworfenem Kopf, ewig gleichem Lächeln, ihrer Würde unwiderlegbar sich bewußt, schwenkend den Zopf bei jeder Wendung, eilte hin und wieder, brachte Bier und dann Tinte und Feder, denn der Herr hatte Papiere vor sich ausgebreitet, verglich Daten, die er einmal in diesem, dann wieder einmal in einem Papiere am andern Ende des Tisches fand, und wollte nun schreiben. Die Wirtin von ihrer Höhe überblickte still mit ein wenig aufgestülpten Lippen wie ausruhend den Herrn und die Papiere, so als habe sie schon alles Nötige gesagt und es sei gut aufgenommen worden. &amp;ldquo;Der Herr Landvermesser, endlich&amp;rdquo;, sagte der Herr bei K.’s Eintritt mit kurzem Aufschauen, dann vertiefte er sich wieder in seine Papiere. Auch die Wirtin streifte K. nur mit einem gleichgültigen, gar nicht überraschten Blick. Pepi aber schien K. überhaupt erst zu bemerken, als er zum Ausschankpult trat und einen Kognak bestellte.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>9. Kampf gegen das Verhör</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/9-kampf-gegen-das-verhoer/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:02:21 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/9-kampf-gegen-das-verhoer/</guid><description/></item><item><title>10. Auf der Straße</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/10-auf-der-strasse/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:39:42 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/10-auf-der-strasse/</guid><description>&lt;p&gt;K. trat auf die wild umwehte Freitreppe hinaus und blickte in die Finsternis. Ein böses, böses Wetter. Irgendwie im Zusammenhang damit fiel ihm ein, wie sich die Wirtin bemüht hatte ihn dem Protokoll gefügig zu machen, wie er aber standgehalten hatte. Es war freilich keine offene Bemühung, im Geheimen hatte sie ihn gleichzeitig vom Protokoll fortgezerrt, schließlich wußte man nicht ob man standgehalten oder nachgegeben hatte. Eine intrigante Natur, scheinbar sinnlos arbeitend wie der Wind, nach fernen fremden Aufträgen, in die man nie Einsicht bekam.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>11. In der Schule</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/11-in-der-schule/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:40:33 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/11-in-der-schule/</guid><description>&lt;p&gt;Ganz durchfroren kam er zuhause an, es war überall finster, die Kerzen in den Laternen waren niedergebrannt, von den Gehilfen geführt, die sich hier schon auskannten, tastete er sich in ein Schulzimmer durch – &amp;ldquo;Euere erste lobenswerte Leistung&amp;rdquo;, sagte er in Erinnerung an Klamms Brief – noch halb im Schlaf rief aus einer Ecke Frieda: &amp;ldquo;Laßt K. schlafen! Stört ihn doch nicht!&amp;rdquo; so beschäftigte K. ihre Gedanken, selbst wenn sie von Schläfrigkeit überwältigt ihn nicht hatte erwarten können. Nun wurde Licht gemacht, allerdings konnte die Lampe nicht stark aufgedreht werden, denn es war nur sehr wenig Petroleum da. Die junge Wirtschaft hatte noch verschiedene Mängel. Eingeheizt war zwar, aber das große Zimmer, das auch zum Turnen verwendet wurde – die Turngeräte standen herum und hingen von der Decke herab – hatte schon alles vorrätige Holz verbraucht, war auch, wie man K. versicherte, schon sehr angenehm warm gewesen, aber leider wieder ganz ausgekühlt. Es war zwar ein großer Holzvorrat in einem Schupfen vorhanden, dieser Schupfen aber war versperrt und den Schlüssel hatte der Lehrer, der eine Entnahme des Holzes nur für das Heizen während der Unterrichtsstunden gestattete. Das wäre erträglich gewesen, wenn man Betten gehabt hätte um sich in sie zu flüchten. Aber in dieser Hinsicht war nichts anderes da, als ein einziger Strohsack, anerkennenswert reinlich mit einem wollenen Umhängetuch Friedas überzogen, aber ohne Federbett und nur mit zwei groben steifen Decken, die kaum wärmten. Und selbst diesen armen Strohsack sahen die Gehilfen begehrlich an, aber Hoffnung auf ihm jemals liegen zu dürfen, hatten sie natürlich nicht. Ängstlich blickte Frieda K. an; daß sie ein Zimmer und sei es das elendste wohnlich einzurichten verstand, hatte sie ja im Brückenhof bewiesen, aber hier hatte sie nicht mehr leisten können, ganz ohne Mittel, wie sie gewesen war. &amp;ldquo;Unser einziger Zimmerschmuck sind die Turngeräte&amp;rdquo;, sagte sie unter Tränen mühselig lächelnd. Aber hinsichtlich der größten Mängel, der ungenügenden Schlafgelegenheit und Heizung versprach sie mit Bestimmtheit schon für den nächsten Tag Abhilfe und bat K. nur bis dahin Geduld zu haben. Kein Wort, keine Andeutung, keine Miene ließ darauf schließen, daß sie gegen K. auch nur die kleinste Bitterkeit im Herzen trug, trotzdem er doch, wie er sich sagen mußte, sie sowohl aus dem Herrenhof als auch jetzt aus dem Brückenhof gerissen hatte. Deshalb bemühte sich aber K. alles erträglich zu finden, was ihm auch gar nicht so schwer war, weil er in Gedanken mit Barnabas wanderte und seine Botschaft Wort für Wort wiederholte, aber nicht so wie er sie Barnabas übergeben hatte, sondern so wie er glaubte, daß sie vor Klamm erklingen werde. Daneben aber freute er sich allerdings auch aufrichtig auf den Kaffee, den ihm Frieda auf einem Spiritusbrenner kochte und verfolgte an dem erkaltenden Ofen lehnend ihre flinken vielerfahrenen Bewegungen, mit denen sie auf dem Kathedertisch die unvermeidliche weiße Decke ausbreitete, eine geblümte Kaffeetasse hinstellte, daneben Brot und Speck und sogar eine Sardinenbüchse. Nun war alles fertig, auch Frieda hatte noch nicht gegessen, sondern auf K. gewartet. Zwei Sessel waren vorhanden, dort saßen K. und Frieda beim Tisch, die Gehilfen zu ihren Füßen auf dem Podium, aber sie blieben niemals ruhig, auch beim Essen störten sie; trotzdem sie reichlich von allem bekommen hatten und noch lange nicht fertig waren, erhoben sie sich von Zeit zu Zeit, um festzustellen, ob noch viel auf dem Tisch war und sie noch einiges für sich erwarten konnten. K. kümmerte sich um sie nicht, erst durch Friedas Lachen wurde er auf sie aufmerksam. Er bedeckte ihre Hand auf dem Tischschmeichelnd mit seiner und fragte leise, warum sie ihnen so vieles nachsehe, ja sogar Unarten freundlich hinnehme. Auf diese Weise werde man sie niemals loswerden, während man es durch eine gewissermaßen kräftige, ihrem Benehmen auch wirklich entsprechende Behandlung erreichen könnte, entweder sie zu zügeln oder was noch wahrscheinlicher und auch besser wäre, ihnen die Stellung so zu verleiden, daß sie endlich durchbrennen würden. Es scheine ja kein sehr angenehmer Aufenthalt hier im Schulhaus werden zu wollen, nun er werde ja auch nicht lange dauern, aber von allen Mängeln würde man kaum etwas merken, wenn die Gehilfen fort wären und sie zwei allein wären in dem stillen Haus. Merke sie denn nicht auch daß die Gehilfen frecher würden von Tag zu Tag, so als ermutige sie eigentlich erst Friedas Gegenwart und die Hoffnung daß K. vor ihr nicht so fest zugreifen werde, wie er es sonst tun würde. Übrigens gäbe es vielleicht ganz einfache Mittel sie sofort ohne alle Umstände los zu werden, vielleicht kenne sie sogar Frieda, die doch mit den hiesigen Verhältnissen so vertraut sei. Und den Gehilfen selbst tue man doch wahrscheinlich nur einen Gefallen, wenn man sie irgendwie vertreibe, denn groß sei ja das Wohlleben nicht, das sie hier führen und selbst das Faulenzen, das sie bisher genossen hatten, werde ja hier wenigstens zum Teil aufhören, denn sie würden arbeiten müssen, während Frieda nach den Aufregungen der letzten Tage sich schonen müsse und er, K., damit beschäftigt sein werde einen Ausweg aus ihrer Notlage zu finden. Jedoch werde er, wenn die Gehilfen fortgehen sollten, dadurch sich so erleichtert fühlen, daß er leicht alle Schuldienerarbeit neben allem sonstigen werde ausführen können.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>12. Die Gehilfen</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/12-die-gehilfen/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:41:20 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/12-die-gehilfen/</guid><description>&lt;p&gt;Kaum waren alle fort, sagte K. zu den Gehilfen: &amp;ldquo;Geht hinaus! &amp;quot; Verblüfft durch diesen unerwarteten Befehl folgten sie, aber als K. hinter ihnen die Tür zusperrte, wollten sie wieder zurück, winselten draußen und klopften an die Tür. &amp;ldquo;Ihr seid entlassen&amp;rdquo;, rief K., &amp;ldquo;niemals mehr nehme ich Euch in meine Dienste. &amp;quot; Das wollten sie sich nun freilich nicht gefallen lassen und hämmerten mit Händen und Füßen gegen die Tür. &amp;ldquo;Zurück zu Dir, Herr!&amp;rdquo; riefen sie, als wäre K. das trockene Land und sie daran in der Flut zu versinken. Aber K. hatte kein Mitleid, ungeduldig wartete er, bis der unerträgliche Lärm den Lehrer zwingen werde, einzugreifen. Es geschah bald. &amp;ldquo;Lassen Sie Ihre verfluchten Gehilfen ein! &amp;quot; schrie er. &amp;ldquo;Ich habe sie entlassen&amp;rdquo;, schrie K. zurück, es hatte die ungewollte Nebenwirkung dem Lehrer zu zeigen, wie es ausfiel, wenn jemand kräftig genug war, nicht nur zu kündigen, sondern auch die Kündigung auszuführen. Der Lehrer versuchte nun die Gehilfen gütlich zu beruhigen, sie sollten hier nur ruhig warten, schließlich werde K. sie doch wieder einlassen müssen. Dann ging er. Und es wäre nun vielleicht still geblieben, wenn nicht K. ihnen wieder zuzurufen angefangen hätte, daß sie nun endgiltig entlassen seien und nicht die geringste Hoffnung auf Wiederaufnahme hätten. Daraufhin begannen sie wieder zu lärmen wie zuvor. Wieder kam der Lehrer, aber nun verhandelte er nicht mehr mit ihnen, sondern trieb sie, offenbar mit dem gefürchteten Rohrstab, aus dem Haus.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>13. Hans</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/13-hans/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:42:08 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/13-hans/</guid><description>&lt;p&gt;Nach einem Weilchen klopfte es leise. &amp;ldquo;Barnabas! &amp;quot; schrie K., warf den Besen hin und war mit einigen Sätzen bei der Tür. Über den Namen mehr als über alles andere erschrocken, sah ihn Frieda an. Mit den unsicheren Händen konnte K. das alte Schloß nicht gleich öffnen. &amp;ldquo;Ich öffne schon&amp;rdquo;, wiederholte er immerfort, statt zu fragen, wer denn eigentlich klopfe. Und mußte dann zusehn, wie durch die weit aufgerissene Tür nicht Barnabas hereinkam, sondern der kleine Junge, der schon früher einmal K. hatte ansprechen wollen. K. hatte aber keine Lust sich an ihn zu erinnern. &amp;ldquo;Was willst Du denn hier?&amp;rdquo; sagte er, &amp;ldquo;unterrichtet wird nebenan.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Ich komme von dort&amp;rdquo;, sagte der Junge und sah mit seinen großen braunen Augen ruhig zu K. auf, stand aufrecht da, die Arme eng am Leib. &amp;ldquo;Was willst Du also? Schnell! &amp;quot; sagte K. und beugte sich ein wenig hinab, denn der Junge sprach leise. &amp;ldquo;Kann ich Dir helfen?&amp;rdquo; fragte der Junge. &amp;ldquo;Er will uns helfen&amp;rdquo;, sagte K. zu Frieda und dann zum Jungen: &amp;ldquo;Wie heißt Du denn?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Hans Brunswick&amp;rdquo;, sagte der Junge, &amp;ldquo;Schüler der vierten Klasse, Sohn des Otto Brunswick, Schustermeisters in der Madeleinegasse. &amp;quot; &amp;ldquo;Sieh mal, Brunswick heißt Du&amp;rdquo;, sagte K. und war nun freundlicher zu ihm. Es stellte sich heraus, daß Hans durch die blutigen Striemen, welche die Lehrerin in K.’s Hand eingekratzt hatte, so erregt worden war, daß er sich damals entschlossen hatte K. beizustehn. Eigenmächtig war er jetzt auf die Gefahr großer Strafe hin aus dem Schulzimmer nebenan wie ein Deserteur weggeschlichen. Es mochten vor allem solche knabenhafte Vorstellungen sein, die ihn beherrschten. Ihnen entsprechend war auch der Ernst, der aus allem sprach, was er tat. Nur anfänglich hatte ihn Schüchternheit behindert, bald aber gewöhnte er sich an K. und Frieda und als er dann heißen guten Kaffee zu trinken bekommen hatte war er lebhaft und zutraulich geworden und seine Fragen waren eifrig und eindringlich, so als wolle er möglichst schnell das Wichtigste erfahren um dann selbstständig für K. und Frieda Entschlüsse fassen zu können. Es war auch etwas Befehlshaberisches in seinem Wesen, aber es war mit kindlicher Unschuld so gemischt, daß man sich ihm halb aufrichtig halb scherzend gern unterwarf. Jedenfalls nahm er alle Aufmerksamkeit für sich in Anspruch, alle Arbeit hatte aufgehört, das Frühstück zog sich sehr in die Länge. Trotzdem er in der Schulbank saß, K. oben auf dem Kathedertisch, Frieda auf einem Sessel nebenan, sah es aus, als sei Hans der Lehrer, als prüfe er und beurteile die Antworten, ein leichtes Lächeln um seinen weichen Mund schien anzudeuten, daß er wohl wisse, es handle sich nur um ein Spiel, aber desto ernsthafter war er im übrigen bei der Sache, vielleicht war es auch gar kein Lächeln, sondern das Glück der Kindheit, das die Lippen umspielte. Auffallend spät erst hatte er zugegeben, daß er K. schon kannte, seitdem dieser einmal bei Lasemann eingekehrt war. K. war glücklich darüber. &amp;ldquo;Du spieltest damals zu Füßen der Frau?&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Ja&amp;rdquo;, sagte Hans, &amp;ldquo;es war meine Mutter. &amp;quot; Und nun mußte er von seiner Mutter erzählen, aber er tat es nur zögernd und erst auf wiederholte Aufforderung, es zeigte sich nun doch, daß er ein kleiner Junge war, aus dem zwar manchmal besonders in seinen Fragen, vielleicht im Vorgefühl der Zukunft, vielleicht aber auch nur infolge der Sinnestäuschung des unruhig-gespannten Zuhörers fast ein energischer kluger weitblickender Mann zu sprechen schien, der dann aber gleich darauf ohne Übergang nur ein Schuljunge war, der manche Fragen gar nicht verstand, andere mißdeutete, der in kindlicher Rücksichtslosigkeit zu leise sprach, trotzdem er oft auf den Fehler aufmerksam gemacht worden war und der schließlich wie aus Trotz gegenüber manchen dringenden Fragen vollkommen schwieg, undzwar ganz ohne Verlegenheit, wie es ein Erwachsener niemals könnte. Es war überhaupt, wie wenn seiner Meinung nach nur ihm das Fragen erlaubt sei, durch das Fragen der andern aber irgendeine Vorschrift durchbrochen und Zeit verschwendet würde. Er konnte dann lange Zeit stillsitzen mit aufrechtem Körper, gesenktem Kopf, aufgeworfener Unterlippe. Frieda gefiel das so, daß sie ihm öfters Fragen stellte, von denen sie hoffte, daß sie ihn auf diese Weise verstummen lassen würden. Es gelang ihr auch manchmal, aber K. ärgerte es. Im Ganzen erfuhr man wenig, die Mutter war ein wenig kränklich, aber was für eine Krankheit es war, blieb unbestimmt, das Kind, das Frau Brunswick auf dem Schooß gehabt hatte, war Hansens Schwester und hieß Frieda (die Namensgleichheit mit der ihn ausfragenden Frau nahm Hans unfreundlich auf), sie wohnten alle im Dorf, aber nicht bei Lasemann, sie waren dort nur zu Besuch gewesen um gebadet zu werden, weil Lasemann das große Schaffhatte, in dem zu baden und sich herumzutreiben den kleinen Kindern, zu denen aber Hans nicht gehörte, ein besonderes Vergnügen machte; von seinem Vater sprach Hans ehrfurchtsvoll oder ängstlich, aber nur wenn nicht gleichzeitig von der Mutter die Rede war, gegenüber der Mutter war des Vaters Wert offenbar klein, übrigens blieben alle Fragen über das Familienleben wie immer man auch heranzukommen suchte unbeantwortet, vom Gewerbe des Vaters erfuhr man daß er der größte Schuster des Ortes war, keiner war ihm gleich, wie öfters auch auf ganz andere Fragen hin wiederholt wurde, er gab sogar den andern Schustern, z. B. auch dem Vater des Barnabas Arbeit, in diesem letzternFall tat es Brunswick wohl nur aus besonderer Gnade, wenigstens deutete dies die stolze Kopfwendung Hansens an, welche Frieda veranlaßte zu ihm hinunterzuspringen und ihm einen Kuß zu geben. Die Frage, ob er schon im Schloß gewesen sei, beantwortete er erst nach vielen Wiederholungen undzwar mit &amp;gt;Nein&amp;lt;, die gleiche Frage hinsichtlich der Mutter beantwortete er gar nicht. Schließlich ermüdete K., auch ihm schien das Fragen unnütz, er gab darin dem Jungen recht, auch war darin etwas Beschämendes, auf dem Umweg über das unschuldige Kind Familiengeheimnisse ausforschen zu wollen, doppelt beschämend allerdings war, daß man auch hier nichts erfuhr. Und als dann K. zum Abschluß den Jungen fragte, worin er denn zu helfen sich anbiete, wunderte er sich nicht mehr zu hören, daß Hans nur hier bei der Arbeit helfen wolle, damit der Lehrer und die Lehrerin mit K. nicht mehr so zankten. K. erklärte Hans, daß eine solche Hilfe nicht nötig sei, Zanken gehöre wohl zu des Lehrers Natur und man werde wohl auch durch genaueste Arbeit sich kaum davor schützen können, die Arbeit selbst sei nicht schwer und nur infolge zufälliger Umstände sei er mit ihr heute im Rückstand, übrigens wirke auf K. dieses Zanken nicht so wie auf einen Schüler, er schüttele es ab, es sei ihm fast gleichgültig, auch hoffe er dem Lehrer sehr bald völlig entgehn zu können. Da es sich also nur um Hilfe gegen den Lehrer gehandelt habe, danke er dafür bestens und Hans könne wieder zurückgehn, hoffentlich werde er noch nicht bestraft werden. Trotzdem es K. gar nicht betonte und nur unwillkürlich andeutete, daß es nur die Hilfe gegenüber dem Lehrer sei, die er nicht brauche, während er die Frage nach anderer Hilfe offen ließ, hörte es Hans doch klar heraus und fragte, ob K. vielleicht andere Hilfe brauche, sehr gerne würde er ihm helfen und wenn er es selbst nicht imstande wäre, würde er seine Mutter darum bitten und dann würde es gewiß gelingen. Auch wenn der Vater Sorgen hat, bittet er die Mutter um Hilfe. Und die Mutter habe auch schon einmal nach K. gefragt, sie selbst gehe kaum aus dem Haus, nur ausnahmsweise sei sie damals bei Lasemann gewesen, er, Hans, aber gehe öfters hin, um mit Lasemanns Kindern zu spielen und da habe ihn die Mutter einmal gefragt, ob dort vielleicht wieder einmal der Landvermesser gewesen sei. Nun dürfe man die Mutter, weil sie so schwach und müde sei, nicht unnütz ausfragen und so habe er nur einfach gesagt, daß er den Landvermesser dort nicht gesehen habe und weiter sei davon nicht gesprochen worden; als er ihn nun aber hier in der Schule gefunden habe, habe er ihn ansprechen müssen, damit er der Mutter berichten könne. Denn das habe die Mutter am liebsten, wenn man ohne ausdrücklichen Befehl ihre Wünsche erfüllt. Darauf sagte K. nach kurzer Überlegung, er brauche keine Hilfe, er habe alles was er benötige, aber es sei sehr lieb von Hans daß er ihm helfen wolle und er danke ihm für die gute Absicht, es sei ja möglich, daß er später einmal etwas brauchen werde, dann werde er sich an ihn wenden, die Adresse habe er ja. Dagegen könne vielleicht er, K., diesmal ein wenig helfen, es tue ihm leid, daß Hansens Mutter kränkle und offenbar niemand hier das Leiden verstehe; in einem solchen vernachlässigten Falle kann oft eine schwere Verschlimmerung eines an sich leichten Leidens eintreten. Nun habe er, K., einige medicinische Kenntnisse und was noch mehr wert sei, Erfahrung in der Krankenbehandlung. Manches was Ärzten nicht gelungen sei, sei ihm geglückt. Zuhause habe man ihn wegen seiner Heilwirkung immer das bittere Kraut genannt. Jedenfalls würde er gern Hansens Mutter ansehn und mit ihr sprechen. Vielleicht könnte er einen guten Rat geben, schon um Hansens Willen täte er es gern. Hansens Augen leuchteten bei diesem Angebot zuerst auf, verführten K. dazu dringlicher zu werden, aber das Ergebnis war unbefriedigend, denn Hans sagte auf verschiedene Fragen, und war dabei nicht einmal sehr traurig, zur Mutter dürfe kein fremder Besuch kommen, weil sie sehr schonungsbedürftig sei; trotzdem doch K. damals kaum mit ihr gesprochen habe, sei sie nachher einige Tage im Bett gelegen, was freilich öfters geschehe. Der Vater habe sich damals aber über K. sehr geärgert und er würde gewiß niemals erlauben, daß K. zur Mutter komme, ja er habe damals K. aufsuchen wollen, um ihn wegen seines Benehmens zu strafen, nur die Mutter habe ihn davon zurückgehalten. Vor allem aber wolle die Mutter selbst im allgemeinen mit niemandem sprechen und ihre Frage nach K. bedeute keine Ausnahme von der Regel, im Gegenteil, gerade gelegentlich seiner Erwähnung hätte sie den Wunsch aussprechen können, ihn zu sehn, aber sie habe dies nicht getan und damit deutlich ihren Willen geäußert. Sie wolle nur von K. hören, aber mit ihm sprechen wolle sie nicht. Übrigens sei es gar keine eigentliche Krankheit, woran sie leide, sie wisse sehr wohl die Ursache ihres Zustandes und manchmal deute sie sie auch an, es sei wahrscheinlich die Luft hier, die sie nicht vertrage, aber sie wolle doch auch wieder den Ort nicht verlassen, des Vaters und der Kinder wegen, auch sei es schon besser als es früher gewesen war. Das war es etwa, was K. erfuhr; die Denkkraft Hansens steigerte sich sichtlich, da er seine Mutter vor K. schützen sollte, vor K., dem er angeblich hatte helfen wollen; ja zu dem guten Zwecke, K. von der Mutter abzuhalten, widersprach er in manchem sogar seinen eigenen früheren Aussagen, z. B. hinsichtlich der Krankheit. Trotzdem aber merkte K. auch jetzt, daß Hans ihm noch immer gutgesinnt war, nur vergaß er über der Mutter alles andere; wen immer man gegenüber der Mutter aufstellte, er kam gleich ins Unrecht, jetzt war es K. gewesen, aber es konnte z. B. auch der Vater sein. K. wollte dieses Letztere versuchen und sagte, es sei gewiß sehr vernünftig vom Vater, daß er die Mutter vor jeder Störung so behüte und wenn er, K., damals etwas ähnliches nur geahnt hätte, hätte er gewiß die Mutter nicht anzusprechen gewagt und er lasse jetzt noch nachträglich zuhause um Entschuldigung bitten. Dagegen könne er nicht ganz verstehn, warum der Vater, wenn die Ursache des Leidens so klargestellt sei, wie Hans sage, die Mutter zurückhalte sich in anderer Luft zu erholen; man müsse sagen, daß er sie zurückhalte, denn sie gehe nur der Kinder- und seinetwegen nicht fort, die Kinder aber könnte sie mitnehmen, sie müßte ja nicht für lange Zeit fortgehn und auch nicht sehr weit; schon oben auf dem Schloßberg sei die Luft ganz anders. Die Kosten eines solchen Ausfluges müsse der Vater nicht fürchten, er sei ja der größte Schuster im Ort und gewiß habe auch er oder die Mutter Verwandte oder Bekannte im Schloß, die sie gern aufnehmen würden. Warum lasse er sie nicht fort? Er möge ein solches Leiden nicht unterschätzen, K. habe ja die Mutter nur flüchtig gesehn, aber eben ihre auffallende Blässe und Schwäche habe ihn dazu bewogen sie anzusprechen, schon damals habe er sich gewundert, daß der Vater in der schlechten Luft des allgemeinen Bade- und Waschraums die kranke Frau gelassen und sich auch in seinen lauten Reden keine Zurückhaltung auferlegt habe. Der Vater wisse wohl nicht um was es sich handle, mag sich auch das Leiden in der letzten Zeit vielleicht gebessert haben, ein solches Leiden hat Launen, aber schließlich kommt es doch, wenn man es nicht bekämpft, mit gesammelter Kraft und nichts kann dann mehr helfen. Wenn K. schon nicht mit der Mutter sprechen könne, wäre es doch vielleicht gut, wenn er mit dem Vater sprechen und ihn auf dies alles aufmerksam machen würde.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>14. Friedas Vorwurf</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/14-friedas-vorwurf/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:42:53 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/14-friedas-vorwurf/</guid><description>&lt;p&gt;Es war höchste Zeit, daß Hans weggegangen war, denn kurz darauf riß der Lehrer die Tür auf und schrie, als er K. und Frieda ruhig bei Tisch sitzen sah: &amp;ldquo;Verzeiht die Störung! Aber sagt mir, wann wird endlich hier aufgeräumt sein. Wir müssen drüben zusammengepfercht sitzen, der Unterricht leidet, Ihr aber dehnt und streckt Euch hier im großen Turnzimmer und um noch mehr Platz zu haben, habt Ihr auch noch die Gehilfen weggeschickt. Jetzt aber steht wenigstens gefälligst auf und rührt Euch! &amp;quot; Und nur zu K.: &amp;ldquo;Du holst mir jetzt das Gabelfrühstück aus dem Brückenhof. &amp;quot; Das alles war wütend geschrien, aber die Worte waren verhältnismäßig sanft, selbst das an sich grobe Du. K. war sofort bereit zu folgen, nur um den Lehrer auszuhorchen sagte er: &amp;ldquo;Ich bin doch gekündigt. &amp;quot; &amp;ldquo;Gekündigt oder nicht gekündigt, hol mir das Gabelfrühstück&amp;rdquo;, sagte der Lehrer. &amp;ldquo;Gekündigt oder nicht gekündigt, das eben will ich wissen&amp;rdquo;, sagte K. &amp;ldquo;Was schwätzt Du?&amp;rdquo; sagte der Lehrer, &amp;ldquo;Du hast doch die Kündigung nicht angenommen. &amp;quot; &amp;ldquo;Das genügt um sie unwirksam zu machen?&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Mir nicht&amp;rdquo;, sagte der Lehrer, &amp;ldquo;das darfst Du mir glauben, wohl aber dem Gemeindevorsteher, unbegreiflicher Weise. Nun aber lauf, sonst fliegst Du wirklich hinaus. &amp;quot; K. war zufrieden, der Lehrer hatte also mit dem Gemeindevorsteher inzwischen gesprochen, oder vielleicht gar nicht gesprochen sondern nur des Gemeindevorstehers voraussichtliche Meinung sich zurechtgelegt und diese lautete zu K.’s Gunsten. Nun wollte K. gleich um das Gabelfrühstück eilen, aber noch aus dem Gang rief ihn der Lehrer wieder zurück, sei es daß er die Dienstwilligkeit K.’s durch diesen besonderen Befehl nur hatte erproben wollen, um sich danach weiterhin richten zu können, sei es daß er nun wieder neue Lust zum Kommandieren bekam und es ihn freute, K. eilig laufen und dann auf seinen Befehl hin wie einen Kellner ebenso eilig wieder wenden zu lassen. K. seinerseits wußte, daß er durch allzugroßes Nachgeben sich zum Sklaven und Prügeljungen des Lehrers machen würde, aber bis zu einer gewissen Grenze wollte er jetzt die Launen des Lehrers geduldig hinnehmen, denn wenn ihm auch der Lehrer, wie sich gezeigt hatte, rechtmäßig nicht kündigen konnte, qualvoll bis zum Unerträglichen konnte er die Stellung gewiß machen. Aber gerade an dieser Stellung lag jetzt K. mehr als früher. Das Gespräch mit Hans hatte ihm neue, zugegebenermaßen unwahrscheinliche, völlig grundlose, aber nicht mehr zu vergessende Hoffnungen gemacht, sie verdeckten sogar fast Barnabas. Wenn er ihnen nachging, und er konnte nicht anders, so mußte er alle seine Kraft darauf sammeln, sich um nichts anderes sorgen, nicht um das Essen, die Wohnung, die Dorfbehörden, ja selbst um Frieda nicht, und im Grunde handelte es sich ja nur um Frieda, denn alles andere kümmerte ihn ja nur mit Bezug auf sie. Deshalb mußte er diese Stellung, welche Frieda einige Sicherheit gab, zu behalten suchen, und es durfte ihn nicht reuen, im Hinblick auf diesen Zweck mehr vom Lehrer zu dulden, als er sonst zu dulden über sich gebracht hätte. Das alles war nicht allzu schmerzlich, es gehörte in die Reihe der fortwährenden kleinen Leiden des Lebens, es war nichts im Vergleich zu dem was K. erstrebte und er war nicht hergekommen um ein Leben in Ehren und Frieden zu führen.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>15. Bei Amalia</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/15-bei-amalia/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:44:03 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/15-bei-amalia/</guid><description>&lt;p&gt;Endlich – es war schon dunkel, später Nachmittag – hatte K. den Gartenweg freigelegt, den Schnee zu beiden Seiten des Weges hochgeschichtet und festgeschlagen und war nun mit der Arbeit des Tages fertig. Er stand am Gartentor, im weiten Umkreis allein. Den Gehilfen hatte er vor Stunden schon vertrieben, eine große Strecke gejagt, dann hatte sich der Gehilfe irgendwo zwischen Gärtchen und Hütten versteckt, war nicht mehr aufzufinden gewesen und auch seitdem nicht wieder hervorgekommen. Frieda war zuhause und wusch entweder schon die Wäsche oder noch immer Gisas Katze; es war ein Zeichen großen Vertrauens seitens Gisas gewesen, daß sie Frieda diese Arbeit übergeben hatte, eine allerdings unappetitliche und unpassende Arbeit, deren Übernahme K. gewiß nicht geduldet hätte, wenn es nicht sehr ratsam gewesen wäre, nach den verschiedenen Dienstversäumnissen jede Gelegenheit zu benützen, durch die man sich Gisa verpflichten konnte. Gisa hatte wohlgefällig zugesehn, wie K. die kleine Kinderwanne vom Dachboden gebracht hatte, wie Wasser gewärmt wurde und wie man schließlich vorsichtig die Katze in die Wanne hob. Dann hatte Gisa die Katze sogar völlig Frieda überlassen, denn Schwarzer, K.’s Bekannter vom ersten Abend war gekommen, hatte K. mit einer Mischung von Scheu, zu welcher an jenem Abend der Grund gelegt worden war, und unmäßiger Verachtung, wie sie einem Schuldiener gebürte, begrüßt und hatte sich dann mit Gisa in das andere Schulzimmer begeben. Dort waren die zwei noch immer. Wie man im Brückenhof K. erzählt hatte, lebte Schwarzer, der doch ein Kastellanssohn war, aus Liebe zu Gisa schon lange im Dorfe, hatte es durch seine Verbindungen erreicht, daß er von der Gemeinde zum Hilfslehrer ernannt worden war, übte aber dieses Amt hauptsächlich in der Weise aus, daß er fast keine Unterrichtsstunde Gisas versäumte, entweder in der Schulbank zwischen den Kindern saß oder, lieber, am Podium zu Gisas Füßen. Es störte gar nicht mehr, die Kinder hatten sich schon längst daran gewöhnt und dies vielleicht um so leichter, als Schwarzer weder Zuneigung noch Verständnis für Kinder hatte, kaum mit ihnen sprach, nur den Turnunterricht von Gisa übernommen hatte und im übrigen damit zufrieden war in der Nähe, in der Luft, in der Wärme Gisas zu leben. Sein größtes Vergnügen war es neben Gisa zu sitzen und mit ihr Schulhefte zu korrigieren. Auch heute waren sie damit beschäftigt, Schwarzer hatte einen großen Stoß Hefte gebracht, der Lehrer gab ihnen immer auch die seinen, und solange es noch hell gewesen war, hatte K. die zwei an einem Tischchen beim Fenster arbeiten gesehn, Kopf an Kopf, unbeweglich, jetzt sah man dort nur zwei Kerzen flackern. Es war eine ernste schweigsame Liebe, welche die zwei verband, den Ton gab eben Gisa an, deren schwerfälliges Wesen zwar manchmal, wild geworden, alle Grenzen durchbrach, die aber etwas Ähnliches bei andern zu anderer Zeit niemals geduldet hätte, so mußte sich auch der lebhafte Schwarzer fügen, langsam gehn, langsam sprechen, viel schweigen, aber er wurde für alles, das sah man, reichlich belohnt durch Gisas einfache stille Gegenwart. Dabei liebte ihn Gisa vielleicht gar nicht, jedenfalls gaben ihre runden grauen, förmlich niemals blinzelnden, eher in den Pupillen scheinbar sich drehenden Augen auf solche Fragen keine Antwort, nur daß sie Schwarzer ohne Widerspruch duldete sah man, aber die Ehrung von einem Kastellanssohn geliebt zu werden, verstand sie gewiß nicht zu würdigen und ihren vollen üppigen Körper trug sie unverändert ruhig dahin, ob Schwarzer ihr mit den Blicken folgte oder nicht. Schwarzer dagegen brachte ihr das ständige Opfer, daß er im Dorfe blieb; Boten des Vaters, die ihn öfters abholen kamen, fertigte er so empört ab, als sei schon die kurze von ihnen verursachte Erinnerung an das Schloß und an seine Sohnespflicht, eine empfindliche, nicht zu ersetzende Störung seines Glückes. Und doch hatte er eigentlich reichlich freie Zeit, denn Gisa zeigte sich ihm im allgemeinen nur während der Unterrichtsstunden und beim Heftekorrigieren, dies freilich nicht aus Berechnung, sondern weil sie die Bequemlichkeit und deshalb das Alleinsein über alles liebte und wahrscheinlich am glücklichsten war, wenn sie sich zuhause in völliger Freiheit auf dem Kanapee ausstrecken konnte, neben sich die Katze, die nicht störte, weil sie sich ja kaum mehr bewegen konnte. So trieb sich Schwarzer einen großen Teil des Tages beschäftigungslos herum, aber auch dies war ihm lieb, denn immer hatte er dabei die Möglichkeit, die er auch sehr oft ausnützte, in die Löwengasse zu gehn wo Gisa wohnte, zu ihrem Dachzimmerchen hinaufzusteigen, an der immer versperrten Tür zu horchen und dann allerdings wieder wegzugehn, nachdem er im Zimmer ausnahmslos die vollkommenste unbegreifliche Stille festgestellt hatte. Immerhin zeigten sich doch auch bei ihm die Folgen dieser Lebensweise manchmal, aber niemals in Gisas Gegenwart, in lächerlichen Ausbrüchen auf Augenblicke wiedererwachten amtlichen Hochmuts, der freilich gerade zu seiner gegenwärtigen Stellung genug schlecht paßte; es ging dann allerdings meistens nicht sehr gut aus, wie es ja auch K. erlebt hatte.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>16. («K. blieb...»)</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/16-k-blieb/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:45:09 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/16-k-blieb/</guid><description>&lt;p&gt;K. blieb mit etwas erstauntem Gesicht zurück, Olga lachte über ihn, zog ihn zur Ofenbank, sie schien wirklich glücklich zu sein darüber, daß sie jetzt mit ihm allein hier sitzen konnte, aber es war ein friedliches Glück, von Eifersucht war es gewiß nicht getrübt. Und gerade dieses Fernsein von Eifersucht und daher auch von jeglicher Strenge tat K. wohl, gern sah er in diese blauen, nicht lockenden, nicht herrischen, sondern schüchtern ruhenden, schüchtern standhaltenden Augen. Es war als hätten ihn für alles dieses hier die Warnungen Friedas und der Wirtin nicht empfänglicher, aber aufmerksamer und findiger gemacht. Und er lachte mit Olga, als diese sich wunderte, warum er gerade Amalia gutmütig genannt habe, Amalia sei mancherlei, nur gutmütig sei sie eigentlich nicht. Worauf K. erklärte, das Lob habe natürlich ihr, Olga gegolten, aber Amalia sei so herrisch, daß sie sich nicht nur alles aneigne, was in ihrer Gegenwart gesprochen werde, sondern daß man ihr auch freiwillig alles zuteile. &amp;ldquo;Das ist wahr&amp;rdquo;, sagte Olga ernster werdend, &amp;ldquo;wahrer als Du glaubst. Amalia ist jünger als ich, jünger auch als Barnabas, aber sie ist es, die in der Familie entscheidet, im Guten und im Bösen, freilich, sie trägt es auch mehr als alle, das Gute wie das Böse. &amp;quot; K. hielt das für übertrieben, eben hatte doch Amalia gesagt, daß sie sich um des Bruders Angelegenheiten z. B. nicht kümmere, Olga dagegen alles darüber wisse. &amp;ldquo;Wie soll ich es erklären? &amp;quot; sagte Olga, &amp;ldquo;Amalia kümmert sich weder um Barnabas noch um mich, sie kümmert sich eigentlich um niemanden außer um die Eltern, sie pflegt sie Tag und Nacht, jetzt hat sie wieder nach ihren Wünschen gefragt und ist in die Küche für sie kochen gegangen, hat sich ihretwegen überwunden, aufzustehn, denn sie ist schon unwohl seit Mittag und lag hier auf der Bank. Aber trotzdem sie sich nicht um uns kümmert, sind wir von ihr abhängig, so wie wenn sie die Älteste wäre, und wenn sie uns in unsern Dingen raten würde, würden wir ihr gewiß folgen, aber sie tut es nicht, wir sind ihr fremd. Du hast doch viel Menschenerfahrung, Du kommst aus der Fremde, scheint sie Dir nicht auch besonders klug?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Besonders unglücklich scheint sie mir&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;aber wie stimmt es mit Euerem Respekt vor ihr überein, daß z. B. Barnabas diese Botendienste tut, die Amalia mißbilligt, vielleicht sogar mißachtet.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Wenn er wüßte, was er sonst tun sollte, er würde den Botendienst, der ihn gar nicht befriedigt, sofort verlassen.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Ist er denn nicht ausgelernter Schuster&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Gewiß&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;er arbeitet ja auch nebenbei für Brunswick und hätte wenn er wollte Tag und Nacht Arbeit und reichlichen Verdienst.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Nun also&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;dann hätte er doch einen Ersatz für den Botendienst. &amp;quot; &amp;ldquo;Für den Botendienst? &amp;quot; fragte Olga erstaunt, &amp;ldquo;hat er ihn denn des Verdienens halber übernommen?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Mag sein&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;aber Du erwähntest doch, daß er ihn nicht befriedigt. &amp;quot; &amp;ldquo;Er befriedigt ihn nicht und aus verschiedenen Gründen&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;aber es ist doch Schloßdienst, immerhin eine Art Schloßdienst, so sollte man wenigstens glauben. &amp;quot; &amp;ldquo;Wie?&amp;rdquo; sagte K., &amp;ldquo;sogar darin seid Ihr im Zweifel?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Nun&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;eigentlich nicht, Barnabas geht in die Kanzleien, verkehrt mit den Dienern wie ihresgleichen, sieht von der Ferne auch einzelne Beamte, bekommt verhältnismäßig wichtige Briefe, ja sogar mündlich auszurichtende Botschaften anvertraut, das ist doch recht viel und wir könnten stolz darauf sein, wie viel er in so jungen Jahren schon erreicht hat. &amp;quot; K. nickte, an die Heimkehr dachte er jetzt nicht. &amp;ldquo;Er hat auch eine eigene Livree?&amp;rdquo; fragte er. &amp;ldquo;Du meinst die Jacke?&amp;rdquo; sagte Olga, &amp;ldquo;nein, die hat ihm Amalia gemacht, noch ehe er Bote war. Aber Du näherst Dich dem wunden Punkt. Er hätte schon längst, nicht eine Livree, die es im Schloß nicht gibt, aber einen Anzug vom Amt bekommen sollen, es ist ihm auch zugesichert worden, aber in dieser Hinsicht ist man im Schloß sehr langsam und das Schlimme ist daß man niemals weiß, was diese Langsamkeit bedeutet; sie kann bedeuten, daß die Sache im Amtsgang ist, sie kann aber auch bedeuten, daß der Amtsgang noch gar nicht begonnen hat, daß man also z. B. Barnabas immer noch erst erproben will, sie kann aber schließlich auch bedeuten, daß der Amtsgang schon beendet ist, man aus irgendwelchen Gründen die Zusicherung zurückgezogen hat und Barnabas den Anzug niemals bekommt. Genaueres kann man darüber nicht erfahren oder erst nach langer Zeit. Es ist hier die Redensart, vielleicht kennst Du sie: &amp;gt;amtliche Entscheidungen sind scheu wie junge Mädchen&amp;lt;. &amp;quot; &amp;ldquo;Das ist eine gute Beobachtung&amp;rdquo;, sagte K., er nahm es noch ernster als Olga, &amp;ldquo;eine gute Beobachtung, die Entscheidungen mögen noch andere Eigenschaften mit Mädchen gemeinsam haben.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Vielleicht&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;ich weiß freilich nicht wie Du es meinst. Vielleicht meinst Du es gar lobend. Aber was das Amtskleid betrifft, so ist dies eben eine der Sorgen des Barnabas und da wir die Sorgen gemeinsam haben, auch meine. Warum bekommt er kein Amtskleid, fragen wir uns vergebens. Nun ist aber diese ganze Sache nicht einfach. Die Beamten z. B. scheinen überhaupt kein Amtskleid zu haben; so viel wir hier wissen und soviel Barnabas erzählt, gehen die Beamten in gewöhnlichen, allerdings schönen Kleidern herum. Übrigens hast Du ja Klamm gesehn. Nun ein Beamter, auch ein Beamter niedrigster Kategorie ist natürlich Barnabas nicht und versteigt sich nicht dazu es sein zu wollen. Aber auch höhere Diener, die man hier im Dorf freilich überhaupt nicht zu sehen bekommt, haben nach des Barnabas Bericht keine Amtsanzüge; das ist ein gewisser Trost, könnte man von vorherein meinen, aber er ist trügerisch, denn ist Barnabas ein höherer Diener? Nein, wenn man ihm noch so sehr geneigt ist, das kann man nicht sagen, ein höherer Diener ist er nicht, schon daß er ins Dorf kommt, ja sogar hier wohnt, ist ein Gegenbeweis, die höheren Diener sind noch zurückhaltender als die Beamten, vielleicht mit Recht, vielleicht sind sie sogar höher als manche Beamte, einiges spricht dafür, sie arbeiten weniger und es soll nach Barnabas ein wunderbarer Anblick sein, diese auserlesen großen starken Männer langsam durch die Korridore gehn zu sehn, Barnabas schleicht an ihnen immer herum. Kurz, es kann keine Rede davon sein, daß Barnabas ein höherer Diener ist. Also könnte er einer der niedrigen Dienerschaft sein, aber diese haben eben Amtsanzüge, wenigstens soweit sie ins Dorf herunterkommen, er ist keine eigentliche Livree, es gibt auch viele Verschiedenheiten, aber immerhin erkennt man sofort an den Kleidern den Diener aus dem Schloß, Du hast ja solche Leute im Herrenhof gesehn. Das Auffallendste an den Kleidern ist daß sie meistens eng anliegen, ein Bauer oder ein Handwerker könnte ein solches Kleid nicht brauchen. Nun, dieses Kleid hat also Barnabas nicht, das ist nicht nur etwa beschämend oder entwürdigend, das könnte man ertragen, aber es läßt – besonders in trüben Stunden und manchmal, nicht zu selten, haben wir solche, Barnabas und ich – an allem zweifeln. Ist es überhaupt Schloßdienst, was Barnabas tut, fragen wir dann; gewiß er geht in die Kanzleien, aber sind die Kanzleien das eigentliche Schloß? Und selbst wenn Kanzleien zum Schloß gehören, sind es die Kanzleien, welche Barnabas betreten darf? Er kommt in Kanzleien, aber es ist doch nur ein Teil aller, dann sind Barrieren und hinter ihnen sind noch andere Kanzleien. Man verbietet ihm nicht geradezu weiterzugehn, aber er kann doch nicht weitergehn, wenn er seine Vorgesetzten schon gefunden hat, sie ihn abgefertigt haben und wegschicken. Man ist dort überdies immer beobachtet, wenigstens glaubt man es. Und selbst wenn er weiterginge, was würde es helfen, wenn er dort keine amtliche Arbeit hat und ein Eindringling wäre. Diese Barrieren darfst Du Dir auch nicht als eine bestimmte Grenze vorstellen, darauf macht mich auch Barnabas immer wieder aufmerksam. Barrieren sind auch in den Kanzleien, in die er geht, es gibt also auch Barrieren die er passiert und sie sehn nicht anders aus, als die, über die er noch nicht hinweggekommen ist und es ist auch deshalb nicht von vornherein anzunehmen, daß sich hinter diesen letzteren Barrieren wesentlich andere Kanzleien befinden, als jene in denen Barnabas schon war. Nur eben in jenen trüben Stunden glaubt man das. Und dann geht der Zweifel weiter, man kann sich gar nicht wehren. Barnabas spricht mit Beamten, Barnabas bekommt Botschaften. Aber was für Beamte, was für Botschaften sind es. Jetzt ist er, wie er sagt, Klamm zugeteilt und bekommt von ihm persönlich die Aufträge. Nun, das wäre doch sehr viel, selbst höhere Diener gelangen nicht so weit, es wäre fast zu viel, das ist das Beängstigende. Denk nur, unmittelbar Klamm zugeteilt sein, mit ihm von Mund zu Mund sprechen. Aber es ist doch so? Nun ja, es ist so, aber warum zweifelt dann Barnabas daran daß der Beamte, der dort als Klamm bezeichnet wird, wirklich Klamm ist?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Olga&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;Du willst doch nicht scherzen; wie kann über Klamms Aussehen ein Zweifel bestehn, es ist doch bekannt wie er aussieht, ich selbst habe ihn gesehn. &amp;quot; &amp;ldquo;Gewiß nicht, K. &amp;ldquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;Scherze sind es nicht, sondern meine allerernstesten Sorgen. Doch erzähle ich es Dir auch nicht, um mein Herz zu erleichtern und Deines etwa zu beschweren, sondern weil Du nach Barnabas fragtest, Amalia mir den Auftrag gab zu erzählen, und weil ich glaube daß es auch für Dich nützlich ist, genaueres zu wissen. Auch wegen Barnabas tue ich es, damit Du nicht allzugroße Hoffnungen auf ihn setzest, er Dich nicht enttäuscht und dann selbst unter Deiner Enttäuschung leidet. Er ist sehr empfindlich, er hat z. B. heute nacht nicht geschlafen, weil Du gestern abend mit ihm unzufrieden warst, Du sollst gesagt haben, daß es sehr schlimm für Dich ist, daß Du &amp;gt;nur einen solchen Boten&amp;lt; wie Barnabas hast. Diese Worte haben ihn um den Schlaf gebracht, Du selbst wirst wohl von seiner Aufregung nicht viel bemerkt haben, Schloßboten müssen sich sehr beherrschen. Aber er hat es nicht leicht, selbst mit Dir nicht. Du verlangst ja in Deinem Sinn gewiß nicht zu viel von ihm, Du hast bestimmte Vorstellungen vom Botendienst mitgebracht und nach ihnen bemißt Du Deine Anforderungen. Aber im Schloß hat man andere Vorstellungen vom Botendienst, sie lassen sich mit Deinen nicht vereinen, selbst wenn sich Barnabas gänzlich dem Dienst opfern würde, wozu er leider manchmal bereit scheint. Man müßte sich ja fügen, dürfte nichts dagegen sagen, wäre nur nicht die Frage, ob es wirklich Botendienst ist was er tut. Dir gegenüber darf er natürlich keinen Zweifel darüber aussprechen, es hieße für ihn seine eigene Existenz untergraben wenn er das täte, Gesetze grob verletzen, unter denen er ja noch zu stehen glaubt, und selbst mir gegenüber spricht er nicht frei, abschmeicheln, abküssen muß ich ihm seine Zweifel und selbst dann wehrt er sich noch zuzugeben, daß die Zweifel Zweifel sind. Er hat etwas von Amalia im Blut. Und alles sagt er mir gewiß nicht, trotzdem ich seine einzige Vertraute bin. Aber über Klamm sprechen wir manchmal, ich habe Klamm noch nicht gesehn, Du weißt, Frieda liebt mich wenig und hätte mir den Anblick nie gegönnt, aber natürlich ist sein Aussehn im Dorf gut bekannt, einzelne haben ihn gesehn, alle von ihm gehört und es hat sich aus dem Augenschein, aus Gerüchten und auch manchen fälschenden Nebenabsichten ein Bild Klamms ausgebildet, das wohl in den Grundzügen stimmt. Aber nur in den Grundzügen. Sonst ist es veränderlich und vielleicht nicht einmal so veränderlich wie Klamms wirkliches Aussehn. Er soll ganz anders aussehn, wenn er ins Dorf kommt und anders wenn er es verläßt, anders ehe er Bier getrunken hat, anders nachher, anders im Wachen, anders im Schlafen, anders allein, anders im Gespräch und, was hienach verständlich ist, fast grundverschieden oben im Schloß. Und es sind schon selbst innerhalb des Dorfes ziemlich große Unterschiede, die berichtet werden, Unterschiede der Größe, der Haltung, der Dicke, des Bartes, nur hinsichtlich des Kleides sind die Berichte glücklicherweise einheitlich, er trägt immer das gleiche Kleid, ein schwarzes Jackettkleid mit langen Schößen. Nun gehn natürlich alle diese Unterschiede auf keine Zauberei zurück, sondern sind sehr begreiflich, entstehen durch die augenblickliche Stimmung, den Grad der Aufregung, die unzähligen Abstufungen der Hoffnung oder Verzweiflung, in welcher sich der Zuschauer, der überdies meist nur augenblicksweise Klamm sehen darf, befindet, ich erzähle Dir das alles wieder, so wie es mir Barnabas oft erklärt hat und man kann sich im allgemeinen, wenn man nicht persönlich unmittelbar an der Sache beteiligt ist, damit beruhigen. Wir können es nicht, für Barnabas ist es eine Lebensfrage, ob er wirklich mit Klamm spricht oder nicht. &amp;quot; &amp;ldquo;Für mich nicht minder&amp;rdquo;, sagte K. und sie rückten noch näher zusammen auf der Ofenbank. Durch alle die ungünstigen Neuigkeiten Olgas war K. zwar betroffen, doch sah er einen Ausgleich zum großen Teile darin, daß er hier Menschen fand, denen es, wenigstens äußerlich, sehr ähnlich ging wie ihm selbst, denen er sich also anschließen konnte, mit denen er sich in vielem verständigen konnte, nicht nur in manchem wie mit Frieda. Zwar verlor er allmählich die Hoffnung auf einen Erfolg der Barnabas’schen Botschaft, aber je schlechter es Barnabas oben ging, desto näher kam er ihm hier unten, niemals hätte K. gedacht, daß aus dem Dorf selbst ein derart unglückliches Bestreben hervorgehen könnte, wie es das des Barnabas und seiner Schwester war. Es war freilich noch beiweitem nicht genug erklärt und konnte sich schließlich noch ins Gegenteil wenden, man mußte durch das gewiß unschuldige Wesen Olgas sich nicht gleich verführen lassen auch an die Aufrichtigkeit des Barnabas zu glauben. &amp;ldquo;Die Berichte über Klamms Aussehn&amp;rdquo;, fuhr Olga fort, &amp;ldquo;kennt Barnabas sehr gut, hat viele gesammelt und verglichen, vielleicht zu viele, hat einmal selbst Klamm im Dorf durch ein Wagenfenster gesehn oder zu sehn geglaubt, war also genügend vorbereitet, ihn zu erkennen und hat doch – wie erklärst Du es Dir? – als er im Schloß in eine Kanzlei kam und man ihm unter mehreren Beamten einen zeigte und sagte, daß dieser Klamm sei, ihn nicht erkannt und auch nachher noch lange sich nicht daran gewöhnen können, daß es Klamm sein sollte. Fragst Du nun aber Barnabas, worin sich jener Mann von der üblichen Vorstellung die man von Klamm hat unterscheidet, kann er nicht antworten, vielmehr er antwortet und beschreibt den Beamten im Schloß, aber diese Beschreibung deckt sich genau mit der Beschreibung Klamms, wie wir sie kennen. &amp;gt;Nun also Barnabas&amp;lt;, sage ich, &amp;gt;warum zweifelst Du, warum quälst Du Dich.&amp;lt; Worauf er dann in sichtlicher Bedrängnis, Besonderheiten des Beamten im Schloß aufzuzählen beginnt, die er aber mehr zu erfinden als zu berichten scheint, die aber außerdem so geringfügig sind – sie betreffen z. B. ein besonderes Nicken des Kopfes oder auch nur die aufgeknöpfte Weste – daß man sie unmöglich ernst nehmen kann. Noch wichtiger scheint mir die Art wie Klamm mit Barnabas verkehrt. Barnabas hat es mir oft beschrieben, sogar gezeichnet. Gewöhnlich wird Barnabas in ein großes Kanzleizimmer geführt, aber es ist nicht Klamms Kanzlei, überhaupt nicht die Kanzlei eines Einzelnen. Der Länge nach ist dieses Zimmer durch ein einziges, von Seitenwand zu Seitenwand reichendes Stehpult in zwei Teile geteilt, einen schmalen, wo einander zwei Personen nur knapp ausweichen können, das ist der Raum der Beamten, und einen breiten, das ist der Raum der Parteien, der Zuschauer, der Diener, der Boten. Auf dem Pult liegen aufgeschlagen große Bücher, eines neben dem andern und bei den meisten stehen Beamte und lesen darin. Doch bleiben sie nicht immer beim gleichen Buch, tauschen aber nicht die Bücher, sondern die Plätze, am erstaunlichsten ist es Barnabas, wie sie sich bei solchem Plätzewechsel an einander vorbeidrücken müssen, eben wegen der Enge des Raums. Vorn eng am Stehpult sind niedrige Tischchen, an denen Schreiber sitzen, welche, wenn die Beamten es wünschen, nach ihrem Diktat schreiben. Immer wundert sich Barnabas, wie das geschieht. Es erfolgt kein ausdrücklicher Befehl des Beamten, auch wird nicht laut diktiert, man merkt kaum daß diktiert wird, vielmehr scheint der Beamte zu lesen wie früher, nur daß er dabei auch noch flüstert und der Schreiber hörts. Oft diktiert der Beamte so leise, daß der Schreiber es sitzend gar nicht hören kann, dann muß er immer aufspringen, das Diktierte auffangen, schnell sich setzen und es aufschreiben, dann wieder aufspringen u. s. f. Wie merkwürdig das ist! Es ist fast unverständlich. Barnabas freilich hat genug Zeit das alles zu beobachten, denn dort in dem Zuschauerraum steht er stunden- und manchmal tagelang, ehe Klamms Blick auf ihn fällt. Und auch wenn ihn Klamm schon gesehen hat und Barnabas sich in Habtacht-Stellung aufrichtet, ist noch nichts entschieden, denn Klamm kann sich wieder von ihm dem Buch zuwenden und ihn vergessen, so geschieht es oft. Was ist es aber für ein Botendienst, der so unwichtig ist? Mir wird wehmütig, wenn Barnabas früh sagt, daß er ins Schloß geht. Dieser wahrscheinlich ganz unnütze Weg, dieser wahrscheinlich verlorene Tag, diese wahrscheinlich vergebliche Hoffnung. Was soll das alles? Und hier ist Schusterarbeit aufgehäuft, die niemand macht und auf deren Ausführung Brunswick drängt. &amp;quot; &amp;ldquo;Nun gut&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;Barnabas muß lange warten, ehe er einen Auftrag bekommt. Das ist verständlich, es scheint hier ja ein Übermaß von Angestellten zu sein, nicht jeder kann jeden Tag einen Auftrag bekommen, darüber müßt Ihr nicht klagen, das trifft wohl jeden. Schließlich aber bekommt doch wohl auch Barnabas Aufträge, mir selbst hat er schon zwei Briefe gebracht.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Es ist ja möglich&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;daß wir Unrecht haben zu klagen, besonders ich, die alles nur vom Hörensagen kennt und es als Mädchen auch nicht so gut verstehen kann, wie Barnabas, der ja auch noch manches zurückhält. Aber nun höre wie es sich mit den Briefen verhält, mit den Briefen an Dich z. B. Diese Briefe bekommt er nicht unmittelbar von Klamm, sondern vom Schreiber. An einem beliebigen Tag, zu beliebiger Stunde – deshalb ist auch der Dienst, so leicht er scheint, sehr ermüdend, denn Barnabas muß immerfort aufpassen – erinnert sich der Schreiber an ihn und winkt ihm. Klamm scheint das gar nicht veranlaßt zu haben, er liest ruhig in seinem Buch, manchmal allerdings, aber das tut er auch sonst öfters, putzt er gerade den Zwicker, wenn Barnabas kommt, und sieht ihn dabei vielleicht an, vorausgesetzt daß er ohne Zwicker überhaupt sieht, Barnabas bezweifelt es, Klamm hat dann die Augen fast geschlossen, er scheint zu schlafen und nur im Traum den Zwicker zu putzen. Inzwischen sucht der Schreiber aus den vielen Akten und Briefschaften, die er unter dem Tisch hat, einen Brief für Dich heraus, es ist also kein Brief den er gerade geschrieben hat, vielmehr ist es dem Aussehen des Umschlags nach ein sehr alter Brief, der schon lange dort liegt. Wenn es aber ein alter Brief ist, warum hat man Barnabas so lange warten lassen?Und wohl auch Dich?. Und schließlich auch den Brief, denn er ist ja jetzt wohl schon veraltet. Und Barnabas bringt man dadurch in den Ruf, ein schlechter langsamer Bote zu sein. Der Schreiber allerdings macht es sich leicht, gibt Barnabas den Brief, sagt: &amp;gt;Von Klamm für K.&amp;lt; und damit ist Barnabas entlassen. Nun und dann kommt Barnabas nachhause, atemlos, den endlich ergatterten Brief unter dem Hemd am bloßen Leib und wir setzen uns dann hierher auf die Bank wie jetzt und er erzählt und wir untersuchen dann alles einzeln und schätzen ab, was er erreicht hat und finden schließlich, daß es sehr wenig ist und das wenige fragwürdig und Barnabas legt den Brief weg und hat keine Lust ihn zu bestellen, hat aber auch keine Lust schlafenzugehn, nimmt die Schusterarbeit vor und versitzt dort auf dem Schemel die Nacht. So ist es, K., und das sind meine Geheimnisse und nun wunderst Du Dich wohl nicht mehr, daß Amalia auf sie verzichtet.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Und der Brief?&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Der Brief?&amp;rdquo; sagte Olga, &amp;ldquo;nun nach einiger Zeit, wenn ich Barnabas genug gedrängt habe, es können Tage und Wochen inzwischen vergangen sein, nimmt er doch den Brief und geht ihn zustellen. In solchen Äußerlichkeiten ist er doch sehr abhängig von mir. Ich kann mich nämlich, wenn ich den ersten Eindruck seiner Erzählung überwunden habe, dann auch wieder fassen, was er, wahrscheinlich weil er eben mehr weiß, nicht imstande ist. Und so kann ich ihm dann immer wieder etwa sagen: &amp;gt;Was willst Du denn eigentlich Barnabas? Von was für einer Laufbahn, was für einem Ziele träumst Du? Willst Du vielleicht so weit kommen, daß Du uns, daß Du mich gänzlich verlassen mußt? Ist das etwa Dein Ziel? Muß ich das nicht glauben, da es ja sonst unverständlich wäre, warum Du mit dem schon Erreichten so entsetzlich unzufrieden bist? Sieh Dich doch um, ob jemand unter unsern Nachbarn schon so weit gekommen ist. Freilich ihre Lage ist anders als die unsrige und sie haben keinen Grund über ihre Wirtschaft hinauszustreben, aber auch ohne zu vergleichen muß man doch einsehn, daß bei Dir alles in bestem Gange ist. Hindernisse sind da, Fragwürdigkeiten, Enttäuschungen, aber das bedeutet doch nur, was wir schon vorher gewußt haben, daß Dir nichts geschenkt wird, daß Du Dir vielmehr jede einzelne Kleinigkeit selbst erkämpfen mußt, ein Grund mehr, um stolz, nicht um niedergeschlagen zu sein. Und dann kämpfst Du doch auch für uns? Bedeutet Dir das gar nichts? Gibt Dir das keine neue Kraft? Und daß ich glücklich und fast hochmütig bin, einen solchen Bruder zu haben, gibt Dir das keine Sicherheit? Wahrhaftig, nicht in dem, was Du im Schloß erreicht hast, aber in dem, was ich bei Dir erreicht habe, enttäuschest Du mich. Du darfst ins Schloß, bist ein ständiger Besucher der Kanzleien, verbringst ganze Tage im gleichen Raum mit Klamm, bist öffentlich anerkannter Bote, hast ein Amtskleid zu beanspruchen, bekommst wichtige Briefschaften auszutragen, das alles bist Du, das alles darfst Du und kommst herunter und statt daß wir uns weinend vor Glück in den Armen liegen, scheint Dich bei meinem Anblick aller Mut zu verlassen, an allem zweifelst Du, nur der Schusterleisten lockt Dich und den Brief, diese Bürgschaft unserer Zukunft läßt Du liegen. &amp;lt; So rede ich zu ihm und nachdem ich das tagelang wiederholt habe, nimmt er einmal seufzend den Brief und geht. Aber es ist wahrscheinlich gar nicht die Wirkung meiner Worte, sondern es treibt ihn nur wieder ins Schloß und ohne den Auftrag ausgerichtet zu haben, würde er es nicht wagen, hinzugehn. &amp;quot; &amp;ldquo;Aber Du hast doch auch mit allem recht, was Du ihm sagst&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;bewunderungswürdig richtig hast Du alles zusammengefaßt. Wie erstaunlich klar Du denkst! &amp;quot; &amp;ldquo;Nein&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;es täuscht Dich, und so täusche ich vielleicht auch ihn. Was hat er denn erreicht? In eine Kanzlei darf er eintreten, aber es scheint nicht einmal eine Kanzlei, eher ein Vorzimmer der Kanzleien, vielleicht nicht einmal das, vielleicht ein Zimmer, wo alle zurückgehalten werden sollen, die nicht in die wirklichen Kanzleien dürfen. Mit Klamm spricht er, aber ist es Klamm? Ist es nicht eher jemand, der Klamm nur ähnlich ist Ein Sekretär vielleicht, wenns hoch geht, der Klamm ein wenig ähnlich ist und sich anstrengt ihm noch ähnlicher zu werden und sich dann wichtig macht in Klamms verschlafener träumerischer Art. Dieser Teil seines Wesens ist am leichtesten nachzuahmen, daran versuchen sich manche, von seinem sonstigen Wesen freilich lassen sie wohlweislich die Finger. Und ein so oft ersehnter und so selten erreichter Mann wie es Klamm ist nimmt in der Vorstellung der Menschen leicht verschiedene Gestalten an. Klamm hat z. B. hier einen Dorfsekretär namens Momus. So? Du kennst ihn? Auch er hält sich sehr zurück, aber ich habe ihn doch schon einigemal gesehn. Ein junger starker Herr, nicht? Und sieht also wahrscheinlich Klamm gar nicht ähnlich. Und doch kannst Du im Dorf Leute finden, die beschwören würden daß Momus Klamm ist und kein anderer. So arbeiten die Leute an ihrer eigenen Verwirrung. Und muß es im Schloß anders sein? Jemand hat Barnabas gesagt, daß jener Beamte Klamm ist und tatsächlich besteht eine Ähnlichkeit zwischen beiden, aber eine von Barnabas immerfort angezweifelte Ähnlichkeit. Und alles spricht für seine Zweifel. Klamm sollte hier in einem allgemeinen Raum, zwischen andern Beamten, den Bleistift hinter dem Ohr, sich drängen müssen? Das ist doch höchst unwahrscheinlich. Barnabas pflegt, ein wenig kindlich, manchmal – dies ist aber schon eine zuversichtliche Laune – zu sagen: &amp;gt;Der Beamte sieht ja Klamm sehr ähnlich, würde er in einer eigenen Kanzlei sitzen, am eigenen Schreibtisch und wäre an der Tür sein Name – ich hätte keine Zweifel mehr. &amp;lt; Das ist kindlich, aber doch auch verständig. Noch viel verständiger allerdings wäre es, wenn Barnabas sich, wenn er oben ist, gleich bei mehreren Leuten erkundigen würde, wie sich die Dinge wirklich verhalten, es stehn doch seiner Angabe nach genug Leute in dem Zimmer herum. Und wären auch ihre Angaben nicht viel verläßlicher als die Angabe jenes, der ungefragt ihm Klamm gezeigt hat, es müßten sich doch zumindest aus ihrer Mannigfaltigkeit irgendwelche Anhaltspunkte, Vergleichspunkte ergeben. Es ist das nicht mein Einfall, sondern der Einfall des Barnabas, aber er wagt nicht, ihn auszuführen; aus Furcht er könnte durch irgendwelche ungewollte Verletzung unbekannter Vorschriften seine Stelle verlieren, wagt er niemanden anzusprechen; so unsicher fühlt er sich; diese doch eigentlich jämmerliche Unsicherheit beleuchtet mir seine Stellung schärfer als alle Beschreibungen. Wie zweifelhaft und drohend muß ihm dort alles erscheinen, wenn er nicht einmal zu einer unschuldigen Frage den Mund aufzutun wagt. Wenn ich das überlege, klage ich mich an, daß ich ihn allein in jenen unbekannten Räumen lasse, wo es derart zugeht, daß sogar er, der eher waghalsig als feig ist, dort vor Furcht wahrscheinlich zittert. &amp;quot;&lt;/p&gt;</description></item><item><title>17. Amalias Geheimnis</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/17-amalias-geheimnis/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:45:45 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/17-amalias-geheimnis/</guid><description>&lt;p&gt;&amp;ldquo;Urteile selbst&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;übrigens klingt es sehr einfach, man versteht nicht gleich, wie es eine große Bedeutung haben kann. Es gibt einen Beamten im Schloß der heißt Sortini. &amp;quot; &amp;ldquo;Ich habe schon von ihm gehört&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;er war an meiner Berufung beteiligt. &amp;quot; &amp;ldquo;Das glaube ich nicht&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;Sortini tritt in der Öffentlichkeit kaum auf. Irrst Du Dich nicht mit Sordini, mit &amp;gt;d&amp;lt; geschrieben?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Du hast recht&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;Sordini war es. &amp;quot; &amp;ldquo;Ja&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;Sordini ist sehr bekannt, einer der fleißigsten Beamten, von dem viel gesprochen wird, Sortini dagegen ist sehr zurückgezogen und den meisten fremd. Vor mehr als drei Jahren sah ich ihn zum ersten und letzten Mal. Es war am 3. Juli bei einem Fest des Feuerwehrvereins, das Schloß hatte sich auch beteiligt und eine neue Feuerspritze gespendet. Sortini, der sich zum Teil mit Feuerwehrangelegenheiten beschäftigen soll, vielleicht aber war er auch nur in Vertretung da – meistens vertreten sich die Beamten gegenseitig und es ist deshalb schwer die Zuständigkeit dieses oder jenes Beamten zu erkennen – nahm an der Übergabe der Spritze teil, es waren natürlich auch noch Andere aus dem Schloß gekommen, Beamte und Dienerschaft und Sortini war, wie es seinem Charakter entspricht, ganz im Hintergrunde. Es ist ein kleiner schwacher nachdenklicher Herr, etwas was allen die ihn überhaupt bemerkten auffiel, war die Art wie sich bei ihm die Stirn in Falten legte, alle Falten – und es war eine Menge, trotzdem er gewiß nicht mehr als vierzig ist – zogen sich nämlich geradewegs fächerartig über die Stirn zur Nasenwurzel hin, ich habe etwas derartiges nie gesehn. Nun das war also jenes Fest. Wir, Amalia und ich, hatten uns schon seit Wochen darauf gefreut, die Sonntagskleider waren zum Teil neu zurechtgemacht, besonders das Kleid Amalias war sehr schön, die weiße Bluse vorn hoch aufgebauscht, eine Spitzenreihe über der andern, die Mutter hatte alle ihre Spitzen dazu geborgt, ich war damals neidisch und weinte vor dem Fest die halbe Nacht durch. Erst als am Morgen die Brückenhofwirtin uns zu besichtigen kam – &amp;quot; &amp;ldquo;Die Brückenhofwirtin?&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Ja&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;sie war sehr mit uns befreundet, sie kam also, mußte zugeben, daß Amalia im Vorteil war und borgte mir deshalb, um mich zu beruhigen, ihr eigenes Halsband aus böhmischen Granaten. Als wir dann aber ausgehfertig waren, Amalia vor mir stand, wir sie alle bewunderten und der Vater sagte: &amp;gt;Heute, denkt an mich, bekommt Amalia einen Bräutigam&amp;lt;, da, ich weiß nicht warum, nahm ich mir das Halsband, meinen Stolz, ab und hing es Amalia um, gar nicht neidisch mehr. Ich beugte mich eben vor ihrem Sieg und ich glaubte, jeder müsse sich vor ihr beugen; vielleicht überraschte uns damals, daß sie anders aussah als sonst, denn eigentlich schön war sie ja nicht, aber ihr düsterer Blick, den sie in dieser Art seitdem behalten hat, ging hoch über uns hinweg und man beugte sich fast tatsächlich und unwillkürlich vor ihr. Alle bemerkten es, auch Lasemann und seine Frau, die uns abholen kamen.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Lasemann?&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Ja, Lasemann&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;wir waren doch sehr angesehn und das Fest hätte z. B. nicht gut ohne uns anfangen können, denn der Vater war dritter Übungsleiter der Feuerwehr.&amp;rdquo; &amp;ldquo;So rüstig war der Vater noch?&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Der Vater?&amp;rdquo; fragte Olga, als verstehe sie nicht ganz, &amp;ldquo;vor drei Jahren war er noch gewissermaßen ein junger Mann, er hat z. B. bei einem Brand im Herrenhof einen Beamten, den schweren Galater, im Laufschritt auf dem Rücken hinausgetragen. Ich bin selbst dabei gewesen, es war zwar keine Feuersgefahr, nur das trockene Holz neben einem Ofen fing zu rauchen an, aber Galater bekam Angst, rief aus dem Fenster um Hilfe, die Feuerwehr kam und mein Vater mußte ihn hinaustragen, trotzdem schon das Feuer gelöscht war. Nun, Galater ist ein schwer beweglicher Mann und muß in solchen Fällen vorsichtig sein. Ich erzähle es nur des Vaters wegen, viel mehr als drei Jahre sind seitdem nicht vergangen und nun sich wie er dort sitzt. &amp;quot; Erst jetzt sah K., daß Amalia schon wieder in der Stube war, aber sie war weit entfernt beim Tisch der Eltern, sie fütterte dort die Mutter, welche die rheumatischen Arme nicht bewegen konnte und sprach dabei dem Vater zu, er möge sich wegen des Essens noch ein wenig gedulden, gleich werde sie auch zu ihm kommen, um ihn zu füttern. Doch hatte sie mit ihrer Mahnung keinen Erfolg, denn der Vater, sehr gierig schon zu seiner Suppe zu kommen, überwand seine Körperschwäche und suchte die Suppe bald vom Löffel zu schlürfen, bald gleich vom Teller aufzutrinken und brummte böse, als ihm weder das eine noch das andere gelang, der Löffel längst leer war ehe er zum Munde kam und niemals der Mund, nur immer der herabhängende Schnauzbart in die Suppe tauchte und es nach allen Seiten, nur in seinen Mund nicht, tropfte und sprühte. &amp;ldquo;Das haben drei Jahre aus ihm gemacht?&amp;rdquo; fragte K., aber noch immer hatte er für die Alten und für die ganze Ecke des Familientisches dort kein Mitleid, nur Widerwillen. &amp;ldquo;Drei Jahre&amp;rdquo;, sagte Olga langsam, &amp;ldquo;oder genauer paar Stunden eines Festes. Das Fest war auf einer Wiese vor dem Dorf am Bach, es war schon ein großes Gedränge als wir ankamen, auch aus den Nachbardörfern war viel Volk gekommen, man war ganz verwirrt von dem Lärm. Zuerst wurden wir natürlich vom Vater zur Feuerspritze geführt, er lachte vor Freude als er sie sah, eine neue Spritze machte ihn glücklich, er fing an, sie zu betasten und uns zu erklären, er duldete keinen Widerspruch und keine Zurückhaltung der andern, war etwas unter der Spritze zu besichtigen, mußten wir uns alle bücken und fast unter die Spritze kriechen, Barnabas, der sich damals wehrte, bekam deshalb Prügel. Nur Amalia kümmerte sich um die Spritze nicht, stand aufrecht dabei in ihrem schönen Kleid und niemand wagte ihr etwas zu sagen, ich lief manchmal zu ihr und faßte ihren Arm unter, aber sie schwieg. Ich kann es mir noch heute nicht erklären, wie es kam, daß wir solange vor der Spritze standen und erst, als sich der Vater von ihr losmachte, Sortini bemerkten, der offenbar schon die ganze Zeit über hinter der Spritze an einem Spritzenhebel gelehnt hatte. Es war freilich ein entsetzlicher Lärm damals, nicht nur wie es sonst bei Festen ist; das Schloß hatte nämlich der Feuerwehr auch noch einige Trompeten geschenkt, besondere Instrumente, auf denen man mit der kleinsten Kraftanstrengung, ein Kind konnte das, die wildesten Töne hervorbringen konnte; wenn man das hörte, glaubte man, die Türken seien schon da und man konnte sich nicht daran gewöhnen, bei jedem neuen Blasen fuhr man wieder zusammen. Und weil es neue Trompeten waren, wollte sie jeder versuchen und weil es doch ein Volksfest war erlaubte man es. Gerade um uns, vielleicht hatte sie Amalia angelockt, waren einige solche Bläser, es war schwer die Sinne dabei zusammenzuhalten und wenn man nun auch noch nach dem Gebot des Vaters Aufmerksamkeit für die Spritze haben sollte, so war das das Äußerste was man leisten konnte und so entgieng uns Sortini, den wir ja vorher auch gar nicht gekannt hatten, so ungewöhnlich lange. &amp;gt;Dort ist Sortini&amp;lt;, flüsterte endlich, ich stand dabei, Lasemann dem Vater zu. Der Vater verbeugte sich tief und gab auch uns aufgeregt ein Zeichen uns zu verbeugen. Ohne ihn bisher zu kennen, hatte der Vater seit jeher Sortini als einen Fachmann in Feuerwehrangelegenheiten verehrt und öfters zuhause von ihm gesprochen, es war uns daher auch sehr überraschend und bedeutungsvoll jetzt Sortini in Wirklichkeit zu sehn. Sortini aber kümmerte sich um uns nicht, es war das keine Eigenheit Sortinis, die meisten Beamten scheinen in der Öffentlichkeit teilnahmslos, auch war er müde, nur seine Amtspflicht hielt ihn hier unten, es sind nicht die schlechtesten Beamten welche gerade solche Repräsentationspflichten als besonders drückend empfinden, andere Beamte und Diener mischten sich, da sie nun schon einmal da waren, unter das Volk, er aber blieb bei der Spritze und jeden der sich ihm mit irgendeiner Bitte oder Schmeichelei zu nähern suchte, vertrieb er durch sein Schweigen. So kam es, daß er uns noch später bemerkte, als wir ihn. Erst als wir uns ehrfurchtsvoll verbeugten und der Vater uns zu entschuldigen suchte, blickte er nach uns hin, blickte der Reihe nach von einem zum andern, müde, es war als seufze er darüber, daß neben dem einen immer wieder noch ein zweiter sei, bis er dann bei Amalia haltmachte, zu der er aufschauen mußte, denn sie war viel größer als er. Da stutzte er, sprang über die Deichsel, um Amalia näher zu sein, wir mißverstanden es zuerst und wollten uns alle unter Anführung des Vaters ihm nähern, aber er hielt uns ab mit erhobener Hand und winkte uns dann zu gehn. Das war alles. Wir neckten dann Amalia viel damit, daß sie nun wirklich einen Bräutigam gefunden habe, in unserem Unverstand waren wir den ganzen Nachmittag über sehr fröhlich, Amalia aber war schweigsamer als jemals, &amp;gt;sie hat sich ja toll und voll in Sortini verliebt&amp;lt;, sagte Brunswick, der immer etwas grob ist und für Naturen wie Amalia kein Verständnis hat, aber diesmal schien uns seine Bemerkung fast richtig, wir waren überhaupt närrisch an dem Tag und alle, bis auf Amalia, von dem süßen Schloßwein wie betäubt, als wir nach Mitternacht nachhause kamen.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Und Sortini?&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Ja, Sortini&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;Sortini sah ich während des Festes im Vorübergehn noch öfters, er saß auf der Deichsel, hatte die Arme über der Brust gekreuzt und blieb so, bis der Schloßwagen kam, um ihn abzuholen. Nicht einmal zu den Feuerwehrübungen ging er, bei denen der Vater damals, gerade in der Hoffnung daß Sortini zusehe, vor allen Männern seines Alters sich auszeichnete. &amp;quot; &amp;ldquo;Und habt Ihr nicht mehr von ihm gehört?&amp;rdquo; fragte K. &amp;ldquo;Du scheinst ja für Sortini große Verehrung zu haben. &amp;quot; &amp;ldquo;Ja, Verehrung&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;ja und gehört haben wir auch noch von ihm. Am nächsten Morgen wurden wir aus unserem Weinschlaf durch einen Schrei Amalias geweckt, die andern fielen gleich wieder in die Betten zurück, ich war aber gänzlich wach und lief zu Amalia, sie stand beim Fenster und hielt einen Brief in der Hand, den ihr eben ein Mann durch das Fenster gereicht hatte, der Mann wartete noch auf Antwort. Amalia hatte den Brief – er war kurz – schon gelesen und hielt ihn in der schlaff hinabhängenden Hand; wie liebte ich sie immer wenn sie so müde war. Ich kniete neben ihr nieder und las den Brief. Kaum war ich fertig, nahm ihn Amalia, nach einem kurzen Blick auf mich, wieder auf, brachte es aber nicht mehr über sich, ihn zu lesen, zerriß ihn, warf die Fetzen dem Mann draußen ins Gesicht und schloß das Fenster. Das war jener entscheidende Morgen. Ich nenne ihn entscheidend, aber jeder Augenblick des vorhergehenden Nachmittags ist ebenso entscheidend gewesen. &amp;quot; &amp;ldquo;Und was stand in dem Brief? &amp;quot; fragte K. &amp;ldquo;Ja, das habe ich noch nicht erzählt&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;der Brief war von Sortini, adressiert war er an das Mädchen mit dem Granatenhalsband. Den Inhalt kann ich nicht wiedergeben. Es war eine Aufforderung zu ihm in den Herrenhof zu kommen undzwar sollte Amalia sofort kommen, denn in einer halben Stunde mußte Sortini wegfahren. Der Brief war in den gemeinsten Ausdrücken gehalten, die ich noch nie gehört hatte und nur aus dem Zusammenhang halb erriet. Wer Amalia nicht kannte und nur diesen Brief gelesen hatte, mußte das Mädchen, an das jemand so zu schreiben gewagt hatte, für entehrt halten, auch wenn sie gar nicht berührt worden sein sollte. Und es war kein Liebesbrief, kein Schmeichelwort war darin, Sortini war vielmehr offenbar böse, daß der Anblick Amalias ihn ergriffen, ihn von seinen Geschäften abgehalten hatte. Wir legten es uns später so zurecht, daß Sortini wahrscheinlich gleich abend hatte ins Schloß fahren wollen, nur Amalias wegen im Dorf geblieben war, und am Morgen voll Zorn darüber, daß es ihm auch in der Nacht nicht gelungen war Amalia zu vergessen, den Brief geschrieben hatte. Man mußte dem Brief gegenüber zuerst empört sein, auch die Kaltblütigste, dann aber hätte bei einer andern als Amalia wahrscheinlich vor dem bösen drohenden Ton die Angst überwogen, bei Amalia blieb es bei der Empörung, Angst kennt sie nicht, nicht für sich, nicht für andere. Und während ich mich dann wieder ins Bett verkroch und mir den abgebrochenen Schlußsatz wiederholte: &amp;gt;Daß Du also gleich kommst, oder – ! &amp;lt; blieb Amalia auf der Fensterbank und sah hinaus, als erwarte sie noch weitere Boten und sei bereit, jeden genau so zu behandeln wie den ersten. &amp;quot; &amp;ldquo;Das sind also die Beamten&amp;rdquo;, sagte K. zögernd, &amp;ldquo;solche Exemplare findet man unter ihnen. Was hat Dein Vater gemacht? Ich hoffe er hat sich kräftig an zuständiger Stelle über Sortini beschwert, wenn er nicht den kürzeren und sichereren Weg in den Herrenhof vorgezogen hat. Das Allerhäßlichste an der Geschichte ist ja nicht die Beleidigung Amalias, die konnte leicht gutgemacht werden, ich weiß nicht warum Du so übermäßig großes Gewicht gerade darauflegst; warum sollte Sortini mit einem solchen Brief Amalia für immer bloßgestellt haben, nach Deiner Erzählung könnte man das glauben, gerade das ist aber doch nicht möglich, eine Genugtuung war Amalia leicht zu verschaffen und in paar Tagen war der Vorfall vergessen, Sortini hat nicht Amalia bloßgestellt, sondern sich selbst. Vor Sortini also schrecke ich zurück, vor der Möglichkeit, daß es einen solchen Mißbrauch der Macht gibt. Was in diesem Fall mißlang, weil es klipp und klar gesagt und völlig durchsichtig war und an Amalia einen überlegenen Gegner fand, kann in tausend andern Fällen bei nur ein wenig ungünstigeren Umständen völlig gelingen und kann sich jedem Blick entziehn, auch dem Blick des Mißbrauchten.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Still&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;Amalia sieht herüber. &amp;quot; Amalia hatte die Fütterung der Eltern beendet und war jetzt daran die Mutter auszuziehn, sie hatte ihr gerade den Rock losgebunden, hing sich die Arme der Mutter um den Hals, hob sie so ein wenig, streifte ihr den Rock ab und setzte sie dann sanft wieder nieder. Der Vater, immer unzufrieden damit, daß die Mutter zuerst bedient wurde, was aber offenbar nur deshalb geschah, weil die Mutter noch hilfloser war als er, versuchte, vielleicht auch um die Tochter für ihre vermeintliche Langsamkeit zu strafen, sich selbst zu entkleiden, aber trotzdem er bei dem Unnötigsten und Leichtesten anfieng, den übergroßen Pantoffeln, in welchen seine Füße nur lose staken, wollte es ihm auf keine Weise gelingen, sie abzustreifen, er mußte es unter heiserem Röcheln bald aufgeben und lehnte wieder steif in seinem Stuhl. &amp;ldquo;Das Entscheidende erkennst Du nicht&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;Du magst ja Recht haben mit allem, aber das Entscheidende war, daß Amalia nicht in den Herrenhof ging; wie sie den Boten behandelt hatte, das mochte an sich noch hingehn, das hätte sich vertuschen lassen; damit aber daß sie nicht hinging, war der Fluch über unsere Familie ausgesprochen und nun war allerdings auch die Behandlung des Boten etwas Unverzeihliches, ja es wurde sogar für die Öffentlichkeit in den Vordergrund geschoben.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Wie!&amp;rdquo; rief K. und dämpfte sofort die Stimme, da Olga bittend die Hände hob, &amp;ldquo;Du, die Schwester, sagst doch nicht etwa, daß Amalia Sortini hätte folgen und in den Herrenhof hätte laufen sollen?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Nein&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;möge ich beschützt werden vor derartigem Verdacht, wie kannst Du das glauben. Ich kenne niemanden, der so fest im Recht wäre, wie Amalia bei allem, was sie tut. Wäre sie in den Herrenhof gegangen, hätte ich ihr freilich ebenso Recht gegeben; daß sie aber nicht gegangen ist, war heldenhaft. Was mich betrifft, ich gestehe es Dir offen, wenn ich einen solchen Brief bekommen hätte, ich wäre gegangen. Ich hätte die Furcht vor dem Kommenden nicht ertragen, das konnte nur Amalia. Es gab ja manche Auswege, eine andere hätte sich z. B. recht schön geschmückt und es wäre ein Weilchen darüber vergangen und dann wäre sie in den Herrenhof gekommen und hätte erfahren, daß Sortini schon fort ist, vielleicht daß er gleich nach Entsendung des Boten weggefahren ist, etwas was sogar sehr wahrscheinlich ist, denn die Launen der Herren sind flüchtig. Aber Amalia tat das nicht und nichts ähnliches, sie war zu tief beleidigt und antwortete ohne Vorbehalt. Hätte sie nur irgendwie zum Schein gefolgt, nur die Schwelle des Herrenhofes zur Zeit gerade überschritten, das Verhängnis hätte sich abwenden lassen, wir haben hier sehr kluge Advokaten, die aus einem Nichts alles was man nur will zu machen verstehn, aber in diesem Fall war nicht einmal das günstige Nichts vorhanden, im Gegenteil, es war noch die Entwürdigung des Sortinischen Briefes da und die Beleidigung des Boten.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Aber was für ein Verhängnis denn&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;was für Advokaten; man konnte doch wegen der verbrecherischen Handlungsweise Sortinis nicht Amalia anklagen oder gar bestrafen? &amp;quot; &amp;ldquo;Doch&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;das konnte man, freilich nicht nach einem regelrechten Proceß und man bestrafte sie auch nicht unmittelbar, wohl aber bestrafte man sie auf eine andere Weise, sie und unsere ganze Familie und wie schwer diese Strafe ist, das fängst Du nun wohl an zu erkennen. Dir scheint das ungerecht und ungeheuerlich, das ist eine im Dorf völlig vereinzelte Meinung, sie ist uns sehr günstig und sollte uns trösten, und so wäre es auch, wenn sie nicht sichtlich auf Irrtümer zurückgienge. Ich kann Dir das leicht beweisen, verzeih, wenn ich dabei von Frieda spreche, aber zwischen Frieda und Klamm ist, abgesehen davon wie es sich schließlich gestaltet hat, etwas ganz ähnliches vorgegangen wie zwischen Amalia und Sortini und doch findest Du das, wenn Du auch anfangs erschrocken sein magst, jetzt schon richtig. Und das ist nicht Gewöhnung, so abstumpfen kann man durch Gewöhnung nicht, wenn es sich um einfache Beurteilung handelt; das ist bloß Ablegen von Irrtümern. &amp;quot; &amp;ldquo;Nein, Olga&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;ich weiß nicht, warum Du Frieda in diese Sache hereinziehst, der Fall war doch gänzlich anders, misch nicht so Grundverschiedenes durcheinander und erzähle weiter. &amp;quot; &amp;ldquo;Bitte&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;nimm es mir nicht übel, wenn ich auf dem Vergleich bestehe, es ist ein Rest von Irrtümern auch hinsichtlich Friedas noch, wenn Du sie gegen einen Vergleich verteidigen zu müssen glaubst. Sie ist gar nicht zu verteidigen, sondern nur zu loben. Wenn ich die Fälle vergleiche, so sage ich ja nicht, daß sie gleich sind, sie verhalten sich zueinander wie weiß und schwarz und weiß ist Frieda. Schlimmstenfalls kann man über Frieda lachen, wie ich es unartiger Weise – ich habe es später sehr bereut – im Ausschank getan habe, aber selbst wer hier lacht, ist schon boshaft oder neidisch, immerhin man kann lachen, Amalia aber kann man, wenn man nicht durch Blut mit ihr verbunden ist, nur verachten. Deshalb sind es zwar grundverschiedene Fälle, wie Du sagst, aber doch auch ähnlich. &amp;quot; &amp;ldquo;Sie sind auch nicht ähnlich&amp;rdquo;, sagte K. und schüttelte unwillig den Kopf, &amp;ldquo;laß Frieda beiseite. Frieda hat keinen solchen saubern Brief, wie Amalia von Sortini bekommen, und Frieda hat Klamm wirklich geliebt, und wer’s bezweifelt, kann sie fragen, sie liebt ihn noch heute. &amp;quot; &amp;ldquo;Sind das aber große Unterschiede&amp;rdquo; fragte Olga. &amp;ldquo;Glaubst Du Klamm hätte nicht ebenso Frieda schreiben können? Wenn die Herren vom Schreibtisch aufstehn, sind sie so; sie finden sich in der Welt nicht zurecht; sie sagen dann in der Zerstreutheit das Allergröbste, nicht alle, aber viele. Der Brief an Amalia kann ja in Gedanken, in völliger Nichtachtung des wirklich Geschriebenen auf das Papier geworfen worden sein. Was wissen wir von den Gedanken der Herren! Hast Du nicht selbst gehört oder es erzählen hören, in welchem Ton Klamm mit Frieda verkehrt hat? Von Klamm ist es bekannt, daß er sehr grob ist, er spricht angeblich stundenlang nichts und dann sagt er plötzlich eine derartige Grobheit, daß es einen schaudert. Von Sortini ist das nicht bekannt, wie er ja überhaupt sehr unbekannt ist. Eigentlich weiß man von ihm nur, daß sein Name dem Sordinis ähnlich ist, wäre nicht diese Namensähnlichkeit, würde man ihn wahrscheinlich gar nicht kennen. Auch als Feuerwehrfachmann verwechselt man ihn wahrscheinlich mit Sordini, welcher der eigentliche Fachmann ist und die Namensähnlichkeit ausnützt, um besonders die Repräsentationspflichten auf Sortini abzuwälzen und so in seiner Arbeit ungestört zu bleiben. Wenn nun ein solcher weltungewandter Mann wie Sortini plötzlich von Liebe zu einem Dorfmädchen ergriffen wird, so nimmt das natürlich andere Formen an, als wenn der Tischlergehilfe von nebenan sich verliebt. Auch muß man doch bedenken, daß zwischen einem Beamten und einer Schusterstochter doch ein großer Abstand besteht, der irgendwie überbrückt werden muß, Sortini versuchte es auf diese Art, ein anderer mags anders machen. Zwar heißt es, daß wir alle zum Schloß gehören und gar kein Abstand besteht und nichts zu überbrücken ist und das stimmt auch vielleicht für gewöhnlich, aber wir haben leider Gelegenheit gehabt, zu sehn, daß es gerade wenn es darauf ankommt, gar nicht stimmt. Jedenfalls wird Dir nach dem allen die Handlungsweise Sortinis verständlicher, weniger ungeheuerlich geworden sein und sie ist tatsächlich mit jener Klamms verglichen viel verständlicher und selbst wenn man ganz nah beteiligt ist, viel erträglicher. Wenn Klamm einen zarten Brief schreibt, ist es peinlicher als der gröbste Brief Sortinis. Verstehe mich dabei recht, ich wage nicht über Klamm zu urteilen, ich vergleiche nur, weil Du Dich gegen den Vergleich wehrst. Klamm ist doch wie ein Kommandant über den Frauen, befiehlt bald dieser bald jener zu ihm zu kommen, duldet keine lange und so wie er zu kommen befiehlt, befiehlt er auch zu gehn. Ach, Klamm würde sich gar nicht die Mühe geben erst einen Brief zu schreiben. Und ist es nun im Vergleich damit noch immer ungeheuerlich, wenn der ganz zurückgezogen lebende Sortini, dessen Beziehungen zu Frauen zumindest unbekannt sind, einmal sich niedersetzt und in seiner schönen Beamtenschrift einen allerdings abscheulichen Brief schreibt. Und wenn sich also hier kein Unterschied zu Klamms Gunsten ergibt, sondern das Gegenteil, so sollte ihn Friedas Liebe bewirken? Das Verhältnis der Frauen zu den Beamten ist, glaube mir, sehr schwer oder vielmehr immer sehr leicht zu beurteilen. Hier fehlt es an Liebe nie. Unglückliche Beamtenliebe gibt es nicht. Es ist in dieser Hinsicht kein Lob, wenn man von einem Mädchen sagt, – ich rede hier beiweitem nicht nur von Frieda – daß sie sich dem Beamten nur deshalb hingegeben hat, weil sie ihn liebte. Sie liebte ihn und hat sich ihm hingegeben, so war es, aber zu loben ist dabei nichts. Amalia aber hat Sortini nicht geliebt, wendest Du ein. Nun ja, sie hat ihn nicht geliebt, aber vielleicht hat sie ihn doch geliebt, wer kann das entscheiden? Nicht einmal sie selbst. Wie kann sie glauben ihn geliebt zu haben, wenn sie ihn so kräftig abgewiesen hat, wie wahrscheinlich noch niemals ein Beamter abgewiesen worden ist. Barnabas sagt, daß sie noch jetzt manchmal zittert von der Bewegung mit der sie vor drei Jahren das Fenster zugeschlagen hat. Das ist auch wahr und deshalb darf man sie nicht fragen; sie hat mit Sortini abgeschlossen und weiß nichts mehr als das; ob sie ihn liebt oder nicht, weiß sie nicht. Wir aber wissen, daß Frauen nicht anders können, als Beamte zu lieben wenn sich diese ihnen einmal zuwenden, ja sie lieben die Beamten schon vorher, so sehr sie es leugnen wollen, und Sortini hat sich Amalia ja nicht nur zugewendet, sondern ist über die Deichsel gesprungen, als er Amalia sah, mit den von der Schreibtischarbeit steifen Beinen ist er über die Deichsel gesprungen. Aber Amalia ist ja eine Ausnahme, wirst Du sagen. Ja, das ist sie, das hat sie bewiesen, als sie sich weigerte zu Sortini zu gehn, das ist der Ausnahme genug; daß sie nun aber außerdem Sortini auch nicht geliebt haben sollte, das wäre nun schon der Ausnahme fast zu viel, das wäre gar nicht mehr zu fassen. Wir waren ja gewiß an jenem Nachmittag mit Blindheit geschlagen, aber daß wir damals durch allen Nebel etwas von Amalias Verliebtheit zu bemerken glaubten, zeigte wohl doch noch etwas Besinnung. Wenn man aber das alles zusammenhält, was bleibt dann für ein Unterschied zwischen Frieda und Amalia Einzig der, daß Frieda tat, was Amalia verweigert hat. &amp;quot; &amp;ldquo;Mag sein&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;für mich aber ist der Hauptunterschied der, daß Frieda meine Braut ist, Amalia aber mich im Grunde nur so weit bekümmert, als sie die Schwester des Barnabas, des Schloßboten ist und ihr Schicksal in den Dienst des Barnabas vielleicht mitverflochten ist. Hätte ihr ein Beamter ein derart schreiendes Unrecht getan, wie es nach Deiner Erzählung anfangs mir schien, hätte mich das sehr beschäftigt, aber auch dies viel mehr als öffentliche Angelegenheit, denn als persönliches Leid Amalias. Nun ändert sich aber nach Deiner Erzählung das Bild in einer mir zwar nicht ganz verständlichen, aber, da Du es bist, die erzählt, in einer genügend glaubwürdigen Weise und ich will diese Sache deshalb sehr gern völlig vernachlässigen, ich bin kein Feuerwehrmann, was kümmert mich Sortini. Wohl aber kümmert mich Frieda und da ist es mir sonderbar, wie Du, der ich völlig vertraute und gerne immer vertrauen will, auf dem Umweg über Amalia immerfort Frieda anzugreifen und mir verdächtig zu machen suchst. Ich nehme nicht an, daß Du das mit Absicht oder gar mit böser Absicht tust, sonst hätte ich doch schon längst fortgehn müssen, Du tust es nicht mit Absicht, die Umstände verleiten Dich dazu, aus Liebe zu Amalia willst Du sie hocherhaben über alle Frauen hinstellen und da Du in Amalia selbst zu diesem Zwecke nicht genug Rühmenswertes findest, hilfst Du Dir damit, daß Du andere Frauen verkleinerst. Amalias Tat ist merkwürdig, aber je mehr Du von dieser Tat erzählst, desto weniger läßt sich entscheiden ob sie groß oder klein, klug oder töricht, heldenhaft oder feig gewesen ist, ihre Beweggründe hält Amalia in ihrer Brust verschlossen, niemand wird sie ihr entreißen. Frieda dagegen hat gar nichts merkwürdiges getan sondern ist nur ihrem Herzen gefolgt, für jeden der sich gutwillig damit befaßt, ist das klar, jeder kann es nachprüfen, für Klatsch ist kein Raum. Ich aber will weder Amalia heruntersetzen, noch Frieda verteidigen, sondern Dir nur klarmachen, wie ich mich zu Frieda verhalte und wie jeder Angriff gegen Frieda gleichzeitig ein Angriff gegen meine Existenz ist. Ich bin aus eigenem Willen hierhergekommen und aus eigenem Willen habe ich mich hier festgehakt, aber alles was seither geschehen ist und vor allem meine Zukunftsaussichten – so trübe sie auch sein mögen, immerhin, sie bestehn – alles dies verdanke ich Frieda, das läßt sich nicht wegdiskutieren. Ich war hier zwar als Landvermesser aufgenommen, aber das war nur scheinbar, man spielte mit mir, man trieb mich aus jedem Haus, man spielt auch heute mit mir, aber wieviel umständlicher ist das, ich habe gewissermaßen an Umfang gewonnen und das bedeutet schon etwas, ich habe, so geringfügig das alles ist, doch schon ein Heim, eine Stellung und wirkliche Arbeit, ich habe eine Braut, die, wenn ich andere Geschäfte habe, mir die Berufsarbeit abnimmt, ich werde sie heiraten und Gemeindemitglied werden, ich habe außer der amtlichen auch noch eine, bisher freilich unausnützbare persönliche Beziehung zu Klamm. Das ist doch wohl nicht wenig? Und wenn ich zu Euch komme, wen begrüßt Ihr? Wem vertraust Du die Geschichte Euerer Familie an? Von wem erhoffst Du die Möglichkeit, sei es auch nur die winzige, unwahrscheinliche Möglichkeit irgendeiner Hilfe? Doch wohl nicht von mir, dem Landvermesser, den z. B. noch vor einer Woche Lasemann und Brunswick mit Gewalt aus ihrem Haus gedrängt haben, sondern Du erhoffst das von dem Mann, der schon irgendwelche Machtmittel hat, diese Machtmittel aber verdanke ich eben Frieda, Frieda, die so bescheiden ist, daß, wenn Du sie nach etwas derartigem zu fragen versuchen wirst, sie gewiß nicht das Geringste davon wird wissen wollen. Und doch scheint es nach dem allen daß Frieda in ihrer Unschuld mehr getan hat als Amalia in allem ihrem Hochmut, denn sieh, ich habe den Eindruck, daß Du Hilfe für Amalia suchst. Und von wem? Doch eigentlich von keinem andern als von Frieda.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Habe ich wirklich so häßlich von Frieda gesprochen?&amp;rdquo; sagte Olga, &amp;ldquo;ich wollte es gewiß nicht und glaubte es auch nicht getan zu haben, aber möglich ist es, unsere Lage ist derart, daß wir mit aller Welt zerfallen sind und fangen wir zu klagen an, reißt es uns fort, wir wissen nicht, wohin. Du hast auch recht, es ist ein großer Unterschied jetzt zwischen uns und Frieda und es ist gut ihn einmal zu betonen. Vor drei Jahren waren wir Bürgermädchen und Frieda, die Waise, Magd im Brückenhof, wir gingen an ihr vorüber, ohne sie mit dem Blick zu streifen, wir waren gewiß zu hochmütig, aber wir waren so erzogen worden. An dem Abend im Herrenhof magst Du aber den jetzigen Stand erkannt haben: Frieda mit der Peitsche in der Hand und ich in dem Haufen der Knechte. Aber es ist ja noch schlimmer. Frieda mag uns verachten, es entspricht ihrer Stellung, die tatsächlichen Verhältnisse erzwingen es. Aber wer verachtet uns nicht alles! Wer sich entschließt uns zu verachten, kommt gleich in die allergrößte Gesellschaft. Kennst Du die Nachfolgerin Friedas? Pepi heißt sie. Ich habe sie erst vorgestern abend kennen gelernt, bisher war sie Zimmermädchen. Sie übertrifft gewiß Frieda an Verachtung für mich. Sie sah mich aus dem Fenster, wie ich Bier holen kam, lief zur Tür und versperrte sie, ich mußte lange bitten und ihr das Band versprechen, das ich im Haare trug, ehe sie mir aufmachte. Als ich es ihr aber dann gab, warf sie es in den Winkel. Nun, sie mag mich verachten, zum Teil bin ich ja auf ihr Wohlwollen angewiesen und sie ist Ausschankmädchen im Herrenhof, freilich sie ist es nur vorläufig und hat gewiß nicht die Eigenschaften die nötig sind, um dort dauernd angestellt zu werden. Man mag nur zuhören, wie der Wirt mit Pepi spricht und mag es damit vergleichen, wie er mit Frieda sprach. Aber das hindert Pepi nicht auch Amalia zu verachten, Amalia, deren Blick allein genügen würde, die ganze kleine Pepi mit allen ihren Zöpfen und Maschen so schnell aus dem Zimmer zu schaffen, wie sie es, nur auf ihre eigenen dicken Beinchen angewiesen, niemals zustande brächte. Was für ein empörendes Geschwätz mußte ich gestern wieder von ihr über Amalia anhören, bis sich dann schließlich die Gäste meiner annahmen, in der Art freilich, wie Du es schon einmal gesehen hast. &amp;quot; &amp;ldquo;Wie verängstigt Du bist&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;ich habe ja nur Frieda auf den ihr gebürenden Platz gestellt, aber nicht Euch herabsetzen wollen, wie Du es jetzt auffaßt. Irgendetwas besonderes hat Euere Familie auch für mich, das habe ich nicht verschwiegen; wie dieses Besondere aber Anlaß zur Verachtung geben könnte, das verstehe ich nicht. &amp;quot; &amp;ldquo;Ach K. &amp;ldquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;auch Du wirst es noch verstehn, fürchte ich; daß Amalias Verhalten gegenüber Sortini der erste Anlaß dieser Verachtung war, kannst Du auf keine Weise verstehn?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Das wäre doch zu sonderbar&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;bewundern oder verurteilen könnte man Amalia deshalb, aber verachten? Und wenn man aus mir unverständlichem Gefühl wirklich Amalia verachtet, warum dehnt man die Verachtung auf Euch aus, auf die unschuldige Familie? Daß z. B. Pepi Dich verachtet, ist ein starkes Stück und ich will, wenn ich wieder einmal in den Herrenhofkomme, es ihr heimzahlen. &amp;quot; &amp;ldquo;Wolltest Du, K. &amp;ldquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;alle unsere Verächter umstimmen, das wäre eine harte Arbeit, denn alles geht vom Schloß aus. Ich erinnere mich noch genau an den Vormittag, der jenem Morgen folgte. Brunswick, der damals unser Gehilfe war, war gekommen wie jeden Tag, der Vater hatte ihm Arbeit zugeteilt und ihn nachhause geschickt, wir saßen dann beim Frühstück, alle bis auf Amalia und mich waren sehr lebhaft, der Vater erzählte immerfort von dem Fest, er hatte hinsichtlich der Feuerwehr verschiedene Pläne, im Schloß ist nämlich eine eigene Feuerwehr, die zu dem Fest auch eine Abordnung geschickt hatte, mit der manches besprochen worden war, die anwesenden Herren aus dem Schloß hatten die Leistungen unserer Feuerwehr gesehn, sich sehr günstig über sie ausgesprochen, die Leistungen der Schloßfeuerwehr damit verglichen, das Ergebnis war uns günstig, man hatte von der Notwendigkeit einer Neuorganisation der Schloßfeuerwehr gesprochen, dazu waren Instruktoren aus dem Dorf nötig, es kamen zwar einige dafür in Betracht, aber der Vater hatte doch Hoffnung daß die Wahl auf ihn fallen werde. Davon sprach er nun und wie es so seine liebe Art war, sich bei Tisch recht auszubreiten, saß er da, mit den Armen den halben Tisch umfassend, und wie er aus dem offenen Fenster zum Himmel aufsah, war sein Gesicht so jung und hoffnungsfreudig, niemals mehr sollte ich ihn so sehn. Da sagte Amalia mit einer Überlegenheit, die wir an ihr nicht kannten, solchen Reden der Herren müsse man nicht sehr vertrauen, die Herren pflegen bei derartigen Gelegenheiten gern etwas Gefälliges zu sagen, aber Bedeutung habe das wenig oder gar nicht, kaum gesprochen sei es schon für immer vergessen, freilich, bei der nächsten Gelegenheit gehe man ihnen wieder auf den Leim. Die Mutter verwies ihr solche Reden, der Vater lachte nur über ihre Altklugheit und Vielerfahrenheit, dann aber stutzte er, schien etwas zu suchen, dessen Fehlen er erst jetzt merkte, aber es fehlte doch nichts und sagte, Brunswick habe etwas von einem Boten und einem zerrissenen Brief erzählt, und er fragte, ob wir etwas davon wußten, wen es betreffe und wie es sich damit verhalte. Wir schwiegen, Barnabas, damals jung wie ein Lämmchen, sagte irgendetwas besonders Dummes oder Keckes, man sprach von anderem und die Sache kam in Vergessenheit.&amp;rdquo;&lt;/p&gt;</description></item><item><title>18. Amalias Strafe</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/18-amalias-strafe/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:46:31 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/18-amalias-strafe/</guid><description>&lt;p&gt;&amp;ldquo;Aber kurz darauf wurden wir schon von allen Seiten mit Fragen wegen der Briefgeschichte überschüttet, es kamen Freunde und Feinde, Bekannte und Fremde, man blieb aber nicht lange, die besten Freunde verabschiedeten sich am eiligsten, Lasemann, immer sonst langsam und würdig, kam herein, so als wolle er nur das Ausmaß der Stube prüfen, ein Blick im Umkreis und er war fertig, es sah wie ein schreckliches Kinderspiel aus, als Lasemann sich flüchtete und der Vater von andern Leuten sich losmachte und hinter ihm hereilte, bis zur Schwelle des Hauses und es dann aufgab, Brunswick kam und kündigte dem Vater, er wolle sich selbstständig machen, sagte er ganz ehrlich, ein kluger Kopf, der den Augenblick zu nützen verstand, Kundschaften kamen und suchten in Vaters Lagerraum ihre Stiefel hervor, die sie zur Reparatur hier liegen hatten, zuerst versuchte der Vater die Kundschaften umzustimmen – und wir alle unterstützten ihn nach unsern Kräften – später gab es der Vater auf und half stillschweigend den Leuten beim Suchen, im Auftragsbuch wurde Zeile für Zeile gestrichen, die Ledervorräte, welche die Leute bei uns hatten, wurden herausgegeben, Schulden bezahlt, alles ging ohne den geringsten Streit, man war zufrieden, wenn es gelang, die Verbindung mit uns schnell und vollständig zu lösen, mochte man dabei auch Verluste haben, das kam nicht in Betracht. Und schließlich, was ja vorauszusehn gewesen war, erschien Seemann, der Obmann der Feuerwehr, ich sehe die Szene noch vor mir, Seemann groß und stark, aber ein wenig gebeugt und lungenkrank, immer ernst, er kann gar nicht lachen, steht vor meinem Vater, den er bewundert hat, dem er in vertrauter Stunde die Stelle eines Obmannstellvertreters in Aussicht gestellt hat und soll ihm nun mitteilen, daß ihn der Verein verabschiedet und um Rückgabe des Diploms ersucht. Die Leute die gerade bei uns waren ließen ihre Geschäfte ruhn und drängten sich im Kreis um die zwei Männer. Seemann kann nichts sagen, klopft nur immerfort dem Vater auf die Schulter, so als wolle er dem Vater die Worte ausklopfen, die er selbst sagen soll und nicht finden kann. Dabei lacht er immerfort, wodurch er wohl sich und alle ein wenig beruhigen will, aber da er nicht lachen kann und man ihn noch niemals lachen gehört hat, fällt es niemandem ein zu glauben, daß das ein Lachen sei. Der Vater aber ist von diesem Tag schon zu müde und verzweifelt, um Seemann helfen zu können, ja er scheint zu müde, um überhaupt nachzudenken, um was es sich handelt. Wir waren ja alle in gleicher Weise verzweifelt, aber da wir jung waren, konnten wir an einen solchen vollständigen Zusammenbruch nicht glauben, immer dachten wir, daß in der Reihe der vielen Besucher endlich doch jemand kommen werde, der Halt befiehlt und alles wieder zu einer rückläufigen Bewegung zwingt. Seemann schien uns in unserem Unverstand dafür besonders geeignet. Mit Spannung warteten wir, daß sich aus diesem fortwährenden Lachen endlich das klare Wort loslösen werde. Worüber war denn jetzt zu lachen, doch nur über das dumme Unrecht, das uns geschah. Herr Obmann, Herr Obmann, sagen Sie es doch endlich den Leuten, dachten wir und drängten uns an ihn heran, was ihn aber nur zu merkwürdigen Drehbewegungen veranlaßte. Endlich aber fing er, zwar nicht um unsere geheimen Wünsche zu erfüllen, sondern um den aufmunternden oder ärgerlichen Zurufen der Leute zu entsprechen, doch zu reden an. Noch immer hatten wir Hoffnung. Er begann mit großem Lob des Vaters. Nannte ihn eine Zierde des Vereins, ein unerreichbares Vorbild des Nachwuchses, ein unentbehrliches Mitglied, dessen Ausscheiden den Verein fast zerstören müsse. Das war alles sehr schön, hätte er doch hier geendet. Aber er sprach weiter. Wenn sich nun trotzdem der Verein entschlossen habe, den Vater, vorläufig allerdings nur, um den Abschied zu ersuchen, werde man den Ernst der Gründe erkennen, die den Verein dazu zwangen. Vielleicht hätte es ohne die glänzenden Leistungen des Vaters am gestrigen Fest gar nicht so weit kommen müssen, aber eben diese Leistungen hätten die amtliche Aufmerksamkeit besonders erregt, der Verein stand jetzt in vollem Licht und mußte auf seine Reinheit noch mehr bedacht sein als früher. Und nun war die Beleidigung des Boten geschehn, da habe der Verein keinen andern Ausweg gefunden und er, Seemann, habe das schwere Amt übernommen, es zu melden. Der Vater möge es ihm nicht noch mehr erschweren. Wie froh war Seemann, das hervorgebracht zu haben, aus Zufriedenheit darüber, war er nicht einmal mehr übertrieben rücksichtsvoll, er zeigte auf das Diplom, das an der Wand hing, und winkte mit dem Finger. Der Vater nickte und ging es holen, konnte es aber mit den zitternden Händen nicht vom Haken bringen, ich stieg auf einen Sessel und half ihm. Und von diesem Augenblick war alles zuende, er nahm das Diplom nicht einmal mehr aus dem Rahmen, sondern gab Seemann alles wie es war. Dann setzte er sich in einen Winkel, rührte sich nicht und sprach mit niemandem mehr, wir mußten mit den Leuten allein verhandeln so gut es ging. &amp;quot; &amp;ldquo;Und worin siehst Du hier den Einfluß des Schlosses? &amp;quot; fragte K. &amp;ldquo;Vorläufig scheint es noch nicht eingegriffen zu haben. Was Du bisher erzählt hast, war nur gedankenlose Ängstlichkeit der Leute, Freude am Schaden des Nächsten, unzuverlässige Freundschaft, Dinge, die überall anzutreffen sind, und auf Seite Deines Vaters allerdings auch – wenigstens scheint es mir so – eine gewisse Kleinlichkeit, denn jenes Diplom was war es? Bestätigung seiner Fähigkeiten und die behielt er doch, machten sie ihn unentbehrlich desto besser, und er hätte dem Obmann die Sache wirklich schwer nur dadurch gemacht, daß er ihm das Diplom gleich beim zweiten Wort vor die Füße geworfen hätte. Besonders bezeichnend scheint mir aber, daß Du Amalia gar nicht erwähnst; Amalia, die doch alles verschuldet hatte, stand wahrscheinlich ruhig im Hintergrund und betrachtete die Verwüstung.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Nein, nein&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;niemandem ist ein Vorwurf zu machen, niemand konnte anders handeln, das alles war schon Einfluß des Schlosses. &amp;quot; &amp;ldquo;Einfluß des Schlosses&amp;rdquo;, wiederholte Amalia, die unvermerkt vom Hofe her eingetreten war, die Eltern lagen längst zu Bett, &amp;ldquo;Schloßgeschichten werden erzählt? Noch immer sitzt Ihr beisammen? Und Du hattest doch gleich Dich verabschieden wollen, K., und nun geht es schon auf zehn. Bekümmern Dich denn solche Geschichten überhaupt? Es gibt hier Leute, die sich von solchen Geschichten nähren, sie setzen sich zusammen, so wie Ihr hier sitzt, und traktieren sich gegenseitig, Du scheinst mir aber nicht zu diesen Leuten zu gehören. &amp;quot; &amp;ldquo;Doch&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;ich gehöre genau zu ihnen, dagegen machen Leute, die sich um solche Geschichten nicht bekümmern und nur andere sich bekümmern lassen, nicht viel Eindruck auf mich. &amp;quot; &amp;ldquo;Nun ja&amp;rdquo;, sagte Amalia, &amp;ldquo;aber das Interesse der Leute ist ja sehr verschiedenartig, ich hörte einmal von einem jungen Mann, der beschäftigte sich mit den Gedanken an das Schloß bei Tag und Nacht, alles andere vernachlässigte er, man fürchtete für seinen Alltagsverstand, weil sein ganzer Verstand oben im Schloß war, schließlich aber stellte es sich heraus, daß er nicht eigentlich das Schloß, sondern nur die Tochter einer Aufwaschfrau in den Kanzleien gemeint hatte, die bekam er nun allerdings und dann war wieder alles gut. &amp;quot; &amp;ldquo;Der Mann würde mir gefallen, glaube ich&amp;rdquo;, sagte K. &amp;ldquo;Daß Dir der Mann gefallen würde&amp;rdquo;, sagte Amalia, &amp;ldquo;bezweifle ich, aber vielleicht seine Frau. Nun laßt Euch aber nicht stören, ich gehe allerdings gchlafen und auslöschen werde ich müssen, der Eltern wegen, sie schlafen zwar gleich fest ein, aber nach einer Stunde ist schon der eigentliche Schlaf zuende und dann stört sie der kleinste Schein. Gute Nacht. &amp;quot; Und wirklich wurde es gleich finster, Amalia machte sich wohl irgendwo auf der Erde beim Bett der Eltern ihr Lager zurecht. &amp;ldquo;Wer ist denn dieser junge Mann, von dem sie sprach&amp;rdquo;, fragte K. &amp;ldquo;Ich weiß nicht&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;vielleicht Brunswick, trotzdem es für ihn nicht ganz paßt, vielleicht aber auch ein anderer. Es ist nicht leicht sie genau zu verstehn, weil man oft nicht weiß, ob sie ironisch oder ernst spricht, meistens ist es ja ernst, aber es klingt ironisch. &amp;quot; &amp;ldquo;Laß die Deutungen! &amp;quot; sagte K. &amp;ldquo;Wie kamst Du denn in diese große Abhängigkeit von ihr? War es schon vor dem großen Unglück so? Oder erst nachher? Und hast Du niemals den Wunsch von ihr unabhängig zu werden? Und ist denn diese Abhängigkeit irgendwie vernünftig begründet? Sie ist die jüngste und hat als solche zu gehorchen. Sie hat, schuldig oder unschuldig, das Unglück über die Familie gebracht. Statt dafür jeden neuen Tag jeden von Euch von neuem um Verzeihung zu bitten, trägt sie den Kopf höher als alle, kümmert sich um nichts, als knapp gnadenweise um die Eltern, will in nichts eingeweiht werden, wie sie sich ausdrückt, und wenn sie endlich einmal mit Euch spricht, dann ist es &amp;gt;meistens ernst, aber es klingt ironisch&amp;lt;. Oder herrscht sie etwa durch ihre Schönheit, die Du manchmal erwähnst. Nun Ihr seid Euch alle drei sehr ähnlich, das aber, wodurch sie sich von Euch zweien unterscheidet, ist durchaus zu ihren Ungunsten, schon als ich sie zum ersten Mal sah, schreckte mich ihr stumpfer liebloser Blick ab. Und dann ist sie zwar die jüngste, aber davon merkt man nichts in ihrem Äußern, sie hat das alterslose Aussehn der Frauen, die kaum altern, die aber auch kaum jemals eigentlich jung gewesen sind. Du siehst sie jeden Tag, Du merkst gar nicht die Härte ihres Gesichtes. Darum kann ich auch Sortinis Neigung, wenn ich es überlege, nicht einmal sehr ernst nehmen, vielleicht wollte er sie mit dem Brief nur strafen, aber nicht rufen. &amp;quot; &amp;ldquo;Von Sortini will ich nicht reden&amp;rdquo;, sagte Olga, &amp;ldquo;bei den Herren vom Schloß ist alles möglich, ob es nun um das schönste oder um das häßlichste Mädchen geht. Sonst aber irrst Du hinsichtlich Amalias vollkommen. Sieh, ich habe doch keinen Anlaß Dich für Amalia besonders zu gewinnen und versuche ich es dennoch, tue ich es nur Deinetwegen. Amalia war irgendwie die Ursache unseres Unglücks, das ist gewiß, aber selbst der Vater, der doch am schwersten von dem Unglück getroffen war und sich in seinen Worten niemals sehr beherrschen konnte, gar zuhause nicht, selbst der Vater hat Amalia auch in den schlimmsten Zeiten kein Wort des Vorwurfs gesagt. Und das nicht etwa deshalb weil er Amalias Vorgehn gebilligt hätte; wie hätte er, ein Verehrer Sortinis, es billigen können, nicht von der Ferne konnte er es verstehn, sich und alles was er hatte, hätte er Sortini wohl gern zum Opfer gebracht, allerdings nicht so wie es jetzt wirklich geschah, unter Sortinis wahrscheinlichem Zorn. Wahrscheinlichem Zorn, denn wir erfuhren nichts mehr von Sortini; war er bisher zurückgezogen gewesen, so war es von jetzt ab, als sei er überhaupt nicht mehr. Und nun hättest Du Amalia sehn sollen in jener Zeit. Wir alle wußten, daß keine ausdrückliche Strafe kommen werde. Man zog sich nur von uns zurück. Die Leute hier, wie auch das Schloß. Während man aber den Rückzug der Leute natürlich merkte, war vom Schloß gar nichts zu merken. Wir hatten ja früher auch keine Fürsorge des Schlosses gemerkt, wie hätten wir jetzt einen Umschwung merken können. Diese Ruhe war das Schlimmste. Bei weitem nicht der Rückzug der Leute, sie hatten es ja nicht aus irgendeiner Überzeugung getan, hatten vielleicht auch gar nichts Ernstliches gegen uns, die heutige Verachtung bestand noch gar nicht, nur aus Angst hatten sie es getan und jetzt warteten sie wie es weiter ausgehn werde. Auch Not hatten wir noch keine zu fürchten, alle Schuldner hatten uns gezahlt, die Abschlüsse waren vorteilhaft gewesen, was uns an Lebensmitteln fehlte, darin halfen uns im Geheimen Verwandte aus, es war leicht, es war ja in der Erntezeit, allerdings Felder hatten wir keine und mitarbeiten ließ man uns nirgends, wir waren zum erstenmal im Leben fast zum Müßiggang verurteilt. Und nun saßen wir beisammen bei geschlossenen Fenstern in der Hitze des Juli und August. Es geschah nichts. Keine Vorladung, keine Nachricht, kein Besuch, nichts. &amp;quot; &amp;ldquo;Nun&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;da nichts geschah und auch keine ausdrückliche Strafe zu erwarten war, wovor habt Ihr Euch gefürchtet? Was seid Ihr doch für Leute!&amp;rdquo; &amp;ldquo;Wie soll ich es Dir erklären?&amp;rdquo; sagte Olga. &amp;ldquo;Wir fürchteten nichts Kommendes, wir litten schon nur unter dem Gegenwärtigen, wir waren mitten in der Bestrafung darin. Die Leute im Dorf warteten ja nur darauf, daß wir zu ihnen kämen, daß der Vater seine Werkstatt wieder aufmachte, daß Amalia, die sehr schöne Kleider zu nähen verstand, allerdings nur für die Vornehmsten, wieder um Bestellungen käme, es tat ja allen Leuten leid, was sie getan hatten; wenn im Dorf eine angesehene Familie plötzlich ganz ausgeschaltet wird, hat jeder irgendeinen Nachteil davon; sie hatten, als sie sich von uns lossagten, nur ihre Pflicht zu tun geglaubt, wir hätten es an ihrer Stelle auch nicht anders getan. Sie hatten ja auch nicht genau gewußt, um was es sich gehandelt hatte, nur der Bote war, die Hand voll Papierfetzen, in den Herrenhof zurückgekommen, Frieda hatte ihn ausgehn und dann wieder kommen gesehn, paar Worte mit ihm gesprochen und das, was sie erfahren hatte, gleich verbreitet, aber wieder gar nicht aus Feindseligkeit gegen uns, sondern einfach aus Pflicht, wie es im gleichen Falle die Pflicht jedes andern gewesen wäre. Und nun wäre den Leuten, wie ich schon sagte, eine glückliche Lösung des Ganzen am willkommensten gewesen. Wenn wir plötzlich einmal gekommen wären mit der Nachricht, daß alles schon in Ordnung sei, daß es z. R. nur ein inzwischen völlig aufgeklärtes Mißverständnis gewesen sei, oder daß es zwar ein Vergehen gewesen sei aber es sei schon durch die Tat gutgemacht oder – selbst das hätte den Leuten genügt – daß es uns durch unsere Verbindungen im Schloß gelungen sei, die Sache niederzuschlagen – man hätte uns ganz gewiß mit offenen Armen wiederaufgenommen, Küsse, Umarmungen, Feste hätte es gegeben, ich habe derartiges bei andern einige Male erlebt. Aber nicht einmal eine solche Nachricht wäre nötig gewesen; wenn wir nur frei gekommen wären und uns angeboten, die alten Verbindungen wiederaufgenommen hätten, ohne auch nur ein Wort über die Briefgeschichte zu verlieren, es hätte genügt, mit Freude hätten alle auf die Besprechung der Sache verzichtet, es war ja, neben der Angst, vor allem die Peinlichkeit der Sache gewesen, weshalb man sich von uns getrennt, einfach um nichts von der Sache hören, nicht von ihr sprechen, nicht an sie denken, in keiner Weise von ihr berührt werden zu müssen. Wenn Frieda die Sache verraten hatte, so hatte sie es nicht getan, um sich an ihr zu freuen, sondern um sich und alle vor ihr zu bewahren, um die Gemeinde darauf aufmerksam zu machen, daß hier etwas geschehen war, von dem man sich auf das sorgfaltigste fernzuhalten hatte. Nicht wir kamen hier als Familie in Betracht, sondern nur die Sache und wir nur der Sache wegen, in die wir uns verflochten hatten. Wenn wir also nur wieder hervorgekommen wären, das Vergangene ruhen gelassen hätten, durch unser Verhalten gezeigt hätten, daß wir die Sache überwunden hatten, gleichgültig auf welche Weise, und die öffentlichkeit so die Überzeugung gewonnen hätte, daß die Sache, wie immer sie auch beschaffen gewesen sein mag, nicht wieder zur Besprechung kommen werde, auch so wäre alles gut gewesen, überall hätten wir die alte Hilfsbereitschaft gefunden, selbst wenn wir dieSache nur unvollständig vergessen hätten, man hätte es verstanden und hätte uns geholfen, sie völlig zu vergessen. Statt dessen aber saßen wir zuhause. Ich weiß nicht worauf wir warteten, auf Amalias Entscheidung wohl, sie hatte damals an jenem Morgen die Führung der Familie an sich gerissen und hielt sie fest. Ohne besondere Veranstaltungen, ohne Befehle, ohne Bitten, fast nur durch Schweigen. Wir andern hatten freilich viel zu beraten, es war ein fortwährendes Flüstern vom Morgen bis zum Abend und manchmal rief mich der Vater in plötzlicher Beängstigung zu sich und ich verbrachte am Bettrand die halbe Nacht. Oder manchmal hockten wir uns zusammen, ich und Barnabas, der ja erst sehr wenig von dem Ganzen verstand und immerfort ganz glühend Erklärungen verlangte, immerfort die gleichen, er wußte wohl daß die sorgenlosen Jahre, die andere seines Alters erwarteten, für ihn nicht mehr vorhanden waren, so saßen wir zusammen ganz ähnlich, K., wie wir zwei jetzt, und vergaßen daß es Nacht wurde und wieder Morgen. Die Mutter war die schwächste von uns allen, wohl weil sie nicht nur das gemeinsame Leid, sondern auch noch jedes einzelnen Leid mitgelitten hat, und so konnten wir mit Schrecken Veränderungen an ihr wahrnehmen, die, wie wir ahnten, unserer ganzen Familie bevorstanden. Ihr bevorzugter Platz war der Winkel eines Kanapees, wir haben es längst nicht mehr, es steht in Brunswicks großer Stube, dort saß sie und – man wußte nicht genau was es war – schlummerte oder hielt, wie die bewegten Lippen anzudeuten schienen, lange Selbstgespräche. Es war ja so natürlich, daß wir immerfort die Briefgeschichte besprachen, kreuz und quer in allen sicheren Einzelnheiten und allen unsicheren Möglichkeiten, und daß wir immerfort im Aussinnen von Mitteln zur guten Lösung uns übertrafen, es war natürlich und unvermeidlich, aber nicht gut, wir kamen ja dadurch immerfort tiefer in das, dem wir entgehen wollten. Und was halfen denn diese noch so ausgezeichneten Einfälle, keiner war ausführbar ohne Amalia, alles war nur Vorberatungen, sinnlos dadurch, daß ihre Ergebnisse gar nicht bis zu Amalia kamen und wenn sie hingekommen wären, nichts anderes angetroffen hätten als Schweigen. Nun, glücklicher Weise verstehe ich heute Amalia besser als damals. Sie trug mehr als wir alle, es ist unbegreiflich wie sie es ertragen hat und noch heute unter uns lebt. Die Mutter trug vielleicht unser aller Leid, sie trug es weil es über sie hereingebrochen ist und sie trug es nicht lange; daß sie es noch heute irgendwie trägt kann man nicht sagen und schon damals war ihr Sinn verwirrt. Aber Amalia trug nicht nur das Leid, sondern hatte auch den Verstand es zu durchschauen, wir sahen nur die Folgen, sie sah den Grund, wir hofften auf irgendwelche kleine Mittel, sie wußte daß alles entschieden war, wir hatten zu flüstern, sie hatte nur zu schweigen, Aug in Aug mit der Wahrheit stand sie und lebte und ertrug dieses Leben damals wie heute. Wie viel besser ging es uns in aller unserer Not als ihr. Wir mußten freilich unser Haus verlassen, Brunswick bezog es, man wies uns diese Hütte zu, mit einem Handkarren brachten wir unser Eigentum in einigen Fahrten hier herüber, Barnabas und ich zogen, der Vater und Amalia halfen hinten nach, die Mutter, die wir gleich anfangs hergebracht hatten, empfing uns, auf einer Kiste sitzend, immer mit leisem Jammern. Aber ich erinnere mich, daß wir selbst während der mühevollen Fahrten – die auch sehr beschämend waren, denn öfters begegneten wir Erntewagen, deren Begleitung vor uns verstummte und die Blicke wandte – daß wir, Barnabas und ich, selbst während dieser Fahrten es nicht unterlassen konnten von unsern Sorgen und Plänen zu sprechen, daß wir im Gespräch manchmal stehen blieben und erst das Halloh des Vaters uns an unsere Pflicht wieder erinnerte. Aber alle Besprechungen änderten auch nach der Übersiedlung unser Leben nicht, nur daß wir jetzt allmählich auch die Armut zu fühlen bekamen. Die Zuschüsse der Verwandten hörten auf, unsere Mittel waren fast zu Ende und gerade zu jener Zeit begann die Verachtung für uns, wie Du sie kennst, sich zu entwickeln. Man merkte, daß wir nicht die Kraft hatten, uns aus der Briefgeschichte herauszuarbeiten und man nahm uns das sehr übel, man unterschätzte nicht die Schwere unseres Schicksals, trotzdem man es nicht genau kannte, man hätte, wenn wir es überwunden hätten, uns entsprechend hoch geehrt, da es uns aber nicht gelungen war, tat man das, was man bisher nur vorläufig getan hatte, endgültig, man schloß uns aus jedem Kreise aus, man wußte daß man selbst die Probe wahrscheinlich nicht besser bestanden hätte als wir, aber um so notwendiger war es sich von uns völlig zu trennen. Nun sprach man von uns nicht mehr wie von Menschen, unser Familienname wurde nicht mehr genannt; wenn man von uns sprechen mußte, nannte man uns nach Barnabas, dem Unschuldigsten von uns; selbst unsere Hütte geriet in Verruf und wenn Du Dich prüfst wirst Du gestehn, daß auch Du beim ersten Eintritt die Berechtigung dieser Verachtung zu merken glaubtest; später als wieder Leute manchmal zu uns kamen, rümpften sie die Nase über ganz belanglose Dinge, etwa darüber daß die kleine Öllampe dort über dem Tisch hing. Wo sollte sie denn anders hängen, als über dem Tisch, ihnen aber erschien es unerträglich. Hängten wir aber die Lampe anderswohin, änderte sich doch nichts an ihrem Widerwillen. Alles was wir waren und hatten, traf die gleiche Verachtung.&amp;rdquo;&lt;/p&gt;</description></item><item><title>19. Bittgänge</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/19-bittgaenge/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 18:47:25 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/19-bittgaenge/</guid><description>&lt;p&gt;&amp;ldquo;Und was taten wir unterdessen? Das Schlimmste was wir hätten tun können, etwas wofür wir gerechter hätten verachtet werden dürfen, als wofür es wirklich geschah – wir verrieten Amalia, wir rissen uns los von ihrem schweigenden Befehl, wir konnten nicht mehr so weiter leben, ganz ohne Hoffnung konnten wir nicht leben und wir begannen, jeder auf seine Art, das Schloß zu bitten oder zu bestürmen, es möge uns verzeihn. Wir wußten zwar, daß wir nicht imstande waren etwas gutzumachen, wir wußten auch, daß die einzige hoffnungsvolle Verbindung, die wir mit dem Schlosse hatten, die Sortinis, des unserem Vater geneigten Beamten, eben durch die Ereignisse uns unzugänglich geworden war, trotzdem machten wir uns an die Arbeit. Der Vater begann, es begannen die sinnlosen Bittwege zum Vorsteher, zu den Sekretären, den Advokaten, den Schreibern, meistens wurde er nicht empfangen und wenn er durch List oder Zufall doch empfangen wurde, – wie jubelten wir bei solcher Nachricht und rieben uns die Hände – wurde er äußerst schnell abgewiesen und nie wieder empfangen. Es war auch allzu leicht ihm zu antworten, das Schloß hat es immer so leicht. Was wollte er denn? Was war ihm geschehn? Wofür wollte er eine Verzeihung? Wann und von wem war denn im Schloß auch nur ein Finger gegen ihn gerührt worden? Gewiß er war verarmt, hatte die Kundschaft verloren u. s. f., aber das waren Erscheinungen des täglichen Lebens, Handwerks- und Marktangelegenheiten, sollte sich denn das Schloß um alles kümmern? Es kümmerte sich ja in Wirklichkeit um alles, aber es konnte doch nicht grob eingreifen in die Entwicklung, einfach und zu keinem andern Zweck, als dem Interesse eines einzelnen Mannes zu dienen. Sollte es etwa seine Beamten ausschicken und diese sollten den Kunden des Vaters nachlaufen und sie ihm mit Gewalt zurückbringen? Aber, wendete der Vater dann ein – wir besprachen diese Dinge alle genau zuhause vorher und nachher, in einen Winkel gedrückt, wie versteckt vor Amalia, die alles zwar merkte, aber es geschehen ließ – aber, wendete der Vater dann ein, er beklage sich ja nicht wegen der Verarmung, alles, was er hier verloren habe, wolle er leicht wieder einholen, das alles sei nebensächlich, wenn ihm nur verziehen würde. Aber was solle ihm denn verziehen werden? antwortete man ihm, eine Anzeige sei bisher nicht eingelaufen, wenigstens stehe sie noch nicht in den Protokollen, zumindest nicht in den der advokatorischen Öffentlichkeit zugänglichen Protokollen, infolgedessen sei auch, soweit es sich feststellen lasse, weder etwas gegen ihn unternommen worden, noch sei etwas im Zuge. Könne er vielleicht eine amtliche Verfügung nennen, die gegen ihn erlassen worden sei? Das konnte der Vater nicht. Oder habe ein Eingriff eines amtlichen Organes stattgefunden? Davon wußte der Vater nicht. Nun also wenn er nichts wisse und wenn nichts geschehen sei, was wolle er denn? Was könne ihm verziehen werden? Höchstens daß er jetzt zwecklos die Ämter belästige, aber gerade dieses sei unverzeihlich. Der Vater ließ nicht ab, er war damals noch immer sehr kräftig und der aufgezwungene Müßiggang gab ihm reichlich Zeit. &amp;gt;Ich werde Amalia die Ehre zurückgewinnen, es wird nicht mehr lange dauern&amp;lt;, sagte er zu Barnabas und mir einigemal während des Tages, aber nur sehr leise, denn Amalia durfte es nicht hören; trotzdem war es nur Amalias wegen gesagt, denn in Wirklichkeit dachte er gar nicht an das Zurückgewinnen der Ehre, sondern nur an Verzeihung. Aber um Verzeihung zu bekommen, mußte er erst die Schuld feststellen und die wurde ihm ja in den Ämtern abgeleugnet. Er verfiel auf den Gedanken – und dies zeigte daß er doch schon geistig geschwächt war – man verheimliche ihm die Schuld weil er nicht genug zahle; er zahlte bisher nämlich immer nur die festgesetzten Gebüren, die wenigstens für unsere Verhältnisse hoch genug waren. Er glaubte aber jetzt, er müsse mehr zahlen, was gewiß unrichtig war, denn bei unsern Ämtern nimmt man zwar der Einfachheit halber, um unnötige Reden zu vermeiden, Bestechungen an, aber erreichen kann man dadurch nichts. War es aber die Hoffnung des Vaters, wollten wir ihn darin nicht stören. Wir verkauften was wir noch hatten – es war fast nur noch Unentbehrliches – um dem Vater die Mittel für seine Nachforschungen zu verschaffen und lange Zeit hatten wir jeden Morgen die Genugtuung, daß der Vater, wenn er morgens sich auf den Weg machte, immer wenigstens mit einigen Münzen in der Tasche klimpern konnte. Wir freilich hungerten den Tag über, während das einzige was wir weiterhin durch die Geldbeschaffung bewirkten, war, daß der Vater in einer gewissen Hoffnungsfreudigkeit erhalten wurde. Dieses aber war kaum ein Vorteil. Er plagte sich auf seinen Gängen und was ohne das Geld sehr bald das verdiente Ende genommen hätte, zog sich so in die Länge. Da man für die Überzahlungen in Wirklichkeit nichts Außerordentliches leisten konnte, versuchte manchmal ein Schreiber wenigstens scheinbar etwas zu leisten, versprach Nachforschungen, deutete an daß man gewisse Spuren schon gefunden hatte, die man nicht aus Pflicht, sondern nur dem Vater zuliebe verfolgen werde, – der Vater statt zweifelnder zu werden, wurde immer gläubiger. Er kam mit einer solchen deutlich sinnlosen Versprechung zurück, so als bringe er schon wieder den vollen Segen ins Haus und es war qualvoll anzusehn, wie er immer hinter Amalias Rücken mit verzerrtem Lächeln und groß aufgerissenen Augen auf Amalia hindeutend uns zu verstehen geben wollte, wie die Errettung Amalias, die niemanden mehr als sie selbst überraschen werde, infolge seiner Bemühungen ganz nahe bevorstehe, aber alles sei noch Geheimnis und wir sollten es streng hüten. So wäre es gewiß noch sehr lange weitergegangen, wenn wir schließlich nicht vollständig außerstande gewesen wären, dem Vater das Geld noch zu liefern. Zwar war inzwischen Barnabas von Brunswick als Gehilfe nach vielen Bitten aufgenommen worden, allerdings nur in der Weise daß er abend im Dunkel die Aufträge abholte und wieder im Dunkel die Arbeit zurückbrachte – es ist zuzugeben, daß Brunswick hier eine gewisse Gefahr für sein Geschäft unseretwegen auf sich nahm, aber dafür zahlte er ja dem Barnabas sehr wenig und die Arbeit des Barnabas ist fehlerlos – doch genügte der Lohn knapp nur, um uns vor völligem Hungern zu bewahren. Mit großer Schonung und nach viel Vorbereitungen kündigten wir dem Vater die Einstellung unserer Geldunterstützungen an, aber er nahm es sehr ruhig auf. Mit dem Verstand war er nicht mehr fähig, das Aussichtslose seiner Interventionen einzusehn, aber müde war er der fortwährenden Enttäuschungen doch. Zwar sagte er – er sprach nicht mehr so deutlich wie früher, er hatte fast zu deutlich gesprochen – daß er nur noch sehr wenig Geld gebraucht hätte, morgen oder heute schon hätte er alles erfahren und nun sei alles vergebens gewesen, nur am Geld sei es gescheitert u. s. f., aber der Ton in dem er es sagte, zeigte, daß er das alles nicht glaubte. Auch hatte er gleich, unvermittelt, neue Pläne. Da es ihm nicht gelungen war, die Schuld nachzuweisen und er infolgedessen auch weiter im amtlichen Wege nichts erreichen konnte, mußte er sich ausschließlich aufs Bitten verlegen und die Beamten persönlich angehn. Es gab unter ihnen gewiß auch solche mit gutem mitleidigen Herzen, dem sie zwar im Amt nicht nachgeben durften, wohl aber außerhalb des Amtes, wenn man zu gelegener Stunde sie überraschte. &amp;quot;&lt;/p&gt;</description></item><item><title>20. Olgas Pläne</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/20-olgas-plaene/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 20:00:07 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/20-olgas-plaene/</guid><description>&lt;p&gt;&amp;ldquo;Nun galt es wieder irgendeine Beschäftigung für den Vater zu finden, für die er noch fähig war, irgendetwas, was ihn zumindest in dem Glauben erhielt, daß es dazu diene, die Schuld von der Familie abzuwälzen. Etwas derartiges zu finden war nicht schwer, so zweckdienlich wie das Sitzen vor Bertuchs Garten war im Grunde alles, aber ich fand etwas, was sogar mir einige Hoffnung gab. Wann immer bei Ämtern oder Schreibern oder sonstwo von unserer Schuld die Rede gewesen war, war immer wieder nur die Beleidigung des Sortinischen Boten erwähnt worden, weiter wagte niemand zu dringen. Nun, sagte ich mir, wenn die allgemeine Meinung, sei es auch nur scheinbar, nur von der Botenbeleidigung weiß, ließe sich, sei es auch wieder nur scheinbar, alles wieder gutmachen, wenn man den Boten versöhnen könnte. Es ist ja keine Anzeige eingelaufen, wie man erklärt, die Sache hat also noch kein Amt in der Hand und es steht demnach dem Boten frei, für seine Person, und um mehr handelt es sich nicht, zu verzeihen. Das alles konnte ja keine entscheidende Bedeutung haben, war nur Schein und konnte wieder nichts anderes ergeben, aber dem Vater würde es doch Freude machen und die vielen Auskunftgeber, die ihn so gequält hatten, könnte man damit vielleicht zu seiner Genugtuung ein wenig in die Enge treiben. Zuerst mußte man freilich den Boten finden. Als ich meinen Plan dem Vater erzählte, wurde er zuerst sehr ärgerlich, er war nämlich äußerst eigensinnig geworden, zum Teil glaubte er, während der Krankheit hatte sich das entwickelt, daß wir ihn immer am letzten Erfolg gehindert hätten, zuerst durch Einstellung der Geldunterstützung, jetzt durch Zurückhalten im Bett, zum Teil war er gar nicht mehr fähig fremde Gedanken völlig aufzunehmen. Ich hatte noch nicht zuendeerzählt, schon war mein Plan verworfen, nach seiner Meinung mußte er bei Bertuchs Garten weiter warten und, da er gewiß nicht mehr imstande sein würde täglich hinaufzugehn, müßten wir ihn im Handkarren hinbringen. Aber ich ließ nicht ab und allmählich söhnte er sich mit dem Gedanken aus, störend war ihm dabei nur, daß er in dieser Sache ganz von mir abhängig war, denn nur ich hatte damals den Boten gesehn, er kannte ihn nicht. Freilich, ein Diener gleicht dem andern und völlig sicher dessen, daß ich jenen wiedererkennen würde, war auch ich nicht. Wir begannen dann in den Herrenhof zu gehn und unter der Dienerschaft dort zu suchen. Es war zwar ein Diener Sortinis gewesen und Sortini kam nicht mehr ins Dorf, aber die Herren wechseln häufig die Diener, man konnte ihn recht wohl in der Gruppe eines andern Herrn finden und wenn er selbst nicht zu finden war, so konnte man doch vielleicht von den andern Dienern Nachricht über ihn bekommen. Zu diesem Zweck mußte man allerdings allabendlich im Herrenhof sein und man sah uns nirgends gern, wie erst an einem solchen Ort; als zahlende Gäste konnten wir ja auch nicht auftreten. Aber es zeigte sich, daß man uns doch brauchen konnte; Du weißt wohl, was für eine Plage die Dienerschaft für Frieda war, es sind im Grunde meist ruhige Leute, durch leichten Dienst verwöhnt und schwerfällig gemacht, &amp;gt;es möge Dir gehn wie einem Diener&amp;lt; heißt ein Segensspruch der Beamten und tatsächlich sollen, was Wohlleben betrifft, die Diener die eigentlichen Herren im Schloß sein; sie wissen das auch zu würdigen und sind im Schloß, wo sie sich unter seinen Gesetzen bewegen, still und würdig, vielfach ist mir das bestätigt worden und man findet auch hier unter den Dienern noch Reste dessen, aber nur Reste, sonst sind sie dadurch, daß die Schloßgesetze für sie im Dorf nicht mehr vollständig gelten, wie verwandelt; ein wildes, unbotmäßiges, statt von den Gesetzen von ihren unersättlichen Trieben beherrschtes Volk. Ihre Schamlosigkeit kennt keine Grenzen, ein Glück für das Dorf, daß sie den Herrenhof nur über Befehl verlassen dürfen, im Herrenhof selbst aber muß man mit ihnen auszukommen suchen; Frieda nun fiel das sehr schwer und so war es ihr sehr willkommen, daß sie mich dazu verwenden konnte, die Diener zu beruhigen, seit mehr als zwei Jahren zumindest zweimal in der Woche verbringe ich die Nacht mit den Dienern im Stall. Früher, als der Vater noch in den Herrenhof mitgehn konnte, schlief er irgendwo im Ausschankzimmer und wartete so auf die Nachrichten, die ich früh bringen würde. Es war wenig. Den gesuchten Boten haben wir bis heute noch nicht gefunden, er soll noch immer in den Diensten Sortinis sein, der ihn sehr hoch schätzt und soll ihm gefolgt sein, als sich Sortini in entferntere Kanzleien zurückzog. Meist haben ihn die Diener ebensolange nicht gesehn, wie wir, und wenn einer ihn inzwischen doch gesehen haben will, ist es wohl ein Irrtum. So wäre also mein Plan eigentlich mißlungen und ist es doch nicht völlig, den Boten haben wir zwar nicht gefunden und dem Vater haben die Wege in den Herrenhof und die Übernachtungen dort, vielleicht sogar das Mitleid mit mir, soweit er dessen noch fähig ist, leider den Rest gegeben und er ist schon seit fast zwei Jahren in diesem Zustand, in dem Du ihn gesehn hast, und dabei geht es ihm vielleicht noch besser als der Mutter, deren Ende wir täglich erwarten und das sich nur dank der übermenschlichen Anstrengung Amalias verzögert. Was ich aber doch im Herrenhof erreicht habe, ist eine gewisse Verbindung mit dem Schloß; verachte mich nicht, wenn ich sage, daß ich das was ich getan habe, nicht bereue. Was mag das für eine große Verbindung mit dem Schlosse sein, wirst Du Dir vielleicht denken. Und Du hast recht, eine große Verbindung ist es nicht. Ich kenne jetzt zwar viele Diener, die Diener aller der Herren fast, die in den letzten Jahren ins Dorf kamen und wenn ich einmal ins Schloß kommen sollte so werde ich dort nicht fremd sein. Freilich, es sind nur Diener im Dorf, im Schloß sind sie ganz anders und erkennen dort wahrscheinlich niemanden mehr und jemanden mit dem sie im Dorf verkehrt haben, ganz besonders nicht und mögen sie es auch im Stall hundertmal beschworen haben, daß sie sich auf ein Wiedersehn im Schloß sehr freuen. Ich habe es ja übrigens auch schon erfahren, wie wenig alle solche Versprechungen bedeuten. Aber das Wichtigste ist das ja gar nicht. Nicht nur durch die Diener selbst habe ich eine Verbindung mit dem Schloß, sondern vielleicht und hoffentlich auch noch so, daß jemand, der von oben mich und was ich tue beobachtet – und die Verwaltung der großen Dienerschaft ist freilich ein äußerst wichtiger und sorgenvoller Teil der behördlichen Arbeit – daß dann derjenige der mich so beobachtet, vielleicht zu einem milderen Urteil über mich kommt, als andere, daß er vielleicht erkennt, daß ich, in einer jämmerlichen Art zwar, doch auch für unsere Familie kämpfe und die Bemühungen des Vaters fortsetze. Wenn man es so ansieht, vielleicht wird man es mir dann auch verzeihen, daß ich von den Dienern Geld annehme und für unsere Familie verwende. Und noch anderes habe ich erreicht, das allerdings machst auch Du zu meiner Schuld. Ich habe von den Knechten manches darüber erfahren, wie man auf Umwegen, ohne das schwierige und jahrelang dauernde öffentliche Aufnahmsverfahren in die Schloßdienste kommen kann, man ist dann zwar auch nicht öffentlicher Angestellter, sondern nur ein heimlich und halb Zugelassener, man hat weder Rechte noch Pflichten, daß man keine Pflichten hat, ist das Schlimmere, aber eines hat man, da man doch in der Nähe bei allem ist, man kann günstige Gelegenheiten erkennen und benützen, man ist kein Angestellter, aber zufällig kann sich irgendeine Arbeit finden, ein Angestellter ist gerade nicht bei der Hand, ein Zuruf, man eilt herbei, und was man vor einem Augenblick noch nicht war, man ist es geworden, ist Angestellter. Allerdings wann findet sich eine solche Gelegenheit? Manchmal gleich, kaum ist man hingekommen, kaum hat man sich umgesehn, ist die Gelegenheit schon da, es hat nicht einmal jeder die Geistesgegenwart sie so als Neuling gleich zu fassen, aber ein anderesmal dauert es wieder mehr Jahre, als das öffentliche Aufnahmsverfahren, und regelrecht öffentlich aufgenommen kann ein solcher halb Zugelassener gar nicht mehr werden. Bedenken sind hier also genug; sie schweigen aber demgegenüber, daß bei der öffentlichen Aufnahme sehr peinlich ausgewählt wird und ein Mitglied einer irgendwie anrüchigen Familie von vornherein verworfen ist, ein solcher unterzieht sich z. B. diesem Verfahren, zittert jahrelang wegen des Ergebnisses, von allen Seiten fragt man ihn erstaunt seit dem ersten Tag wie er etwas derartig Aussichtsloses wagen konnte, er hofft aber doch, wie könnte er sonst leben, aber nach vielen Jahren, vielleicht als Greis erfährt er die Ablehnung, erfährt daß alles verloren ist und sein Leben vergeblich war. Auch hier gibt es freilich Ausnahmen, darum wird man eben so leicht verlockt. Es kommt vor, daß gerade anrüchige Leute schließlich aufgenommen werden, es gibt Beamte welche förmlich gegen ihren Willen den Geruch solchen Wildes lieben, bei den Aufnahmsprüfungen schnuppern sie in der Luft, verziehn den Mund, verdrehn die Augen, ein solcher Mann scheint für sie gewissermaßen ungeheuer appetitanreizend zu sein und sie müssen sich sehr fest an die Gesetzbücher halten, um dem widerstehn zu können. Manchmal hilft das allerdings dem Mann nicht zur Aufnahme sondern nur zur endlosen Ausdehnung des Aufnahmsverfahrens, das dann überhaupt nicht beendet sondern nach dem Tode des Mannes nur abgebrochen wird. So ist also sowohl die gesetzmäßige Aufnahme als auch die andere voll offener und versteckter Schwierigkeiten und ehe man sich auf etwas derartiges einläßt, ist es sehr ratsam alles genau zu erwägen. Nun daran haben wir es nicht fehlen lassen, Barnabas und ich. Immer wenn ich aus dem Herrenhof kam, setzten wir uns zusammen, ich erzählte das Neueste was ich erfahren hatte, tagelang sprachen wir es durch und die Arbeit in des Barnabas Hand ruhte oft länger als gut war. Und hier mag ich eine Schuld in Deinem Sinne haben. Ich wußte doch daß auf die Erzählungen der Knechte nicht viel Verlaß war. Ich wußte, daß sie niemals Lust hatten mir vom Schloß zu erzählen, immer zu anderem ablenkten, jedes Wort sich abbetteln ließen, dann aber freilich wenn sie im Gang waren, loslegten, Unsinn schwatzten, großtaten, einander in Übertreibungen und Erfindungen überboten, so daß offenbar im endlosen Geschrei, in welchem einer den andern ablöste dort im dunklen Stall, bestenfalls paar magere Andeutungen der Wahrheit enthalten sein mochten. Ich aber erzählte dem Barnabas alles wieder, so wie ich es mir gemerkt hatte und er, der noch gar keine Fähigkeit hatte, zwischen Wahrem und Erlogenem zu unterscheiden und infolge der Lage unserer Familie fast verdurstete vor Verlangen nach diesen Dingen, er trank alles in sich hinein und glühte vor Eifer nach Weiterem. Und tatsächlich ruhte auf Barnabas mein neuer Plan. Bei den Knechten war nichts mehr zu erreichen. Der Bote Sortinis war nicht zu finden und würde niemals zu finden sein, immer weiter schien sich Sortini und damit auch der Bote zurückzuziehn, oft geriet ihr Aussehen und Name schon in Vergessenheit und ich mußte sie oft lange beschreiben, um damit nichts zu erzielen, als daß man sich mühsam an sie erinnerte, aber darüber hinaus nichts über sie sagen konnte. Und was mein Leben mit den Knechten betraf, so hatte ich natürlich keinen Einfluß darauf wie es beurteilt wurde, konnte nur hoffen, daß man es so aufnehmen würde, wie es getan war und daß dafür ein Geringes von der Schuld unserer Familie abgezogen würde, aber äußere Zeichen dessen bekam ich nicht. Doch blieb ich dabei, da ich für mich keine andere Möglichkeit sah, im Schloß etwas für uns zu bewirken. Für Barnabas aber sah ich eine solche Möglichkeit. Aus den Erzählungen der Knechte konnte ich wenn ich dazu Lust hatte, und diese Lust hatte ich in Fülle, entnehmen, daß jemand der in Schloßdienste aufgenommen ist, sehr viel für seine Familie erreichen kann. Freilich, was war an diesen Erzählungen Glaubwürdiges? Das war unmöglich festzustellen, nur daß es sehr wenig war, war klar. Denn wenn mir z. B. ein Knecht, den ich niemals mehr sehn würde oder den ich, wenn ich ihn auch sehn sollte, kaum wiedererkennen würde, feierlich zusicherte, meinem Bruder zu einer Anstellung im Schloß zu verhelfen oder zumindest, wenn Barnabas sonstwie ins Schloß kommen sollte, ihn zu unterstützen, also etwa ihn zu erfrischen, denn nach den Erzählungen der Knechte kommt es vor, daß Anwärter für Stellungen während der überlangen Wartezeit ohnmächtig oder verwirrt werden und dann verloren sind, wenn nicht Freunde für sie sorgen – wenn solches und vieles andere mir erzählt wurde, so waren das wahrscheinlich berechtigte Warnungen, aber die zugehörigen Versprechungen waren völlig leer. Für Barnabas nicht, zwar warnte ich ihn ihnen zu glauben, aber schon daß ich sie ihm erzählte, war genügend, um ihn für meine Pläne einzunehmen. Was ich selbst dafür anführte, wirkte auf ihn weniger, auf ihn wirkten hauptsächlich die Erzählungen der Knechte. Und so war ich eigentlich gänzlich auf mich allein angewiesen, mit den Eltern konnte sich überhaupt niemand außer Amalia verständigen, je mehr ich die alten Pläne des Vaters in meiner Art verfolgte, desto mehr schloß sich Amalia von mir ab, vor Dir oder andern spricht sie mit mir, allein niemals mehr, den Knechten im Herrenhof war ich ein Spielzeug, das zu zerbrechen sie sich wütend anstrengten, kein einziges vertrauliches Wort habe ich während der zwei Jahre mit einem von ihnen gesprochen, nur Hinterhältiges oder Erlogenes oder Irrsinniges, blieb mir also nur Barnabas und Barnabas war noch sehr jung. Wenn ich bei meinen Berichten den Glanz in seinen Augen sah, den er seitdem behalten hat, erschrak ich und ließ doch nicht ab, zu Großes schien mir auf dem Spiel zu sein. Freilich die großen wenn auch leeren Pläne meines Vaters hatte ich nicht, ich hatte nicht diese Entschlossenheit der Männer, ich blieb bei der Wiedergutmachung der Beleidigung des Boten und wollte gar noch daß man mir diese Bescheidenheit als Verdienst anrechne. Aber was mir allein mißlungen war, wollte ich jetzt durch Barnabas anders und sicher erreichen. Einen Boten hatten wir beleidigt und ihn aus den vorderen Kanzleien verscheucht, was lag näher, als in der Person des Barnabas einen neuen Boten anzubieten, durch Barnabas die Arbeit des beleidigten Boten ausführen zu lassen und dem Beleidigten es so zu ermöglichen, ruhig in der Ferne zu bleiben, wie lange er wollte, wie lange er es zum Vergessen der Beleidigung brauchte. Ich merkte zwar gut, daß in aller Bescheidenheit dieses Planes auch Anmaßung lag, daß es den Eindruck erwecken konnte, als ob wir der Behörde diktieren wollten, wie sie Personalfragen ordnen sollte oder als ob wir daran zweifelten, daß die Behörde aus eigenem das Beste anzuordnen fähig war und es sogar schon längst angeordnet hatte, ehe wir nur auf den Gedanken gekommen waren, daß hier etwas getan werden könnte. Doch glaubte ich dann wieder, daß es unmöglich sei daß mich die Behörde so mißverstehe oder daß sie, wenn sie es tun sollte, es dann mit Absicht tun würde, d. h. daß dann von vornherein ohne nähere Untersuchung alles, was ich tue, verworfen sei. So ließ ich also nicht ab und der Ehrgeiz des Barnabas tat das seine. In dieser Zeit der Vorbereitungen wurde Barnabas so hochmütig, daß er die Schusterarbeit für sich, den künftigen Kanzleiangestellten, zu schmutzig fand, ja daß er es sogar wagte, Amalia, wenn sie ihm, selten genug, ein Wort sagte, zu widersprechen undzwar grundsätzlich. Ich gönnte ihm gern diese kurze Freude, denn mit dem ersten Tag, an welchem er ins Schloß ging, war Freude und Hochmut, wie leicht vorauszusehen gewesen war, gleich vorüber. Es begann nun jener scheinbare Dienst, von dem ich Dir schon erzählt habe. Erstaunlich war es, wie Barnabas ohne Schwierigkeiten zum erstenmal das Schloß oder richtiger jene Kanzlei betrat, die sozusagen sein Arbeitsraum geworden ist. Dieser Erfolg machte mich damals fast toll, ich lief, als es mir Barnabas abend beim Nachhausekommen zuflüsterte, zu Amalia, packte sie, drückte sie in eine Ecke und küßte sie mit Lippen und Zähnen, daß sie vor Schmerz und Schrecken weinte. Sagen konnte ich vor Erregung nichts, auch hatten wir ja schon so lange nichts mit einander gesprochen, ich verschob es auf die nächsten Tage. An den nächsten Tagen aber war freilich nichts mehr zu sagen. Bei dem so schnell Erreichten blieb es auch. Zwei Jahre lang führte Barnabas dieses einförmige herzbeklemmende Leben. Die Knechte versagten gänzlich, ich gab Barnabas einen kleinen Brief mit, in dem ich ihn der Aufmerksamkeit der Knechte empfahl, die ich gleichzeitig an ihre Versprechungen erinnerte und Barnabas, sooft er einen Knecht sah, zog den Brief heraus und hielt ihn ihm vor und wenn er wohl auch manchmal an Knechte geriet, die mich nicht kannten, und wenn auch für die Bekannten seine Art den Brief stumm vorzuzeigen, denn zu sprechen wagt er oben nicht, ärgerlich war, so war es doch schändlich daß niemand ihm half und es war eine Erlösung, die wir aus Eigenem uns freilich auch und längst hätten verschaffen können, als ein Knecht, dem vielleicht der Brief schon einigemal aufgedrängt worden war, ihn zusammenknüllte und in einen Papierkorb warf. Fast hätte er dabei, so fiel mir ein, sagen können: &amp;gt;Ähnlich pflegt ja auch Ihr Briefe zu behandeln. &amp;lt; So ergebnislos aber diese ganze Zeit sonst war, auf Barnabas wirkte sie günstig, wenn man es günstig nennen will, daß er vorzeitig alterte, vorzeitig ein Mann wurde, ja in manchem ernst und einsichtig über die Mannheit hinaus. Mich macht es oft sehr traurig ihn anzusehn und ihn mit dem Jungen zu vergleichen, der er noch vor zwei Jahren war. Und dabei habe ich gar nicht den Trost und Rückhalt, den er mir als Mann vielleicht geben könnte. Ohne mich wäre er kaum ins Schloß gekommen, aber seitdem er dort ist, ist er von mir unabhängig. Ich bin seine einzige Vertraute, aber er erzählt mir gewiß nur einen kleinen Teil dessen, was er auf dem Herzen hat. Er erzählt mir viel vom Schloß, aber aus seinen Erzählungen, aus den kleinen Tatsachen, die er mitteilt, kann man bei weitem nicht verstehen, wie ihn dieses so verwandelt haben könnte. Man kann insbesondere nicht verstehn, warum er den Mut, den er als Junge bis zu unserer aller Verzweiflung hatte, jetzt als Mann dort oben so gänzlich verloren hat. Freilich, dieses nutzlose Dastehn und Warten Tag für Tag und immer wieder von neuem und ohne jede Aussicht auf Veränderung, das zermürbt und macht zweifelhaft und schließlich zu anderem als zu diesem verzweifelten Dastehn sogar unfähig. Aber warum hat er auch früher gar keinen Widerstand geleistet? Besonders da er bald erkannte, daß ich recht gehabt hatte und für den Ehrgeiz dort nichts zu holen war, wohl aber vielleicht für die Besserung der Lage unserer Familie. Denn dort geht alles, die Launen der Diener ausgenommen, sehr bescheiden zu, der Ehrgeiz sucht dort in der Arbeit Befriedigung und da dabei die Sache selbst das Übergewicht bekommt, verliert er sich gänzlich, für kindliche Wünsche ist dort kein Raum. Wohl aber glaubte Barnabas, wie er mir erzählte, deutlich zu sehn, wie groß die Macht und das Wissen selbst dieser doch recht fragwürdigen Beamten war, in deren Zimmer er sein durfte. Wie sie diktierten, schnell, mit halb geschlossenen Augen, kurzen Handbewegungen, wie sie nur mit dem Zeigefinger ohne jedes Wort die brummigen Diener abfertigten, die in solchen Augenblicken schwer atmend, glücklich lächelten oder wie sie eine wichtige Stelle in ihren Büchern fanden, voll darauf schlugen und, soweit es in der Enge möglich war, die andern herbeiliefen und die Hälse danach streckten. Das und ähnliches gab Barnabas große Vorstellungen von diesen Männern und er hatte den Eindruck, daß wenn er so weit käme, von ihnen bemerkt zu werden und mit ihnen paar Worte sprechen zu dürfen, nicht als Fremder, sondern als Kanzleikollege, allerdings untergeordnetester Art, Unabsehbares für unsere Familie erreicht werden könnte. Aber soweit ist es eben noch nicht gekommen und etwas was ihn dem annähern könnte wagt Barnabas nicht zu tun, trotzdem er schon genau weiß, daß er trotz seiner Jugend innerhalb unserer Familie durch die unglücklichen Verhältnisse zu der verantwortungsschweren Stellung des Familienvaters selbst hinaufgerückt ist. Und nun, um das Letzte noch zu gestehn: Vor einer Woche bist Du gekommen. Ich hörte im Herrenhof jemanden es erwähnen, kümmerte mich aber nicht darum; ein Landvermesser war gekommen, ich wußte nicht einmal was das ist. Aber am nächsten Abend kommt Barnabas – ich pflegte ihm sonst zu bestimmter Stunde ein Stück Wegs entgegenzugehn – früher als sonst nachhause, sieht Amalia in der Stube, zieht mich deshalb auf die Straße hinaus, drückt dort das Gesicht auf meine Schulter und weint minutenlang. Er ist wieder der kleine Junge von ehemals. Es ist ihm etwas geschehn, dem er nicht gewachsen ist. Es ist als hätte sich vor ihm plötzlich eine ganz neue Welt aufgetan und das Glück und die Sorgen aller dieser Neuheit kann er nicht ertragen. Und dabei ist ihm nichts anderes geschehn, als daß er einen Brief an Dich zur Bestellung bekommen hat. Aber es ist freilich der erste Brief, die erste Arbeit, die er überhaupt je bekommen hat. &amp;quot;&lt;/p&gt;</description></item><item><title>21. («Nun war es also…»)</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/21-nun-war-es-also/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 20:01:02 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/21-nun-war-es-also/</guid><description>&lt;p&gt;Nun war es also doch geschehn, was vorauszusehen, aber nicht zu verhindern gewesen war. Frieda hatte ihn verlassen. Es mußte nichts endgiltiges sein, so schlimm war es nicht, Frieda war zurückzuerobern, sie war leicht von Fremden zu beeinflussen, gar von diesen Gehilfen, welche Friedas Stellung für ähnlich der ihren hielten und nun, da sie gekündigt hatten, auch Frieda dazu veranlaßt hatten, aber K. mußte nur vor sie treten, an alles erinnern, was für ihn sprach und sie war wieder reuevoll die seine, gar wenn er etwa imstande gewesen wäre, den Besuch bei den Mädchen durch einen Erfolg zu rechtfertigen, den er ihnen verdankte. Aber trotz diesen Überlegungen, mit welchen er sich wegen Frieda zu beruhigen suchte, war er nicht beruhigt. Noch vor kurzem hatte er sich Olga gegenüber Friedas gerühmt und sie seinen einzigen Halt genannt, nun, dieser Halt war nicht der festeste, nicht der Eingriff eines Mächtigen war nötig, um K. Friedas zu berauben, es genügte auch dieser nicht sehr appetitliche Gehilfe, dieses Fleisch, das manchmal den Eindruck machte, als sei es nicht recht lebendig.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>22. («Da sah K. wie er…»)</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/22-da-sah-k-wie-er/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 20:02:18 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/22-da-sah-k-wie-er/</guid><description>&lt;p&gt;Da sah K., wie er ziellos umherblickte, weit in der Ferne an einer Wendung des Ganges Frieda; sie tat, als erkenne sie ihn nicht, blickte nur starr auf ihn, in der Hand trug sie eine Tasse mit leerem Geschirr. Er sagte dem Diener, der aber gar nicht auf ihn achtete – je mehr man zu dem Diener sprach, desto geistesabwesender schien er zu werden – er werde gleich zurückkommen, und lief zu Frieda. Bei ihr angekommen, faßte er sie bei den Schultern, so als ergreife er wieder von ihr Besitz, stellte einige belanglose Fragen und suchte dabei prüfend in ihren Augen. Aber ihre starre Haltung löste sich kaum, zerstreut versuchte sie einige Umstellungen des Geschirrs auf der Tasse und sagte: &amp;ldquo;Was willst Du denn von mir? Geh doch zu den – nun Du weißt ja, wie sie heißen, Du kommst ja gerade von ihnen, ich kann es Dir ansehn. &amp;quot; K. lenkte schnell ab; die Aussprache sollte nicht so plötzlich kommen und bei dem Bösesten, bei dem für ihn Ungünstigsten anfangen. &amp;ldquo;Ich dachte Du wärest im Ausschank&amp;rdquo;, sagte er. Frieda sah ihn erstaunt an und fuhr ihm dann sanft mit der einen Hand, die sie frei hatte, über Stirn und Wange. Es war, als habe sie sein Aussehn vergessen und wolle es sich so wieder ins Bewußtsein zurückrufen, auch ihre Augen hatten den verschleierten Ausdruck des mühsamen Sich-Erinnerns. &amp;ldquo;Ich bin für den Ausschank wiederaufgenommen&amp;rdquo;, sagte sie dann langsam, als sei es unwichtig was sie sage, aber unter den Worten führe sie noch ein Gespräch mit K. und dies sei das wichtigere, &amp;ldquo;diese Arbeit taugt nicht für mich, die kann auch eine jede andere besorgen; jede, die aufbetten und ein freundliches Gesicht machen kann und die Belästigung durch die Gäste nicht scheut, sondern sie sogar noch hervorruft, eine jede solche kann Stubenmädchen sein. Aber im Ausschank, da ist es etwas anderes. Ich bin auch gleich für den Ausschank wieder aufgenommen worden, trotzdem ich damals nicht sehr ehrenvoll ihn verlassen habe, freilich hatte ich jetzt Protektion. Aber der Wirt war glücklich, daß ich Protektion hatte und es ihm deshalb leicht möglich war, mich wieder aufzunehmen. Es war sogar so, daß man mich drängen mußte, den Posten anzunehmen; wenn Du bedenkst, woran mich der Ausschank erinnert, wirst Du es begreifen. Schließlich habe ich den Posten angenommen. Hier bin ich nur aushilfsweise. Pepi hat gebeten ihr nicht die Schande zu tun, sofort den Ausschank verlassen zu müssen, wir haben ihr deshalb, weil sie doch fleißig gewesen ist und alles so besorgt hat, wie es nur ihre Fähigkeiten erlaubt haben, eine vierundzwanzigstündige Frist gegeben. &amp;quot; &amp;ldquo;Das ist alles sehr gut eingerichtet&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;nur hast Du einmal meinetwegen den Ausschank verlassen und nun da wir kurz vor der Hochzeit sind kehrst Du wieder in ihn zurück?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Es wird keine Hochzeit geben&amp;rdquo;, sagte Frieda. &amp;ldquo;Weil ich untreu war?&amp;rdquo; fragte K. Frieda nickte. &amp;ldquo;Nun sieh, Frieda&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;über diese angebliche Untreue haben wir schon öfters gesprochen und immer hast Du schließlich einsehn müssen, daß es ein ungerechter Verdacht war. Seitdem aber hat sich auf meiner Seite nichts geändert, alles ist so unschuldig geblieben wie es war und wie es nicht anders werden kann. Also muß sich etwas auf Deiner Seite geändert haben, durch fremde Einflüsterungen oder anderes. Unrecht tust Du mir auf jeden Fall, denn sieh, wie verhält es sich mit diesen zwei Mädchen? Die eine, die dunkle – ich schäme mich fast, mich so im einzelnen verteidigen zu müssen, aber Du forderst es heraus – die dunkle also ist mir wahrscheinlich nicht weniger peinlich als Dir; wenn ich mich nur irgendwie von ihr fernhalten kann, tue ich es und sie erleichtert das ja auch, man kann nicht zurückhaltender sein, als sie es ist. &amp;quot; &amp;ldquo;Ja&amp;rdquo;, rief Frieda aus, die Worte kamen ihr wie gegen ihren Willen hervor; K. war froh, sie so abgelenkt zu sehn; sie war anders, als sie sein wollte, &amp;ldquo;die magst Du für zurückhaltend ansehn, die schamloseste von allen nennst Du zurückhaltend und Du meinst es, so unglaubwürdig es ist, ehrlich, Du verstellst Dich nicht, das weiß ich. Die Brückenhofwirtin sagt von Dir: leiden kann ich ihn nicht, aber verlassen kann ich ihn auch nicht, man kann doch auch beim Anblick eines kleinen Kindes, das noch nicht gut gehen kann und sich weit vorwagt, unmöglich sich beherrschen, man muß eingreifen.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Nimm diesmal ihre Lehre an&amp;rdquo;, sagte K. lächelnd, &amp;ldquo;aber jenes Mädchen, ob es zurückhaltend oder schamlos ist, können wir bei Seite lassen, ich will von ihr nichts wissen. &amp;quot; &amp;ldquo;Aber warum nennst Du sie zurückhaltend?&amp;rdquo; fragte Frieda unnachgiebig, K. hielt diese Teilnahme für ein ihm günstiges Zeichen, &amp;ldquo;hast Du es erprobt oder willst Du andere dadurch herabsetzen?&amp;rdquo; &amp;ldquo;Weder das eine noch das andere&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;ich nenne sie so aus Dankbarkeit, weil sie es mir leicht macht, sie zu übersehn und weil ich, selbst wenn sie mich nur öfters ansprechen würde, es nicht über mich bringen könnte wieder hinzugehn, was doch ein großer Verlust für mich wäre, denn ich muß hingehn, wegen unserer gemeinsamen Zukunft, wie Du weißt. Und deshalb muß ich auch mit dem andern Mädchen sprechen, das ich zwar wegen seiner Tüchtigkeit, Umsicht und Selbstlosigkeit schätze, von dem aber doch niemand behaupten kann, daß es verführerisch ist.&amp;rdquo; &amp;ldquo;Die Knechte sind anderer Meinung&amp;rdquo;, sagte Frieda. &amp;ldquo;In dieser wie auch wohl in vieler anderer Hinsicht&amp;rdquo;, sagte K. &amp;ldquo;Aus den Gelüsten der Knechte willst Du auf meine Untreue schließen?&amp;rdquo; Frieda schwieg und duldete es, daß K. ihr die Tasse aus der Hand nahm, auf den Boden stellte, seinen Arm unter den ihren schob und in kleinem Raum langsam mit ihr hin- und herzugehn begann. &amp;ldquo;Du weißt nicht was Treue ist&amp;rdquo;, sagte sie, sich ein wenig wehrend gegen seine Nähe, &amp;ldquo;wie Du Dich auch zu den Mädchen verhalten magst, ist ja nicht das Wichtigste; daß Du in diese Familie überhaupt gehst und zurückkommst, den Geruch ihrer Stube in den Kleidern, ist schon eine unerträgliche Schande für mich. Und Du läufst aus der Schule fort, ohne etwas zu sagen. Und bleibst gar bei ihnen die halbe Nacht. Und läßt, wenn man nach Dir fragt, Dich von den Mädchen verleugnen, leidenschaftlich verleugnen, besonders von der unvergleichlich Zurückhaltenden. Schleichst Dich auf einem geheimen Weg aus dem Haus, vielleicht gar um den Ruf jener Mädchen zu schonen, den Ruf jener Mädchen! Nein, sprechen wir nicht mehr davon!&amp;rdquo; &amp;ldquo;Von diesem nicht&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;aber von etwas anderem, Frieda. Von diesem ist ja auch nichts zu sagen. Warum ich hingehn muß, weißt Du. Es wird mir nicht leicht, aber ich überwinde mich. Du solltest es mir nicht schwerer machen als es ist. Heute dachte ich nur für einen Augenblick hinzugehn und nachzufragen, ob Barnabas, der eine wichtige Botschaft schon längst hätte bringen sollen, endlich gekommen ist. Er war nicht gekommen, aber er mußte, wie man mir versicherte und wie es auch glaubwürdig war, sehr bald kommen. Ihn mir in die Schule nachkommen lassen, wollte ich nicht, um Dich durch seine Gegenwart nicht zu belästigen. Die Stunden vergingen und er kam leider nicht. Wohl aber kam ein anderer, der mir verhaßt ist. Von ihm mich ausspionieren zu lassen, hatte ich keine Lust und ging also durch den Nachbargarten, aber auch vor ihm verbergen wollte ich mich nicht, sondern ging dann auf der Straße frei auf ihn zu, mit einer sehr biegsamen Weidenrute, wie ich gestehe. Das ist alles, darüber ist also weiter nichts zu sagen, wohl aber über etwas anderes. Wie verhält es sich denn mit den Gehilfen, die zu erwähnen mir fast so widerlich ist wie Dir die Erwähnung jener Familie? Vergleiche Dein Verhältnis zu ihnen damit, wie ich mich zu der Familie verhalte. Ich verstehe Deinen Widerwillen gegenüber der Familie und kann ihn teilen. Nur um der Sache willen gehe ich zu ihnen, fast scheint es mir manchmal, daß ich ihnen Unrecht tue, sie ausnütze. Du und die Gehilfen dagegen. Du hast gar nicht in Abrede gestellt, daß sie Dich verfolgen und hast eingestanden, daß es Dich zu ihnen zieht. Ich war Dir nicht böse deshalb, habe eingesehn, daß hier Kräfte im Spiel sind, denen Du nicht gewachsen bist, war schon glücklich darüber, daß Du Dich wenigstens wehrst, habe geholfen Dich zu verteidigen und nur weil ich paar Stunden darin nachgelassen habe, im Vertrauen auf Deine Treue, allerdings auch in der Hoffnung daß das Haus unweigerlich verschlossen ist und die Gehilfen endgiltig in die Flucht geschlagen sind – ich unterschätze sie noch immer, fürchte ich – nur weil ich paar Stunden darin nachgelassen habe und jener Jeremias, genau betrachtet ein nicht sehr gesunder, ältlicher Bursche, die Keckheit gehabt hat, ans Fenster zu treten, nur deshalb soll ich Dich, Frieda, verlieren und als Begrüßung zu hören bekommen: &amp;gt;Es wird keine Hochzeit geben. &amp;lt; Wäre ich es nicht eigentlich der Vorwürfe machen dürfte und ich mache sie nicht, mache sie noch immer nicht. &amp;quot; Und wieder schien es K. gut, Frieda ein wenig abzulenken und er bat sie ihm etwas zum Essen zu bringen, weil er schon seit Mittag nichts gegessen habe. Frieda, offenbar auch durch die Bitte erleichtert, nickte und lief etwas zu holen, nicht den Gang weiter wo K. die Küche vermutete, sondern seitlich paar Stufen abwärts. Sie brachte bald einen Teller mit Aufschnitt und eine Flasche Wein, aber es waren wohl nur schon die Reste einer Mahlzeit, flüchtig waren die einzelnen Stücke neu ausgebreitet um es unkenntlich zu machen, sogar Wurstschalen waren dort vergessen und die Flasche war zu dreivierteln geleert. Doch sagte K. nichts darüber und machte sich mit gutem Appetit ans Essen. &amp;ldquo;Du warst in der Küche?n&amp;rdquo; fragte er. &amp;ldquo;Nein, in meinem Zimmer&amp;rdquo;, sagte sie, &amp;ldquo;ich habe hier unten ein Zimmer. &amp;quot; &amp;ldquo;Hättest Du mich doch mitgenommen&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;ich werde hinuntergehn, um mich zum Essen ein wenig zu setzen. &amp;quot; &amp;ldquo;Ich werde Dir einen Sessel bringen&amp;rdquo;, sagte Frieda und war schon auf dem Weg. &amp;ldquo;Danke&amp;rdquo;, sagte K. und hielt sie zurück, &amp;ldquo;ich werde weder hinuntergehn noch brauche ich mehr einen Sessel.&amp;rdquo; Frieda ertrug trotzig seinen Griff, hatte den Kopf tief geneigt und biß die Lippen. &amp;ldquo;Nun ja, er ist unten&amp;rdquo;, sagte sie, &amp;ldquo;hast Du es anders erwartet? Er liegt in meinem Bett, er hat sich draußen verkühlt, er fröstelt, er hat kaum gegessen. Im Grunde ist alles Deine Schuld, hättest Du die Gehilfen nicht verjagt und wärst jenen Leuten nicht nachgelaufen, wir könnten jetzt friedlich in der Schule sitzen. Nur Du hast unser Glück zerstört. Glaubst Du, daß Jeremias, solange er im Dienst war, es gewagt hätte mich zu entführen? Dann verkennst Du die hiesige Ordnung ganz und gar. Er wollte zu mir, er hat sich gequält, er hat auf mich gelauert, das war aber nur ein Spiel, so wie ein hungriger Hund spielt und es doch nicht wagt auf den Tisch zu springen. Und ebenso ich. Es zog mich zu ihm, er ist mein Spielkamerad aus der Kinderzeit – wir spielten miteinander auf dem Abhang des Schloßberges, schöne Zeiten, Du hast mich niemals nach meiner Vergangenheit gefragt – doch das alles war nicht entscheidend, solange Jeremias durch den Dienst gehalten war, denn ich kannte ja meine Pflicht als Deine künftige Frau. Dann aber vertriebst Du die Gehilfen und rühmst Dich noch dessen, als hättest Du damit etwas für mich getan, nun in einem gewissen Sinn ist es wahr. Bei Artur gelang Deine Absicht, allerdings nur vorläufig, er ist zart, er hat nicht die keine Schwierigkeit fürchtende Leidenschaft des Jeremias, auch hast Du ihn ja durch den Faustschlag in der Nacht – jener Schlag war auch gegen unser Glück geführt – nahezu zerstört, er flüchtete ins Schloß um zu klagen und wenn er auch bald wieder kommen wird, immerhin er ist jetzt fort. Jeremias aber blieb. Im Dienst fürchtet er ein Augenzucken des Herrn, außerhalb des Dienstes aber fürchtet er nichts. Er kam und nahm mich; von Dir verlassen, von ihm, dem alten Freund, beherrscht, konnte ich mich nicht halten. Ich habe das Schultor nicht aufgesperrt, er zerschlug das Fenster und zog mich hinaus. Wir flogen hierher, der Wirt achtet ihn, auch kann den Gästen nichts willkommener sein, als einen solchen Zimmerkellner zu haben, so wurden wir aufgenommen, er wohnt nicht bei mir, sondern wir haben ein gemeinsames Zimmer. &amp;quot; &amp;quot; Trotz allem&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;bedauere ich es nicht, die Gehilfen aus dem Dienst getrieben zu haben. War das Verhältnis so wie Du es beschreibst, Deine Treue also nur durch die dienstliche Gebundenheit der Gehilfen bedingt, dann war es gut, daß alles ein Ende nahm. Das Glück der Ehe inmitten der zwei Raubtiere, die sich nur unter der Knute duckten, wäre nicht sehr groß gewesen. Dann bin ich auch jener Familie dankbar, welche unabsichtlich ihr Teil beigetragen hat, um uns zu trennen. &amp;quot; Sie schwiegen und gingen wieder nebeneinander auf und ab, ohne daß zu unterscheiden gewesen wäre, wer jetzt damit begonnen hätte. Frieda, nahe an K., schien ärgerlich, daß er sie nicht wieder unter den Arm nahm. &amp;ldquo;Und so wäre alles in Ordnung&amp;rdquo;, fuhr K. fort, &amp;ldquo;und wir könnten Abschied nehmen, Du zu Deinem Herrn Jeremias gehn, der wahrscheinlich noch vom Schulgarten her verkühlt ist und den Du mit Rücksicht darauf schon viel zulange allein gelassen hast, und ich allein in die Schule oder, da ich ja ohne Dich dort nichts zu tun habe, sonst irgendwohin, wo man mich aufnimmt. Wenn ich nun trotzdem zögere, so deshalb, weil ich aus gutem Grund noch immer ein wenig daran zweifle, was Du mir erzählt hast. Ich habe von Jeremias den gegenteiligen Eindruck. Solange er im Dienst war, ist er hinter Dir her gewesen und ich glaube nicht, daß der Dienst ihn auf die Dauer zurückgehalten hätte, Dich einmal ernstlich zu überfallen. Jetzt aber, seitdem er den Dienst für aufgehoben ansieht, ist es anders. Verzeih, wenn ich es mir auf folgende Weise erkläre: Seitdem Du nicht mehr die Braut seines Herrn bist, bist Du keine solche Verlockung mehr für ihn wie früher. Du magst seine Freundin aus der Kinderzeit sein, doch legt er – ich kenne ihn eigentlich nur aus einem kurzen Gespräch heute nacht – solchen Gefühlsdingen meiner Meinung nach nicht viel Wert bei. Ich weiß nicht, warum er Dir als ein leidenschaftlicher Charakter erscheint. Seine Denkweise scheint mir eher besonders kühl. Er hat inbezug auf mich irgendeinen, mir vielleicht nicht sehr günstigen Auftrag von Galater bekommen, diesen strengt er sich an auszuführen, mit einer gewissen Dienstleidenschaft, wie ich zugeben will – sie ist hier nicht allzu selten –, dazu gehört, daß er unser Verhältnis zerstört; er hat es vielleicht auf verschiedene Weise versucht, eine davon war die, daß er Dich durch sein lüsternes Schmachten zu verlocken suchte, eine andere, hier hat ihn die Wirtin unterstützt, daß er von meiner Untreue fabelte, sein Anschlag ist ihm gelungen, irgendeine Erinnerung an Klamm, die ihn umgibt, mag mitgeholfen haben, den Posten hat er zwar verloren, aber vielleicht gerade in dem Augenblick, in dem er ihn nicht mehr benötigte, jetzt erntet er die Früchte seiner Arbeit und zieht Dich aus dem Schulfenster, damit ist aber seine Arbeit beendet und, von der Dienstleidenschaft verlassen, wird er müde, er wäre lieber an Stelle Arturs, der gar nicht klagt sondern sich Lob und neue Aufträge holt, aber es muß doch auch jemand zurückbleiben, der die weitere Entwicklung der Dinge verfolgt. Eine etwas lästige Pflicht ist es ihm Dich zu versorgen. Von Liebe zu Dir ist keine Spur, er hat es mir offen gestanden, als Geliebte Klamms bist Du ihm natürlich respektabel und in Deinem Zimmer sich einnisten und sich einmal als ein kleiner Klamm zu fühlen, tut ihm gewiß sehr wohl, das aber ist alles, Du selbst bedeutest ihm jetzt nichts, nur ein Nachtrag zu seiner Hauptaufgabe ist es ihm, daß er Dich hier untergebracht hat; um Dich nicht zu beunruhigen, ist er auch selbst geblieben, aber nur vorläufig, solange er nicht neue Nachrichten vom Schloß bekommt und seine Verkühlung von Dir nicht auskuriert ist. &amp;quot; &amp;ldquo;Wie Du ihn verleumdest! &amp;quot; sagte Frieda und schlug ihre kleinen Fäuste aneinander. &amp;ldquo;Verleumden?&amp;rdquo; sagte K., &amp;ldquo;nein, ich will ihn nicht verleumden. Wohl aber tue ich ihm vielleicht Unrecht, das ist freilich möglich. Ganz offen an der Oberfläche liegt es ja nicht, was ich über ihn gesagt habe, es läßt sich auch anders deuten. Aber verleumden? Verleumden könnte doch nur den Zweck haben, damit gegen Deine Liebe zu ihm anzukämpfen. Wäre es nötig und wäre Verleumdung ein geeignetes Mittel, ich würde nicht zögern ihn zu verleumden. Niemand könnte mich deshalb verurteilen, er ist durch seine Auftraggeber in solchem Vorteil mir gegenüber, daß ich, ganz allein auf mich angewiesen, auch ein wenig verleumden dürfte. Es wäre ein verhältnismäßig unschuldiges und letzten Endes ja auch ohnmächtiges Verteidigungsmittel. Laß also die Fäuste ruhn. &amp;quot; Und K. nahm Friedas Hand in die seine; Frieda wollte sie ihm entziehn, aber lächelnd und nicht mit großer Kraftanstrengung. &amp;ldquo;Aber ich muß nicht verleumden&amp;rdquo;, sagte K., &amp;ldquo;denn Du liebst ihn ja nicht, glaubst es nur und wirst mir dankbar sein, wenn ich Dich von der Täuschung befreie. Sieh, wenn jemand Dich von mir fortbringen wollte, ohne Gewalt, aber mit möglichst sorgfältiger Berechnung, dann müßte er es durch die beiden Gehilfen tun. Scheinbar gute, kindliche, lustige, verantwortungslose, von hoch her, vom Schloß hergeblasene Jungen, ein wenig Kindheitserinnerung auch dabei, das ist doch schon alles sehr liebenswert, besonders wenn ich etwa das Gegenteil von alledem bin, dafür immerfort hinter Geschäften herlaufe, die Dir nicht ganz verständlich, die Dir ärgerlich sind, die mich mit Leuten zusammenbringen, die Dir hassenswert sind und etwas davon bei aller meiner Unschuld auch auf mich übertragen. Das ganze ist nur eine bösartige, allerdings sehr kluge Ausnützung der Mängel unseres Verhältnisses. Jedes Verhältnis hat seine Mängel, gar unseres; wir kamen ja jeder aus einer ganz andern Welt zusammen und seitdem wir einander kennen, nahm das Leben eines jeden von uns einen ganz neuen Weg, wir fühlen uns noch unsicher, es ist doch allzu neu. Ich rede nicht von mir, das ist nicht so wichtig, ich bin ja im Grunde immerfort beschenkt worden, seitdem Du Deine Augen zum erstenmal mir zuwandtest und an das Beschenktwerden sich gewöhnen ist nicht sehr schwer. Du aber, von allem andern abgesehn, wurdest von Klamm losgerissen, ich kann nicht ermessen, was das bedeutet, aber eine Ahnung dessen habe ich doch allmählich schon bekommen, man taumelt, man kann sich nicht zurechtfinden, und wenn ich auch bereit war Dich immer aufzunehmen, so war ich doch nicht immer zugegen und wenn ich zugegen war, hielten Dich manchmal Deine Träumereien fest oder noch Lebendigeres, wie etwa die Wirtin – kurz es gab Zeiten, wo Du von mir wegsahst, Dich irgendwohin ins Halb-Unbestimmte sehntest, armes Kind, und es mußten nur in solchen Zwischenzeiten in der Richtung Deines Blicks passende Leute aufgestellt werden und Du warst an sie verloren, erlagst der Täuschung, daß das, was nur Augenblicke waren, Gespenster, alte Erinnerungen, im Grunde vergangenes und immer mehr vergehendes einstmaliges Leben, daß dieses noch Dein wirkliches jetziges Leben sei. Ein Irrtum, Frieda, nichts als die letzte, richtig angesehn verächtliche Schwierigkeit unserer endlichen Vereinigung. Komme zu Dir, fasse Dich; wenn Du auch dachtest, daß die Gehilfen von Klamm geschickt sind – es ist gar nicht wahr, sie kommen von Galater – und wenn sie Dich auch mit Hilfe dieser Täuschung so bezaubern konnten, daß Du selbst in ihrem Schmutz und ihrer Unzucht Spuren von Klamm zu finden meintest, so wie jemand in einem Misthaufen einen einst verlorenen Edelstein zu sehen glaubt, während er ihn in Wirklichkeit dort gar nicht finden könnte, selbst wenn er dort wirklich wäre – so sind es doch nur Burschen von der Art der Knechte im Stall, nur daß sie nicht ihre Gesundheit haben, ein wenig frische Luft sie krank macht und aufs Bett wirft, das sie sich allerdings mit knechtischer Pfiffigkeit auszusuchen verstehn. &amp;quot; Frieda hatte ihren Kopf an K.’s Schulter gelehnt, die Arme um einander geschlungen giengen sie schweigend auf und ab. &amp;ldquo;Wären wir doch&amp;rdquo;, sagte Frieda, langsam, ruhig, fast behaglich, so als wisse sie, daß ihr nur eine ganz kleine Frist der Ruhe an K.’s Schulter gewährt sei, diese aber wolle sie bis zum Letzten genießen, &amp;ldquo;wären wir doch gleich, noch in jener Nacht ausgewandert, wir könnten irgendwo in Sicherheit sein, immer beisammen, Deine Hand immer nahe genug, sie zu fassen; wie brauche ich Deine Nähe, wie bin ich, seitdem ich Dich kenne, ohne Deine Nähe verlassen; Deine Nähe ist, glaube mir, der einzige Traum, den ich träume, keinen andern. &amp;quot;&lt;/p&gt;</description></item><item><title>23. («Erst jetzt merkte K….»)</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/23-erst-jetzt-merkte-k/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 20:03:26 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/23-erst-jetzt-merkte-k/</guid><description>&lt;p&gt;Erst jetzt merkte K. wie still es auf dem Gang geworden war, nicht nur hier in diesem Teil des Ganges, wo er mit Frieda gewesen war und der zu den Wirtschaftsräumen zu gehören schien, sondern auch in dem langen Gang mit den früher so lebhaften Zimmern. So waren also die Herren doch endlich eingeschlafen. Auch K. war sehr müde, vielleicht hatte er aus Müdigkeit sich gegen Jeremias nicht so gewehrt, wie er es hätte tun sollen. Es wäre vielleicht klüger gewesen, sich nach Jeremias zu richten, der seine Verkühlung sichtlich übertrieb – seine Jämmerlichkeit stammte nicht von Verkühlung, sondern war ihm eingeboren und durch keinen Gesundheitstee zu vertreiben – ganz sich nach Jeremias zu richten, die wirklich große Müdigkeit ebenso zur Schau zu stellen, hier auf dem Gang niederzusinken, was ja schon an sich sehr wohltun mußte, ein wenig zu schlummern und dann vielleicht auch ein wenig gepflegt zu werden. Nur wäre es nicht so günstig ausgegangen wie bei Jeremias, der in diesem Wettbewerb um das Mitleid gewiß und wahrscheinlich mit Recht gesiegt hätte und offenbar auch in jedem andern Kampf. K. war so müde, daß er daran dachte, ob er nicht versuchen könnte in eines dieser Zimmer zu gehn, von denen gewiß manche leer waren und sich in einem schönen Bett auszuschlafen. Das hätte seiner Meinung nach Entschädigung für vieles werden können. Auch einen Schlaftrunk hatte er bereit. Auf dem Geschirrbrett, das Frieda auf dem Boden liegen gelassen hatte, war eine kleine Karaffe Rum gewesen. K. scheute nicht die Anstrengung des Rückwegs und trank das Fläschchen leer.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>24. ("Wahrscheinlich wäre er…")</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/24-wahrscheinlich-waere-er/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 20:04:37 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/24-wahrscheinlich-waere-er/</guid><description>&lt;p&gt;Wahrscheinlich wäre er ebenso gleichgültig an Erlangers Zimmer vorübergegangen, wenn Erlanger nicht in der offenen Türe gestanden wäre und ihm gewinkt hätte. Ein kurzer einmaliger Wink mit dem Zeigefinger. Erlanger war zum Weggehn schon völlig bereit, er trug einen schwarzen Pelzmantel mit knappem hochgeknöpften Kragen. Ein Diener reichte ihm gerade die Handschuhe und hielt noch eine Pelzmütze. &amp;ldquo;Sie hätten schon längst kommen sollen&amp;rdquo;, sagte Erlanger. K. wollte sich entschuldigen, Erlanger zeigte durch ein müdes Schließen der Augen, daß er darauf verzichte. &amp;ldquo;Es handelt sich um Folgendes&amp;rdquo;, sagte er, &amp;ldquo;im Ausschank war früher eine gewisse Frieda bedienstet, ich kenne nur ihren Namen, sie selbst kenne ich nicht, sie bekümmert mich nicht. Diese Frieda hat manchmal Klamm das Bier serviert. Jetzt scheint dort ein anderes Mädchen zu sein. Nun ist diese Veränderung natürlich belanglos, wahrscheinlich für jeden und für Klamm ganz gewiß. Je größer aber eine Arbeit ist und Klamms Arbeit ist freilich die größte, desto weniger Kraft bleibt, sich gegen die Außenwelt zu wehren, infolgedessen kann dann jede belanglose Veränderung der belanglosesten Dinge ernstlich stören. Die kleinste Veränderung auf dem Schreibtisch, die Beseitigung eines dort seit jeher vorhanden gewesenen Schmutzflecks, das alles kann stören und ebenso ein neues Serviermädchen. Nun stört freilich das alles, selbst wenn es jeden andern und bei jeder beliebigen Arbeit stören würde, Klamm nicht, davon kann gar keine Rede sein. Trotzdem sind wir verpflichtet über Klamms Behagen derart zu wachen, daß wir selbst Störungen, die für ihn keine sind – und wahrscheinlich gibt es für ihn überhaupt keine – beseitigen, wenn sie uns als mögliche Störungen auffallen. Nicht seinetwegen, nicht seiner Arbeit wegen beseitigen wir diese Störungen, sondern unseretwegen, unseres Gewissens und unserer Ruhe wegen. Deshalb muß jene Frieda sofort wieder in den Ausschank zurückkehren, vielleicht wird sie gerade dadurch, daß sie zurückkehrt, stören, nun dann werden wir sie wieder wegschicken, vorläufig aber muß sie zurückkehren. Sie leben mit ihr, wie man mir gesagt hat, veranlassen Sie daher sofort ihre Rückkehr. Auf persönliche Gefühle kann dabei keine Rücksicht genommen werden, das ist ja selbstverständlich, daher lasse ich mich auch nicht in die geringste weitere Erörterung der Sache ein. Ich tue schon viel mehr als nötig ist, wenn ich erwähne, daß, wenn Sie sich in dieser Kleinigkeit bewähren, Ihnen dies in Ihrem Fortkommen gelegentlich nützlich sein kann. Das ist alles was ich Ihnen zu sagen habe. &amp;quot; Er nickte K. zum Abschied zu, setzte sich die vom Diener gereichte Pelzmütze auf und ging vom Diener gefolgt schnell aber ein wenig hinkend den Gang hinab.&lt;/p&gt;</description></item><item><title>25. («Als K. aufwachte,…»)</title><link>https://www.kafka.org/works/castle/25-als-k-aufwachte/</link><pubDate>Thu, 04 Nov 2004 20:05:41 +0000</pubDate><guid>https://www.kafka.org/works/castle/25-als-k-aufwachte/</guid><description>&lt;p&gt;Als K. aufwachte, glaubte er zuerst, kaum geschlafen zu haben, das Zimmer war unverändert, leer und warm, alle Wände in Finsternis, die eine Glühlampe über den Bierhähnen, auch vor den Fenstern Nacht. Aber als er sich streckte, das Kissen hinunterfiel und Brett und Fässer knarrten, kam gleich Pepi und nun erfuhr er, daß es schon Abend war und er weit über zwölf Stunden geschlafen hatte. Die Wirtin hatte einigemal während des Tages nach ihm gefragt, auch Gerstäcker, der am Morgen, als K. mit der Wirtin gesprochen hatte, hier im Dunkel beim Bier gewartet aber dann K. nicht mehr zu stören gewagt hatte, war inzwischen einmal hier gewesen, um nach K. zu sehn, und schließlich war angeblich auch Frieda gekommen und war einen Augenblick lang bei K. gestanden, doch war sie kaum K.’s wegen gekommen, sondern weil sie verschiedenes hier vorzubereiten hatte, denn am Abend sollte sie ja wieder ihren alten Dienst antreten. &amp;ldquo;Sie mag Dich wohl nicht mehr?&amp;rdquo; fragte Pepi, während sie Kaffee und Kuchen brachte. Aber sie fragte es nicht mehr boshaft nach ihrer früheren Art, sondern traurig, als habe sie inzwischen die Bosheit der Welt kennen gelernt, gegenüber der alle eigene Bosheit versagt und sinnlos wird; wie zu einem Leidensgenossen sprach sie zu K. und als er den Kaffee kostete und sie zu sehen glaubte, daß er ihn nicht genug süß finde, lief sie und brachte ihm die volle Zuckerdose. Ihre Traurigkeit hatte sie freilich nicht gehindert, sich heute vielleicht noch mehr zu schmücken als das letzte Mal; an Maschen und an Bändern, die durch das Haar geflochten waren, hatte sie eine Fülle, die Stirn entlang und an den Schläfen waren die Haare sorgfältig gebrannt und um den Hals hatte sie ein Kettchen, das in den tiefen Ausschnitt der Bluse hinabhing. Als K. in der Zufriedenheit, endlich einmal ausgeschlafen zu sein und einen guten Kaffee trinken zu dürfen, heimlich nach einer Masche langte und sie zu öffnen versuchte, sagte Pepi müde: &amp;ldquo;Laß mich doch&amp;rdquo; und setzte sich neben ihm auf ein Faß. Und K. mußte sie gar nicht nach ihrem Leid fragen, sie begann selbst gleich zu erzählen, den Blick starr in K.’s Kaffeetopf gerichtet, als brauche sie eine Ablenkung, selbst während sie erzähle, als könne sie, selbst wenn sie sich mit ihrem Leid beschäftige, sich ihm nicht ganz hingeben, denn das ginge über ihre Kräfte. Zunächst erfuhr K., daß eigentlich er an Pepis Unglück schuld sei, daß sie es ihm aber nicht nachtrage. Und sie nickte eifrig während der Erzählung, um keinen Widerspruch K.’s aufkommen zu lassen. Zuerst habe er Frieda aus dem Ausschank fortgenommen und dadurch Pepis Aufstieg ermöglicht. Es ist sonst nichts anderes ausdenkbar, was Frieda hätte bewegen können, ihren Posten aufzugeben, sie saß dort im Ausschank wie die Spinne im Netz, hatte überall ihre Fäden, die nur sie kannte; sie gegen ihren Willen auszuheben, wäre ganz unmöglich gewesen, nur Liebe zu einem Niedrigen, also etwas was sich mit ihrer Stellung nicht vertrug, konnte sie von ihrem Platze treiben. Und Pepi? Hatte sie denn jemals daran gedacht die Stelle für sich zu gewinnen? Sie war Zimmermädchen, hatte eine unbedeutende, wenig aussichtsreiche Stelle, Träume von großer Zukunft hatte sie wie jedes Mädchen, Träume kann man sich nicht verbieten, aber ernstlich dachte sie nicht an ein Weiterkommen, sie hatte sich mit dem Erreichten abgefunden. Und nun verschwand Frieda plötzlich aus dem Ausschank, es war so plötzlich gekommen, daß der Wirt nicht gleich einen passenden Ersatz zur Hand hatte, er suchte und sein Blick fiel auf Pepi, die sich freilich entsprechend vorgedrängt hatte. In jener Zeit liebte sie K. wie sie noch nie jemanden geliebt hatte, sie war monatelang unten in ihrer winzigen dunklen Kammer gesessen und war vorbereitet, dort Jahre und im ungünstigsten Fall ihr ganzes Leben unbeachtet zu verbringen und nun war plötzlich K. erschienen, ein Held, ein Mädchenbefreier und hatte ihr den Weg nach oben freigemacht. Er wußte allerdings nichts von ihr, hatte es nicht ihretwegen getan, aber das verschlug nichts ihrer Dankbarkeit, in der Nacht, die ihrer Anstellung vorherging – die Anstellung war noch unsicher, aber doch schon sehr wahrscheinlich – verbrachte sie Stunden damit, mit ihm zu sprechen, ihm ihren Dank ins Ohr zu flüstern. Und es erhöhte noch seine Tat in ihren Augen, daß es gerade Frieda war, deren Last er auf sich genommen hatte, etwas unbegreiflich Selbstloses lag darin, daß er, um Pepi hervorzuholen, Frieda zu seiner Geliebten machte, Frieda, ein unhübsches, ältliches, mageres Mädchen mit kurzem, schütterem Haar, überdies ein hinterhältiges Mädchen, das immer irgendwelche Geheimnisse hat, was ja wohl mit ihrem Aussehn zusammenhängt; ist am Gesicht und Körper die Jämmerlichkeit zweifellos, muß sie doch wenigstens andere Geheimnisse haben, die niemand nachprüfen kann, etwa ihr angebliches Verhältnis zu Klamm. Und selbst solche Gedanken waren Pepi damals gekommen: ist es möglich, daß K. wirklich Frieda liebt, täuscht er sich nicht oder täuscht er vielleicht gar nur Frieda und wird vielleicht das einzige Ergebnis alles dessen doch nur Pepis Aufstieg sein und wird dann K. den Irrtum merken oder ihn nicht mehr verbergen wollen und nicht mehr Frieda, sondern nur Pepi sehn, was gar keine irrsinnige Einbildung Pepis sein mußte, denn mit Frieda konnte sie es als Mädchen gegen Mädchen sehr wohl aufnehmen, was niemand leugnen wird, und es war doch auch vor allem Friedas Stellung gewesen und der Glanz, den Frieda ihr zu geben verstanden hatte, von welchem K. im Augenblick geblendet worden war. Und da hatte nun Pepi davon geträumt, K. werde, wenn sie die Stellung habe, bittend zu ihr kommen und sie werde nun die Wahl haben, entweder K. zu erhören und die Stelle zu verlieren oder ihn abzuweisen und weiter zu steigen. Und sie hatte sich zurechtgelegt, sie werde auf alles verzichten und sich zu ihm hinabwenden und ihn wahre Liebe lehren, die er bei Frieda nie erfahren könnte und die unabhängig ist von allen Ehrenstellungen der Welt. Aber dann ist es anders gekommen. Und was war daran schuld? K. vor allem und dann freilich Friedas Durchtriebenheit. K. vor allem, denn was will er, was ist er für ein sonderbarer Mensch? Wonach strebt er, was sind das für wichtige Dinge, die ihn beschäftigen und die ihn das Allernächste, das Allerbeste, das Allerschönste vergessen lassen? Pepi ist das Opfer und alles ist dumm und alles ist verloren und wer die Kraft hätte, den ganzen Herrenhof anzuzünden und zu verbrennen, aber vollständig, daß keine Spur zurückbleibt, verbrennen wie ein Papier im Ofen, der wäre heute Pepis Auserwählter. Ja, Pepi kam also in den Ausschank, heute vor vier Tagen, kurz vor dem Mittagessen. Es ist keine leichte Arbeit hier, es ist fast eine menschenmordende Arbeit, aber was zu erreichen ist, ist auch nicht klein. Pepi hatte auch früher nicht in den Tag hineingelebt und wenn sie auch niemals in kühnsten Gedanken diese Stelle für sich in Anspruch genommen hatte, so hatte sie doch reichlich Beobachtungen gemacht, wußte, was es mit dieser Stelle auf sich hatte, unvorbereitet hatte sie die Stelle nicht übernommen. Unvorbereitet kann man sie gar nicht übernehmen, sonst verliert man sie in den ersten Stunden. Gar wenn man sich nach Art der Zimmermädchen hier aufführen wollte. Als Zimmermädchen kommt man sich ja mit der Zeit ganz verloren und vergessen vor, es ist eine Arbeit wie in einem Bergwerk, wenigstens im Gang der Sekretäre ist es so, tagelang sieht man dort, bis auf die wenigen Tagesparteien die hin- und herhuschen und nicht aufzuschauen wagen, keinen Menschen außer den zwei, drei andern Zimmermädchen und die sind ähnlich verbittert. Des Morgens darf man überhaupt nicht aus dem Zimmer, da wollen die Sekretäre allein unter sich sein, das Essen bringen ihnen die Knechte aus der Küche, damit haben die Zimmermädchen gewöhnlich nichts zu tun, auch während der Essenszeit darf man sich nicht auf dem Gang zeigen. Nur während die Herren arbeiten, dürfen die Zimmermädchen aufräumen, aber natürlich nicht in den bewohnten, nur in den gerade leeren Zimmern und diese Arbeit muß ganz leise geschehn, damit die Arbeit der Herren nicht gestört wird. Aber wie ist es möglich, leise aufzuräumen, wenn die Herren mehrere Tage in den Zimmern wohnen, überdies auch die Knechte, dieses schmutzige Pack, drin herumhantieren und das Zimmer, wenn es endlich dem Zimmermädchen frei gegeben ist, in einem solchen Zustand ist, daß nicht einmal eine Sündflut es reinwaschen könnte. Wahrhaftig, es sind hohe Herren, aber man muß kräftig seinen Ekel überwinden, um nach ihnen aufräumen zu können. Die Zimmermädchen haben ja nicht übermäßig viel Arbeit, aber kernige. Und niemals ein gutes Wort, immer nur Vorwürfe, besonders dieser quälendste und häufigste: daß beim Aufräumen Akten verloren gegangen sind. In Wirklichkeit geht nichts verloren, jedes Papierchen liefert man beim Wirt ab, aber Akten gehn freilich doch verloren, nur eben nicht durch die Mädchen. Und dann kommen Kommissionen und die Mädchen müssen ihr Zimmer verlassen und die Kommission durchwühlt die Betten; die Mädchen haben ja kein Eigentum, ihre paar Sachen haben in einem Rückenkorb Platz, aber die Kommission sucht doch stundenlang. Natürlich findet sie nichts; wie sollten dort Akten hinkommen? Was machen sich die Mädchen aus Akten? Aber das Ergebnis sind doch wieder nur durch den Wirt vermittelte Schimpfworte und Drohungen seitens der enttäuschten Kommission. Und niemals Ruhe – nicht bei Tag, nicht bei Nacht. Lärm die halbe Nacht und Lärm vom frühesten Morgen. Wenn man dort wenigstens nicht wohnen müßte, aber das muß man, denn in den Zwischenzeiten je nach Bestellung Kleinigkeiten aus der Küche zu bringen ist doch Sache der Zimmermädchen, besonders in der Nacht. Immer plötzlich der Faustschlag gegen die Tür der Zimmermädchen, das Diktieren der Bestellung, das Hinunterlaufen in die Küche, das Aufrütteln der schlafenden Küchenjungen, das Hinausstellen der Tasse mit den bestellten Dingen vor die Tür der Zimmermädchen, von wo es die Knechte holen – wie traurig ist das alles. Aber es ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist vielmehr wenn keine Bestellung kommt, wenn es nämlich in tiefer Nacht, wo alles schon schlafen sollte und auch die meisten endlich wirklich schlafen, manchmal vor der Tür der Zimmermädchen herumzuschleichen anfängt. Dann steigen die Mädchen aus ihren Betten – die Betten sind übereinander, es ist ja dort überall sehr wenig Raum, das ganze Zimmer der Mädchen ist eigentlich nichts anderes als ein großer Schrank mit drei Fächern – horchen an der Tür, knien nieder, umarmen sich in Angst. Und immerfort hört man den Schleicher vor der Tür. Alle wären schon glücklich, wenn er endlich hereinkäme, aber es geschieht nichts, niemand kommt herein. Und dabei muß man sich sagen, daß hier nicht unbedingt eine Gefahr drohen muß, vielleicht ist es nur jemand, der vor der Tür auf und ab geht, überlegt ob er eine Bestellung machen soll und sich dann doch nicht dazu entschließen kann. Vielleicht ist es nur das, vielleicht ist aber etwas ganz anderes. Eigentlich kennt man ja die Herren gar nicht, man hat sie ja kaum gesehn. Jedenfalls vergehn die Mädchen drinnen vor Angst und, wenn es draußen endlich still ist, lehnen sie an der Wand und haben nicht genug Kraft wieder in ihre Betten zu steigen. Dieses Leben wartet wieder auf Pepi, noch heute abend soll sie wieder ihren Platz im Mädchenzimmer beziehn. Und warum? Wegen K. und Frieda. Wieder zurück in dieses Leben dem sie kaum entflohen ist, dem sie zwar mit K.’s Hilfe, aber doch auch mit größter eigener Anstrengung entflohen ist. Denn in jenem Dienst dort vernachlässigen sich die Mädchen, auch die sonst sorgsamsten. Für wen sollen sie sich schmücken? Niemand sieht sie, bestenfalls das Personal in der Küche; welcher das genügt, die mag sich schmücken. Sonst aber immerfort in ihrem Zimmerchen oder in den Zimmern der Herren, welche auch nur in reinen Kleidern zu betreten Leichtsinn und Verschwendung ist. Und immer in dem künstlichen Licht und in der dumpfen Luft – es wird immerfort geheizt – und eigentlich immer müde. Den einen freien Nachmittag in der Woche verbringt man am besten, indem man ihn in irgendeinem Verschlag in der Küche ruhig und angstlos verschläft. Wozu sich also schmücken? Ja, man zieht sich kaum an. Und nun wurde Pepi plötzlich in den Ausschank versetzt, wo, vorausgesetzt daß man sich dort behaupten wollte, gerade das Gegenteil nötig war, wo man immer unter den Augen der Leute war, und darunter sehr verwöhnter und aufmerksamer Herren und wo man daher immer möglichst fein und angenehm aussehn mußte. Nun, das war eine Wendung. Und Pepi darf von sich sagen, daß sie nichts versäumt hat. Wie es sich später gestalten würde, das machte Pepi nicht besorgt. Daß sie die Fähigkeiten hatte, welche für diese Stelle nötig waren, das wußte sie, dessen war sie ganz gewiß, diese Überzeugung hat sie auch noch jetzt und niemand kann sie ihr nehmen, auch heute am Tage ihrer Niederlage nicht. Nur wie sie sich in der allerersten Zeit bewähren würde, das war schwierig, weil sie doch ein armes Zimmermädchen war ohne Kleider und Schmuck und weil die Herren nicht die Geduld haben zu warten, wie man sich entwickelt, sondern gleich ohne Übergang ein Ausschankmädchen haben wollen, wie es sich gebürt, sonst wenden sie sich ab. Man sollte denken, ihre Ansprüche wären nicht gar groß, da doch Frieda sie befriedigen konnte. Das ist aber nicht richtig. Pepi hat oft darüber nachgedacht, ist ja auch öfter mit Frieda zusammengekommen und hat eine Zeitlang sogar mit ihr geschlafen. Es ist nicht leicht Frieda auf die Spur zu kommen und wer nicht sehr acht gibt – und welche Herren geben denn sehr acht? – ist von ihr gleich irregeführt. Niemand weiß genauer als Frieda selbst wie kläglich sie aussieht; wenn man z. B. zum erstenmal sie ihre Haare auflösen sieht, schlägt man vor Mitleid die Hände zusammen, ein solches Mädchen dürfte, wenn es rechtlich zugienge, nicht einmal Zimmermädchen sein; sie weiß es auch und manche Nacht hat sie darüber geweint, sich an Pepi gedrückt und Pepis Haare um den eigenen Kopf gelegt. Aber wenn sie im Dienst ist, sind alle Zweifel verschwunden, sie hält sich für die Allerschönste und jedem weiß sie es auf die richtige Weise einzuflößen. Sie kennt die Leute und das ist ihre eigentliche Kunst. Und lügt schnell und betrügt, damit die Leute nicht Zeit haben, sie genauer anzusehn. Natürlich genügt das nicht für die Dauer, die Leute haben doch Augen und die würden schließlich Recht behalten. Aber in dem Augenblick, wo sie eine solche Gefahr merkt, hat sie schon ein anderes Mittel bereit, in der letzten Zeit z. B. ihr Verhältnis zu Klamm. Ihr Verhältnis mit Klamm! Glaubst Du nicht daran, kannst es ja nachprüfen, geh zu Klamm und frag ihn. Wie schlau, wie schlau. Und wenn Du etwa nicht wagen solltest, wegen einer solchen Anfrage zu Klamm zu gehn und vielleicht mit unendlich wichtigern Anfragen nicht vorgelassen werden solltest und Klamm Dir sogar völlig verschlossen ist – nur Dir und Deinesgleichen, denn Frieda z. B. hüpft zu ihm hinein wann sie will – wenn das so ist, so kannst Du die Sache trotzdem nachprüfen, Du brauchst nur zu warten. Klamm wird doch ein derartig falsches Gerücht nicht lange dulden können, er ist doch gewiß wild dahinter her, was man von ihm im Ausschank und in den Gastzimmern erzählt, das alles hat für ihn die größte Wichtigkeit und ist es falsch, wird er es gleich richtigstellen. Aber er stellt es nicht richtig, nun dann ist nichts richtigzustellen und es ist die lautere Wahrheit. Was man sieht, ist zwar nur, daß Frieda das Bier in Klamms Zimmer trägt und mit der Bezahlung wieder herauskommt, aber das was man nicht sieht, erzählt Frieda und man muß es ihr glauben. Und sie erzählt es gar nicht, sie wird doch nicht solche Geheimnisse ausplaudern, nein, um sie herum plaudern sich die Geheimnisse von selbst aus und da sie nun einmal ausgeplaudert sind, scheut sie sich allerdings nicht mehr auch selbst von ihnen zu reden, aber bescheiden, ohne irgendetwas zu behaupten, sie beruft sich nur auf das ohnehin allgemein Bekannte. Nicht auf alles, davon z. B. daß Klamm, seit sie im Ausschank ist, weniger Bier trinkt als früher, nicht viel weniger, aber doch deutlich weniger, davon spricht sie nicht, es kann ja auch verschiedene Gründe haben, es ist eben eine Zeit gekommen, in der das Bier Klamm weniger schmeckt oder er vergißt gar über Frieda das Biertrinken. Jedenfalls also ist, wie erstaunlich das auch sein mag, Frieda Klamms Geliebte. Was aber Klamm genügt, wie sollten das nicht auch die andern bewundern und so ist Frieda, ehe man sich dessen versieht, eine große Schönheit geworden, ein Mädchen genau so beschaffen, wie es der Ausschank braucht, ja fast zu schön, zu mächtig, schon genügt ihr der Ausschank kaum. Und tatsächlich, es erscheint den Leuten merkwürdig, daß sie noch immer im Ausschank ist; ein Ausschankmädchen zu sein, ist viel; von da aus erscheint die Verbindung mit Klamm sehr glaubwürdig; wenn aber einmal das Ausschankmädchen Klamms Geliebte ist, warum läßt er sie und gar so lange im Ausschank? Warum führt er sie nicht höher? Man kann tausendmal den Leuten sagen, daß hier kein Widerspruch besteht, daß Klamm bestimmte Gründe hat so zu handeln, oder daß plötzlich einmal, vielleicht schon in allernächster Zeit Friedas Erhöhung kommen wird, das alles macht nicht viel Wirkung, die Leute haben bestimmte Vorstellungen und lassen sich durch alle Kunst auf die Dauer von ihnen nicht ablenken. Es hat ja niemand mehr daran gezweifelt, daß Frieda Klamms Geliebte ist, selbst die, welche es offenbar besser wußten, waren schon zu müde um zu zweifeln, &amp;ldquo;Sei in Teufels Namen Klamms Geliebte&amp;rdquo;, dachten sie, &amp;ldquo;aber wenn Du es schon bist, dann wollen wir es auch an Deinem Aufstieg merken.&amp;rdquo; Aber man merkte nichts und Frieda blieb im Ausschank wie bisher und war im Geheimen noch sehr froh, daß es so blieb. Aber bei den Leuten verlor sie an Ansehn, das konnte ihr natürlich nicht unbemerkt bleiben, sie merkt ja gewöhnlich Dinge, noch ehe sie vorhanden sind. Ein wirklich schönes liebenswürdiges Mädchen muß, wenn es sich einmal im Ausschank eingelebt hat, keine Künste aufwenden; solange es schön ist wird es, wenn nicht ein besonderer unglücklicher Zufall eintritt, Ausschankmädchen sein. Ein Mädchen wie Frieda aber muß immerfort um ihre Stelle besorgt sein, natürlich zeigt sie es verständiger Weise nicht, eher pflegt sie zu klagen und die Stelle zu verwünschen. Aber im Geheimen beobachtet sie die Stimmung fortwährend. Und so sah sie wie die Leute gleichgültig wurden, das Auftreten Friedas war nichts mehr, was auch nur lohnte die Augen zu heben, nicht einmal die Knechte kümmerten sich mehr um sie, die hielten sich verständiger Weise an Olga und dergleichen Mädchen, auch am Benehmen des Wirts merkte sie, daß sie immer weniger unentbehrlich war, immer neue Geschichten von Klamm konnte man auch nicht erfinden, alles hat Grenzen – und so entschloß sich die gute Frieda zu etwas Neuem. Wer nur imstande gewesen wäre, es gleich zu durchschauen! Pepi hat es geahnt, aber durchschaut hat sie es leider nicht. Frieda entschloß sich Skandal zu machen, sie, die Geliebte Klamms, wirft sich irgendeinem Beliebigen, womöglich dem Allergeringsten hin. Das wird Aufsehen machen, davon wird man lange reden und endlich, endlich wird man sich wieder daran erinnern, was es bedeutet Klamms Geliebte zu sein und was es bedeutet diese Ehre im Rausche einer neuen Liebe zu verwerfen. Schwer war es nur, den geeigneten Mann zu finden, mit dem das kluge Spiel zu spielen war. Ein Bekannter Friedas durfte es nicht sein, nicht einmal einer von den Knechten, er hätte sie wahrscheinlich mit großen Augen angesehn und wäre weiter gegangen, vor allem hätte er nicht genug Ernst bewahrt und es wäre mit aller Redefertigkeit unmöglich gewesen zu verbreiten, daß Frieda von ihm überfallen worden sei, sich seiner nicht habe erwehren können und in einer besinnungslosen Stunde ihm erlegen sei. Und wenn es auch ein Allergeringster sein sollte, so mußte es doch einer sein, von dem glaubhaft gemacht werden konnte, daß er trotz seiner stumpfen unfeinen Art sich doch nach niemandem andern als gerade nach Frieda sehnte und kein höheres Verlangen hatte, als – Du lieber Himmel! – Frieda zu heiraten. Aber wenn es auch ein gemeiner Mann sein sollte, womöglich noch niedriger als ein Knecht, viel niedriger als ein Knecht, so doch einer, wegen dessen einen nicht jedes Mädchen verlacht, an dem vielleicht auch ein anderes urteilsfähiges Mädchen einmal etwas Anziehendes finden könnte. Wo findet man aber einen solchen Mann? Ein anderes Mädchen hätte ihn wahrscheinlich ein Leben lang vergeblich gesucht, Friedas Glück führt ihr den Landvermesser in den Ausschank vielleicht gerade an dem Abend, an dem ihr der Plan zum erstenmal in den Sinn kommt. Der Landvermesser! Ja, woran denkt denn K.7 Was hat er für besondere Dinge im Kopf? Will er etwas Besonderes erreichen? Eine gute Anstellung, eine Auszeichnung? Will er etwas derartiges? Nun, dann hätte er es von allem Anfang an anders anstellen müssen. Er ist doch gar nichts, es ist ein Jammer seine Lage anzusehn. Er ist Landvermesser, das ist vielleicht etwas, er hat also etwas gelernt, aber wenn man nichts damit anzufangen weiß, ist es doch auch wieder nichts. Und dabei stellt er Ansprüche; ohne den geringsten Rückhalt zu haben, stellt er Ansprüche, nicht geradezu, aber man merkt daß er irgendwelche Ansprüche macht, das ist doch aufreizend. Ob er denn wisse, daß sich sogar ein Zimmermädchen etwas vergibt, wenn sie länger mit ihm spricht. Und mit allen diesen besondern Ansprüchen plumpst er gleich am ersten Abend in die gröbste Falle. Schämt er sich denn nicht Was hat ihn denn an Frieda so bestochen? Jetzt könnte er es doch gestehn. Hat sie ihm denn wirklich gefallen können, dieses magere gelbliche Ding? Ach nein, er hat sie ja gar nicht angesehn, sie hat ihm nur gesagt, daß sie Klamms Geliebte sei, bei ihm schlug das noch als Neuigkeit ein und da war er verloren. Sie aber mußte nun ausziehn, jetzt war natürlich kein Platz mehr für sie im Herrenhof. Pepi hat sie noch am Morgen vor dem Auszug gesehn, das Personal war zusammengelaufen, neugierig auf den Anblick war doch jeder. Und so groß war noch ihre Macht, daß man sie bedauerte, alle, auch ihre Feinde bedauerten sie; so richtig erwies sich schon am Anfang ihre Rechnung; an einen solchen Mann sich weggeworfen zu haben, schien allen unbegreiflich und ein Schicksalsschlag, die kleinen Küchenmädchen, die natürlich jedes Ausschankmädchen bewundern, waren untröstlich. Selbst Pepi war davon berührt, nicht einmal sie konnte sich ganz wehren, wenn auch ihre Aufmerksamkeit eigentlich etwas anderem galt. Ihr fiel auf, wie wenig traurig Frieda eigentlich war. Es war doch im Grunde ein entsetzliches Unglück, das sie betroffen hatte, sie tat ja auch so als wenn sie sehr unglücklich wäre, aber es war nicht genug, dieses Spiel konnte Pepi nicht täuschen. Was hielt sie also aufrecht? Etwa das Glück der neuen Liebe? Nun, diese Erwägung schied aus. Was war es aber sonst Was gab ihr die Kraft sogar gegen Pepi, die damals schon als ihre Nachfolgerin galt, kühl freundlich zu sein wie immer. Pepi hatte damals nicht genug Zeit darüber nachzudenken, sie hatte zuviel zu tun mit den Vorbereitungen für die neue Stelle. Sie sollte sie wahrscheinlich in paar Stunden antreten und hatte noch keine schöne Frisur, kein elegantes Kleid, keine feine Wäsche, keine brauchbaren Schuhe. Das alles mußte in paar Stunden beschafft werden, konnte man sich nicht richtig ausstatten, dann war es besser auf die Stelle überhaupt zu verzichten, denn dann verlor man sie schon in der ersten halben Stunde ganz gewiß. Nun, es gelang zum Teil. Für Frisieren hat sie eine besondere Anlage, einmal hat die Wirtin sogar sie kommen lassen, ihr die Frisur zu machen, es ist das eine besondere Leichtigkeit der Hand die ihr gegeben ist, freilich fügt sich auch ihr reiches Haar gleich wie man nur will. Auch für das Kleid war Hilfe da. Ihre zwei Kolleginnen hielten treu zu ihr, es ist auch eine gewisse Ehre für sie, wenn ein Mädchen gerade aus ihrer Gruppe Ausschankmädchen wird und dann hätte ihnen ja Pepi später, wenn sie zur Macht gekommen wäre, manche Vorteile verschaffen können. Eines der Mädchen hatte seit langem einen teueren Stoff liegen, es war ihr Schatz, öfters hatte sie ihn von den andern bewundern lassen, träumte wohl davon ihn einmal für sich großartig zu verwenden und – das war sehr schön von ihr gehandelt – jetzt da ihn Pepi brauchte, opferte sie ihn. Und beide halfen ihr bereitwilligst beim Nähen, hätten sie für sich genäht, sie hätten nicht eifriger sein können. Das war sogar eine sehr fröhliche beglückende Arbeit. Sie saßen, jede auf ihrem Bett, eine über der andern, nähten und sangen, und reichten einander die fertigen Teile und das Zubehör hinauf und hinab. Wenn Pepi daran denkt, fällt es ihr umso schwerer aufs Herz, daß alles vergeblich war, und daß sie mit leeren Händen wieder zu ihren Freundinnen kommt. Was für ein Unglück und wie leichtsinnig verschuldet, vor allem von K. Wie sich damals alle freuten über das Kleid. Es schien die Bürgschaft des Gelingens, und wenn sich nachträglich noch ein Platz für ein Bändchen fand, verschwand der letzte Zweifel. Und ist es nicht wirklich schön das Kleid? Es ist jetzt schon zerdrückt und ein wenig fleckig, Pepi hatte eben kein zweites Kleid, hatte Tag und Nacht dieses tragen müssen, aber noch immer sieht man wie schön es ist, nicht einmal die verfluchte Barnabassische brächte ein besseres zustande. Und daß man es nach Belieben zuziehn und wieder lockern kann, oben und unten, daß es also zwar nur ein Kleid ist, aber so veränderlich, das ist ein besonderer Vorzug und war eigentlich ihre Erfindung. Es ist freilich auch nicht schwer für sie zu nähn, Pepi rühmt sich dessen nicht, jungen gesunden Mädchen paßt ja alles. Viel schwerer war es Wäsche und Stiefel zu beschaffen und hier beginnt eigentlich der Mißerfolg. Auch hier halfen die Freundinnen aus, so gut sie konnten, aber sie konnten nicht viel. Es war doch nur grobe Wäsche, die sie zusammenbrachte und zusammenflickte und statt gestöckelter Stiefelchen mußte es bei Hausschuhen bleiben, die man lieber versteckt als zeigt. Man tröstete Pepi: Frieda war doch auch nicht sehr schön angezogen und manchmal zog sie so schlampig herum, daß die Gäste sich lieber von den Kellerburschen servieren ließen als von ihr. So war es tatsächlich, aber Frieda durfte das tun, sie war schon in Gunst und Ansehn; wenn eine Dame einmal beschmutzt und nachlässig angezogen sich zeigt, so ist das umso lockender, aber bei einem Neuling wie Pepi? Und außerdem konnte sich Frieda gar nicht gut anziehn, sie ist ja von allem Geschmack verlassen; hat jemand schon eine gelbliche Haut, so muß er sie freilich behalten, aber er muß nicht, wie Frieda, noch eine tief ausgeschnittene creme Bluse dazu anziehn, so daß einem vor lauter Gelb die Augen übergingen. Und selbst wenn das nicht gewesen wäre, sie war ja zu geizig, um sich gut anzuziehn, alles was sie verdiente, hielt sie zusammen, niemand wußte wofür. Sie brauchte im Dienst kein Geld, sie kam mit Lügen und Kniffen aus, dieses Beispiel wollte und konnte Pepi nicht nachahmen und darum war es berechtigt, daß sie sich so schmückte, um sich ganz zur Geltung zu bringen, gar am Beginn. Hätte sie es nur mit stärkern Mitteln tun können, sie wäre trotz aller Schlauheit Friedas, trotz aller Torheit K.’s, Siegerin geblieben. Es fing ja auch sehr gut an. Die paar Handgriffe und Kenntnisse die nötig waren, hatte sie schon vorher in Erfahrung gebracht. Kaum war sie im Ausschank, war sie dort schon eingelebt. Niemand vermißte bei der Arbeit Frieda. Erst am zweiten Tag erkundigten sich manche Gäste, wo denn eigentlich Frieda sei. Es geschah kein Fehler, der Wirt war zufrieden, den ersten Tag war er in seiner Angst immerfort im Ausschank gewesen, später kam er nur noch hie und da, schließlich überließ er, da, die Kassa stimmte – die Eingänge waren durchschnittlich sogar etwas größer als zu Friedas Zeit – Pepi schon alles. Sie führte Neuerungen ein. Frieda hatte, nicht aus Fleiß, sondern aus Geiz, aus Herrschsucht, aus Angst, jemandem etwas von ihren Rechten abzutreten, auch die Knechte, zum Teil wenigstens, besonders wenn jemand zusah, beaufsichtigt; Pepi dagegen wies diese Arbeit völlig den Kellerburschen zu, die dafür ja auch viel besser taugen. Dadurch erübrigte sie mehr Zeit für die Herrenzimmer, die Gäste wurden schnell bedient, trotzdem konnte sie mit jedem noch paar Worte sprechen, nicht wie Frieda, die sich angeblich gänzlich für Klamm aufbewahrte und jedes Wort, jede Annäherung eines andern als eine Kränkung Klamms ansah. Das war freilich auch klug, denn wenn sie einmal jemanden an sich heranließ war es eine unerhörte Gunst. Pepi aber haßt solche Künste, auch sind sie am Anfang nicht brauchbar. Pepi war zu jedem freundlich und jeder vergalt es ihr mit Freundlichkeit. Alle waren sichtlich froh über die Änderung; wenn sich die abgearbeiteten Herren endlich für ein Weilchen zum Bier setzen dürfen, kann man sie durch ein Wort, durch einen Blick, durch ein Zucken der Achseln förmlich verwandeln. So eifrig fuhren alle Hände durch Pepis Locken, daß sie wohl zehnmal im Tag ihre Frisur erneuern mußte, der Verführung dieser Locken und Maschen widersteht keiner, nicht einmal der sonst so gedankenlose K. So verflogen aufregende, arbeitsvolle aber erfolgreiche Tage. Wären sie nicht so schnell verflogen, wären ihrer doch ein wenig mehr gewesen! Vier Tage sind zu wenig, wenn man sich auch bis zur Erschöpfung anstrengt, vielleicht hätte schon der fünfte Tag genügt, aber vier Tage waren zu wenig. Pepi hatte zwar schon in vier Tagen Gönner und Freunde erworben, hätte sie allen Blicken trauen dürfen, schwamm sie ja, wenn sie mit den Bierkrügen daher kam, in einem Meer von Freundschaft, ein Schreiber namens Bratmeier ist vernarrt in sie, hat ihr dieses Kettchen und Anhängsel verehrt und in das Anhängsel sein Bild gegeben, was allerdings eine Keckheit war – dieses und anderes war geschehn, aber es waren doch nur vier Tage, in vier Tagen kann, wenn Pepi sich dafür einsetzt, Frieda fast, aber doch nicht ganz vergessen werden, und sie wäre doch vergessen worden, vielleicht noch früher, hätte sie nicht vorsorglich durch ihren großen Skandal sich im Mund der Leute erhalten, sie war den Leuten dadurch neu geworden, nur aus Neugierde hätten sie sie gerne wieder gesehn; was ihnen öde bis zum Überdruß geworden war, hatte durch des sonst gänzlich gleichgültigen K. Verdienst wieder einen Reiz für sie, Pepi hätten sie dafür freilich nicht hingegeben, solange sie dastand und durch ihre Gegenwart wirkte, aber es sind meist ältere Herren, schwerfällig in ihren Gewohnheiten, ehe sie sich an ein neues Ausschankmädchen gewöhnen, dauert es, und sei der Tausch noch so vorteilhaft doch paar Tage, gegen den eigenen Willen der Herren dauert es paar Tage, vielleicht nur fünf Tage, aber vier reichen nicht aus, Pepi galt trotz allem noch immer nur als die Provisorische. Und dann das vielleicht größte Unglück, in diesen vier Tagen kam Klamm, trotzdem er während der ersten zwei Tage im Dorfe war, in das Gastzimmer nicht herunter. Wäre er gekommen, das wäre Pepis entscheidende Erprobung gewesen, eine Erprobung übrigens die sie am wenigsten fürchtete, auf die sie sich eher freute. Sie wäre – an solche Dinge rührt man freilich am besten gar nicht mit Worten – Klamms Geliebte nicht geworden und hätte sich auch nicht zu einer solchen hinaufgelogen, aber sie hätte zumindest so nett wie Frieda das Bierglas auf den Tisch zu stellen gewußt, ohne Friedas Aufdringlichkeiten hübsch gegrüßt und hübsch sich empfohlen und wenn Klamm überhaupt in den Augen eines Mädchens etwas sucht, er hätte es in Pepis Augen bis zur völligen Sättigung gefunden. Aber warum kam er nicht Aus Zufall? Pepi hatte das damals auch geglaubt. Die zwei Tage lang erwartete sie ihn jeden Augenblick, auch in der Nacht wartete sie. &amp;ldquo;Jetzt wird Klamm kommen&amp;rdquo;, dachte sie immerfort und lief hin und her ohne andern Grund als die Unruhe der Erwartung und das Verlangen, ihn als erste sofort bei seinem Eintritt zu sehn. Diese fortwährende Enttäuschung ermüdete sie sehr, vielleicht leistete sie deshalb nicht soviel als sie hätte leisten können. Sie schlich, wenn sie ein wenig Zeit hatte, hinauf in den Korridor, den zu betreten dem Personal streng verboten ist, dort drückte sie sich in eine Nische und wartete. &amp;ldquo;Wenn doch jetzt Klamm käme&amp;rdquo;, dachte sie, &amp;ldquo;wenn ich doch den Herrn aus seinem Zimmer nehmen und auf meinen Armen in das Gastzimmer hinunter tragen könnte. Unter dieser Last würde ich nicht zusammensinken und wäre sie noch so groß. &amp;quot; Aber er kam nicht. In diesen Korridoren oben ist es so still, das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man nicht dort gewesen ist. Es ist so still, daß man es dort gar nicht lange aushalten kann, die Stille treibt einen fort. Aber immer wieder, zehnmal vertrieben, zehnmal wieder stieg Pepi hinauf. Es war ja sinnlos. Wenn Klamm kommen wollte, würde er kommen; wenn er aber nicht kommen wollte, würde ihn Pepi nicht herauslocken, auch wenn sie in der Nische vor Herzklopfen halb erstickte. Es war sinnlos, aber wenn er nicht kam, war ja fast alles sinnlos. Und er kam nicht. Heute weiß Pepi warum Klamm nicht kam. Frieda hätte eine herrliche Unterhaltung gehabt, wenn sie oben im Korridor Pepi in der Nische, beide Hände am Herzen, hätte sehen können. Klamm kam nicht herunter, weil Frieda es nicht zuließ. Nicht durch ihre Bitten hat sie das bewirkt, ihre Bitten dringen nicht zu Klamm. Aber sie hat, diese Spinne, Verbindungen, von denen niemand weiß. Wenn Pepi einem Gast etwas sagt, sagt sie es offen, auch der Nebentisch kann es hören; Frieda hat nichts zu sagen, sie stellt das Bier auf den Tisch und geht; nur ihr seidener Unterrock, das einzige, wofür sie Geld ausgibt, rauscht. Wenn sie aber einmal etwas sagt, dann nicht offen, dann flüstert sie es dem Gast zu, bückt sich hinab, daß man am Nachbartisch die Ohren spitzt. Was sie sagt, ist ja wahrscheinlich belanglos, aber doch nicht immer, Verbindungen hat sie, stützt die einen durch die andern und mißlingen die meisten – wer würde sich dauernd um Frieda kümmern? – hält hie und da doch eine fest. Diese Verbindungen begann sie jetzt auszunützen, K. gab ihr die Möglichkeit dazu, statt bei ihr zu sitzen und sie zu bewachen, hält er sich kaum zuhause auf, wandert herum, hat Besprechungen hier und dort, für alles hat er Aufmerksamkeit, nur nicht für Frieda, und um ihr schließlich noch mehr Freiheit zu geben, übersiedelt er aus dem Brückenhof in die leere Schule. Das alles ist ja ein schöner Anfang der Flitterwochen. Nun, Pepi ist gewiß die letzte, die K. Vorwürfe deshalb machen wird, daß er es nicht bei Frieda ausgehalten hat; man kann es bei ihr nicht aushalten. Aber warum hat er sie dann nicht ganz verlassen, warum ist er immer wieder zu ihr zurückgekommen, warum hat er durch seine Wanderungen den Anschein erweckt, daß er für sie kämpft. Es sah ja aus, als habe er erst durch die Berührung mit Frieda seine tatsächliche Nichtigkeit entdeckt, wolle sich Friedas würdig machen, wolle sich irgendwie hinaufhaspeln, verzichte deshalb vorläufig auf das Beisammensein, um sich später ungestört für die Entbehrungen entschädigen zu dürfen. Inzwischen verliert Frieda nicht die Zeit, sie sitzt in der Schule, wohin sie ja K. wahrscheinlich gelenkt hat, und beobachtet den Herrenhof und beobachtet K. Boten hat sie ausgezeichnete zur Hand, K.’s Gehilfen, die er ihr – man begreift es nicht, selbst wenn man K. kennt, begreift mans nicht – gänzlich überläßt. Sie schickt sie zu ihren alten Freunden, bringt sich in Erinnerung, klagt darüber, daß sie von einem Mann wie K. gefangen gehalten ist, hetzt gegen Pepi, verkündet ihre baldige Ankunft, bittet um Hilfe, beschwört sie, Klamm nichts zu verraten, tut so, als müsse Klamm geschont werden und dürfe daher auf keinen Fall in den Ausschank hinuntergelassen werden. Was sie den einen gegenüber als Schonung Klamms ausgibt, nützt sie dem Wirt gegenüber als ihren Erfolg aus, macht darauf aufmerksam, daß Klamm nicht mehr kommt; wie könne er denn kommen, wenn unten nur eine Pepi bedient; zwar hat der Wirt keine Schuld, diese Pepi war immerhin noch der beste Ersatz, der zu finden war, nur genügt er nicht, nicht einmal für paar Tage. Von dieser ganzen Tätigkeit Friedas weiß K. nichts; wenn er nicht herumwandert, liegt er ahnungslos zu ihren Füßen, während sie die Stunden zählt, die sie noch vom Ausschank trennen. Aber nicht nur diesen Botendienst leisten die Gehilfen, sie dienen auch dazu K. eifersüchtig zu machen, ihn warm zu halten. Seit ihrer Kindheit kennt Frieda die Gehilfen, Geheimnisse haben sie gewiß keine mehr vor einander, aber K. zu Ehren fangen sie an, sich nach einander zu sehnen und es entsteht für K. die Gefahr, daß es eine große Liebe wird. Und K. tut Frieda alles zu Gefallen, auch das Widersprechendste, er läßt sich von den Gehilfen eifersüchtig machen, duldet aber doch daß alle drei beisammen bleiben, während er allein auf seine Wanderungen geht. Es ist fast als sei er Friedas dritter Gehilfe. Da entscheidet sich Frieda endlich auf Grund ihrer Beobachtungen zum großen Schlag, sie beschließt zurückzukehren. Und es ist wirklich höchste Zeit, es ist bewunderungswürdig, wie Frieda, die Schlaue, dieses erkennt und ausnützt, diese Kraft der Beobachtung und des Entschlusses sind Friedas unnachahmbare Kunst; wenn Pepi sie hätte, wie anders würde ihr Leben verlaufen. Wäre Frieda noch ein, zwei Tage länger in der Schule geblieben, ist Pepi nicht mehr zu vertreiben, ist endgiltig Ausschankmädchen, von allen geliebt und gehalten, hat genug Geld verdient, um die notdürftige Ausstattung blendend zu ergänzen, noch ein, zwei Tage und Klamm ist durch keine Ränke mehr vom Gastzimmer abzuhalten, kommt, trinkt, fühlt sich behaglich und ist, wenn er Friedas Abwesenheit überhaupt bemerkt, mit der Veränderung hoch zufrieden, noch ein, zwei Tage und Frieda mit ihrem Skandal, mit ihren Verbindungen, mit den Gehilfen, mit allem, ist ganz und gar vergessen, niemals kommt sie mehr hervor. Dann könnte sie sich vielleicht desto fester an K. halten und könnte ihn, vorausgesetzt daß sie dessen fähig ist, wirklich lieben lernen? Nein, auch das nicht. Denn mehr als einen Tag braucht auch K. nicht, um ihrer überdrüssig zu werden, um zu erkennen, wie schmählich sie ihn täuscht, mit allem, mit ihrer angeblichen Schönheit, ihrer angeblichen Treue und am meisten mit der angeblichen Liebe Klamms, nur einen Tag noch, nicht mehr, braucht er um sie mit der ganzen schmutzigen Gehilfenwirtschaft aus dem Haus zu jagen, man denke, nicht einmal K. braucht mehr. Und da zwischen diesen beiden Gefahren, wo sich förmlich schon das Grab über ihr zu schließen anfängt, K. in seiner Einfalt hält ihr noch den letzten schmalen Weg frei, da brennt sie durch. Plötzlich – das hat kaum jemand mehr erwartet, es geht gegen die Natur – plötzlich ist sie es, die K., den noch immer sie liebenden, immer sie verfolgenden, fortjagt und unter dem nachhelfenden Druck der Freunde und Gehilfen dem Wirt als Retterin erscheint, durch ihren Skandal viel lockender als früher, erwiesenermaßen begehrt von den Niedrigsten wie von den Höchsten, dem Niedrigen aber nur für einen Augenblick verfallen, bald ihn fortstoßend wie es sich gehört und ihm und allen wieder unerreichbar wie früher, nur daß man früher das alles schon mit Recht bezweifelte, jetzt aber wieder überzeugt worden ist. So kommt sie zurück, der Wirt mit einem Seitenblick auf Pepi zögert – soll er sie opfern, die sich so bewährt hat? – aber bald ist er überredet, zuviel spricht für Frieda und vor allem, sie wird ja Klamm für die Gastzimmer zurückgewinnen. Dabei halten wir jetzt abend. Pepi wird nicht warten, bis Frieda kommt und aus der Übernahme der Stelle einen Triumph macht. Die Kassa hat sie der Wirtin schon übergeben, sie kann gehn. Das Bettfach unten in dem Mädchenzimmer ist für sie bereit, sie wird hinkommen, von den weinenden Freundinnen begrüßt, wird sich das Kleid vom Leib, die Bänder aus den Haaren reißen und alles in einen Winkel stopfen, wo es gut verborgen ist und nicht unnötig an Zeiten erinnert, die vergessen bleiben sollen. Dann wird sie den großen Eimer und den Besen nehmen, die Zähne zusammenbeißen und an die Arbeit gehn. Vorläufig aber mußte sie noch alles K. erzählen, damit er, der ohne Hilfe auch jetzt dies noch nicht erkannt hätte, einmal deutlich sieht, wie häßlich er an Pepi gehandelt und wie unglücklich er sie gemacht hat. Freilich, auch er ist dabei nur mißbraucht worden.&lt;/p&gt;</description></item></channel></rss>