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2017/12/17 - 13:04

14. Friedas Vorwurf

Es war höchste Zeit, daß Hans weggegangen war, denn kurz darauf riß der Lehrer die Tür auf und schrie, als er K. und Frieda ruhig bei Tisch sitzen sah: "Verzeiht die Störung! Aber sagt mir, wann wird endlich hier aufgeräumt sein. Wir müssen drüben zusammengepfercht sitzen, der Unterricht leidet, Ihr aber dehnt und streckt Euch hier im großen Turnzimmer und um noch mehr Platz zu haben, habt Ihr auch noch die Gehilfen weggeschickt. Jetzt aber steht wenigstens gefälligst auf und rührt Euch! " Und nur zu K.: "Du holst mir jetzt das Gabelfrühstück aus dem Brückenhof. " Das alles war wütend geschrien, aber die Worte waren verhältnismäßig sanft, selbst das an sich grobe Du. K. war sofort bereit zu folgen, nur um den Lehrer auszuhorchen sagte er: "Ich bin doch gekündigt. " "Gekündigt oder nicht gekündigt, hol mir das Gabelfrühstück", sagte der Lehrer. "Gekündigt oder nicht gekündigt, das eben will ich wissen", sagte K. "Was schwätzt Du?" sagte der Lehrer, "Du hast doch die Kündigung nicht angenommen. " "Das genügt um sie unwirksam zu machen?" fragte K. "Mir nicht", sagte der Lehrer, "das darfst Du mir glauben, wohl aber dem Gemeindevorsteher, unbegreiflicher Weise. Nun aber lauf, sonst fliegst Du wirklich hinaus. " K. war zufrieden, der Lehrer hatte also mit dem Gemeindevorsteher inzwischen gesprochen, oder vielleicht gar nicht gesprochen sondern nur des Gemeindevorstehers voraussichtliche Meinung sich zurechtgelegt und diese lautete zu K.’s Gunsten. Nun wollte K. gleich um das Gabelfrühstück eilen, aber noch aus dem Gang rief ihn der Lehrer wieder zurück, sei es daß er die Dienstwilligkeit K.’s durch diesen besonderen Befehl nur hatte erproben wollen, um sich danach weiterhin richten zu können, sei es daß er nun wieder neue Lust zum Kommandieren bekam und es ihn freute, K. eilig laufen und dann auf seinen Befehl hin wie einen Kellner ebenso eilig wieder wenden zu lassen. K. seinerseits wußte, daß er durch allzugroßes Nachgeben sich zum Sklaven und Prügeljungen des Lehrers machen würde, aber bis zu einer gewissen Grenze wollte er jetzt die Launen des Lehrers geduldig hinnehmen, denn wenn ihm auch der Lehrer, wie sich gezeigt hatte, rechtmäßig nicht kündigen konnte, qualvoll bis zum Unerträglichen konnte er die Stellung gewiß machen. Aber gerade an dieser Stellung lag jetzt K. mehr als früher. Das Gespräch mit Hans hatte ihm neue, zugegebenermaßen unwahrscheinliche, völlig grundlose, aber nicht mehr zu vergessende Hoffnungen gemacht, sie verdeckten sogar fast Barnabas. Wenn er ihnen nachging, und er konnte nicht anders, so mußte er alle seine Kraft darauf sammeln, sich um nichts anderes sorgen, nicht um das Essen, die Wohnung, die Dorfbehörden, ja selbst um Frieda nicht, und im Grunde handelte es sich ja nur um Frieda, denn alles andere kümmerte ihn ja nur mit Bezug auf sie. Deshalb mußte er diese Stellung, welche Frieda einige Sicherheit gab, zu behalten suchen, und es durfte ihn nicht reuen, im Hinblick auf diesen Zweck mehr vom Lehrer zu dulden, als er sonst zu dulden über sich gebracht hätte. Das alles war nicht allzu schmerzlich, es gehörte in die Reihe der fortwährenden kleinen Leiden des Lebens, es war nichts im Vergleich zu dem was K. erstrebte und er war nicht hergekommen um ein Leben in Ehren und Frieden zu führen.

Und so war er, wie er gleich hatte ins Wirtshaus laufen wollen, auf den geänderten Befehl hin auch gleich wieder bereit, zuerst das Zimmer in Ordnung zu bringen, damit die Lehrerin mit ihrer Klasse wieder herüberkommen könne. Aber es mußte sehr schnell Ordnung gemacht werden, denn nachher sollte K. doch das Gabelfrühstück holen und der Lehrer hatte schon großen Hunger und Durst. K. versicherte, es werde alles nach Wunsch geschehn; ein Weilchen sah der Lehrer zu, wie K. sich beeilte, die Lagerstätte wegräumte, die Turngeräte zurechtschob, im Fluge auskehrte, während Frieda das Podium wusch und rieb. Der Eifer schien den Lehrer zu befriedigen, er machte noch darauf aufmerksam, daß vor der Tür ein Haufen Holz zum Heizen vorbereitet sei – zum Schupfen wollte er K. wohl nicht mehr zulassen – und ging dann mit der Drohung bald wiederzukommen und nachzuschauen zu den Kindern hinüber.

Nach einer Weile schweigenden Arbeitens fragte Frieda, warum sich denn K. jetzt dem Lehrer so sehr füge. Es war wohl eine mitleidige sorgenvolle Frage, aber K., der daran dachte, wie wenig es Frieda gelungen war, nach ihrem ursprünglichen Versprechen ihn vor den Befehlen und Gewalttätigkeiten des Lehrers zu bewahren, sagte nur kurz, daß er nun, da er einmal Schuldiener geworden sei, den Posten auch ausfüllen müsse. Dann war es wieder still, bis K., gerade durch das kurze Gespräch daran erinnert, daß Frieda schon solange wie in sorgenvollen Gedanken verloren gewesen war, vor allem fast während des ganzen Gespräches mit Hans, sie jetzt, während er das Holz hereintrug, offen fragte, was sie denn beschäftige. Sie antwortete, langsam zu ihm aufblickend, es sei nichts bestimmtes, sie denke nur an die Wirtin und an die Wahrheit mancher ihrer Worte. Erst als K. in sie drang, antwortete sie nach mehreren Weigerungen ausführlicher, ohne aber hiebei von ihrer Arbeit abzulassen, was sie nicht aus Fleiß tat, denn die Arbeit ging dabei doch gar nicht vorwärts, sondern nur um nicht gezwungen zu sein, K. anzusehn. Und nun erzählte sie, wie sie bei K.’s Gespräch mit Hans zuerst ruhig zugehört habe, wie sie dann durch einige Worte K.’s aufgeschreckt, schärfer den Sinn der Worte zu erfassen angefangen habe und wie sie von nun ab nicht mehr habe aufhören können in K.’s Worten Bestätigungen einer Mahnung zu hören, die sie der Wirtin verdanke, an deren Berechtigung sie aber niemals hatte glauben wollen. K., ärgerlich über die allgemeinen Redewendungen und selbst durch die tränenvoll klagende Stimme mehr gereizt als gerührt – vor allem weil sich die Wirtin nun wieder in sein Leben mischte, wenigstens durch Erinnerungen, da sie in Person bis jetzt wenig Erfolg gehabt hatte – warf das Holz, das er in den Armen trug zu Boden, setzte sich darauf und verlangte nun mit ernsten Worten völlige Klarheit. "Schon öfters", begann Frieda, "gleich anfangs, hat sich die Wirtin bemüht mich an Dir zweifeln zu machen, sie behauptete nicht, daß Du lügst, im Gegenteil, sie sagte, Du seist kindlich offen, aber Dein Wesen sei so verschieden von dem unsern, daß wir, selbst wenn Du offen sprichst, Dir zu glauben uns schwer überwinden können und wenn nicht eine gute Freundin uns früher rettet, erst durch bittere Erfahrung zu glauben uns gewöhnen müssen. Selbst ihr, die einen so scharfen Blick für Menschen hat, sei es kaum anders ergangen. Aber nach dem letzten Gespräch mit Dir im Brückenhof sei sie – ich wiederhole nur ihre bösen Worte – auf Deine Schliche gekommen, jetzt könntest Du sie nicht mehr täuschen, selbst wenn Du Dich anstrengen würdest, Deine Absichten zu verbergen. >Aber er verbirgt ja nichts<, das sagte sie immer wieder und dann sagte sie noch: >Streng Dich doch an, ihm bei beliebiger Gelegenheit wirklich zuzuhören, nicht nur oberflächlich, nein wirklich zuzuhören.< Nichts weiter als dieses habe sie getan und dabei hinsichtlich meiner folgendes etwa herausgehört: Du hast Dich an mich herangemacht – sie gebrauchte dieses schmähliche Wort – nur deshalb, weil ich Dir zufällig in den Weg kam, Dir nicht gerade mißfiel und weil Du ein Ausschankmädchen, sehr irriger Weise, für das vorbestimmte Opfer jedes die Hand ausstreckenden Gastes hältst. Außerdem wolltest Du, wie die Wirtin vom Herrenhofwirt erfahren hat, aus irgendwelchen Gründen damals im Herrenhof übernachten und das war allerdings überhaupt nicht anders als durch mich zu erlangen. Das alles wäre nun genügender Anlaß gewesen Dich zu meinem Liebhaber für jene Nacht zu machen, damit aber mehr daraus wurde brauchte es auch mehr und dieses Mehr war Klamm. Die Wirtin behauptet nicht, zu wissen was Du von Klamm willst, sie behauptet nur, daß Du, ehe Du mich kanntest ebenso heftig zu Klamm strebtest wie nachher. Der Unterschied habe nur darin bestanden daß Du früher hoffnungslos warst, jetzt aber in mir ein zuverlässiges Mittel zu haben glaubtest, wirklich und bald und sogar mit Überlegenheit zu Klamm vorzudringen. Wie erschrak ich – aber das war nur erst flüchtig, ohne tieferen Grund – als Du heute einmal sagtest, ehe Du mich kanntest, wärest Du hier in die Irre gegangen. Es sind vielleicht die gleichen Worte, welche die Wirtin gebrauchte, auch sie sagt, daß Du erst seitdem Du mich kanntest zielbewußt geworden bist. Das sei daher gekommen, daß Du glaubtest in mir eine Geliebte Klamms erobert zu haben und dadurch ein Pfand zu besitzen, das nur zum höchsten Preise ausgelöst werden könne. Über diesen Preis mit Klamm zu verhandeln sei Dein einziges Streben. Da Dir an mir nichts, am Preise alles liege, seist Du hinsichtlich meiner zu jedem Entgegenkommen bereit, hinsichtlich des Preises hartnäckig. Deshalb ist es Dir gleichgültig, daß ich die Stelle im Herrenhof verliere, gleichgiltig, daß ich auch den Brückenhof verlassen muß, gleichgültig, daß ich die schwere Schuldienerarbeit werde leisten müssen, Du hast keine Zärtlichkeit, ja nicht einmal Zeit mehr für mich, Du überläßt mich den Gehilfen, Eifersucht kennst Du nicht, mein einziger Wert für Dich ist, daß ich Klamms Geliebte war, in Deiner Unwissenheit strengst Du Dich an, mich Klamm nicht vergessen zu lassen, damit ich am Ende nicht zu sehr widerstrebe, wenn der entscheidende Zeitpunkt gekommen ist, dennoch kämpfst Du auch gegen die Wirtin, der allein Du es zutraust, daß sie mich Dir entreißen könnte, darum treibst Du den Streit mit ihr auf die Spitze, um den Brückenhof mit mir verlassen zu müssen; daß ich, soweit es nur an mir liegt, unter allen Umständen Dein Besitz bin, daran zweifelst Du nicht. Die Unterredung mit Klamm stellst Du Dir als ein Geschäft vor, baar gegen baar. Du rechnest mit allen Möglichkeiten; vorausgesetzt daß Du den Preis erreichst, bist Du bereit alles zu tun; will mich Klamm, wirst Du mich ihm geben, will er daß Du bei mir bleibst, wirst Du bleiben, will er daß Du mich verstößt, wirst Du mich verstoßen, aber Du bist auch bereit Komödie zu spielen, wird es vorteilhaft sein, so wirst Du vorgeben mich zu lieben, seine Gleichgültigkeit wirst Du dadurch zu bekämpfen suchen, daß Du Deine Nichtigkeit hervorhebst und ihn durch die Tatsache Deiner Nachfolgerschaft beschämst, oder daß Du meine Liebesgeständnisse hinsichtlich seiner Person, die ich ja wirklich gemacht habe, ihm übermittelst und ihn bittest, er möge mich wieder aufnehmen, unter Zahlung des Preises allerdings; und hilft nichts anderes, dann wirst Du im Namen des Ehepaares K. einfach betteln. Wenn Du aber dann, so schloß die Wirtin, sehen wirst, daß Du Dich in allem getäuscht hast, in Deinen Annahmen und in Deinen Hoffnungen, in Deiner Vorstellung von Klamm und seinen Beziehungen zu mir, dann wird meine Hölle beginnen, denn dann werde ich erst recht Dein einziger Besitz sein, auf den Du angewiesen bleibst, aber zugleich ein Besitz, der sich als wertlos erwiesen hat und den Du entsprechend behandeln wirst, da Du kein anderes Gefühl für mich hast als das des Besitzers. "

Gespannt, mit zusammengezogenem Mund hatte K. zugehört, das Holz unter ihm war ins Rollen gekommen, er war fast auf den Boden geglitten, er hatte es nicht beachtet, erst jetzt stand er auf, setzte sich auf das Podium, nahm Friedas Hand, die sich ihm schwach zu entziehen suchte, und sagte: "Ich habe in dem Bericht Deine und der Wirtin Meinung nicht immer von einander unterscheiden können. " "Es war nur die Meinung der Wirtin", sagte Frieda, "ich habe allem zugehört weil ich die Wirtin verehre, aber es war das erste Mal in meinem Leben daß ich ihre Meinung ganz und gar verwarf. So kläglich schien mir alles was sie sagte, so fern jedem Verständnis dessen, wie es mit uns zweien stand. Eher schien mir das vollkommene Gegenteil dessen, was sie sagte, richtig. Ich dachte an den trüben Morgen nach unserer ersten Nacht. Wie Du neben mir knietest mit einem Blick, als sei nun alles verloren. Und wie es sich dann auch wirklich so gestaltete, daß ich, so sehr ich mich anstrengte, Dir nicht half, sondern Dich hinderte. Durch mich wurde die Wirtin Deine Feindin, eine mächtige Feindin, die Du noch immer unterschätzest; meinetwegen, für die Du zu sorgen hattest, mußtest Du um Deine Stelle kämpfen, warst im Nachteil gegenüber dem Gemeindevorsteher, mußtest Dich dem Lehrer unterwerfen, warst den Gehilfen ausgeliefert, das Schlimmste aber: um meinetwillen hattest Du Dich vielleicht gegen Klamm vergangen. Daß Du jetzt immerfort zu Klamm gelangen wolltest, war ja nur das ohnmächtige Streben ihn irgendwie zu versöhnen. Und ich sagte mir, daß die Wirtin, die dies alles gewiß viel besser wisse als ich, mich mit ihren Einflüsterungen nur vor allzu schlimmen Selbstvorwürfen bewahren wolle. Gutgemeinte, aber überflüssige Mühe. Meine Liebe zu Dir hätte mir über alles hinweggeholfen, sie hätte schließlich auch Dich vorwärtsgetragen, wenn nicht hier im Dorf, so anderswo, einen Beweis ihrer Kraft hatte sie ja schon gegeben, vor der Barnabas’schen Familie hat sie Dich gerettet." "Das war also damals Deine Gegenmeinung", sagte K., "und was hat sich seitdem geändert?" "Ich weiß nicht", sagte Frieda und blickte auf K.’s Hand, welche die ihre hielt, " vielleicht hat sich nichts geändert; wenn Du so nah bei mir bist und so ruhig fragst, dann glaube ich, daß sich nichts geändert hat. In Wirklichkeit aber" – sie nahm K. ihre Hand fort, saß ihm aufrecht gegenüber und weinte, ohne ihr Gesicht zu bedecken; frei hielt sie ihm dieses tränenüberflossene Gesicht entgegen, so als weine sie nicht über sich selbst und habe also nichts zu verbergen, sondern als weine sie über K.’s Verrat und so gebüre ihm auch der Jammer ihres Anblicks – "in Wirklichkeit aber hat sich alles geändert, seitdem ich Dich mit dem Jungen habe sprechen hören. Wie unschuldig hast Du begonnen, fragtest nach den häuslichen Verhältnissen, nach dem und jenem, mir war als kämest Du gerade in den Ausschank, zutunlich, offenherzig und suchtest so kindlich-eifrig meinen Blick. Es war kein Unterschied gegen damals und ich wünschte nur die Wirtin wäre hier, hörte Dir zu und versuchte dann noch an ihrer Meinung festzuhalten. Dann aber plötzlich, ich weiß nicht wie es geschah, merkte ich in welcher Absicht Du mit dem Jungen sprachst. Durch die teilnehmenden Worte gewannst Du sein nicht leicht zu gewinnendes Vertrauen, um dann ungestört auf Dein Ziel loszugehn, das ich mehr und mehr erkannte. Dieses Ziel war die Frau. Aus Deinen ihretwegen scheinbar besorgten Reden sprach gänzlich unverdeckt nur die Rücksicht auf Deine Geschäfte. Du betrogst die Frau noch ehe Du sie gewonnen hast. Nicht nur meine Vergangenheit auch meine Zukunft hörte ich aus Deinen Worten, es war mir als sitze die Wirtin neben mir und erkläre mir alles und ich suche sie mit allen Kräften wegzudrängen, sehe aber klar die Hoffnungslosigkeit solcher Anstrengung und dabei war es ja eigentlich gar nicht mehr ich, die betrogen wurde, nicht einmal betrogen wurde ich schon, sondern die fremde Frau. Und als ich mich dann noch aufraffte und Hans fragte was er werden wolle und er sagte, er wolle werden wie Du, Dir also schon so vollkommen gehörte, was war denn jetzt für ein großer Unterschied zwischen ihm, dem guten Jungen der hier mißbraucht wurde, und mir, damals, im Ausschank?"

"Alles", sagte K., durch die Gewöhnung an den Vorwurf hatte er sich gefaßt, "alles was Du sagst, ist in gewissem Sinne richtig, unwahr ist es nicht, nur feindselig ist es. Es sind Gedanken der Wirtin, meiner Feindin, auch wenn Du glaubst, daß es Deine eigenen sind, das tröstet mich. Aber lehrreich sind sie, man kann noch manches von der Wirtin lernen. Mir selbst hat sie es nicht gesagt, obwohl sie mich sonst nicht geschont hat, offenbar hat sie Dir diese Waffe anvertraut in der Hoffnung, daß Du sie in einer für mich besonders schlimmen oder entscheidungsreichen Stunde anwenden würdest; mißbrauche ich Dich, so mißbraucht sie Dich ähnlich. Nun aber Frieda bedenke: auch wenn alles ganz genau so wäre wie es die Wirtin sagt, wäre es sehr arg nur in einem Falle, nämlich wenn Du mich nicht lieb hast. Dann, nun dann wäre es wirklich so, daß ich mit Berechnung und List Dich gewonnen habe, um mit diesem Besitz zu wuchern. Vielleicht gehörte es dann schon sogar zu meinem Plan, daß ich damals, um Dein Mitleid hervorzulocken, Arm in Arm mit Olga vor Dich trat und die Wirtin hat nur vergessen dies noch in meiner Schuldrechnung zu erwähnen. Wenn es aber nicht der arge Fall ist und nicht ein schlaues Raubtier Dich damals an sich gerissen hat, sondern Du mir entgegenkamst, so wie ich Dir entgegenkam und wir uns fanden, selbstvergessen beide, sag, Frieda, wie ist es denn dann? Dann führe ich doch meine Sache so wie Deine, es ist hier kein Unterschied und sondern kann nur eine Feindin. Das gilt überall, auch hinsichtlich Hansens. Bei Beurteilung des Gespräches mit Hans übertreibst Du übrigens in Deinem Zartgefühl sehr, denn wenn sich Hansens und meine Absichten nicht ganz decken, so geht das doch nicht so weit, daß etwa ein Gegensatz zwischen ihnen bestünde, außerdem ist ja Hans unsere Unstimmigkeit nicht verborgen geblieben, glaubtest Du das, so würdest Du diesen vorsichtigen kleinen Mann sehr unterschätzen und selbst wenn ihm alles verborgen geblieben sein sollte, so wird doch daraus niemandem ein Leid entstehn, das hoffe ich. "

"Es ist so schwer, sich zurechtzufinden, K. ", sagte Frieda und seufzte, "ich habe gewiß kein Mißtrauen gegen Dich gehabt und ist etwas derartiges von der Wirtin auf mich übergegangen, werde ich es glückselig abwerfen und Dich auf den Knien um Verzeihung bitten, wie ich es eigentlich die ganze Zeit über tue, wenn ich auch noch so böse Dinge sage. Wahr aber bleibt, daß Du viel vor mir geheim hältst; Du kommst und gehst, ich weiß nicht woher und wohin. Damals als Hans klopfte, hast Du sogar den Namen Barnabas gerufen. Hättest Du doch einmal nur so liebend mich gerufen, wie damals aus mir unverständlichem Grund diesen verhaßten Namen. Wenn Du kein Vertrauen zu mir hast, wie soll dann bei mir nicht Mißtrauen entstehn, bin ich dann doch völlig der Wirtin überlassen, die Du durch Dein Verhalten zu bestätigen scheinst. Nicht in allem, ich will nicht behaupten, daß Du sie in allem bestätigst, hast Du denn nicht doch immerhin meinetwegen die Gehilfen verjagt? Ach wüßtest Du doch, mit welchem Verlangen ich in allem was Du tust und sprichst, auch wenn es mich quält, einen für mich guten Kern suche. " "Vor allem, Frieda", sagte K., "ich verberge Dir doch nicht das Geringste. Wie mich die Wirtin haßt und wie sie sich anstrengt Dich mir zu entreißen und mit was für verächtlichen Mitteln sie das tut und wie Du ihr nachgibst, Frieda, wie Du ihr nachgibst. Sag doch, worin verberge ich Dir etwas? Daß ich zu Klamm gelangen will, weißt Du, daß Du mir dazu nicht verhelfen kannst und daß ich es daher auf eigene Faust erreichen muß, weißt Du auch, daß es mir bisher noch nicht gelungen ist, siehst Du. Soll ich nun durch Erzählen der nutzlosen Versuche, die mich schon in der Wirklichkeit reichlich demütigen, doppelt mich demütigen? Soll ich mich etwa dessen rühmen, am Schlag des Klammschen Schlittens frierend einen langen Nachmittag vergeblich gewartet zu haben? Glücklich nicht mehr an solche Dinge denken zu müssen, eile ich zu Dir und nun kommt mir wieder alles dieses drohend aus Dir entgegen. Und Barnabas Gewiß, ich erwarte ihn. Er ist der Bote Klamms, nicht ich habe ihn dazu gemacht. " "Wieder Barnabas", rief Frieda, "ich kann nicht glauben, daß er ein guter Bote ist. " "Du hast vielleicht Recht", sagte K., "aber es ist der einzige Bote der mir geschickt wird. " "Desto schlimmer", sagte Frieda, "desto mehr solltest Du Dich vor ihm hüten. " "Er hat mir leider bisher keinen Anlaß hiezu gegeben", sagte K. lächelnd, "er kommt selten und was er bringt ist belanglos; nur daß es geradewegs von Klamm herrührt macht es wertvoll." "Aber sich nur", sagte Frieda, "es ist ja nicht einmal mehr Klamm Dein Ziel, vielleicht beunruhigt mich das am meisten; daß Du Dich immer über mich hinweg zu Klamm drängtest, war schlimm, daß Du jetzt von Klamm abzukommen scheinst, ist viel schlimmer, es ist etwas, was nicht einmal die Wirtin vorhersah. Nach der Wirtin endete mein Glück, fragwürdiges und doch sehr wirkliches Glück, mit dem Tage, an dem Du endgiltig einsahst, daß Deine Hoffnung auf Klamm vergeblich war. Nun aber wartest Du nicht einmal mehr auf diesen Tag, plötzlich kommt ein kleiner Junge herein und Du beginnst mit ihm um seine Mutter zu kämpfen, so wie wenn Du um Deine Lebensluft kämpfen würdest. " "Du hast mein Gespräch mit Hans richtig aufgefaßt", sagte K., "so war es wirklich. Ist aber denn Dein ganzes früheres Leben für Dich so versunken (bis auf die Wirtin natürlich, die sich nicht mithinabstoßen läßt), daß Du nicht mehr weißt, wie um das Vorwärtskommen gekämpft werden muß, besonders wenn man von tief untenher kommt? Wie alles benützt werden muß, was irgendwie Hoffnung gibt? Und diese Frau kommt vom Schloß, sie selbst hat es mir gesagt, als ich mich am ersten Tag zu Lasemann verirrte. Was lag näher, als sie um Rat oder sogar um Hilfe zu bitten; kennt die Wirtin ganz genau nur alle Hindernisse, die von Klamm abhalten, dann kennt diese Frau wahrscheinlich den Weg, sie ist ihn ja selbst herabgekommen." "Den Weg zu Klamm?" fragte Frieda. "Zu Klamm, gewiß, wohin denn sonst", sagte K. Dann sprang er auf: "Nun aber ist es höchste Zeit, das Gabelfrühstück zu holen. " Dringend, weit über den Anlaß hinaus bat ihn Frieda zu bleiben, so wie wenn erst sein Bleiben alles Tröstliche was er ihr gesagt hatte, bestätigen würde. K. aber erinnerte an den Lehrer, zeigte auf die Tür, die jeden Augenblick mit Donnerkrach aufspringen könne, versprach auch gleich zu kommen, nicht einmal einheizen müsse sie, er selbst werde es besorgen. Schließlich fügte sich Frieda schweigend. Als K. draußen durch den Schnee stapfte – längst schon hätte der Weg freigeschaufelt sein sollen, merkwürdig, wie langsam die Arbeit vorwärtsgieng – sah er am Gitter einen der Gehilfen totmüde sich festhalten. Nur einen, wo war der andere? Hatte K. also wenigstens die Ausdauer des einen gebrochen? Der Zurückgebliebene war freilich noch eifrig genug bei der Sache, das sah man, als er, durch den Anblick K.’s belebt, sofort wieder mit dem Armeausstrecken und dem sehnsüchtigen Augenverdrehn begann. >Seine Unnachgiebigkeit ist musterhaft<, sagte sich K. und mußte allerdings hinzufügen: >man erfriert mit ihr am Gitter.< Äußerlich hatte aber K. für den Gehilfen nichts anderes als ein Drohen mit der Faust, das jede Annäherung ausschloß, ja der Gehilfe rückte ängstlich noch ein ansehnliches Stück zurück. Eben öffnete Frieda ein Fenster, um, wie es mit K. besprochen war, vor dem Einheizen zu lüften. Gleich ließ der Gehilfe von K. ab und schlich, unwiderstehlich angezogen, zum Fenster. Das Gesicht verzerrt von Freundlichkeit gegenüber dem Gehilfen und flehender Hilflosigkeit zu K. hin, schwenkte sie ein wenig die Hand oben aus dem Fenster, es war nicht einmal deutlich ob es Abwehr oder Gruß war, der Gehilfe ließ sich dadurch im Näherkommen auch nicht beirren. Da schloß Frieda eilig das äußere Fenster, blieb aber dahinter, die Hand auf der Klinke, mit zur Seite geneigtem Kopf, großen Augen und einem starren Lächeln. Wußte sie daß sie den Gehilfen damit mehr lockte als abschreckte? K. sah aber nicht mehr zurück, er wollte sich lieber möglichst beeilen und bald zurückkommen.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi