URL: http://www.kafka.org/index.php?staatsanwalt


2017/12/14 - 09:03

Staatsanwalt

Trotz der Menschenkenntnis und Welterfahrung, welche K. während seiner langen Dienstzeit in der Bank erworben hatte, war ihm doch die Gesellschaft seines Stammtisches immer als außerordentlich achtungswürdig erschienen und er leugnete sich selbst gegenüber niemals, daß es für ihn eine große Ehre war einer solchen Gesellschaft anzugehören. Sie bestand fast ausschließlich aus Richtern, Staatsanwälten und Advokaten, auch einige ganz junge Beamte und Advokatursgehilfen waren zugelassen, sie saßen aber ganz unten am Tisch und durften sich in die Debatten nur einmischen, wenn besondere Fragen an sie gestellt wurden. Solche Fragestellungen aber hatten meist nur den Zweck die Gesellschaft zu belustigen, besonders Staatsanwalt Hasterer der gewöhnlich K.’s Nachbar war liebte es auf diese Weise die jungen Herren zu beschämen. Wenn er die große stark behaarte Hand mitten auf dem Tisch spreizte und sich zum untern Tischende wandte, horchte schon alles auf. Und wenn dann dort einer die Frage aufnahm aber entweder sie nicht einmal enträtseln konnte oder nachdenklich in sein Bier sah oder statt zu reden bloß mit den Kiefern schnappte oder gar – das war das Ärgste – in unaufhaltsamem Schwall eine falsche oder unbeglaubigte Meinung vertrat, dann drehten sich die ältern Herren lächelnd auf ihren Sitzen und es schien ihnen erst jetzt behaglich zu werden. Die wirklich ernsten fachgemäßen Gespräche blieben nur ihnen vorbehalten.

K. war in diese Gesellschaft durch einen Advokaten, den Rechtsvertreter der Bank gebracht worden. Es hatte eine Zeit gegeben, da K. mit diesem Advokaten in der Bank lange Besprechungen bis spät in den Abend hatte führen müssen und es hatte sich dann von selbst gefügt, daß er mit dem Advokaten an dessen Stammtisch gemeinsam genachtmahlt und an der Gesellschaft Gefallen gefunden hatte. Er sah hier lauter gelehrte, angesehene, in gewissem Sinne mächtige Herren, deren Erholung darin bestand, daß sie schwierige mit dem gewöhnlichen Leben nur entfernt zusammenhängende Fragen zu lösen suchten und hiebei sich abmühten. Wenn er selbst natürlich nur wenig eingreifen konnte, so bekam er doch die Möglichkeit vieles zu erfahren, was ihm früher oder später auch in der Bank Vorteil bringen konnte und außerdem konnte er zum Gericht persönliche Beziehungen anknüpfen, die immer nützlich waren. Aber auch die Gesellschaft schien ihn gern zu dulden. Als geschäftlicher Fachmann war er bald anerkannt und seine Meinung in solchen Dingen galt – wenn es dabei auch nicht ganz ohne Ironie abgieng – als etwas Unumstößliches. Es geschah nicht selten, daß zwei, die eine Rechtsfrage verschieden beurteilten, K. seine Ansicht über den Tatbestand abverlangten und daß dann K.’s Name in allen Reden und Gegenreden wiederkehrte und bis in die abstraktesten Untersuchungen gezogen wurde, denen K. längst nicht mehr folgen konnte. Allerdings klärte sich ihm allmählich vieles auf, besonders da er in Staatsanwalt Hasterer einen guten Berater an seiner Seite hatte, der ihm auch freundschaftlich nähertrat. K. begleitete ihn sogar öfters in der Nacht nachhause. Er konnte sich aber lange nicht daran gewöhnen Arm in Arm neben dem riesigen Mann zu gehn, der ihn in seinem Radmantel ganz unauffällig hätte verbergen können.

Im Laufe der Zeit aber fanden sie sich derartig zusammen, daß alle Unterschiede der Bildung, des Berufes, des Alters sich verwischten. Sie verkehrten mit einander, als hätten sie seit jeher zu einander gehört und wenn in ihrem Verhältnis äußerlich manchmal einer überlegen schien, so war es nicht Hasterer sondern K., denn seine praktischen Erfahrungen behielten meistens Recht, da sie so unmittelbar gewonnen waren, wie es vom Gerichtstisch aus niemals geschehen kann.

Diese Freundschaft wurde natürlich am Stammtisch bald allgemein bekannt, es geriet halb in Vergessenheit, wer K. in die Gesellschaft gebracht hatte, nun war es jedenfalls Hasterer der K. deckte; wenn K.’s Berechtigung hier zu sitzen auf Zweifel stoßen würde, konnte er sich mit gutem Recht auf Hasterer berufen. Dadurch aber erlangte K. eine besonders bevorzugte Stellung, denn Hasterer war ebenso angesehn als gefürchtet. Die Kraft und Gewandtheit seines juristischen Denkens waren zwar sehr bewundernswert, doch waren in dieser Hinsicht viele Herren ihm zumindest ebenbürtig, keiner jedoch reichte an ihn heran in der Wildheit, mit welcher er seine Meinung verteidigte. K. hatte den Eindruck, daß Hasterer, wenn er seinen Gegner nicht überzeugen konnte, ihn doch wenigstens in Furcht setzte, schon vor seinem gestreckten Zeigefinger wichen viele zurück. Es war dann als ob der Gegner vergessen würde, daß er in Gesellschaft von guten Bekannten und Kollegen war, daß es sich doch nur um teoretische Fragen handelte, daß ihm in Wirklichkeit keinesfalls etwas geschehen konnte – aber er verstummte und Kopfschütteln war schon Mut. Ein fast peinlicher Anblick war es, wenn der Gegner weit entfernt saß, Hasterer erkannte, daß auf die Entfernung hin keine Einigung zustandekommen könnte, wenn er nun etwa den Teller mit dem Essen zurückschob und langsam aufstand, um den Mann selbst aufzusuchen. Die in der Nähe beugten dann die Köpfe zurück, um sein Gesicht zu beobachten. Allerdings waren das nur verhältnismäßig seltene Zwischenfälle, vor allem konnte er fast nur über juristische Fragen in Erregung geraten, undzwar hauptsächlich über solche, welche Processe betrafen, die er selbst geführt hatte oder führte. Handelte es sich nicht um solche Fragen, dann war er freundlich und ruhig, sein Lachen war liebenswürdig und seine Leidenschaft gehörte dem Essen und Trinken. Es konnte sogar geschehn, daß er der allgemeinen Unterhaltung gar nicht zuhörte, sich zu K. wandte, den Arm über dessen Sessellehne legte, ihn halblaut über die Bank ausfragte, dann selbst über seine eigene Arbeit sprach oder auch von seinen Damenbekanntschaften erzählte, die ihm fast soviel zu schaffen machten wie das Gericht. Mit keinem andern in der Gesellschaft sah man ihn derartig reden und tatsächlich kam man oft, wenn man etwas von Hasterer erbitten wollte – meistens sollte eine Versöhnung mit einem Kollegen bewerkstelligt werden – zunächst zu K. und bat ihn um seine Vermittlung, die er immer gerne und leicht durchführte. Er war überhaupt, ohne etwa seine Beziehung zu Hasterer in dieser Hinsicht auszunützen, allen gegenüber sehr höflich und bescheiden und er verstand es, was noch wichtiger als Höflichkeit und Bescheidenheit war, zwischen den Rangabstufungen der Herren richtig zu unterscheiden und jeden seinem Range gemäß zu behandeln. Allerdings belehrte ihn Hasterer darin immer wieder, es waren dies die einzigen Vorschriften, die Hasterer selbst in der erregtesten Debatte nicht verletzte. Darum richtete er auch an die jungen Herren unten am Tisch, die noch fast gar keinen Rang besaßen, immer nur allgemeine Ansprachen, als wären es nicht einzelne, sondern bloß ein zusammengeballter Klumpen. Gerade diese Herren aber erwiesen ihm die größten Ehren und wenn er gegen elf Uhr sich erhob, um nachhause zu gehn, war gleich einer da, der ihm beim Anziehn des schweren Mantels behilflich war und ein anderer der mit großer Verbeugung die Türe vor ihm öffnete und sie natürlich auch noch festhielt wenn K. hinter Hasterer das Zimmer verließ.

Während in der ersten Zeit K. Hasterer oder auch dieser K. ein Stück Wegs begleitete, endeten später solche Abende in der Regel damit, daß Hasterer K. bat mit ihm in seine Wohnung zu kommen und ein Weilchen bei ihm zu bleiben. Sie saßen dann noch wohl eine Stunde bei Schnaps und Zigarren. Diese Abende waren Hasterer so lieb, daß er nicht einmal auf sie verzichten wollte, als er während einiger Wochen ein Frauenzimmer namens Helene bei sich wohnen hatte. Es war eine dicke ältliche Frau mit gelblicher Haut und schwarzen Locken, die sich um ihre Stirn ringelten. K. sah sie zunächst nur im Bett, sie lag dort gewöhnlich recht schamlos, pflegte einen Lieferungsroman zu lesen und kümmerte sich nicht um das Gespräch der Herren. Erst wenn es spät wurde, streckte sie sich, gähnte und warf auch, wenn sie auf andere Weise die Aufmerksamkeit nicht auf sich lenken konnte, ein Heft ihres Romans nach Hasterer. Dieser stand dann lächelnd auf und K. verabschiedete sich. Später allerdings als Hasterer Helene’s müde zu werden anfieng, störte sie die Zusammenkünfte empfindlich. Sie erwartete nun immer die Herren vollständig angekleidet undzwar gewöhnlich in einem Kleid, das sie wahrscheinlich für sehr kostbar und kleidsam hielt, das aber in Wirklichkeit ein altes überladenes Ballkleid war und besonders unangenehm durch einige Reihen langer Fransen auffiel, mit denen es zum Schmuck behängt war. Das genaue Aussehn dieses Kleides kannte K. gar nicht, er weigerte sich gewissermaßen sie anzusehn und saß stundenlang mit halbgesenkten Augen da, während sie sich wiegend durch das Zimmer gieng oder in seiner Nähe saß und später als ihre Stellung immer unhaltbarer wurde, in ihrer Not sogar versuchte, durch Bevorzugung K.’s Hasterer eifersüchtig zu machen. Es war nur Not, nicht Bosheit, wenn sie sich mit dem entblößten rundlichen fetten Rücken über den Tisch lehnte, ihr Gesicht K. näherte und ihn so zwingen wollte, aufzublicken. Sie erreichte damit nur, daß K. sich nächstens weigerte zu Hasterer zu gehn, und als er nach einiger Zeit doch wieder hinkam, war Helene endgiltig fortgeschickt; K. nahm das als selbstverständlich hin. Sie blieben an diesem Abend besonders lange beisammen, feierten auf Hasterers Anregung Bruderschaft und K. war auf dem Nachhauseweg vom Rauchen und Trinken fast ein wenig betäubt.

Gerade am nächsten Morgen machte der Direktor in der Bank im Laufe eines geschäftlichen Gespräches die Bemerkung, er glaube gestern abend K. gesehen zu haben. Wenn er sich nicht getäuscht habe, so sei K. Arm in Arm mit dem Staatsanwalt Hasterer gegangen. Der Direktor schien das so merkwürdig zu finden, daß er – allerdings entsprach dies auch seiner sonstigen Genauigkeit – die Kirche nannte, an deren Längsseite in der Nähe des Brunnens jene Begegnung stattgefunden habe. Hätte er eine Luftspiegelung beschreiben wollen, er hätte sich nicht anders ausdrücken können. K. erklärte ihm nun, daß der Staatsanwalt sein Freund sei und daß sie wirklich gestern abend an der Kirche vorübergegangen wären. Der Direktor lächelte erstaunt und forderte K. auf, sich zu setzen. Es war einer jener Augenblicke, wegen deren K. den Direktor so liebte, Augenblicke, in denen aus diesem schwachen kranken hüstelnden mit der verantwortungsvollsten Arbeit überlasteten Mann eine gewisse Sorge um K.’s Wohl und um seine Zukunft ans Licht kam, eine Sorge, die man allerdings nach Art anderer Beamten, die beim Direktor ähnliches erlebt hatten, kalt und äußerlich nennen konnte, die nichts war als ein gutes Mittel, wertvolle Beamte durch das Opfer von zwei Minuten für Jahre an sich zu fesseln – wie es auch sein mochte, K. unterlag dem Direktor in diesen Augenblicken. Vielleicht sprach auch der Direktor mit K. ein wenig anders als mit den andern, er vergaß nämlich nicht etwa seine übergeordnete Stellung, um auf diese Weise mit K. gemein zu werden – dies tat er vielmehr regelmäßig im gewöhnlichen geschäftlichen Verkehr – hier aber schien er gerade K.’s Stellung vergessen zu haben und sprach mit ihm wie mit einem Kind oder wie mit einem unwissenden jungen Menschen, der sich erst um eine Stellung bewirbt und aus irgendeinem unverständlichen Grunde das Wohlgefallen des Direktors erregt. K. hätte gewiß eine solche Redeweise weder von einem andern noch vom Direktor selbst geduldet, wenn ihm nicht die Fürsorge des Direktors wahrhaftig erschienen wäre oder wenn ihn nicht wenigstens die Möglichkeit dieser Fürsorge, wie sie sich ihm in solchen Augenblicken zeigte, vollständig bezaubert hätte. K. erkannte seine Schwäche; vielleicht hatte sie ihren Grund darin, daß in dieser Hinsicht wirklich noch etwas Kindisches in ihm war, da er die Fürsorge des eigenen Vaters, der sehr jung gestorben war, niemals erfahren hatte, bald von zuhause fortgekommen war und die Zärtlichkeit der Mutter, die halbblind noch draußen in dem unveränderlichen Städtchen lebte und die er zuletzt vor etwa zwei Jahren besucht hatte, immer eher abgelehnt als hervorgelockt hatte.

"Von dieser Freundschaft wußte ich gar nichts", sagte der Direktor und nur ein schwaches freundliches Lächeln milderte die Strenge dieser Worte.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi