URL: http://www.kafka.org/index.php?mandarf


2017/12/14 - 05:22

"Man darf nicht sagen:…" (1906)

Man darf nicht sagen: Nur die neue Vorstellung erweckt ästhetische Freude, sondern jede Vorstellung, die nicht in die Sphäre des Willens fällt, erweckt ästhetische Freude. Sagt man es aber doch dann würde es bedeuten nur eine neue Vorstellung können wir derart aufnehmen, daß unsere Willenssphäre nicht berührt wird, nun ist es aber sicher, daß es neue Vorstellungen gibt welche wir nicht ästhetisch werten, welchen Theil der neuen Vorstellungen werten wir also ästhetisch? Die Frage bleibt. b Es wäre nothwendig, die "ästhetische Apperception" einen bisher vielleicht nicht eingeführten Ausdruck ausführlicher oder eigentlich überhaupt zu erklären. Wie entsteht jenes Lustgefühl und worin besteht seine Eigenart, wodurch unterscheidet es sich von der Freude über eine neue Entdeckung oder über Nachrichten aus einem fremden Land oder Wissensgebiet. c Der hauptsächliche Beweis für die neue Ansicht ist eine allgemeine physiologische nicht nur ästhetische Thatsache und das ist die Ermüdung. Nun ergiebt sich einerseits aus Deinen vielen Einschränkungen des Begriffes "neu" daß eigentlich alles neu ist, denn da alle Gegenstände in immer wechselnder Zeit und Beleuchtung stehn und wir Zuschauer nicht anders, so müssen wir ihnen immer an einem andern Orte begegnen. Anderseits aber ermüden wir nicht nur beim Genießen der Kunst sondern auch beim Lernen und Bergsteigen und Mittagessen ohne daß wir sagen dürften, Kalbfleisch sei keine uns entsprechende Speise mehr, weil wir heute ihrer müde sind. Vor allem aber wäre es unrecht zu sagen, daß es nur dieses doppelte Verhältnis zur Kunst gebe. Lieber also: der Gegenstand schwebt über der ästhetischen Kante und Müdigkeit (die es eigentlich nur zur Liebhaberei der knapp vorhergehenden Zeit giebt), also: der Gegenstand hat das Gleichgewicht verloren undzwar im üblen Sinn. Und doch drängt Deine Folgerung zum Arrangieren dieses Gegensatzes, denn Apperception ist kein Zustand, sondern eine Bewegung also muß sie sich vollenden. Es entsteht ein wenig Lärm, dazwischen dieses bedrängte Lustgefühl, aber bald muß allesin seinen gehöhlten Lagern ruhen. d giebt es einen Unterschied zwischen ästhetischen und wissenschaftlichen Menschen. e Das Unsichere bleibt der Begriff "Apperception". So wie wir ihn kennen, ist es kein Begriff der Ästhetik. Vielleicht läßt es sich so darstellen. Wir sagen ich bin ein Mensch ganz ohne Ortsgefühl und komme nach Prag als einer fremden Stadt. Ich will Dir nun schreiben, kenne aber Deine Adresse nicht, ich frage Dich, Du sagst sie mir, ich appercipiere das und brauche Dich niemals mehr zu fragen, Deine Adresse ist für mich etwas "Altes", so appercipieren wir die Wissenschaft. Will ich Dich aber besuchen so muß ich bei jeder Ecke und Kreuzung immer, immer fragen, niemals werde ich die Passanten entbehren können, eine Apperception ist hier überhaupt unmöglich. Natürlich ist es möglich daß ich müde werde und ins Kaffeehaus eintrete, das am Wege liegt um mich dort auszuruhn und es ist auch möglich, daß ich den Besuch überhaupt aufgebe, deshalb aber habe ich immer noch nicht appercipiert. "So erklärt sich zwanglos..." das darf nicht wundern denn schon vom Anfang an wird vorgreifend alles gezwungen sich an die Apperception zu halten wie an ein Geländer. "Aus derselben Theorie erklärt.." das ist ein Kunststückchen. Auf diesen Satz folgt nämlich soweit ich es überblicke ihr einziger Beweis, den Du also zuerst und nicht als Folgerung erfahren mußtest. "Man hütet sich instinktiv – " der Satz ist ein Verräther


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi