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2017/12/14 - 09:00

"Im Dunkel der Gasse…" (II, 25)

Im Dunkel der Gasse unter den Bäumen an einem Herbstabend. Ich frage Dich, Du antwortest mir nicht. Wenn Du mir antworten würdest, wenn sich Deine Lippen öffneten, das tote Auge sich belebte und das Wort das mir bestimmt ist erklänge!

Seine Stellung war ihm nicht klar

Wiederholungen. Das Auffangen. Das Auffinden einer Methode.

Es waren sehr verschieden farbige Bäume. Eine Mücke

Es öffnete sich die Tür und es kam, gut im Saft, an den Seiten üppig gerundet, fußlos mit der ganzen Unterseite sich vorschiebend der grüne Drache ins Zimmer herein. Formelle Begrüßung. Ich bat ihn völlig einzutreten. Er bedauerte dies nicht tun zu können, da er zu lang sei. Die Tür mußte also offen bleiben, was recht peinlich war. Er lächelte halb verlegen, halb tückisch und begann:

Durch Deine Sehnsucht herangezogen, schiebe ich mich von weither heran, bin unten schon ganz wundgescheuert. Aber ich tue es gerne. Gerne komme ich, gerne biete ich mich Dir an.

In hartem Schlag strahlte das Licht herab, zerriß das nach allen Seiten sich flüchtende Gewebe, brannte unbarmherzig durch das übrigbleibende leere großmaschige Netz. Unten, wie ein ertapptes Tier zuckte die Erde und stand still. Einer im Bann des andern blickten sie einander an. Und der Dritte, scheuend die Begegnung wich zur Seite

Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens

Ein Halbmond, ein Ahornblatt, zwei Raketen

Als wir in die Stadt kamen war dort große Aufregung.

Von meinem Vater erbte ich nur eine kleine silberne Gewürzbüchse

Als der Kampf begann und fünf Schwerbewaffnete von der Böschung auf die Straße sprangen entschlüpfte ich unter dem Wagen durch und lief in der völligen Finsternis dem Walde zu

Es war nach dem Abendessen, wir saßen noch um den Tisch, der Vater weit zurückgelehnt in seinem Lehnstuhl, einem der größten Möbelstücke, das ich je gesehen hatte, rauchte die Pfeife, halbschlafend, die Mutter flickte eine meiner Hosen, war über ihre Arbeit gebeugt und achtete sonst auf nichts, und der Onkel, hochgestreckt, der Lampe zustrebend, den Zwicker auf der Nase, las die Zeitung. Ich hatte den ganzen Nachmittag auf der Gasse gespielt, erst nach dem Abendessen mich an eine Aufgabe erinnert, hatte auch Heft und Buch vorgenommen, war aber zu müde, hatte nur noch die Kraft den Heftumschlag mit Schlangenlinien zu verzieren, senkte mich immer tiefer und lag schon fast, von den Erwachsenen vergessen, über meinem Heft. Da kam Edgar, des Nachbars Junge, der eigentlich schon längst im Bett hätte sein sollen, völlig lautlos durch die Tür herein, durch die ich merkwürdigerweise nicht unser dunkles Vorzimmer, sondern den klaren Mond über der weiten Winterlandschaft sah. "Komm Hans", sagte Edgar, "der Lehrer wartet draußen im Schlitten. Wie willst Du denn die Aufgabe ohne die Hilfe des Lehrers machen?" "Will er mir denn helfen?" fragte ich. "Ja", sagte Edgar, "es ist die beste Gelegenheit, eben fährt er nach Kummerau, er ist äußerst wohlgelaunt wegen der Schlittenfahrt, er wird keine Bitte abschlagen. " "Werden es mir die Eltern erlauben~" Wirst sie doch nicht fragen

Es war eine sehr schwere Aufgabe und ich fürchtete sie nicht zustandezubringen. Auch war schon spät abends, viel zu spät hatte ich sie vorgenommen, den langen Nachmittag auf der Gasse verspielt, dem Vater, der mir vielleicht hätte helfen können das Versäumnis verschwiegen und nun schliefen alle und ich saß allein vor meinem Heft. "Wer wird mir jetzt helfen?" sagte ich leise. "Ich", sagte ein fremder Mann und ließ sich rechts von mir an der Schmalseite des Tisches langsam auf einem Sessel nieder, so wie bei meinem Vater, dem Advokaten, die Parteien sich an der Seite seines Schreibtisches niederducken, stützte den Elbogen auf den Tisch und streckte die Beine weit ins Zimmer. Ich hatte auffahren wollen, aber es war ja mein Lehrer; er freilich würde die Aufgabe, die er selbst gegeben hatte, am besten zu lösen verstehn. Und er nickte in Bestätigung dieser Meinung freundlich oder hochmütig oder ironisch, ich konnte es nicht enträtseln. Aber war es wirklich mein Lehrer? Er war es äußerlich und im Ganzen vollkommen, gieng man aber näher auf Einzelnheiten ein, wurde es fraglich. Er hatte z. B. meines Lehrers Bart, diesen steifen, schüttern, abstehenden, grauschwarzen, die Oberlippe und das ganze Kinn überwachsenden langen Bart. Beugte man sich aber zu ihm vor so hatte man den Eindruck der künstlichen Herrichtung und es schwächte den Verdacht nicht ab, daß der angebliche Lehrer sich mir entgegen beugte, von untenher den Bart mit der Hand stützte und ihn zur Untersuchung darbot.

Der Träume Herr, der große Isachar, saß vor dem Spiegel, den Rücken eng an dessen Fläche, den Kopf weit zurückgebeugt und tief in den Spiegel versenkt. Da kam Hermana, der Herr der Dämmerung, und tauchte in Isachars Brust, bis er ganz in ihr verschwand

In unserem Städtchen sind wir ganz unter uns, verloren im hohen Gebirge liegt es, fast unauffindbar. Nur ein schmaler Pfad führt zu uns herauf und selbst der ist oft unterbrochen durch kahles wegloses Gestein, nur Einheimische können ihn wiederfinden.

Als ich beichten sollte, wußte ich nichts zu sagen. Alle Sorgen waren vergangen, fröhlich, ruhig, ohne jedes Zittern der leuchtenden Sonnenflecken lag durch die halb offene Kirchentür gesehen der Platz. Ich brachte mir die Leiden der letzten Zeit in Erinnerung, ich wollte zu ihren bösen Wurzeln vordringen, es war unmöglich, ich erinnerte mich an keine Leiden und sie hatten keine Wurzeln in mir. Die Fragen des Beichtigers verstand ich kaum, ich verstand wohl die Worte, konnte aber, so sehr ich mich anstrengte, nicht den geringsten Bezug auf mich heraushören. Manche Fragen bat ich ihn zu wiederholen, aber es half nichts, sie waren nur wie scheinbare Bekannte hinsichtlich derer das Gedächtnis täuscht

Im Sturmwind, Narrheit der Blätter, schwere Tür, leichtes Klopfen gegen sie, Aufnehmen der Welt, Einführung der Gäste, großes Erstaunen, wie es plappert, sonderbarer Mund, Unmöglichkeit sich damit abzufinden, Arbeiten mit Rückblick, Hammerschlag auf Hammerschlag, kommen schon die Ingenieure? Nein, es gibt irgendeine Verzögerung, der Direktor bewirtet sie, es wird ein Hoch ausgebracht, die jungen Leute, dazwischen plätschert der Bach, ein alter Mann sieht zu, wie das lebt und duftet, aber habe die überirdische, die göttliche Jugend um das zu fühlen, erhabene Mücke die um die Tischlampe flattert, ja mein kleiner, mein winziger heuschreckenhafter, hochgezogen auf dem Stuhle hockender Tischgenosse,

Unser Direktor ist jung, es liegen große Pläne vor, immerfort treibt er uns an, grenzenlos ist die Zeit, die er darauf verwendet, und einer ist ihm so viel wert wie alle. Er ist fähig bei irgendeinem Kleinen Unbedeutenden, auf den kaum unser Blick gefallen ist, ganze Tage zu verbringen, er setzt sich mit ihm auf einen Sessel, er hält ihn umarmt, er legt sein Knie auf des andern Knie, er beschlagnahmt sein Ohr, niemandem sonst darf es mehr zugänglich sein, und nun beginnt er die Arbeit, die

Unser Chef hält sich vor dem Personal sehr zurück, es gibt ganze Tage, während welcher wir ihn gar nicht zu sehn bekommen, er ist dann im Bureau, welches zwar auch im Geschäftslokal ist, aber bis zur Manneshöhe Mattglas-Scheiben hat und nicht nur durch das Geschäft, sondern auch vom Hausflur her betreten werden kann. Es liegt wahrscheinlich keine besondere Absicht in dieser Zurückhaltung, auch fühlt er sich uns nicht fremd, es entspricht aber völlig seinem Wesen. Er hält es weder für nötig noch für nützlich das Personal zu besonderem Fleiße anzutreiben, wen nicht der eigene Verstand dazu führt das Beste zu leisten, der kann seiner Meinung nach kein guter Gehilfe sein, wird sich in einem ruhig geführten, die offen daliegenden Möglichkeiten, diese aber sämtlich ausnützenden Geschäft gar nicht erhalten können, ja wird seine Nicht-Hingehörigkeit selbst derart stark fühlen, daß er auf die Kündigung nicht warten, sondern selbst kündigen wird. Und dies wird sich so schnell vollziehn, daß es weder dem Geschäft noch dem Gehilfen größeren Schaden bringen wird. Nun ist ja ein derartiges Verhältnis in der Geschäftswelt gewiß nicht üblich, aber bei unserem Chef bewährt es sich offensichtlich

Ruhe zu bewahren; sehr weit abstehn von dem was die Leidenschaft will; die Strömung kennen und deshalb gegen den Strom schwimmen; aus Lust am Getragensein gegen den Strom schwimmen

Warst Du gestern in Monza? – Ja – War dort nicht Markt? – Ja.

Es ist ein kleiner Laden, aber es ist viel Leben darin, von der Gasse her hat er keinen Eingang, man muß durch den Flur gehn, einen kleinen Hof durchqueren, erst dann kommt man zu der Tür des Geschäftes, über der ein Täfelchen mit dem Namen des Ladeninhabers hängt. Es ist ein Wäschegeschäft, es wird dort fertige Wäsche verkauft, aber mehr noch unverarbeitetes Leinen. Nun ist es für einen Uneingeweihten, der zum erstenmal in den Laden kommt, völlig unglaublich, wie viel Wäsche und Leinen verkauft wird oder richtiger, da man ja einen Überblick über das Ergebnis des Handels nicht bekommt, in welchem Umfang und mit welchem Eifer gehandelt wird. Wie gesagt, gibt es keinen direkten Ladeneingang von der Gasse, aber nicht nur das, auch vom Hof her sieht man keinen Kunden kommen und doch ist der Laden voll von Menschen und immerfort neue sieht man und die alten verschwinden, man weiß nicht wohin. Es gibt zwar auch breite Wandregale, in der Hauptsache aber sind die Regale rings um Pfeiler angebracht, die das vielfache klein zerteilte Gewölbe tragen. Infolge dieser Anordnung weiß man von keiner Stelle aus genau wie viel Leute im Laden sind, immer wieder kommen um die Pfeiler herum neue hervor und das Nicken der Köpfe, die lebhaften Handbewegungen, das Trippeln der Füße im Gedränge, das Rauschen der zur Auswahl ausgebreiteten Ware, die endlosen Verhandlungen und Streitigkeiten, in welche sich, auch wenn sie nur einen Verkäufer und einen Kunden betreffen, immer der ganze Laden einzumischen scheint – dies alles vergrößert das Getriebe über die Wirklichkeit hinaus. In einer Ecke ist ein Holzverschlag, breit, aber nicht höher als daß sitzende Menschen in ihm Platz haben, das ist das Komptoir. Die Bretterwände sind offenbar sehr stark, die Tür ist winzig, Fenster anzubringen hat man vermieden, nur ein Guckfenster ist da, ist aber innen und außen verhängt – trotzallem aber ist es erstaunlich, daß in diesem Komptoir jemand bei dem Lärm draußen Ruhe zu schriftlichen Arbeiten findet. Manchmal wird die innen an der Tür hängende dunkle Portiere zurückgeschlagen, dann sieht man dort türausfüllend einen kleinen Kontorgehilfen stehn, die Feder hinterm Ohr, die Hand über den Augen, und neugierig oder auftragsgemäß den Wirrwarr im Laden betrachten. Es dauert aber nicht lange, schon schlüpft er zurück und läßt die Portiere derart schnell hinter sich niederfallen, daß man auch nicht den kleinsten Blick ins Innere des Komptoirs erhascht. Eine gewisse Verbindung besteht zwischen dem Komptoir und der Ladenkasse. Diese letztere ist knapp bei der Ladentüre angebracht und wird von einem jungen Mädchen verwaltet. Sie hat nicht so viel Arbeit, als es zuerst scheinen könnte. Nicht alle Leute zahlen bar, ja es zahlen die wenigsten so, es gibt offenbar noch andere Möglichkeiten der Verrechnung

Schlinge den Traum durch die Zweige des Baumes. Der Reigen der Kinder. Des hinabgebeugten Vaters Ermahnung. Den Holzscheit über dem Knie zu brechen. Halb ohnmächtig, blaß, an der Wand des Verschlages lehnen, zum Himmel als zur Rettung aufsehn. Eine Pfütze im Hof. Altes Gerümpel landwirtschaftlicher Geräte dahinter. Ein eilig und vielfach am Abhang sich windender Pfad. Es regnete zeitweilig, zeitweilig aber schien auch die Sonne. Eine Bulldogge sprang hervor, daß die Sargträger zurückwichen.

Lange schon, lange, wollte ich in jene Stadt. Es ist eine große belebte Stadt, viele tausende Menschen wohnen dort, jeder Fremde wird eingelassen. Verona.

Folgender militärischer Befehl wurde zwischen verwehten herbstlichen Blättern in der Allee gefunden, es ist unerforschlich von wem er stammt und an wen er gerichtet ist:

Heute Nacht beginnt der Angriff. Alles Bisherige, die Verteidigung, das Zurückweichen, die Flucht, die Zerstreuung

Durch die Allee eine unfertige Gestalt, der Fetzen eines Regenmantels, ein Bein, die vordere Krempe eines Hutes, flüchtig von Ort zu Ort wechselnder Regen

Die Freunde standen am Ufer. Der Mann der mich zum Schiff rudern sollte, hob meinen Koffer um ihn ins Boot zu tragen. Ich kannte den Mann seit vielen Jahren, immer ging er tief gebückt, irgendein Leiden verkrümmte so den sonst riesenhaft starken Mann.

Was stört Dich? Was reißt an Deines Herzens Halt? Was tastet um die Klinke Deiner Türe? Was ruft Dich von der Straße her und kommt doch nicht durch das offene Tor? Ach, es ist eben jener, den Du störst, an dessen Herzens Halt Du reißt, an dessen Tür Du um die Klinke tastest, den Du von der Straße her rufst und durch dessen offenes Tor Du nicht kommen willst.

Sie kamen durch das offene Tor und wir kamen ihnen entgegen. Wir tauschten neue Nachrichten aus. Wir sahen einander in die Augen.

Der Wagen war gänzlich unbrauchbar. Das rechte Vorderrad fehlte, infolgedessen war das rechte Hinterrad überlastet und verbogen, die Deichsel war zerbrochen, ein Stück von ihr lag auf dem Wagendach.

Man brachte uns ein kleines altes Wandschränkchen. Der Nachbar hatte es von einem entfernten Verwandten geerbt, als einziges Erbstück, hatte es auf verschiedene Weise zu öffnen versucht und hatte es schließlich, da es ihm nicht gelingen wollte, zu meinem Meister gebracht. Die Aufgabe war nicht leicht. Nicht nur daß kein Schlüssel vorhanden war, es war auch kein Schloß zu entdecken. Entweder war irgendwo ein geheimer Mechanismus, dessen Auslösung nur von einem in solchen Dingen sehr erfahrenen Mann gefunden werden konnte, oder der Schrank war überhaupt nicht zu öffnen sondern nur aufzubrechen, was allerdings höchst einfach zu bewerkstelligen gewesen wäre.

Eine Katze hatte eine Maus gefangen. "Was wirst Du nun machen?" fragte die Maus, "Du hast schreckliche Augen." "Ach", sagte die Katze, "solche Augen habe ich immer. Du wirst Dich daran gewöhnen. " "Ich werde lieber weggehn", sagte die Maus, "meine Kinder warten auf mich." "Deine Kinder warten?" sagte die Katze, "dann geh nur so schnell als möglich. Ich wollte Dich nur etwas fragen." "Dann frage bitte, es ist wirklich schon sehr spät.

Dieser alten Fahne Färbung. Die wir sie hoben, einmal.

Was umringte uns? Wir waren ganz umringt.

Herr Ohmberg, Lehrer an der Bürgerschule des Städtchens, empfing uns am Bahnhof. Er war der Obmann des Komitees, welches sich die Erschließung der Höhle zur Aufgabe gemacht hatte. Ein kleiner beweglicher mittelstarker Herr mit einem Spitzbart von gewissermaßen farblosem Blond. Kaum hielt der Zug stand Ohmberg schon an den Stufen unseres Waggons und kaum stieg der Erste von uns aus, hielt er schon eine kleine Ansprache. Er wollte offenbar gern alle üblichen Formalitäten erfüllen, die Wichtigkeit der Sache, die er vertrat, drückte aber durch ihr Gewicht alle Formalitäten zur Lächerlichkeit hinab.

Es fuhren die muntern Genossen den Fluß abwärts. Ein Sonntagsfischer. Unerreichbare Fülle des Lebens. Zerschlage sie! Holz im toten Wasser. Sehnsüchtig ziehende Wellen. Sehnsuchterregend

Laufen, Laufen. Blick aus einer Nebengasse. Hohe Häuser, eine noch viel höhere Kirche.

Das Charakteristische der Stadt ist ihre Leere. Der große Ringplatz z. B. ist immer leer. Die Elektrischen, die sich dort kreuzen sind immer leer. Laut, hell, befreit von der Notwendigkeit des Augenblicks klingt ihr Läuten. Der große Bazar der am Ringplatz beginnt und durch viele Häuser in eine weit entfernte Straße führt, ist immer leer. An den vielen im Freien stehenden Tischchen des Kaffeehauses, das zu beiden Seiten des Bazareinganges sich ausbreitet sitzt kein Gast. Das große Tor der alten Kirche in der Mitte des Platzes ist weit offen, aber niemand geht ein oder aus. Die Marmorstufen, die zum Tor emporführen, strahlen mit einer geradezu unbändigen Kraft das Sonnenlicht zurück, das auf sie fällt.

Es ist meine alte Heimatstadt und ich irre langsam, stockend durch ihre Gassen

Es ist wieder der alte Kampf mit dem alten Riesen. Freilich, er kämpft nicht, nur ich kämpfe, er legt sich nur auf mich wie ein Knecht auf den Wirtshaustisch, kreuzt die Arme oben auf meiner Brust und drückt sein Kinn auf seine Arme. Werde ich dieser Last standhalten können?

Durch die Nebel der Stadt. In einer engen Gasse, die auf einer Seite von einer epheuüberrankten Mauer gebildet wird.

Ich stehe vor meinem alten Lehrer. Er lächelt mir zu und sagt: Wie ist es denn? Solange ist es schon her, daß ich Dich aus meinem Unterricht entlassen habe. Hätte ich nicht ein unmenschlich starkes Gedächtnis für alle meine Schüler, ich hätte Dich nicht wiedererkannt. So aber erkenne ich Dich genau, ja, Du bist mein Schüler. Aber warum kommst Du wieder zurück?

Es ist meine alte Heimatstadt und ich bin wieder in sie zurückgekehrt. Ich bin ein wohlhabender Bürger und ich habe ein Haus mit der Aussicht auf den Fluß. Es ist ein altes zweistöckiges Haus mit zwei großen Höfen. Ich habe eine Wagenbauanstalt und in beiden Höfen wird den ganzen Tag gesägt und gehämmert. Aber in den Wohnzimmern die an der Vorderseite des Hauses liegen, ist davon nichts zu hören, dort ist tiefe Stille und der kleine Platz vor dem Hause, der rings geschlossen ist und nur nach dem Fluß sich öffnet, ist immer leer. In diesen Wohnzimmern, großen parkettierten von Vorhängen ein wenig verdunkelten Zimmern, stehen alte Möbel, in einen wattierten Schlafrock eingewickelt gehe ich gern zwischen ihnen umher.

Nichts davon, quer durch die Worte kommen Reste von Licht.

Der gestählte Körper begreift seine Aufgaben. Ich pflege das Tier mit wachsender Freude. Der Glanz der braunen Augen dankt mir. Wir sind einig.

Ich erkläre es hier deutlich: alles was über mich erzählt wird ist falsch, wenn es davon ausgeht, daß ich als erster Mensch der Seelenfreund eines Pferdes gewesen bin. Sonderbar ist es, daß diese ungeheuerliche Behauptung verbreitet und geglaubt wird, aber noch viel sonderbarer, daß man die Sache leicht nimmt, sie verbreitet und glaubt, aber mit kaum mehr als einem Kopfschütteln sie auf sich beruhen läßt. Hier liegt ein Geheimnis, das zu erforschen eigentlich verlockender wäre, als die Geringfügigkeit, die ich wirklich getan habe. Was ich getan habe, ist nur dieses: ich habe ein Jahr lang mit einem Pferde gelebt derart, wie etwa ein Mensch mit einem Mädchen, das er verehrt, von dem er aber abgewiesen wird, leben würde, wenn er äußerlich kein Hindernis hätte, um alles zu veranstalten, was ihn zu seinem Ziele bringen könnte. Ich habe also das Pferd Eleonor und mich in einen Stall gesperrt und habe diesen gemeinsamen Aufenthaltsort immer nur verlassen, um die Unterrichtsstunden zu geben, durch die ich die Unterhaltsmittel für uns beide verdiente. Leider waren dies immerhin fünf bis sechs Stunden täglich und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß dieser Zeitausfall den endgiltigen Mißerfolg aller meiner Mühen verschuldet hat, mögen sich das die Herren, die ich um Unterstützung meines Unternehmens vergeblich bat und die nur ein wenig Geld hätten hergeben sollen für etwas, für das ich mich so zu opfern bereit war, wie man ein Bündel Hafer opfert, das man zwischen die Mahlzähne eines Pferdes stopft, mögen sich das doch diese Herren wohl gesagt sein lassen.

Ein Sarg war fertiggestellt worden und der Tischler lud ihn auf den Handwagen, um ihn in das Sarggeschäft zu schaffen. Es war regnerisch, ein trüber Tag. Aus der Quergasse kam ein alter Herr heran, blieb vor dem Sarg stehn, strich mit dem Stock über ihn hin und begann mit dem Tischler ein kleines Gespräch über die Sargindustrie. Eine Frau mit einer Markttasche, die die Hauptgasse herab kam, stieß ein wenig gegen den Herrn, erkannte ihn dann als guten Bekannten und blieb auch für ein Weilchen stehn. Aus der Werkstatt trat der Gehilfe und hatte wegen seiner weiteren Arbeiten noch einige Fragen an den Meister zu richten. In einem Fenster über der Werkstatt erschien die Tischlersfrau mit ihrem Kleinsten auf dem Arm, der Tischler begann von der Gasse her den Kleinen ein wenig zu necken, auch der Herr und die Frau mit der Markttasche sahen lächelnd aufwärts. Ein Spatz, in dem Wahn hier etwas Eßbares zu finden, war auf den Sarg geflogen und hüpfte dort auf und ab. Ein Hund beschnupperte die Räder des Handwagens.

Da klopfte es plötzlich von innen stark gegen den Sargdeckel. Der Vogel flog auf und kreiste ängstlich über dem Wagen. Der Hund bellte wild, er war der aufgeregteste unter allen, so als wäre es seine Pflicht gewesen, das Ereignis vorherzusagen und als sei er verzweifelt über seine Pflichtversäumnis. Der Herr und die Frau waren zur Seite gesprungen und warteten mit ausgebreiteten Händen. Der Gehilfe hatte sich in einem plötzlichen Entschluß auf den Sarg geschwungen und saß schon oben, dieser Sitz erschien ihm weniger schrecklich, als die Möglichkeit daß der Sarg sich öffne und der Klopfer hervorsteige. Übrigens bereute er vielleicht schon die voreilige Tat, nun aber da er oben war wagte er nicht herunterzusteigen und alle Mühe des Meisters ihn herunterzutreiben war vergeblich. Die Frau oben im Fenster, die das Klopfen wahrscheinlich auch gehört hatte, aber nicht hatte beurteilen können woher es kam und jedenfalls nicht auf den Gedanken verfallen war, es könnte aus dem Sarge kommen, verstand nichts von den Vorgängen unten und sah erstaunt zu. Ein Schutzmann, von einem unbestimmten Verlangen angezogen, von einer unbestimmten Angst abgehalten, schlenderte zögernd heran.

Da wurde der Deckel mit solcher Kraft aufgestoßen daß der Gehilfe zur Seite glitt, ein kurzer gemeinsamer Aufschrei aller ringsherum erfolgte, die Frau im Fenster verschwand, offenbar raste sie mit dem Kind die Treppe herab. In dem Sarg fest eingepreßt

Suche ihn mit spitzer Feder, den Kopf kräftig, fest auf dem Halse sich umschauend, ruhig von Deinem Sitz. Du bist ein treuer Diener, innerhalb der Grenzen Deiner Stellung angesehn, innerhalb der Grenzen Deiner Stellung ein Herr, mächtig sind Deine Schenkel, weit die Brust, leicht geneigt der Hals wenn Du mit der Suche beginnst. Von weit her bist Du sichtbar, wie der Kirchturm eines Dorfes, auf Feldwegen von weither über Hügel und Täler streben Dir einzelne zu.

Es ist die Nahrung von der ich gedeihe. Auserlesene Speisen auserlesen gekocht. Aus dem Fenster meines Hauses sehe ich die Zuträger der Nahrungsmittel, eine lange Reihe, oft stockt sie, dann drückt jeder seinen Korb an sich, um ihn vor Schaden zu behüten. Auch zu mir schauen sie empor, freundlich, manche entzückt.

Es ist die Nahrung von der ich gedeihe. Es ist der süße Saft, der emporsteigt von meiner jungen Wurzel.

Aufgesprungen vom Tisch, den Becher noch in der Hand, so jage ich hinter dem Feind, der mir gegenüber aufgetaucht ist, unter dem Tisch hervor.

Im Trott des Wegs, aus Schwäche den Blick

Als er ausbrach, in den Wald kam und dort verloren ging

Als er ausbrach, war es Abend. Nun, das Haus lag ja am Wald. Ein Stadthaus, regelrecht städtisch gebaut, einstöckig, mit einem Erker nach städtischem oder vorstädtischem Geschmack, mit einem kleinen vergitterten Vorgärtchen, mit feinen durchbrochenen Vorhängen hinter den Fenstern, ein Stadthaus und lag doch einsam weit und breit. Und es war ein Winterabend und sehr kalt war es hier im freien Feld. Aber es war doch kein freies Feld, sondern städtischer Verkehr, denn um die Ecke bog ein Wagen der Elektrischen, aber es war doch nicht in der Stadt, denn der Wagen fuhr nicht, sondern stand seit jeher dort, immer in dieser Stellung, als biege er um die Ecke. Und er war seit jeher leer und gar kein Wagen der Elektrischen, ein Wagen auf vier Rädern war es und in dem durch die Nebel unbestimmt sich ausgießenden Mondlicht konnte er an alles erinnern. Und städtisches Pflaster war hier, pflasterartig war der Boden gestrichelt, ein musterhaft ebenes Pflaster, aber es waren nur die dämmerhaften Schatten der Bäume, die sich über die verschneite Landstraße legten

Es ist wie man will, rührend oder erschreckend oder abscheulich, wie sich der junge Borcher anstrengt in mein Haus zu kommen. Verrückt war er ja immer, untauglich zu jeder Arbeit, von seiner Familie aufgegeben und nur notdürftig ernährt trieb er sich den ganzen Tag umher, am liebsten im Moor. Manchmal lag er tage- und nächtelang zuhause in einem Winkel, dann blieb er wieder viele Nächte aus.

Ich leide in der letzten Zeit unter den Belästigungen des Dorfnarren. Närrisch war er seit jeher, nur betraf es mich nicht mehr als jeden andern

Wieder brütet es unten an der Gartentür. Ich blicke durchs Fenster. Natürlich, wieder er,

Willst Du in eine fremde Familie eingeführt werden, suchst Du einen gemeinsamen Bekannten und bittest ihn um die Gefälligkeit. Findest Du keinen, geduldest Du Dich und wartest auf eine günstige Gelegenheit. In dem kleinen Ort, in dem wir leben, kann es ja daran nicht fehlen. Findet sich die Gelegenheit nicht heute, findet sie sich morgen gewiß. Und findet sie sich nicht, wirst Du deshalb nicht an den Säulen der Welt rütteln. Erträgt es die Familie, Dich entbehren zu müssen, erträgst Du es zumindest nicht schlechter.

Das ist alles selbstverständlich, nur K. versteht es nicht. Er hat es sich in der letzten Zeit in den Kopf gesetzt, in die Familie unseres Gutsherrn einzudringen, versucht es aber nicht auf den gesellschaftlichen Wegen, sondern ganz geradeaus. Vielleicht scheint ihm der übliche Weg zu langwierig und das ist richtig, aber der Weg, den er zu gehn versucht, ist ja unmöglich. Dabei übertreibe ich nicht die Bedeutung unseres Gutsherrn. Ein verständiger, fleißiger, ehrbarer Mann, aber auch nichts weiter. Was will K. von ihm? Will er eine Anstellung auf dem Gute? Nein, das will er nicht, er selbst ist wohlhabend und führt ein sorgenloses Leben. Liebt er des Gutsbesitzers Tochter Nein, nein von diesem Verdacht ist er frei

Das Wohnungsamt mischte sich ein, es gab so viele amtliche Verordnungen, eine davon hatten wir vernachlässigt, es zeigte sich, daß ein Zimmer von unserer Wohnung an Untermieter abgegeben werden mußte, der Fall war zwar nicht ganz klar und wenn wir früher das fragliche Zimmer beim Amt angemeldet und gleichzeitig unsere Einwände gegen eine Vermietungspflicht vorgebracht hätten, wäre unsere Sache genug aussichtsreich gewesen, nun aber fiel uns eine Vernachlässigung amtlicher Vorschriften zur Last und die Strafe dafür war, daß wir gegen die Anordnungen des Amtes keine Berufung mehr erheben konnten. Ein unangenehmer Fall. Umso unangenehmer als das Amt nun auch die Möglichkeit hatte, uns einen Mieter nach seinem Belieben zuzuteilen. Doch hofften wir wenigstens dagegen noch etwas unternehmen zu können. Ich habe einen Neffen, der an der hiesigen Universität Jura studiert, seine Eltern, an und für sich nahe, in Wirklichkeit sehr entfernte Verwandte, leben in einem Landstädtchen, ich kenne sie kaum. Als der Junge in die Hauptstadt kam, stellte er sich uns vor, ein schwacher, ängstlicher, kurzsichtiger Junge mit gebeugtem Rücken und unangenehm verlegenen Bewegungen und Redensarten. Sein Kern mag ja ausgezeichnet sein, aber wir haben nicht Zeit und Lust bis dorthin vorzudringen, ein solcher Junge, ein solches langstieliges, zitterndes Pflänzchen würde unendliche Beobachtung und Pflege erfordern, das können wir nicht leisten, dann aber ist es besser, gar nichts zu tun und sich einen solchen Jungen fern vom Leib zu halten. Ein wenig unterstützen können wir ihn, mit Geld und Empfehlungen, das haben wir getan, sonst aber haben wir es zu weitern unnützen Besuchen nicht mehr kommen lassen. Nun aber angesichts der Zuschrift des Amtes haben wir uns des Jungen erinnert. Er wohnt irgendwo in einem nördlichen Bezirk, gewiß recht kläglich und sein Essen reicht gewiß kaum hin dieses lebensuntüchtige Körperchen aufrecht zu erhalten. Wie wäre es, wenn wir ihn zu uns herüberbrächten? Nicht nur aus Mitleid, aus Mitleid hätten wir es schon längst tun können und vielleicht sollen, nicht nur aus Mitleid, aber es soll uns auch nicht unter den zweifellosen Verdiensten angerechnet werden, wir wären schon reichlich belohnt wenn uns unser kleiner Neffe im letzten Augenblick vor dem Diktat des Wohnungsamtes, vor dem Eindringen irgendeines beliebigen, irgendeines auf seinem Schein bestehenden, wildfremden Mieters bewahrte. Soweit wir uns aber erkundigt haben, wäre dies recht gut möglich. Wenn man dem Wohnungsamt einen armen Studenten als schon vorhandenen Inwohner entgegenhalten könnte, wenn man nachweisen könnte, daß dieser Student durch Verlust dieses Zimmers nicht nur ein Zimmer, sondern fast seine Existenzmöglichkeit verliert, wenn man schließlich (der Neffe wird seine Mithilfe bei diesem kleinen Manöver nicht verweigern, dafür wollen wir sorgen) glaubhaft machen könnte, daß er wenigstens zeitweilig in diesem Zimmer schon früher gewohnt hat und nur während der allerdings langen Zeit der Prüfungsvorbereitung bei seinen Eltern auf dem Lande war – wenn alles dies gelingt, dann haben wir kaum etwas zu fürchten. Zuerst freilich müssen wir den Neffen holen, doch macht das wenig Mühe, mit dem Auto, in dem wir den Jungen, der kaum weiß wie ihm geschieht zwischen

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes unbrauchbares Gerät in einander verfahren verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch einmal im Spiel um eine Stange gewunden hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist Dir heimlich, fühlst Du Dich zuhause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so daß ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer der sein Geheimnis wahren will.

Frische Fülle. Quellende Wasser. Stürmisches, friedliches, hohes, sich ausbreitendes Wachsen. Glückselige Oase. Morgen nach durchtobter Nacht. Mit dem Himmel Brust an Brust. Friede, Versöhnung, Versinkung.

Schöpferisch. Schreite! Komme des Weges daher! Stehe mir Rede! Stelle mich zur Rede. Urteile! töte!

Er singt im Chor. – Wir lachten viel. Wir waren jung, der Tag war schön, die hohen Fenster des Korridors führten auf einen unübersehbaren blühenden Garten. Wir lehnten in den offenen, den Blick und uns selbst ins Weite tragenden Fenstern. Manchmal sagte der hinter uns auf und ab gehende Diener ein Wort, das uns zur Ruhe mahnen sollte. Wir sahen ihn kaum, wir verstanden ihn kaum, nur an seinen auf den steinernen Fliesen tönenden Schritt erinnere ich mich, an den von Ferne warnenden Klang.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi