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2017/12/14 - 08:51

Das Haus

Ohne zunächst eine bestimmte Absicht damit zu verbinden, hatte K. bei verschiedenen Gelegenheiten in Erfahrung zu bringen gesucht, wo das Amt seinen Sitz habe, von welchem aus die erste Anzeige in seiner Sache erfolgt war. Er erfuhr es ohne Schwierigkeiten, sowohl Titorelli als auch Wolfhart nannten ihm auf die erste Frage hin die genaue Nummer des Hauses. Später vervollständigte Titorelli mit einem Lächeln, das er immer für geheime ihm nicht zur Begutachtung vorgelegte Pläne bereit hatte, die Auskunft dadurch, daß er behauptete, gerade dieses Amt habe nicht die geringste Bedeutung, es spreche nur aus, was ihm aufgetragen werde und sei nur das äußerste Organ der großen Anklagebehörde selbst, die allerdings für Parteien unzugänglich sei. Wenn man also etwas von der Anklagebehörde wünsche – es gäbe natürlich immer viele Wünsche, aber es sei nicht immer klug, sie auszusprechen – dann müsse man sich allerdings an das genannte untergeordnete Amt wenden, doch werde man dadurch weder selbst zur eigentlichen Anklagebehörde dringen, noch seinen Wunsch jemals dorthin leiten.

K. kannte schon das Wesen des Malers, er widersprach deshalb nicht, erkundigte sich auch nicht weiter sondern nickte nur und nahm das Gesagte zur Kenntnis. Wieder schien ihm wie schon öfters in der letzten Zeit, daß Titorelli soweit es auf Quälerei ankam, den Advokaten reichlich ersetzte. Der Unterschied bestand nur darin, daß K. Titorelli nicht so preisgegeben war und ihn, wann es ihm beliebte, ohne Umstände hätte abschütteln können, daß ferner Titorelli überaus mitteilsam, ja geschwätzig war wenn auch früher mehr als jetzt und daß schließlich K. sehr wohl auch seinerseits Titorelli quälen konnte.

Und das tat er auch in dieser Sache, sprach öfters von jenem Haus in einem Ton, als verschweige er Titorelli etwas, als habe er Beziehungen mit jenem Amte angeknüpft, als seien sie aber noch nicht so weit gediehn, um ohne Gefahr bekannt gemacht werden zu können, suchte ihn dann aber Titorelli zu nähern Angaben zu drängen, lenkte K. plötzlich ab und sprach lange nicht mehr davon. Er hatte Freude von solchen kleinen Erfolgen, er glaubte dann, nun verstehe er schon viel besser diese Leute aus der Umgebung des Gerichts, nun könne er schon mit ihnen spielen, rücke fast selbst unter sie ein, bekomme wenigstens für Augenblicke die bessere Übersicht, welche ihnen gewissermaßen die erste Stufe des Gerichtes ermöglichte, auf der sie standen. Was machte es, wenn er seine Stellung hier unten doch endlich verlieren sollte? Dort war auch dann noch eine Möglichkeit der Rettung, er mußte nur in die Reihen dieser Leute schlüpfen, hatten sie ihm infolge ihrer Niedrigkeit oder aus andern Gründen in seinem Processe nicht helfen können, so konnten sie ihn doch aufnehmen und verstecken, ja sie konnten sich, wenn er alles genügend überlegt und geheim ausführte, gar nicht dagegen wehren, ihm auf diese Weise zu dienen, besonders Titorelli nicht, dessen naher Bekannter und Wohltäter er doch jetzt geworden war.

Von solchen und ähnlichen Hoffnungen nährte sich K. nicht etwa täglich, im allgemeinen unterschied er noch genau und hütete sich irgendeine Schwierigkeit zu übersehn oder zu überspringen, aber manchmal – meistens waren es Zustände vollständiger Erschöpfung am Abend nach der Arbeit – nahm er Trost aus den geringsten und überdies vieldeutigsten Vorfällen des Tages. Gewöhnlich lag er dann auf dem Kanapee seines Bureaus – er konnte sein Bureau nicht mehr verlassen, ohne eine Stunde lang auf dem Kanapee sich zu erholen – und fügte in Gedanken Beobachtung an Beobachtung. Er beschränkte sich nicht peinlich auf die Leute, welche mit dem Gericht zusammenhingen, hier im Halbschlaf mischten sich alle, er vergaß dann an die große Arbeit des Gerichtes, ihm war als sei er der einzige Angeklagte und alle andern giengen durcheinander wie Beamte und Juristen auf den Gängen eines Gerichtsgebäudes, noch die stumpfsinnigsten hatten das Kinn zur Brust gesenkt, die Lippen aufgestülpt und den starren Blick verantwortungsvollen Nachdenkens. Immer traten dann als geschlossene Gruppe die Mieter der Frau Grubach auf, sie standen beisammen Kopf an Kopf mit offenen Mäulern wie ein anklagender Chor. Es waren viele Unbekannte unter ihnen, denn K. kümmerte sich schon seit langem um die Angelegenheiten der Pension nicht im Geringsten. Infolge der vielen Unbekannten machte es ihm aber Unbehagen sich näher mit der Gruppe abzugeben, was er aber manchmal tun mußte, wenn er dort Fräulein Bürstner suchte. Er überflog z. B. die Gruppe und plötzlich glänzten ihm zwei gänzlich fremde Augen entgegen und hielten ihn auf. Er fand dann Fräulein Bürstner nicht, aber als er dann, um jeden Irrtum zu vermeiden nochmals suchte, fand er sie gerade in der Mitte der Gruppe, die Arme um zwei Herren gelegt, die ihr zur Seite standen. Es machte unendlich wenig Eindruck auf ihn, besonders deshalb da dieser Anblick nichts neues war, sondern nur die unauslöschliche Erinnerung an eine Photographie vom Badestrand, die er einmal in Fräulein Bürstners Zimmer gesehen hatte. Immerhin trieb dieser Anblick K. von der Gruppe weg und wenn er auch noch öfters hierher zurückkehrte so durcheilte er nun mit langen Schritten das Gerichtsgebäude kreuz und quer. Er kannte sich immer sehr gut in allen Räumen aus, verlorene Gänge, die er nie gesehen haben konnte, erschienen ihm vertraut, als wären sie seine Wohnung seit jeher, Einzelheiten drückten sich ihm mit schmerzlichster Deutlichkeit immer wieder ins Hirn, ein Ausländer z. B. spazierte in einem Vorsaal, er war gekleidet ähnlich einem Stierfechter, die Taille war eingeschnitten wie mit Messern, sein ganz kurzes ihn steif umgebendes Röckchen bestand aus gelblichen grobfädigen Spitzen und dieser Mann ließ sich, ohne sein Spazierengehn einen Augenblick einzustellen, unaufhörlich von K. bestaunen. Gebückt umschlich ihn K. und staunte ihn mit angestrengt aufgerissenen Augen an. Er kannte alle Zeichnungen der Spitzen, alle fehlerhaften Fransen, alle Schwingungen des Röckchens und hatte sich doch nicht sattgesehn. Oder vielmehr er hatte sich schon längst sattgesehn oder noch richtiger er hatte es niemals ansehen wollen aber es ließ ihn nicht. "Was für Maskeraden bietet das Ausland!" dachte er und riß die Augen noch stärker auf. Und im Gefolge dieses Mannes blieb er bis er sich auf dem Kanapee herumwarf und das Gesicht ins Leder drückte.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi