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2017/10/23 - 15:14

Heft 12

15 Sept. 17 Du hast soweit diese Möglichkeit überhaupt besteht, die Möglichkeit einen Anfang zu machen. Verschwende sie nicht. Du wirst den Schmutz, der aus Dir aufschwemmt, nicht vermeiden können, wenn Du eindringen willst. Wälze Dich aber nicht darin. Ist die Lungenwunde nur ein Sinnbild, wie Du behauptest, Sinnbild der Wunde, deren Entzündung Felice und deren Tiefe Rechtfertigung heißt, ist dies so, dann sind auch die ärztlichen Ratschläge (Licht Luft Sonne Ruhe) Sinnbild. Fasse dieses Sinnbild an.

O schöne Stunde, meisterhafte Fassung, verwilderter Garten. Du biegst aus dem Haus und auf dem Gartenweg treibt Dir entgegen die Göttin des Glücks

Majestätische Erscheinung, Fürst des Reiches

Bulldoggen, fünf,

Phillipp, Franz, Adolf Isidor und Max

Nicht so

Der Dorfplatz hingegeben der Nacht. Die Weisheit der Kleinen. Vorherrschaft der Tiere. Die Frauen – Kühe mit äußerster Selbstverständlichkeit über den Platz ziehend. Mein Sopha über dem Land.

18. IX (1917) Alles zerreißen.

19. (September 1917) Statt Telegramm: "Sehr willkommen Station Michelob Befinden ausgezeichnet Franz Ottla" welches Marenka zweimal nach Flöhau trug ohne es angeblich aufgeben zu können, weil das Postamt kurz vor ihrer Ankunft geschlossen worden war, habe ich einen Abschiedsbrief geschrieben und schon wieder stark beginnende Qualen mit einem Mal unterdrückt. Abschiedsbrief allerdings mehrdeutig, wie meine Meinung

Es ist das Alter der Wunde, mehr als ihre Tiefe und Wucherung, das ihre Schmerzhaftigkeit ausmacht. Immer wieder im gleichen Wundkanal aufgerissen werden, die zahllos operierte Wunde wieder in Behandlung genommen sehn, das ist das Arge.

Das zerbrechliche launische nichtige Wesen – ein Telegramm wirfts hin, ein Brief richtet es auf, belebt es, die Stille nach dem Brief macht es stumpf

Das Spiel der Katze mit den Ziegen. Die Ziegen sind ähnlich: polnischen Juden, Onkel Siegfried, Ernst Weiß, Irma

Verschiedenartige aber ähnlich strenge Unzugänglichkeit des Schaffers Hermann (der heute ohne Nachtmahl und Gruß weggegangen ist; die Frage ist, ob er morgen kommt) des Fräuleins, der Marenka. Im Grunde ihnen gegenüber beengt, wie vor den Tieren im Stall, wenn man sie zu etwas auffordert und sie erstaunlicher Weise folgen. Der Fall ist hier nur deshalb schwieriger, weil sie augenblicksweise so oft zugänglich und ganz verständlich scheinen.

Mir immer unbegreiflich, daß es jedem fast, der schreiben kann, möglich ist, im Schmerz den Schmerz zu objektivieren, so daß ich z. B. im Unglück, vielleicht noch mit dem brennenden Unglückskopf mich setzen und jemandem schriftlich mitteilen kann: Ich bin unglücklich. Ja, ich kann noch darüber hinausgehn und in verschiedenen Schnörkeln je nach Begabung, die mit dem Unglück nichts zu tun zu haben scheint, darüber einfach oder antithetisch oder mit ganzen Orchestern von Associationen phantasieren. Und es ist gar nicht Lüge und stillt den Schmerz nicht, ist einfach gnadenweiser Überschuß der Kräfte in einem Augenblick, in dem der Schmerz doch sichtbar alle meine Kräfte bis zum Boden meines Wesens, den er aufkratzt, verbraucht hat. Was für ein Überschuß ist es also

Gestriger Brief an Max. Lügnerisch, eitel, komödiantisch.

Eine Woche in Zürau.

Im Frieden kommst Du nicht vorwärts, im Krieg verblutest Du.

Traum von Werfel: Er erzählte, er habe in Niederösterreich wo er sich jetzt aufhält, zufällig auf der Gasse einen Mann ein wenig gestoßen, worauf dieser ihn schauerlich ausschimpfte. Die einzelnen Worte habe ich vergessen, ich weiß nur, daß "Barbare" drin vorkam (vom Weltkrieg her) und daß es endete mit "Sie proletarischer Turch." Eine interessante Bildung: Turch Dialektwort für Türke, "Türke" Schimpfwort offenbar noch aus der Tradition der alten Türken-Kriege und Wien-Belagerungen und zu dem das neue Schimpfwort "proletarisch". Charakterisiert gut die Einfältigkeit und Rückständigkeit des Schimpfers, da heute weder "proletarisch" noch "Türke" eigentliche Schimpfwörter sind.

21. (September 1917) Felice war hier, fährt um mich zu sehn 30 Stunden, ich hätte es verhindern müssen. So wie ich es mir vorstelle, trägt sie, wesentlich durch meine Schuld, ein Äußerstes an Unglück. Ich selbst weiß mich nicht zu fassen, bin gänzlich gefühllos, ebenso hilflos, denke an die Störung einiger meiner Bequemlichkeiten und spiele als einziges Zugeständnis etwas Komödie. In Kleinigkeiten hat sie Unrecht, Unrecht in der Verteidigung ihres angeblichen oder auch wirklichen Rechtes, im Ganzen aber ist sie eine unschuldig zu schwerer Folter Verurteilte; ich habe das Unrecht getan, wegen dessen sie gefoltert wird und bediene außerdem das Folterinstrument. – Mit ihrer Abfahrt (der Wagen mit ihr und Ottla umfährt den Teich, ich schneide geradeaus den Weg ab und komme ihr noch einmal nahe) und einem Kopfschmerz (Erdenrest des Komödianten) endet der Tag.

Traum vom Vater. – Es ist eine kleine Zuhörerschaft (Frau Fanta zur Charakterisierung darunter) vor welcher der Vater eine sociale Reformidee zum erstenmal der Öffentlichkeit mitteilt. Es handelt sich ihm darum, daß diese ausgewählte, insbesondere seiner Meinung nach ausgewählte Zuhörerschaft die Propaganda für die Idee übernimmt. Äußerlich drückt er dies viel bescheidener aus, indem er von der Gesellschaft nur verlangt, sie möge ihm nachher, bis sie alles kennen gelernt hat, Adressen von Personen mitteilen, die sich für sie interessieren und daher zu einer großen öffentlichen Versammlung, die nächstens stattfinden soll eingeladen werden könnten. Mein Vater hat mit allen diesen Leuten noch niemals etwas zu tun gehabt, infolgedessen nimmt er sie übertrieben ernst, hat sich auch ein schwarzes Jakettkleid angezogen und trägt die Idee äußerst genau, mit allen Zeichen des Diletantismus vor. Die Gesellschaft erkennt, trotzdem sie auf einen Vortrag gar nicht vorbereitet war, sofort, daß hier nur eine alte verbrauchte, längst durchgesprochene Idee mit allem Stolz der Originalität vorgebracht wird. Man läßt es den Vater fühlen. Dieser aber hat den Einwand erwartet, aber mit großartiger Überzeugung von der Nichtigkeit dieses Einwands, der ihn selbst aber schon öfters versucht zu haben scheint, trägt er seine Sache mit einem feinen bittern Lächeln noch nachdrücklicher vor. Als er geendet hat, hört man aus dem allgemeinen verdrießlichen Gemurmel, daß er weder von der Originalität noch der Brauchbarkeit seiner Idee überzeugt hat. Es werden sich nicht viele dafür interessieren. Immerhin findet sich hie und da jemand der ihm aus Gutmütigkeit und vielleicht weil er mit mir bekannt ist, einige Adressen angibt. Mein Vater, gänzlich unbeirrt von der allgemeinen Stimmung hat die Vortragspapiere abgeräumt und vorbereitete Häufchen weißer Zettel vorgenommen, um die wenigen Adressen zu notieren. Ich höre nur den Namen eines Hofrates Strizanowski oder ähnlich – Später sehe ich den Vater in der Art wie er mit Felix spielt, auf dem Boden sitzen und sich ans Kanapee lehnen. Erschrocken frage ich ihn was er macht. Er denkt über seine Idee nach.

22 (September 1917) Nichts.

25. (September 1917)

Weg zum Wald. Zerstört hast Du alles, ohne es eigentlich besessen zu haben. Wie willst Du es wieder zusammenfügen? Was für Kräfte bleiben noch dem schweifenden Geist zu dieser größten Arbeit?

"Das neue Geschlecht" von Tagger, elend, großmäulig, beweglich, erfahren, stellenweise gut geschrieben, mit leisen Schauern von Dilettantismus. Was für Recht hat er aufzutrumpfen? Ist im Grunde so elend wie ich und alle.

Nicht durchaus frevelhaft, als Tuberkulöser Kinder zu haben. Flauberts Vater tuberkulös. Wahl: Entweder geht dem Kind die Lunge flöten (sehr schöner Ausdruck für die Musik, um derentwillen der Arzt das Ohr an die Brust legt) oder es wird Flaubert. Zittern des Vaters während im Leeren darüber beraten wird.

Zeitweilige Befriedigung kann ich von Arbeiten wie "Landarzt" noch haben, vorausgesetzt daß mir etwas derartiges noch gelingt (sehr unwahrscheinlich) Glück aber nur, falls ich die Welt ins Reine, Wahre, Unveränderliche heben kann.

Die Peitschen mit denen wir einander hauen, haben gut Knoten angesetzt in den 5 Jahren.

28 (September 1917) Grundriß der Gespräche mit F.

Ich: So weit habe ich es also gebracht

F. So weit habe ich es gebracht

I. So weit habe ich Dich gebracht

F. Das ist wahr

Dem Tod also würde ich mich anvertrauen. Rest eines Glaubens. Rückkehr zum Vater. Großer Versöhnungstag.

An einem Brief an F., vielleicht dem letzten (1 Okt)

Wenn ich mich auf mein Endziel hin prüfe, so ergibt sich, daß ich nicht eigentlich danach strebe ein guter Mensch zu werden und einem höchsten Gericht zu entsprechen, sondern, sehr gegensätzlich, die ganze Menschen- und Tiergemeinschaft zu überblicken, ihre grundlegenden Vorlieben, Wünsche, sittlichen Ideale zu erkennen, sie auf einfache Vorschriften zurückzuführen und mich in ihrer Richtung möglichst bald dahin zu entwickeln, daß ich durchaus allen wohlgefällig würde undzwar (hier kommt der Sprung) so wohlgefällig, daß ich, ohne die allgemeine Liebe zu verlieren, schließlich, als der einzige Sünder, der nicht gebraten wird, die mir innewohnenden Gemeinheiten, offen, vor aller Augen ausführen dürfte. Zusammengefaßt kommt es mir also nur auf das Menschengericht an und dieses will ich überdies betrügen, allerdings ohne Betrug.

8. (Oktober 1917) Inzwischen: Klagebriefe Felicens, G. B. droht mit einem Brief, trostloser Zustand (courbature), Füttern der Ziegen, von Mäusen durchlochtes Feld, Kartoffelklauben ("Wie der Wind uns in den Arsch bläst") Hagebuttenpflücken, Bauer Feigl (7 Mädchen, eine klein, süßer Blick, weißes Kaninchen über der Achsel) im Zimmer Bild "Kaiser F. J. in der Kapuzinergruft", Bauer Kunz (mächtig, überlegene Erzählung der Weltgeschichte seiner Wirtschaft, aber freundlich und gut) Allgemeiner Eindruck der Bauern: Edelmänner, die sich in die Landwirtschaft gerettet haben, wo sie ihre Arbeit so weise und demütig eingerichtet haben, daß sie sich lückenlos ins Ganze fügt und sie vor jeder Schwankung und Seekrankheit bewahrt werden bis zu ihrem seligen Sterben. Wirkliche Erdenbürger. – Die Burschen, welche am Abend der fliehenden verstreuten Rinderherde über die weiten Felder auf der Höhe nacheilen und dabei einen jungen gefesselten Stier, der sich zu folgen weigert, immer wieder herumreißen müssen. – Dickens Copperfield ("Der Heizer" glatte Dickensnachahmung, noch mehr der geplante Roman. Koffergeschichte, der Beglückende und Bezaubernde, die niedrigen Arbeiten, die Geliebte auf dem Landgut die schmutzigen Häuser u. a. vor allem aber die Methode. Meine Absicht war wie ich jetzt sehe einen Dickensroman zu schreiben, nur bereichert um die schärferen Lichter, die ich der Zeit entnommen und die mattern, die ich aus mir selbst aufgesteckt hätte. Dickens’ Reichtum und bedenkenloses mächtiges Hinströmen, aber infolgedessen Stellen grauenhafter Kraftlosigkeit, wo er müde nur das bereits Erreichte durcheinanderrührt. Barbarisch der Eindruck des unsinnigen Ganzen, ein Barbarentum, das allerdings ich dank meiner Schwäche und belehrt durch mein Epigonentum vermieden habe. Herzlosigkeit hinter der von Gefühl überströmenden Manier. Diese Klötze roher Charakterisierung die künstlich bei jedem Menschen eingetrieben werden und ohne die Dickens nicht imstande wäre, seine Geschichte auch nur einmal flüchtig hinaufzuklettern. Walsers Zusammenhang mit ihm in der verschwimmenden Anwendung von abstrakten Metaphern)

9. (Oktober 1917) Beim Bauer Lüftner. Die große Diele. Teatralisch das Ganze: er nervös mit Hihi und Haha und auf-den-Tisch-schlagen und Armheben und Achselzucken und Bierglasheben wie ein Wallensteiner. Daneben die Frau, eine Greisin, die er als ihr Knecht vor 10 Jahren geheiratet hat. Ist leidenschaftlicher Jäger, vernachlässigt die Wirtschaft. Riesige zwei Pferde im Stall, homerische Gestalten, in einem flüchtigen Sonnenschein, der durch das Stallfenster kam.

14. Okt. (1917)

Ein 18jähriger Junge kommt sich von uns zu verabschieden, er rückt morgen ein: "Indem ich morgen einrücke, komme ich mich von Ihnen beurlauben"

15 (Oktober 1917) Auf der Landstraße gegen Oberklee, am Abend; ging deshalb, weil in der Küche der Schaffer und 2 ungarische Soldaten saßen

die Aussicht aus Ottlas Fenster in der Dämmerung, drüben ein Haus und hinter ihm schon freies Feld

Kunz und Frau, auf ihren Feldern, auf dem Abhang gegenüber meinem Fenster.

21. (Oktober 1917) Schöner Tag, sonnig warm windstill.

Die meisten Hunde bellen sinnlos, schon wenn in der Ferne jemand herankommt, manche aber, vielleicht nicht die besten Wachhunde, aber vernünftige Wesen, nähern sich ruhig dem Fremden, beschnuppern ihn und bellen erst bei verdächtigem Geruch.

6 Nov. (1917) Glattes Unvermögen

10 Nov (1917) Das Entscheidende habe ich bisher nicht eingeschrieben, ich fließe noch in zwei Armen. Die wartende Arbeit ist ungeheuerlich.

Traum von der Schlacht am Tagliamento: Eine Ebene, Fluß eigentlich nicht vorhanden, viele sich drängende, aufgeregte Zuschauer, bereit, je nach der Lage, vorwärts oder zurückzulaufen. Vor uns Hochebene, deren Rand, abwechselnd leer und mit hohem Gesträuch bewachsen, man sehr deutlich sieht. Oben auf der Hochebene und jenseits ihrer kämpfen Österreicher. Man ist in Spannung; wie wird es werden? Zwischendurch sieht man, offenbar um sich zu erholen, vereinzelte Gebüsche auf dunklem Abhang, hinter denen hervor ein oder zwei Italiener schießen. Das ist aber bedeutungslos, wir allerdings laufen schon ein wenig. Dann wieder die Hochebene: Österreicher laufen den leeren Rand entlang, bleiben mit einem Ruck hinter den Sträuchern stehn, laufen wieder. Es geht offenbar schlecht, es wird auch unbegreiflich, wie es jemals gut gehen könnte, wie kann man, da man doch auch nur ein Mensch ist, Menschen, die den Willen haben sich zu wehren, jemals überwältigen. Große Verzweiflung, allgemeine Flucht wird nötig werden. Da erscheint ein preußischer Major, der übrigens die ganze Zeit über mit uns die Schlacht beobachtet hat, aber wie er jetzt ruhig in den plötzlich leer gewordenen Raum tritt, ist er eine neue Erscheinung. Er steckt zwei Finger von jeder Hand in den Mund und pfeift, so wie man einem Hund pfeift, aber liebend. Das Zeichen gilt seiner Abteilung, die unweit gewartet hat und jetzt vormarschiert. Es ist preußische Garde, junge stille Leute, nicht viele, vielleicht nur eine Kompagnie, alle scheinen Offiziere zu sein, wenigstens haben sie lange Säbel, die Uniformen sind dunkel. Wie sie nun an uns mit kurzen Schritten, langsam, gedrängt vorbeimarschieren, hie und da uns ansehn, ist die Selbstverständlichkeit dieses Todesganges gleichzeitig rührend, erhebend und siegverbürgend. Erlöst durch das Eingreifen dieser Männer erwache ich.

27 Juni 1919 neues Tagebuch, eigentlich nur weil ich im alten gelesen habe. Einige Gründe und Absichten, jetzt, 3/4 12, nicht mehr festzustellen.

30 Juni (1919) Im Riegerpark gewesen. An den Jasminbüschen mit J. auf- und abgegangen. Lügenhaft und wahr, lügenhaft im Seufzen, wahr in der Gebundenheit, im Vertrauen, im Geborgensein. Unruhiges Herz.

6.Juni (Juli 1919) Immerfort der gleiche Gedanke, das Verlangen, die Angst. Aber doch ruhiger als sonst, so als ob eine große Entwicklung vor sich gienge, deren fernes Zittern ich spüre. Zuviel gesagt.

5 Dez. 19. Wieder durch diesen schrecklichen langen engen Spalt gerissen, der eigentlich nur im Traum bezwungen werden kann. Aus eigenem Willen gienge es allerdings im Wachen niemals.

8 XII (1919) Montag Feiertag im Baumgarten, im Restaurant, in der Gallerie. Leid und Freude, Schuld und Unschuld wie zwei unlösbar in einander verschränkte Hände, man müßte sie durchschneiden durch Fleisch Blut und Knochen.

9 XII (1919) Viel Eleseus. Aber wohin ich mich wende, schlägt mir die schwarze Welle entgegen.

11 XII (1919) Donnerstag. Kälte. Schweigend mit J. im Riegerpark. Verführung auf dem Graben. Das alles ist zu schwer. Ich bin nicht genug vorbereitet. Es ist in einem geistigen Sinn so, wie es vor 26 Jahren der Lehrer Beck ohne allerdings den prophetischen Spaß zu merken, sagte: "Lassen Sie ihn noch in die fünfte Klasse gehn, er ist zu schwach, solche Überhetzung rächt sich später. " Tatsächlich bin ich so gewachsen wie allzu schnell hochgetriebene und vergessene Setzlinge, eine gewisse künstlerische Zierlichkeit in der ausweichenden Bewegung, wenn ein Luftzug kommt; wenn man will, sogar etwas Rührendes in dieser Bewegung, das ist alles. Wie bei Eleseus und seinen Frühlings-Geschäftsfahrten in die Städte. Wobei man ihn gar nicht unterschätzen muß: Eleseus hätte auch der Held des Buches werden können, wäre es sogar wahrscheinlich in Hamsuns Jugend geworden.

6 I 20 Alles was er tut, kommt ihm außerordentlich neu vor. Hätte es nicht diese Frische des Lebens, so wäre es dem Selbstwert nach, das weiß er, unvermeidlich etwas aus dem alten Höllensumpf. Aber diese Frische täuscht ihn läßt es ihn vergessen oder leichtnehmen oder zwar durchschauen, aber schmerzlos. Es ist doch heute unzweifelhaft dieser, der heutige Tag, an dem der Fortschritt sich aufmacht, weiter fortzuschreiten

9 I 20 Aberglaube und Grundsatz und Ermöglichung des Lebens: Durch den Himmel der Laster, wird die Hölle der Tugend erworben. Aberglaube ist einfach

10.I (1920)

Die traurigen Folgen des Nachmittags (Baumgarten)

Ein segmentartiges Stück ist ihm aus dem Hinterkopf herausgeschnitten. Mit der Sonne schaut die ganze Welt hinein. Ihn macht es nervös, es lenkt ihn von der Arbeit ab, auch ärgert er sich, daß gerade er von dem Schauspiel ausgeschlossen sein soll

Es ist keine Widerlegung der Vorahnung einer endgültigen Befreiung, wenn am nächsten Tag die Gefangenschaft noch unverändert bleibt oder gar sich verschärft oder selbst wenn ausdrücklich erklärt wird, daß sie niemals aufhören soll. Alles das kann vielmehr notwendige Voraussetzung der endgiltigen Befreiung sein.

Er ist bei keinem Anlaß genügend vorbereitet, kann sich deshalb aber nicht einmal Vorwürfe machen, denn wo wäre in diesem Leben, das so quälend in jedem Augenblick bereitsein verlangt, Zeit sich vorzubereiten und selbst wenn Zeit wäre, könnte man sich denn vorbereiten, ehe man die Aufgabe kennt d. h. kann man überhaupt eine natürliche, eine nicht nur künstlich zusammengestellte Aufgabe bestehn? Deshalb ist er auch schon längst unter den Rädern, merkwürdiger aber auch tröstlicher Weise war er darauf am wenigsten vorbereitet.

Er hat den Archimedischen Punkt gefunden, hat ihn aber gegen sich ausgenützt, offenbar hat er ihn nur unter dieser Bedingung finden dürfen

13 (Januar 1920)

Alles was er tut, kommt ihm zwar außerordentlich neu vor, aber auch entsprechend dieser unmöglichen Fülle des Neuen außerordentlich dilettantisch, kaum einmal erträglich, unfähig historisch zu werden, die Kette der Geschlechter sprengend, die bisher immer wenigstens zu ahnende Musik der Welt zum erstenmal bis in alle Tiefen hinunter abbrechend. Manchmal hat er in seinem Hochmut mehr Angst um die Welt als um sich.

Mit einem Gefängnis hätte er sich abgefunden. Als Gefangener enden – das wäre eines Lebens Ziel. Aber es war ein Gitterkäfig. Gleichgültig, herrisch, wie bei sich zuhause strömte durch das Gitter aus und ein der Lärm der Welt, der Gefangene war eigentlich frei, er konnte an allem teilnehmen, nichts entgieng ihm draußen, selbst verlassen hätte er den Käfig können, die Gitterstangen standen ja meterweit auseinander, nicht einmal gefangen war er.

Er hat das Gefühl, daß er sich dadurch daß er lebt den Weg verstellt. Aus dieser Behinderung nimmt er dann wieder den Beweis dafür, daß er lebt.

14. (Januar 1920) Sich kennt er, den andern glaubt er, dieser Widerspruch zersägt ihm alles.

Er ist weder kühn, noch leichtsinnig. Aber auch ängstlich ist er nicht. Ein freies Leben würde ihn nicht ängstigen. Nun hat sich ein solches Leben für ihn nicht ergeben, aber auch das macht ihm keine Sorgen; wie er sich überhaupt um sich selbst keine Sorgen macht. Es gibt aber einen ihm gänzlich unbekannten jemand, der sich um ihn nur um ihn große fortwährende Sorgen macht. Diese ihn betreffenden Sorgen des Jemand, besonders das Fortwährende dieser Sorgen verursachen ihm manchmal in stiller Stunde quälende Kopfschmerzen.

Er lebt in der Zerstreuung. Seine Elemente, eine frei lebende Horde, umschweifen die Welt. Und nur weil auch sein Zimmer zur Welt gehört sieht er sie manchmal in der Ferne. Wie soll er für sie die Verantwortung tragen? Heißt das noch Verantwortung?

Alles; selbst das Gewöhnlichste, etwa das Bedientwerden in einem Restaurant muß er sich erst mit Hilfe der Polizei erzwingen. Das nimmt dem Leben alle Behaglichkeit.

17 I (1920) Sein eigener Stirnknochen verlegt ihm den Weg (an seiner eigenen Stirn schlägt er sich die Stirn blutig)

Er fühlt sich auf dieser Erde gefangen, ihm ist eng, die Trauer, die Schwäche, die Krankheiten, die Wahnvorstellungen der Gefangenen brechen bei ihm aus, kein Trost kann ihn trösten, weil es eben nur Trost ist, zarter kopfschmerzender Trost gegenüber der groben Tatsache des Gefangenseins. Fragt man ihn aber, was er eigentlich haben will, kann er nicht antworten denn er hat – das ist einer seiner stärksten Beweise – keine Vorstellung von Freiheit.

Manche leugnen den Jammer durch Hinweis auf die Sonne, er leugnet die Sonne durch Hinweis auf den Jammer.

Er hat zwei Gegner, der Erste bedrängt ihn von rückwärts vom Ursprung her, der Zweite verwehrt ihm den Weg nach vorne. Er kämpft mit beiden. Eigentlich unterstützt ihn der Erste im Kampf mit dem Zweiten, denn er will ihn nach vorne drängen und ebenso unterstützt ihn der Zweite im Kampf mit dem Ersten, denn er treibt ihn doch zurück. So ist es aber nur teoretisch, denn es sind ja nicht nur die 2 Gegner da, sondern auch noch er selbst und wer kennt eigentlich seine Absichten?

Er hat viele Richter, sie sind wie ein Heer von Vögeln, das in einem Baum sitzt. Ihre Stimmen gehen durcheinander, die Rangs- und Zuständigkeitsfragen sind nicht zu entwirren, auch werden die Plätze fortwährend gewechselt. Einzelne erkennt man aber doch wieder heraus

Dreierlei:

Die selbstquälerische schwerfällige oft lange stockende aber im Grunde doch unaufhörliche Wellenbewegung alles Lebens, des fremden und eigenen, quält ihn, weil sie unaufhörlichen Zwang des Denkens mit sich bringt. Manchmal scheint ihm, daß diese Qual den Ereignissen vorhergeht. Als er hört, daß seinem Freund ein Kind geboren werden soll, erkennt er, daß er dafür schon früher als Denker gelitten hat.

Er sieht zweierlei: Das Erste ist die ruhige, mit Leben erfüllte, ohne ein gewisses Behagen unmögliche Betrachtung, Erwägung, Untersuchung, Ergießung. Deren Zahl und Möglichkeit ist endlos, selbst eine Mauerassel braucht eine verhältnismäßig große Ritze um unterzukommen, für jene Arbeiten aber ist überhaupt kein Platz nötig, selbst dort wo nicht die geringste Ritze ist können sie einander durchdringend noch zu tausenden und abertausenden leben. Das ist das Erste. Das Zweite aber ist der Augenblick, in dem man vorgerufen Rechenschaft geben soll, keinen Laut hervorbringt, zurückgeworfen wird in die Betrachtungen u. s. w., jetzt aber mit der Aussichtslosigkeit vor sich unmöglich mehr darin plätschern kann, sich schwer macht und mit einem Fluch versinkt.

Er erinnert sich an ein Bild, das einen Sommersonntag auf der Themse darstellte. Der Fluß war in seiner ganzen Breite weithin angefüllt mit Booten, die auf das Öffnen einer Schleuse warteten. In allen Booten waren fröhliche junge Menschen in leichter heller Kleidung, sie lagen fast, frei hingegeben der warmen Luft und der Wasserkühle. Infolge alles dieses Gemeinsamen war ihre Geselligkeit nicht auf die einzelnen Boote eingeschränkt, von Boot zu Boot teilte sich Scherz und Lachen mit.

Er stellte sich nun vor, daß auf einer Wiese am Ufer – die Ufer waren auf dem Bild kaum angedeutet, alles war beherrscht von der Versammlung der Boote – er selbst stand. Er betrachtete das Fest, das ja kein Fest war, aber das man doch so nennen konnte. Er hatte natürlich große Lust sich daran zu beteiligen, er langte förmlich danach, aber er mußte sich offen sagen, daß er davon ausgeschlossen war, es war für ihn unmöglich sich dort einzufügen, das hätte eine so große Vorbereitung verlangt, daß darüber nicht nur dieser Sonntag, sondern viele Jahre und er selbst dahingegangen wäre, und selbst wenn die Zeit hier hätte stillstehn wollen, es hätte sich doch kein anderes Ergebnis mehr erzielen lassen, seine ganze Abstammung, Erziehung, körperliche Ausbildung hätte anders geführt werden müssen.

So weit war er also von diesen Ausflüglern, aber damit doch auch wieder sehr nahe und das war das schwerer Begreifliche. Sie waren doch auch Menschen wie er, nichts Menschliches konnte ihnen völlig fremd sein, würde man sie also durchforschen müßte man finden, daß das Gefühl, das ihn beherrschte und ihn von der Wasserfahrt ausschloß, auch in ihnen lebte, nur daß es allerdings weit davon entfernt war sie zu beherrschen, sondern nur irgendwo in dunklen Winkeln geisterte.

15 II 20

Es handelt sich um folgendes: Ich saß einmal vor vielen Jahren, gewiß traurig genug, auf der Lehne des Laurenziberges. [Ich prüfte die Wünsche, die ich für das Leben hatte. Als wichtigster oder als reizvollster ergab sich der Wunsch, eine Ansicht des Lebens zu gewinnen (und – das war allerdings notwendig verbunden – schriftlich die andern von ihr überzeugen zu können) in der das Leben zwar sein natürliches schweres Fallen und Steigen bewahre aber gleichzeitig mit nicht minderer Deutlichkeit als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde. Vielleicht ein schöner Wunsch, wenn ich ihn richtig gewünscht hätte. Etwa als Wunsch einen Tisch mit peinlich ordentlicher Handwerksmäßigkeit zusammenzuhämmern und dabei gleichzeitig nichts zu tun undzwar nicht so daß man sagen könnte: "ihm ist das Hämmern ein Nichts" sondern "ihm ist das Hämmern ein wirkliches Hämmern und gleichzeitig auch ein Nichts", wodurch ja das Hämmern noch kühner, noch entschlossener, noch wirklicher und wenn Du willst noch irrsinniger geworden wäre. Aber er konnte gar nicht so wünschen, denn sein Wunsch war kein Wunsch, er war nur eine Verteidigung, eine Verbürgerlichung des Nichts, ein Hauch von Munterkeit, den er dem Nichts geben wollte, in das er zwar damals kaum die ersten bewußten Schritte tat, das er aber schon als sein Element fühlte.] Es war damals eine Art Abschied, den er von der Scheinwelt der Jugend nahm; sie hatte ihn übrigens niemals unmittelbar getäuscht, sondern nur durch die Reden aller Autoritäten rings herum täuschen lassen. So hatte sich die Notwendigkeit des "Wunsches" ergeben

Er beweist nur sich selbst, sein einziger Beweis ist er selbst, alle Gegner besiegen ihn sofort, aber nicht dadurch, daß sie ihn widerlegen, er ist unwiderlegbar sondern dadurch daß sie sich beweisen.

Menschliche Vereinigungen beruhn darauf, daß einer durch sein starkes Dasein andere an sich unwiderlegbare Einzelne widerlegt zu haben scheint, das ist für diese Einzelnen süß und trostreich, aber es fehlt an Wahrheit und daher immer an Dauer.

Er war früher Teil einer monumentalen Gruppe. Um irgendeine erhöhte Mitte standen in durchdachter Anordnung Sinnbilder des Soldatenstandes, der Künste, der Wissenschaften, der Handwerke. Einer von diesen vielen war er. Nun ist die Gruppe längst aufgelöst oder wenigstens er hat sie verlassen und bringt sich allein durchs Leben. Nicht einmal seinen alten Beruf hat er mehr, ja er hat sogar vergessen, was er damals darstellte. Wohl gerade durch dieses Vergessen ergibt sich eine gewisse Traurigkeit, Unsicherheit, Unruhe, ein gewisses die Gegenwart trübendes Verlangen nach den vergangenen Zeiten. Und doch ist dieses Verlangen ein wichtiges Element der Lebenskraft oder vielleicht sie selbst.

Er lebt nicht wegen seines persönlichen Lebens, er denkt nicht wegen seines persönlichen Denkens. Ihm ist als lebe und denke er unter der Nötigung einer Familie die zwar selbst überreich an Lebens- und Denkkraft ist, für die er aber nach irgendeinem ihm unbekannten Gesetz eine formelle Notwendigkeit bedeutet. Wegen dieser unbekannten Familie und dieser unbekannten Gesetze kann er nicht entlassen werden.

Die Erbsünde, das alte Unrecht, das der Mensch begangen hat, besteht in dem Vorwurf, den der Mensch macht und von dem er nicht abläßt, daß ihm ein Unrecht geschehen ist, daß an ihm die Erbsünde begangen wurde.

18 II 20 Vor der Auslage von Casinelli drückten sich 2 Kinder herum, ein etwa 6 Jahre alter Junge, ein 7 Jahre altes Mädchen, reich angezogen, sprachen von Gott und von Sünden. Ich blieb hinter ihnen stehn. Das Mädchen vielleicht katholisch hielt nur das Belügen Gottes für eine eigentliche Sünde. Kindlich hartnäckig fragte der Junge, vielleicht ein Protestant, was das Belügen des Menschen oder das Stehlen sei. "Auch eine sehr große Sünde" sagte das Mädchen "aber nicht die größte, nur die Sünden an Gott sind die größten, für die Sünden an Menschen haben wir die Beichte. Wenn ich beichte steht gleich wieder der Engel hinter mir; wenn ich nämlich eine Sünde begehe, kommt der Teufel hinter mich, nur sieht man ihn nicht. " Und des halben Ernstes müde, drehte sie sich zum Spaße auf den Haken um und sagte: "Siehst Du niemand ist hinter mir." Ebenso drehte sich der Junge um und sah dort mich. "Siehst Du" sagte er ohne Rücksicht darauf, daß ich es hören mußte, aber auch ohne daran zu denken "hinter mir steht der Teufel. " "Den sehe ich auch" sagte das Mädchen "aber den meine ich nicht"

Er will keinen Trost, aber nicht deshalb weil er ihn nicht will – wer wollte ihn nicht – sondern weil Trost suchen heißt: dieser Arbeit sein Leben widmen, am Rande seiner Existenz, fast außerhalb ihrer immer zu leben, kaum mehr zu wissen, für wen man Trost sucht und daher nicht einmal imstande zu sein, wirksamen Trost zu finden (wirksamen, nicht etwa wahren, den es nicht gibt)

Er wehrt sich gegen die Fixierung durch den Mitmenschen. (Der Mensch sieht selbst wenn er unfehlbar wäre im andern nur jenen Teil, für den seine Blickkraft und Blickart reicht. Er hat, wie jeder, aber in äußerster Übertreibung die Sucht, sich so einzuschränken wie ihn der Blick des Mitmenschen zu sehen die Kraft hat.) Hätte Robinson den höchsten oder richtiger den sichtbarsten Punkt der Insel niemals verlassen, aus Trotz oder Demut oder Furcht oder Unkenntnis oder Sehnsucht, so wäre er bald zugrundegegangen, da er aber ohne Rücksicht auf die Schiffe und ihre schwachen Fernrohre seine ganze Insel zu erforschen und ihrer sich zu freuen begann, erhielt er sich am Leben und wurde – in einer allerdings dem Verstand nicht notwendigen Konsequenz – schließlich doch gefunden.

19 II (1920)

"Du machst aus Deiner Not eine Tugend. "

"Erstens tut das jeder und zweitens tue gerade ich es nicht. Ich lasse meine Not Not bleiben, ich lege die Sümpfe nicht trocken, sondern lebe in ihrem fiebrigen Dunst. "

"Daraus eben machst Du Deine Tugend"

"Wie jeder, ich sagte es schon. Im übrigen tue ich es nur Deinetwegen; damit Du freundlich zu mir bleibst, nehme ich Schaden an meiner Seele. "

Meine Gefängniszelle – meine Festung.

Alles ist ihm erlaubt nur das Sich-vergessen nicht, womit allerdings wieder alles verboten ist bis auf das eine, für das Ganze augenblicklich Notwendige.

Die Enge des Bewußtseins ist eine sociale Forderung Alle Tugenden sind individuell, alle Laster social; was als sociale Tugend gilt, etwa Liebe, Uneigennützigkeit, Gerechtigkeit, Opfermut, sind nur "erstaunlich" abgeschwächte sociale Laster.

Der Unterschied zwischen dem "Ja und Nein" das er seinen Zeitgenossen sagt und jenem das er eigentlich zu sagen hätte, dürfte dem von Tod und Leben entsprechen; ist auch nur ebenso ahnungsweise für ihn faßbar.

Die Ursache dessen, daß das Urteil der Nachwelt über den Einzelnen richtiger ist als das der Zeitgenossen liegt im Toten. Man entfaltet sich in seiner Art erst nach dem Tode, erst wenn man allein ist. Das Totsein ist für den Einzelnen wie der Samstagabend für den Kaminfeger, sie waschen den Ruß vom Leibe. Es wird sichtbar ob die Zeitgenossen ihm oder er den Zeitgenossen mehr geschadet hat, im letzteren Fall war er ein großer Mann.

Die Kraft zum Verneinen, dieser natürlichsten Äußerung des immerfort sich verändernden, erneuernden, absterbend auflebenden menschlichen Kämpferorganismus haben wir immer, den Mut aber nicht, während doch Leben Verneinen ist, also Verneinung Bejahung.

Mit seinen absterbenden Gedanken stirbt er nicht. Das Absterben ist nur eine Erscheinung innerhalb der innern Welt (die bestehen bleibt, selbst wenn auch sie nur ein Gedanke wäre) eine Naturerscheinung wie jede andere weder fröhlich noch traurig.

"Am Sicherheben hindert ihn eine gewisse Schwere, ein Gefühl des Gesichertseins für jeden Fall, die Ahnung eines

Lagers, das ihm bereitet ist und nur ihm gehört, am Stilliegen aber hindert ihn eine Unruhe die ihn vom Lager jagt, es hindert ihn das Gewissen, das endlos schlagende Herz, die Angst vor dem Tod und das Verlangen ihn zu widerlegen, alles das läßt ihn nicht liegen und er erhebt sich wieder. Dieses Auf und Ab und einige auf diesen Wegen gemachte zufällige, flüchtige, abseitige Beobachtungen sind sein Leben. "

"Deine Darstellung ist trostlos, aber nur für die Analyse, deren Grundfehler sie zeigt. Es ist zwar so, daß der Mensch sich aufhebt, zurückfällt, wieder sich hebt u. s. f. aber es ist auch gleichzeitig und mit noch viel größerer Wahrheit ganz und gar nicht so, er ist doch Eines, im Fliegen also auch das Ruhen, im Ruhen das Fliegen und beides vereinigt wieder in jedem Einzelnen, und die Vereinigung in jedem, und die Vereinigung der Vereinigung in jedem u. s. f. bis, nun, bis zum wirklichen Leben, wobei auch diese Darstellung noch ebenso falsch ist und vielleicht noch täuschender als die Deine. Aus dieser Gegend gibt es eben keinen Weg bis zum Leben, während es allerdings vom Leben einen Weg hierher gegeben haben muß. So verirrt sind wir. "

Die Strömung gegen die man schwimmt ist so rasend, daß man in einer gewissen Zerstreutheit manchmal verzweifelt ist über die öde Ruhe, inmitten welcher man plätschert, so unendlich weit nämlich ist man in einem Augenblick des Versagens zurückgetrieben worden.

29 (Februar 1920) Er hat Durst und ist von der Quelle nur durch ein Gebüsch getrennt. Er ist aber zweigeteilt, ein Teil übersieht das Ganze, sieht daß er hier steht und die Quelle daneben ist, ein zweiter Teil aber merkt nichts, hat höchstens eine Ahnung dessen, daß der erste Teil alles sieht. Da er aber nichts merkt, kann er nicht trinken.

15 X 21 Alle Tagebücher, vor einer Woche etwa, M. gegeben. Ein wenig freier? Nein. Ob ich noch fähig bin eine Art Tagebuch zu führen? Es wird jedenfalls anders sein, vielmehr es wird sich verkriechen, es wird gar nicht sein, über Hardt z. B. der mich doch verhältnismäßig sehr beschäftigt hat, wäre ich nur mit größter Mühe etwas zu notieren fähig. Es ist so, als hätte ich schon alles längst über ihn geschrieben oder was das gleiche ist, als wäre ich nicht mehr am Leben. Über M. könnte ich wohl schreiben, aber auch nicht aus freiem Entschluß, auch wäre es zu sehr gegen mich gerichtet, ich brauche mir solche Dinge nicht mehr umständlich bewußt zu machen, wie früher einmal, ich bin in dieser Hinsicht nicht so vergeßlich wie früher, ich bin ein lebendig gewordenes Gedächtnis, daher auch die Schlaflosigkeit.

In Hebels Brief die Stelle über Polytheismus.

16 X 21 Sonntag Das Unglück eines fortwährenden Anfangs, das Fehlen der Täuschung darüber, daß alles nur ein Anfang und nicht einmal ein Anfang ist, die Narrheit der andern, die das nicht wissen und z. B. Fußball spielen, um endlich einmal "vorwärts zu kommen", die eigene Narrheit in sich selbst vergraben wie in einem Sarg, die Narrheit der andern, die hier einen wirklichen Sarg zu sehen glauben, also einen Sarg, den man transportieren, aufmachen, zerstören, auswechseln kann.

Zwischen den jungen Frauen oben im Park. Kein Neid. Genug Phantasie, um ihr Glück zu teilen, genug Urteilsfähigkeit, um zu wissen, daß ich zu schwach bin für dieses Glück, genug Narrheit, um zu glauben, daß ich meine und ihre Verhältnisse durchschaue. Nicht genug Narrheit, eine winzige Lücke ist da, der Wind pfeift durch sie und verhindert die volle Resonanz.

Wenn ich den großen Wunsch habe ein Leichtathlet zu sein, so ist das wahrscheinlich so, wie wenn ich wünschen würde in den Himmel zu kommen und dort so verzweifelt sein zu dürfen wie hier.

Wenn mein Fundus auch noch so elend sei, "unter gleichen Umständen" (besonders mit Berücksichtigung der Willensschwäche) sogar der elendeste auf der Erde, so muß ich doch, selbst in meinem Sinne, das Beste mit ihm zu erreichen suchen und es ist leere Sophistik zu sagen, man könne damit nur eines erreichen und dieses eine sei daher auch das Beste und es sei die Verzweiflung

17 XI (Oktober 1921) Dahinter, daß ich nichts Nützliches gelernt habe und mich – was zusammenhängt – auch körperlich verfallen ließ, kann eine Absicht liegen. Ich wollte unabgelenkt bleiben, unabgelenkt durch die Lebensfreude eines nützlichen und gesunden Mannes. Als ob Krankheit und Verzweiflung nicht zumindest ebenso ablenken würden!

Ich könnte diesen Gedanken auf verschiedene Weise abrunden und damit zu meinen Gunsten zuendeführen, aber ich wage es nicht und glaube – wenigstens heute und so in der Mehrzahl der Tage – an keine für mich günstige Lösung.

Ich beneide nicht das einzelne Ehepaar, ich beneide nur alle Ehepaare, auch wenn ich nur ein Ehepaar beneide, beneide ich eigentlich das ganze Eheglück in seiner unendlichen Vielgestalt, im Glück einer einzigen Ehe würde ich selbst im günstigsten Fall wahrscheinlich verzweifeln.

Ich glaube nicht, daß es Leute gibt, deren innere Lage ähnlich der meinen ist, immerhin kann ich mir solche Menschen vorstellen, aber daß um ihren Kopf so wie um meinen immerfort der heimliche Rabe fliegt, das kann ich mir nicht einmal vorstellen.

Die systematische Zerstörung meiner selbst im Laufe der Jahre ist erstaunlich, es war wie ein langsam sich entwickelnder Dammbruch, eine Aktion voll Absicht. Der Geist, der das vollbracht hat, muß jetzt Triumphe feiern; warum läßt er mich daran nicht teilnehmen? Aber vielleicht ist er mit seiner Arbeit noch nicht zuende und kann deshalb an nichts anderes denken.

18 (Oktober 1921) Ewige Kinderzeit. Wieder ein Ruf des Lebens.

Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.

19 (Oktober 1921) Das Wesen des Wüstenwegs. Ein Mensch, der als Volksführer seines Organismus diesen Weg macht, mit einem Rest (mehr ist nicht denkbar) des Bewußtseins dessen, was geschieht. Die Witterung für Kanaan hat er sein Leben lang; daß er das Land erst vor seinem Tode sehen sollte ist unglaubwürdig. Diese letzte Aussicht kann nur den Sinn haben, darzustellen, ein wie unvollkommener Augenblick das menschliche Leben ist, unvollkommen, weil diese Art des Lebens endlos dauern könnte und doch wieder nichts anderes sich ergeben würde als ein Augenblick. Nicht weil sein Leben zu kurz war kommt Moses nicht nach Kanaan, sondern weil es ein menschliches Leben war. Dieses Ende der 5 Bücher Moses hat eine Ähnlichkeit mit der Schlußszene der Education sentimentale.

Derjenige der mit dem Leben nicht lebendig fertig wird, braucht die eine Hand, um die Verzweiflung über sein Schicksal ein wenig abzuwehren – es geschieht sehr unvollkommen – mit der andern Hand aber kann er eintragen, was er unter den Trümmern sieht, denn er sieht anderes und mehr als die andern, er ist doch tot zu Lebzeiten und der eigentlich Überlebende. Wobei vorausgesetzt ist, daß er nicht beide Hände und mehr als er hat, zum Kampf mit der Verzweiflung braucht.

20 (Oktober 1921) Nachmittag Langer, dann Max, liest Franzi vor

Ein Traum, kurz, in einem krampfhaften kurzen Schlaf, krampfhaft mich festgehalten, in maßlosem Glück. Ein vielverzweigter Traum, enthaltend 1000 gleichzeitig mit einem Schlag klar werdende Beziehungen, übriggeblieben ist kaum die Erinnerung an das Grundgefühl: Mein Bruder hat ein Verbrechen, ich glaube, einen Mord begangen, ich und andere sind an dem Verbrechen beteiligt, die Strafe, die Auflösung, die Erlösung kommt von der Ferne her näher, mächtig wächst sie heran, an vielen Anzeichen merkt man ihr unaufhaltsames Näherkommen, meine Schwester, glaube ich, kündigt diese Zeichen immer an, die ich immer mit verzückten Ausrufen begrüße, die Verzückung steigert sich mit dem Näherkommen. Meine einzelnen Ausrufe, kurze Sätze, glaubte ich wegen ihrer Sinnfälligkeit nie vergessen zu können und weiß jetzt keinen einzigen mehr genau. Es konnten nur Ausrufe sein, denn das Sprechen machte mir große Mühe, ich mußte die Wangen aufblasen und dabei den Mund verdrehn, wie unter Zahnschmerzen ehe ich ein Wort hervorbekam. Das Glück bestand darin, daß die Strafe kam und ich sie so frei, überzeugt und glücklich willkommen hieß, ein Anblick, der die Götter rühren mußte, auch diese Rührung der Götter empfand ich fast bis zu Tränen.

21 (Oktober 1921) Nachmittag auf dem Kanapee

Es war ihm unmöglich gewesen in das Haus einzutreten, denn er hatte eine Stimme gehört, welche ihm sagte: "Warte, bis ich Dich führen werde. " Und so lag er noch immer im Staub vor dem Haus, trotzdem wohl schon alles aussichtslos war (wie Sara sagen würde)

Alles ist Phantasie, die Familie, das Bureau, die Freunde, die Straße, alles Phantasie, fernere oder nähere, die Frau die nächste, Wahrheit aber ist nur daß Du den Kopf gegen die Wand einer fenster- und türlosen Zelle drückst.

22 (Oktober 1921) Ein Kenner, ein Fachmann, einer der seinen Teil weiß, ein Wissen, allerdings, das nicht vermittelt werden kann, aber glücklicherweise auch niemandem nötig zu sein scheint.

23 (Oktober 1921) Nachmittag Palästinafilm

nach dem Nachtmahl

25 (Oktober 1921) gestern Ehrenstein

Die Eltern spielten Karten; ich saß allein dabei, gänzlich fremd; der Vater sagte, ich solle mitspielen oder wenigstens zuschauen; ich redete mich irgendwie aus. Was bedeutete diese seit der Kinderzeit vielmals wiederholte Ablehnung? Das gemeinschaftliche, gewissermaßen das öffentliche Leben wurde mir durch die Einladung zugänglich gemacht, die Leistung, die man als Beteiligung von mir verlangte, hätte ich nicht gut, aber leidlich zustandegebracht, das Spielen hätte mich wahrscheinlich nicht einmal allzu sehr gelangweilt – trotzdem lehnte ich ab. Ich habe, wenn man es danach beurteilt, unrecht, wenn ich mich beklage, daß mich der Lebensstrom niemals ergriffen hat, daß ich von Prag nie loskam, niemals auf Sport oder auf ein Handwerk gestoßen wurde udgl. – ich hätte das Angebot wahrscheinlich immer abgelehnt, ebenso wie die Einladung zum Spiel. Nur das Sinnlose bekam Zutritt, das Jusstudium, das Bureau, später dann sinnlose Nachträge, wie ein wenig Gartenarbeit, Tischlerei udgl., diese Nachträge sind so aufzufassen, wie die Handlungsweise eines Mannes, der den bedürftigen Bettler aus der Tür wirft und dann allein den Wohltäter spielt, indem er Almosen aus seiner rechten in seine linke Hand gibt.

Ich lehnte also immer ab, wohl aus allgemeiner und besonders aus Willensschwäche, ich habe das verhältnismäßig sehr spät erst begriffen. Ich hielt diese Ablehnung früher meist für ein gutes Zeichen (verführt durch die allgemeinen großen Hoffnungen die ich auf mich setzte), heute ist nur noch ein Rest dieser freundlichen Auffassung geblieben.

29 (Oktober 1921) Einen der nächsten Abende beteiligte ich mich dann wirklich, indem ich für die Mutter die Ergebnisse notierte. Es ergab sich aber kein Nähersein, und wenn auch eine Spur dessen da war, so wurde sie überhäuft von Müdigkeit, Langweile, Trauer über die verlorene Zeit. So wäre es immer gewesen. Dieses Grenzland zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft habe ich nur äußerst selten überschritten, ich habe mich darin sogar mehr angesiedelt als in der Einsamkeit selbst. Was für ein lebendiges schönes Land war im Vergleich hiezu Robinsons Insel.

30 (Oktober 1921) Nachmittag, Teater, Pallenberg

Meine inneren Möglichkeiten für (ich will nicht sagen Darstellung oder Dichtung des Geizigen, sondern für) den Geizigen selbst. Nur ein schneller entschlossener Griff wäre nötig, das ganze Orchester schaut fasciniert dorthin, wo über dem Kapellmeisterpult der Taktstock sich erheben soll.

Das Gefühl der vollständigen Hilflosigkeit.

Was verbindet Dich mit diesen festabgegrenzten, sprechenden, augenblitzenden Körpern enger als mit irgendeiner Sache, etwa dem Federhalter in Deiner Hand? Etwa daß Du von ihrer Art bist? Aber Du bist nicht von ihrer Art, darum hast Du ja diese Frage aufgeworfen.

Die feste Abgegrenztheit der menschlichen Körper ist schauerlich

Die Merkwürdigkeit, die Unenträtselbarkeit des Nicht-Untergehns, der schweigenden Führung. Es drängt zu der Absurdität: "Ich für meinen Teil wäre längst schon verloren. " Ich für meinen Teil.

1.) Werfels "Bocksgesang"

Die freie Verfügung über eine Welt unter Mißachtung ihrer Gesetze. Die Auferlegung des Gesetzes. Glück dieser Gesetzestreue.

Es ist aber nicht möglich, der Welt nur das Gesetz aufzuerlegen, daß alles sonst beim Alten bleibt, der neue Gesetzgeber aber frei sein soll. Das wäre kein Gesetz, sondern Willkür, Auflehnung, Selbstverurteilung.

2.) vage Hoffnung, vages Zutrauen

Ein endloser trüber Sonntagnachmittag, ganze Jahre aufzehrend, ein aus Jahren bestehender Nachmittag. Abwechselnd verzweifelt in den leeren Gassen und beruhigt auf dem Kanapee. Manchmal Erstaunen über die fast unaufhörlich vorbeiziehenden farblosen, sinnlosen Wolken. "Du bist aufgehoben für einen großen Montag!" "Wohl gesprochen, aber der Sonntag endet nie"

3.) Der Anruf

7. (November 1921) Unentrinnbare Verpflichtung zur Selbstbeobachtung: Werde ich von jemandem andern beobachtet, muß ich mich natürlich auch beobachten, werde ich von niemandem sonst beobachtet, muß ich mich umso genauer beobachten.

Jeder der sich mit mir verfeindet oder dem ich gleichgültig oder lästig werde, ist zu beneiden um die Leichtigkeit mit der er mich los werden kann (vorausgesetzt wahrscheinlich daß es nicht ums Leben geht; als es einmal bei F. ums Leben zu gehen schien, war es nicht leicht mich loszuwerden, allerdings war ich jung und bei Kräften, auch meine Wünsche waren bei Kräften)

1 XII (1921) M. nach vier Besuchen weggefahren, fährt morgen weg. 4 ruhigere Tage innerhalb von gequälten. Ein langer Weg von da, daß ich über ihre Abreise nicht traurig bin, nicht eigentlich traurig bin bis dorthin, daß ich doch wegen ihrer Abreise unendlich traurig bin. Freilich: Traurigkeit ist nicht das Schlimmste

2 (Dezember 1921) Briefeschreiben im Zimmer der Eltern. Die Formen des Niedergangs sind unausdenkbar. – Letzthin die Vorstellung, daß ich als kleines Kind vom V. besiegt worden bin und nun aus Ehrgeiz den Kampfplatz nicht verlassen kann alle die Jahre hindurch, trotzdem ich immer wieder besiegt werde. – Immer M., oder nicht M. aber ein Princip, ein Licht in der Finsternis.

6 (Dezember 1921) Aus einem Brief: "Ich wärme mich daran in diesem traurigen Winter. " Die Metaphern sind eines in dem Vielen, was mich am Schreiben verzweifeln läßt. Die Unselbständigkeit des Schreibens, die Abhängigkeit von dem Dienstmädchen das einheizt, von der Katze, die sich am Ofen wärmt, selbst vom armen alten Menschen, der sich wärmt. Alles dies sind selbstständige, eigengesetzliche Verrichtungen, nur das Schreiben ist hilflos, wohnt nicht in sich selbst, ist Spaß und Verzweiflung.

Zwei Kinder, allein in der Wohnung, stiegen in einen großen Koffer, der Deckel fiel zu, sie konnten nicht öffnen und erstickten.

20 XII (1921) Vieles durchgelitten in Gedanken

Aus tiefem Schlaf wurde ich aufgeschreckt. In der Mitte des Zimmers saß an einem kleinen Tischchen bei Kerzenlicht ein fremder Mann. Er saß im Halbdunkel breit und schwer, der aufgeknöpfte Winterrock machte ihn noch breiter.

Besser zu durchdenken:

Raabe im Sterben, als ihm seine Frau über die Stirn strich: Das ist schön

Der Großvater, der sein Enkelkind mit zahnlosem Mund anlacht.

Es ist unleugbar ein gewisses Glück, ruhig hinschreiben zu dürfen: "Ersticken ist unausdenkbar fürchterlich. " Freilich unausdenkbar, so wäre also doch wieder nichts hingeschrieben.

23 XII (1921) Wieder über "Nas Skautik" gesessen

Iwan Iljitsch

16 I (1922) Es war in der letzten Woche wie ein Zusammenbruch, so vollständig wie nur etwa in der einen Nacht vor 2 Jahren, ein anderes Beispiel habe ich nicht erlebt. Alles schien zuende und scheint auch heute durchaus noch nicht ganz anders zu sein. Man kann es auf zweierlei Art auffassen und es ist auch wohl gleichzeitig so aufzufassen. Erstens: Zusammenbruch, Unmöglichkeit zu schlafen, Unmöglichkeit zu wachen, Unmöglichkeit das Leben, genauer die Aufeinanderfolge des Lebens zu ertragen. Die Uhren stimmen nicht überein, die innere jagt in einer teuflischen oder dämonischen oder jedenfalls unmenschlichen Art, die äußere geht stockend ihren gewöhnlichen Gang. Was kann anderes geschehn, als daß sich die zwei verschiedenen Welten trennen und sie trennen sich oder reißen zumindest an einander in einer fürchterlichen Art. Die Wildheit des inneren Ganges mag verschiedene Gründe haben, der sichtbarste ist die Selbstbeobachtung, die keine Vorstellung zur Ruhe kommen läßt, jede emporjagt um dann selbst wieder als Vorstellung von neuer Selbstbeobachtung weiter gejagt zu werden. Zweitens: Dieses Jagen nimmt die Richtung aus der Menschheit. Die Einsamkeit, die mir zum größten Teil seit jeher aufgezwungen war, zum Teil von mir gesucht wurde – doch was war auch dies anderes als Zwang – wird jetzt ganz unzweideutig und geht auf das Äußerste. Wohin führt sie? Sie kann, dies scheint am Zwingendsten, zum Irrsinn führen, darüber kann nichts weiter ausgesagt werden, die Jagd geht durch mich und zerreißt mich. Oder aber ich kann – ich kann? – sei es auch nur zum winzigsten Teil mich aufrechterhalten, lasse mich also von der Jagd tragen. Wohin komme ich dann? "Jagd" ist ja nur ein Bild, ich kann auch sagen "Ansturm gegen die letzte irdische Grenze" undzwar Ansturm von unten, von den Menschen her und kann, da auch dies nur ein Bild ist, es ersetzen durch das Bild des Ansturmes von oben, zu mir herab.

Diese ganze Litteratur ist Ansturm gegen die Grenze und sie hätte sich, wenn nicht der Zionismus dazwischen gekommen wäre, leicht zu einer neuen Geheimlehre, einer Kabbala entwickeln können. Ansätze dazu bestehn. Allerdings ein wie unbegreifliches Genie wird hier verlangt, das neu seine Wurzeln in die alten Jahrhunderte treibt oder die alten Jahrhunderte neu erschafft und mit dem allen sich nicht ausgibt, sondern jetzt erst sich auszugeben beginnt.

17 I (1922) Kaum anders.

18. I (1922) Jenes etwas stiller, dafür kommt G. Erlösung oder Verschlimmerung wie man will.

Ein Augenblick Denken: Gib Dich zufrieden, lerne (lerne 40jähriger) im Augenblick zu ruhn (doch, einmal konntest Du es). Ja im Augenblick, dem schrecklichen. Er ist nicht schrecklich, nur die Furcht vor der Zukunft macht ihn schrecklich. Und der Rückblick freilich auch. Was hast Du mit dem Geschenk des Geschlechtes getan? Es ist mißlungen, wird man schließlich sagen, das wird alles sein. Aber es hätte leicht gelingen können. Freilich eine Kleinigkeit und nicht einmal erkennbar, so klein ist sie, hat es entschieden. Was findest Du daran? Bei den größten Schlachten der Weltgeschichte ist es so gewesen. Die Kleinigkeiten entscheiden über die Kleinigkeiten

M. hat recht: die Furcht ist das Unglück, deshalb aber ist nicht Mut das Glück, sondern Furchtlosigkeit, nicht Mut, der vielleicht mehr will als die Kraft (in meiner Klasse waren wohl nur 2 Juden, die Mut hatten und beide haben sich noch während des Gymnasiums oder kurz darauf erschossen), also nicht Mut, sondern Furchtlosigkeit, ruhende, offen blickende, alles ertragende. Zwinge Dich zu nichts, aber sei nicht unglücklich darüber, daß Du Dich nicht zwingst oder darüber, daß Du, wenn Du es tun solltest, Dich zwingen müßtest. Und wenn Du Dich nicht zwingst, umlaufe nicht immerfort lüstern die Möglichkeiten des Zwanges. Freilich so klar ist es niemals oder doch, so klar ist es immer z. B.: das G. drängt mich, quält mich Tag und Nacht, ich müßte Furcht und Scham und wohl auch Trauer überwinden um ihm zu genügen, andererseits ist es aber gewiß, daß ich eine schnell und nah und willig sich darbietende Gelegenheit sofort ohne Furcht und Trauer und Scham benützen würde; dann bleibt nach dem obigen doch Gesetz, die Furcht u. s. w. nicht zu überwinden, (aber auch nicht mit dem Gedanken der Überwindung zu spielen) wohl aber die Gelegenheit benutzen (aber nicht zu klagen, wenn sie nicht kommt) Freilich es gibt ein Mittelding zwischen der "Tat" und der "Gelegenheit" nämlich das Herbeiführen, Herbeilocken der "Gelegenheit", eine Praxis, die ich nicht nur hier sondern überall leider befolgt habe. Aus dem "Gesetz" ist kaum etwas dagegen zu sagen, trotzdem dieses "Herbeilocken" besonders wenn es mit untauglichen Mitteln geschieht bedenklich ähnlich sieht dem "Spielen mit dem Gedanken der Überwindung" und von ruhender, offenblickender Furchtlosigkeit ist darin keine Spur. Es ist eben trotz "wörtlicher" Übereinstimmung mit dem "Gesetz" etwas Abscheuliches und unbedingt zu Vermeidendes. Freilich Zwang gehört dazu es zu vermeiden und zu einem Ende komme ich damit nicht.

19 (Januar 1922) Was bedeuten die gestrigen Feststellungen heute? Bedeuten das Gleiche wie gestern, sind wahr, nur daß das Blut in den Rinnen zwischen den großen Steinen des Gesetzes versickert.

Das unendliche tiefe warme erlösende Glück neben dem Korb seines Kindes zu sitzen der Mutter gegenüber.

Es ist auch etwas darin von dem Gefühl: es kommt nicht mehr auf Dich an, es sei denn daß Du es willst. Dagegen das Gefühl des Kinderlosen: immerfort kommt es auf Dich an ob Du willst oder nicht, jeden Augenblick bis zum Ende, jeden nervenzerrenden Augenblick, immerfort kommt es auf Dich an und ohne Ergebnis. Sisyphus war ein Junggeselle.

Nichts Böses; hast Du die Schwelle überschritten, ist alles gut. Eine andere Welt und Du mußt nicht reden.

Die zwei Fragen:

Ich hatte aus einigen Kleinigkeiten, die anzuführen ich mich schäme, den Eindruck, daß die letzten Besuche zwar lieb und stolz wie immer waren, aber doch auch etwas müde, etwas gezwungen, wie Krankenbesuche. Ist der Eindruck richtig?

Hast Du in den Tagebüchern etwas Entscheidendes gegen mich gefunden?

20 (Januar 1922) Ein wenig stiller. Wie notwendig war es. Kaum ist es ein wenig stiller, ist es fast zu still. Als bekäme ich das wahre Gefühl meiner Selbst nur wenn ich unerträglich unglücklich bin. Das ist wohl auch richtig.

Beim Kragen gepackt, durch die Straßen gezerrt, in die Tür hineingestoßen. Schematisch ist es so, in Wirklichkeit sind Gegenkräfte da, nur um eine Kleinigkeit – die leben- und qualerhaltende Kleinigkeit – weniger wild als jene. Ich der beiden Opfer.

Dieses "zustill". So als wäre mir – irgendwie körperlich, körperlich als Ergebnis der jahrelangen Qualen (Vertrauen! Vertrauen!) – die Möglichkeit des ruhig schaffenden Lebens verschlossen, also das schaffende Leben überhaupt, denn der Zustand der Qual ist für mich ohne Rest nichts anders als in sich verschlossene, gegen alles verschlossene Qual, nichts darüber hinaus.

Das Torso: seitlich gesehn vom obern Rand des Strumpfes aufwärts Knie, Oberschenkel und Hüfte, einer dunklen Frau gehörig.

Die Sehnsucht nach dem Land? Es ist nicht gewiß. Das Land schlägt die Sehnsucht an, die unendliche.

M. hat hinsichtlich meiner recht: "alles herrlich nur nicht für mich und mit Recht. " Mit Recht sage ich und zeige daß ich wenigstens dieses Vertrauen habe: Oder habe ich nicht einmal das? Denn ich denke nicht eigentlich an "Recht", das Leben hat vor lauter Überzeugungskraft keinen Platz in sich für Recht und Unrecht. So wie Du in der verzweifelten Sterbestunde nicht über Recht und Unrecht meditieren kannst, so nicht im verzweifelten Leben. Es genügt daß die Pfeile genau in die Wunden passen, die sie geschlagen haben.

Dagegen ist von einem allgemeinen Aburteil über die Generation bei mir keine Spur.

21 (Januar 1922) Es ist noch nicht zu still. Plötzlich im Teater angesichts des Gefängnisses Florestans öffnet sich der Abgrund. Alles, Sänger, Musik, Publikum, Nachbarn, alles ferner als der Abgrund.

So schwer war die Aufgabe niemandes, soviel ich weiß. Man könnte sagen: es ist keine Aufgabe, nicht einmal eine unmögliche, es ist nicht einmal die Unmöglichkeit selbst, es ist nichts, es ist nicht einmal soviel Kind, wie die Hoffnung einer Unfruchtbaren. Es ist aber doch die Luft, in der ich atme, solange ich atmen soll.

Ich schlief nach Mitternacht ein, erwachte um 5, eine außergewöhnliche Leistung, außergewöhnliches Glück, außerdem war ich noch schläfrig. Das Glück war aber mein Unglück, denn nun kam der nicht abzuwehrende Gedanke: soviel Glück verdienst Du nicht, alle Götter der Rache stürzten auf mich herab, ich sah ihren wütenden Obersten die Finger wild spreizen und mir drohen oder fürchterlich Cymbel schlagen. Die Aufregung der 2 Stunden bis 7 Uhr verzehrte nicht nur den Schlafgewinn, sondern machte mich den ganzen Tag über zittrig und unruhig.

Ohne Vorfahren, ohne Ehe, ohne Nachkommen, mit wilder Vorfahrens-, Ehe- und Nachkommenslust. Alle reichen mir die Hand: Vorfahren, Ehe und Nachkommen, aber zu fern für mich.

Für alles gibt es künstlichen, jämmerlichen Ersatz: für Vorfahren, Ehe und Nachkommen. In Krämpfen schafft man ihn und geht, wenn man nicht schon an den Krämpfen zugrunde gegangen ist, an der Trostlosigkeit des Ersatzes zugrunde

22 (Januar 1922) Nächtlicher Entschluß

Die Bemerkung hinsichtlich der "Junggesellen der Erinnerung" war hellseherisch, allerdings Hellseherei unter sehr günstigen Voraussetzungen. Die Ähnlichkeit mit O. R. ist aber noch darüber hinaus verblüffend: beide still (ich weniger) beide von den Eltern abhängig (ich mehr) mit dem Vater verfeindet, von der Mutter geliebt (er noch zu dem schrecklichen Zusammenleben mit dem Vater verurteilt, freilich auch der Vater verurteilt) beide schüchtern überbescheiden (er mehr) beide als edle gute Menschen angesehn wovon bei mir nichts und meines Wissens auch bei ihm nicht viel zu finden war (Schüchternheit, Bescheidenheit, Ängstlichkeit gilt als edel und gut, weil sie den eigenen expansiven Trieben wenig Widerstand entgegensetzt) beide zuerst hypochondrisch, dann wirklich krank, beide als Nichtstuer von der Welt ziemlich gut erhalten (er, weil er ein kleinerer Nichtstuer war, viel schlechter erhalten, soweit man bis jetzt vergleichen kann) beide Beamte (er ein besserer) beide allereinförmigst lebend ohne Entwicklung jung bis zum Ende, richtiger als jung ist der Ausdruck konserviert, beide nahe am Irrsinn, er, fern von Juden, mit ungeheuerem Mut, mit ungeheuerer Sprungkraft (an der man die Größe der Irrsinnsgefahr ermessen kann) in der Kirche gerettet, bis zum Ende noch, soweit man sehen konnte, lose gehalten, er selbst hielt sich wohl schon Jahre lang nicht. Ein Unterschied zu seinen Gunsten oder Ungunsten war, daß er eine kleinere künstlerische Begabung hatte als ich, also in der Jugend einen bessern Weg hätte wählen können, nicht so zerrissen war, auch durch Ehrgeiz nicht. Ob er um Frauen (mit sich) gekämpft hat, weiß ich nicht, eine Geschichte die ich von ihm gelesen habe, deutete daraufhin, auch erzählte man, als ich ein Kind war, etwas dergleichen. Ich weiß viel zu wenig von ihm, danach zu fragen wage ich nicht. Übrigens schrieb ich bis hierher leichtsinnig über ihn wie über einen Lebenden. Es ist auch unwahr, daß er nicht gut war, ich habe an ihm keine Spur von Geiz, Neid, Haß, Gier bemerkt; um selbst helfen zu können, war er wahrscheinlich zu gering. Er war unendlich viel unschuldiger als ich, hier gibt es keinen Vergleich. Er war in Einzelnheiten eine Karrikatur von mir, im Wesentlichen aber bin ich seine Karrikatur.

23. (Januar 1922) Wieder kam Unruhe. Woher?Aus bestimmten Gedanken, die schnell vergessen werden, aber die Unruhe unvergeßlich hinterlassen. Eher als die Gedanken könnte ich den Ort angeben, wo sie kamen, einer z. B. auf dem kleinen Rasenweg, der an der Altneusynagoge vorüberfährt. Auch Unruhe aus einem gewissen Wohlbehagen, das hie und da scheu und fern genug sich näherte. Unruhe auch daraus, daß der nächtliche Entschluß nur Entschluß bleibt. Unruhe daraus, daß mein Leben bisher ein stehendes Marschieren war, eine Entwicklung höchstens in dem Sinn, wie sie ein hohlwerdender, verfallender Zahn durchmacht. Es war nicht die geringste sich irgendwie bewährende Lebensführung von meiner Seite da. Es war so als wäre mir wie jedem andern Menschen der Kreismittelpunkt gegeben, als hätte ich dann wie jeder andere Mensch den entscheidenden Radius zu gehn und dann den schönen Kreis zu ziehn. Statt dessen habe ich immerfort einen Anlauf zum Radius genommen, aber immer wieder gleich ihn abbrechen müssen (Beispiele: Klavier, Violine, Sprachen, Germanistik, Antizionismus, Zionismus, Hebräisch, Gärtnerei, Tischlerei, Litteratur, Heiratsversuche, eigene Wohnung) Es starrt im Mittelpunkt des imaginären Kreises von beginnenden Radien, es ist kein Platz mehr für einen neuen Versuch, kein Platz heißt Alter, Nervenschwäche, und kein Versuch mehr bedeutet Ende. Habe ich einmal den Radius ein Stückchen weitergeführt als sonst, etwa bei Jusstudium oder bei den Verlobungen, war alles eben um dieses Stück ärger, statt besser.

Habe M. von der Nacht erzählt, ungenügend. Symptome nimm hin, klage nicht über Symptome, steige in das Leiden hinab.

Herzunruhe

Die andere Ansicht: aufgespart. Die dritte Ansicht: schon vergessen.

24 (Januar 1922) Das Glück der jungen und alten Ehemänner im Bureau. Mir unzugänglich und wenn es mir zugänglich wäre mir unerträglich und doch das einzige, an dem mich zu sättigen ich Anlage habe.

Vorschlag für E. P.

Das Zögern vor der Geburt. Gibt es eine Seelenwanderung, dann bin ich noch nicht auf der untersten Stufe. Mein Leben ist das Zögern vor der Geburt.

Standfestigkeit. Ich will mich nicht auf bestimmte Weise entwickeln, ich will auf einen andern Platz, das ist in Wahrheit jenes "Nach-einem-andern-Stern-wollen", es würde mir genügen knapp neben mir zu stehn, es würde mir genügen den Platz auf dem ich stehe als einen andern erfassen zu können

Die Entwicklung war einfach. Als ich noch zufrieden war, wollte ich unzufrieden sein und stieß mich mit allen Mitteln der Zeit und der Tradition, die mir zugänglich waren, in die Unzufriedenheit, nun wollte ich zurückkehren können. Ich war also immer unzufrieden, auch mit meiner Zufriedenheit. Merkwürdig, daß aus Komödie bei genügender Systematik Wirklichkeit werden kann. Mein geistiger Niedergang begann mit kindischem allerdings kindisch-bewußtem Spiel. Ich ließ z. B. Gesichtsmuskeln künstlich zusammenzucken, ich ging mit hinter dem Kopf gekreuzten Armen über den Graben. Kindlich-widerliches aber erfolgreiches Spiel. (Ähnlich war es mit der Entwicklung des Schreibens, nur daß diese Entwicklung leider später stockte.) Wenn es möglich ist auf diese Weise das Unglück herbeizuzwingen, sollte alles herbeizwingbar sein. Ich kann, so sehr mich die Entwicklung zu widerlegen scheint und so sehr es überhaupt meinem Wesen widerspricht so zu denken, auf keine Weise zugeben, daß die ersten Anfänge meines Unglücks innerlich notwendig waren, sie mögen Notwendigkeit gehabt haben, aber nicht innerliche, sie kamen angeflogen wie Fliegen und wären so leicht wie sie zu vertreiben gewesen.

Das Unglück auf dem andern Ufer wäre ebenso groß, wahrscheinlich größer (infolge meiner Schwäche), die Erfahrung dessen habe ich doch, der Hebel zittert gewissermaßen noch von der Zeit her, als ich ihn zuletzt umgestellt habe, warum vergrößere ich aber dann das Unglück auf diesem Ufer zu sein durch die Sehnsucht nach dem andern.

25 (Januar 1922) Traurig mit Grund. Abhängig von diesem. Immer in Gefahr. Kein Ausweg. Wie leicht war es das erste Mal, wie schwer diesmal. Wie hilflos schaut mich der Tyrann an: "Dorthin führst Du mich?" Trotzallem also doch nicht Ruhe, am Nachmittag ist die Hoffnung des Morgens begraben. Mit einem solchen Leben in Liebe sich abfinden ist unmöglich, es gab gewiß noch keinen Menschen, der das hätte können. Wenn andere Menschen an diese Grenze kamen – und schon hierher gekommen zu sein ist erbärmlich – schwenkten sie ab, ich kann es nicht. Mir scheint es auch, als wäre ich gar nicht hierhergekommen, sondern schon als kleines Kind hingedrängt und dort mit Ketten festgehalten worden, nur das Bewußtsein des Unglücks dämmerte allmählich auf, das Unglück selbst war fertig, es bedurfte nur eines durchdringenden, keines prophetischen Blicks, um es zu sehn.

Am Morgen dachte ich: "Auf diese Weise kannst Du doch vielleicht leben, jetzt behüte dieses Leben nur vor Frauen." Behüte es vor Frauen, aber in dem Auf-diese-Weise stecken sie schon.

Zu sagen, daß Du mich verlassen hast, wäre sehr ungerecht, aber daß ich verlassen war, und zeitweise schrecklich, ist wahr.

Auch im Sinne des "Entschlusses" habe ich das Recht über meine Lage grenzenlos verzweifelt zu sein.

27. (Januar 1922) Spindelmühle. Notwendigkeit der Unabhängigkeit von dem mit Ungeschick gemischtem Unglück des doppelten Schlittens, des zerbrochenen Koffers, des wackelnden Tisches, des schlechten Lichtes, der Unmöglichkeit im Hotel nachmittag Ruhe zu haben udgl. Das ist nicht zu erreichen indem man es vernachlässigt, denn es kann nicht vernachlässigt werden, das ist nur zu erreichen durch Heranführung neuer Kräfte. Hier allerdings gibt es Überraschungen, das muß der trostloseste Mensch zugeben, es kann erfahrungsgemäß aus Nichts etwas kommen, aus dem verfallenen Schweinestall der Kutscher mit den Pferden kriechen.

Die abbröckelnden Kräfte während der Schlittenfahrt. Man kann ein Leben nicht so einrichten wie ein Turner den Handstand

Merkwürdiger, geheimnisvoller, vielleicht gefährlicher, vielleicht erlösender Trost des Schreibens: das Hinausspringen aus der Totschlägerreihe Tat – Beobachtung, Tat – Beobachtung, indem eine höhere Art der Beobachtung geschaffen wird, eine höhere, keine schärfere, und je höher sie ist, je unerreichbarer von der "Reihe" aus, desto unabhängiger wird sie, desto mehr eigenen Gesetzen der Bewegung folgend, desto unberechenbarer, freudiger, steigender ihr Weg.

Trotzdem ich dem Hotel deutlich meinen Namen geschrieben habe, trotzdem auch sie mir zweimal schon richtig geschrieben haben, steht doch unten auf der Tafel Josef K. Soll ich sie aufklären oder soll ich mich von ihnen aufklären lassen?

28 (Januar 1922) Ein wenig bewußtlos müde vom Rodeln, es gibt noch Waffen, so selten angewendet, ich dringe so schwer zu ihnen vor, weil ich die Freude an ihrem Gebrauch nicht kenne, als Kind nicht gelernt habe. Ich habe sie nicht nur "aus V.’s Schuld" nicht gelernt, sondern auch deshalb weil ich ja die "Ruhe" zerstören, das Gleichgewicht stören wollte und deshalb nicht drüben jemanden neugeboren werden lassen durfte, wenn ich ihn hüben zu begraben mich anstrengte. Freilich komme ich auch hier zur "Schuld", denn warum wollte ich aus der Welt hinaus? Weil "er" mich in der Welt, in seiner Welt nicht leben ließ. So klar darf ich es jetzt allerdings nicht beurteilen, denn jetzt bin ich schon Bürger in dieser andern Welt, die sich zur gewöhnlichen Welt verhält wie die Wüste zum ackerbauenden Land (ich bin 40 Jahre aus Kanaan hinausgewandert), sehe als Ausländer zurück, bin freilich auch in jener andern Welt – das habe ich als Vatererbschaft mitgebracht – der Kleinste und Ängstlichste und bin dort nur kraft der besondern dortigen Organisation lebensfahig, nach welcher es dort auch für die Niedrigsten blitzartige Erhöhungen allerdings auch meerdruckartige tausendjährige Zerschmetterungen gibt. Muß ich trotzallem nicht dankbar sein? Hätte ich den Weg hierher finden müssen? Hätte ich nicht durch die "Verbannung" dort verbunden mit der Abweisung hier an der Grenze erdrückt werden können? Ist nicht durch V.’s Macht die Ausweisung so stark gewesen, daß ihr (nicht mir) nichts widerstehen konnte? Freilich, es ist wie die umgekehrte WCistenwanderung mit den fortwährenden Annäherungen an die Wüste und den kindlichen Hoffnungen: (besonders hinsichtlich der Frauen) "ich bleibe doch vielleicht in Kanaan" und inzwischen bin ich schon längst in der Wüste und es sind nur Visionen der Verzweiflung besonders in jenen Zeiten, in denen ich auch dort der Elendeste von allen bin und Kanaan sich als das einzige Hoffnungsland darstellen muß, denn ein drittes Land gibt es nicht für die Menschen.

29 (Januar 1922) Angriffe auf dem Weg im Schnee am Abend. Immer die Vermischung der Vorstellungen etwa so: In dieser Welt wäre die Lage schrecklich, hier allein in Sp., überdies auf einem verlassenen Weg, auf dem man im Dunkel im Schnee fortwährend ausgleitet, überdies ein sinnloser Weg ohne irdisches Ziel (zur Brücke? Warum dorthin? Außerdem habe ich sie nicht einmal erreicht), überdies auch ich verlassen im Ort, (den Arzt kann ich nicht als menschlich persönlichen Helfer rechnen, ich habe mir ihn nicht verdient, habe im Grunde nur die Honorarbeziehung zu ihm), unfähig mit jemandem bekannt zu werden, unfähig eine Bekanntschaft zu ertragen, im Grunde voll endlosen Staunens vor einer heiteren Gesellschaft (hier im Hotel ist allerdings nicht viel Heiteres, ich will nicht soweit gehn zu sagen, daß ich die Ursache dessen bin, etwa als "der Mann mit dem allzu großen Schatten" aber mein Schatten ist in dieser Welt tatsächlich allzu groß, und mit neuem Staunen sehe ich die Widerstandsfähigkeit mancher Menschen dennoch "trotz allem" auch in diesem Schatten, gerade in ihm leben zu wollen; aber hier kommt doch noch anderes hinzu, wovon noch zu reden ist) oder gar vor Eltern mit ihren Kindern überdies nicht nur hier so verlassen sondern überhaupt, auch in Prag meiner "Heimat" undzwar nicht von den Menschen verlassen, das wäre nicht das Schlimmste, ich könnte ihnen nachlaufen, solange ich lebe, sondern von mir in Beziehung auf die Menschen, von meiner Kraft in Beziehung auf die Menschen, ich habe Liebende, aber ich kann nicht lieben, ich bin zu weit, bin ausgewiesen, habe da ich doch Mensch bin und die Wurzeln Nahrung wollen, auch dort "unten" (oder oben) meine Vertreter, klägliche ungenügende Komödianten, die mir nur deshalb genügen können (freilich, sie genügen mir gar nicht und deshalb bin ich so verlassen) weil meine Hauptnahrung von andern Wurzeln in anderer Luft kommt, auch diese Wurzeln kläglich, aber doch lebensfähiger.

Dieses leitet über zu der Vermischung der Vorstellungen. Wäre es nur so, wie es auf dem Weg im Schnee scheinen kann, dann wäre es schrecklich, dann wäre ich verloren, dies nicht als eine Drohung aufgefaßt sondern als sofortige Hinrichtung. Aber ich bin anderswo, nur die Anziehungskraft der Menschenwelt ist ungeheuerlich, in einem Augenblick kann sie alles vergessen machen. Aber auch die Anziehungskraft meiner Welt ist groß, diejenigen, welche mich lieben, lieben mich, weil ich "verlassen" bin, undzwar vielleicht doch nicht als Weiß’sches Vacuum, sondern weil sie fühlen, daß ich die Freiheit der Bewegung, die mir hier völlig fehlt, auf einer andern Ebene in glücklichen Zeiten habe.

Wenn M. z. B. hierher plötzlich käme, es wäre schrecklich. Zwar äußerlich wäre meine Stellung vergleichsweise sofort glänzend. Ich wäre geehrt als ein Mensch unter Menschen, ich bekäme mehr als nur förmliche Worte, ich säße (freilich weniger aufrecht als jetzt, da ich allein sitze, und auch jetzt sitze ich zusammengefallen) am Tisch der Schauspielergesellschaft, ich wäre Dr. H. social äußerlich fast ebenbürtig – aber ich wäre abgestürzt in eine Welt, in der ich nicht leben kann. Bleibt nur das Rätsel zu lösen, warum ich in Marienbad 14 Tage glücklich war und warum ich es infolgedessen, allerdings nach der schmerzensvollen Grenzdurchbrechung, vielleicht auch hier mit M. werden könnte. Aber wohl viel schwerer als in Marienbad, die Ideologie ist fester, die Erfahrungen größer. Was früher ein trennendes Band war, ist jetzt eine Mauer oder ein Gebirge oder richtiger: ein Grab.

30 (Januar 1922) Warten auf die Lungenentzündung. Furcht nicht so sehr vor der Krankheit als wegen der Mutter und vor ihr, vor dem Vater, dem Direktor und weiterhin allen. Hier scheint es deutlich zu sein, daß die 2 Welten bestehn und daß ich der Krankheit gegenüber so unwissend, so beziehungslos, so ängstlich bin wie etwa gegenüber dem O. Sonst aber scheint mir die Teilung allzu bestimmt, in ihrer Bestimmtheit gefährlich, traurig und zu herrisch zu sein. Wohne ich denn in der andern Welt? Wage ich das zu sagen?

Wenn jemand sagt: "Was liegt mir denn am Leben? Nur wegen meiner Familie will ich nicht sterben. " Aber die Familie ist ja eben die Repräsentantin des Lebens, also will er doch wegen des Lebens am Leben bleiben. Nun das scheint was die Mutter betrifft, für mich auch zu gelten, aber erst in letzter Zeit. Ob es aber nicht die Dankbarkeit und Rührung ist, die mich dazu bringt, Dankbarkeit und Rührung, weil ich sehe, wie sie mit für ihr Alter unendlicher Kraft sich bemüht meine Beziehungslosigkeit zum Leben auszugleichen. Aber Dankbarkeit ist auch Leben.

31 (Januar 1922) Das würde heißen, daß ich wegen der Mutter am Leben bin. Das kann nicht richtig sein, denn selbst wenn ich unendlich viel mehr wäre als ich bin, wäre ich nur ein Abgesandter des Lebens und wenn durch nichts anderes, durch diesen Auftrag mit ihm verbunden.

Das Negative allein kann, wenn es noch so stark ist, nicht genügen, wie ich in meinen unglücklichsten Zeiten glaube. Denn wenn ich nur die kleinste Stufe erstiegen habe, in irgendeiner sei es auch der fragwürdigsten Sicherheit bin, strecke ich mich aus und warte bis das Negative – nicht etwa mir nachsteigt – sondern die kleine Stufe mich hinabreißt. Darum ist es ein Abwehrinstinkt, der die Herstellung des kleinsten dauernden Behagens für mich nicht duldet und z. B. das Ehebett zerschlägt, ehe es noch aufgestellt ist

1 II (1922) Nichts, nur müde. Glück des Fuhrmanns z. B., der jeden Abend so wie ich heute meinen, und noch viel schöner erlebt. Abend etwa auf dem Ofen. Der Mensch reiner als am Morgen, die Zeit vor dem müden Einschlafen ist die eigentliche Zeit der Reinheit von Gespenstern, alle sind vertrieben, erst mit der fortschreitenden Nacht kommen sie wieder heran, am Morgen sind sie sämtlich wenn auch noch unkenntlich da, und nun beginnt wieder beim gesunden Menschen ihre tägliche Vertreibung.

Mit primitivem Blick gesehn ist die eigentliche, unwidersprechliche, durch nichts außerhalb (Märtyrertum, Opferung für einen Menschen) gestörte Wahrheit nur der körperliche Schmerz. Merkwürdig daß nicht der Gott des Schmerzes der Hauptgott der ersten Religionen war (sondern vielleicht erst der späteren) Jedem Kranken sein Hausgott, dem Lungenkranken der Gott des Erstickens. Wie kann man sein Herankommen ertragen, wenn man nicht an ihm Anteil hat noch vor der schrecklichen Vereinigung.

2 (Februar 1922) Kampf auf dem Weg zum Tannenstein am Vormittag, Kampf beim Zuschauen des Ski-Wettspringens. Der kleine fröhliche B. in aller seiner Unschuld irgendwie von meinen Gespenstern beschattet, wenigstens für meine Augen, besonders das eine vorgestellte Bein in dem grauen eingedrehten Strumpf, der zwecklos umherstreifende Blick, die zwecklosen Worte. Es fällt mir dabei ein – aber das ist schon künstlich – daß er mich gegen Abend nachhause begleiten wollte.

Der "Kampf" würde beim Erlernen eines Handwerks wahrscheinlich entsetzlich sein.

Die durch den "Kampf" erzielte wahrscheinliche Höchststärke des Negativen macht die Entscheidung zwischen Irrsinn oder Sicherung nahe bevorstehend.

Glück mit Menschen beisammen zu sein.

3 (Februar 1922) Schlaflos, fast gänzlich; von Träumen geplagt, so wie wenn sie in mich, in ein widerwilliges Material eingekratzt würden.

Eine Schwäche, ein Mangel ist deutlich, aber schwer zu beschreiben, es ist eine Mischung von Ängstlichkeit, Zurückhaltung, Geschwätzigkeit, Lauheit, ich will damit etwas Bestimmtes umschreiben, eine Gruppe von Schwächen, die in einem besondern Aspekt eine einzige genau charakterisierte Schwäche darstellen (die sich nicht mischt mit den großen Lastern wie Lügenhaftigkeit, Eitelkeit u. s. w.). Diese Schwäche hält mich sowohl vom Irrsinn wie von jedem Aufstieg ab. Dafür daß sie mich vom Irrsinn abhält, pflege ich sie; aus Angst vor Irrsinn opfere ich den Aufstieg und werde dieses Geschäft auf dieser Ebene, die keine Geschäfte kennt, gewiß verlieren. Wenn nicht die Schlaflosigkeit sich einmischt und mit ihrer nächtlich-täglichen Arbeit alles niederbricht, was hindert, und den Weg freilegt. Dann wird aber wiederum nur der Irrsinn mich aufnehmen, da ich den Aufstieg, den man nur erreicht, wenn man ihn will, nicht wollte.

4 (Februar 1922) In der verzweifelten Kälte, das veränderte Gesicht, die unbegreiflichen andern,

Was M. sagte, ohne die Wahrheit dessen vollständig verstehen zu können (es gibt auch einen berechtigten traurigen Hochmut) über das Glück des Plauderns mit Menschen. Wie kann andere Menschen als mich das Plaudern freuen! Zu spät wahrscheinlich und auf eigentümlichem Umweg Rückkehr zu den Menschen.

5 (Februar 1922) Ihnen entlaufen. Irgendein geschickter Sprung. Zuhause bei der Lampe im stillen Zimmer. Unvorsichtig es zu sagen. Es ruft sie aus den Wäldern, wie wenn man die Lampe angezündet hätte, um ihnen auf die Spur zu helfen.

6 (Februar 1922) Trost im Anhören dessen, daß einer in Paris, Brüssel, London, Liverpool auf einem Brasiliendampfer, der auf dem Amazonenstrom bis an die Grenze von Peru führte, gedient hat, im Krieg die schrecklichen Leiden des Winterfeldzuges in den 7 Gemeinden verhältnismäßig leicht ertragen hat, weil er aus der Kindheit an Strapazen gewöhnt war. Der Trost liegt nicht nur in der demonstrativen Vorführung solcher Möglichkeiten, sondern in dem Lustgefühl, daß mit diesen Errungenschaften der ersten Ebene gleichzeitig notwendig auch auf der zweiten Ebene vieles erkämpft, vieles aus verkrampften Fäusten gerissen worden sein muß. Es ist also möglich.

7 (Februar 1922) geschützt und verbraucht von K. und H.

8 (Februar 1922) äußerst mißbraucht von beiden und doch – leben könnte ich zwar so nicht und es ist kein Leben, es ist ein Seilziehn, bei dem der andere fortwährend arbeitet und siegt und doch mich niemals hinüberbekommt, aber eine friedliche Betäubung ist es ähnlich wie damals bei W.

9 (Februar 1922) zwei Tage verloren aber die gleichen 2 Tage gebraucht zur Einbürgerung

10 (Februar 1922) schlaflos, ohne den geringsten Zusammenhang mit Menschen außer dem von ihnen selbst hergestellten, der mich für den Augenblick überzeugt wie alles was sie tun

Neuer Angriff von G. Es ist klarer als irgendetwas sonst, daß ich, von rechts und links von übermächtigen Feinden angegriffen, weder nach rechts noch links ausweichen kann, nur vorwärts hungriges Tier führt der Weg zur eßbaren Nahrung, atembaren Luft, freiem Leben, sei es auch hinter dem Leben. Du führst die Massen, großer langer Feldherr, führe die Verzweifelten durch die unter dem Schnee für niemanden sonst auffindbaren Paßstraßen des Gebirges. Und wer gibt Dir die Kraft? Wer Dir die Klarheit des Blickes gibt.

Der Feldherr stand beim Fenster der verfallenen Hütte und blickte mit aufgerissenen, unschließbaren Augen in die Reihen der draußen in Schnee und trübem Mondlicht vorbeimarschierenden Truppen. Hie und da schien es ihm, als mache ein Soldat außerhalb der Reihen beim Fenster halt, drücke das Gesicht an die Scheiben, blicke ihn kurz an und gehe dann weiter. Trotzdem es immer ein anderer Soldat war, schien es immer der gleiche zu sein, ein Gesicht mit starken Knochen, dicken Wangen, runden Augen, rauher gelblicher Haut und immer während er weggieng, brachte er das Riemenzeug in Ordnung, zuckte mit den Schultern und schwang die Beine, um wieder in Taktschritt mit der im Hintergrund unverändert marschierenden Masse zu kommen. Der Feldherr wollte dieses Spiel nicht länger dulden, lauerte auf den nächsten Soldaten, riß vor ihm das Fenster auf und packte den Mann an der Brust. "Herein mit Dir" sagte er und ließ ihn durch das Fenster einsteigen. Dort trieb er ihn vor sich in eine Ecke, stellte sich vor ihn und fragte: "Wer bist Du?" "Nichts" sagte ängstlich der Soldat. "Das ließ sich erwarten" sagte der Feldherr. "Warum hast Du hereingeschaut?" Um zu sehn ob Du noch hier bist.

In seiner Hand hielt er einen Brief

11 (Februar 1922) Drei Sporne meines Lebens

12 (Februar 1922) Die abweisende Gestalt, die ich immer traf, war nicht die welche sagt: Ich liebe Dich nicht, sondern welche sagt: "Du kannst mich nicht lieben, so sehr Du es willst, Du liebst unglücklich die Liebe zu mir, die Liebe zu mir liebt Dich nicht. " Infolgedessen ist es unrichtig zu sagen, daß ich das Wort "Ich liebe Dich" erfahren habe, ich habe nur die wartende Stille erfahren, welche von meinem "Ich liebe Dich" hätte unterbrochen werden sollen, nur das habe ich erfahren, sonst nichts.

Die Angst beim Rodeln, die Ängstlichkeit des Gehens auf glattem Schneeboden, eine kleine Geschichte, die ich heute gelesen habe, bringt wieder den lange unbeachteten, immer naheliegenden Gedanken herauf, ob nicht doch nur der irrsinnige Eigennutz, die Angst um mich undzwar nicht die Angst um ein höheres Ich, sondern die Angst um mein gemeines Wohlbefinden die Ursache meines Niederganges war, so freilich, daß ich aus mir selbst den Rächer geschickt habe (ein besonderes: die-rechte-Hand-weiß-nicht-was-die-linke-tut). In meiner Kanzlei wird immer noch gerechnet, als finge mein Leben erst morgen an, indessen bin ich am Ende.

13 (Februar 1922) Die Möglichkeit aus voller Brust zu dienen

14 (Februar 1922) Die Macht des Behagens über mich, meine Ohnmacht ohne das Behagen. Ich kenne niemanden, bei dem beide so groß wären. Infolgedessen ist alles was ich baue, luftig, ohne Bestand, das Stubenmädchen, das mir früh das warme Wasser zu bringen vergißt, wirft meine Welt um. Dabei verfolgt mich das Behagen seit jeher und hat mir nicht nur die Kraft genommen anderes zu ertragen, aber auch jene das Behagen selbst zu schaffen, es schafft sich um mich von selbst oder ich erreiche es durch Betteln, Weinen, Verzicht auf Wichtigeres.

15 (Februar 1922) Ein wenig Gesang unter mir, ein wenig Türenzuschlagen auf dem Gang und alles ist verloren.

16 (Februar 1922) Die Geschichte von der Gletscherspalte

17 (Februar 1922) (von Spindelmühle zurückgekommen. Germanistin)

18 (Februar 1922) Teaterdirektor, der alles von Grund auf selbst schaffen muß, sogar die Schauspieler muß er erst zeugen. Ein Besucher wird nicht vorgelassen, der Direktor ist mit wichtigen Teaterarbeiten beschäftigt. Was ist es? Er wechselt die Windeln eines künftigen Schauspielers.

19 (Februar 1922) Hoffnungen?

Weg zu L. Zurückdrängen!

20 (Februar 1922) Unmerkliches Leben. Merkliches Mißlingen.

21 (Februar 1922) Gang durch die Straßen am Abend. Das Hin und Her der Frauen

22 (Februar 1922) In den Gassen. Ein Gedanke

23 (Februar 1922)

24 (Februar 1922) Hilflosigkeit. Der Hund an der Kette, der Rückblick zum dunklen Haus

25 (Februar 1922) Ein Brief

26 (Februar 1922) Ich gebe es zu – wem gebe ich es zu? dem Brief? – daß es in mir Möglichkeiten gibt, nahe Möglichkeiten, die ich noch nicht kenne, aber nur den Weg zu ihnen finden und wenn ich ihn gefunden habe, wagen! Dieses bedeutet sehr viel: es gibt Möglichkeiten, es bedeutet sogar, daß aus einem Schuft ein ehrenhafter Mensch werden kann, ein in Ehrenhaftigkeit glücklicher Mensch.

Deine Halbschlafphantasien in letzter Zeit.

27 (Februar 1922) Ein schlechter Nachmittagsschlaf, alles verändert, die Not wieder an den Leib gerückt

28 (Februar 1922) Blick auf den Turm und den blauen Himmel. Ruhend.

1 III (1922) Richard III. Ohnmacht

5 III (1922) Drei Tage im Bett. Kleine Gesellschaft vor dem Bett. Umschwung. Flucht. Vollständige Niederlage. Immer die in Zimmern eingesperrte Weltgeschichte.

6 III (1922) Neuer Ernst und Müdigkeit

7 (März 1922) Gestern der schlimmste Abend, so als sei alles zu ende

9 (März 1922) Das war aber nur Müdigkeit, heute aber neuer den Schweiß aus der Stirn treibender Angriff. Wie wäre es wenn man an sich selbst erstickte? Wenn durch drängende Selbstbeobachtung die Öffnung durch die man sich in die Welt ergießt, zu klein oder ganz geschlossen würde? Weit bin ich zu Zeiten davon nicht. Ein rücklaufender Fluß. Das geschieht zum großen Teil schon seit langem.

Das Pferd des Angreifers zum eigenen Ritt benützen. Einzige Möglichkeit. Aber was für Kräfte und Geschicklichkeiten verlangt das? Und wie spät ist es schon!

Buschleben. Eifersucht auf die glückliche, unerschöpfliche und doch sichtbar aus Not (nicht anders als ich) arbeitende, aber immer alle Forderungen des Gegners erfüllende Natur. Und so leicht, so musikalisch.

Früher wenn ich einen Schmerz hatte und er verging, war ich glücklich, jetzt bin ich nur erleichtert, habe aber das bittere Gefühl: "wieder nur gesund, nicht mehr"

Irgendwo wartet die Hilfe und die Treiber lenken mich hin.

9 III (1922) Die Jämmerlichkeit. Die Beschimpfungen. Der innere Feind (Hardt)

13 (März 1922) Das reine Gefühl und die Klarheit über seine Gründe. Der Anblick der Kinder, besonders eines Mädchens (aufrechter Gang, kurze schwarze Haare) und eines andern (blond, unbestimmte Züge, unbestimmtes Lächeln), die aufmunternde Musik, der Marschschritt. Das Gefühl eines der in Not ist und es kommt Hilfe, der sich aber nicht freut, weil er gerettet wird – er wird gar nicht gerettet – sondern weil neue junge Menschen kommen, zuversichtlich, bereit den Kampf aufzunehmen, zwar unwissend hinsichtlich dessen was bevorsteht, aber in einer Unwissenheit, die den Zuschauenden nicht hoffnungslos macht, sondern ihn zur Bewunderung, zur Freude, zu Tränen bringt. Auch Haß gegen den, dem der Kampf gilt, mischt sich ein (aber wenig jüdisches Gefühl, wie ich glaube)

15 (März 1922) Einwände genommen aus dem Werk: Popularisierung undzwar mit Lust – und Zauberei. Wie er an den Gefahren vorbeikommt. (Blüher)

Sich flüchten in ein erobertes Land und bald es unerträglich finden, denn man kann sich nirgendhin flüchten

16 (März 1922) Die Angriffe, die Angst. Ratten, die an mir reißen und die ich durch meinen Blick vermehre

17 (März 1922) 37 4

18 (März 1922) Die beliebige Begegnung (mit H. und Th.) das Zusammenzucken, der umherirrende krampfhafte Blick, die Müdigkeit nachher, fast Bedürftigkeit sich irgendwo anzulehnen, Klagelaute

Noch nicht geboren und schon gezwungen zu sein, auf den Gassen herumzugehn und mit Menschen zu sprechen

19 (März 1922) Hysterie (Bl.) schlagend und aus unbekannten Gründen beglückend.

20 (März 1922) Gestern mißlungener, heute verlorener (?) Abend. Schwerer Tag. Träumereien Bl. betreffend. Auch, ängstlicher, Mi.

Die Abendessensunterhaltung über Mörder und Hinrichtung. Unbekannt jede Angst in der ruhig atmenden Brust. Unbekannt der Unterschied zwischen vollbrachtem und geplantem Mord

22 (März 1922) Nachmittag Traum vom Geschwür an der Wange. Die fortwährend zitternde Grenze zwischen dem gewöhhlichen Leben und dem scheinbar wirklicherem Schrecken.

24 (März 1922) Wie es lauert! Auf dem Weg zum Arzt z. B., so häufig dort.

29 (März 1922) Im Strom

4 April (1922) Wie weit ist der Weg von der inneren Not etwa zu einer Szene wie der im Hof und wie kurz ist der Rückweg. Und da man nun in der Heimat ist kann man nicht mehr fort

6 (April 1922) Schon seit 2 Tagen geahnt, gestern ein Ausbruch, weitere Verfolgung, große Kraft des Feindes. Einer der Anlässe: Gespräch mit der Mutter, Scherze über die Zukunft. – Geplanter Brief an Milena.

Die 3 Erinnyen. Flucht in den Hain. Milena

7 (April 1922) Die 2 Bilder und die 2 Terakotten in der Ausstellung

Märchenprinzessin (Kubin) nackt auf dem Divan, blickt durch das offene Fenster, stark hereindringende Landschaft, in ihrer Art freie Luft wie auf dem Bild von Schwind

Nacktes Mädchen (Bruder) deutschböhmisch, in ihrer jedem andern unzugänglichen Grazie treu von einem Liebenden erfaßt, edel, überzeugend, verführend.

| Sitzendes Bauermädchen, ein Fuß unten, genießerisch ruhend, im Knöchel gekrümmt,

|

Pietsch |

| Stehendes Mädchen, rechter Arm umschließtüber dem Bauch den Leib, linke Hand stützt unter dem Kinn den Kopf, plattnasiges, einfältig-tiefsinniges, einmaliges Gesicht.

Brief von Storm

10 IV (1922) Die 5 Leitsätze zur Hölle: (genetische Aufeinanderfolge)

1.) "Hinter dem Fenster ist das Schlimmste. " Alles andere ist engelhaft, entweder ausdrücklich, oder bei Nichtbeachtung (der häufigere Fall) schweigend zugegeben

2.) "Du mußt jedes Mädchen besitzen! " nicht donjuanmäßig, sondern nach dem Teufelswort "sexuelle Etikette"

3.) "Dieses Mädchen darfst Du nicht besitzen! " und kannst es daher auch nicht. Himmlische Fata Morgana in der Hölle.

4.) "Alles ist nur Notdurft"; da Du sie hast, gib Dich zufrieden

5.) "Notdurft ist alles". Wie könntest Du alles haben? Infolgedessen hast Du nicht einmal die Notdurft.

Als Junge war ich (und wäre es sehr lange geblieben, wenn ich nicht mit Gewalt auf sexuelle Dinge gestossen worden wäre) hinsichtlich sexueller Angelegenheiten so unschuldig und uninteressiert wie heute etwa hinsichtlich der Relativitätsteorie. Nur Kleinigkeiten (aber auch die erst nach genauer Belehrung) fielen mir auf, etwa daß gerade die Frauen, die mir auf der Gasse die schönsten und die schönstangezogenen schienen, schlecht sein sollten.

Ewige Jugend ist unmöglich; selbst wenn kein anderes Hindernis wäre, die Selbstbeobachtung machte sie unmöglich

11 (April 1922) "Für ihn taugt nur die schmutzige, ältliche, ganz fremde Frau mit runzligen Schenkeln, welche ihm den Samen in einem Augenblick entzieht, das Geld einsteckt und ins Nebenzimmer eilt, wo schon ein anderer Gast auf sie wartet. "

Bei Fr. mit Max, gleich der Brief

13 (April 1922) Maxens Leid. Vormittag in seinem Bureau

Nachmittag vor der Theinkirche (Ostersamstag)

Angst vor Störungen (Tr. M. Pe. Va. K.) Schlaflosigkeit aus dieser Angst

Letzthin Schreckenstraum wegen M.’s Brief in der Brieftasche

I) Junges kleines Mädchen 18 Jahre, Nase, Kopfform, blond, im Profil flüchtig gesehn, kam aus der Kirche.

16 (April 1922) Maxens Leid. Spaziergang mit ihm. Dienstag fährt er fort

II 5jähriges Mädchen, Baumgarten, kleiner Weg zur Hauptallee, Haar, Nase, helles Gesicht. Fragt: "Jak sejmenuje ten

ktery to dela slinama?" " Ty myslis vlastovku"

23 (April 1922) III braungelbe Samtjacke in der Ferne gegen den Obstmarkt zu

hilflose Tage, gestern Nacht

soviel Kraft und Fülle, nutzlos, jeder sieht es, nichts kann es verbergen

27 (April 1922) IV Gestern Makkabimädchen in Selbstwehrredaktion telephoniert: "Prisla jsem ti pomoct." Reine herzliche Stimme und Sprache

Kurz darauf M. die Tür geöffnet

8 V (1922) Arbeit mit dem Pflug. Er bohrt sich tief ein und fährt doch leicht. Oder er ritzt nur den Boden. Oder er fährt leer mit hochgezogener nichtiger Pflugschar; mit ihr oder ohne ihr, es ist gleichgültig

Die Arbeit schließt sich, wie sich eine ungeheilte Wunde schließen kann

Heißt es ein Gespräch führen, wenn der andere schweigt und man um den Schein des Gespräches aufrechtzuerhalten, ihn zu ersetzen sucht, also nachahmt, also parodiert, also sich selbst parodiert.

M. hier gewesen, kommt nicht mehr, wahrscheinlich klug und wahr und es gibt doch vielleicht eine Möglichkeit, deren geschlossene Tür wir beide bewachen, daß sie sich nicht öffne oder vielmehr daß wir sie nicht öffnen, denn allein öffnet sie sich nicht.

Maggid

12 V (1922) Die ununterbrochene Mannigfaltigkeit und mitten darin einmal der rührende Anblick einer augenblicksweise nachlassenden Variationskraft

aus Pilger Kamanita, aus den Veden: "Gleichwie, o Teuerer, ein Mann, den sie aus dem Lande der Gandharer mit verbundenen Augen hergeführt und dann in die Einöde losgelassen haben, nach Osten oder nach Norden, oder nach Süden verschlagen wird, weil er mit verbundenen Augen hergeführt und mit verbundenen Augen losgelassen worden war; aber nachdem ihm jemand die Binde abgenommen und zu ihm gesprochen: >Dort hinaus wohnen die Gandharer dort hinaus gehe< von Dorf zu Dorf sich weiterfragend, belehrt und verständig zu den Gandharern heimgelangt: also auch ist ein Mann, der hienieden einen Lehrer gefunden hat, sich bewußt: >diesem Welttreiben werde ich nur so lange angehören, bis ich erlöst sein werde, und dann werde ich heimgehen<."

ebendort: "Ein solcher, solange er im Leibe ist, sehen ihn die Menschen und Götter; nachdem aber sein Leib im Tode zerfallen ist, sehen ihn die Menschen und Götter nicht mehr. Und auch die Natur, die Alles erspähende, sieht ihn nicht mehr: geblendet hat er das Auge der Natur, entschwunden ist er der bösen. "

13 V (1922) Nichts

17 (Mai 1922) Traurig

19 (Mai 1922) Vorlesung Eva Vischer

Zuzweit fühlt er sich verlassener, als allein. Ist er mit jemandem zuzweit, greift dieser zweite nach ihm und er ist ihm hilflos ausgeliefert. Ist er allein greift zwar die ganze Menschheit nach ihm, aber die unzähligen ausgestreckten Arme verfangen sich ineinander und niemand erreicht ihn.

20 (Mai 1922) Die Freimaurer auf dem Altstädter Ring. Die mögliche Wahrheit jeder Rede und Lehre.

Das kleine, schmutzige, bloßfüssige laufende Mädchen im Hemdkleidchen mit wehendem Haar.

23 (Mai 1922) Unrichtig über jemanden zu sagen: er hatte es leicht, er hat wenig gelitten richtiger: er war so daß ihm nichts geschehen konnte am richtigsten: er hat alles durchlitten, aber alles in einem gemeinsamen einzigen Augenblick; wie hätte ihm etwas noch geschehen können, da die Variationen des Leides in Wirklichkeit oder durch sein Machtwort vollständig erschöpft waren (2 alte Engländerinnen bei Taine)

25 (Mai 1922) Vorgestern "H.-K." Heute schöner Spaziergang. Überall Sitzende, müde Stehende, träumend Lehnende. – Viel gestört

26. (Mai 1922) Die schweren "Angriffe" beim Abendspaziergang [entstanden aus 4 winzigen Unannehmlichkeiten während des Tages (Hund in der Sommerfrische, Buch des Mares, Einschreibung als Soldat, Ausborgen des Geldes durch P.)] weilchenweise Zerrüttung Hilflosigkeit, Aussichtslosigkeit, unausmeßbarer Abgrund, nichts als Abgrund, erst beim Einbiegen ins Haustor die mir sonst naheliegende Möglichkeit eines Hilfsgedankens, die mir diesmal während des ganzen Weges nicht eingefallen war, offenbar weil ich sie bei der vollkommenen Trostlosigkeit gar nicht gesucht hatte

30 (Mai 1922) Der "Angriff" in der Nacht

5 VI (1922) Schlimme Tage (G.) Vier oder 5 Tage schon. Talent für "Flickarbeit"

Begräbnis Myslbecks

12 VI (1922) Elf Tage schon. Gestern Frana. Heute Brief an M.

16 VI (1922) Ausbrüche der Geschmacklosigkeit, Verwirrung. – G. nach H.

Bei Besprechung dieses Buches ist man, ganz abgesehen von den nicht zu überwindenden Schwierigkeiten, welche die denkerische und visionäre Kraft Blühers immer bereitet auch dadurch in einer schwierigen Lage, daß man merkwürdig leicht, bei jeder Bemerkung fast, in den Verdacht kommt, man wolle die Gedanken dieses Buches ironisch abtun. Man kommt in diesen Verdacht, selbst wenn man wie ich angesichts dieses Buches von nichts weiter entfernt ist als von Ironie. Diese Schwierigkeit der Besprechung hat ein Gegenspiel in einer Schwierigkeit, die wiederum Blüher nicht überwinden kann. Er nennt sich einen Antisemiten ohne Haß, sine ira et studio, und er ist es wirklich, aber er erweckt sehr leicht, fast bei jeder Bemerkung, den Verdacht, daß er ein Judenfeind ist, sei es in glücklichem Haß, sei es in unglücklicher Liebe. Diese Schwierigkeiten stehen wie Naturgegebenheiten einander gegenüber und es ist notwendig auf sie aufmerksam zu machen, damit man beim Durchdenken des Buches nicht an diese Irrtümer stößt und sich dadurch von vornherein unfähig macht weiter zu dringen.

Zahlenmäßig, induktiv erfahrungsgemäß kann man nach Blüher das Judentum nicht widerlegen, diese Metode des alten Antisemitismus kann gegenüber dem Judentum nicht aufkommen, alle andern Völker kann man so widerlegen, die Juden das auserwählte Volk nicht, auf alle Einzelvorwürfe der Antisemiten wird der Jude mit Berechtigung einzelweise antworten können. Blüher gibt einen allerdings sehr flüchtigen Überblick solcher Einzelvorwürfe und ihrer Beantwortung.

Diese Erkenntnis ist soweit sie die Juden, nicht soweit sie die andern Völker betrifft, tief und wahr. Blüher zieht aus ihr zwei Folgerungen eine ganze und eine halbe.

Die ganze:

23 VI (1922) Plana

27 VII (1922) Die Angriffe. Gestern Abendspaziergang mit dem Hund. Tvrz Sedlec. Die Kirschallee beim Waldausgang, die fast die Heimlichkeit eines Zimmers erzeugt. Rückkehr von Mann und Frau vom Feld. Das Mädchen in der Stalltür des verfallenden Hofes, ist wie im Kampf mit ihren starken Brüsten, unschuldig-aufmerksamer Tierblick. Der Mann mit Brille, der den Karren mit der schweren Futterlast führt, ältlich, ein wenig verwachsen, trotzdem infolge der Anspannung sehr aufrecht, hohe Stiefel, die Frau mit Sichel, nebenan und hintenher.

26 (August 1922) Zwei Monate nichts eingetragen. Mit Unterbrechungen gute Zeit, verdanke sie O. Seit paar Tagen wieder Zusammenbruch. An seinem ersten Tag eine Art Entdeckung im Wald gemacht

14 XI 22 Abend immer 37'6, 37'7. Sitze beim Schreibtisch, bringe nichts zuwege, komme kaum auf die Gasse. Trotzdem Tartüfferie, über die Krankheit zu klagen.

18 XII (1922) Die ganze Zeit über im Bett. Gestern Ent-weder-Oder

12 VI 23 Die schrecklichen letzten Zeiten, unaufzählbar, fast ununterbrochen. Bergmann, Dobrichowitz, M., P., Spaziergänge, Nächte, Tage, für alles unfähig außer für Schmerzen.

Und doch. Kein "und doch", so ängstlich und gespannt Du mich ansiehst, Krizanowskaja auf der Ansichtskarte vor mir

Immer ängstlicher im Niederschreiben. Es ist begreiflich. Jedes Wort, gewendet in der Hand der Geister – dieser Schwung der Hand ist ihre charakteristische Bewegung – wird zum Spieß, gekehrt gegen den Sprecher. Eine Bemerkung wie diese ganz besonders. Und so ins Unendliche. Der Trost wäre nur: es geschieht ob Du willst oder nicht. Und was Du willst, hilft nur unmerklich wenig. Mehr als Trost ist: Auch Du hast Waffen.


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi