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2017/10/20 - 07:11

Reinschrift des Gruftwächter-Dramenfragments (I, 18)

Kleines Arbeitszimmer, hohes Fenster, davor ein kahler Baumwipfel.

 Fürst (am Schreibtisch im Stuhl zurückgelehnt, aus dem Fenster blickend)

Kammerherr (weißer Vollbart, jugendlich in ein enges Jakett gezwängt, an der Wand neben der Mitteltür)

Pause

Fürst (sich vom Fenster abwendend): Nun?

Kammerherr: Ich kann es nicht empfehlen, Hoheit.

Fürst: Warum?

Kammerherr: Ich kann im Augenblick meine Bedenken nicht genau formulieren. Es ist bei weitem nicht alles, was ich sagen will, wenn ich jetzt nur den allgemein-menschlichen Spruch anführe: Man soll die Toten ruhen lassen.

Fürst: Das ist auch meine Absicht. 

Kammerherr: Dann habe ich es nicht richtig verstanden.

Fürst: So scheint es.

Pause

Fürst: Das Einzige, was Sie in der Sache beirrt, ist vielleicht nur die Sonderbarkeit, daß ich die Anordnung nicht ohne weiters getroffen, sondern vorher Ihnen angekündigt habe.

Kammerherr: Die Ankündigung legt mir allerdings eine größere Verantwortung auf, der zu entsprechen ich mich bemühen muß.

Fürst: Nichts von Verantwortung!

Pause

Fürst: Also nochmals. Bisher wurde die Gruft im Friedrichspark von einem Wächter bewacht, der am Eingang des Parkes ein Häuschen hat, in dem er wohnt. War an diesem Ganzen etwas auszusetzen?

Kammerherr: Gewiß nicht. Die Gruft ist über vierhundert Jahre alt und solange wird sie auch in dieser Weise bewacht.

Fürst: Es könnte ein Mißbrauch sein. Es ist aber kein Mißbrauch? 

Kammerherr: Es ist eine notwendige Einrichtung.

Fürst: Also eine notwendige Einrichtung. Nun bin ich solange hier auf dem Landschloß, bekomme Einblick in Einzelheiten, die bisher Fremden anvertraut waren – sie bewährten sich schlecht und recht – und habe gefunden: Der Wächter oben im Park genügt nicht, es muß vielmehr auch ein Wächter unten in der Gruft wachen. Es wird vielleicht kein angenehmes Amt sein. Aber erfahrungsgemäß finden sich für jeden Posten bereitwillige und geeignete Leute.

Kammerherr: Natürlich wird alles was Hoheit anordnen ausgeführt werden, auch wenn die Notwendigkeit der Anordnung nicht begriffen wird.

Fürst: Notwendigkeit! Ist denn die Wache am Parktor notwendig? Der Friedrichspark ist ein Teil des Schloßparkes, ist von ihm ganz umfaßt, der Schloßpark selbst ist reichlich, sogar militärisch bewacht. Wozu also die besondere Bewachung des Friedrichsparks? Ist sie nicht eine bloße Formalität? Ein freundliches Sterbelager für den armseligen Greis, der dort die Wache besorgt?

Kammerherr: Es ist eine Formalität, aber eine notwendige. Bezeugung der Ehrfurcht vor den großen Toten.

Fürst: Und eine Wache in der Gruft selbst?

Kammerherr: Sie hätte meiner Meinung nach einen polizeilichen Nebensinn, sie wäre wirkliche Bewachung unwirklicher, dem Menschlichen entrückter Dinge.

Fürst: Diese Gruft ist in meiner Familie die Grenze des Menschlichen und an diese Grenze will ich eine Wache stellen. (steht auf) Über die, wie Sie sich ausdrücken, polizeiliche Notwendigkeit dessen können wir den Wächter selbst verhören. Ich habe ihn kommen lassen. (läutet)

Kammerherr: Es ist, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ein verwirrter Greis, schon außer Rand und Band.

Fürst: Ist es so, dann wäre dies nur ein weiterer Beweis für die Notwendigkeit einer Verstärkung der Wache in meinem Sinn.

Diener

Fürst: Der Gruftwächter!

Der Diener führt den Wächter herein, hält ihn unter dem Arm fest, sonst würde er zusammenstürzen. Alte rote weit ihn umschlotternde Festlivree, blankgeputzte Silberknöpfe, verschiedene Ehrenzeichen. Kappe in der Hand. Unter den Blicken der Herren zittert er.

Fürst: Auf das Ruhebett!

Diener legt ihn hin und geht. Pause. Nur leises Röcheln des Wächters.

Fürst (wieder im Lehnstuhl): Hörst Du?

Wächter (bemüht sich zu antworten, kann aber nicht, ist zu erschöpft, sinkt wieder zurück)

Fürst: Suche Dich zu fassen. Wir warten.

Kammerherr: (zum Fürsten gebeugt) Worüber könnte dieser Mann Auskunft geben, und gar glaubwürdige oder wichtige Auskunft. Man sollte ihn eiligst ins Bett bringen.

Wächter: Nicht ins Bett – bin noch kräftig – verhältnismäßig – stelle noch meinen Mann.

Fürst: Es sollte so sein. Du bist ja erst sechzig Jahre alt. Allerdings siehst Du sehr schwach aus.

Wächter: Werde mich gleich erholt haben – gleich erholt.

Fürst: Es war kein Vorwurf. Ich bedauere nur, daß es Dir so schlecht geht. Hast Du über etwas zu klagen? 

Wächter: Schwerer Dienst – schwerer Dienst – klage nicht – aber entkräftet sehr – Ringkämpfe jede Nacht.

Fürst: Was sagst Du? 

Wächter: Schwerer Dienst.

Fürst: Du sagtest noch etwas.

Wächter: Ringkämpfe.

Fürst: Ringkämpfe? Was für Ringkämpfe denn? 

Wächter: Mit den seligen Vorfahren.

Fürst: Das verstehe ich nicht. Hast Du schwere Träume? 

Wächter: Keine Träume – schlafe ja keine Nacht.

Fürst: Dann erzähle also von diesen – diesen Ringkämpfen. 

Wächter (schweigt)

Fürst: Warum schweigt er?

Kammerherr (eilt zum Wächter): Es kann ja jeden Augenblick mit ihm zu Ende sein.

Fürst (steht beim Tisch)

Wächter (als ihn der Kammerherr berührt): Weg, weg, weg! (kämpft mit den Fingern des Kammerherrn, wirft sich dann weinend hin)

Fürst: Wir quälen ihn. 

Kammerherr: Womit?

Fürst: Ich weiß nicht.

Kammerherr: Der Weg ins Schloß, die Vorführung, der Anblick Euerer Hoheit, die Fragestellung – dem allen hat er nicht mehr genug Verstand entgegen zu setzen.

Fürst: (sieht immerfort nach dem Wächter hin) Das ist es nicht. (geht zum Ruhebett, beugt sich zum Wächter, nimmt dessen kleinen Schädel zwischen die Hände) Mußt nicht weinen. Warum weinst Du denn? Wir sind Dir wohlgesinnt. Ich selbst halte Dein Amt nicht für leicht. Gewiß hast Du Dir Verdienste um mein Haus erworben. Also weine nicht mehr und erzähle.

Wächter: Wenn ich mich aber vor dem Herrn dort so fürchte – (sieht den Kammerherrn drohend, nicht furchtsam an)

Fürst: (zum Kammerherrn) Sie müssen fortgehn, wenn er erzählen soll.

Kammerherr: Sehen Sie doch Hoheit, er hat Schaum vor dem Mund, ist schwer krank.

Fürst (zerstreut): Ja, gehen Sie, es dauert nicht lange.

Kammerherr geht.

Fürst (setzt sich auf den Rand des Ruhebettes)

Pause

Fürst: Warum hast Du Dich vor ihm gefürchtet?

Wächter (auffallend gesammelt): Ich habe mich nicht gefürchtet. Vor einem Diener mich fürchten?

Fürst: Er ist kein Diener. Er ist ein Graf, frei und reich.

Wächter: Doch nur ein Diener, Du bist der Herr.

Fürst: Wenn Du es so willst. Du selbst sagtest aber daß Du Dich fürchtest.

Wächter: Dinge vor ihm zu erzählen, die nur Du erfahren sollst. Habe ich nicht schon zu viel vor ihm gesagt?

Fürst: Wir sind also Vertraute und ich habe Dich doch heute zum ersten Mal gesehn.

Wächter: Gesehn zum ersten Mal, aber seit jeher weißt Du, daß ich das (gehobener Zeigefinger) wichtigste Hofamt habe. Du hast es ja auch öffentlich anerkannt, indem Du mir die Medaille "Feuerrot" verliehen hast. Hier! (hebt die Medaille vom Rock)

Fürst: Nein, das ist eine Medaille für fünfundzwanzigjährige Hofdienste. Die hat Dir noch mein Großvater gegeben. Doch werde auch ich Dich auszeichnen.

Wächter: Tue wie es Dir gefällt und der Bedeutung meiner Dienste entspricht. Dreißig Jahre diene ich Dir als Gruftwächter.

Fürst: Nicht mir, meine Regierung dauert kaum ein Jahr.

Wächter (in Gedanken): Dreißig Jahre.

Pause

Wächter (sich halb zu der Bemerkung des Fürsten zurückfindend): Nächte dauern dort Jahre.

Fürst: Aus Deinem Amt kam mir noch kein Bericht. Wie ist der Dienst?

Wächter: Gleichförmig jede Nacht. Jede Nacht nahe bis zum Platzen der Halsadern.

Fürst: Ist es denn nur Nachtdienst? Nachtdienst für Dich Alten?

Wächter: Das ist es eben, Hoheit. Es ist Tagdienst. Ein Faulenzerposten. Man sitzt vor der Haustür und hält im Sonnenschein den Mund offen. Manchmal tappt Dir der Wächterhund mit den Vorderpfoten aufs Knie und legt sich wieder. Das ist die ganze Abwechslung.

Fürst: Also.

Wächter: Aber es ist in Nachtdienst umgewandelt worden.

Fürst: Von wem denn? 

Wächter: Von den Gruftherren.

Fürst: Du kennst sie?

Wächter: Ja.

Fürst: Sie kommen zu Dir?

Wächter: Ja.

Fürst: Auch in der letzten Nacht?

Wächter: Auch.

Fürst: Wie war es?

Wächter: (setzt sich aufrecht) Wie immer.

Fürst (steht auf) 

Wächter: Wie immer. Bis Mitternacht ist Ruhe. Ich liege – verzeih mir – im Bett und rauche die Pfeife. Im Bett nebenan schläft mein Tochterkind. Um Mitternacht klopft es das erste Mal ans Fenster. Ich sehe nach der Uhr. Immer pünktlich. Noch zweimal klopft es, es mischt sich mit den Uhrenschlägen vom Turm und ist nicht schwächer. Das sind nicht menschliche Fingerknöchel. Aber ich kenne das alles und rühre mich nicht. Dann räuspert es sich draußen, es wundert sich, daß ich trotz solchen Klopfens das Fenster nicht öffne. Jede Nacht wundert es sich. Möge sich die fürstliche Hoheit wundern! Noch immer ist der alte Wächter da! (zeigt die Faust)

Fürst: Du drohst mir?

Wächter: (versteht nicht gleich) Nicht Dir. Dem vor dem Fenster!

Fürst: Wer ist es?

Wächter: Er zeigt sich gleich. Mit einem Schlage öffnen sich Fenster und Fensterladen. Knapp habe ich noch Zeit meinem Tochterkind die Decke über das Gesicht zu werfen. Sturm bläst herein, verlöscht das Licht im Nu. Herzog Friedrich! Sein Gesicht mit Bart und Haar erfüllt mein armes Fenster ganz und gar. Wie hat er sich entwickelt in den Jahrhunderten. Wenn er den Mund zum Reden öffnet, weht ihm der Wind den alten Bart zwischen die Zähne und er beißt in ihn.

Fürst: Warte. Du sagst Herzog Friedrich. Welcher Friedrich? 

Wächter: Herzog Friedrich, nur Herzog Friedrich.

Fürst: Er nennt so seinen Namen?

Wächter: (ängstlich) Nein, er nennt ihn nicht.

Fürst: Und trotzdem weißt Du – (abbrechend) Erzähle doch weiter!

Wächter: Soll ich weiter erzählen?

Fürst: Natürlich. Das geht mich ja sehr viel an, es ist hier ein Fehler in der Arbeitsverteilung, Du warst überlastet.

Wächter: (niederkniend) Nicht mir meinen Posten nehmen, Hoheit. Wenn ich so lange für Dich gelebt habe, laß mich jetzt auch für Dich sterben! Laß nicht vor mir das Grab vermauern, zu dem ich strebe. Ich diene gern und habe noch Fähigkeit zu dienen. Eine Audienz wie die heutige, ein Ausruhn beim Herrn gibt mir Kraft für zehn Jahre.

Fürst (setzt ihn wieder auf das Ruhebett): Niemand nimmt Dir Deinen Posten. Wie könnte ich dort Deine Erfahrung entbehren! Ich werde aber noch einen Wächter bestimmen und Du wirst Oberwächter werden.

Wächter: Genüge ich nicht? Habe ich jemals einen durchgelassen?

Fürst: In den Friedrichspark?

Wächter: Nein, aus dem Park. Wer will denn hinein? Bleibt einmal einer vor dem Gitter stehn, winke ich mit der Hand aus dem Fenster und er läuft davon. Aber hinaus, hinaus wollen alle. Nach Mitternacht kannst Du alle Grabesstimmen um mein Haus versammelt sehn. Ich glaube, nur weil sie sich so aneinanderdrängen, fahren sie nicht sämtlich mit allem was sie sind, mir durch das enge Fensterloch herein. Wird es allerdings zu arg, hole ich die Laterne unter dem Bett heraus, schwenke sie hoch und sie reißen sich, unverständliche Wesen, mit Lachen und Jammern auseinander; noch im letzten Busch am Ende des Parkes höre ich sie dann rauschen. Aber bald sammeln sie sich wieder.

Fürst: Und sie sagen ihre Bitte?

Wächter: Zuerst befehlen sie. Herzog Friedrich vor allen. So zuversichtlich sind keine Lebendigen. Seit dreißig Jahren, jede Nacht erwartet er mich diesmal mürbe zu finden.

Fürst: Wenn er seit dreißig Jahren kommt, kann es nicht Herzog Friedrich sein, der erst vor fünfzehn Jahren gestorben ist. Er ist aber der


Revision: 2011/01/08 - 00:18 - © Mauro Nervi